Scharlachrot

von Noctifer
KurzgeschichteMystery, Horror / P12
25.07.2010
25.07.2010
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Anmerkung:
Vielen lieben Dank an B-chan für die schnelle und hervorragende Beta-Arbeit!

Scharlachrot

Es begab sich in einer Zeit, in der der rote Tod seine wundbefleckte Hand nach all jenen ausstreckte, die seinen Weg kreuzten, in der ein junger Mann sich vor dem Grauen flüchtend in einen stillen Wald inmitten der Berge zurückzog.
In einer Hütte, kaum drei auf drei Meter, verharrte er wartend, auf dass König Pest seine Gier auf Schmerz und Leid stillte und an seinem Land vorüberzog, nicht ohne seine Saat in alle Winde zu verstreuen, auf dass sie blühte und gedieh. Viele Überlebende, deren Familien entzweigerissen und fast gänzlich ausgelöscht worden waren, würde das Wissen um ihr eigenes Leben und den Tod ihrer Geliebten in den Wahnsinn und, wenn der Schnitter sich gnädig zeigte, in den Tod treiben.
Er hatte sich tief in die Berge, in die Stille und Einsamkeit, zurückgezogen, mit nichts weiter als dem, was er am Körper trug. So verkommen sie auch war, die Jagdhütte seines Vaters, so bot sie einen Zufluchtsort vor dem, was der Junge mehr fürchtete, als das Wild, das er aus der Ruine hatte vertreiben müssen. Der Herzog hatte seinem Vater, einem passionierten Jäger, der ihm lange und gut gedient hatte, als Dank eben jenen Flecken Land geschenkt. Nachdem seine Augen ihm Streiche gespielt hatten, ein Reh dort zeigten, wo keines war, und Hasen mit der Landschaft verschmelzen ließen, hatte sein Vater den Herzog verlassen wollen. Dieser aber, nach hunderten gemeinsamer Jagdausflüge, nach fetten Beuten und mageren Jahren, in seiner gesamten tiefen Verbundenheit, hatte ihn nicht ohne weiteres ziehen lassen. Der gute Herzog hatte ihm einen Ort gegeben, von dem er selbst sagte, dass er ihn "nah am Paradiese" wähnte. Doch er kam nicht mehr dazu, das irdische Paradies zu genießen; Während eines Fiebertraumes nahm Freund Hein ihn mit sich auf die letzte Reise. Kurz darauf verstarb auch seine Mutter an gebrochenem Herzen, wie er glaubte.

In den letzten Wochen hatte er notdürftig das Dach geflickt, den steinernen Kamin abgedichtet und während seiner langen Wanderungen durch die endlos scheinenden Wälder Feuerholz gesammelt. Als Sohn eines Jägers war es ihm ein Leichtes gewesen, kleinere Fallen aufzustellen, und schon am ersten Tag hatte er ein fettes Kaninchen in der Schlinge vorgefunden, das sich mit letzter Kraft gewehrt hatte. Die Qual des Tieres war ihm keine Freude, er beendete sie schnell und brach ihm das Genick, bevor er es aus der Schlinge zerrte.
Geübt zog er ihm das Fell ab, entfernte das restliche Fett und trocknete es in der Sonne. Salz, um das Fleisch zu Pökeln und haltbar zu machen, hatte er nicht, weshalb er auf anderem Wege versuchte, sich einen kleinen Fundus anzulegen; Er briet das Fleisch aus und verscharrte es in einem Eisentopf unter der Hütte, wo es auch während der Hitze des Sommers kühl lagerte. So, glaubte er, würde das Fleisch länger genießbar bleiben.
Die Tage verstrichen, doch keinen Tag verbrachte er im Müßiggang; er sammelte Pilze, von denen er wusste, dass sie genießbar waren, und trocknete sie, um seinen Bestand aufzustocken. Auch Kräuter, darunter Salbei und Kamille, die seit jeher als Heilmittel galten, fanden ihren Weg in die Grube unter der Hütte. Rund um das kleine Haus stapelte er Holzscheite, die er mit dem stumpfen Beil seines Vaters, das kaum noch ein Blatt durchtrennen konnte, in kraftraubenden Stunden aus alten und umgefallenen Bäumen schlug. Durch das Holz, so hoffte er, würde nicht nur das Feuer seiner Stätte genährt, sondern auch die morschen Balken vor schwerem Schneefall schützen. Der Fluss versorgte ihn mit Wasser, dessen Quelle nur wenige Stunden entfernt aus dem Berg entsprang. Auch kleinere Fische tummelten sich im Flussbett, von denen er nach unzähligen mühseligen Versuchen einen zu fassen bekam.

