Narn giliathon

von Nairalin
GeschichteDrama, Mystery / P18 Slash
Aegnor Curufin Elrond Finrod Felagund Finwe Olwë
10.08.2010
07.08.2018
53
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Huhu,

hier nun die korrigierte Version :D Die wundervolle renawitch hilft mir dabei, die Narn nochmals zu korrigieren und besser zu machen. Vielen Dank dafür!!

In Between Worlds


Ich wusste nicht, wie ich mein Gefühl deuten sollte. Ein leichtes Ziehen im Solarplexus und ein nervöses Flattern im Magen ließen mich vor Unruhe in der Wohnung auf und ab gehen. Die Sonne ging gerade unter, tauchte alles in rotes Licht. Rot wie Blut, schoss es mir durch den Kopf. Ich stand vor meinem Schreibtisch, auf dem vollgeschriebene Blätter und Unterlagen für mein Studium lagen, die mir in den unterschiedlichsten Farben entgegen leuchteten. Auch ein Bild meiner Familie stand dort, sowie einige verschiedenfarbige Tintenfässer und Federn. Ich hatte seit jeher ein Faible für alles Schöne, Elegante und Verschnörkelte, und aus eben diesem Grund war Kalligraphie eines meiner Hobbies. Zu den meist benutzten Dingen gehörten auch meine venezianischen Glasfedern, die ich in mehreren Farben besaß.

Seufzend nahm ich das Bild meiner Familie in die Hand und betrachtete es. Meine Schwester und ich saßen grinsend im Gras, während unsere Eltern hinter uns Platz genommen hatten.  Im Hintergrund unser rotes Ahornbäumchen und unser Haus. Das Foto war letzten Sommer aufgenommen worden, von wem wusste ich allerdings nicht mehr. Meine Augen funkelten vergnügt, auch aus dem Grund, weil meine Schwester hinter mir Hasenohren machte.

Ich stellte das Bild wieder zurück und betrachtete mein persönliches Chaos. Meine Wenigkeit war ziemlich chaotisch, zerstreut und ziemlich oft auch ungeduldig, weswegen ich teilweise Dinge rausgerissen hatte und diese jetzt herumlagen. Nicht ohne Grund hing „Zentrum für Chaosforschung – Nicht aufräumen!“ an meiner Zimmertür, was noch jedes Mal für Erheiterung sorgte.

Etwas worüber sich meine Mutter oft aufregte. Heute aber nicht. Irgendetwas war anders als sonst. Aus einem mir unbekannten Grund hatte ich das Gefühl mich verabschieden zu müssen. Ich fühlte mich wie vor… einer Odyssee.  Aber vielleicht täuschte ich mich auch nur und meine Albträume brachten mich durcheinander.

Es begann wie jeden Abend seit knapp drei Monaten. Ab fünf Uhr nachmittags wurde ich rastlos, ich konnte kaum ruhig sitzen bleiben. Es half nichts, was ich auch ausprobierte. Und je näher der Sonnenuntergang rückte desto nervöser wurde ich. Da meine kleine Schwester und meine Mutter zum Kaffeetrinken hier waren, war die Küche dementsprechend vollgeräumt. Mit erzwungener Ruhe räumte ich das schmutzige Geschirr in den Geschirrspüler und schaltete die Maschine ein. Als ich auf die Uhr sah war es bereits dreiviertel neun, wie ich erschrocken feststellen musste.

Müde nahm ich meine Jacke vom Stuhl und schlurfte mehr, als dass ich ging, erst in mein Schlafzimmer und dann ins Bad. Mein erster Blick galt dem Spiegel, in dem mich – oh Freude! - ein bleiches Gesicht begrüßte. Leider kaschierte die silbrige Fläche über dem Waschbecken nichts von den Strapazen, die mich langsam begannen zu zeichnen. Blass, dünn und mit Schatten unter meinen Augen. Es war nicht so, dass mein Studium mich extrem forderte, im Gegenteil Psychologie war schon in der Schule mein Lieblingsfach gewesen und ich spielte mich fast schon. Es war eher der Fakt, dass mir mein Schlaf keinerlei Erholung mehr schenkte und ich jede Nacht denselben Albtraum träumte. Ich hatte mich nie als sonderlich empfindlich eingeschätzt, was Gewaltszenen, Blut und Ähnliches anbelangt. Sicher, ich hatte mich in Biologie nie daran beteiligt, wenn wir irgendwelche Tiere seziert hatten. Mir wurde davon allein beim Gedanken daran ein Tier – egal um was es sich handelte – aufzuschneiden, die Innereien herauszuziehen und dann zu betrachten schlecht. Nur meine Träume waren derart realistisch, dass ich teilweise das Gefühl hatte die Wärme des Blutes auf meinen Händen zu spüren.

Bislang hatte ich nicht mal den Schimmer einer Ahnung gehabt, dass Träume so realistisch sein konnten.  Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken, wenn ich daran dachte, was sich selbst bei Tag meiner bemächtigte. Immer wieder tauchte vor meinem inneren Auge ein Schlachtfeld auf, das Blut und diese schwarzen Kreaturen.  Diese Wesen jagten mir Angst ein, auch wenn ich wusste, dass sie nicht existieren konnten. Ich war heilfroh, dass es nur wenige in dem Traum und diese Exemplare tot waren. Sie waren sehr viel Größer als ich – drei Köpfe langten bei Weitem nicht – und sie waren abscheulich groteske Parodien zu Kriegern, die ich ebenso sah. Peter Jacksons Orks waren Naturschönheiten dagegen.

