Der letzte Tag

von Luanne
GeschichteAllgemein / P12
Emppu Vuorinen
13.08.2010
13.08.2010
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Hinweis: Alle Informationen bezüglich der Wohnzustände gewisser Bandmitglieder sind reine Spekulationen und entsprechen höchstwahrscheinlich nicht der Wahrheit.

Es war selbst für Finnlands Verhältnisse ein sehr kalter Abend.
Stockdunkel war es draußen zudem. Kein Stern ließ sich am Himmel blicken.
In einem tobenden Gewitter prasselte unaufhörlicher Hagel und Regen an die Fensterscheiben einer Villa, die einsam und verlassen da lag, umringt von Wald und Flur, abseits des kleinen Örtchens Kitee.
Die Villa gehörte einem Mann namens Tuomas Holopainen, seines Zeichens Keyboarder einer beliebten, finnischen Symphonic-Metal-Band namens „Nightwish“. Er behauptete stets, sich nichts aus Geld zu machen, und das sei mal so stehen gelassen, jedenfalls hatte er ein ansehnliches Wohnhaus erstanden und erfreute sich daran.
An jenem kalten Abend saß Tuomas Holopainen, in unzählbar viele Decken gehüllt, auf seinem pseudo-gemütlichen Sofa und bestaunte im Fernsehen einen sinnlosen Streifen mit schlappem Humor. Seine etwas groteske Vorstellung von Entspannung resultierte wahrscheinlich aus dem harten Tour-Alltag, den er vor gut einer Woche mit „Nightwish“ hinter sich gebracht hatte. Lange waren sie auf Tour gewesen; vielleicht etwas zu lange.
Wie er dort so saß und sich gedanklich über die Belanglosigkeit des heutigen Fernsehens mokierte, klingelte es an der Tür. Nach einem verwunderten Blick auf die Uhr im Video-Text, sie zeigte 20:35 Uhr, erhob Tuomas sich schließlich vom Sofa und wand sich ungeschickt aus seinem Decken-Kokon. Noch über die letzte Decke stolpernd betrat er den Hausflur. Er erwartete keinen Besuch, und war somit umso gespannter, als er die Tür öffnete.
Erst registrierte er gar nicht, dass jemand unter dem Vordach seiner Villa stand. Dann wanderte sein Blick weiter nach unten und er bemerkte ein kleines Mädchen, das ihn mit weit geöffneten Augen anstarrte. Sie sah verschreckt aus, angstvoll, hilflos.
„Hallo, Herr“ – das Mädchen erlaubte sich einen kurzen, unauffälligen Blick zum Klingelschild – „Holopainen. Ich…hab mich verlaufen.“
Etwas überfordert sah Tuomas die Kleine an. Ihre Haare und Kleidung waren völlig durchnässt, also entschied er, wenn auch mit Misstrauen, das Mädchen erst einmal herein zu bitten.
Dankend lächelnd betrat sie den Hausflur und sah sich staunend um. „Das ist aber schön hier.“ Sie stapfte mit ihren dreckigen, matschigen Schuhen den Flur entlang und spähte in die einzelnen Räume des Erdgeschosses. Tuomas folgte ihr mit einer unwahrscheinlichen Vorfreude auf die Putzaktion, die es kosten würde, die Schlamm- und Matschflecken vom Boden wieder zu trennen.
Als das Mädchen an der Küche angekommen war schob der Keyboarder sie schnell hinein und bedeutete ihr, sich an den Tisch zu setzen. Dann griff er sich das Telefon – den Grund warum es in der Küche seinen Platz hatte, hatte er verdrängt – und sah den ungebetenen Gast fragend an. „Wie ist denn die Telefonnummer deiner Eltern?“, fragte er vorsichtig.
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht.“ Das Staunen in ihrem Gesichtsausdruck war einem erneuten Anflug von Angst gewichen. Tuomas hatte keinen Plan, was er tun sollte. Seufzend legte er das Telefon beiseite.
