Wächter der Könige

GeschichteAllgemein / P12
"Geser" Boris Ignatjewitsch Anton Gorodezki Arina Nadja Edgar Sebulon Swetlana Nasarowa
26.07.2010
23.08.2010
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Hätte man mich gefragt, mit was Sebulon als erstes in einer Schlacht losschlagen würde, ich hätte auf die Geißel des Schaab getippt. Hätte ich ihm das vorher gesagt, hätte er sicherlich irgendeinen ausgefallenen Zauber benutzt, nur damit ich nicht Recht behalten würde. Aber so lag ich natürlich genau richtig. Es war nun einmal sein persönliches Steckenpferd.
Rotglühende Peitschenstränge schossen uns schlängelnd durch die Luft entgegen. Das traf aber auch Geser nicht unvorbereitet, weshalb die Feuerstränge nach wenigen Metern gegen eine weiße Wand klatschten, die der Chef mit einer abwehrenden Geste seiner rechten Hand blitzschnell hervorbrachte.
Für die Dunklen war dies das Signal mit allem anzugreifen, was sie hatten. Für Sweta und mich war es das Signal zu unserer Tochter zu laufen, sie abzuschirmen, während der Kampf tobte. Eine graue Andacht sauste ein Stück rechts von mir von unserer Seite in die Gruppe der Dunklen. Olga hatte auf einen der beiden Vampire gezielt, die den Nahkampf suchten und sich gemeinsam auf Julja gestürzt hatten.
Ein weiterer roter Peitschenstrang aus glühendem Feuer knallte links von mir auf den Boden und schnitt mir den Weg ab. Sweta, die vor mir gerannt war, hatte die wenigen Schritte zu Nadja geschafft. Sie schirmte unsere Tochter ab wie aus dem Lehrbuch.
Auf mich musste sie verzichten. Ich hatte Sebulons fast ungeteilte Aufmerksamkeit. Eigentlich war das zu erwarten gewesen. Ich war von uns vier Hohen vermutlich der anfälligste, der leichteste Gegner.
Geser anzugreifen mit der Absicht ihn zu töten würde Sebulon nicht einmal jetzt wagen. Die beiden hatten schon oft gegeneinander gekämpft, aber im Nachhinein war mir klar, dass sie es nie darauf angelegt hatten, den anderen zu vernichten. Zu demütigen vielleicht, aber nicht zu töten.
Und Olga anzugreifen würde bedeuten, sofort Geser hinzuzuziehen. Da musste sich Sebulon nicht einmal überlegen, wie stark Olga war und ob er oder sie der fähigere Magier war. Blieben noch Sweta und ich. Da fiel die Wahl leicht. Wir beide hatten ohnehin noch eine Rechnung offen. Er hatte sich oft meiner bedient in seiner Strategie, der Chef der Tagwache, aber ich hatte ihm im Gegenzug auch nicht immer Freude bereitet. Ich war ein bockiges Spielzeug. Ebenso wie Edgar. Vielleicht lag das in der Natur von uns Springern.
Ich machte einen halben Hechtsprung, um dem zweiten feurigen Peitschenstrang zu entkommen und wollte ins Zwielicht abtauchen. Was allerdings nicht ging. Erstaunt registrierte ich, dass es keine Schichten mehr gab. Bis eben hatte ich wenigstens noch in die zweite Schicht sehen können, in welcher die Steinritzzeichnungen gewesen waren, aber jetzt waren wir im Hier und Jetzt und tiefer ging es nicht.
Ich fluchte und ging zum Gegenangriff über. Einen Moment ging ich meine Möglichkeiten durch und entschied mich dann für ein Ablenkungsmanöver. Das Risiko, dass Sebulon einen Thanatos ablenken würde und er im magischen Handgemenge unserer beiden Parteien einen von uns traf, war mir zu groß.
Außerdem musste ich Sebulon nicht vernichten (was wohl ohnehin meine Fähigkeiten überstieg). Ich musste ihn nur beschäftigt halten. So lange er etwas zum Abwehren hatte, konnte er nicht angreifen. Ich musste nur Zeit schinden. Nur Zeit.
