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Wächter der Könige

GeschichteAllgemein / P12
"Geser" Boris Ignatjewitsch Anton Gorodezki Arina Nadja Edgar Sebulon Swetlana Nasarowa
26.07.2010
23.08.2010
10
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26.07.2010 1.232
 
Irgendwo habe ich einmal eine Theorie gelesen, dass Frauen gerne einkaufen, weil es sie an ihre Existenz als Sammler aus grauer Vorzeit erinnert. Es muss da einen Ur-Instinkt geben, der ihnen sagt, dass sie nach interessanten Beerensträuchern am Wegesrand Ausschau halten müssen. Und wenn man keine Beeren mehr benötigt, dann halt nach Schuhen, Kleidern oder anderen lebensnotwendigen Dingen, die man noch nicht in vierfacher Ausführung zu Hause herumstehen oder –hängen hat.
Männer hingegen sind bekanntlich eher Jäger als Sammler. Und Schuhe kann man genauso schlecht jagen wie Beeren. Oder haben Sie schon einmal einen Mann in einem Schuhgeschäft gesehen, der sich geduldig an ein paar Halbschuhe herangepirscht hat, dann hinter einem Regal mit Sandalen hervorspringt und die flüchtenden Halbschuhe kurz vor dem Ausgang des Ladens zur Strecke bringt? Nein, natürlich nicht. Allerdings, vielleicht würden Männer dem Einkaufen etwas abgewinnen können, wenn es so wäre.
Aber so war ich nicht einmal unglücklich als das Handy klingelte, während Sweta mit einer rosa Kindersandale in der einen und einem farblich dazu passenden Flip-Flop in der anderen dastand und nachdenklich zu Nadja sah, die auf einem Hocker saß und mit den Zehen in der zweiten der rosa Sandalen wackelte.
Rosa, diese Farbe musste die modernen Beerensammlerinnen irgendwie ansprechen. Ich persönlich kann rosa Sandalen wenig abgewinnen, weder an Nadjas noch an Swetas Füßen, aber meine beiden Frauen fanden sie wohl ganz entzückend.
„Grüß Onkel Geser von mir“, rief Nadja von ihrem Hocker zu mir herüber, während ich den Anruf annahm.
Schon bevor sie initiiert worden war, hatte meine inzwischen achtjährige Tochter weitaus größere magische Talente gezeigt als Sweta oder ich. Zu wissen, wer am anderen Ende der Leitung ist, wenn das Telefon klingelt, hatte ich erst mit meinem zweiten Grad gelernt und selbst dann hatte es nicht immer funktioniert. Nadja als absolute Null-Magierin hingegen wusste es so selbstverständlich wie andere Leute nach einem Blick auf das Display.
Ich nahm den Anruf entgegen. „Ja?“
„Anton“, begann der Chef ohne weitere Worte. „Habt Ihr fünf Minuten?“
Vermutlich war es eine höfliche Floskel. Würde der Chef davon ausgehen, dass ich keine fünf Minuten hätte, würde er nicht anrufen.
„Jetzt?“, wollte ich dennoch wissen.
„Ja, jetzt. Aber von mir aus auch nachher“, knurrte Geser. „Ihr müsst kein Portal ins Büro stellen. So sehr eilt es auch nicht.“
„Wir sind einkaufen“, sagte ich. „Schuhe für Nadja. Aber wenn es dringend ist…“
Einen Augenblick herrschte beiderseitiges Schweigen, das Schweigen zwischen zwei männlichen Leidensgenossen. Vermutlich klang meine Stimme gequält genug, dass der Chef den Wink verstand. Vielleicht brauchte er aber auch gar keinen Wink.
Ich versuchte mir den großen Geser vorzustellen, wie er mit unterdrückter Anspannung und einem gequälten Gesichtsausdruck neben Olga stand, die Arme hinter dem Rücken verschränkt und seiner Freundin dabei zusehend, wie sie das fünfte Paar Stiefeletten anprobierte, wie sie abwägte, ob die braunen besser aussahen als die schwarzen, hier der Absatz nicht zu hoch war oder jenes Paar nicht doch etwas zu breit wirkte. In diesen Momenten wünschte sich vermutlich selbst der höchste Lichte, mit einer Handvoll Fireballs…
„Besser wäre jetzt“, sagte der Chef.
Damit hatte er bei mir etwas gut. „Dann komme ich gleich vorbei.“
„Gut. Noch besser wäre es aber, wenn Du zudem Swetlana mitbringen könntest.“
Sweta sah von Nadja und den rosafarbenen Schuhen auf. Ihr fragender Blick verriet, dass sie zwar nicht wusste, worum es ging, aber durchaus erkannt hatte, dass sie dabei eine Rolle spielte.
Ich senkte das Mobiltelefon und presste es gegen meinen Oberschenkel mit der Muschel nach unten. Natürlich gab es eine Mute-Taste für solche Zwecke, aber ehrlich gesagt, wenn Geser wirklich hören wollte, was wir gerade sprachen, wäre es ohnehin kein Problem für ihn gewesen mitzuhören. Wozu also der Aufwand?
