Nur jetzt

GeschichteDrama / P16 Slash
Die deutsche Nationalmannschaft
19.07.2010
19.07.2010
1
4288
 
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
18 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Titel: Nur jetzt
Altersfreigabe: PG16-slash
Beta: TheBlueLady – danke, Süße!


Discaimer: die dargestellten Personen kenne ich weder persönlich, noch nehme ich mir heraus, zu wissen, wie sie denken oder handeln würden. Es liegt nicht in meiner Absicht, Persönlichkeitsrechte zu verletzen oder jemanden zu verleumden. Bezüge zur Realität sind natürlich beabsichtigt, entsprechen aber meiner persönlichen Interpretation und ich erhebe keinen Wahrheitsanspruch. Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte.


Inhalt: Südafrika 2010. 0:1 gegen Spanien. Du kauerst am Boden. Und niemand kann dich wieder aufrichten, außer mir.


Anmerkung: entsprungen ist dieser Oneshot meinen Gefühlen nach dem Halbfinale und vor allem Bastians Anblick, wie er regungslos am Boden kauert. Die Geschichte war mehr oder weniger sofort da in meinem Kopf, und komischerweise auch mit ihm und Lukas in den Hauptrollen – ohne, dass mir vorher auch nur bewusst gewesen wäre, wie viele Stories es zu den beiden gibt und ohne, dass ich eine der hier veröffentlichten gelesen hätte. Im Nachhinein muss ich zugeben: warum zum Teufel bin ich nicht schon vorher auf dieses Paar gekommen??? ^^  


Ich hoffe, euch gefallen meine kleinen Gedanken zu den beiden, auch wenn sie … hm … ein bisschen anders sind als das meiste, was man hier zu ihnen findet. Und normalerweise bin ich sehr pingelig, was das Vermischen von Wahrheit und Fiktion angeht, aber hier konnte ich leider nicht mehr herausfinden, was nach dem Spiel genau passiert ist. Beim Public Viewing haben sie kurz nach dem Abpfiff ausgeblendet … man möge mir also verzeihen :)


Viel Spaß wünsche ich euch und über ein kleines (oder großes ;) ) Review würde ich mich wahnsinnig freuen!



~*~


Nur jetzt


~*~



Der Moment, in dem der Pfiff ertönt, ist leer. Die Minuten vorher, der Kampf, der unbedingte Wille – vorbei. Da ist nichts. Augenblicke, in denen alles still steht. Reiner Schock. So lange, bis sich Sekundenbruchteile später alles andere mit einer solchen Wucht Bahn schlägt, dass ich strauchle, stolpere.

Nicht-wahr-haben-Wollen.

Unglaube.

Entsetzen.

Fassungslosigkeit.

Alles auf einmal, so schnell hintereinander, kaum zu unterscheiden, kaum auszuhalten in der Gewalt, mit der die Gefühle auf mich einprasseln.

Dann, mit einer stechenden, schmerzhaften Klarheit, mit einer Heftigkeit, die mir beinah den Boden unter den Füßen wegzieht, die Erkenntnis, dass es zu Ende ist.

Wieder.

Endgültig. Aus und Vorbei.

Der Jubel der anderen, ihr Lachen, die Rufe der Fans – wie ein Schlag ins Gesicht.

Warum sie???

Warum nicht … wir …

Der Gedanke ist kalt, taub. Wie in Trance gehe ich über den Rasen, ungläubig, als wäre ich in Watte gepackt. Mit zitternden Händen, die ich zu Fäusten balle, um es zu verbergen. Noch immer weigert sich mein Kopf, wirklich zu begreifen.

Vorbei … schon wieder … mit nichts am Ende …

Eine Hand auf meiner Schulter lässt mich zusammenfahren, ich hebe den Kopf, finde den gleichen Unglauben, dieselbe Leere im Blick meines Kapitäns. Er zieht mich an sich, umarmt mich, ohne, dass ich seine Umarmung erwidere. Steif bin ich in seinem Griff, zu unwirklich fühlt sich alles an, zu apathisch fühle ich mich, um seinen Trost anzunehmen.

