Bluescreen

von Jolle
GeschichteRomanze, Familie / P16
05.07.2010
12.12.2014
50
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15
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(03.11.2015)

Hallo liebe Leser,

schön, dass Ihr Euch hierher verirrt habt!
"Bluescreen" war mein allererster Gehversuch in Sachen Fanfiction; was Ihr hier lest, ist über vier Jahre hinweg entstanden und sicher nicht perfekt, aber voller Herzblut.
Falls es Euch gefällt:
Eine korrigierte und überarbeitete Version mit Bonuskapitel gibt es auch gedruckt für's eigene Regal, als Taschenbuch (ISBN 978-3-7386-5678-7) oder Hardcover (ISBN 978-3-7392-0084-2), und für die modernen Leser in Kürze auch als E-Book! Der Link für Letzteres folgt, sobald es zu haben ist.

Mein Dank geht an Euch alle: an alle Reviewer, alle Favorisierer, alle Schwarzleser; an jeden, der sich auch nur an ein paar Sätzen erfreut hat! Ohne Euch hätte ich diese Geschichte wohl nie bis ans Ende gebracht. Denn Geschichten werden geschrieben, um gelesen zu werden, und das habt Ihr getan.
DANKE.

Seid herzlich gegrüßt!
Jolle




* * *




„...oh nein“, flüsterte Lizzy, „bitte nicht!“
„Noch zehn!“, schallte es von der Studiodecke.
Lizzy atmete tonlos aus. Zu spät. Zehn Sekunden waren einfach zu wenig. Sie drehte sich hastig zu Charlotte und fing einen entsetzten Blick auf, dann huschten ihre Augen zum hell erleuchteten Moderationspult. Darcy sortierte in unverschämter Gelassenheit und in noch weniger verschämter Lautstärke seine Zettel.
„Noch fünf...“
Bis auf das penetrante Geraschel war es mittlerweile totenstill im Studio.
„...vier...“
Darcy schob den perfekt geordneten Papierstapel schließlich vor sich auf das Pult und nahm eine straffere Haltung an.
„... drei.“
Die Lautsprecherstimme verstummte, und Lizzy zählte in Gedanken die Zwei – und in diesem Moment blickte Darcy auf. Ein Hagel an imaginären Giftpfeilen schoss direkt auf Lizzy zu, durchbohrte sie förmlich und jagte ihr einen Sturm der Verachtung um die Ohren, der sie geradewegs umzureißen drohte.
Eins.
Noch einen Sekundenbruchteil prasselte das Gedankengewitter aus Darcys stechendem Blick auf sie ein, dann fokussierte er im letzten Augenblick die Kamera.
Null.
Das Rotlicht ging an – und Lizzy schloss entsetzt die Augen. Diese Sendung würde niemand mehr retten. Auch nicht Super-Darcy.



~ knapp elf Monate zuvor ~



„Nein, Mama, dieses Wochenende kann ich euch nicht besuchen. - ja, Spätschicht.“

Das Telefon in der einen Hand stapelte Lizzy mit der anderen das gesamte benutzte Geschirr auf dem Tisch zu einem Turm.

„Apropos“, sie warf einen kurzen Blick auf die Uhr, „ich muss bald los... - nein, zur Arbeit, Mama. Kein Date.“

Die Vorstellungen ihrer Mutter waren wie üblich abenteuerlich. Ein Date um vier Uhr nachmittags? Wohl kaum...
Vorsichtig hob Lizzy das wackelige Teller-Gebilde an.

„Doch, natürlich, für dich habe ich doch immer fünf Minuten...ach so, ja, die Vorstadtschnulze. Dann schieß mal los...“

Geschickt balancierte sie den schwankenden Geschirrturm Richtung Küche. Immer wieder erstaunlich, was allein nach einer Mahlzeit alles an Spülfraß zusammen kam.
Und erstaunlich, mit welcher Leidenschaft und Ausdauer sich ihre Mutter nunmehr seit über zweitausend Folgen für ein und dieselbe Fernsehserie begeistern konnte. Lizzy kannte inzwischen jeden einzelnen Charakter dieser Telenovela, ohne jemals eine einzige Folge gesehen zu haben.

„Ach, das ist seine Tochter? Na sowas.“

Wie bekommt man einen Stapel schmutziges Geschirr mit einer Hand in die bereits halb volle Spüle, ohne etwas kaputt zu machen? Lizzy entschied sich für ein klares „gar nicht“, und klemmte sich das Telefon schließlich zwischen Ohr und Kinn.

„...hmhm...aha...“

Sie schob das Geschirr stückweise in die noch vorhandenen Lücken.
Verflixt, die Zeit rannte ihr schon wieder davon. Auf dem Herd stand immer noch der Topf von gestern, die bodenbedeckende angebrannte Schicht dürfe inzwischen gut eingeweicht sein – hoffentlich. Andernfalls hätte es sich womöglich bezahlt gemacht, die Anweisungen des Kochbuchs vor dem Löffelschwingen gründlicher zu studieren. Und dieser Annahme wollte sich Lizzy keinesfalls beugen. Sie war schon immer ein Kind der Tat gewesen. Zwar liebte sie Bücher über alles, aber dröge Sachtexte beschwerten ihr Gemüt – Gebrauchsanweisungen umging sie stets mit Neugierde,  Logik und einer gesunden Portion Pfiff. Dieses Verhalten war eindeutig ein Erbteil ihres Vaters, und nicht zuletzt ihm hatte sie es damit zu verdanken, dass sie sich allen mütterlichen Wünschen zum Trotz nicht in ein Studium, sondern direkt in eine technische Berufsausbildung gestürzt hatte. Und genau die forderte auch jetzt wieder unerbittlich ihren vollen Einsatz.