„Magst du Kakao?“ Ohne eine Antwort abzuwarten öffnete er den Kühlschrank und holte Milch heraus. „Wenn du Glück hast, hab ich sogar noch welchen.“ Er kramte in einem Vorratsschrank herum und fand tatsächlich noch einen Rest Kakaopulver.
Schweigend beobachtete das Mädchen, wie Tuomas die Milch in einem Topf anwärmte, das Kakaopulver in gehäuften Löffeln in einer Tasse dazugab und ihr das Gesamtwerk schließlich hinstellte.
„Herr Holopainen?“ Das Mädchen schüttelte abermals den Kopf.
„Ja?“ Unsicher sah Tuomas sie an. Hatte er etwas falsch gemacht?
„Ich hab eine Laktoseunverträglichkeit“, erklärte die Kleine bedauernd.
Tuomas seufzte erneut, nahm die Tasse und kippte den schönen, warmen Kakao in den Abfluss. Er hatte Mühe, dem Mädchen nicht den Hals umzudrehen.
„Magst du vielleicht Tee?“, fragte er stattdessen.
Das Mädchen nickte nur.
Kurze Zeit später saßen die beiden ungleichen Menschen sich schweigend gegenüber und schlürften Tee beziehungsweise Kaffee.
Der Keyboarder hatte seinem ungebetenen Gast eine Decke gegeben, damit sie nicht fror.
Sie tranken in kurzen, bedächtigen Schlucken und würdigten einander nicht eines Blickes.
Irgendwann brach das Mädchen jedoch das Schweigen. „Herr Holopainen?“
Tuomas sah von seinem Kaffee auf. „Ja?“
„Wo ist zu Hause?“, fragte die Kleine.
„Ich weiß leider nicht, wo du wohnst“, erwiderte Tuomas und überlegte krampfhaft, wie er sie wieder loswerden konnte.
„Das hab ich auch nicht gefragt.“ Damit wandte sich das Mädchen wieder ihrer Tasse Tee zu, die sie schon fast vollständig geleert hatte.
Tuomas stutzte. Was die Kleine gesagt hatte, gab ihm zu denken. Er schüttelte zwei-, dreimal den Kopf, dann leerte auch er seine Tasse.
Er stand auf, nahm die beiden Behälter und stellte sie in seine Spülmaschine. „Und du weißt wirklich nicht, wie wir deine Eltern erreichen könnten?“
„Nein.“ Das kleine Mädchen sah betreten zu Boden. Sie wirkte, als fühle sie sich schuldig.
Tuomas setzte sich zurück an seinen Platz. „Wie heißt du überhaupt?“
Das Mädchen sah wieder auf. „Tarja“, sagte sie vorsichtig.
Tuomas weitete die Augen. „Hast du irgendeinen Spitznamen, mit dem ich dich anreden kann?“, fragte er, fast schon verzweifelt.
„Nein.“ Verwundert sah die Kleine ihn an. „Wieso? Kennen Sie etwa noch eine, die Tarja heißt?“
„Eine ehemalige Freundin“, erzählte der Keyboarder zögerlich.
„Wieso ehemalig?“ Nun war Tarja doch neugierig. „Haben Sie sich gestritten?“
Tuomas stierte die Tischplatte an. „So könnte man das nennen.“
Schweigen.
„Herr Holopainen?“ – „Ja?“ – „Streiten ist doof.“
Tuomas nickte. Ja, Streiten war wirklich doof.
„Vertragen Sie sich wieder“, befahl die Kleine.
Traurig lächelte er sie an. Wenn das nur so einfach wäre.
Sein Blick fiel, an seinem ungebetenen Gast vorbeigehend, auf das Telefonbuch, das passenderweise neben dem Telefon auf der Theke lag. Wieso war er da nicht früher drauf gekommen?
„Tarja“ – er mochte es nicht, diesen Namen auszusprechen – „sag mal, wie heißt du denn mit vollem Namen?“
Tarja überlegte kurz. „Ich bin müde“, sagte sie schließlich.
