Magic

GeschichteAbenteuer / P12
10.07.2010
12.11.2010
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1. Gestern und Morgen

„Ich rufe meinen Vorfahren Kenian, der über den Orden der Templer gebot, in den Dekaden vier und fünf der dreiundzwanzigsten Zenturie nach Christi Geburt. Siehe, hier ist ein Novize, ein Kind deines Hauses, der darum bittet, unter deinem Angesicht in den Orden geführt zu werden. Kenian, offenbare dich uns!“
Die hochgewachsene Gestalt in der weißen Kutte hob die Arme zu den Sternen.
Die anderen zwanzig Wesen in gelben Kutten, die ihn umringten, hoben ebenfalls die Arme. In diesem Moment tanzten elektrische Funken über ihre Arme, sprangen von Hand zu Hand und von dort zu den hochgestreckten Armen des Weißgewandten in der Mitte. Dann begannen die Funken zu wandern. Es schien, als beginne ein Rad zu kreisen. Dies war der Moment, wo die zweiundzwanzigste Gestalt den Kreis betrat. Sie trug eine rote Kutte. In dem Moment, als die rote Gestalt den sich bewegenden Kreis betrat, wurde sie vom Rad erfaßt. Sie wurde ebenfalls ein Pol der Funken, wurde umwabert. Über ihnen glitzerten die Sterne, unter ihnen der graue Plastitstah,l und dazwischen wand sich die rotgekleidete Gestalt unter Schmerzen.
„Kämpfe nicht dagegen an, Tochter“, rief der Weißgewandte. „Lass dich treiben, und unser Vorfahr wird entscheiden, ob du bereit bist!“
Immer noch umtanzten die Funken die einsame Gestalt. Doch sie wurde immer ruhiger, im gleichen Maße, wie sich die Funken mehr auf sie konzentrierten. Plötzlich änderte sich das Bild des Kreises. Die Gelbgewandten rückten enger zusammen, gelotst durch die Macht des Rades und bildeten so eine Lücke, gerade groß genug, dass jemand hineintreten konnte, um den Abstand einzunehmen, den jeder der gelben vom nächsten hielt.
Das Rad beschleunigte noch etwas mehr. Immer mehr Energie vereinigte sich auf die rote Kutte und trieb sie vor sich her. Und dann...
Dann war sie genau in der Lücke. Wie durch Geisterhand hinbewegt schloss sie den Kreis, und das Rad bewegte sich langsamer. Als die Bewegung erlosch, war das Rad wieder komplett, nur dass die weißgekleidete Gestalt nun einundzwanzig Spiralen aus Funken und Macht mit dem Kreis verbanden.
„Es ist getan. Kenian hat entschieden, dass Alistar würdig ist, dem Zirkel anzugehören. Somit sind die Novizenjahre meiner Tochter vorbei und sie ist ein vollwertiges Mitglied des Ordens.“
Zugleich nahmen sie die Arme herab, der Kreis, das Rad erlosch. Das Ritual war vorbei.

Aidan Kenderson warf die Kapuze seiner weißen Kutte über die Schulter zurück und ging lächelnd auf den Pulk zu, der sich um seine Tochter Adriana gebildet hatte. Alle gratulierten sie der frisch gebackenen Templerin zu ihrer Initiierung. Sie war aber auch ungewöhnlich genug gewesen, denn mit zwanzig Jahren war sie eigentlich noch zu jung, um genügend Wissen für dieses Ereignis zu haben. Nur ihre ungewöhnlich große Affinität zum energetischen Netz hatte es ermöglicht, dass sie die Kräfte bereits jetzt beherrschen konnte.
Geduldig wartete Aidan, bis auch Mirko Desaad genug gratuliert hatte - er war schon immer ein besonders herzlicher Kerl gewesen - und schloss sich der Gratulation an.
"Ich gratuliere dir, Naseweis.“ meinte er lächelnd. Aidan breitete die Arme aus. "Komm her, Schatz.“ Adrianna flog ihm geradezu in die Arme, ihr langes schwarzes Haar stob dabei herum und landete teilweise auf seinen Schultern.
„Danke, Paps. Hättest du mir nicht gesagt, dass... Oh, ich war so aufgeregt. Ich hätte bestimmt einen Fehler gemacht!“
Aidan lachte laut. Es lag eine Menge Stolz in diesem Lachen, vielleicht etwas Neid, dass seine eigene Tochter drei Jahre früher als er seinerzeit aufgenommen werden konnte, aber auch eine große Portion Freude. „Kenian hat entschieden, nicht ich, Schatz. Obwohl ich ja finde, dass dich dein Urgroßvater ruhig noch ein- zweimal hätte ablehnen können.“
„Paps“, mahnte sie lächelnd.
„Schon gut. Du hast deine Sache großartig gemacht. Jetzt solltest du nicht mehr daran denken.“ Mit einem Gefühl des Bedauerns setzte Aidan seine Tochter auf dem Boden ab. Verdammt, er hatte nur einmal gezwinkert, und in diesem einen Augenblick hatte sie die Windeln abgelegt und war zur Frau geworden. Warum ging das alles so schnell heutzutage?