Ich setzte eine Reihe Fireballs frei, gefolgt von einer Runde Freezes. Davon huschten ohnehin schon eine ganze Menge durch die Gegend. Klein, einfach, aber effektiv.
Sebulon lachte, griff nach einem Kampfstab und ließ meinen Angriff wie einen Schwarm Seifenblasen zerplatzen. Dabei entging ihm allerdings wohl, dass seine Partei am Verlieren war.
Reihum gingen die Dunklen in die Knie. Einer der Vampire lag leblos aber noch körperlich intakt ein Stück vor mir seltsam verdreht auf dem Boden. Die Lemeschewa kauerte am Boden, überzogen von einem Netz leuchtender Schlangen, welche sie einschnürten. Hinter ihr stand eine in der Zeit paralysierte junge Hexe, welche ihren Arm gestreckt hielt, wohl um einen Freeze abzuwehren. Zu langsam.
Arina hielt sich gänzlich zurück. Sie hatte Zoja hinter ihrem Rücken und wehrte nur Angriffe ab. Sie verteidigte nur ihr Kind. Und sobald das unserer Seite klar geworden war, hatte man von ihr abgelassen.
Die Reihen hatten sich deutlich gelichtet. Allein Edgar bot auf Seiten der Dunklen noch etwas, das man als nennenswerten Widerstand bezeichnen konnte. Er war dicht bei Sebulon. Fast schien es als wolle er die Lücke schließen, welche zwischen ihnen entstanden war. Er jagte gerade den Kuss des Ameisenigels nach vorne und schuf dadurch vor ihm und Sebulon eine Schneise, in welcher das Gestein zischend mit Säuretropfen überzogen wurde. Auf diese Steine würde so schnell keiner einen Fuß setzen.
Das alles nahm ich allerdings eher aus dem Augenwinkel wahr, denn meine Konzentration galt vor allem Sebulon, der mir nun seinerseits eine Reihe Zauber entgegenwarf. Eine Reihe Stopp-Zauber, allesamt gewirkte Träume des Hypnos, regneten mir wie ein grünes Blitzlichtgewitter entgegen. Doch wozu?
Ich ließ einige abprallen, andere neutralisierte ich. Dann erkannte ich, warum Sebulon sie gewirkt hatte. Er hatte einen Freiraum gebraucht, Zeit für einen komplexen Zauber. Als ich sah, was er da beschwor, wurde mir bewusst, dass er seine Taktik änderte.
Er hatte versucht mich auszuschalten, unsere Seite zu dezimieren. Doch damit war er gescheitert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Edgar und er fallen würden. Die letzten Bauern auf dem Feld würde Geser zum Frühstück verspeisen. Und Olga stand ebenso noch wie Ilya.
Sebulon setzte alles auf eine Karte und wob einen Zauber aus dampfend violetten Kugeln, die absolute Vernichtung versprachen. Das Siegel der Verbannten war ein Zauber, den ich noch nie in Aktion gesehen hatte, den ich aber aus meiner Ausbildung kannte.
Das Siegel ermöglichte mit einem einzigen Schlag jeden Magier im Umkreis von mehreren Metern bewegungsunfähige zu machen. Eigentlich eine effektive Waffe. Allerdings kostete sie denjenigen, der diesen Zauber wirkte seine vollständige Kraft und zwar egal wie viel er besaß.
Unter anderen Umständen hätte Sebulon niemals zu einer solchen Waffe gegriffen. Sie würde ihn komplett auslaugen. Auf Jahre hinaus würde er keine Magie mehr wirken können. Doch das war im Moment egal. Es gab keine Jahre mehr. Alles was zählte waren diese letzten Minuten.
Wenn Sebulon den Zauber abschloss, würden wir alle aus dem Spiel genommen werden, ich, Sweta, Geser, Olga, Ilja aber auch Edgar, Arina und sogar die kleine Zoja, vermutlich auch meine Nadjenka. Sebulon würde vollkommen seiner Kräfte beraubt sein, aber er wäre auch die einzige Figur, die noch handlungsfähig war. Die letzte noch stehende Figur. Und damit hätte er die Partie gewonnen. Und wenn er Nadjenkas Figur besaß, brauchte er sie nur noch vor unser aller Augen in die Mitte der fertig gesetzten Partie stellen. Es fehlten nur noch zwei oder drei Bauern in Nadjas Aufstellung.