Ich kann nicht …

Mein Blick flackert über den Platz, als ich mich von ihm löse, sucht etwas … irgendetwas … sucht … Hoffnung. Irrsinnige Hoffnung auf jemanden, der „Aufwachen!“ schreit. Findet doch nur jubelnde Spanier, tanzende Fans – und versteinerte Gesichter, langsame Schritte, fassungslose Gesten.

Und dann findet mein Blick dich.

Am Boden, den Kopf auf den Rasen gesenkt. Verkrampft, angespannt, am Ende. Genauso entsetzt, wie wir alle.

Der Stich, der mich jetzt durchzuckt, hat nichts mit unserer Niederlage zu tun. Nur mit dir.

Du warst der Beste. Du hast uns hierher gebracht. Du hättest es verdient, noch mehr als alle anderen.

Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, in der ich dich einfach nur anschaue, den Trost beobachte, den man dir zu schenken versucht. Und weiß doch, dass er dir genauso wenig bringt, wie mir. Nicht jetzt. Nicht, wenn alles in uns immer noch „NEIN!!!“ schreit.

Ohne es bewusst entschieden zu haben, gehe ich zu dir, wie durch dichten Nebel dringt der Jubel, der uns gehören sollte, an mein Ohr, teilnahmslos gebe ich mein Trikot weiter, ziehe das meines Gegenspielers an.

Wie Hohn.

Hättest du dieses Trikot getragen, stündest du im Finale …

Diese innere Stimme, so ätzend, so zerstörerisch. Sie macht den Weg frei für die anderen Gedanken.

… ausgespielt …

… zu langsam …

… feige …

… nicht gut genug …

Sie kommen erst zum Stillstand, kreisen erst dann nicht mehr wie eine mich immer tiefer ziehende Spirale in meinem Kopf, als ich mich neben dich hocke und meine Finger deine Schulter berühren. Du zuckst zusammen, schaust mich an. Da ist nichts als Leere. Stumme Qual. Nicht-Begreifen-Wollen.

Warum???, fragt dein Blick, so flehend, dass mir eiskalt wird. Die innere Stärke, deine Gelassenheit, dein Stolz – spurlos verschwunden.

„Komm‘ mit“, fordere ich leise, ziehe dich auf die Füße.

Doch du entreißt mir deinen Arm, wendest dich ab. Dein Trikot wechselt den Besitzer, aber du ziehst das gegnerische nicht an, läufst nur immer weiter.

Den Platz nicht zu verlassen bedeutet, dass es nicht wahr ist.

Ich warte. Warte und warte. Bis nur noch wir beide übrig sind. Wir und die Freude der anderen.

Du drehst dich zu mir um, dein Blick findet meinen.

Ist es wirklich vorbei?, fragen deine Augen. Zum dritten Mal, so kurz vor dem Ziel?

Die Frage schnürt mir die Kehle zu, zerstört mit einem Schlag die Fassungslosigkeit, das Weigern, das Davon-Laufen. Lässt nur noch Platz für den bitteren, tauben Schmerz, der jedes Nicht-Wahrhaben-Wollen zunichtemacht.

Ich nicke.

Und in deinen Augen zerbricht genau das Gleiche, wie in meinen.


****

Gespenstische Stille ist es, die uns empfängt, als wir schließlich in die Kabine kommen. Du setzt dich auf deinen Platz, lässt den Kopf gegen die Wand sinken. Die Augen leer, starr, ebenso ins Nichts gerichtet, wie bei allen anderen.

Ich weiß, dass wir alle immer und immer wieder den gleichen Film abspulen, sich alles immer und immer wieder wiederholt.

Hätten wir uns nicht einschüchtern lassen …

Wäre unser Respekt nicht so groß gewesen …

Könnten wir doch nur noch mal von vorne anfangen …

Hätten, wäre, könnten – egal.

VORBEI!!!

