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Rumo und die Wahrheit der Alchimisten

von -Echo-
GeschichteAbenteuer / P12
Blaubär Hildegunst von Mythenmetz Rumo von Zamonien
30.06.2010
22.03.2015
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146.075
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30.06.2010 4.213
 
Rumo torkelte durch die endlosen finsteren Gänge der Nachtschule wie ein Betrunkener auf der Suche nach der nächsten Bar. Er hatte unerträgliche schmerzen, ihm war schlecht vor Hunger und vor seinem inneren Auge herrschte immer noch ein heilloses Farb-Durcheinander. Doch was am allerschlimmsten war, war der Durst. Seine Kehle brannte wie Feuer und seine Zunge hatte längst das Stadium Sandpapier erreicht, in ihm drin schienen schlimmere hydrogene Zustände zu herrschen, als in der Süßen Wüste nach der elfmonatigen Trockenzeit.
Er wusste nicht, wie lange er nun schon so herumirrte – es mochten Stunden gewesen sein oder auch nur Minuten – doch bis jetzt war er noch keiner einzigen lebendigen Seele begegnet, abgesehen von ein paar Käfern, die ihm nicht weiter halfen. Das gesamte Tunnelsystem schien völlig ausgestorben, ganz so, als sei alles, was er vor wenigen Stunden erlebt hatte, nichts weiter als Einbildung gewesen.
Rumo hoffte, dass es tatsächlich nur einige Stunden waren, die seit seiner Begegnung mit dem Laubwolf vergangen waren, nicht auszudenken, was passieren würde, wenn es Tage oder sogar Wochen waren.
Die Ungewissheit war fast ebenso quälend wie der Durst und gleichermaßen unabänderlich, wenn er nicht bald einem Wesen mit Sprachbegabung begegnete. Und dann war da noch die Sache mit Löwenzahn und Grinzold, die ihm wie ein Stein in Findlingsgröße auf dem Herzen lag.
Schon wieder völlig erschöpft ließ Rumo sich auf den Boden hinab gleiten, schlug die Hände gegeneinander, um den Schmutz abzuschütteln und tastete sich dann vorsichtig über den Nacken. Sein Fell war blutverklebt, ließ sich jedoch weit genug auseinander scheiteln um den Wolpertinger die drei kurzen Metalldrähte ertasten zu lassen, die aus seiner Haut herausragten. Das mussten dann wohl die Nervendrähte sein, von denen Nachtigaller gesprochen hatte, mutmaßte er und zog versuchsweise an einem der Stummel.
Fehler.
Schmerzen, die er so in seinem Leben sicher noch nie gespürte hatte, schossen seine Wirbelsäule hinab bis in die Spitzen seiner Zehen, er heulte auf wie ein gepeinigter Straßenköter und rutschte seitlich die Wand hinab bis er zuckend am Boden liegen blieb, das Gesicht eine gepeinigte Fratze.
So entging ihm, wie neben ihm eine Tür im Fels erschien, sich lautlos öffnete und ein jugendlicher weißer Werwolf in den Tunnelgang trat. Das erschreckende und doch zugleich atemberaubend schöne Wesen blieb verwundert neben dem sich auf dem rauen Stein krümmenden Wolpertinger stehen, sah auf ihn hinab und kaute dabei an einer Ölsardine, die er aus einer kleinen Dose gefischt hatte.