Tuomas sah auf die Küchenuhr. Spät war es geworden. Wahrscheinlich war es für so ein kleines Mädchen schon sehr spät. Es war wohl besser, sie erst einmal schlafen zu lassen. Am nächsten Tag würde Tarja bestimmt wieder nach Hause finden. Und in der Dunkelheit war es sowieso zu riskant, draußen herumzuirren.
Tuomas erhob sich von seinem Stuhl und führte das kleine Mädchen zum Gästezimmer im ersten Stock. „Hier kannst du schlafen.“
Tarja beäugte den Raum kritisch. Langsam ging sie auf das Doppelbett zu, das bisher nur selten Verwendung gefunden hatte.
„Brauchst du einen Schlafanzug?“ Das war eine sehr dämliche Frage, wie Tuomas feststellte, denn er hatte garantiert keinen Schlafanzug in Tarjas Größe.
Das Mädchen schüttelte den Kopf und ließ sich auf das Bett fallen.
„Herr Holopainen?“ – „Ja?“ – „Ist es schlimm, dass ich hier schlafe?“ – „Nein.“
„Herr Holopainen?“ – „Ja?“ – „Gibt es hier Geister?“ – „Nein.“
„Herr Holopainen?“ – „Ja, was ist denn?“ – „Gibt es hier Löwen?“ – „Nein, verdammt!“
„Herr Holopainen?“ – „Jaha?!“ – „Sie gehen doch nicht aus dem Haus, oder?“ – „Nein, natürlich geh ich nicht aus dem Haus!“
„Herr Holopainen?“ – „Du meine Güte, ja was ist?“ – „Danke.“
So sehr Tuomas auch von dem kleinen Mädchen genervt war, er musste unweigerlich lächeln.
„Gute Nacht“, sagte er abschließend, schloss die Tür und ließ das Mädchen alleine.
Im Wohnzimmer angekommen bestätigte sich seine Befürchtung: Der Film hatte seit ein paar Minuten geendet. Trotzdem ließ er sich seufzend wieder auf seinem Sofa nieder und sah sich etwas anderes an.
Dieses Mädchen war vielleicht nervig, aber immerhin eine willkommene Abwechslung zum normalen Alltag. Gewohnheit tötete alles.
Er fragte sich, wie alt die Kleine wohl war. Sieben? Acht? Er wusste es nicht und schenkte seine Aufmerksamkeit wieder ganz der Flimmerkiste.

Unbestimmte Zeit später öffnete sich die Wohnzimmertür einen Spalt und Tarja huschte herein. „Herr Holopainen?“
Schnell griff Tuomas zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus, um der Kleinen das blutige Gemetzel zu ersparen. „Ja?“
„Ich kann nicht schlafen.“ Wie schon oft blickte Tarja betreten zu Boden.
Und wie schon oft sah der Keyboarder sie unsicher an.
Vorsichtig hob sie den Kopf wieder. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Nein“, erwiderte Tuomas entschieden, doch Tarjas trauriger, hilfesuchender Blick veranlasste ihn dazu, schnell „doch“ zu sagen.
Dankbar lächelnd setzte die Kleine sich ebenfalls auf das Sofa.
„Haben Sie ferngesehen?“, wollte Tarja wissen.
Tuomas nickte.
„Wahrscheinlich darf ich das noch nicht gucken, was Sie geguckt haben“, vermutete sie.
Tuomas nickte abermals.
„Das kenn ich von meinen Eltern“, erzählte Tarja. „Die gucken auch immer Sachen, die ich noch nicht gucken darf. Ich glaube, sie wollen damit angeben.“
Darüber musste der Keyboarder lachen. „Wahrscheinlich wollen sie das.“
Das Mädchen sah zu ihm hoch. „Gucken Sie auch Sachen, die ich auch gucken darf?“
Tuomas überlegte. „Was guckst du denn gerne?“
Tarja lächelte. „Ich mag Disney.“
Das war sehr wahrscheinlich für ein kleines Mädchen. „Ich auch“, meinte Tuomas.