Zudem beschlich mich seit diesem Traum eine dunkle Vorahnung, jedes Mal wenn ich in den Spiegel sah. Einem Schatten gleich bemächtigte sich diese meiner und die silbrige Fläche wurde zu einem Fenster zu einer anderen Welt, ließ die Gestalten meines Albtraums aufleben. Es war nicht mehr als ein Unwohlsein und trotzdem…

Unwirsch strich ich mir das Haar aus meinem Gesicht, um die Gedanken zu vertreiben. Es hatte eine bescheidene Länge, zu kurz, um es zusammenzufassen, und dennoch zu lang, sodass es störte. Ein weiterer Seufzer kam über meine Lippen. Beinahe schon mechanisch begann ich mich abzuschminken und mein Gesicht zu waschen. Ohne es noch wirklich mitzubekommen hielt ich den Waschhandschuh unter das fließende Wasser. Wieder schaute ich in den Spiegel. Mein sechster Sinn schlug Alarm, obwohl ich nicht wusste, weshalb. Seit diesem Traum geschah dies immer, wenn ich in den Spiegel blickte. Normalerweise konnte ich auf mein Gefühl vertrauen, nur jetzt nicht mehr. Es geschah nichts, was es bestätigen würde.

Heute aber – ich spürte es deutlich – war etwas anders.

Die Unruhe ließ mein Innerstes erzittern. Vielleicht war es auch nur das Flackern der neuen Glühbirnen über dem Spiegel und meine sprudelnde Fantasie, welche mir einen Streich spielten. Ich wusste der Traum konnte nur ein Produkt meines Verstandes sein, da ich wenige Tage davor „Das Silmarillion“ ein zweites Mal ausgelesen hatte und ich mir so den Fall von Curufin Feanorion vorstellen würde. Doch warum wurde ich dann so nervös?

Immer mehr kreisten meine Gedanken um den Traum, der nicht von mir ließ, mich an sich fesselte und seine scharfen beängstigenden Krallen in mein Bewusstsein schlug. Je mehr ich mich wehrte, bettelte, ja flehte, desto mehr verkrallte er sich und zeigte mir die verhassten und erschreckenden Bilder von den Toten in dem unterirdischen Gewölbe. Bäume und Sträucher wuchsen darin, Juwelen steckten in den Wänden und ein Bach – rot vom Blut der Gefallenen – suchte sich seinen Weg durch diesen Palast. Kämpfende, nur anhand der Kleidung zu unterscheiden, schlugen aufeinander ein.

Gänsehaut überzog meine Arme und ich versuchte die Bilder durch ein Kopfschütteln zu vertreiben.  Zittrig nahm ich die Zahnbürste und drückte die Zahnpasta darauf. Ich putzte schnell meine Zähne, um dann meine Haarpracht zu kämmen. Danach betrachtete ich wieder mein Gesicht und vor allem meine Augen. Ich erinnerte mich wie sie vor einem halben Jahr noch vergnügt, lebendig, weltfremd und ungezeichnet gefunkelt hatten. Kein Schmerz, keine Angst hatte seine Spuren hinterlassen. Doch jetzt….

Dunkle Murmeln schauten mich an, musterten mich misstrauisch, nicht sicher, ob ich Freund oder Feind war. Sie waren nicht mehr klar und durchdringend, sondern dunkel und erschöpft. Ein Wissen schien in ihnen zu stehen, welches ich bislang nur von meinen Großeltern kannte, die im zweiten Weltkrieg gekämpft hatten. Denn anders war es mir nicht mehr möglich zu beschreiben, was ich in meinen Augen sah.

Durch das Wissen in meinen Augen wanderten meine Gedanken zu den Bildern, die mich quälten. Je mehr ich mich auf den Traum konzentrierte, umso detaillierter wurde er. Nicht nur schöne Details, wie eine Baumwurzel, die als Bank diente. Nein… es waren Details, wie die Wunden der Gefallenen, der gebrochenen Blick in den toten Augen, das Blut an den Wänden. Diese Details waren es, die mir Albträume bescherten, mich nicht mehr schlafen ließen und Spuren in meinem Gesicht hinterließen.

Besonders dieser eine Mann mit den smaragdenen Augen, der von Pfeilen und einem Schwertstreich ins Jenseits befördert wurde, machte es mir unmöglich ruhig zu bleiben. Im Gegensatz zu all den anderen sah er mir direkt in die Augen. Die Pupillen entsetzt geweitet, noch deutend ich solle verschwinden.

Die Schatten unter meinen Augen wurden dadurch immer dunkler und ich selbst immer erschöpfter. Meiner Familie war es schon nach zwei Wochen aufgefallen, selbst meinem ansonsten unaufmerksamen Freund. Ich wusste jetzt schon länger, dass ich ihn nicht mehr liebte, bedingt durch seinen Job, sowie auch die geringe Zeit, die wir miteinander verbrachten, und seine Unaufmerksamkeit und … ja, Stumpfsinnigkeit mir gegenüber. Wir hatten uns auseinander gelebt. Seufzend strich ich mir eine Strähne aus dem Gesicht und betrachtete das schmale Antlitz.

Es war so schwer, ohne seine Unterstützung. Ich hatte mir so viel mehr erwartet, ich hatte mich nach einem seelischen Zuhause gesehnt und musste nun feststellen, dass alles nur eine Illusion war. Frustriert starrte ich mein Spiegelbild an und streckte ihm die Zunge heraus.

Danach ging ich ins Bett, zog vorher noch ein Nachthemd an und steckte mir die Kopfhörer meines MP3-Players ins Ohr. Die sanften Klänge des Pianos und der Violine beruhigten meine strapazierten Nerven. Ich spielte weder das eine noch das andere Instrument, aber seit ich ihren Klang zum ersten Mal gehört hatte, war ich fasziniert. Ich erinnerte mich, wie gern ich selbst gerade die Violine erlernt hätte, es aber dann am Geld gemangelt hatte – wie bei so vielem.

Ich lauschte und ließ mich berieseln. Je mehr ich wegdämmerte, desto irrealer wurde die Umgebung. Zelte standen um mich herum, während ich einen Hügel hinabsah. Menschen liefen durch das Lager, brachten Waffen und Säcke mit Lebensmitteln. Der Wind fuhr durch mein Haar. Und dann… dann sah ich ihn. Das dunkle Haar zu einem Zopf zusammengefasst, ein grünes Hemd betonte seine einzigartigen Augen – Augen, die lebendig, aber ernst wirkten. Er war nicht verletzt, so wie in meinem Traum. Fasziniert beobachtete ich, wie er sich fast katzenhaft bewegte und wie ein majestätisches Raubtier alles im Auge behielt. Ich seufzte beinahe sehnsüchtig bei dem Anblick, den er bot. Wie könnte ich auch nicht?