„Sir?“, sprach ein Leutnant der Raumhafenüberwachung Kenderson an.
Aidan drehte sich um. „Ja?“
„Sir, Fregattenkapitän Howell läßt Ihnen mitteilen, dass wir bald einen unserer Begleitkreuzer erwarten. Er ist auf eine Mine aus den hyborischen Kriegen gelaufen und muss dringend repariert werden.“
Aidan fuhr sich durch sein dichtes Kraushaar. „Das heißt dann wohl, dass die ARC ROYAL das Schirmfeld wieder abbauen wird, dass sie für unsere Zeremonie über dem Landedeck aufgebaut hat. Nun, wir sind hier fertig, Leutnant. Wir können gehen. Wann kommt denn der Kreuzer rein?“
Der junge Offizier, eindeutig kaukasischer Abstammung, warf einen Blick auf seinen Chronometer. „In genau fünf Minuten, Sir.“
Aidan pfiff anerkennend. Das hieß, dass Fregattenkapitän Howell bis zum Ende der Zeremonie gewartet hatte, um sie nicht zu unterbrechen, obwohl die Zeit pressierte. „Wir werden sofort gehen, Leutnant. In einer halben Minute ist das Landedeck leer“, versprach Aidan.
Er legte die Linke an die Schläfe. Einen Augenblick nur später wandten sich die anderen Templer schnell und geordnet dem nächsten Schacht zu, der in die Eingeweiden der ARC ROYAL führte. Kurz darauf war das Landedeck geräumt. Nicht eine Spur des unglaublichen Rituals, hier abgehalten, im Leerraum zwischen Jupiter und Mars war mehr zu finden.
***
Howell, Clifford D. war ein alter Mann. Ein so genannter Querspringer. Er hatte seinen Wehrdienst während des Punischen Konfliktes geleistet, war anschließend wieder Privatmann geworden und dann während der hyborischen Kriege reaktiviert worden. Er hatte damals die Offizierslaufbahn eingeschlagen und war mit dreißig Jahren Verspätung auf diesem Posten gelandet.
Aidan betrat die Brücke der ARC ROYAL. „Bericht!“, schnarrte er.
Howell musterte eine Sekunde unwirsch die Kutte des Vorgesetzten und rasselte dann die Daten herunter. „Es ist die SIN EATER unter Oberleutnant Sebastian Kramer. Hat sie vorgestern von Danielle Page übernommen, die jetzt auf Rodriguez´ Platz auf der FURY sitzt. Die SIN EATER kommt verdammt schnell herein. Sie hat zwar reduziert, aber sie ist immer noch achtzigtausend Km/S schnell.“
Aidan pfiff anerkennend, während er die Kutte ablegte. Darunter kam die grüne Uniform eines Soldaten der Raummarine zum Vorschein. Die Schulterstücke wiesen ihn als Flottillenadmiral aus, die diversen Ordensbänder auf der linken Brust als Veteranen. Einer seiner Brückenoffiziere reichte ihm eine Baseballkappe mit dem Schriftzug: Orion Federation - Light Mobile Harbour ARC ROYAL.
Die Kappe war grün wie die Uniform, wurde ihm schmerzlich bewusst. Das bedeutete - wie hatte das Fähnrich Chun neulich gesagt - dass er wieder aussah wie ein Stück Schokolade im Salatsandwich.
Amüsiert dachte er daran, dass es nicht zu leugnen war. Er war negroider Abstammung. „Die ARC ROYAL hat bereits beschleunigt, oder?“
„Ja, Sir“, meldete Howell knapp, fast ein wenig beleidigt, als hätte er sagen wollen: Die Sachen aus dem Lehrbuch kenne ich auch.
„Gut. Die AMBASSADOR KOENIG und die PHÖNIX sollen der SIN EATER entgegen fliegen und sie mit ihren Traktorstrahlen abbremsen, soweit es die Stabilität der Hülle zulässt.“
„Bereits veranlasst“, sagte Clifford Howell routiniert.
„Gut“, meinte Kenderson anerkennend. „Das ist sogar sehr gut. Haben wir noch Funkkontakt zur SIN EATER?“
„Haben wir. Es scheint nur ein kleiner Hüllenbruch zu sein. Sie werden ohne Verluste bis zu uns durchhalten können. Der Hauptrechner gibt ihnen neunzig Prozent.“
Wieder nickte Aidan anerkennend.
„Ach, bei der Gelegenheit, Sir, wie ist denn die Initiierung Ihrer Tochter verlaufen?“, fragte Howell beiläufig.
„Gut, Clifford, gut. Die Seele des Großmeisters hat sie akzeptiert. Damit sind wir im Sol-Sektor fast wieder auf Sollstärke.“
„Bah. Sie wissen, Aidan, dass ich nicht viel von diesem magischen Krimskrams halte. Ich bin mehr der Typ, der sich auf ein großkalibriges Thermogeschütz verlässt. Mit diesem mythischen Zeugs von wegen Energienetz, dass Seelen fängt und so kann ich nichts anfangen.“
Aidan seufzte. „Das Energienetz fängt keine Seelen. Es ist eine Seele. Wenn Sie wollen, nehme ich Sie gerne mal bei einer Meditation in das Netz mit.“
„Danke für das Angebot. Aber nein, danke. Ich habe keine Lust, meine heiß geliebten Vorurteile aufzugeben.“
Howell grinste den Flottillenadmiral an. Aidan grinste zurück. Clifford war einer jener Menschen, der die Nutzen der Magie auch in dieser Zeit erkannt hatte und sich ihrer Mittel gerne und häufig bediente. Sicher war sein eigenes Potential groß genug, um auch einen Teil der Kunst zu erlernen, aber er betete lieber den Götzen der Technologie an. Für ihn war das universelle Netz ein Buch mit sieben Siegeln, und er selbst hatte noch mal sieben Siegel drauf gelegt. Sollten sich doch andere damit beschäftigen, so dass er es nicht brauchte...

„SIN EATER nähert sich auf Abfangkurs der ARC ROYAL!“, meldete die Ortungsabteilung. „AMBASSADOR KOENIG und PHÖNIX beginnen mit der Verzögerung.“
„Gut. Was sagen unsere vorgeschobenen Beobachter? Sind Konkurrenten in der Nähe?“
„Auf Höhe der Plutobahn befindet sich ein Aufklärer der Mhysart-Allianz. Es ist ein Schiff der Tagi-Klasse. Wenn der Aufklärer nicht gerade Vorbote eines Trägerverbandes ist, dürfte er uns kaum gefährlich werden. Außerdem wird ein Schneller Zerstörer des Magistrats auf der Höhe der Marsbahn gemeldet.“
„Scheint, als versucht das Magistrat wieder einmal, durch die Robotblockade zu brechen“, stellte Howell tonlos fest. „Es wird ihnen wenig nützen, selbst wenn sie es wieder mal schaffen. Nur die Orion-Federation besitzt noch die Passwörter, mit der die autarke Verteidigung des inneren Systems gestoppt werden kann.“
„Sicher. Nur leider haben wir kein Schiff, dass schnell genug wäre, die Wachforts zu passieren und die Raumabwehr der Hauptschaltstelle Merkurs zu überleben. Und selbst wenn uns das gelänge, müssten wir mindestens fünf Flotten aufbieten, um das innere System davor zu bewahren, von Plünderern heimgesucht zu werden, sobald die Robotforts ausgeschaltet sind. Es ist ein verdammtes Übel, dass man die Forts nicht einfach umprogrammieren kann.“
„Doch, man kann. Aber jedes Fort muss einzeln neu programmiert werden. Bei etwas mehr als vierhundert Plattformen ein endloses Unterfangen. Unsere Vorfahren waren nicht dumm, als sie die Systemverteidigung entworfen haben. Aber dass sie sich mal gegen sie selbst richten würde und zehn Milliarden Menschen auf den inneren vier Planeten gefangen halten würde, damit haben sie wohl nicht gerechnet.“
„Es sieht so aus, als würde der Zerstörer des Magistrats durchbrechen. Sollen wir ihm ein paar Torpedos hinterher schicken?“
Aidan schüttelte den Kopf. „Nein, Leutnant. Das einzige, was sie anrichten können ist, die halbzerstörten Mondbasen zu plündern. Auf Venus, Mars oder Terra können sie nur mit Erlaubnis der Heimatterraner landen. Und die Schaltstation auf Merkur erreichen sie sowieso niemals.“
„Aye, Sir.“