Die Tage verstrichen in Schweigen und Einsamkeit. Nicht selten hatte er das Bedürfnis nach Gesellschaft, die mehr war, als ein einzelner Rabe, dessen raue Rufe ihn Tag für Tag begleiteten. Doch er zog die Vereinsamung der Nähe des roten Todes vor und verbannte jeden Gedanken über die Dauer seines Exils. Ebenso über den stetig näher rückenden Wintereinbruch, der ihn von seiner Wahl befreien und in der Ödnis gefangen halten würde. Der Winter würde Schwäche bringen und der rote König würde erneut auferstehen, doch im Frühling, darauf lag seine Hoffnung, würden die Letzten fallen und er sich zurückziehen müssen. Der süßlich faulige Geruch des Todes würde sich klären und wenn die letzten Kadaver verbrannt waren, würde auch er aus den Wäldern zurückkehren können.

Wann genau es begann, das wusste er nicht mehr. Vielleicht an jenem Abend, an dem er den ersten Schatten zwischen den Bäumen geglaubt hatte zu sehen und seine vorsichtigen Rufe ungehört von jedem Menschen zwischen den Bäumen verhallt waren. Noch immer war er sich nicht sicher, ob ihm seine Augen oder sein Geist einen Streich gespielt hatte.
Vielleicht nur der Schatten des Raben, dachte er bei sich, dem er oftmals aus Dankbarkeit für seine Stimme und ein wenig, wenn auch kaum tröstlicher Gesellschaft, Stücke seiner Beute hinwarf.
Vielleicht war es nur ein verirrtes Reh gewesen oder ein Wolf, der vom Schein des Feuers angezogen, neugierig auf den Fremdling in seinem Wald lauerte. Seine Armbrust lag nie weit von ihm entfernt, stets schussbereit, doch die Wölfe hielten sich fern von ihm, genau wie er auch ihre Höhlen und Wege mied.
Nach Anbruch der Nacht vermied er es, seine Hütte zu verlassen, er hörte die Wölfe heulen, mal nah, mal fern, hörte wie sie die Bäume in den Wogen des Windes bogen und den Fluss in der Ferne wispern. In jener Nacht kam noch ein anders Geräusch hinzu, dem er atemlos lauschte, von dem er nicht wusste, ob er es sich einbildete. Ein Wispern, leise und fast nicht zu unterscheiden vom sanften Rauschen des Baches. Ein sanfter SingSang, der sich dem Gesang der Nacht anschloss. Die Nachtigall sang, die sachte Stimme sang mit ihr. Die Stimme des Raben brach sich an den Bäumen, die leise Stimme antwortete. Wölfe, nah und fern, heulten im einigen Chor - und die Stimme mit ihnen. Selbst zwischen dem Gequake hunderter Frösche glaubte er die Stimme zu hören.
In den folgenden Nächten gaukelte ihm seine Wahrnehmung weitere Schatten vor, nicht nur zwischen den Bäumen, sondern auch nah am von ihm mühselig angelegten Kräutergarten. In der Abenddämmerung, als er am Bächlein stand und seine Schale für die Nacht füllte, sah er in der silbernen Spiegelung des Wassers einen Schatten hinter sich, der ihn so sehr erschreckte, dass er die hölzerne Schale in den Bach fallenließ. Nur mit Müh und Not, nicht ohne seine dreckig löchrigen Leinenschuhe komplett zu durchtränken, gelang es ihm, dem Bach sein Eigentum zu entreißen.
So schnell ihn seine Beine trugen lief er zurück, in den trügerischen Schutz, der ihm die morsche Hütte versprach.
Zu dunkler Stund' um Mitternacht, horchte er noch immer dem Gesang der Nacht und ihm war, als ob die Stimme näherkam. Trotz des warmen Feuers und des milden Spätsommers fröstelte es ihn. Er zog sich unter seine Decke aus Hasenfell zurück, wohin ihm auch der kalte Schauer folgte.