„Mama, entschuldige, aber ich muss dich leider unterbrechen. - doch, wirklich. Ich muss in spätestens zehn Minuten aus dem Haus...“

Sie warf noch einen kurzen, prüfenden Blick auf die überfüllte Spüle und lief wieder ins Wohnzimmer. Die Uhr gebot Eile...

„Nein, Mama, die Sendung wartet nicht auf mich.“

Dezent genervt suchte Lizzy ihre sieben Sachen zusammen und warf sie in ihre Tasche.

„Mama, ich muss jetzt langsam wirklich los. - Wie? Ja, selbstverständlich komme ich zu Marys Abschlussfeier!“

Sie wühlte den gerade erst eingesteckten Terminkalender wieder hervor und blätterte hektisch zum 9. Juni.

„14 Uhr... die Zeremonie, ja, ich weiß.“

Der Terminkalender flog wieder in die Tasche, und Lizzy schlüpfte in ihre Schuhe.

„ - ja. Mama, ich rufe dich morgen noch einmal an, und dann können wir das alles in Ruhe besprechen. - ja. Grüß Papa von mir! ...ja, mach's gut, bis morgen!“

Beinahe erleichtert legte Lizzy auf, dann griff sie ihren Schlüsselbund vom Tisch – um ihn postwendend wieder hinzuwerfen und stattdessen erneut nach dem klingelnden Telefon zu greifen.
Unbekannte Rufnummer bedeutete meistens...

„Bennet?“meldete sie sich, vorsichtshalber neutral.
„ - Mama. Ja, ich war schon fast draußen. - Doch, wirklich.“

Sie schloss die Augen und lauschte der Stimme ihrer Mutter. Offenbar war es für die gute Frau ein ernsthaftes Problem, dass sie zunehmend weniger Einfluss auf das Leben ihrer zweitältesten Tochter nehmen konnte – Elizabeth war die erste gewesen, die das elterliche Nest verlassen hatte. Sie war ein freier Geist und liebte die Selbstständigkeit, und mit dem ersten eigenen Geld hatte sie sich, zum Leidwesen der Mutter, nicht mit Kleidern, Schmuck und Make-up eingedeckt, sondern eine kleine, feine Wohnung in der Stadt gemietet. Keine 30 Kilometer trennten die Bennets von ihrer Tochter, und dennoch schien diese Entfernung schon wie das Tor zu einer anderen Welt zu sein, einer Welt, die gerade Mrs. Bennets Vorstellungen wenig bis gar nicht entsprach. In diesen Vorstellungen gab es vorrangig im Fernsehen eine reichliche Auswahl an a) gut verdienenden und b) die Ehe würdigenden (und damit der Ehe würdigen) Männern. Allerdings bauten diese Vorstellungen auf längst eingemotteten Jugendträumen sowie dem alltäglichen Konsum bereits erwähnter Telenovela auf – und das die Realität hinter den Kameras eine ganz andere war, konnte und wollte Mrs. Bennet nicht einsehen. Ihre Tochter würde beim Fernsehen garantiert den Inbegriff eines Traum-Schwiegersohnes finden. Wenn sie doch nur nicht so weit weg wäre! Dann könnte man ihr besser unter die Arme greifen...

„Nein, Mama, ich werde nicht nachts kochen, sondern in die Kantine gehen. - ja, es gibt dort Salat. - nein, es gibt immer Salat.“

Nervös spähte Lizzy auf die Uhr.

„Mama, ich muss los. Sonst essen die anderen mir noch den Salat weg.“

Ein Grinsen huschte über das junge Gesicht, als es die Empörung am anderen Ende der Leitung vernahm.

„Nein, ich mache mich nicht über dich lustig, Mama. Ich hab' dich lieb. Und ich gehe jetzt arbeiten. Bis morgen!“, beendete Lizzy sanft, aber beharrlich den neuerlichen Monolog ihrer Mutter.

Höchste Zeit zu gehen.
Sie schnappte sich den Schlüsselbund, hielt kurz inne um sich zu gewissern, dass sie auch ganz sicher nichts vergessen hatte, oder wenigstens nichts, das in irgendeiner Weise überlebenswichtig sein könnte, und nickte schließlich kurz: Die Schicht konnte beginnen. Sie schwang sich die Tasche über die Schulter und öffnete die Wohnungstür – da klingelte erneut das Telefon.
Lizzy unterdrückte einen Fluch und kehrte auf dem Absatz um. Was war denn jetzt noch...? Als sie die Nummer auf dem Display sah, begann sie zu lächeln.

„Hey Jane! Was gibt’s? - ja, Marys Abschlussfeier, ich weiß... - können wir das später besprechen? Ich bin praktisch schon auf dem Weg zur Arbeit... - ja, Spätschicht. - Okay, ich rufe dich in meiner Pause an. Bis dann!“

Lizzy legte auf – und machte ob der aufleuchtenden Uhrzeitanzeige beinahe einen Schritt rückwärts.
„Jetzt aber flott...“, murmelte sie, flitzte aus der Wohnung und beeilte sich, die Tür hinter sich zuzuziehen, bevor das Telefon nochmals ihre Anwesenheit fordern konnte.
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