„Die SIN EATER kommt jetzt rein, Sir.“ Direkt vor dem Admiral entstand ein Hologramm, das die ARC ROYAL und das ankommende Schiff darstellten. Die ARC ROYAL war eine längliche Scheibe, fast einen halben Kilometer dick und drei lang. In ihren Eingeweiden barg sie die Möglichkeiten, ein halbes Dutzend Schlachtschiffe zu warten und zu reparieren. Außerdem hatte sie sechs Geschwader Jagdflieger an Bord, die über vier Startschächte und zehn Landeschächte agieren konnten. Eintausendsechshundert Raumfahrer und noch einmal dreihundert Piloten beherbergte dieses Monstrum terranischer Ingenieurskunst.
Die SIN EATER war ein schlanker Torpedo von zweihundert Meter Länge. An ihrer dicksten Stelle maß sie neunzig Meter, an der dünnsten immer noch beachtliche dreiundsiebzig. Sechzig Raumfahrer taten auf ihr Dienst. Der Kreuzer war als Begleitschiff für fliegende Raumhäfen wie die ARC ROYAL oder eines der Schwesternschiffe, die AKAGI oder die NIEMITZ gedacht, konnte aber auch eigenständige Erkundungen durchführen. Beiboote hatte sie keine - von den Rettungsbooten und den Barkassen einmal abgesehen.
„Hier ist die ARC ROYAL. Flottillenadmiral Kenderson. Oberleutnant Kramer, hören Sie mich?“
„Hier SIN EATER. Kramer, Sir. Sie kommen klar und deutlich an.“
„Gut. Wir werden Sie jetzt gleich mit der ARC ROYAL einfangen, Kramer. Alles, was Sie machen müssen, ist den Kurs zu halten. Variieren Sie nicht die Geschwindigkeit.“
„Das wird ein Manöver wie aus dem Lehrbuch, Sir“, witzelte Kramer.
Aidan grinste dazu. „Oberleutnant, ich habe eine Frage. Konnten Sie erkennen, von welchem Typ die Mine war, auf die Sie aufgelaufen sind?“
„Das ist ja das merkwürdige, Sir. Es scheint, als hätte sich die Mine getarnt. Das ist für Minen des hyborischen Konfliktes nichts ungewöhnliches, aber kann eine solche Mine nach elf Jahren noch die Energie haben, ein Tarnfeld stabil zu halten?“
Erschrocken sah Powell auf. „Verdammt, der Junge hat recht. Kapitän Powell hier. Schicken Sie uns sofort ein Hologramm Ihres Schiffslog. Wir müssen wissen, wo Sie auf die Mine aufgelaufen sind.“
Zu dem ersten Holo gesellte sich ein zweites. „Ein Gebiet mit starken gravitatorischen Wirbeln. Jupiter wird hier in einigen Wochen nahe genug sein, um wie ein gigantischer Staubsauger jede Materie in diesem Sektor anzuziehen.“
„Ein Teil wird auf die Oberfläche des Riesenplaneten stürzen. Ein anderer auf die Monde. Kramer, als Sie auf die Mine gelaufen sind, wie haben Sie sich verhalten?“
„Streng nach Vorschrift, Sir. Ich habe die SIN EATER stoppen lassen. Nachdem feststand, dass wir noch manövrierfähig waren, habe ich das Schiff auf dem gleichen Kurs zurückgeführt auf dem wir auf die Mine gestoßen waren. Am Kollisionspunkt habe ich zudem eine Warnboje zurückgelassen.“
„Die SIN EATER ist in den Projektoren gefangen. Wir ziehen sie jetzt auf die Oberfläche herab“, kam die Meldung von den Traktorstrahlen. Auf Hologramm eins konnte man nun sehen, wie sich der schlanke Torpedo langsam auf den Kreis herab senkte.
Aidan sah zu Howell herüber. Der nickte bedeutungsschwer. „Angenommen, da ist mehr als eine Mine, und angenommen, alle diese Minen haben noch genügend Energie für ihre Tarnschilde, dann haben sie vielleicht auch noch genügend Energie für ein kleines Manöver. Ein Teil der Minen wäre garantiert in Richtung der Monde Jupiters abgedriftet. Wenn sie noch ein paar Energiereserven haben, werden es achtzig Prozent sein.“
„Es ist ein Angriff“, stellte Howell tonlos fest. „Die Minen sollen unsere Flottenhäfen auf Europa und Ganymed blockieren. Nicht auszudenken, was passiert, wenn einige Minen auf Io abstürzen. Unter den Druckkuppeln siedeln zwei Millionen Kolonisten.“
„Wenn unsere Schiffe mit ihren eigenen Problemen kämpfen, kann ein Großverband aus Kriegsschiffen problemlos die Robotforts nieder halten und eines nach dem anderen zerstören, bis die Bresche groß genug ist, um bis nach Terra durchzudringen. Drei, viertausend Jagdmaschinen könnten den kompletten Verband binnen eines Tages aufreiben. Aber nicht, wenn diese Jäger mit ihren Trägern schwer beschädigt oder vernichtet wurden.“
„Gott, Aidan, mit wie vielen Minen rechnen Sie denn?“
Die Züge des Admirals wurden starr. „Mit so vielen Minen, wie schnelle Schiffe der Allianz her schaffen können, ohne von uns bemerkt zu werden. Es sind wahrscheinlich genug, um Europa in tausend Fragmente zu sprengen.“
Howell stand auf und ging unruhig auf der Brücke auf und ab. „Ein teuflischer Plan. Selbst wenn es nicht so sein sollte, wir müssen unsere Vermutung weiter melden. Vielleicht sollten wir ein paar Schwärmertorpedos in das Minenfeld jagen. Wenn es dort draußen ist, werden wir ein paar erwischen. Dann schicken wir Minenräumer hin, und die Gefahr ist gebannt.“
„Oder auch nicht“, stellte Aidan fest. „Funk, sofort eine Nachricht an den Flottenhafen auf Europa. Text: Minenfeld entdeckt. Gezeichnet, Admiral Kenderson.“
„Aye, Sir.“
„Die SIN EATER hat sicher aufgesetzt. Die drei Verwundeten werden sofort auf das Krankenrevier der ARC ROYAL gebracht.“
„Was meinen Sie mit "oder auch nicht", Aidan?“
„Sie erinnern sich? Der hyborische Krieg wurde um das abgeschottete Sol-System geführt, nicht wahr? Und wer war damals der Gegner der Federation?“
„Die Allianz. Verdammte Insekten. Deshalb haben sie also einen Erkunder auf der Plutobahn. Sie wollen wissen, ob ihr Plan glatt läuft oder nicht.“
„Nicht nur das. Sie wissen ja, die Denkweise der Mehrtas oder ihrer Vettern, der P´nahcalla sind so komplex wie die Gedankengänge eines Schachgroßmeisters. Garantiert haben sie für diesen Fall bereits einen Ausweichplan parat. Ich verwette meinen Jahressold, dass sie die Stützpunkte auf den Jupitermonden angreifen, sobald mehr als eine Mine explodiert. Es ist dann ihre einzige Option, noch einen Vorteil aus dieser Sache zu ziehen.“
Howell erstarrte. „Sofort eine Direktverbindung nach Europa, verdammt!“, blaffte er. Dabei wechselte seine Gesichtsfarbe von samtig braun auf kreidebleich.
„Verbindung steht in elf Sekunden, Sir!“, meldete der Funkoffizier erschrocken.
„Clifford, was ist?“
„Sir, was, wenn der Allianz bereits eine explodierende Mine für einen Präventivschlag reicht? Ab dem Zeitpunkt, an dem die SIN EATER auf die Mine gelaufen ist...“
Aidan fluchte unbeherrscht.
„Verbindung steht!“
„Hologramm!“
Direkt vor dem Admiral verschwanden die anderen beiden Hologramme. Stattdessen bildete sich ein Holo, dass eine Frau in den späten Fünfzigern darstellte. Sie trug die Uniform eines Vizeadmirals. „Was gibt es, ARC ROYAL?“
„Admiral, wir vermuten, dass ein schwerer Angriff der Allianz auf unsere Flottenhäfen unmittelbar bevorsteht! Ich empfehle Alarmstufe eins!“
„Hat was mit dem Minenfeld zu tun, dass Sie gemeldet haben, was, Kenderson? Nun gut. Wir gehen auf Defend Level vier.“ Defend Level vier, die Vorbereitung auf einen Großangriff. Das würde das halbe Sol-System rebellisch machen.
„Ich hoffe, wir haben unrecht, Ma´am.“
Vizeadmiral Michelle Durant schüttelte den Kopf. „Das wäre ein Wunder, und ich glaube nicht an Wunder. Bleiben Sie mit Ihrem Verband da draußen, Kenderson. Kann ja sein, dass dies wieder mal einer der vielen Winkelzüge der Allianz ist. Viel Glück, ARC ROYAL!“
„Ihnen auch, Admiral!“
Das Hologramm erlosch. „Ich hoffe, unsere Warnung kam noch rechtzeitig“, murmelte Howell. „Aber ich glaube auch nicht an Wunder...“
„Der Magistratskreuzer wurde soeben zerstört. Überlebende unwahrscheinlich“, meldete die Ortung.


