On the Bridge

GeschichteDrama / P12
27.07.2010
27.07.2010
1
1948
 
Alle
4 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
 
 
ON THE BRIDGE

Das Handy klingelte. Gedämpft drang der Ton drang aus dem Inneren des Wagens an sein Ohr. Egal. Leichtfüßig tanzte er auf der Brüstung hin und her. Wieder klingelte es. Es war der gleiche Ton wie immer, genau in den gleichen Abständen. Und dennoch klang er diesmal dringlicher, irgendwie hektischer.

‚Verrückt‘, ging ihm durch den Kopf, da das Handyklingeln eine Art inneres Unwohlsein auslöste. Nicht, dass es ihm im Moment gut ging. Ganz im Gegenteil. Es fühlte sich so richtig mies. So richtig verdammt mies. So mies, dass er vollgesoffen auf der Brüstung der Autobahnbrücke balancierte. Das Klingeln verstummte nicht. Im Gegenteil, es schrie geradezu um Gehör und trug so seinen Teil zu seiner momentanen Stimmung bei.

„Verdammt“, fluchte er laut und sprang von der Brüstung. Er brauchte einen kleinen Moment bis er das Handy vom Beifahrersitz klauben konnte, denn ihm war schwindlig von der schnellen Sprungbewegung. ‚Veronica‘ stand auf dem Display. Jetzt klingelte es wieder, regelrecht erschrocken von dem schrillen Ton drückte er die grüne Taste.

„Veronica“, sagte er zu Begrüßung und kletterte dabei wieder auf die Brüstung.

„Logan!“, sie klang aufgeregt, aber er ignorierte es.

„Veronica, meine Süße“, säuselte er volltrunken. Ihm war als würde der Schnaps erst jetzt seine Wirkung voll entfalten.

Jetzt in diesem Moment in dem er mit Veronica am Ohr auf der Brüstung der Brücke tanzte. In diesem Moment, in dem sich der Abgrund siebzig Meter tief vor ihm öffnete. „Na, wenn verdächtigen wir heute?“

„Logan, hör auf!“

„Lass mich überlegen? Duncan, ach nein, den hattest du ja schon unter Verdacht. Vielleicht Wallace? Ja, warum nicht ihn? Oder Meg, die liebe kleine Meg, die hin und wieder freundlich zu dir ist?“

„Logan! Bitte!“, sie klang flehend.

„Okay. Was willst du?“

„Ich muss dich treffen, jetzt gleich!“

„Uh, jetzt gleich? Bis eben wolltest du nicht mal in meiner Nähe sein!“ Ein LKW rauschte hupend an ihm vorbei.

Veronica hörte das Geräusch. „War das ein Hupen? Wo bist du?“

„Wo ich bin?“, leichtfüßig, als würde der Alkohol nur seine Sinne, nicht aber seinen Bewegungsablauf hemmen, tanzte er weiter auf der schmalen Brüstung. „Würdest du jetzt wohl gerne wissen, wie?“

„Was ist los mit dir? Hast du was getrunken?“

„Na und ob ich was getrunken habe“, seine Stimmung schlug um. Was dachte sie eigentlich? Dachte sie überhaupt an irgendwas anderes außer an ihre blödsinnigen Beschuldigungen? „Was denkst du denn, Veronica? Bis vor ein paar Tagen waren wir ein Paar! Wir waren zusammen! Und verdammt, das war doch der Wahnsinn! Wir beide! Dann gehst du mir aus dem Weg, erzählst mir, dass du Zeit bräuchtest und so einen Scheiß und dann bin ich plötzlich der Mörder von Lily!“ Logan holte aus und warf das Handy mit Schwung in den Abgrund. Es war zu dunkel um den Sturz des Handys zu beobachten und zu tief um einen Aufprall zu hören. Das Handy verschwand einfach. War einfach weg von der Bildfläche. Er tanzte jetzt nicht mehr, sondern stand ganz ruhig an der Kante der Brüstung. Starrte nach vorne ins Dunkel. Neigte sich ein wenig vor, wiegte wieder zurück. Wieder ein wenig vor, ein klein wenig mehr als beim ersten Mal. Wieder zurück. Würde er ebenso lautlos verschwinden wie das Handy? Hing wohl von ihm ab. Ob er schreien würde oder nicht. Wenn es ihm gelingen würde, nicht zu schreien, dann würde er lautlos durch die Dunkelheit fallen und dann mit einem Platschen auf dem Wasser aufschlagen. Lauter als das Handy zwar, aber nicht so laut, dass man es auf der Brücke würde hören können. Schätzte er mal. Sicher wusste er das nicht.

Er hörte nicht, dass ein Auto anhielt und jemand ausstieg. Er hörte nicht, dass jemand näher kam.