„Der Chef will mich gleich im Büro sprechen“, erklärte ich und suchte die passenden Worte. „Und er würde sich freuen, wenn Du mitkommen könntest.“
Sweta zog eine Augenbraue hoch. Nachdem Nadja vor zwei Jahren initiiert worden war, nachdem ich mit meiner kleinen Tochter zusammen die verschiedenen Schichten des Zwielichts vereint hatten - kurz, seit unsere Tochter eine initiierte Andere war, hatte ich erwartet, dass Sweta wieder in die Wache eintreten würde.
Ihre Tochter war immerhin jetzt eine von uns, wusste genau, worum es in dieser Welt ging und niemand gewann mehr etwas, wenn eine hohe Magierin wie Sweta weiter zu Hause saß, während selbst ihre Tochter…
Aber meine Frau hatte sich beharrlich dagegen gesperrt, ebenso wie dagegen, dass Nadja in der Wache ausgebildet wurde. Auch das Argument des Chefs, dass selbst Julia schon als Kind in der Wache gewesen war, ohne dass es ihr geschadet hätte, zog da nicht.
„Ist es etwas Dringendes?“ Sweta zögerte und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. „Natürlich ist es etwas Dringendes.“
Wirklich ganz ausgesöhnt hatte sie sich nicht mit Geser, nachdem sich dieser ihrer Meinung nach zu sehr in ihr und vor allem Nadjas Leben eingemischt hatte, aber sie wusste die Sache selbst von ihren Gefühlen zu trennen. Sie war nun einmal eine lichte Magierin und im Grunde war sie irgendwie doch immer noch Teil der Wache.
„Kann ich mitkommen?“, erkundigte sich Nadja und schnappte sich von ihrer Mutter die zweite rosafarbene Sandale, um sie über ihren Fuß zu streifen und vor dem Spiegel ein paar Schritte zu laufen. Ich konnte mir schon lebhaft vorstellen, wie die Kleine zu einer hinreißenden Frau heranwachsen würde. Wie konnte es sein, dass die Zeit so schnell verging?
„Nein.“
Sweta und ich hatten das Wort gleichzeitig ausgesprochen und keines der beiden ließ den geringsten Zweifel daran, dass dieses Nein ein Nein bedeutete. Sweta war überhaupt nicht begeistert von der Vorstellung, dass Nadja eines Tages vielleicht der Wache beitreten würde, während ich die Sache realistischer sah. Vermutlich war das einzige, was in dieser Beziehung noch verhandelbar war, wann es soweit sein würde.
„Onkel Geser meint aber, ich dürfe mitkommen.“ Nadja gestikulierte zu dem Handy, das ich immer noch gegen mein Bein gedrückt hielt.
Eilig hob ich das Telefon ans Ohr. „Hallo?“, konnte ich Gesers Stimme mit einer Mischung aus unterdrückter Ungeduld und Missbilligung meines Verhaltens hören.
„Ja. Tut mir leid, wir haben grad darüber diskutiert, ob…“
„Bringt sie doch einfach mit“, sagte der Chef. „Sie kann vorne bei Bär sitzen und einen Tee trinken oder bei den Damen aus der Buchhaltung eine Partie Solitäre auf dem Computer spielen.“
„Aber“, wandte ich ein.
„Jetzt hör mal, Anton.“ Der Chef war klang gequält. „Was glaubst Du, kann Ihr bei uns im Vorzimmer zustoßen?“
Ich überlegte kurz. Ein Vampir, der sich in der Tür geirrt hat und vor Nadjas Augen von Semjon zur Strecke gebracht wird? Unwahrscheinlich. Sebulon, der zum Tee vorbeikommt und Nadja dumme Flausen einflüstert? Auch unwahrscheinlich, wenn auch nicht unmöglich.
Ich sah zu Sweta. Schließlich zuckte sie mit den Schultern. Vermutlich dachte sie gerade etwas ähnliches wie ich. Außerdem bestand die Alternative lediglich darin, nach Hause zu fahren, Nadja abzusetzen und dann ins Büro zu fahren. Weder Sweta noch ich mochten den Gedanken, eine junge Null-Magierin alleine zu Hause sitzen zu haben. Dann doch lieber im Büro, aber nur eine Tür von uns entfern. Seltsam, aber so sind Eltern nun einmal.
„Gut“, sagte ich. „Aber bringen Sie sie nicht auf dumme Gedanken.“
„Für wen hältst Du mich?“, erkundigte sich Geser demonstrativ gekränkt.
Ich verzichtete lieber darauf zu antworten, sondern legte auf.
„Ich mag die Flip-Flops haben“, sagte Nadja, während sie kritisch die rosa Sandalen an ihren Füßen musterte. „Aber nur, wenn sie die auch in Rosa haben.“
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