Blitzschnell drehte er sich mir zu und blickte in meine Augen. Überrascht weiteten sich die seinen, die einzige Regung, die sein Gesicht überzog. Er öffnete schon den Mund, um etwas zu sagen, doch eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, ließ ihn inne halten. Haselnussbraunes Haar fiel dem Mann ins Gesicht und unterstrich die markanten Linien in seinem Gesicht. Er begann auf den Dunkelhaarigen einzureden. Ich hörte kein Wort – wie mir jetzt auffiel, hörte ich auch sonst nichts.  Irritiert beobachtete ich die beiden, die wieder vor meinen Augen verschwammen.

Plötzlich lag ich wieder in meinem Bett, starrte fassungslos an die Decke. Mein Herz raste und ich zog die Bettdecke zurück. Sitzend verbarg ich mein Gesicht in den Händen. Warum wurden meine Träume immer realistischer? Und was hatte es mit diesem Mann auf sich? Verzweifelt stellte ich meine Fragen in die Leere ohne Antwort zu erhalten.

Ich zog die Knie an und legte meinen Kopf darauf, starrte stumm in die Dunkelheit meines Zimmers.

Langsam streckte ich dann meine Beine aus und schob sie zum Rand, um aufzustehen.  Etwas kaltes Wasser würde mir bestimmt helfen, wieder meine Fassung zu finden. Langsam drückte ich mich hoch und tappte zur Tür. „Verdammt!!“ Die Zähne zusammenbeißend unterdrückte ich das Verlangen auf einem Bein zu hüpfen. Ich musste dringend wieder den Boden von all meinen Unterlagen befreien, so viel war sicher. Grimmig tastete ich mich zur Tür und durch den Gang zum Bad.

Ich öffnete die Badezimmertür und ging zum Waschbecken. Mit einem schnellen Handgriff stellte ich das Wasser kalt und hielt dann – als es kalt genug war – die Hände darunter. Ein erleichtertes Seufzen entfuhr mir, als das kühle Nass über meine Unterarme floss. Ich bildete schnell mit den Händen eine Schüssel und benetzte auch mein Gesicht. Als ich dann in den Spiegel sah, stockte mir der Atem. Ungläubig hob ich die nasse Hand und wollte über das Spiegelbild fahren, welches nicht das meine war. Wenige Zentimeter davor stoppte ich. Verwirrt sahen grüne Augen mich an. Wie hypnotisiert starrte ich zurück.

Langsam hebe ich die Hand, um die Oberfläche zu berühren. Unglaube steht im Gesicht meines Gegenübers, seine Lippen bewegen sich, doch kein Laut ist zu hören. Das Glas fühlt sich seltsam warm an und irgendwie… mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, was ich spüre. Es ist… nachgiebig, irgendwie gummiartig und doch wieder nicht. Sanft lasse ich die Fingerkuppen über den Spiegel gleiten. Dann… dann beginne ich, leicht dagegen zu drücken. Ich spüre nur mehr wie meine Finger durch die silbrige Reflexion gleiten, bevor alles sich in einem gleißenden Licht auflöst.

~*~


Zusammengekrümmt lag ich am Boden. Ich hatte die Augen geschlossen und mein Atem ging flach, beinahe so als würde ich schlafen. Ich fühlte immer noch die Spiegeloberfläche unter meinen Fingern. Ebenso sah ich seine Augen vor mir, wie sie sich entsetzt geweitet hatten. Zitternd versuchte ich mich zu fassen, was mehr schlecht als recht funktionierte.

Irgendwo zwitscherte ein Vogel sein Lied und der Wind rauschte durch die Wipfel der Bäume. Ich spürte Gras unter meinen Fingern, die Halme kitzelten sanft meine Handflächen. Es trug nicht dazu bei, dass ich mich beruhigte. Zudem war es vollkommen unmöglich, dass ich Gras unter meinen Händen spürte. Langsam öffnete ich die Augen, bevor ich sie wieder schloss, um sie kurz darauf wieder zu öffnen. Unglaube begann sich auf meinem  Gesicht abzuzeichnen, ich musste träumen. Es konnte nichts anderes als ein Traum sein. Denn schließlich war ich vorher noch in meinem Bad gewesen. Es war völlig unmöglich!

Vorsichtig stützte ich mich auf meinen Händen ab, setzte mich auf und sah mich um. Mein Kopf begann zu schmerzen, nachdem ich in allen Richtungen Bäume und Sträucher sah. Ich habe doch nichts genommen, fragte ich mich unwillkürlich. Ich war benommen und begann meine Schläfen zu massieren, in denen es unangenehm pochte. Wo war ich?! Zu meiner Rechten war ein Weg, der – wenn ich richtig erkannt hatte – zu einem gewaltigen Tor führte. Als ich hinter mich blickte, entdeckte ich ebenso gewaltig wie schön ein freistehendes Tor. Zwei Eichen bildeten es, die Kronen ineinander verwachsen. Die Torflügel waren an je einem der Stämme angebracht, prunkvoll mit Runen und Ornamenten geschmückt. Es wäre wunderschön… doch einer der Flügel hielt nur mehr an einem Scharnier. Die eine Seite zerkratzt und die Intarsien zerstört.