„Logan!“, rief Veronica leise. Er zuckte erschrocken zusammen und schwankte dabei leicht. Veronica entwich ein erstickter Aufschrei.

„Hey, ich stehe noch“, er drehte sich trotz des Alkohols gewandt um. War das wirklich Veronica da vor ihm? Er hatte sie doch gerade eben mitsamt dem Handy ins Wasser geworfen.

„Ich dachte mir, dass du hier bist. Wegen dem Geräusch, ein hupender LKW, die dürfen nachts nur über die Brücke in die Stadt reinfahren…“ Natürlich, Veronica die Detektivin! Logan grinste schmerzerfüllt und verlor in diesem Moment beinahe das Gleichgewicht. Sein Körper schwankte, diesmal drohte er wirklich, den Halt zu verlieren. Hektisch ruderte er mit den Armen.

„Logan!“, Veronica stürzte nach vorne auf ihn zu. Aber er hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden, stand wieder fest auf der Brüstung. Selbst erschrocken machte er ein paar schnelle Atemzüge. Beinahe wäre er gefallen, beinahe wäre er hinab gestürzt. War es das, was er wollte? War er wirklich deshalb hier? Logans Knie wurden weich und er ging automatisch in die Hocke, setzte sich dann auf den Rand der Brüstung. Er wollte nicht, dass Veronica sah, wie sehr seine Hände zitterten und so umklammerte er fest die stählerne Kante.

„Du wolltest doch eben nicht wirklich…“, sie war jetzt ganz dicht vor ihm. „Ja, ich hab dich verdächtigt. Aber ich habe weitergeforscht, und ich weiß jetzt, dass du es nicht gewesen bist…“

„Oh schön“, Logan grinste wieder dieses sardonische Grinsen, das ihn nur selbst quälte. „Wie beruhigend. Meine Ex-Freundin weiß jetzt, dass ich kein Mörder bin. Toll. Soll ich jetzt glücklich sein?“

„Es tut mir wirklich leid.“ Der Schreck war ihr noch immer ins Gesicht geschrieben. Sie hob die Arme als wollte sie ihn erleichtert umarmen, ließ es dann aber bleiben und legte stattdessen ihre Hände auf seine Knie. Unverwandt sah sie an, während sie weitersprach. „Ich war so unsicher wegen uns, wegen Duncan und natürlich wegen Lily, dem Mord…. Das mit uns passierte so plötzlich... ich konnte damit nicht umgehen. Was hättest du denn gedacht?“

Logan schwieg zunächst. Ja, was hätte er gedacht? Vermutlich hätte er sich wirklich selbst für den Mörder gehalten. Lily war nicht nur seine Freundin gewesen, sie war auch Veronicas beste Freundin. Veronica war genauso alleine und verunsichert zurückgeblieben wie er selbst. „Ja“, antwortete er dann langsam. „Vermutlich hätte ich das gleiche gedacht.“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ja, so war Veronica und so würde sie immer blieben. Sie war direkt, aber dennoch nicht leicht zu durchschauen. Sie nahm es mit der Wahrheit nicht immer genau, aber wenn es darauf ankam, dann war sie ehrlich. Und in diesem Moment kam es ihr drauf an, Logan war sich sicher. Er hob seine rechte Hand, strich ihr mit den Fingerspitzen zart über die Wange. Ihre Lippen bebten erwartungsvoll. Ganz langsam näherte er sich ihr, zog sie dann die letzten Zentimeter mit der Hand im Nacken schnell an sich heran. Warm und weich waren ihre Lippen, so tröstlich in dieser einsamen Nacht. Gierig küsste er sie, wie ein Ertrinkender, der sich an den rettenden Strohhalm klammert. Die Welt um ihn herum versank, aber dennoch nahm sein Unterbewusstsein einen anhaltenden Wagen wahr, registrierte, dass jemand ausstieg und auf sie zu kam. Ohne den Kuss abzubrechen öffnete er die Augen. Es war sein Vater, der jetzt mit schnellen Schritten heraneilte.

„Dad!“, abrupt brach er jetzt den Kuss ab.

„Mr. Echolls!“ , Veronica fuhr mit einem Aufschrei herum. Erst jetzt registrierte Logan, dass sein Vater eine Waffe in den Händen hielt. Er hielt sie schussbereit vor sich, zielte auf Veronica.

„Dad?“, wiederholte Logan, diesmal fragend.

„Logan“, rief Veronica. Panik klang durch. „Er ist der Mörder! Er hat Lilly umgebracht!“

„Was?“ Logan verstand nicht. Vielleicht war es auch der Alkohol, der ihn begriffsstutzig machte. Hatte Veronica eben wirklich gesagt, dass sein Vater der Mörder war?