„Was tust du hier?“, fragte er, nachdem er seine zweckmäßige Nahrung herunter geschluckt hatte. „Der Professor hat gesagt du sollst auf deinem Zimmer bleiben.“
Rumo sah mit schmerzverzerrtem Blick auf, schaffte es jedoch nicht, sich zu erheben. „Das ist mir völlig egal“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Ich habe Schmerzen, Hunger und Durst. Und außerdem will ich endlich meine Sachen wieder haben.“
Der Werwolf verstaute seine Sardinenbüchse in einer Umhängetasche und beugte sich zu dem Wolpertinger herunter, um ihm aufzuhelfen. „Oh man“, schnaufte er, „du bist wohl einer von der Kopf-duch-die-Wand-Sorte, wie? Das habe ich mir schon gedacht, als ich dich da unten mit dem Laubwolf im Nacken aufgelesen habe.“
Rumo ließ zu, dass der Weiße sich seinen Arm um den Hals legte und ihn unter einiger Anstrengung nach oben hievte, wie man normalerweise einen angeheiterten Freund stützt. „Du bist Hektor“, nuschelte er und dann, wie mechanisch: „Danke.“
„Falls du damit meinst, dass ich dich hier her gebracht habe – schon okay, das ist selbstverständlich. Weißt du, du hast wirklich Glück gehabt.“
Rumo nickte kraftlos, während Hektor ihn durch den Gang schleifte. „Das sagte man mir bereits.“
Der Werwolf lachte freundlich. „Das kann man dir gar nicht oft genug sagen. Weißt du, ich bin nämlich der Einzige bis heute bekannte Zamonier, der an den Außenwänden der Finsterberge hinauf und hinab laufen kann, wie auf einer Leiter, nicht mal Insekten können das. Frag mich nicht, warum das so ist. Ich habe es selbst nur durch Zufall festgestellt, als ich vor einiger Zeit aus einem der Labyrinthschächte gespült wurde. Ich habe mich einfach am Felsen festgekrallt und es hat funktioniert. Nachtigaller fand das dermaßen faszinierend, dass er mich seit dem studiert. Deswegen bin ich hier.“
„Aha“, machte Rumo, den das nicht wirklich interessierte. Er lebte, alles Weitere war ihm egal.
Nach wenigen Minuten stellte der Wolpertinger verwundert fest, dass sie sich wieder in dem kleinen Raum befanden, in dem er aufgewacht war. Dabei waren sie seines Wissens nach nicht ein einziges Mal abgebogen. Wie konnte das sein? Er selbst war doch um so endlos viele Ecken und Abzweigungen gestrichen, dass er sie nicht hatte zählen können.
„Es dauert eine Weile, bis man sich hier auskennt“, erklärte Hektor, als erahne er bereits, was Rumo auf den Lippen lag, und bugsierte seine lebendige Fracht behutsam auf die Pritsche. „Bei Kerzenschein sieht ein Tunnel aus wie der andere.“ Er zog die Sardinenbüchse wieder hervor und hielt sie Rumo hin. „Hier, willst du?“
Rumo langte, ausgehungert wie er war, gierig zu, bereute es aber sofort wieder, da der ölige Fisch seinen Durst nur noch verschlimmerte, ihn von absolut unerträglich hin zur Todesqual steigerte. „Wasser!“, stöhnte er. „Ich brauche dringend Wasser!“
Hektor ließ seinerseits einen Fisch seinen Schlund hinunter gleiten. „Kein Problem. Leck einfach die Wände ab, das ist frischen Quellwasser, was da hinunter läuft. Vollkommen sauber und nebenbei angereichert mit allen wichtigen Mineralien.“
Rumo machte sich nicht die Mühe irgendetwas von dem Gesagten infrage zu stellen, sondern stürzte sich ohne Umwege auf die nächstbeste Höhlenwand, um gierig jeden Tropfen Flüssigkeit aus den kleinen natürlichen Spalten und Rillen zu saugen. Es schmeckte wunderbar, geradezu fantastisch, frisch und kühl als käme es direkt aus einem der unzähligen Seen in Vielwasser. Jeder Schluck war wie ein Segen, wie Regen auf ausgedörrtem Feld, wie ein Monsun nach Monaten der Entbehrung, und rann seine Kehle hinunter wie flüssiges Leben.