Die Kleine seufzte. „Ich kenn den Trick. Sowas sagen Erwachsene, um eine Nähe zu den Kindern herzustellen. In Wahrheit finden die das dann aber doof und albern und kindisch.“
Verwundert und etwas vor den Kopf gestoßen schüttelte der Keyboarder den Kopf. „Nein, ich mag wirklich Disney. Ich beweis es dir.“ Er stand auf und verließ das Wohnzimmer. Wenig später kam er vollbepackt mit einem Bruchteil seiner Disney-Sammlung wieder und lud sie auf dem Couchtisch ab.
Tarja machte große Augen und stieß ein lautes „Boah“ hervor.
Tuomas lächelte mit einem sehr kindischen Stolz und bat seinen Gast, sich etwas auszusuchen.
Ihre Wahl fiel ausgerechnet auf „Die Schöne und das Biest“.
So saßen die beiden Disney-Fans gebannt vor dem Fernseher und schauten sich zusammen den alten Märchen-Klassiker an.
Dass es gerade Tuomas’ Lieblingsdisneystreifen getroffen hatte wunderte aber freute den Keyboarder.
Nach 90 Minuten geballtem Kitsch schaltete er den Fernseher erneut aus und beäugte das kleine Mädchen, das eng an ihn gekuschelt neben ihm lag, kritisch.
„Schläfst du?“, fragte er.
„Nein“, erwiderte Tarja. „Der Film ist schön.“
Tuomas nickte. „Schön“ war eine sehr einfache, aber treffende Umschreibung.
Schweigen.
„Herr Holopainen?“ – „Ja?“ – „Sind Sie arbeitslos?“
Schon zum zweiten Mal an diesem Abend musste der Keyboarder lachen. „Nein“, erwiderte er.
„Stimmt.“ Tarja nickte. „Sonst könnten Sie sich ja nicht so ein fettes Haus leisten…was machen Sie denn als Beruf?“
„Ich spiele Keyboard.“ – Immerhin die Halbwahrheit.
„Was ist das?“, wollte die Kleine wissen.
„Das ist ein Instrument“, erklärte Tuomas, „ähnlich einem Klavier. Ich spiele in einer Band.“
Tarja riss die Augen vor Bewunderung weit auf. „Dann sind Sie ja ein Rockstar! Was machen Sie denn für Musik?“
„Hmm…“ Das wüsste der Keyboarder selbst gerne. „Heavy Metal?“
„Oh.“ Betroffen klopfte die Kleine Tuomas auf die Schulter. „Tut mir leid.“
Aufgrund des großen „What the fuck?“ in seinen Gedanken ließ er das einfach mal so stehen.
Schweigen.
„Herr Holopainen?“ – „Ja?“ – „Ist Ihre Band berühmt?“ – „Ja.“ – „Cool.“
Schweigen.
Langes Schweigen.
So langes Schweigen, dass Tuomas glaubte, Tarja sei endlich eingeschlafen.
Das war nur Wunschdenken.
„Herr Holopainen?“ Diesmal hatte ihre Frage nicht diesen quengelnden Unterton, an den sich der Keyboarder schon fast gewöhnt hätte. Sie klang eher traurig oder nachdenklich.
„Ja?“ Fast schon liebevoll sah Tuomas auf die Kleine herab und ertappte sich bei dem Wunsch, sie trösten zu wollen.
„Papa ist doof; ich will dass Sie mein Papa sind“, murmelte Tarja.
Tuomas fühlte sich überrumpelt. Damit hatte er so gar nicht gerechnet. „Unsinn“, sagte er harsch und stieß das Mädchen ein bisschen von sich weg.
Daraufhin begann sie zu schluchzen und tausende von Tränen rollten ihre Wangen hinab.
Sogleich tat dem Keyboarder sein Verhalten leid. „Scheiße.“ Er zog Tarja wieder zu sich und fühlte schnell, wie sein Pullover an der rechten Seite nass wurde und rotzige Flecken bekam, was ihn spontan zu dem Entschluss kommen ließ, Wohltäter zu werden und in Kitee nach einer Stelle für Kleiderspende zu suchen.