„Geser.“
Olga hatte ebenfalls bemerkt, was vor sich ging und warf eine Handvoll elektrisch zischender Funken in Sebulons Richtung. Sie schlugen knisternd gegen die violetten Kugeln, die sich zu einem Ring um Sebulon zu schließen begannen. War dieser Kreis einmal vervollständigt, gab es nichts, was den Zauber noch aufhalten konnte.
Vielleicht gab es schon jetzt nichts mehr. Olgas Magie hatte jedenfalls keine Wirkung. Ich sah wie Geser unschlüssig seine Hände vor sich hob und zögerte. Die violetten Kugeln zogen sich zu einem Kreis zusammen. Es blieb eine winzige Lücke in Sebulons Rücken. Hatte ihm niemand gesagt, dass man vor allem seinen Rücken stets im Blick behalten sollte, wenn man ein Dunkler war?
Edgar machte einen entschiedenen Schritt nach vorne und griff in die Tasche seines Anzugs. Ich starrte ungläubig auf das verhasste Pelzknäuel, das Edgar herauszog. Schrödingers Katze legte sich geschmeidig um Sebulons Nacken.
Sebulon schrie auf als sich die Zähne des pelzigen Artefakts in seinen Hals bohrten als kleine Warnung an den Chef der Dunklen. Wenn Sebulon jetzt noch Magie wirken würde, wäre er tot. Sebulon schwankte. Die violetten Kugeln erzitterten und lösten sich in hellrosa Wölkchen auf, die der kalte Wind, der vom Fjord herauf wehte, davon trieb.
Sebulon knickte ein. Sank auf die Knie und fing sich im letzten Moment mit den Händen ab. Nach Luft ringend hockte der dunkle Hohe auf allen Vieren am Boden. Edgar hatte wirklich bis zum letzten Moment gewartet. Sebulon besaß nur noch einen Funken Magie. Es hätte noch für die letzte Kugel genügt, nicht für mehr.
Ich wurde mir unvermittelt der Stille um mich herum bewusst. Die Kämpfer hatten voneinander abgelassen. Still standen sie da und warteten, was geschehen würde. Vor mir zischte fröhlich blubbernd der Kuss des Ameisenigels auf dem Boden. Irgendwo knackte ein fehlgeleiteter Frostzauber.
„Schachmatt“, sagte Edgar fest.
Ein unheimliches Kichern kam über Sebulons Lippen und wurde zu einem atemlosen Lachen. Das klang nicht gut. War der Dunkle übergeschnappt? Ich konnte mir vorstellen, dass er nie sehr weit davon entfernt gewesen war. Er selbst hatte einmal etwas in diese Richtung angedeutet.
„Ende der Partie“, sagte Edgar ruhig. Mir wurde bewusst, dass das sein Plan gewesen war. Den letzten Zug hatte nicht Sebulon gemacht und nicht Geser, sondern Edgar. Ich war beeindruckt. „Gib mir Nadeschda Gorodezkajas Idol.“
Sebulon lachte lauthals, verschluckte sich atemlos und hustete röchelnd. Edgar stand unbeeindruckt vor ihm und hielt ihm fordernd seine Hand entgegen.
Sebulon schnappte nach Luft und richtete sich dann auf. Sein Gesicht war verzerrt von Schmerz und Wut. So nah an dem Gesicht des Dämons, dessen Gestalt er im Zwielicht annahm.
„Verräter“, brachte er hervor. „Mickriger, rachsüchtiger, estnischer…“
„Das Idol, Sebulon“, sagte Edgar kalt. Wie waren die Rollen doch auf einmal vertauscht.
„Wir hätten die Partie gewinnen können“, schrie Sebulon zornig. Er verstand Edgar nicht. Verstand rein gar nichts. Hatte es schon bei Alissa nicht. Hatte er sie nicht auch eine rachsüchtige kleine Idiotin genannt?
Du hättest die Partie gewinnen können“, sagte Edgar. „Wir hätten sie allesamt verloren. Unter Dir gibt es kein wir.“ Er wedelte fordernd mit der Hand. „Die Figur, Sebulon.“
Sebulon zögerte. Sah um sich. Die Dunklen waren fast allesamt gefallen. Arina stand noch mit Zoja auf dem Arm weit von ihm entfernt. Sebulon ließ die Schultern hängen und griff in die Innentasche seines grauen Anzugs.