Der Schmerz flammt auf mit einer Heftigkeit, dir mir den Atem raubt und ich beiße mir auf die Lippen, um dem Brennen meiner Augen nicht nachzugeben. Das Gefühl, wahnsinnig zu werden vor Enttäuschung, Selbstvorwürfen und dieser kalten, beißenden Leere wird immer größer. Ich ziehe mich aus, flüchte unter die Dusche, doch die Gedanken lassen sich nicht aufhalten, kreisen umeinander, nur darauf wartend, sich gegenseitig zu zerfleischen.

… unfair … selbst Schuld … aber … KEIN ABER!!!

Mit voller Wucht schlage ich meine Faust gegen die geflieste Wand, genieße fast den grellen Schmerz, der meine Hand durchzuckt. Alles ist besser als dieser gähnende Abgrund in mir, als dieser andere, bodenlose Schmerz, den ich nicht greifen kann, um ihn zu bekämpfen. Der sich jetzt unerbittlich seinen Weg nach draußen sucht. Das erste Schluchzen lässt sich nicht zurückhalten, entringt sich unaufhaltsam und unbarmherzig meiner Kehle, doch dann presse ich die Lippen zusammen und es sind nur noch stumme Tränen, die über meine Wangen laufen und sich mit dem heißen Wasser vermischen.

Nach und nach betritt auch der Rest von uns den Duschraum, noch immer sagt niemand ein Wort. Wir vermeiden es, einander anzuschauen, haben so sehr mit der eigenen Leere zu kämpfen, dass wir die der anderen nicht sehen wollen. Nicht ertragen würden.

Wieder zurück in der Kabine sehe ich dich noch immer auf der Bank sitzen, unverändert. Sprachlos, hilflos, ohne Begreifen.

Philipp ist bei dir, die Augen ebenso rot, ebenso glasig und brennend wie meine. Er sagt etwas, zu leise, um es verstehen zu können, doch es wirkt. Du stehst auf, stößt ihn von dir, die Augen plötzlich sprühend vor Wut fest auf ihn gerichtet.

„Weißt du, wie verdammt scheißegal mir dieses Spiel am Samstag ist?!“, fauchst du. „Wen interessiert denn dieser beschissene dritte Platz, wenn wir Weltmeister hätten werden können?!“

Hätten werden können …

Genau darum geht es …

Schmerz, so beißend, dass ich mich zwingen muss, mich nicht abzuwenden, nicht wieder zu flüchten.

Ein letzter, verächtlicher Blick, dann zerrst du dir Schuhe, Schoner, Strümpfe und Hose vom Leib und verschwindest in der Dusche. Hinterlässt auch jetzt nichts anderes als Schweigen. Womöglich noch entsetzter, noch gequälter, als vorher.

Denn du hast Recht.

In genau diesem Moment hast du Recht.

Wir alle haben keine Lust auf dieses Spiel, keine Motivation, nicht den geringsten Antrieb. Zu genau wissen wir, welche Chance wir vergeben haben. Was wir weggeworfen haben. Dass in vier Jahren wieder alles anders sein kann. Zu groß ist die Enttäuschung, die Wut.

Vor allem auf uns selbst …

Vielleicht sieht es am Samstag anders aus. Allein schon, um „Danke“ zu sagen an alle, die mit uns gefiebert, gejubelt, getrauert haben.

Doch heute ist dieses Spiel um den dritten Platz die größte Strafe, die es gibt.

Je mehr Zeit vergeht, desto mehr von uns verlassen die Kabine Richtung Mannschaftsbus, doch ich warte. Wieder.

Auf dich.

Das Handtuch um die Hüften geschlungen, kommst du endlich zurück in die Umkleide, wirfst mir einen kurzen Blick zu. Sagst nichts.

Ich habe immer auf dich gewartet. Genauso, wie du auf mich.

Wir, die beiden ‘jungen Wilden‘, damals, vor vier Jahren. Die beiden mit dem Zauberfußball, das Traumduo der deutschen Nationalmannschaft. Auch hinter dem, was die Medien schrieben, die besten Freunde. Unbekümmert, auf einer Wellenlänge, füreinander da, wenn’s drauf ankam.