„Ich meinte nur“, versuchte er, wieder Kontakt zu Tarja aufzunehmen, „dass dein Vater dich doch lieb hat und ihr doch eine Familie seid.“
„Aber, aber, aber…“ Sie startete mehrere Versuche, einen Satz zu beginnen, doch durch den Überschuss an Tränen hatte sie nur begrenzte Atemmöglichkeiten und so musste sie sich erst mal ausheulen. Tuomas wartete geduldig.
„Aber wenn man jemanden lieb hat“ – Tarja schluckte – „dann tut man ihm doch nicht weh, oder?“
„Dein Vater tut dir weh?“ Völlig perplex sah der Keyboarder das kleine, an ihm krallende Häufchen Elend an.
„Naja, wissen Sie“ – „Weißt du. Ich heiße Tuomas.“
„Aha.“ Tarja nickte. „Also weißt du, manchmal, da trinkt Papa Bier. Und wenn der Papa Bier trinkt, dann trinkt der viel Bier. Und wenn der viel Bier trinkt, dann sagt der manchmal gemeine Sachen zu Mama. Dann sagt die Mama auch gemeine Sachen zu Papa. Und dann schlägt der Papa die Mama. Die Mama ist dann ganz traurig und ich bin es auch. Ich sag dann zu Papa, dass er sich nicht mit Mama streiten soll. Und dann schlägt Papa meistens auch mich.“
„Das ist schrecklich.“ Tuomas seufzte und dachte daran, dass er selbst immer Unmengen an Bier konsumierte. Er fürchtete sich davor, dass ihm auch einmal die Hand ausrutschte. Gut, dass er alleine lebte.
„Mama traut sich nicht, zur Polizei zu gehen“, fuhr Tarja fort. „Ich trau mich schon, aber wäre das nicht gemein für Papa? Ich mag ihn doch aber er mag uns ja nicht.“
„Natürlich mag dein Vater dich und deine Mutter“, versuchte Tuomas, auf die Kleine einzureden. Er wusste nicht, was er hätte sonst sagen sollen.
„Meinst du, er hört irgendwann damit auf?“ Tarja sah zu ihm hoch.
Der Keyboarder schüttelte den Kopf. Tarjas Vater würde nicht aufhören. „Wie wäre es mit einer Alkoholtherapie?“ Dass er dieses Wort kannte, schockte ihn selbst.
„Was ist das?“, wollte die Kleine wissen.
„Das hilft deinem Vater, kein Bier mehr zu trinken“, erklärte Tuomas mit Bedacht auf die richtigen Worte.
„Es gibt immer eine Lösung, oder?“, fragte Tarja.
„Ja.“ Diese Bejahung fühlte sich falsch an. Es war Tuomas, als verbarg Tarja noch irgendetwas und es war ihm mehr als offensichtlich, dass Tarja von zu Hause geflüchtet war. „Wie dem auch sei, Tarja. Vergiss am besten ganz schnell den Gedanken an mich als dein Vater. Ich bin kein guter Vater.“
Soweit der Keyboarder es sehen konnte, lächelte die Kleine schwach. „Ich geh wieder zurück ins Gästezimmer. Ich glaube, jetzt kann ich schlafen.“
Tuomas nickte und ließ Tarja gehen. Er selbst blieb noch lange auf dem Sofa sitzen und schlief letztendlich dort ein.

„Tuomas? Ich hab Angst…“ Tarjas Stimme hallte nach seinem Erwachen noch lange in seinem Kopf. Er hatte von ihr geträumt, wie sie draußen an der Hausmauer kauerte und immer wieder „Tuomas, ich hab Angst“ sagte. Tuomas wusste nicht, wie er ihr hätte helfen sollen. Er wollte es auch nicht; fühlte sich nicht zuständig für sie. Wies sie von sich. Er fing wieder an, sich selbst zu hassen.
Schlaftrunken taumelte er die Treppe hoch zum Gästezimmer, um zu sehen, dass alles mit Tarja in Ordnung war. Anstelle von einem kleinen, friedlich schlummernden Mädchen fand er in dem Gästebett nur einen Zettel.
