Maegwin

von jinkizu
GeschichteRomanze / P16
29.07.2010
29.07.2010
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„Bleib hier! Ich sagte du sollst sofort stehen bleiben!“, rief Jeffrey seiner Tochter hinter her. „Nein!“, schrie  Maegwin zurück und lief auch schon über die Felder davon. Sie hatte sich wieder Hosen angezogen und ein grobes Hemd übergeworfen. Ihr Vater hasste es, wenn sie wie ein Junge gekleidet aus dem Haus lief. Immer noch hatte sie nur Flausen im Kopf,  dabei sollte sie sich endlich einen guten Mann suchen und  Kinder in die Welt setzen. Was hatte er damit angerichtet ihr so viele Freiheiten zu lassen? Es war an der Zeit zu heiraten für sie, doch hier würde sie keinen Mann finden, alle hielten sie für seltsam und fürchteten sie. Ehelichen würde sie hier keiner.

Seufzend begab er sich in seine Schmiede und machte sich Sorgen, wenn sie wie ein Bursche durch die Gegend stromte, selbst den Dorfbewohnern gefiel das auch nicht, doch Maegwin sah dass ganz anders. Sie sah es als ihr Recht an sich Frei bewegen zu können, sie glaubte sich vor den Gefahren dort draußen ausreichend schützen zu können. Sie fürchtete die wilden Tiere nicht und Fremden ging sie aus dem Weg. Sie wollte Abenteuer erleben wie ihre Brüder, doch als Frau war das unmöglich. Also beschloss sie sich wie ein Bursche zu kleiden.

Sie rannte mit dem Wind um die Wette über die Wiesen und fühlte sich frei. Sie lachte aus tiefsten Herzen und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Was für ein herrlicher Tag und ihr Vater wollte, dass sie Zuhause blieb und drinnen Brot backen sollte. Niemals!  Sie würde nicht wie ihre Mutter von Morgens bis Abends in der Küche stehen und kochen, oder am Fluss unten die Wäsche schruppen. Am liebsten hätte sie die Kappe vom Kopf gerissen und ihre langen strohblonden Haare geschüttelt, doch das wagte sie nicht.  Stattdessen ließ sie sich ins Gras fallen und streckte die Arme aus. Sie schloss die Augen und träumte dabei von fernen Ländern und großen Abenteuern. Plötzlich fiel ein Schatten über sie und eine barsche Stimme riss sie aus diesen.

„Wer bist du und was liegst du hier faul rum? Los rede!“

Sie blinzelte gegen die Sonne und konnte außer Pferdebeine, die unruhig vor ihr in der Erde stampften, nichts erkennen. Hektisch sprang sie auf und sah nach oben. Was sie sah ließ ihr beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Sir Guy of Gisborne musterte sie missmutig.  „Hast du deine Zunge verschluckt, Junge?“ brüllte er sie erneut an. Maegwin senkte rasch den Blick und schluckte nervös.

„Nein, Herr. Ich hab nur kurz Rast gemacht.“  Das Pferd tänzelte unruhig und Maegwin wich einen Schritt zurück.

„Wie lautet dein Name?“ fragte er harsch weiter.

„Ma…ehm, Martin“ Sie bemühte sich ihre Stimme um eine Oktave tiefer klingen zu lassen. Beinahe hätte sie sich verraten. Nach wie vor blickte sie vor sich auf den Boden.

„Wer ist dein Vater?“  

„Mein Vater? Jeffrey der Schmid.“, antwortete sie zögernd. Das war die rechte Hand des Sheriffs von Nottingham. Er war bekannt für seine Grausamkeit und gnadenlose Härte. Sollte sie ihm entkommen, sie würde nie wieder das Haus ihres Vaters verlassen.  

Sir Guy verharrte einen Moment schweigend, so als treffe er eine Entscheidung.

„Da du scheinbar nichts besseres zu tun hast, kommst mit! Ich brauche einen Diener, der sich um mein Wohl und meine Rüstung kümmert. Du siehst aus als wärst du dieser Aufgabe gewachsen.“, bestimmte Sir Guy. Er erwartete keine Antwort, seinen Befehlen hatte man zu gehorchen Guy wendete sein Pferd ohne darauf zu achten ob sie ihm folgte.

„Wartet Herr! Bitte!  Ich kann nicht mit Euch kommen.“, rief Maegwin panisch, sie vergaß dabei ihre Stimme tiefer klingen zu lassen. Irritiert zog Sir Guy die Zügel straff und sein Pferd blieb auf der Stelle stehen.

„Was hast du gesagt?“ Er blickte über die Schulter finster zurück.  

„Herr, ich kann nicht mit Euch kommen. Mein Vater, er braucht mich.“ Wagte sie schüchtern zu antworten.

„Dein Vater und da bin ich mir ziemlich sicher, wird dich entbehren können. Nun hör auf mit dem Gejammer sonst werde ich es dir austreiben.“, bellte er sie lautstark an.