Heute sehen wir uns nicht mehr so häufig. Vermutlich stimmt es, dass du mittlerweile erwachsener und reifer geworden bist, als ich es je sein werde. Obwohl ich derjenige von uns bin, der Vater geworden ist, der Verantwortung hat. Vielleicht ist es auch richtig, dass wir uns inzwischen unter keinen anderen Umständen mehr so nahe sind, wie hier, bei der Nationalmannschaft.

Aber das alles ändert nichts daran, dass du einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben bist. Bleiben wirst.

Ich warte auf dich, du wartest auf mich.

Wir sind beide gewachsen. Nur anders.


****

Draußen in den Katakomben warten die Journalisten, ungeduldig danach gierend, ihre Fragen loswerden zu können. Dein Gesicht versteinert, als du auf die Reporter zugehst.

Ich halte mich zurück, obwohl die Security genug damit zu tun, die neugierigen Journalisten von mir fern zu halten. Den Kopf auf mein Handy gesenkt, um nicht mit den mitleidigen Blicken konfrontiert zu werden, versuche ich, die Fragen zu ignorieren, die mir zugerufen werden. Bemühe mich stattdessen, dir zuzuhören.

Dir, dem Spielmacher.

Verlängerter Arm des Trainers. Der das Spiel überblickende Kopf der Mannschaft. Aber vor allem ihr Herz. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft du uns mitgerissen hast mit deinem Willen, deinem Kampfgeist, deiner Leidenschaft. Mit deiner Entschlossenheit, nie aufzugeben. Auch nicht nach zwei vergebenen Torchancen und einem verschossenen Elfmeter.

Ich fühle noch immer deinen festen Griff um mein Gesicht, spüre deine Nähe. Höre deine eindringliche, beschwörende Stimme, obwohl ich dir nicht sagen könnte, welche Worte du in diesem Moment benutzt hast. Doch es hat geholfen. Obwohl wir das Spiel gegen Serbien am Ende trotzdem verloren hatten – dank dir habe ich nicht aufgehört, zu kämpfen.

Du füllst diese Rolle mit einem Selbstverständnis aus, das bewundernswert ist. Stellst dich auch jetzt den Erwartungen an dich mit einer Selbstkritik und einer Abgeklärtheit, zu der ich nie fähig wäre. Nicht jetzt. Selbst wenn ich weiß, dass es in deinem Inneren vollkommen anders aussieht.

Es sind quälend lange Minuten, die uns hier unten festhalten. Die das Messer noch einmal in die Wunde bohren. Es herum drehen. Die alles hochholen, wieder und wieder. Endlosschleife. Jeden Ballverlust, jeden verlorenen Zweikampf, jeden Fehlpass. Die Sekunden, in denen der Ball unser Tor trifft.

Hätten … wäre … könnten …

Dein plötzliches Auftauchen an meiner Seite reißt mich aus meinen Gedanken. Doch der bittere Schmerz, die bohrenden Selbstvorwürfe, werden nicht weniger.

Gemeinsam gehen wir nach draußen, steigen in den Bus. Wir sind die Letzten, gehen vorbei am Trainer, dessen erstarrte Mimik genau das ausdrückt, was in uns allen vorgeht.

Denn neben allem anderen  kommt ein Gedanke doch immer wieder. Ein Wort, ein Gefühl. Eine zerstörerische Wahrheit.

Vorbei.


****

Die Tür fällt hinter uns ins Schloss.

Keine Einzelzimmer, Doppelzimmer.

Teamgeist-Förderung, Zusammenhalt.

Du und ich. Wie immer. Wie es nie jemand in Frage stellt, wie es seit Jahren selbstverständlich ist.

Deine Tasche landet in der Ecke, deine Jacke ebenfalls. Dein Gesicht ist noch immer hart, verschlossen. Die Maske des gestrauchelten, geschlagenen, gestürzten Spielmachers für die Journalisten. Nur deine Augen schreien. Für jemanden, der dich nicht kennt, ungehört.

Aber ich kenne dich. Viel zu oft fast besser, als mich selbst.

Vielleicht lasse ich dich genau deshalb in Ruhe. Vielleicht tue ich genau deshalb nichts gegen das erstickende Schweigen zwischen uns. Vielleicht habe ich aber auch nur zu viel Angst davor, dass du mich zurückweist. Denn dass du deine Schwächen nur ungern jemandem zeigst, weiß ich genauso gut.