Nachdem Rumo sich wieder einigermaßen hydriert fühlte ließ er sich auf sein karges Lager fallen, froh darüber, dass die Schmerzen mittlerweile etwas nachgelassen hatten. Nachdem er eine Weile vor sich hin gestarrt hatte, traute er sich schließlich die Frage zu stellen, mit der alles zu stehen und fallen schien. „Hör mal. Ich muss wissen, wie lange ich schon hier bin, kannst du mir das sagen?“
Hektor brauchte nicht zu überlegen. „Etwa zwanzig Stunden, würde ich sagen. Es war Abend als ich dich aufgelesen habe, jetzt haben wir Nachmittag.“
Unendliche Erleichterung breitete sich in Rumo aus, er atmete einmal tief durch und lehnte sich zurück. „Den Göttern sei Dank dafür. Jetzt muss ich nur noch mit Nachtigaller sprechen. Und ich brauche meine Sachen wieder.“
Mit der Erinnerung an sein Hab und Gut kamen die Erinnerungen an Löwenzahn und Grinzold. Rumos gute Laune verschwand so schnell wie sie gekommen war, wich der ernüchternden Realität, versetzte ihm einen schmerzhaften Schlag vor die Brust. Er ließ den Kopf hängen.
Hektor bekam von der Stimmungsachterbahn seines Gegenübers wenig mit. „Ach ja, deine Sachen.“ Er wühlte in seiner großen Tasche und zog Rumos vertraute Lederjacke hervor. Sie war offenbar gewaschen worden, der Kunstpelzkragen im Nackenbereich war unversehrt und ungewohnt weich, die ganze Jacke glänzte und roch angenehm frisch. Der Wolpertinger fing sie beinahe automatisch, als sie ihm zugeworfen wurde, und schlüpfte hinein. Es schmerzte, als er seinen Schultergürtel überdehnte, ein seltsam ziehendes Gefühl, dass sich bis in die Fingerspitzen ausbreitete und auch nach einigen Sekunden nicht weichen wollte.
Einer plötzlichen Eingebung folgend fasst sich Rumo an die Brusttasche, fingerte am Verschluss herum und langte hinein.
Sie war, wie er befürchtet hatte, leer.
„Suchst du hiernach?“
Er sah auf und erblickte Hektor, der ihm sein für ihn so kostbares Fläschchen mit der Goldrosenessenz entgegen hielt.
„Ich hatte Angst, dass es kaputt geht, also habe ich es heraus genommen“, sagte der Werwolf vergnügt und legte die Phiole in Rumos zitternde Pfote. „Ist es wertvoll?“
Der Wolpertinger sah der Flüssigkeit einige Zeit beim Herumschwappen in ihrem Glasgefängnis zu, dann verstaute er sie wieder in seiner Tasche. „Vielleicht. Für mich auf jeden Fall. Aber normalerweise eher nicht. Nicht so.“
Hektor legte den Kopf schief. „Ist wohl etwas kompliziert, was?“
„Ja.“
„Dann will ich’s gar nicht näher wissen“, lachte der Weiße und hob abwehrend die Hände. „Der Unterricht hier ist bei weitem kompliziert genug, da bin ich froh, wenn ich in meiner Freizeit nicht auch noch nachdenken muss.“
Bevor Rumo etwas erwidern konnte, klopfte es an der Tür und Hektor wirbelte herum. Herein trat ein winziger Wicht, nicht größer als ein durchschnittliches Taschenbuch und dürr wie ein Bündel Reisig. Seine Haut war aschfahl und ledrig und auch sonst sah das kleine Etwas nicht sonderlich gesund aus, wobei Rumo nicht hätte sagen können, ob es sich dabei um ein gattungsspezifisches Merkmal oder einfach nur um eine Grippe handelte, er hatte eine solche Kreatur noch nie zuvor gesehen.
„Er kann nun zum Professor“, quiekte der Zwerg und tänzelte nervös von einem Bein aufs andere. Der Werwolf war mehr als zehnmal so groß wie er und nicht nur für kleine Lebewesen eine imposante Erscheinung, mit seinem schneeweißen Fell und den schwarzen Knopfaugen hatte er gewisse Ähnlichkeiten mit einem aufrecht gehenden Eisbären.
„Danke, Sim, er macht sich sofort auf den Weg.“ Hektor nickte seinem kleinwüchsigen Mitschüler zu und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, doch Sim entspannte sich nicht im Geringsten. Hektisch verließ er das gefährliche Zimmer mit den zwei riesenhaften Hundeartigen und verschwand im dunklen Tunnel.