Maegwin verstummte eingeschüchtert und ging schweigend hinter Sir Guys Pferd her. Ihr Weg führte sie durch den Sherwood Forrest, sie liebte den Wald und hielt sich oft Stundenlang dort auf. Doch heute hatte sie keinen Augen für die Schönheit des Waldes. Innerlich verfluchte sie sich für ihre Unvorsichtigkeit. Wie hatte sie nur so dumm sein können und sich ausgerechnet von Sir Guy erwischen lassen können?

Nun würde sie den Preis dafür zahlen müssen. Wenn Sir Guy heraus fand, dass sie ihn belogen hatte und ein Mädchen war, dann würde er sie entweder tot prügeln oder was wahrscheinlicher wahr verbrennen lassen, dass wusste sie mit Sicherheit. Sie kannte ihn vom hören sagen und das verhieß nichts Gutes. Sein schrecklicher Ruf eilte ihm weit voraus. Maegwin verspürte große Angst.

„Ich muss bei der erst besten Gelegenheit fliehen.“, dachte sie sich verzweifelt und resignierte zu gleich. Niemand entkam Sir Guy of Gisborn, außer er war tot. Ängstlich sah sie  auf den breiten Rücken ihres neuen Herren.

Sir Guy war ein staatlicher Mann und man hätte ihn durchaus als gutaussehend bezeichnen können mit seinem dunklem Haar, das ihm über den Kragen fiel und seinen stechend blauen Augen, wäre da nicht immer dieser finsterere Blick mit dem er seine Umgebung beständig musterte.

Niemand konnte ihm Einhalt gebieten, er herrschte mit eiserner Faust und es gab für ihn nur eine Strafe, gleich welches Vergehen man begangen hat – den Tod. Nur einer wagte es ihm die Stirn zu bieten und ihm das Leben schwer zu machen. Der Earl of Huntington! Oder besser bekannt unter Robin Hood.  Maegwin hatte über Robin Hood schon viele Geschichten gehört und sie glaubte das manche nur Erfunden sein konnten, so Abenteuerlich klangen sie. Nun sie würde es nie erfahren.

„Du dumme Gans hast dich ja in diese missliche Lage bringen müssen.“, haderte sie mit sich selbst. Ihr Vater hatte sie oft gewarnt, ach hätte sie nur einmal auf ihn gehört. Sir Guy beschleunigte das Tempo und sie musste beinahe laufen um mit ihm Schritt halten zu können. In der Ferne sah sie Nothingham Castel aufblitzen und ihr begannen die Knie zu schlottern. Einmal in der Burg und für sie gab es kein Entrinnen.

„Bitte, lieber Gott, beschütze mich“,  betete sie, doch hatte sie so ihre Zweifel, ob ein Gebet bei Gisborne reichen würde. Ihr Atem ging schneller, sie bekam Seitenstechen und sie wusste lange würde sie dieses Tempo nicht mehr durchhalten können. Sie wagte es nicht langsamer zu werden, um nicht den Zorn ihres Herren auf sich zu ziehen. Endlich erreichten sie die Brücke zur Burg und endlich wurde Sir Guy langsamer.

Maegwin keuchte hinter ihm her, sie hatte das Gefühl gleich in Ohnmacht zu fallen. Nur die Furcht vor einer Strafe ließ sie weiter gehen. Plötzlich blieb das Pferd stehen. Maegwin kam ins Straucheln und  konnte gerade noch im letzten Moment stehen bleiben. Beinahe wäre sie in das Pferd hineingelaufen. Sir Guy sprang behänden vom Pferd und warf ihr die Zügel zu.

„Bring mein Pferd in den Stall und reib ihn trocken.“, befahl er ihr hart und verschwand in das Innere der Burg. Maegwin bekam kaum Luft, der Schweiß lief ihr in Strömen über den Rücken und sie war fix und fertig.

Mühsam schleppte sie sich Richtung Stall. Dort suchte sie die Box von Sir Guys Pferd. Fragend sah sie einen der Stallburschen solange an, bis sich dieser herabließ und auf eine freie Box deutete. Die anderen musterten sie unverfroren und lachten sie aus. Keiner beneidete sie um ihr Schicksal, sie hatten gesehen wie schlecht er seine Diener behandelte.

Der Letzte war in seiner Verzweiflung fort gelaufen und niemand hatte ihn je wieder gesehen. Unter der Hand wurde gemunkelt, Sir Guy habe ihn aufgespürt und am nächsten Baum aufhängen lassen.

Meagwin bemühte sich so gut sie konnte, doch das Pferd machte ihr die Arbeit nicht gerade leicht und tänzelte immer ein paar Schritte zur Seite.

„Du bist wohl so launisch wie dein Herr.“, flüsterte sie dem großen Schwarzen zu. Sie versuchte erneut den Sattelgurt zu lösen und nach mehreren Anläufen gelang es ihr schließlich. Sie zog den Sattel vom Rücken des Tiers und kippte nach hinten um.