Mein Herz begann zu rasen, als ich meinen Blick umherwandern ließ, die Umgebung genauer in Augenschein nahm. „Nein…“ Ein Wispern nur, als ich einen Körper vor dem Tor liegen sah. Grauen erfasste mich und ließ mich aufspringen. Mehr stolpernd, denn laufend kam ich bei dem Mann an. Langes Haar lag einem Heiligenschein gleich um seinen Kopf. „Hören Sie mich?!“ Panisch begann ich ihn zu schütteln, drehte sein Gesicht zu mir, als ich keine Antwort erhielt. Dunkle Augen starrten mich an, der Mund zu einem Schrei geöffnet, der für immer ungehört bleiben würde.  Als hätte ich mich verbrannt, ließ ich ihn los und kroch wimmernd weg von dem Leichnam, schluchzend schlang ich die Arme um mich und wiegte mich hin und her. Nie zuvor hatte ich einen Toten gesehen. »Es muss ein Albtraum sein! «, dachte ich. »Der schlimmste überhaupt.« Gedanken rasten durch meinen Kopf, während ich verzweifelt versuchte meine Panik zurückzudrängen und meine Tränen zurückzuhalten. Mein Atem kam schnell und stockend über meine Lippen. Als ich einen Widerstand im Rücken spürte, schrie ich vollkommen verängstigt auf.

Das Gesicht war verzerrt, als ich mich umdrehte. Und als ich sah, was der Widerstand war, konnte ich nicht mehr. Hysterisch begann ich zu lachen, bevor es in Schluchzen überging.

„Ein Baum… ein verdammter BAUM!! Und du dummes Ding bekommst auch noch einen Schreikrampf!“ Ich zitterte am ganzen Leib. Mein Blick huschte über alles. Überall begann ich dunkle Flecken zu sehen, die zweifelsohne Blut waren. Langsam begann ich mit den Atemübungen, die ich schon beim Yoga und beim autogenen Training kennen gelernt hatte, um ruhig zu werden. Je länger ich mich auf den konstant ruhig gehaltenen Atem konzentrierte, umso ruhiger wurde ich. Meine verkrampfte Haltung ließ aber nicht nach. Ich hatte das unheimliche Gefühl jeder Zeit aufspringen können zu müssen.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als von irgendwoher Lärm zu hören war.  So als würde Metall auf Metall schlagen. …und es kam näher.

Ich kroch zur Eiche zurück und versuchte mich so klein wie nur möglich zu machen. Stimmen wurden lauter und irgendjemand rief etwas. Ich hörte – beinahe nicht vernehmbar – Fußtritte, Rascheln von Kleidern und etwas, was ich zuvor noch nie vernommen hatte. Dann vernahm ich ein Scharren und spürte die Gegenwart von jemandem dicht neben mir. Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus, bevor er umso heftiger wieder begann. Vorsichtig schielte ich zu demjenigen. Ein Krieger stand dort neben mir, verdeckte mich vor allen anderen Blicken. Ein graubrauner Mantel hüllte seine schlanke Gestalt ein. Das schwarze Haar wehte trotzdessen, dass es ab den Schläfen zusammengefasst war, im leichten Wind. Ich sah sein Gesicht nicht, konnte nicht sagen, wer dort vor mir stand.

Er rief mehrmals etwas. Einige andere Männer folgten dem, was auch immer gesagt hatte. Ich war verwirrt und wehrlos. Ich war hier… nur wo war hier? Was für eine Sprache sprachen diese Fremden? Und warum kam mir alles so seltsam vertraut vor? Dieses Tor aus den zwei Eichen, zwischen deren Wurzeln ich mich zu verstecken versucht hatte, wo hatte ich sie schon einmal gesehen? Hatte ich sie gesehen?

Erst die dröhnende Stille riss mich aus meinen Gedanken und ich wagte es den Kopf zu heben. Smaragdgrüne Augen sahen in meine und schienen mich zu durchbohren.  Erstarrt sah ich zu ihm hoch.

„Man nalye?“, vernahm ich seine Stimme. Bevor ich es realisierte, war er direkt vor mir in die Hocke gegangen. Zum ersten Mal sah ich sein Gesicht scharf vor mir, die hohen Wangenknochen, die markante Form seines Gesichtes. Ich schüttelte unsicher den Kopf. „Valye?“ Er sah mich leicht ungläubig an. Doch dann blitzte es kurz verstehend in seinen Augen auf. Er legte die Hand auf sein Herz, bevor „Nanye Curufin. Man nalye?“ sagte. Erwartungsvoll sah er mich an, doch mir fehlten die Worte. Er verkniff den Mund, ein Zeichen, das ich dafür nahm, dass er erzürnt und ungeduldig war. Sein Blick wanderte immer wieder umher, wachsam und beunruhigt.

Ich zitterte, mir war hundeelend und ich brachte einfach kein Wort über meine Lippen. Ich schlang meine Arme um mich und betrachtete ihn lange und ausführlich, dass er mich irgendwann wieder ansah und es bemerkte war mir zum ersten Mal egal. Er zog seine Augenbraue hoch und sah mich fragend an.  Ich wollte so viel wissen, aber mir fehlten die Worte, die ich benötigte. Ich hatte mich nie so für Tolkiens Werk interessiert, dass ich die Sprache erlernen wollte. Ein Nachteil, wie ich feststellen musste… aber wer kam auch auf die Idee, dass ich einmal hier landen würde, wo ich zumindest dachte jetzt zu sein. Vielleicht…

„Beleriand?“, fragte ich unsicher und hielt seinem musternden und überraschten Blick stand.  „Ná!“, sagte er und nickte bekräftigend. Jetzt wusste ich – o Wunder! – ein Wort auf Quenya, ich hielt es auf jeden Fall für Quenya. Mein Kopf sank leicht erschüttert auf meine Brust. Ich schloss ergeben die Augen, aus denen die Tränen zu rinnen begannen. Ich hörte, wie er die Luft einzog und konnte es ihm nicht verdenken. Die meisten Männer taten sich mit einer weinenden Frau schwer, sie wussten dann nicht, was sie tun sollten.