Der Werwolf seufzte. „Ich kann ihn einfach nicht dazu bringen mich zu mögen, so sehr ich mich auch anstrenge. Dabei bin ich – entgegen meiner grauen Verwandten, wie ich zu meiner Schande eingestehen muss – völlig harmlos.“ Er zuckte mit den Schultern. „Naja, du hast ihn gehört. Nachtigaller wartet auf dich. Du wolltest ihn doch so unbedingt sprechen. Komm, ich bring dich hin.“
Hektor führte Rumo durch ein schier endloses Gewirr von finsteren, nur spärlich durch Kerzen ausgeleuchteten Tunneln, die sich glichen wie ein Ei dem anderen, sodass der Wolpertinger schon nach wenigen Metern jegliche Orientierung verloren hatte. Zwar klappte das selbstständige Gehen inzwischen wieder etwas besser und auch die Schmerzen waren mittlerweile das, was man erträglich nennen würde, dennoch fühlte er sich ein wenig an seine Welpenzeit erinnert, in der er ungeschickt und ahnungslos durch die Speisekammer auf den Teufelsfelsen getorkelt war. Hier herrschten ungefähr die gleichen klimatischen Bedingungen, nur dass das Wasser, das von den Wänden lief, süß, nicht salzig war.
Nach einer Weile blieben sie vor einer unscheinbaren Tür stehen, an die jemand ein Schild mit der krakeligen Aufschrift „Raus!“ gepinnt hatte.
„Sehr einladend“, bemerkte Rumo sarkastisch und fixierte die schmale Tür mit argwöhnischem Blick. „Da drin ist Nachtigaller?“
„Ist er“, bestätigte Hektor mit einem Nicken. „Du darfst ihm das mit dem Schild nicht übel nehmen, er ist nicht gerade ein Meister des Taktgefühls aber er meint es nicht so. Na los, geh rein.“
Rumo tat wie ihm geheißen, wenn auch zögerlich. Er drückte die Messingklinge hinunter und öffnete die Tür einen Spalt breit, um hineinspähen zu können und dann festzustellen, dass er rein gar nichts sah. In dem Zimmer herrschte eine vollkommene Dunkelheit, wie er sie noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte, eine Dunkelheit, die alles um sich herum zu verschlingen schien, einzusaugen, wie ein Strudel, um jedes Quäntchen Licht im unmittelbaren Umkreis ein für alle Mal auszulöschen. Rumo erschauderte. Dies war keine freundliche Dunkelheit, sie schien zu atmen und zu flüstern, ihn auszulachen und anzugaffen, doch er traute sich auch nicht, die Tür wieder zu schließen. Wie eine Statue seiner selbst stand er regungslos zwischen Türrahmen und Gang, von der Dunkelheit abgestoßen und angezogen zugleich und mit dem Wissen im Hinterkopf, unbedingt mit Nachtigaller sprechen zu müssen, der sich angeblich irgendwo in dieser Finsternis verbarg.
„Professor?“, fragte Rumo vorsichtig und meinte sogleich ein leichtes Knacken gehört zu haben, dass ihm von schräg rechts antwortete. Er wandte unwillkürlich seinen Kopf in diese Richtung, doch natürlich war auch dort nichts zu erkennen. „Professor, sind Sie hier drin?“
Etwas packte ihn am Handgelenk, zog ihn in die Kammer und schlug die Tür hinter ihm zu, sodass die Dunkelheit sich vervollkommnen konnte. Rumo widerstand dem Drang laut aufzuschreien, es hätte albern und kindisch gewirkt, immerhin war er ein ausgewachsener Wolpertinger, der sich eigentlich nicht in der Dunkelheit fürchten sollte.
Die Hand führte ihn ein Stück durch den Raum und dann auf etwas zu, das wohl ein Stuhl sein musste, sich aber auf jeden Fall zum sitzen eignete, wofür er recht dankbar war. Rumo hatte festgestellt, dass es keinen Unterschied machte, ob er die Augen geöffnet oder geschlossen hielt, diese Finsternis roch sogar schwarz, und nach einer Weile begann er sich tatsächlich zu fragen, ob er auch wirklich, wie er annahm, mit offenen Augen herumsaß. Er blinzelte ein paar Mal, was ein komisches Gefühl war, weil es absolut nichts am optischen Eindruck des Raumes änderte.