Ich spannte mich an und ließ Magie in meine Finger gleiten, bereit zu einem Schlag auszuholen, sollte Sebulon irgendwelche Dummheiten machen. Doch der Dunkle zog nur die kleine weiße Figur hervor, deren Kopie der Chef in seinem Büro Nadja gegeben hatte.
Ich hatte geglaubt, es sein eine Votivfigur, vielleicht eine Muttergöttin oder eine frühe Abbildung der Madonna mit Kind. Doch ich hatte mich geirrt. Die Figur zeigte zwar eindeutig eine weibliche Figur und ein Kind, welches sie in den Armen hielt, es förmlich dem Betrachter präsentierte. Doch jetzt, da ich sie wieder sah, wusste ich, dass es Nadja war. So hatte ich sie vorhin erst gesehen, als sie Zoja zu Edgar getragen hatte.
Warum war sie in dieser Geste als Figur festgehalten worden? War dies ein wichtiger Akt gewesen, den ich nicht durchschaut hatte?
Edgar nahm die Figur von Sebulon und wandte sich um. Während er zu Nadja ging, sah ich mich kurz um. Olga kniete neben Julja und wischte ihr mit einem Zauber über die Stirn. Geser war über Semjon gebeugt, der rücklings auf dem Boden lag, absolut regungslos. Auch auf unserer Seite hatte es Verletzte gegeben. Und Tote? Ich wusste es in diesem Augenblick nicht.
Sweta machte einen Schritt zur Seite als Edgar an sie herantrat und der Este reichte meiner Tochter die letzte Figur. Alle anderen standen in der sternförmigen Anordnung, die mir inzwischen so vertraut war. Sie leuchteten weiß und strahlend rot. Ein wirklicher Stern.
„Danke“, sagte meine Tochter zu Edgar. „Geh jetzt zurück. Du auch, Mamuschka.“
Sweta nickte und folgte Edgar zurück zu uns. Meine Frau kam zu mir und griff nach meiner Hand. Schmiegte sich erleichtert an mich. Edgar ging zu Arina und Zoja, vorbei an dem noch immer am Boden sitzenden Sebulon, der sich nach hinten abgestützt hatte und schwer atmend ins Leere starrte.
Nadja platzierte ihre Figur und das Licht wich aus den Schachfiguren in den Boden. Eine glühende Schlange aus Licht schoss durch den Boden von Nadjas Schachspiel auf uns zu. Sie umrandete das Kampffeld. Zeichnete ein Quadrat um uns. Zeichnete einzelne Felder ein.
Ich sah auf meine Füße hinunter. Der Boden leuchtete wie eine große dunkelrote Kachel. Wir standen auf einem Schachfeld. Und ich stand auf einem dunklen Feld. Ich lachte heiser.
Ein Stück neben mir rappelte sich Lass auf. „Mein Kreuz“, stöhnte er. „Hätte mich mal jemand vorwarnen können, dass wir hier Rugby spielen?“
Ich sah über meine Schulter. Erleichtert sah ich, wie Olga Julja auf die Beine zog. Sie sprach mit der jungen Frau und Julja schüttelte den Kopf. Offenkundig ging es ihr gut. Auch Semjon stand wieder auf.
Ebenso kam wieder Leben in die Gefallenen auf Seiten der Dunklen. Die beiden Vampir-Brüder saßen nebeneinander auf dem Boden. Der eine hatte dem anderen seinen Arm um die Schulter gelegt. Anna Tichonowna schüttelte ihr linkes Bein als sei es eingeschlafen. Nur Sebulon saß auf dem Boden als wäre er paralysiert worden. Zu ihm hielten alle sorgsamen Abstand.
Ich bemerkte eine Reihe weißer Linien, die sich über dem Feld ausbreiteten und von einem zum anderen flossen. Manche waren breiter andere schmäler. Von meinen Füßen lief eine breite zu Sweta und eine andere aus dem Feld hinaus zu Nadja. Von dort lief die Linie zurück zu Sweta, so dass wir ein Dreieck bildeten.