Ausziehen, waschen, die leeren Augen im Spiegel ertragen, die Sprachlosigkeit hinnehmen, ins Bett fallen. Verwischte Grenzen, nichts ist wichtig. Nichts außer dem alles beherrschenden Gedanken an unseren verlorenen, selbst-zerstörten Traum …

Dunkelheit, die uns umgibt, als du die Lampe löschst. Kälte, die nichts mit dem afrikanischen Winter zu tun hat.

Und dann dein Schluchzen, das die Stille durchbricht, ein einzelner Laut, der mir fast das Herz zerreißt, so bitter ist er, so verloren, so voller Wut. Ich fühle das Bett zittern unter dem krampfhaften Schütteln deines Körpers, höre dein verzweifeltes Bemühen, alles zurückzuhalten, was sich so voller Gewalt seinen Weg sucht. Doch du verlierst den Kampf genauso, wie wir heute alles verloren haben.

Meine Hände finden den Weg zu deiner Schulter und kaum berühren meine Fingerspitzen deine Haut, drängst du dich an mich, dein bebender Körper hilflos weinend in meinen Armen, die sich wie von selbst um dich schließen. Kraft suchend, die ich doch noch nicht mal für mich selbst habe. Stattdessen finde ich nur den Schmerz, wieder und wieder das Gefühl, zu zerbrechen, weil alles um uns herum in Scherben liegt.

Weil DU in Scherben liegst.

Die Welt hat dich spielen sehen, sie hat dich kämpfen sehen, sie hat dich zaubern sehen. Heute hat sie dich verlieren sehen.

Aber nur ich sehe dich kaputt gehen.    

Und das kann ich nicht.

Ohne etwas dagegen tun zu können, rücke ich ein Stück von dir ab, nötige dich sanft dazu, mich anzuschauen. Nur dem fahlen Licht der Laterne vor unserem Fenster ist es zu verdanken, dass ich die Verzweiflung in deinen Augen sehe, die Trauer, den Hass auf dich selbst.

Hätte ich mehr tun können?, fragen sie mich, verständnislos, ebenso flehentlich wie vor ein paar Stunden auf dem Rasen von Durban. Hätte ich mehr tun MÜSSEN???

Dieses Mal schüttle ich den Kopf.

Nein, nicht du … wir alle …

Meine Finger finden den Weg zu deiner Wange, streichen die Tränen fort. Ich kann den Blick nicht von deinem lösen, spüre die Spannung zwischen uns, schaue dich an, fragend, zögernd. Erinnere mich an eine glückstaumelnde Nacht vor vier Jahren.

So anders als heute und so gleich darin, das miteinander teilen zu wollen, was man alleine nicht aushält.

Sei es nun übersprudelnde Freude – oder abgrundtiefe Leere.

Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit und dauert wahrscheinlich doch nur Sekunden, bis es deine Lippen sind, die meine finden. Die nach mir tasten, zaghaft, vorsichtig. Und die mich dann mit einer solch plötzlichen, stürmischen Heftigkeit erobern, als hättest du nur die zarte Erwiderung meiner Lippen gebraucht, um dir vollkommen sicher zu sein. Als könnte dich nun nichts mehr davon abhalten, auf diesem Weg den Halt zu suchen, den meine Umarmung allein dir nicht geben kann.

Ich erwidere deinen Kuss mit der gleichen, ungestümen Leidenschaft, ziehe dich über mich, will dich näher haben, dichter, drängender. Verzweifelter. Meine Finger finden deine Haut, die sich so warm anfühlt, so weich, so nachgiebig. Ohne auch nur darüber nachzudenken überlassen wir unseren Körpern das, wofür wir keine Worte finden, halten einander, spüren, hören, schmecken. Vergessen.

Streicheln, knabbern, beißen, küssen uns, bis die Kälte verschwindet, bis wir beide hitzig aufstöhnen, bis jede Berührung eine glühende Spur über unsere Haut zieht.