Er sagte etwas, doch ich verstand nichts, er sprach zu schnell, als dass ich anhand seiner Gesten erahnen konnte, was er mir mitzuteilen versuchte. Resignierend nahm er meine Hand und zog mich hoch. Mit einer fließenden Bewegung hatte er seinen Umhang gelöst und um meine Schultern gelegt, bevor er mit der Blattfibel diesen schloss.  Er deutete mit der Hand ihm zu folgen und schritt voran.  Wir folgten dem Pfad durch das zerstörte Eichentor, wichen aber schon nach wenigen Minuten vom Weg ab und Curufin führte uns quer durch den Wald. Immer wieder hielt er und wartete auf mich, hielt Zweige aus meinem Weg und half mir über Wurzeln.

Als wir zu einem eher gut verborgenen Platz kamen, bemerkte ich einige Zelte – höchstens vier, wenn ich mich nicht allzu sehr täuschte. Ein Mann trat auf uns zu, braunes Haar fiel ihm ins Gesicht. Ich erschrak heftigst und zuckte zurück, wobei ich Curufin ebenfalls leicht aus dem Gleichgewicht brachte, da er mich am Handgelenk festgehalten hatte.

„Man ná?“ Seine Stimme klang misstrauisch. „Áva istean, Tyelcormo. Nó inye óhola senna.“ Curufins Stimme war ernst und bestimmt, und dass es um mich ging, konnte selbst ich erraten. Der Braunhaarige hieß also Tyelcormo. Wenn ich jetzt wüsste, wer er war, täte ich mir um einiges leichter.

Curufin drehte sich zu mir um und umfasste wieder mein Handgelenk. Sein Blick hatte etwas Warnendes. „Elye óhola senna?!“ Tyelcormo wirkte vollkommen irritiert. Auf die Aussage folgte ein schneller Schlagabtausch, den Curufin zu seiner Zufriedenheit zu beenden können schien. Mittlerweile hatte ich aufgegeben etwas zu verstehen, was die beiden sagten. Plötzlich ging ein Ruck durch mich und ich stolperte vorwärts. Er brachte mich zu einem der Zelte, schlug die Plane beiseite und führte mich hinein. Vor einem Tisch hielt er an, zog einen der Stühle hervor und deutete mir mich zu setzen.

Dann sah er mich an und mir wurde heiß und kalt zugleich. „Oholan len.“ Danach ging er.

Langsam sah ich mich um. Ein Zelt, wobei das noch eine Untertreibung war. »Fast wie diese Zelte aus Harry Potter. « Ein feines Lächeln überzog mein Gesicht. Ein unwirkliches Gefühl war es, das mich ergriffen hatte.  Auf dem Tisch lagen mehrere Papierrollen – das es Pergament war schloss ich prinzipiell aus, waren die Elben doch tief verbunden mit der Natur und würden niemals die Tierhäute verwenden. Die Vorstellung war mir zutiefst zuwider und einfach nur unvorstellbar.

Was ich ebenso auf dem Tisch sah, waren einige Schreibfedern und zu meinem eigenen Erstaunen eine venezianische Glasfeder – zumindest sah sie danach aus. Neugierig hob ich sie hoch. Die Glasfeder war ein Meisterwerk, der Stift war aus dunkelgrünem Faserglas und im Glas selbst ein Kunstwerk aus Silber. Noch nie hatte ich derartiges gesehen und ich hatte viele Glasfedern gesehen, da ich selbst diese absolut liebte.  Blüten in einem Frühlingsgrün sprießten aus dem silbernen Rankenmuster, welches in den Griff überging und in Tengwar höchstwahrscheinlich die Initialen des Besitzers zeigte. Ich glaubte nicht, dass ein Mensch egal ob von hier oder aus meiner Welt dies nachmachen konnte.

„Mírima, alanatië?“ Zutiefst erschrocken drehte ich mich um, die Feder an die Brust gedrückt.  „Na anhatima.“ Seine Hände nahmen mir vorsichtig die Feder aus Hand und legten sie in eine Holzschatulle, in der auch ein Tintenfass war.

Er betrachtete mich danach lang. Es schien mir, dass er jedes kleinste Detail meiner Selbst erfassen wollte. Er fing wieder an zu sprechen, doch diesmal verstand ich nichts.

„Eceniën lye… ve sé olor.“

Verständnislos sah ich ihn an. „Len cennin.“ Hatte er gerade >cennin< gesagt? Kälte durchflutete mich und ich suchte seinen Blick. Ich erinnerte mich an die Herr der Ringe-Filme von Peter Jackson, in dem Aragorn Legolas im Fangorn >Man cenich? – Was siehst du? < fragt. Wollte er mir sagen, dass er mich gesehen hatte?

Ich war verwirrt, müde und verängstigt. Ich wusste es gab viele, die jetzt gerne an meiner Stelle wären, und am liebsten würde ich auch tauschen. Man stellte sich alles so viel schöner vor als es tatsächlich war. Wenn ich mich an die Fanfiktion-Autoren erinnerte, die ein Märchen skizzierten und sich nicht darum kümmerten, wie sehr solche Erfahrungen einen prägten, lief es mir wieder kalt über den Rücken. Der Anblick des toten Elbs hatte mir für mein ganzes Leben gereicht, genauso wie die Bilder meines Albtraums.

Vor allem wie schlimm es für die jeweilige Person war, die hier landete und dann jemand gegenüber saß, der in nächster Zeit für immer die Augen schließen würde und man das auch wusste. So wie ich eben…

Langsam wurde mir unbehaglich unter Curufins Blick, der jetzt Amüsement zeigte. Er reichte mir einen Becher, den ich dankbar annahm. „Man saneal?“ Sein Mund war zu einem Lächeln verzogen, auch wenn er sich bemühte es nicht allzu sehr zu zeigen. Er sah jungenhaft aus, ein schelmisches Glitzern ließ seine Augen funkeln. Wenn ich nicht wüsste, dass er für so viel Unheil gesorgt hatte, in den Jahren seit er in Beleriand war, ich würde es nicht glauben.