2. Kriege

Europa war der größte Flottenhafen der Orion Federation, einmal abgesehen von Port Chun im Steward-System oder den Marshäfen, die von der Federation formell beansprucht wurden. Von Europa aus versuchte man zwei Dinge: Einen Weg durch den Verteidigungsgürtel der Robotforts zu finden, um die Isolation des inneren Systems endlich aufzuheben, sowie sieben andere Staaten in dieser Region daran zu hindern, dies vor der Federation zu tun. Denn von einigen Blockadebrechern des Magistrats einmal abgesehen hatte es kein Schiff seit neunzig Jahren geschafft, das innere System zu betreten oder zu verlassen. Seitdem blieben die Marsraumhäfen ungenutzt und die Venusbergwerke ohne Hightech-Nachschub. Abgesehen davon lebten die Menschen im inneren System von streng rationierter Nahrung, da ja keinerlei Nachschub von außen herangeführt werden konnte.
Früher, vor der Isolation, war das Sol-System nur zu acht Prozent autark gewesen, was die Nahrungsmittelproduktion anging. Damals waren es aber auch zwölf Milliarden Menschen gewesen. Ein paar Seuchen und Hungersnöte hatten diese Zahlen schnell und nachhaltig nach unten gedrückt. Nur eine intensive Geburtenkontrolle und eine äußerst genaue Nahrungszuteilung erlaubte es sieben Milliarden Menschen, weiter zu leben. De facto gehörte das Sol-System zur Gruppe der neutralen Systeme, aber der besondere Umstand hatte die Federation dazu veranlasst, das gesamte Sonnensystem zu okkupieren.
Leider hatte man sich erst zu diesem Schritt durch gerungen, als die Monde von Uranus und Saturn bereits attackiert und geplündert worden waren. Zu Recht hatte sich die Federation deshalb damals als Retter gefühlt und nicht als Aggressor. Dreißig Millionen Menschen waren gestorben, und das nur, weil die Federation nicht hatte über ihren Schatten springen können. Seitdem tat sie alles, um die letzten existierenden Kolonien, jene auf den Monden des Uranus und des Jupiters zu beschützen. Ein Teil der Bevölkerung war auf Planeten der Federation abgewandert, Angehörige von hier stationierten Raumfahrern hatten ihren Platz eingenommen.
Es war ein Status, der sich seit achtzig Jahren nicht verändert hatte. Bis heute.