Doch weitere Linien liefen von mir und Sweta aus. Eine führte zu Olga, eine schmälere zum Chef und eine weitere in den Bereich der Gegenseite. Meine zu Edgar, ihre zu Arina. Mir fielen weitere Linien ins Auge, leuchtend rote, die ebenfalls Personen verbanden. Von mir führte eine zu der jungen Hexe, die eben noch paralysiert hinter der Lemeschewa gestanden hatte.
„Kennst Du sie?“, flüsterte mir Sweta ins Ohr.
Ich schüttelte irritiert den Kopf. Die Hexe lief unter meinem und Swetas Blick rot an. Doch meine Frau lächelte nur. „Gut“, sagte sie. Und in einem Anfall von unpassend wirkender Ausgelassenheit fügte sie hinzu, „für Dich, mein Schatz.“
„Ich räume jetzt auf“, verkündete Nadja und sofort verstummte das Geflüster der Anwesenden. „Wenn Ihr an der Reihe seid und einen innigen Wunsch habt, wird er vielleicht erhört. Wenn es nicht zu unfair ist – für die nächste Partie.“
Seltsam. Noch vor einigen Stunden hätten mir solche Worte einen Schauer über den Rücken gejagt, jetzt war ich ganz ruhig. Ebenso wie alle anderen um mich herum.
Nadja nahm die erste Figur. Einen der schwarzen Bauern. Es war ein Gestaltwandler, ein Chamäleon oder eine Echse. Eine weiße Linie verband ihn mit einem anderen Bauern, meiner jungen Hexe. Das Licht schoss in beide Richtungen durch die Linie davon, füllte den Gestaltwandler ebenso wie die Hexe. Der Gestaltwandler verschwand. Eine kleine leuchtendschwarze Kugel blieb zurück. Sie zitterte leicht als versuche sie sich zu orientieren und schoss dann in Richtung Fjord davon.
Nadja nahm den nächsten Bauern und die Hexe löste sich auf. Ihre konzentrierte Aura schoss dem Gestaltwandler hinterher als versuche sie, ihn noch schnell einzuholen. Rotes Licht aus der Linie zwischen ihr und mir ergoss sich in mich. Es fühlte sich warm und wunderbar an. Ein Gefühl von unendlicher Sicherheit und Geborgenheit, wie ein Kind im Schoß seiner Mutter. Aber es war ein einseitiges Gefühl gewesen, wurde mir nun klar. Deswegen war es eine rote Linie gewesen.
Nadja ließ mir nicht viel Zeit zum Nachdenken. Sie nahm einen nach dem anderen die Bauern vom Brett. Erst die schwarzen bis auf die kleine Zoja, dann die weißen. Danach die höherwertigen Figuren, wobei sie darauf bedacht war, sie in Gruppen vom Feld zu nehmen. Und zwar so, dass diejenigen unter uns, die durch starke Linien verbunden waren, nacheinander verschwanden. Leuchtende Kugeln sausten in alle Richtungen wie freigelassene Insekten, die man unter einem umgestülpten Glas gefangen gehalten hatte. Zielstrebig flogen sie in den Himmel.
Als nächstes nahm Nadja den letzten schwarzen Bauern vom Brett. Die kleine Zoja verband eine leuchtend weiße Linie mit ihrer Mutter und eine mit ihrem Vater. Sie kannte Edgar erst wenige Minuten aber sie liebte ihn schon mit kindlichem Eifer. Und Edgar liebte seine Tochter. Nur die Linie zwischen Edgar und Arina war rot.
Zoja verschwand als erste, dann folgte ihr Arina. Edgar sah zu mir herüber. Ich hob die Hand. Mach’s gut, alter Feind. Auch uns verband eine weiße Linie. Nicht sehr breit, eher ein dünner Faden, aber sie war bereits ausgebildet. Vielleicht spielen wir die nächste Partie zusammen, nicht gegeneinander. Aber selbst wenn nicht. Es ist nur ein Spiel.
Edgar lächelte glücklich und entspannt. Er erwiderte meine Geste. Hob seine Hand und löste sich in einen leuchten schwarzen Ball auf. Ein großer weißer und ein kleiner weißer warteten ungeduldig auf ihn. Alle drei zogen eine kurze Schleife und sausten dann gemeinsam davon.