Wusste er, dass er sterben würde? Elben waren weiser als Menschen, wussten mehr bzw. sie beobachteten mehr und waren sehr viel aufmerksamer. Wussten sie auch, wann sie sterben würden? Ich würde ihn fragen, wenn ich den könnte. Doch er hatte mich etwas gefragt, also musste ich fast antworten. Was hatte er gesagt, als wir im Lager angekommen waren? Ava istan… ava isten? Ich war mir nicht sicher, aber ich war mir sehr sicher, dass die Frage von Tyelcormo >Man ná? < ganz sicher hieß >Wer ist das? <. Zumindest wäre das logisch, nachdem absolut misstrauischen Blick, den er mir zugeworfen hatte.  Und da ich Curufin weder Namen noch sonst etwas gesagt hatte, aus ersichtlichen Gründen, müsste doch die Antwort >Ich weiß es nicht. < gewesen sein, vor allem hießen nicht auch die Zauberer im „Herr der Ringe“ Istari >Die Wissenden<?

„Ava isten?“, antwortete ich so leise wie nur möglich. Wer wusste schon außer ihm, was ich da von mir gab. Ein undeutbarer Blick folgte, bevor er sich erstaunt und beeindruckt vorlehnte.  „Áva istean.“, korrigierte er mich und sprach extra langsam.  Der Ausdruck auf seinem Gesicht sprach von unterdrückter Faszination. Er begann wieder zu reden, unterbrach sich aber, als er die Fragezeichen in meinen Augen erblickte. „sana-“, sagte er und tippt sich an die Schläfe. »Denken?«

Ich nickte langsam, um zu zeigen, dass ich verstanden hatte. „Inye“, er legte die Hand auf sein Herz. „Elye“, seine Hand lag nun über meinem Herzen und musste den rasenden Herzschlag spüren. Röte kroch über meine Wangen. „Men“ Er deutete auf uns beide, bevor er mich eindringlich ansah. „Ven“ Seine Hand beschrieb einen Bogen, der – so nahm ich an – alle im Lager mit einbezog. „Ná?“, fragte ich leise, denn das war das Wort für >Ja<, das er vorher benutzt hatte. „Ná“ Ein begeisterter Blick traf mich, der mich mehr als nur stark an ein Kind erinnerte, dass eine große Herausforderung erfolgreich bestanden hatte.

Aber auch bei mir machte sich schnell ein Glücksgefühl breit. Zwar war es weniger schön, dass ich ein Experiment für ihn war, aber ich war dankbar, dass er sich die Zeit nahm und mir versuchte seine Sprache beizubringen. „Nanye elda.“, unterbrach er mich. Schwarzes Haar fiel Curufin ins Gesicht, welches er unwirsch hinter sein Ohr strich. Es war spitzzulaufend, aber nicht so extrem spitz, wie man für gewöhnlich Elfenohren darstellte. Es war blattförmig, schlank und, ja, ich würde sagen elegant geschwungen. Automatisch griff ich auch zu meinem Ohr, welches immer noch so klein und zwar leicht oval – mein Ohr war nie wirklich rund gewesen – war. Irgendwie war ich erleichtert.

„Nalye fírima.“ Das war dann wohl der Begriff für Mensch. Ich schaute zu Boden, wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. Ich hörte, wie ein Stuhl rückte und sah dann seine Beine vor mir und wie er in die Hocke ging. Seine Hand zog meinen Kopf am Kinn hoch, so dass ich ihm in die Augen schauen musste. Sie wirkten alt, wissend und… ich seufzte, da mir das Wort nicht einfallen wollte.

Er begann wieder zu sprechen, und ich lauschte nur der Melodie, die seiner Stimme inne wohnte. Ich mochte vielleicht kein Wort dessen verstehen, doch seine dunkle Stimme ließ mich für einen Moment alles vergessen, was mich vorher noch bedrückt hatte. Er schien nicht auf die Menschen herabzusehen. Er stand wieder auf und hielt mir die Hand hin. Vertrauensvoll legte ich meine Hand in seine. Ich bemerkte sofort diesen dankbaren Blick, der mich auch noch Wochen später verfolgen würde.

Curufin geleitete mich hinter eine Trennwand, hinter der ein Bett – kein Feldlager! – stand. Er deutete mir an mich hinzulegen, und bevor ich protestieren konnte, hob er die Hand mit der Handfläche nach vorne. Ich schwieg und setzte mich hin. Nachdenklich betrachtete ich erst den Boden, um dann, mutiger geworden, in sein Gesicht zu schauen. Stolz, eigentlich herrisch war sein Blick und die verschränkten Arme trugen nicht dazu bei diesen Eindruck zu mildern. Mein Mut schmolz wie Eis in der Sonne, wie ich trocken feststellte.

„Á lore!“, befahl er und wartete bis ich lag und die Augen schloss. Ich wagte im Moment nicht zu widersprechen. Ich wollte nicht schlafen, doch kaum, dass ich die Augen geschlossen hatte, wurde ich immer müde. »Wie klischeehaft! «, dachte ich mir und gab dem Drang nach Schlaf endgültig nach.

„Istean i firuvan. Nó sio haryean estel.“, hörte ich noch ein Wispern, so langsam, dass ich jedes Wort hören konnte. Sollte ich entweder hier die Sprache lernen oder irgendwann – die Hoffnung stirbt zuletzt! – nach Hause zurückkehren, würde ich herausfinden, was es bedeutete, dass schwor ich mir.

~*~


Als ich erwachte, war es bereits hell. Ich gähnte verhalten und begann mich genüsslich zu strecken. Erst verwirrt starrte ich auf den Zelthimmel, der ganz eindeutig nicht die Decke meines Schlafzimmers war. Panisch sah ich mich um, bevor langsam die Erinnerungen zurückkehrten – was nicht unbedingt dafür sorgte, dass ich ruhiger wurde. Zittrig zog ich die Decke- wo die herkam wusste auch niemand – weg und setzte mich an den Rand. Wieder sah ich den Toten, die gebrochenen Augen und das einst gewaltige Tor vor meinen Augen. Das Blut, das den Boden bedeckte und Spritzer an allem im Umfeld hinterlassen hatte. Vorsichtig stand ich auf, hielt mich aber vorausschauend an der Plane fest, die den Schlafbereich abtrennte.