„Tarja?“, rief er in die Leere des Raumes hinein. Keine Antwort. Er nahm sich den Zettel und sah als aller erstes draußen an der Hausmauer nach ihr. Natürlich fand er sie dort nicht. Er war ein Poet und kein Hellseher.
Seufzend ging er in die Küche, machte sich einen Kaffee, setzte sich an den Tisch und las, was Tarja auf den Zettel in einer wundervoll kindlichen, krakeligen Schrift geschrieben hatte. Stift und Zettel hatte sie wahrscheinlich in seinem Arbeitszimmer gefunden.
Nach dem ersten Lesen war Tuomas schwer geschockt. Er las den Brief immer und immer wieder und konnte seinen Inhalt nicht fassen.

Lieber Tuomas.
Danke, dass ich bei dir übernachten durfte. Du bist netter, als ich gedacht hatte.
Ich kannte „Nightwish“, deine Band, schon vorher und bin richtig Fan. Eure Musik ist voll cool, auch wenn es Heavy Metal ist.
Ich wollte euch (naja, eigentlich eher nur dich; du schreibst ja die Songs und so) seit ich „Nightwish“ vor drei Monaten entdeckt habe, unbedingt kennenlernen. Das hab ich ja jetzt.
Ich wollte nur nicht wie ein lästiges Fan-Girl wirken, deshalb hab ich so getan, als würde ich dich nicht kennen.
Weißt du, ich habe Krebs und werde sehr, sehr bald sterben.
Ich will meine letzten Tage nicht in einem Krankenhaus verbringen.
Ich wollte nach Hause, aber mein Papa trinkt so viel Bier und schlägt meine Mama so oft.
Zu Hause fühlt sich nicht an wie zu Hause.
Also bin ich von dort, wo ich wohne, abgehauen.
Irgendwann ist mir wieder eingefallen, dass es dich ja gibt und dass du ja auch hier in der Nähe wohnst.
Also hab ich nach deinem Haus gesucht und es auch gefunden.
Jetzt hab ich wenigstens mal mit dir gesprochen, bevor ich sterbe. Das hat mir wirklich geholfen.Ich hab dich lieb. Ich habe keine Angst mehr.
Ich freue mich auf das Paradies. Da gibt es keine schlagenden Papas und weinenden Mamas. Nie mehr.
Tu mir nur bitte einen Gefallen und vertrag dich wieder mit deiner Tarja. Sie muss ja nicht gleich zurück zu „Nightwish“ (Anette singt auch voll schön). Bitte. Es ist total doof, wenn Menschen sich streiten. Es gibt doch immer eine Lösung.
Nur für den Tod, da gibt es keine Lösung.
Tarja

„Scheiße“, murmelte der Keyboarder immer wieder, „scheiße, scheiße, scheiße!“
Er stand auf und rannte durch das Haus.
„Tarja?“, schrie er immer wieder. „Tarja, wo bist du?“
Überall sah er nach, unter jedem Tisch, unter jedem Bett, in jedem Schrank, immer mit der verzweifelten Hoffnung, die Kleine zu finden.
Indes parkte Marco, Bassist von „Nightwish“, sein Auto im Hof der Villa. Er und Emppu, Gitarrist von „Nightwish“, hatten sich für diesen Tag vorgenommen, Tuomas mit einem Besuch zu überraschen. Dass sie sehr ungelegen kamen, ahnten sie nicht.
„Nicht klingeln!“, zischte Emppu, als Marco gerade seinen Zeigefinger auf dem Klingelknopf platziert hatte. Emppu presste sein Ohr gegen die Tür. „Der schreit herum.“
Verwundert sah Marco seinen Bandkollegen an, dann hielt auch er sein Ohr an die Tür und lauschte. „Du hast Recht“, stellte er fest. „Was schreit er denn da?“
„Hört sich an wie Tarja“, fand Emppu. Wieder gab der Bassist ihm Recht.  „Wieso schreit er denn nach Tarja?“
Die beiden Männer zuckten ratlos die Schultern und noch bevor sich Marco wieder der Klingel zuwenden konnte, flog die Haustür auf und sie bekamen einen panischen Tuomas zu sehen.