Eine Welle überschwänglicher Liebe eines guten Freundes floss in mich. Sweta drückte meine Hand. Nadja griff nach einer weiteren Figur. Die weiße Dame.
„Halt. Einen Moment, bitte.“
Geser hatte den magischen Moment durchbrochen und die Stimme erhoben. Wie fehl am Platz Worte hier doch klangen.
Nadja hielt in der Bewegung inne und sah den Chef interessiert an. Geser suchte nach passenden Worten.
„Was ist mit Sebulon?“
Was sollte mit ihm sein? Ich wandte den Blick zu dem Chef der Dunklen. Er saß noch immer dort, wo er zu Boden gegangen war. Hatte die Beine an den Körper gezogen und die Arme darum geschlungen. Sein Kopf war gegen die Knie gepresst, das Gesicht nach unten gewandt. Sein Körper zitterte leicht und mir wurde bewusst, dass er weinte. Keine Linien gingen von ihm aus, keine Linien führten zu ihm hin.
„Er muss hier bleiben“, sagte Nadja. Und fast entschuldigend fügte sie hinzu, „Ich habe ihm gesagt, er soll netter zu den anderen sein. In der letzten Partie war er netter. Da hat Arina ihn mitgenommen und der kleine Iosif.“ Sie lächelte nachdenklich. „Der war süß.“
Sebulon wimmerte kaum hörbar aber in innerer Seelenqual. Ich verstand, wer der kleine Iosif gewesen sein musste: Sein Sohn, den er mit Arina gehabt hatte. In der letzten Partie war wohl einiges anders gelaufen. Aber wo genau war es in dieser für Sebulon falsch gelaufen?
„Ist das meine Schuld?“, wollte Sweta wissen. Mitleid war in ihr Gesicht geschrieben. Vermutlich das typisch weibliche Mitleid mit der geschlagenen Kreatur. Nun, mir tat der Chef der Dunklen auch ein wenig leid, aber er hatte es so verdient nach allem, was er getan hatte. Warum sollte Sweta daran Schuld sein?
„Wäre Arina zu ihm zurückgekehrt, wenn ich nicht“ – Sie zögerte. – „diesen Fluch gesprochen hätte?“
Ich sah irritiert zu Sweta. „Welchen Fluch?“
„Als Igor vor der Inquisition stand“, sagte sie fast tonlos. „Als er sich wegen Alissa Donnikowa dematerialisiert hat, da habe ich Sebulon gesagt…“
„…Möge dich niemals jemand lieben“, wimmerte Sebulon die Worte an ihrer Stelle. Den Kopf hatte er noch immer in den Knien vergraben als wage er nicht, einen von uns anzusehen. Als wolle er allein sein mit seinem Elend.
Ich erstarrte. „Und nun?“
„Jetzt muss er da bleiben“, wiederholte Nadja ihre Worte. „Und warten, bis wir wieder kommen.“
„Und wann wird das sein?“, wollte ich wissen.
„Na, wenn das nächste Spiel fertig ist“, sagte meine Tochter stumm seufzend über mein Unverständnis der Situation.
„Wie lange wird das dauern?“, schaltete sich Geser wieder ein.
Nadja zuckte mit den Schultern. „Wann ist das hier gemacht worden?“
Damit meinte sie wohl die Steinritzzeichnungen.
„Vor sechstausend Jahren“, sagte Geser fast tonlos.
Sechstausend Jahre? Mir stockte der Atem. Kam der unpassende Gedanke, dass es damals noch nicht einmal Schach als Spiel gegeben hatte. Der Schamane oder Weise, der diese Zeichnung gemacht hatte, hatte wohl keine Ahnung gehabt, was sie darstellte, außer dass sie magisch war.