Resigniert schloss ich für einen Moment die Augen. Als ich wieder ein einigermaßen sicheres Gefühl in den Beinen hatte ging ich in den vorderen Teil. Auf dem Tisch, nun mehr ordentlich aufgeräumt, stand eine Schüssel mit Wasser und einigem Toilette-Zeug. Über die Stuhllehne war ein Kleid gelegt worden.  Vorsichtig nahm ich es in die Hand und hielt es vor mich. Es war silbrig-blau und hatte lange, ausgestellte Ärmel. Schlicht, aber schön. Es traf genau meinen Geschmack. Ich schämte mich dessen nicht, dass ich immer noch mein Nachthemd anhatte, nur – und dafür war ich Curufin sehr dankbar – fühlte ich mit etwas mehr Stoff am Leib sehr viel wohler.

Schnell wusch ich mich und zog mich um. Erst danach erlaubte ich mir mich hinzusetzten. Gedanklich völlig wo anders bemerkte ich nicht wie jemand eintrat. „Mea arin“ Mit einem leisen Aufschrei sprang ich auf und sah Curufin verschreckt an. Seine Arme hatte er seitlich leicht von sich gestreckt mit den Handflächen nach außen. Er sah erschöpft aus, ein äußerst beunruhigender Fakt. Und er schien es zu bemerken. Er war schneller an meiner Seite, als ich seinen Namen aussprechen konnte.

Seine Hände lagen ruhig und mit sanftem Druck auf meinen Schultern, während er mir in die Augen sah. Ich begann mich zu entspannen, das Zittern, das mich erfasst hatte, ebbte ab. Die ganze Zeit über sprach er nicht, sondern hielt meinen Blick gefangen. „Mara ná!“ Mein Kopf schmerzte und sank gegen seine Brust. „Das ist nicht fair…“, wisperte ich. Curufin erstarrte kurz, legte aber vorsichtig seine Arme um mich.

Irgendwann löste er sich von mir. Es schien mir wie ein Abschied, sein Blick war so melancholisch, traurig, dass es mich schmerzte. Er würde gehen, einen Kampf bestreiten, der so unnütz war und so viele Tote noch fordern würde. Seine Hand für kurz über meine Wange, fast nicht spürbar, so dass ich glaubte, ich hätte es mir nur eingebildet. Bevor er ging und nach dem Schwert griff, welches neben dem Eingang lehnte, drehte er sich noch einmal um. „Namárië!“

Ich schluckte. „Pass auf dich auf!“, hauchte ich und folgte ihm mit meinem Blick. Ich wusste, dass dies, das letzte Mal war, dass ich ihn sah. Es war nicht mehr als ein Gefühl, von dem ich überzeugt war, dass es stimmte. Er war nicht nur böse, er hatte seine Fehler, aber ebenso auch seine guten Seiten. Ich hatte die freundliche, helle Seite kennen gelernt und gestern Abend einen winzigen Blick auf seine andere Seite werfen können. Und ich konnte trotz allem sagen, dass es ein großer Verlust war, den die wenigsten hier betrauern würden. …und ich würde zu eben jenen gehören.

Auf einer Truhe, auf der anderen Seite des Zeltes, lag ein Handspiegel. Seufzend nahm ich ihn hoch und betrachtete ihn. Ein zartes Muster umrankte das silbrige Glas. Er war rund, mit dem Muster rundherum erinnerte er mich fast an eine Sonne. Ich nahm ihn mit zum Tisch, wo ich mein Nachthemd hingelegt hatte. Erst dann musterte ich mich. Meine Augen hatten, so seltsam ich das auch fand, die Schatten verloren. Ich sah nicht mehr ganz so bleich aus, wie gestern noch. Was aber deutlich zu sehen war, war der Kummer, der mich zeichnete, der meine Augen feucht werden ließ.

Ein warmes Gefühl befiel mich, je länger ich mein Spiegelbild betrachtete. Es war keine Nervosität, doch es fühlte sich ähnlich an, wie vor meinem Badezimmerspiegel. Wie vor – einer gefühlten – halben Ewigkeit berühre ich die Oberfläche. Sie ist kühl, erfrischend und es scheint mir, als würde Wasser gegen meine Fingerkuppen schwappen. Wie an jenen Abend drücke ich leicht dagegen. Ruhe befällt mich und mein Sichtfeld wird dunkel.

~*~


Ich wusste nicht, wo ich war. Ehrlich gesagt, ich wollte es gar nicht wissen. Ich spürte nur, dass ich saß und dass der Boden kalt war. Hinter mir eine ebenso kühle Wand. Es war hell, also – so nahm ich an – dürfte es noch früher Morgen sein. Vorsichtig öffnete hob ich die Lider und lugte unter meinen Wimpern vor. Was ich sah, ließ mich seufzen. Das Hier war mein Bad und ich saß an der Wand meiner Dusche.

Als ich in meinen Schoß runter schaute, bemerkte ich zwei Dinge. Der Rankenspiegel lag dort und zeigte mein schmales Gesicht, und ich hatte immer noch das Kleid an.  Müde stützte ich mich an der Wand ab. Ich wollte nur mehr schlafen, egal was auch passierte.

Ich schlurfte mehr, als dass ich ging in mein Schlafzimmer. Die Umgebung nahm ich kaum noch wahr, und nachdem ich mein Bett erreicht hatte, fiel ich einfach hinein. Irgendwann dämmerte ich weg.

~*~


Es waren mittlerweile acht Monate vergangen, seitdem ich plötzlich in eine andere Welt gereist war. Acht Monate seit Curufins Tod. Acht Monate nachdem ich mein Psychologiestudium abgebrochen hatte. Ich hätte es wahrscheinlich selbst nicht geglaubt, wären mir nicht sein Spiegel und das Kleid als Andenken zurückgeblieben. Halluzinationen und Träume, die sich mit der Wirklichkeit vermischt hatten, weil es mir nicht gut ging. Ich habe niemals vergessen, was passiert ist, sehe immer noch glasklar die Ereignisse vor mir.