Ohne jede Begrüßung fragte dieser gleich: „Habt ihr Tarja gesehen?“
„Ich glaube, sie war letztens auf einem Magazin abgebildet…“, erinnerte sich Emppu.
„Nicht die Tarja.“ Tuomas seufzte und versuchte, seinen Puls wieder einigermaßen herunterzuschrauben. „Ein kleines Mädchen. Sie hat schwarze Haare und trägt ein weißes Kleid.“
„Hab ich was verpasst?“, fragte Marco.
„Erzähl ich euch später; ich muss erst Tarja finden!“ Wie ein Besessener rannte Tuomas auf den Wald zu und ließ seine verdatterten Bandkollegen stehen.
Der Keyboarder wusste zwar nicht, ob er überhaupt in die richtige Richtung lief, aber er hatte eine seltsam unangenehme Ahnung, die sich bestätigte, als er zwischen den vielen Bäumen etwas Weißes aufblitzen sah.
Schnell hastete er an die Stelle und fand Tarja regungslos am Boden liegend. Ihr Kleid war an manchen Stellen blutverschmiert. Sie hatte eine große Wunde am Kopf. Anscheinend war sie hingefallen und hatte sich den Kopf an einem Stein aufgeschlagen. Vielleicht hatte sie sich an die Wunde gefasst und ihre Hände am Kleid abgewischt?
Alle lästigen Gedanken zur Seite wischend hob Tuomas die Kleine auf und trug sie schnell zu Emppu und Marco.
„Ich hab sie gefunden!“, rief er schon, als er seine Freunde von Weitem sah. „Schnell, ruft einen Krankenwagen!“
Marco tat, wie ihm geheißen und bald fanden sich alle drei „Nightwish“-Mitglieder im Warteflur eines Krankenhauses, während die Ärzte versuchten, Tarja zu retten.
Tuomas erzählte seinen Kollegen, was geschehen war und diese lauschten gespannt.
Er zeigte ihnen den Brief des kleinen Mädchens, den er mitgenommen hatte.
Emppu und Marco machten betroffene Gesichter. Sie wussten nicht wirklich, was sie dazu sagen sollten.
„Hat…hat einer von euch die Telefonnummer von unserer Tarja noch gespeichert?“, fragte Tuomas schließlich.
Wortlos reichte Emppu ihm sein Handy.
Tuomas nahm es dankend entgegen und ging nach draußen in den Hof des Krankenhauses.
Weniger wegen der Vorschrift, in Krankenhäusern nicht telefonieren zu dürfen; eher, weil er rauchen wollte.
Es tutete. Insgeheim hoffte er, dass Tarja Turunen nicht zu erreichen war. Eine Mailbox um ein Treffen zu bitten schien wesentlich einfacher.
„Thank you for calling. There is no one to answer your call now. Please leave a message after the beep.”
Tuomas seufzte. „Tarja, hier ist Tuomas. Wir wollen…wir müssen mit dir reden. Emppu, Marco, ich. Jukka auch, glaub ich. Jedenfalls wäre es schön wenn…wenn du dich zurückmelden würdest. Danke.“ Er legte auf und hätte sich am liebsten auf der Stelle geohrfeigt. Es hätte tausend bessere Wege gegeben, dieses Band zu besprechen.
Über sich selbst den Kopf schüttelnd ging Tuomas zurück zu Emppu und Marco. „Mailbox“, brummte er kurz.
Eine ewig scheinende Zeit später kam eine Krankenschwester aus dem Operationssaal.
„Herr Holopainen?“ Sie sah sich zwischen den drei Männern um.
„Ja?“ Tuomas sah sie mit dieser altbekannten Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung an.
Die Krankenschwester holte tief Luft. „Herr Holopainen; ihre Tochter ist tot.“
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