Unpassend war der Gedanke deswegen, weil mich vielmehr die Zeit erschrecken sollte, die Sebulon hier verbleiben sollte. Ich hatte die zu Stein gewordenen Dunklen in Samarkand gesehen. Die Opfer von Gesers und Rustams Weißen Höhenrauch, deren Seelen und Verstand in Stein gebannt worden waren. Zweitausend Jahre lang. Ich hatte die verwitterten Felsen gesehen, die wahnsinnig flackernden Auren, armselige Überreste von Verstand. Aber sechstausend Jahre hier gebannt, alleine…
Sebulons haltloses Schluchzen drang mir ans Ohr. Er verstand es genauso wie ich, was das bedeutete. Ewige Einsamkeit bis zu dem gnadenvollen Moment, in welchem sein Verstand den Kampf aufgeben würde.
„Kann man nichts dagegen machen?“, wandte Sweta ein. „Ich könnte den Fluch zurücknehmen.“
„Zu spät“, drang es in einem gepressten Wimmern von Sebulon herüber. „Zu spät.“
„Nichts ist zu spät“, widersprach Geser energisch. Er wandte sich zu Nadja. „Bitte. Ich könnte es versuchen, wenn Du es erlaubst.“
Nadja sah ihn mit schiefgehaltenem Kopf an. Dann nickte sie. „Gut. Vielleicht bist Du inzwischen soweit. Aber wenn es nicht funktioniert, wenn er es nicht erwidern kann, wirst Du ebenfalls hier bleiben müssen.“
Sebulon wagte es leicht den Kopf zu heben. Rotgeweinte Augen und doch ein kleiner Schimmer ungläubiger Hoffnung.
„Nimm den Fluch zurück, Sweta“, sagte Geser und wandte sich an Olga. Sie hielten sich kurz an der Hand, sprachen flüsternd miteinander. Olga strich ihm liebevoll über die Wange. Ich wandte den Blick ab als sie sich küssten. Das war nichts für die Öffentlichkeit. Aber es war die letzte Gelegenheit – in diesem Leben auf alle Fälle.
Ich sah zu Sweta, die ihre Augen geschlossen hatte und hochkonzentriert tonlose Worte formte. Einen Fluch zu sprechen war verhältnismäßig einfach. Ihn zurückzunehmen oft unmöglich, wo möglich da äußerst kompliziert. Deswegen schärfte man uns immer ein, dass wir nicht fluchen sollen, schon gar nicht nachlässig.
Sweta öffnete die Augen und nickte. Sie wandte sich zu Geser, der zu uns herüber gekommen war und nickte erneut.
Geser zeigte uns ein zufriedenes Lächeln. „Danke Sweta“, sprach er meine Frau bei ihrem Kosenamen. Reichte ihr die Hand.
„Ich wünsche Euch alles Gute für das, was kommt“, reichte er auch mir die Hand. Beugte sich zu mir vor und raunte mir ins Ohr, „Wenn es nicht funktioniert, werdet Ihr Olga mit Euch nehmen. Die Linien sind stark genug. Aber untersteh Dich, sie mir in der nächsten Partie auszuspannen.“
Ich lachte trocken. Seinen Humor musste man haben. Aber den bekam man vermutlich erst, wenn man tausend Jahre in dieser Welt gesehen hatte.
„Auf Wiedersehen, Boris Ignatjewitsch“, sagte ich.
Geser wandte sich ab und ging zu Sebulon. Der kniete auf dem Boden, ganz still und ehrfürchtig.
„Nun, mein alter Feind?“, sagte Geser sanft.
Er ging Sebulon gegenüber in die Knie und ergriff seine Hände. Die Linie würde eine kurze sein. Vermutlich hatte Geser dabei einen Hintergedanke. Möglich, dass er sich nicht sicher war, ob sie es beide schaffen würden. Und schaffen mussten es beide. Eine einseitige Linie würde nicht ausreichen.
Das rote Aufflammen zwischen den beiden verriet mir, dass wenigstens einer von ihnen sofort die richtigen Gefühle hatte hervorbringen können. Ich tippte auf Geser. In Sebulons jetzigem Zustand hatte sogar ich Mitleid mit dem Dunklen und das wollte etwas heißen.
Als nächstes schlich leuchtendes Licht durch die Linie. Es zitterte unsicher, tastete sich durch den roten Strang. Sebulon hatte nur eine vage Vorstellung von den Gefühlen, zu welchen man in der Lage sein konnte, wenn man wirklich kompromisslos liebte. Aber er hatte es selbst gesagt: vom Hass zur Liebe war es nicht so weit.