Vizeadmiral Durant fühlte, wie sie eine Gänsehaut erschauern ließ. Direkt vor ihr waren mehrere Hologramme aufgebaut. Einige zeigten die nähere Umgebung der Monde des Jupiters, einige berichteten in nackten Worten von dem, was draußen im All geschah.
Der Raum, in dem sie sich befand, war kreisrund. Es war der Kommandobunker für den Krisenfall. Gerade in diesem Moment evakuierte die gesamte Bevölkerung des Mondes Europa in ähnliche Gebilde, tief im Eis des Jupitertrabanten.
Hinter ihr strömte ihr Stab herein, hundertundfünf Personen. Routiniert nahmen sie ihre Plätze ein und aktualisierten die Hologramme anhand der eingehenden Meldungen. Im Stillen fragte sie sich, ob die Panik auch in ihren Gedanken wütete, wenn sie sahen, was da auf sie alle zu kam.
„Öffnen Sie mir eine Leitung zu allen Schiffen, zu allen Stationen, Mandy“, wies sie ihre Cheffunkerin an.
„Steht, Ma´am.“
„Hier spricht Vizeadmiral Durant. Ab sofort gilt für alle Einrichtungen der Federation Defend Level fünf. Wir werden angegriffen. Es handelt sich um drei schlagkräftige Trägerverbände der Allianz, die Kurs auf den Jupiter genommen haben. Sie werden noch in dieser Stunde eintreffen. Es handelt sich um Veteraneneinheiten.
Die 9. Flotte unter dem Kommando des Großen Chepain Zzukor, die 11. Flotte unter dem Kommando des Großen Chepain Marric und die 13. Flotte unter dem Kommando des Stellvertretenden Perrhay Gedan.
Wir können dem die Jupiterheimatflotte unter Konteradmiral DeVaas, die Offensivgarde Ganymed unter Generalmajor Klingenstein und das Gemischte Provisorische 4. Geschwader unter Kapitän Wildbear entgegenstellen. Dazu kommen noch sechs Jagdgeschwader von Europa, vier von Io und drei von Ganymed. Damit ist der Feind uns eins zu eins komma null null drei überlegen. In dieser Rechnung ist unsere effizientere Technik bereits berücksichtigt. Unser einziger Vorteil sind unsere Raumabwehrforts. Wenn es uns gelingt, die Feindschiffe in ihren Wirkungsbereich zu locken haben wir eine Chance. Ein Notruf an den Flottenstützpunkt im Wegasystem ist abgesetzt. Admiral Nakamura hat uns das Offensivgeschwader CHOW zugesagt. Es wird in achtzehn Stunden eintreffen. Ich wünsche uns allen viel Glück, und, bitte bewahren Sie alle die Ruhe. Wir tun alles, was in unserer Macht steht.“ Durant nickte in die Kamera, das Zeichen, dass ihre Ansprache zu Ende war.
„Kanal geschlossen, Ma´am.“
„Gut“, schnarrte sie. „Dass die verdammten Facettenaugen es jetzt schon wagen... Wie verhalten sich unsere Gäste?“, spielte sie auf den entdeckten Aufklärer der Allianz an.
„Sie befinden sich immer noch zwischen uns und Jupiter. Ohne unsere vorgeschobenen Beobachter wären wir nicht in der Lage gewesen, ihre Antriebssignaturen im energetischen Chaos des Riesenplaneten zu entdecken.“
„Hm, das heißt dann wohl, dass sie uns unvorbereitet glauben. Wie werden sie um Jupiter herum kommen? Auf der Höhe des Äquators, über einen der Pole, teilen sie sich auf oder fliegen sie geschlossen?“
„Prognose: Feindschiffe werden in Angriffsformation auf Höhe des Jupiteräquators den Gasriesen gegen den Uhrzeigersinn umrunden.“
„Hm, gut. Schicken Sie sofort ein paar Geschwader Jagdflieger und taktische Jagdbomber auf Gegenkurs um den Jupiter. Sie sollen den Allianzschiffen in den Rücken fallen.“
„Aye, Ma´am.“
Admiral Durant sank in ihren Sessel, schlug die Beine übereinander und legte die Hände unter ihrem Kinn aneinander. Sie würden bei diesem Gefecht schwerste Verluste haben. Aber auch die Insekten würden mächtig Federn lassen müssen - bildlich gesprochen. „Ist es das wert?“ fragte sie sich leise und dachte an ihren Sohn, der letztes Jahr in einem Gefecht mit Allianzschiffen schwer verwundet und noch immer nicht genesen war...
***
„Ein Angriff bei relativistischen Geschwindigkeiten!“, rekapitulierte Oberleutnant Dean Archer Stanton, während er seinen taktischen Jagdbomber vom Typ HORNET in eine enge Kreisbahn um den Jupiter drückte. Der Bordcomputer übernahm dabei die Feinabstimmung. Gelegentlich schlugen ein paar Turbulenzen der Gravitation des Jupiters durch, doch es war nicht mehr als das, was man hier beim Jupiter einen unruhigen Ritt nannte. Dean warf einen kurzen Blick auf das Head Up -Display, dass als Holo über seinem Kampfbildschirm schwebte. Dort konnte er auf dem Hilfsfenster der Nahortung die anderen neun Maschinen seiner Einsatzgruppe erkennen, die Erste Abteilung der Dritten Staffel des 5. Heimatgeschwaders Europa. Er hasste diese langen Namen, wie die meisten anderen Piloten, deshalb bevorzugte er es, seine militärische Heimat Eins, Drei, Fünnef zu nennen, wobei die Eins in Klammern stand. Dean erweiterte den Radius der Nahortung. Nun rückte auch die Zweite Gruppe in den Ortungsbereich. Die anderen beiden Staffeln des 5. Europas wusste er schräg links und gerade unter sich, Drumherum zwei weitere Geschwader, alles, was man in der Verteidigung der Flottenbasen und Kolonien der Jupitermonde entbehren konnte, um diesen waghalsigen Angriff zu führen.
„Ein Angriff bei relativistischen Geschwindigkeiten“, nahm er seinen Gedanken wieder auf. „Das bedeutet, wir werden bis ans Maximum beschleunigen, einen heißen Ritt um Jupiter herum machen und anschließend mit beinahe einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit auf die Flotten der Allianz treffen, wenn diese gerade dabei sind, um für den Angriff auf Europa und Ganymed auf die optimale Geschwindigkeit von tausend Km/S zu reduzieren. Wir rasen also wie ein geölter Blitz durch sie hindurch und verpassen ihnen ein paar schmackhafte Torpedos, und bevor wir noch sehen können, wie hart wir ihnen in die Insektenärsche getreten haben, sind wir schon wieder außerhalb ihrer Waffenreichweite. Ab dann wird es hart, denn zweimal werden sie nicht auf diesen Trick hereinfallen. Wir müssen wenden, zurückkehren und ihnen bei Gefechtsgeschwindigkeit gegenübertreten. Betet, dass wir ihnen beim ersten Anflug genügend Schaden zufügen, dann wird der Rest nicht so hart!“
„Beten wir lieber, dass die Antennenköpfe nicht Lunte von unserem Plan gerochen haben und uns schon erwarten“, meckerte Fähnrich Sylla Heißsporn Devia über die Funkverbindung, die Dean mit allen neun Schiffen seiner Gruppe verband.
„Oder dass die Kurve um Jupiter herum, bei der wir beschleunigen UND die Kurve um den Planeten herum halten müssen, unsere kleinen Deltaflügler nicht in tausend Fetzen reißt“, kam der sarkastische Kommentar von Konstantin Wolf Lupin.
„Das reicht jetzt. Wir sind eine Veteraneneinheit. Wir waren schon so oft mit unseren Hornets im gravitatorischen Sog von Jupiter, dass das für uns ein Spaziergang werden wird. Nur die letzten Meter, wenn wir um den Planeten herumkommen und ein Viertel LG erreichen, werden wirklich holprig. Überprüft noch mal die Torpedos und die Zielerfassungscomputer und macht die Täuschkörper klar. Kann sein, dass uns die Verteidigungscomputer der Insekten ein paar Flugabwehrraketen hinterherschicken. Und ach ja, laßt die Finger von den Ionen-Geschützen. Die brauchen wir noch, um später beim zweiten Anflug die Begleitschiffe der Schweren Kreuzer und der Träger zu beschäftigen. Wenn ihr aber beim ersten Anflug bereits feuert, stehen die Chancen nicht schlecht, dass ihr ein paar eurer Kameraden vom Sternenhimmel putzt.“
„Wäre ja schade um die Zwo-Zwo-Neun. Da spielen die armen Schweine in ihren Leichten Jägern schon Kugelfang und Hütehund für uns, und dann geben wir ihnen noch zusätzlich Feuer unter den Hintern. Das wollen wir doch nicht. Der alte Dantros lässt seine Solarwind ja regelmäßig auf Hochglanz putzen“, witzelte Carrie Starfox Partovski.
„Ich merke, wir verstehen uns. Außerdem... Ihr werdet noch früh genug dafür danken, dass uns die Solarwind begleiten. Spätestens, wenn uns die Geißeln der Insekten angreifen!“
Vielleicht war es unklug, so kurz vor dem Gefecht auf die Drohnenjäger der Allianz hinzuweisen, die jeder Träger zu tausenden an Bord hatte und von denen ein Dutzend ohne weiteres eine Hornet vernichten konnte, aber es schadete wirklich nichts, wenn seine Leute sich die ganze Gefahr früh genug vor Augen hielten. Sie waren Profis. Sie wollten überleben. Und wenn es ging, irgendwann ein paar Orden an der Brust baumeln haben.
***
„Was für ein Wahnsinn“, flüsterte Aidan Kenderson leise, als er sah, wie die beiden Flotten aufeinander eindroschen. Der Angriff der drei Geschwader Federation-Jagdflieger hatte die Allianzler vollkommen überrascht. Einige der schnelleren Begleitschiffe hatten sogar beschleunigt, um den Feind zu verfolgen, aber sie waren schnell vom Kommandoschiff in die Formation gepfiffen worden. Der Angriff selbst war nicht besonders erfolgreich gewesen. Insgesamt neun Staffeln hatten es nicht einmal geschafft, von knapp neunzig Schiffen mehr als drei zu vernichten. Allesamt Fregatten, kein großer Verlust an Kampfkraft für die angreifende Flotte.
Neben ihm saß Howell. Nur selten warf er einen Blick auf das Hologramm, und wenn er es tat, dann murmelte er etwas Unverständliches und widmete sich seinen Anzeigen. Plötzlich blieb er stehen. „Aidan, gleich stoßen die Flotten zusammen. Die Jäger befinden sich bereits im Gefecht. Verdammt, es gibt achtzig Templer im Sol-System, und die meisten halten sich auf einem der Jupitermonde auf. Können Ihre Magier nichts gegen den Feind ausrichten? Irgendetwas nur, was uns einen Vorteil verschafft?“
Konzentriert starrte Aidan auf das Hologramm, versuchte es von allen Seiten zugleich zu sehen, zu erfassen, zu fühlen. „Warten Sie noch“, sagte er nur.
„Wir haben doch mit Ihnen zweiundzwanzig Templer an Bord. Können Sie denn nichts ausrichten, Aidan?“
Der Hochgewachsene Templermeister und Flottillenadmiral sah zu Howell herüber und grinste. „So etwas wie das?“
Clifford folgte dem Blick seines Kommandierenden Offiziers und sah, dass sich ein Leichter Träger mit seinen Begleitschiffen vom Hauptverband gelöst hatte. „Wie?“
„Es scheint, dass Durant wirklich einen Zirkel der Templer eingesetzt hat. Die Elektronik dieses kleinen Verbandes dürfte nun derart durcheinander sein, dass er bis zum Ende der Schlacht ausfällt.“
„Und? Was können ihre Magier noch? Dämonen beschwören oder die Gedanken der Allianzler verwirren? Drachen reiten oder Dinge über große Entfernungen explodieren lassen? Hey, das war ein Scherz, Aidan.“
„Aber Sie haben recht, Clifford. Das alles können wir, wenn es sein muss. Das und noch mehr. Doch Sie haben ja keine Ahnung, was es für uns bedeutet, so etwas zu leisten wie zum Beispiel die Elektronik eines Schlachtschiffes zu verwirren, und dies auf eine Entfernung von einer halben Million Kilometer. Man sollte Magie eben nie als reine Waffe einsetzen. Es ist ein Werkzeug, eine Hilfe und weit mehr.“
„Also können Sie nichts tun.“
„Doch, ich könnte. Aber die Vizeadmirälin hat nicht nur die ARC ROYAL als Reserve in der Hinterhand behalten. Sie hat gewusst, dass ein Kreis an Bord ist und sie wollte diesen Kreis ebenfalls in Reserve halten. Also warten wir hier, bis sie uns braucht. Hm, ein Leichter Mobiler Raumhafen und seine acht Begleitkreuzer sind keine besonders große Streitmacht, aber es kann sein, dass wir früher in die Schlacht müssten als wir alle ahnen!“
„Sir?“ kam es von der Ortung. „Wir messen die Energiesignaturen eines Magistratsschiffes an. Es versucht, auf der anderen Seite der Sonne durch die Robotblockade zu kommen.“
„Beobachten“, befahl Aidan und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Schlacht um den Jupiter. Da geschah es. Direkt vor dem Admiral und Ordensmeister entstand ein schimmernder Schemen.
„Aristos!“ erklang eine raue Stimme. Aidan erschrak! Das war sein Templer-Name.
„Aristos, unterschätze nicht die Gefahr, die von diesem Schiff ausgeht. Seine Besatzung sucht den KREUZPUNKT der Erde. Verhindere das!“
„Was ist das?“ rief Clifford bestürzt. „Und was ist mit dem Magistratsschiff los? Was ist ein Kreuzpunkt?“
„Langsam, langsam. Nicht alle Fragen auf einmal“, murmelte Aidan, während vor ihm das Gebilde erlosch. „Dies ist eine Warnung, ausgesprochen von Kenian, dem toten Templer, der heute meine Tochter eingewiesen hat. Der Kreuzpunkt... Wie Sie wissen durchzieht die gesamte Galaxis ein Energienetz.“
„Ja, das Ding das Seelen frisst.“
„Es frisst keine Seelen, verdammt!“ brauste Aidan auf. „Es absorbiert sie. Wenn man es genau nimmt, besteht das Netz aus Seelen. Und dieses Netz besteht aus vielen einzelnen Netzen, die miteinander verwoben sind. Der Punkt, an dem sich zwei oder mehrere Netze treffen, wird Kreuzpunkt genannt. An ihm fließen also erstaunliche Energien zusammen. Der Kreuzpunkt der Erde ist überdies sehr mächtig, weil sich hier im Sol-Sytem über dreißig interstellare Netze zusammenfinden. Der Kreuzpunkt dieser Netze befindet sich auf der Erde. Damit ist dieser Planet im Umkreis von fünftausend Lichtjahren einmalig.“
„Und? Was bedeutet das für uns, wenn die Magistratler den Kreuzpunkt finden?“
Aidan lächelte nachsichtig. „Sie müssen verstehen, der Vergleich mit dem Netz und den Knotenpunkten ist nur der unzulängliche Versuch, etwas in Worte zu fassen, was man eigentlich gar nicht auf diese Art beschreiben kann. Es ist, als würden Sie ein Buch aufschlagen und anhand der Buchstaben versuchen ein Instrument zu spielen. Ich kann Ihnen als Nichteingeweihten die Brisanz nur anhand einiger Beispiele nahebringen. Stellen Sie sich vor, irgendwo auf Terra gäbe es ein unterseeisches Depot, und in diesem Depot lagern neun komplette Schlachtflotten, die nur darauf warten, bemannt zu werden. Und nun stellen Sie sich vor, ein Schiff voller Magistratler kommt vorbei und nimmt diese Schiffe nach und nach wieder in Betrieb. Sie wären mit den richtig dicken Schlachtschiffen ohne Weiteres in der Lage, Merkur zu zerstören und somit die Abwehrforts auszuschalten.“
„Ein Horrorszenario. Und das kann passieren, wenn die Besatzung dieses Schiffes den Kreuzpunkt entdeckt?“
„Den Kreuzpunkt entdeckt, erobert, öffnet und beherrscht. Stellen Sie sich einfach Ihren schlimmsten Alptraum vor. So in etwa wird es sein. Verdammt, und ich habe gedacht, die Federation wäre der einzige Staat, der über genügend ausgebildete Magier verfügt. Die Konglomeratisten müssen über die Hilfe von Deserteuren verfügen, sonst würden sie diesen Schritt niemals wagen.“
„Ich glaube, die Sache hat sich gerade selbst erledigt. Der Kreuzer wurde zerstört.“ Clifford grinste den Admiral an. „Ihr Urahn müßte jetzt doch zufrieden sein, oder?“
Unruhig wanderte der Admiral in der Zentrale auf und ab. „Nein, ist er nicht. Ich weiß es. Wir haben etwas übersehen. Etwas so offensichtliches, dass... Arh, es liegt mir auf der Zunge!“
Der alte Kapitän begann nun, neben dem Admiral herzugehen. Erstaunt hielt Aidan inne. „Was ist das denn? Eine Art Sympathiebeweis?“
„Nicht ganz. Ich wollte nur mal Ihre Methode ausprobieren.“
„Und?“
„Ich weiß nicht recht. Hilft mir nicht beim denken.“
Howell blieb stehen und glitt in seinen Kommandosessel. „Viel besser. Jetzt geht es wieder. Fassen wir mal zusammen. Vom Magistratsschiff soll eine riesige Gefahr ausgehen. So riesig, dass einer Ihrer Vorfahren es wagt, auf die materielle Ebene zu kommen. Er würde das doch nicht etwa aus Langeweile machen, oder?“
Aidan schüttelte den Kopf.
„Das dachte ich mir. Das bedeutet, die Gefahr besteht noch. Die Magistratler wollen den Kreuzpunkt, das heißt, sie brauchen Magier im Inneren System.“
Aidan schlug sich die flache Hand vor die Stirn. „Das ist es. Es ist ihnen egal, ob das Schiff zerstört wird. Die Robotforts würden niemals auf Rettungskapseln schießen, weil diese Dinger weder ihnen noch der Schaltzentrale auf Merkur gefährlich werden könnte. Kapitänleutnant Suiro?“
Der Chef der Ortung sah herüber. Verwirrt strich sich der Offizier eine blonde Strähne aus der Stirn. „Sir?“
„Stellen Sie bitte fest, wieviele Blockadebrecher die Magistratler in letzter Zeit ausgesendet haben:“
„Aye, Sir. Neun, Sir. Davon wurden sieben zerstört. Der erste Versuch dieser Serie liegt genau drei Wochen zurück.“
„Haben die beiden Schiffe, die durchgebrochen sind, das Innere System später wieder verlassen?“
„Negativ, Sir!“
„Danke, Suiro. Achten Sie nicht zu sehr auf die Schlacht. Ich brauche eine Kursberechnung der Robotforts in unserem Sichtbereich für die nächsten elf Stunden. Und das am liebsten Gestern.“
„Aye.“