Der Sattel war zu schwer für sie. Hinter sich hörte sie das höhnische Gelächter. Sie schob den Sattel auf die Seite und kroch darunter hervor. Dann richtete sie sich auf und hob den Sattel in die Höhe, beinahe wäre sie unter seinem Gewicht erneut in die Knie gegangen. Fest biss Maegwin die Zähne zusammen und schleppte ihn zu dem dafür vorgesehenen Pflock. Mit letzter Kraft schob sie ihn darüber.

Triumphierend atmete sie aus. Dann ging sie zu dem Pferd und nahm ihm noch das Zaumzeug ab. Sie kontrollierte jeden Huf, bevor sie ihn ausgiebig mit Stroh abrieb. Als ihre Arbeit getan war ließ sie sich auf einen Strohballen fallen, sie war hundemüde, und wollte nur noch schlafen.
Ein Diener betrat in diesem Moment den Stall und blickte sich suchend um. Als er sie sah, kam er auf sie zu.

„Bist du der neue Diener von Sir Guy?“

Stumm nickte Maegwin mit dem Kopf.

„Sir Guy erwartet dich sofort in seiner Kammer!“, gab der Diener den Befehl weiter,  drehte sich um und verschwand wieder.

Nahm den dieser Tag überhaupt kein Ende? Maegwin schnitt sich selbst eine Grimasse und schleppte sich in die Burg. Jetzt musste sie nur noch herausfinden, welche Gemächer Sir Guys waren.

Im Gang traf sie eine Magd.

„Kannst du mir sagen, wo die Gemächer von Sir Guy sind?“, fragte Maegwin sie. Abschätzend blickte diese sie an.

„Geht nur diesen Gang weiter, die Treppe hoch und dann die erste Tür auf der linken Seite.“, erwiderte sie ungeduldig und huschte den Gang entlang.

„Nun gut, also auf in seine Gemächer.“, sprach sie seufzend und versuchte sich selbst Mut zu machen. Sie folgte den Anweisungen der Magd und stand schon bald, viel zu bald vor seiner Tür. Sie blieb stehen, holte noch einmal tief Luft um dann vorsichtig anzuklopfen. Von drinnen drang ein barsches „Herein“, an ihr Ohr.

„Hatte dieser Mensch den nie gute Laune?“, fragte sie sich stumm und öffnete die Tür. Kurz blieb sie an dieser stehen und blickte ins Innere.

Was sie sah ließ sie beinahe davonlaufen. Sir Guy saß mit dem Rücken zu ihr in einer Wanne und badete. Sie wurde flammend rot und blieb unschlüssig stehen. Sie hatte noch nie einen nackten Mann gesehen.

„Komm endlich rein und mach die verdammte Tür zu!“ herrschte er sie grob an.  Sie hatte keine andere Wahl, also tat sie wie ihr geheißen.

„Komm her und schrupp mir den Rücken.“, befahl er ihr. Zögernd trat sie näher und nahm ihm den Lappen aus der Hand und tauchten ihn ins Wasser und strich damit vorsichtig über seinen Rücken. Sie glaubte dabei vor Verlegenheit sterben zu müssen. Sie wusste, dass die verheirateten Frauen aus ihrem Dorf diesen Dienst ihren Ehemännern angedeihen ließen, dennoch schockierte sie diese intime Nähe. Sie wusste gar nicht wo sie hinsehen sollte. Vermutlich würde die rote Farbe nie wieder aus ihrem Gesicht weichen. Andererseits zog sie seine warme, glatte Haut beinahe magisch an.

Sie  fühlte seine Muskeln unter ihrer Hand, als sie mit dem Lappen darüber strich.  Er war ein schöner Mann und wohl proportioniert, dass erkannte selbst sie in ihrer Unerfahrenheit. Sie begann sich zu fragen, wo all die Narben, die sich fein wie ein Spinnennetz über seinen Rücken ausbreiteten, herkamen. Es sah aus als hätte ihn jemand geschlagen. Unermüdlich strich sie über seine breiten Schultern bis hinab zu der schmalen Taille und dann passierte es. Sie spürte Hitze in sich aufsteigen, ihr wurde unerträglich heiß und ihr Mund war staubtrocken.

„Du kannst es dir nicht leisten ausgerechnet den attraktiv zu finden!“, rief sie sich selbst streng zur Ordnung, doch es half nichts.

Sie wurde immer nervöser und als er ihr befahl sein Haar mit dem warmen Wasser zu spülen erwischte sie den falschen Krug und übergoss ihn mit eiskaltem Wasser. Prustend sprang er auf die Füße und schnappte nach Luft. Maegwin erkannte ihren Fehler und ließ sich kreidebleich auf die Knie fallen.

„Er wird mich töten!“ dachte sie.
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