Die kurze Linie erstrahlte in leuchtendem weißen Licht. Das war die dritte Stufe, die Stufe, die nicht einmal Thomas Lermont erreicht haben mochte, wohl aber darum wusste.
Die erste war das Erkennen von Licht und Dunkel, das Erkennen des Feindes auf der anderen Seite. Die zweite war das Verständnis für die andere Seite, Verständnis für den Feind, die Erkenntnis, dass er nicht viel anders war als man selbst, dass man ihn verstehen konnte. Die dritte aber war die Liebe zu dem eigenen Feind. Die letzte Stufe.
Nadja nahm Olgas Figur vom Brett. Ich registrierte es nur, weil sich der Lichtstrang, der mich mit ihr verband, kappte und das Licht in mich floss wie in sie. Verständige Liebe, das Gefühl, einander zugeneigt zu sein, wie Schwester und Bruder. Bis bald, meine Partnerin. Bis bald.
Olga löste sich in eine weiße Kugel ihrer eigenen Aura auf. Nadja nahm den weißen König vom Brett und Geser folgte ihr. Der schwarze König. Sebulon löste sich auf.
Zwei weiße Kugeln schossen davon, eine schwarze drehte ausgelassen einen Looping um sie herum und überholte sie dann. Frei und verspielt.
Und dann schoss das Licht von Sweta und Nadja in mich hinein. Ich sah erschrocken zu meiner Tochter, die verstehend lächelte und den weißen Springer in der Hand hielt. Einen Augenblick lang war ich traurig, dass wir uns nicht verabschiedet hatten, doch im nächsten Moment wusste ich es besser. Im nächsten Moment war ich das Licht. Alles in mir war gut und voller Freude.
Was hatte Sweta gesagt? Acht Jahre waren zu kurz gewesen? Ach, Sweta. Acht Jahre? Wir hatten nicht nur acht Jahre. Wir hatten bereits Äonen. Wir haben es nur vergessen. Aber wir werden weitere Äonen haben. Das Universum ist voller Möglichkeiten. Unendlich viele Partien warteten darauf, gespielt zu werden und jede ist ein wenig anders als die letzte oder auch viel anders. Und jede ist interessant und jede ist es Wert gespielt zu werden.
Vorfreude packte mich, als ich verstand, dass es weiter ging und immer weiter gehen würde. Ich sah auf die letzte Partie zurück. Oh, da würde ich noch viel anders machen können. Ein inniger Wunsch für die nächste Partie, meine große Tochter? Ein inniger Wunsch? – Wie wäre es mit einer Partie ohne Magie. Einfach einmal ein Mensch sein. Zwischendurch. Eine kurze Partie. Nur ein Leben lang.
Sweta sauste um mich herum. Eine lebensfrohe Lichtkugel aus geballter Aura. Dann schoss Nadja zwischen uns hindurch. Ein greller Lichtball, einem Kometen gleich. Ha, was hatte sie es eilig. Warte nur, kleines Fräulein, nicht so schnell. Auch wir haben es eilig. Kann jemand die Figuren stellen? Eine interessante Partie, bitte. Wir mögen es interessant. Deswegen ist die Welt so komplex.
Wie umgekehrte Sternschnuppen schossen wir davon. Über dem Fjord schob sich die Sonne über den Himmel. Wind wehte vom Wasser herüber.
Ein neuer Tag begann für die Menschen dieser Welt. Die Anderen waren gegangen, aber die Menschen blieben und die Welt würde noch lange bestehen. Bis zum letzten Tag war es für sie noch ein weiter Weg.

Gehen die Kühe von Gowries an Land,
ist der Tag des letzten Gerichtes zur Hand.


So hatte es Foma einst prophezeit, Thomas Lermont, Thomas Rhymer, den die Menschen nur als mittelalterlichen Barden kennen und als Propheten. Die Kühe von Gowries, die beiden Felsen im Mündungsarm vor Invergowrie, sie bewegen sich langsam auf das Land zu. Sehr langsam. Wenige Millimeter sind es im Jahr.
Die Menschheit hat noch eine lange Zeitspanne, um ihr Spiel zu beenden und bis dahin zu lernen, ihre Feinde zu lieben.
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