Clifford Howell nickte zustimmend. „So haben sie also einen Kreis auf die Erde gebracht. Weiß der Teufel, wie viele ordentliche Raumfahrer bei diesem Wahnsinn umgekommen sind. Ich empfehle Hauptmann Jerrard.“
„Wofür?“
„Für das Einsatzteam, das Sie diesen Gangstern hinterherschicken wollen. Keene Jerrard ist einer der besten Piloten, die sich je auf dieses Schiff verirrt haben. Außerdem hat er die Schwarze Ausbildung mit Auszeichnung bestanden.“
Die Schwarze Ausbildung, der Jargon-Begriff der Flottenangehörigen für die Einführung in Nahkampftaktiken, Infiltrationstechniken und schlichte Spionage.
„Was können Sie noch über ihn sagen?“
„Er ist ein Außenweltler.“
„Aha, also nicht auf einer Federation-Welt geboren“, stellte Aidan nachdenklich fest.
„Nein, er kommt von Knotenpunkt Tau.“
„Die neutrale Handelsstation, drüben an der Materiebrücke ins Halo? Dann hatte er kein leichtes Leben.“
„Ich lege Ihnen Keene wärmstens ans Herz. Ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Oder das Leben meiner Tochter“, sagte der Kapitän leise.
„Sie haben keine Tochter. Schon gut, ich weiß, was Sie sagen wollen. Ich habe eine Tochter, und ich habe mit dem Gedanken gespielt, sie zur Erde zu schicken. Aber nur kurz.“
„Ihnen wird gar nichts anderes übrig bleiben. Haben Sie mir nicht mal erzählt, wie wichtig es ist, dass man einen Kreis, der aufeinander eingestellt ist, nicht auseinander reißt? Sie müssen also das jüngste Mitglied schicken, und das ist Adrianna Kenderson. Außerdem hat sie doch das Techniker-Diplom. Sie und Keene werden sich wunderbar ergänzen.“
Aidan schüttelte sich bei dem Gedanken, seine geliebte Tochter einem Fremden anzuvertrauen, aber das war der Vater, der da in ihm sprach. Der Flottenoffizier meldete sich ebenfalls und ermahnte ihn eindringlich, dass Clifford Recht hatte. Er musste seine Tochter schicken. Und er musste den besten Mann mitgeben, über den dieses Schiff verfügte.
„Also gut“, knurrte der Flottillenadmiral. „Informieren Sie den Materialwart. Die beiden sollen die beste Ausrüstung bekommen, über die wir verfügen. Chief Savek soll einen Jäger aus der Prototypen-Serie klarmachen. Ein Hochgeschwindigkeitsmodell. Der Ritt wird verdammt hart für die beiden werden. Ihr Mann ist doch mit den Ausradierern vertraut, Clifford?“
„Er kennt sie, als wäre er drin geboren“, wiegelte der Fregattenkapitän ab.
Aidan nickte nur. „Eine interne Verbindung in den Mannschaftsbereich. Deck vier, Kabine Blau drei...“
***
„Also, Sie wissen, was wir von Ihnen erwarten?“ Das Hologramm von Vize-Admiral Durant flackerte leicht, erlosch aber nicht. Europa wurde aus dem Orbit beschossen. Die hochenergetischen Interferenzen der kollabierenden äußeren Schirmfelder störten selbst den überlichtschnellen Hyperraumfunk.
Keene und Adrianna nickten nur. Sie trugen bereits die vakuumtauglichen Pilotenanzüge. In den Armbeugen hielten sie ihre Helme, die mit dem Goldenen Falken im Sturzflug, dem Zeichen der Federation-Marine versehen waren.
„Gut. Hier bei den Jupitermonden steht es schlecht. Die GEISSELN, die unbemannten Drohnenjäger des Gegners machen uns doch sehr zu schaffen. Es scheint, dass wir es mit modifizierten Typen zu tun haben. Aber das ist mein Problem. Ihres ist wesentlich wichtiger. Ihr Auftrag lautet: Verhindern Sie, dass der Zirkel der Magistrats-Magier den Kreuzpunkt öffnet. Wenn Sie dazu jeden einzelnen Magier liquidieren müssen, tun Sie es. Wenn Sie den Kreuzpunkt erobern müssen, tun Sie es. Haben Sie zwei mich verstanden?“
Der Hochgewachsene Keene nickte stumm. Er war der typische Flieger. Groß, breitschultrig, blonde Haare, die zum Stoppelschnitt gekürzt waren. Allerdings war sein Teint zu blass. Piloten liebten es, braungebrannt aufzutreten, wenn sie nicht sowieso schwarz waren, die innerhalb der Federation ein Drittel der Bevölkerung ausmachten. Der Rest waren Mischlinge, Asiaten und Angehörige außerirdischer Rassen wie die vergeistigten Zardaner, die arbeitsamen Cendra oder die Vancouvers, die gerade den ersten Schritt in die interstellare Raumfahrt machten.
Daneben die zarte Adriana Kenderson, die mit einem leisen Ja, Ma´am bestätigte. Klein, fast zierlich. Samtbraune Haut, die ihr Gesicht hübsch machte. Die Stupsnase, ein Erbe ihrer Mutter, tat ein Übriges. Tiefschwarze Haare, die dem Einsatz der Schere bis auf einen unregelmäßigen Pagenschnitt hatten weichen müssen. Sie schien so ganz und gar nicht der Typ für solch einen riskanten Einsatz zu sein.
Wieder flackerte das Hologramm. Die Admirälin sah sich einmal um. „Tja, es wird ernst. Wir konnten ein paar Schlachtschiffe in die Reichweite unserer Forts drängen. Geben Sie Ihr Bestes. Und denken Sie dran: Kriegen die Magistratler den Kreuzpunkt, ist unsere Präsenz im Sol-Sektor hinfällig: Dann können wir zusehen, dass wir retten, was zu retten ist.“ Sie salutierte, was bei der kleinen Frau ohne den zwingenden Blick in ihren Augen lächerlich gewirkt hätte. „Viel Glück!“
Die beiden salutierten ebenfalls. „Danke, Ma´am!“, antworteten sie wie aus einem Mund.
„Ach, noch etwas. Da dies eine militärische Operation ist, wird Hauptmann Jerrard die Aktion leiten. Dies nur für das Protokoll. Bei einem Versagen wird es niemanden mehr interessieren.“
Das Holo erlosch. Über Europa ging es anscheinend gegen die Insektoiden zur Sache.