Ich biege mich dir entgegen, sehnend, verlangend, flehend nach deiner Zärtlichkeit, und bekomme sie, lasse alles los. Finde in deinen Berührungen die Kraft, die ich brauche, um nicht zuzulassen, dass du zerbrichst, und gebe sie dir zurück. Sehe, wie das Leuchten deiner Augen die Leere verjagt, wie das Strahlen und das Begehren für diesen einen Moment alles andere unwichtig macht.

Verdrängt.

Egal.

Endlich, endlich spüre ich dich. Spüre deine Sanftheit, deine Vorsicht, genau wie deine ungeduldige Gier nach mehr, spüre dich an mir, in mir, bäume mich auf unter deiner mühsam beherrschten und doch so behutsamen Eroberung. Ziehe dich an mich, noch näher, noch fester, küsse dich, fühle deine Zunge, deine Lippen, sinnlich, begehrlich, inständig mehr fordernd, erbittend, schenkend.

Du gibst der Gier nach, tiefer, intensiver, füllst mich aus, vollständig, meinen Körper, mein Sein. Mein Herz. Alles gebe ich dir, überlasse ich dir, bricht über mir zusammen, als mein Innerstes zu verbrennen scheint, als ich dich mit mir ziehe, falle und falle und falle ohne je aufzuschlagen.

Weil du mich auffängst.

Wie ich dich.

Du lässt los, im selben Moment wie ich, vertraust dich mir an, lässt mich alles sehen, gibst mir alles, was du hast. Haltlos, ungehemmt, selbstvergessen. Vollkommen.  

Du bist so wunderschön …

Dein Atem fliegt wie meiner, deine Herz rast wie meines, als du dich vorsichtig auf mich sinken lässt, dich an mich schmiegst, mich berührst, ununterbrochen. Mich anschaust, das Grün deiner Augen so sehnsüchtig, so zärtlich, so dunkel und verschleiert vor Lust, dass es mir den Atem raubt.

Ich erwidere deinen Blick, löse meine Fingerspitzen nicht eine Sekunde von deiner Haut, streichle dich, halte dich. Vergesse keinen Augenblick, dass wir einander festhalten, um nicht unterzugehen.

Zwei Mal. Zum zweiten Mal liegen wir so in einem Bett, übereinander hergefallen, uns einander schenkend, ohne die geringste Chance, es aufhalten zu können. Weil die Gefühle zu viel waren, um sie alleine zu tragen. Ohne darüber zu sprechen, weder davor, noch danach.

Meine Familie, nur ein paar Kilometer weiter? Vollkommen egal. Deine Freundin? Gleichgültig. Das hier hat nichts mit morgen zu tun, nichts mit allen anderen.

Nur mit uns.

Mit der Wärme deiner Haut an meiner, der Zärtlichkeit deiner Lippen, dem Streicheln deiner Hände.

Reden ist nicht wichtig, könnte nie gleichgültiger sein. Alles was zählt ist, dass du lächelst. Noch immer voller Schmerz, noch immer mit dieser Leere, die weder morgen verschwunden sein wird, noch am Samstag oder nächste Woche. Die sich nicht heilen lässt, mit nichts auf der Welt, nicht jetzt. Doch es ist ein ehrliches Lächeln, eines voller Vertrauen, so unverstellt, dass ich nicht anders kann, als es zu erwidern.

Du setzt mich genauso wieder zusammen, wie ich dich …

Deine Finger streicheln erneut über meine Wange, deine Lippen finden meine. Langsam, zärtlich, verführerisch, Hingabe und Begehren in einem.

Als du mich an dich ziehst, wortlos, selbstverständlich, meine Nähe suchend und mir deine schenkend, weiß ich, dass die Gedanken aufhören werden. Dass sie in dieser Nacht zum Schweigen verdammt sind.

Was sein wird, ist egal.

Geborgen und gehalten, besänftigt und aufgefangen. Kraft brauchend und findend in den Armen des anderen, in den Armen desjenigen, der wortlos versteht.

Es ist richtig. Genau jetzt.

Nicht morgen, nicht gestern.

Nur jetzt.
Review schreiben