„Logan, komm her“, befahl Mr. Echolls mit strengem Tonfall, winkte dabei auffordernd mit der freien Hand. Logan konnte nicht anders. Er trabte zu seinem Vater. Das war sein Vater. Sein strenger Vater, der jeden Ungehorsam grausam strafte. Logan wusste, was geschehen würde, wenn er seinem Vater nicht gehorchte. „Los auf die Brüstung“, Mr. Echolls wedelte mit der Waffe und Veronica verstand. Langsam wich sie nach hinten zum Geländer. Die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. In ihren Augen bildeten sich Tränen, die sich alsbald ihren Weg über die Wangen suchten.

„Los hoch da!“, wieder deutete Logans Vater mit der Waffe an, was Veronica tun sollte.

„Mr. Echolls, bitte! Die Polizei ist bereits alarmiert. Das alles hat keinen Sinn mehr…“, flehte Veronica, während sie Anstalten machte, auf die Brüstung zu klettern. Sie stellte sich ungeschickt an, ein verzweifelter Versuch, Zeit zu schinden.

„Achja? Wir werden ja sehen… ich glaube eher, dass die Menschen bedauern werden, das sich so ein liebes Kind in die Fluten gestürzt hat… aber sie soll ja nicht ganz dicht gewesen sein… hat das alles nicht so verkraftet…die Sache mit ihrer besten Freundin, die Sache mit ihrem unfähigen Dad!“ Mr. Echolls lachte laut auf.

Als hätte Logan erst jetzt Veronicas Worte gehört, als hätte er eben erst die Waffe in der Hand seines Vaters gesehen, begriff Logan, dass Veronica wirklich recht hatte. Sein Vater hatte aus irgendeinem verdammten Grund Lily getötet. Warum sonst zielte er auf Veronica und zwang sie in den Abgrund? ‚Nein!‘, hämmerte es plötzlich laut in seinem Kopf. ‚Nein!‘ Sein Vater hatte alle, die ihm etwas bedeutet hatten, auf dem Gewissen. Seine Mutter. Lily. Und jetzt wollte er ihm auch noch Veronica nehmen. Seine Veronica! Ungewollt hatten sie sich verliebt. Es war einfach passiert, es war schwierig, aber es war schön und es sollte weitergehen!

„Nein!“, brüllte Logan jetzt laut und warf sich gegen seinen Vater. Dieser taumelte, stolperte. Logan setzte nach, packte die Waffe. Aber sein Vater war stark und trainiert, er fiel nicht hin, sondern hielt dagegen.

„Logan“, hörte er jetzt Veronica rufen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass sie herangeeilt war und wohl überlegte, wie sie in den Kampf eingreifen konnte. Seinem Vater gelang es, sich zu lösen, er holte aus und streckte ihn mit einem gewaltigen Kinnhaken auf den Boden. Sofort trat er nach, völlig außer sich. Zahllose, harte Fußtritte trafen Logan in der Seite, an den Beinen und am Kopf. Verzweifelt versuchte er, sich zu schützen, indem er sich einrollte und die Arme über dem Kopf verschränkte. Gerade als Logan Blut schmeckte, gerade als er dachte, dass er ohnmächtig werden würde oder beim nächsten Tritt sterben würde, gab sein Vater ein gurgelndes Geräusch von sich, fiel dann ohnmächtig nach vorne über seine Beine.

„Was ist...?“, Logan versuchte, sich zu bewegen, aber der Schmerz fuhr so heftig durch jede einzelne Zelle seines Körpers, dass sein Kopf zurück auf den Asphalt sank. Aber er konnte Veronica sehen. Veronica, die mit entschlossenem Gesichtsausdruck einen Schraubenschlüssel, so einen, den man zum Reifenwechsel im Wagen hatte, in der Hand hielt. Blut haftete an dem Schlüssel. Sie ließ ihn jetzt fallen, hart und kalt klirrte der Schlüssel, als er auf dem Asphalt aufschlug.

„Logan“, hauchte Veronica während sie neben ihm in die Knie sank. Liebevoll hob sie seinen Kopf auf ihren Schoß, strich ihm über die Haare. Heiß tropften Tränen auf seinen zerschundenen Körper.

„Ich liebe dich“, flüsterte sie.

Wie warme Watte hüllten die Worte sein gequältes Herz ein. „Ich liebe dich auch“, antwortete er mühevoll, verschluckte sich beinahe an dem vielen Blut in seinem Mund. Veronicas Hände streichelten unablässig über seine Haare, liebkosten sein Gesicht. In der Ferne hörte er schon die Sirenen. Gleich würde Hilfe da sein. Und alles würde gut werden. Alles.

THE END
  Dieser Autor möchte Reviews nur von registrierten Nutzern erhalten. Bitte melde dich an, um einen Review für diese Geschichte zu schreiben.
 
 
'