Keene Jerrard verdrehte die Augen und äffte den Admiral nach. „Bei einem Versagen wird es niemanden interessieren.“
„Was beschwerst du dich, Pilot? Du hast schließlich das Kommando bekommen.“
„Als wenn das so weltbewegend wäre. Ich würde lieber ein paar Geißeln aus dem Orbit putzen als nach Terra zu fliegen.“
„Undiszipliniert und launisch. Na, das kann ja was werden“, murmelte Adrianna leise.
„Wie war das?“
„Schon gut“, seufzte Adrianna. „Laut Zeitplan sind wir...“
„Wir sind ihm fünf Minuten voraus. Wir könnten uns auf dem Weg in den Hangar also Zeit lassen. Du kannst noch mal auf Toilette hüpfen.“
„Der Anzug enthält ein komplettes Recyclingsystem. Als Pilot müsstest du das wissen“, tadelte sie den Hauptmann.
Keene grinste. „Und du ekelst dich nicht davor, in die Hose zu...“
„Nein, tu ich nicht. Das ist nicht mein erster Einsatz in einem Raumanzug.“
Keene baute sich vor dem Schott auf und machte eine einladende Geste. „Bitte nach Ihnen, Ma´am.“
Sie würdigte ihn keines Blickes, als sie an ihm vorbei in den Korridor hinaustrat. Doch er holte schnell wieder auf und ging dann links von ihr den Gang entlang.

Ihnen kamen eine Menge Leute entgegen. Piloten auf dem Weg zu ihren Maschinen, Wartungstechniker, gepanzerte Infanteristen und Offiziere wuselten durch die Gänge. „Das machen die doch nicht wegen uns“, meinte Keene, während er neben Adrianna den letzten Platz in der Unterdruckröhrenbahn ergatterte. Dieser Zug würde sie bis zu den Startdecks bringen.
„Hey, Keene, ich habe gehört, du hast einen Spezialjob?“
Der Hauptmann drehte mühsam den Kopf. Hinter und neben ihm saßen Jägerpiloten, die wie er zu ihren Maschinen wollten. „Jenny. Ja, habe ich. Streng geheim. Wenn ich was drüber erzählen würde, müsste ich den ganzen Zug erschießen.“
Die anderen Piloten lachten. Das war ihr Keene. Schlechte Witze und großspuriges Auftreten.
„Sag mal, Jenny, was ist los? Wollt Ihr uns Geleitschutz geben?“
„Nein, es steht ein Angriff bevor. Die Allianzler haben zwei Schlachtschiffe in unsere Richtung gesandt. Sie befürchten wohl, dass wir ihnen im ungünstigsten Zeitpunkt in den Rücken fallen könnten. Wir sollen sie davon überzeugen, dass es besser ist, umzukehren.“
Keene runzelte die Stirn. „Leute, hört mal her. Die Schlachtkreuzer haben bestimmt Drohnen an Bord. So wie ich das mitbekommen habe, sind das neue Typen. Schwerer abzuschießen und besser bewaffnet. Eventuell haben die Geißeln einen besseren Energiespeicher bekommen. Nehmt euch also in Acht, okay?“
„Was schlägst du vor?“
„Schießt zuerst die Drohnen ab. Wenn die weg sind, kümmert euch um die Schlachtkreuzer.“
„Es könnte passieren, dass sie dann nahe genug dran sind, um die ARC ROYAL zu beschießen.“
„Ihr nützt der ARC mehr, wenn Ihr noch lebt, vergesst das nicht. Nur Idioten gehen Risiken ein, die sich vermeiden lassen. Es gibt alte Piloten und wagemutige Piloten, aber es gab noch nie alte, wagemutige Piloten. Ich werde mal ein alter Pilot, und Ihr solltet das auch werden, verstanden?“
„Wir wollen es versuchen“, erwiderte die Pilotin mit dem Leutnantsstern auf der Brust, die Keene mit Jenny angesprochen hatte.