In den nächsten Wochen hörte er das Wispern, von dem er sich, ohne genau zu wissen weshalb, sicher war, dass es sich um eine Stimme handelte. Nacht für Nacht. Mal näher, dann wieder ferner, manchmal sogar, als würde sie direkt neben seinem Ohr erklingen.

"Der nächtlich' Gesang, der wird es sein,
der Wind singt für mich im fahlen Schein,
der Wind ist's ohn' Zweifel, der Wind allein."

Zu Beginn des Herbstes, des endenden Jahres, war er sich sicher, dass ihm seine Sinne streiche spielten. Die Schatten, von denen er mittlerweile glaubte, dass sie ihm durch den Wald folgten, erschreckten ihn nicht mehr. Bei der Jagd, am Bächlein und beim Sammeln des Holzes waren sie ihm stille Gesellschaft und als die Blätter ihr Sterben durch prächtige Farben zeigten, begann er mit den Schatten zu sprechen.
Bei der Jagd ermahnte er sie still zu sein und glaubte zu spüren, wie sie sich hinter die Bäume zurückzogen. Die Schatten waren nicht mehr, als ein dunkler Tagtraum, doch die Einsamkeit forderte ihren Tribut. An manchen Tagen fürchtete er verrückt zu werden, wenn er mit den Schatten, seinem Raben oder mit seiner blutigen Beute sprach, doch dann entsann er sich, dass manche weise Männer die völlige Stille gesucht hatten, um dort mit ihren Patronen zu sprechen. Vielleicht waren die Schatten seine Patrone? Heilige oder Geflügelte, die über ihn wachten, das redete er sich immer und immer wieder ein, wenn er bemerkte, dass ihm jemand oder etwas Gesellschaft leistete. Vielleicht ein Waldgeist, sagte er sich, vielleicht ein Gespenst oder die Seele des Waldes selbst. Er sah sie nie direkt, niemals so, dass er wirklich einen Verfolger erfassen konnte, nur immer als Ahnung, die er spürte, selten auch aus dem Augenwinkel.

Bei Anbruch des Winters blieb kein Zweifel: Er war nicht allein. In manchen Momenten schämte er sich ob seines zerrissenen und schmutzigen Gewandes, seiner verdreckten Haare und seines unrasierten Gesichtes. Zornig schrie er in den Wald, blieb an manchen Tagen auch still in der Hütte und beobachtete durch einen schmalen Spalt, ob er den Eindringling zu stellen vermochte, doch er sah nichts als eine dunkle Ahnung.
Die Tage wurden kürzer, die Nächte länger, die Kälte kroch ihm in die Glieder und lähmte seine Bewegungen. Nur noch selten schaffte er es, einen Hasen oder ein Reh zu erlegen, oftmals musste er sich von den Früchten, Nüssen und Pilzen ernähren, die er während des Sommers gesammelt und getrocknet hatte. Wie lange er in der Einsamkeit harrte, vermochte er nicht zu sagen. Der rote Tod war über seine Stadt gekommen, als die ersten Knospen der Bäume ihre Köpfe gestreckt hatten. Der rote Tod war kein Fremder; Gerüchte verbreiteten sich schneller als die Pest, tränkten die Gedanken jener, die sie zu Ohren bekamen, mit Angst und Verzweiflung.
Zu dieser Zeit war er, ohne sich noch einmal umzudrehen, in die Wälder aufgebrochen.