Meine Albträume waren danach – zu meinem Glück – nicht mehr als der Flügelschlag eines Schmetterlings. Aber ebenso verhielt es sich mit meinem Leben. Ich war nicht mehr die Gleiche. Ich erinnerte mich, dass mein Freund und ich uns mehrfach gestritten hatten. Er warf mir vor, keine Zeit und keine Gefühle zu haben, was leider auch stimmte. Wir trennten uns, etwas, was ich viel früher hätte tun sollen. Als ich das erste Mal wieder in einer Vorlesung saß, lauschte ich aufmerksam. Doch am Ende fragte ich mich: »Warum mache ich das? Weshalb sitze ich hier?«

Ich kämpfte und verlor, da jegliches Interesse an dem Studium verloren gegangen war, ohne dass ich es mir erklären konnte. Ich begann mich in verschiedene Vorlesungen aus anderen Fachbereichen zu setzen. Anfangs waren es naturwissenschaftliche Fachgebiete wie Biologie oder auch Geografie, dann wagte ich mich an Jus, stellte aber schnell fest, dass das nichts für mich war. Philosophie und Theologie, dass wusste ich, waren nichts für mich, da ich keinerlei Interesse dafür hatte.

Als ich mich dann in die verschiedenen Sprachkurse setzte, hörte ich mit großem Interesse zu. Es war Neuland für mich, da ich mich, zumindest in meiner Schulzeit, nie dafür interessiert hatte. Somit begann ich probehalber ein Anglistikstudium kombiniert mit einem Politikwissenschaftsstudium. Die erste Zeit war schwer, da es eine komplette Umstellung war, doch wie hieß es so schön? »Zähne zusammenbeißen und durch.«

Was ich ungefähr vor drei Monaten einlöste, war das Versprechen, welches ich mir einst selber gab. Ich begann mehrere Internetforen zu durchsuchen und leistete mir eines dieser Elbisch-Bücher. Ich erinnerte mich an die vielen durchwachten Nächte… aber ich hatte rausgefunden, was Curufin damals zu mir gesagt hatte. >Istean i firuvan. Nó sio haryean estel < hieß > Ich weiß, dass ich sterben werde. Aber jetzt habe ich Hoffnung<. Womit sich mehrere meiner Fragen von selbst beantwortet hatten.

Nachdenklich stand ich vor dem Hörsaal und wartete darauf, dass der Professor kam. Neben und vor mir in kleineren Gruppen standen meine Studienkollegen und unterhielten sich. Ich hörte nicht zu. Dieser ganze Klatsch und Tratsch war nur mehr uninteressant.

Da unser Professor nicht kam, holte ich mein Handy hervor und sah auf die Uhr. Zehn Minuten Verspätung? Überrascht hob ich die Augenbraue. Normalerweise war er überpünktlich. Als ich aufschaute, nahm ich ebenso die leicht irritierten Blicke der anderen wahr, die wohl ebenfalls das bemerkt hatten. Ich lehnte mich gegen die Wand und versank wieder in Gedanken.

Aufgeregtes Getuschel riss mich erst wieder in die Realität. Mein Blick wanderte über die einzelnen Personen und entdeckte kurz darauf den älteren Herrn im Sakko mit dem grau-melierten Haar. Mit einem Ohr lauschte ich seinen Worten darüber, dass wir einen Neuzugang aus Irland hätten, der ab sofort in unserer Studiengruppe wäre.  Ich hörte noch heraus, dass er James C. McGregor hieß, dann wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder ab.

Prof. Philipp Carter, so hieß unser Professor, öffnete die Tür und alle strömten hinein. Ich folgte als Letzte und setzte mich auf die einzige freie Bank. Die hingerissenen Seufzer meiner Kolleginnen ignorierte ich. „Verzeihung, ist dieser Platz noch frei?“ Die höfliche Frage verwunderte mich und ich drehte mich zu demjenigen um.

Meine Welt erstarrt. Smaragdgrüne Augen halten meinen Blick fest und lächeln mich an. Meine Gedanken rauschen durch meinen Kopf, unverständlich und chaotisch. Ich bin nicht mehr auch nur zu irgendeiner Regung fähig. So nicke ich einfach und starre in diese grünen Tiefen. Erst als er für eine Sekunde nach vorne schaute, nahm ich auch sein Profil wahr, welches ebenfalls viel zu vertraut war.

„Ich bin James McGregor.“, stellte er sich vor und sah mich erwartungsvoll an. Ich schluckte, um meine Kehle zu befeuchten. „Für was steht das C?“, fragte ich zittrig. Ein amüsiertes, aber wissendes Lächeln huschte über sein Gesicht und er beugte sich vor. Sein warmer Atem streifte mein Ohr. Ein Schauer rann meinen Rücken hinunter. Einem Hauch gleich sprach er aus, wovor ich mich fürchtete.

„Curufin“

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Quenya:

Man nalye = Wer seid Ihr/bist Du?
Valye?= Ihr wollt/ Du willst nicht?
Nanye…(elda)= Ich bin… (ein Elb)
Nalye… (fírima) = Du bist… (eine Sterbliche)
Man ná = Wer ist sie?
Áva istean, Tyelcormo. Nó inye óhola senna. = Ich weiß es nicht, Tyelcormo. Aber ich vertraue ihr.
Elye óhola senna? = Du vertraust ihr?
Oholan len = Ich vertraue Euch
Eceniën lye = Ich habe Euch gesehen
Ve sé olor = wie in einem Traum
Mírima, alanatië? = Sehr schön (im Sinne von kostbar), nicht wahr?
Na anhatima = Es ist sehr zerbrechlich.
Man saneal? = (An) Was denkt Ihr/ denkst Du?
Á lore! = Schlafe!
Istean i firuvan. Nó sio haryean estel = Ich weiß, dass ich sterben werde. Aber jetzt habe ich Hoffnung.
Mea arin = Guten Morgen
Mara ná = Es ist gut

Sindarin:

Len cennin =Ich sah Euch.
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