Adrianna war irritiert. Diese kleine Rede passte überhaupt nicht in das Bild, das sie sich in den letzten Minuten von Hauptmann Jerrard gemacht hatte. Außerdem schienen ihn die anderen Piloten zu respektieren, obwohl er nicht den Draufgänger raushängen ließ.
Der Zug hielt an. Sie stiegen aus, und jeder Pilot klopfte dem Hauptmann auf die Schulter. Er erwiderte es mit einigen derben Wünschen, die Adrianna die Schamesröte ins Gesicht trieben.
„Hunde, die bellen, beißen nicht“, kommentierte er amüsiert. Sie antwortete nicht darauf.

„Wo wir gerade etwas Zeit haben. Wo willst du liegen? Oben oder unten?“
„Wie bitte?“
Keene blieb stehen. „Ich habe gefragt, wo du liegen willst.“
Adrianna holte aus und versuchte, Keene zu ohrfeigen.
Der fing ihre Hand jedoch ab. „Jetzt verstehe ich“, meinte er grinsend. „Wir werden in einem Ausradierer fliegen. Das heißt, wir werden stehen. Oder liegen. Je nachdem, wie wir die künstliche Schwerkraft einstellen. Das heißt, es gibt in diesem engen Folterinstrument nur zwei Plätze. Den oben und den unten. Wir werden praktisch übereinander gestapelt werden, nur getrennt durch eine Wand aus Plastikstahl. Pilotenkontrollen gibt es auf beiden Plätzen, deshalb fand ich es höflich, dir die erste Wahl zu lassen.“
„Oh, entschuldige.“
Er ließ Adriannas Hand wieder los. „Schon gut. Das konntest du ja nicht wissen.“
Schweigend gingen sie die letzten Meter bis zur Startrampe.
„Keene?“
„Ja?“
„Wieso duzen wir uns?“
„Weil es mir leichter fällt, jemandem den Hintern zu retten, wenn ich ihn mit dem Vornamen anreden darf.“
„Das ist ein Argument.“

Der Ausradierer hatte einen bescheuerten Namen, fand Keene, aber er war das Beste, was der Föderation zur Verfügung stand. Die Manövrierfähigkeit erreichte die legendären Fähigkeiten einer Geißel zu achtzig Prozent. Die höchste Beschleunigung betrug zweihundert Kilometer pro Sekundenquadrat, was sie mit den Geißeln beinahe gleichsetzte. Die Andruckabsorber, die dafür zuständig waren, mittels nachregulierender künstlicher Schwerkraft zu verhindern, dass sich die Piloten durch ihre Manöver selbst umbrachten, waren extrem leistungsfähig. Die Ausfallquote lag bis zu dreißig Gravos nahezu bei null. Erst bei Beschleunigungen oder Gewaltmanövern, die höheren Andruck erzeugten, stieg die Fehlerquote auf elf Prozent.
Eine Geißel hatte keinen Piloten, der davor bewahrt werden musste, getötet zu werden. Also konnte das kleine Robotschiff noch etwas härter beschleunigen und etwas gewagtere Flugmanöver machen. Das machte es so verdammt gefährlich.
Trotzdem, einen Ausradierer zu fliegen hatte für einen Jagdpiloten wie Keene etwas von Elysium, vom perfekten Ort, der keine Wünsche offen ließ. Er hatte die Form einer Walze, maß zwölf Meter in der Länge und noch einmal dreieinhalb im Durchmesser. Damit war er ein Drittel länger, als es ein normaler Federation-Jäger eigentlich sein sollte. Der zusätzliche Platz wurde vom extra starken Triebwerk und den neun Korrekturtriebwerken eingenommen, die die an Wunder grenzende Beweglichkeit erzeugten. An Bewaffnung ließ der Ausradierer ebenfalls keine Wünsche offen. Der Jäger hatte eine Menge Platz, und den konnte man mit Raketen satt belegen. Die normale Konfiguration bestand aus einer Fünfer Salve Schwärmer-Raketen, zehn Hitzesuchern und zwei Schiffstorpedos.
Die Torpedos hatten aber der Ausrüstung für den Einsatz auf der Erde weichen müssen.

Admiral Kenderson empfing sie. „Wir werden angegriffen, deshalb werde ich mich kurz fassen. Admiral Durant hat Ihnen alles gesagt, was Sie wissen müssen. Ich möchte dem nur eines hinzufügen: Kommen Sie in einem Stück zurück. Alles andere ist mir egal. Sie gehen rein, retten den Kreuzpunkt und hauen wieder ab. Verstanden?“
Die beiden nahmen Haltung an. „Ja, Sir.“
Die Gesichtszüge des Admirals wurden weicher. „Passen Sie auf mein kleines Mädchen auf, Hauptmann, ja?“
Keene lächelte. „Versprochen, Sir.“
„Wer wohl auf wen aufpassen wird“, feixte Adrianna.
Techniker eilten herbei und halfen ihnen in den startbereiten Jäger. Der Flugchief instruierte den Hauptmann mit den letzten Ergebnissen der Computerberechnungen. „Wir erreichen den Zeitpunkt für ein beinahe sicheres Durchflugfenster in elf Minuten. Ihre Flugzeit bis zum Mars-Sperriegel ist bereits berücksichtigt. Ab da werden Sie intuitiv fliegen müssen. Seien Sie bei der Wahl Ihrer Manöver um Himmels Willen nicht logisch. Die Hochleistungscomputer auf Merkur würden das merken und die Robotforts entsprechend steuern. Es wäre Ihr Tod, haben Sie das verstanden, Jerrard?“
„Ja, Mama.“
„Die Analytiker meinen, Sie sollten vielleicht ein paar logische Manöver einbauen, sie aber nicht ausführen. Mit dem intuitiven Denken kann der Rechnerverbund nicht viel anfangen.“
„Ja, Mama.“
„Ach, noch was. Wenn Sie mir die Ausradierer genauso wiederbringen wie die Solarwind, bringe ich Sie um!“
„Ja, Mama.“
„Und jetzt rein da und viel Glück, Sie verrückter Hund!“
„Soll ich Ihnen was von Terra mitbringen, Chief?“
„Wie wäre es mit einem Kilo Sand vom Atlantikstrand?“
„Will sehen, was ich tun kann.“
„Versiegelt das Cockpit“, wies der Flugchief die Techniker an. „Und dann alle raus aus der Startbucht. Viel Glück Ihnen beiden.“
***
Gleichzeitig mit dem Ausradierer starteten vier Staffeln Solarwind, um die angreifenden Schiffe der Insektoiden abzufangen. Eine der Jagdmaschinen begleitete den Ausradierer auf seinem wahnwitzigen Kurs eine Zeit, winkte dann stumm mit den kurzen Flügeln und schloss sich seinen Kameraden wieder an.
„Ein letzter Gruß. Bist du bereit, Adriana?“
„Ich wurde bereit geboren“, prahlte die Templerin.
„Okay, dann fliege ich jetzt den Gürtel der Wachschiffe an. Du solltest die Augen aufhalten und einen Blick auf die Ortung haben. Bei diesem Höllenritt kann ich jede Hilfe brauchen, die ich kriegen kann.“
Die Stimme der jungen Frau klang verwirrt, aber nicht einen Augenblick ängstlich. Sie besaß ein großes Maß an Disziplin. Das gefiel einem Soldaten wie Keene.
„In zehn Minuten sind wir da. Und dann sind es noch einmal sieben Stunden bis nach Terra.“