Obwohl er den Flammen seiner kleinen Feuerstelle genug Nahrung bot, griff die klirrende Kälte mit eisig langen Fingern nach ihm. Ein Tag, der von Stille und Einsamkeit geprägt war wie jeder davor, neigte sich dem Ende, als er den letzten Holzscheit ins Feuer warf. Gierig fraß sich das Feuer in das Holz, knackte den Scheid und züngelte die Maserung entlang, als er aufstand, um für die Nacht vorzusorgen. Das Zischen des Feuers, das erklang, als das Holz sich spaltete, das Knarren der windschiefen Türe und der Gesang des Waldes; es war ein vertrauter Klang in seinen Ohren, so vertraut wie das Rufen seiner Mutter in seiner Kindheit. Unter seinen Schuhen, die er mit Fell gefüttert und länglich schmalen Hölzern als Sohlen ausgestattet hatte, knirschte der Schnee. Eisig brannte die winterliche Luft in seinem Gesicht, seinen Lungen und ließ ihm die Augen tränen. Mit schnellen Bewegungen griff er das Holz, stapelte es auf seinem Arm - und erstarrte. Aus dem Augenwinkel sah er einen Schatten, doch diesmal fest und greifbar, als wäre es eine Person, die dort neben ihm stand.
Langsam drehte er den Kopf, ließ das Holz fallen und stieß einen spitzen Schrei aus; Es war kein Schatten, der nur wenige Schritte entfernt am Waldrand stand, sondern eine große, schlanke Person, deren Gesicht im Dunkeln lag. Ein einzelner Rabe stob zornig kreischend ob der Störung in den Nachthimmel auf. Den Raben sah er nimmermehr.
Das Grauen packte ihn, als die hochgewachsene Gestalt langsam auf ihn zuschritt. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, viel zu laut in seinen Ohren, er glaubte es bersten zu spüren und sank gegen das morsche Holz.

"Bei Gottes Gnade beflehe ich dich,
Ob Tier, ob Teufel, verschone mich!"

"Sei kein Narr und fürcht' mich nicht,
die Kälte trieb zu des Feuers warmen Licht."

Eine sachte Stimme, die jegliche Furcht von ihm warf, erklang unter der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze.

"Verzeiht, mein Fräulein, verzeiht mein ungebührliches Verhalten,
verzeiht mein Frohsinn lachend Herz, zu ungestüm und ungehalten."

Vorsichtig führte er sie durch die klapprige Türe und verneigte sich erneut, als ihm sein Aufzug gewahr wurde. Wie ein Wilder musste er aussehen, mit wucherndem Bart, zerrissenen Hosen und lose zusammengeflicktem Fell, das bestialisch stank. Ihr Mantel hingegen wirkte makellos sauber von kräftigem Schwarz. Zu seinem Erstaunen hatten sich auch am Saum, der auf dem Boden ruhte, keine schlammigen Ränder des schmutzigen Waldbodens gebildet. Neugierig versuchte er einen Blick unter die Kapuze zu erhaschen, sah jedoch nur im hellen Schein des Feuers dunkle Schatten auf blassen Wangen tanzen. Den Bruchteil eines Wimpernschlages, zu lang, um zu zweifeln, zu kurz, um gewiss zu sein, fasste er einen Blick auf graue Augen, klar und durchdringend wie fahles Mondlicht, das sich auf ebener, eisiger Fläche brach.

"Mein Fräulein, verzeiht, ich begreife nicht,
Ihr wandelt des Nachts, im fahlen Licht?"

"Ich bin ein Freund der nächtlichen Stund',
ich bin der dunkle Vagabund.

Der Grimm bin ich, der schwarze Hund."

"Das kann nicht sein, in Teufels Namen!
Habt Erbarmen, habt Erbarmen!"

"Erbarmen ist mir fremd, mein Freund.
Schmerz ist es, der meine Wege säumt.

Eure Schwester traf ich vor vielen Jahren,
heute liegt sie im Boden begraben.
Für euren Vater, als sein Herz verstummte,
war ich es, der des Todes Lied für ihn summte.
Eure Mutter folgte ihm mit schnellen Schritten,
da hatt' ich Erbarmen und habe den Faden geschnitten.

Als ich kam, euch alle zu holen,
da hattet Ihr Euch davongestohlen!
Feige seid Ihr, voll Angst und Lügen,
Ihr wolltet den König um Eurer Leben betrügen.

Eure Frau kämpfte ohne Furcht und Scheu,
Lenor, Lenor, starb der Liebe ihres Kindes treu.
Dein Kind, mein schreckensbleicher Vater,
starb' schreiend unter Schmerz und Marter.

Der scharlachrote König, er fordert Euer Leben,
doch keine Sorge, ihr habt es mir bereits gegeben.
Euer Herz steht still, macht keinen Schlag,
es hat Euch seinen Dienst versagt.
Kein Schmerz, ich schwör‘s, wird Euch noch plagen,
oder spürt Ihr die Ratten, die bereits an Euch nagen?

Folgt mir, mein Freund, ins dämmrige Rot.
Hier hält Euch nichts, weder Kälte, noch Tod."
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