„Darf ich vorstellen“, erklang da mit einem Mal Nachtigallers Stimme aus etwa zwei bis drei Metern Entfernung, „meine Immernacht. Ist sie nicht schön?“
Rumo hatte ‚schön’ bislang immer mit irgendeiner Art Sinneseindruck verbunden – Farben konnten schön sein, Musik oder Gerüche – aber hier schienen ihm all seine Sinne wenig, geradezu überhaupt nichts zu nützen, daher wusste er nicht so recht, was er auf diese Frage erwidern sollte. Also beschloss er sie einfach zu übergehen.
„Ich brauche Ihre Hilfe, Professor“, platzte es aus ihm heraus, ohne dass er weiter darüber nachgedacht hatte. „Nur deshalb bin ich hier.“
„Du bist ein ziemlich unhöfliches wildes Tier“, stellte Nachtigaller seelenruhig fest. „Ich hatte dir eine Frage gestellt.“
Rumo verdrehte die Augen, plötzlich recht froh über die Dunkelheit. „Hören Sie, ich habe nicht viel Zeit. Und zu Ihrer Kammer kann ich wenig sagen. Ich sehe nichts.“
„FALSCH!“, donnerte Nachtigaller und der Wolpertinger zuckte überrascht zusammen. Die Tonintensität, die dieser kleine, hagere Klangkörper erzeugen konnte, wenn er denn wollte, war enorm. Der Professor hatte bis jetzt in seine Gegenwart nur mit leiser, dünner Stimme gesprochen – dass das nicht die Regel war, hatte er damit eindrucksvoll bewiesen.
„Du siehst nicht einfach ‚nichts’“, fuhr ihn Nachtigaller an. „Nichts ist nichts, gar nichts, wie es der Name ja schon sagt. Ein fehlen von allem, komplette Abwesenheit jeglicher Materie. Nichts eben. Hier drin, in der wunderschönen Immernacht, ist so viel mehr als nichts. Man könnte sogar sagen, dass hier alles ist.“
Rumo stöhnte. „Okay, gut, dann ist hier drin also alles. Meinetwegen. Schönes Alles, wirklich, aber können wir jetzt bitte zum Punkt kommen? Ich habe immer noch Kopfschmerzen.“
„Können wir nicht!“, blaffte der Eydeet. „Wie können wir zum Punkt kommen, wenn du nicht einmal zu wissen scheinst, was genau ein Punkt überhaupt ist!“
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich weiß…“
„RUHE! Ich rede jetzt!“ Seine Stimme wurde schlagartig wieder leise. „Du bist hier, weil du von mir wissen willst, ob ich dir etwas über die Prima Zateria, die Unsterblichkeit, den Schlüssel zum Ewigen Leben sagen kann, nicht war? Dein Freund, Volzotan Smeik, ist in großen Schwierigkeiten und du willst ihn um jeden Preis helfen, das ist sehr lobenswert. Du hast dich nicht verändert.“
Rumo sah ihn fragend an, dann fiel ihm auf, dass Nachtigaller ihn ja nicht sehen konnte und er formulierte seine Verwunderung. „Verändert?“
Wenige Sekunden später begriff er. „Der Jahrmarkt. Das Schubladenorakel. Sie waren der Typ von damals, Sie haben mir Ralas Tod gezeigt.“ Er stutzte. „Aber in dem dunklen Zelt haben Ihre Augen geleuchtet.“
„Ich trage eine Spezialbrille, aber das tut nichts zur Sache. Ja, ich bin der Eydeet, dem du damals auf dem Jahrmarkt vor Wolperting begegnet bist. Leider wurde mein Schubladenorakel nicht zu dem Renner, den ich mir erhofft hatte, aber was soll man machen. Wichtiger ist: Ich war schon damals beeindruckt von deiner Zielstrebigkeit. Du bist zwar etwas beschränkt, aber dann wiederum sehr mutig und ein guter Kämpfer. Zamonien braucht Leute wie dich.“
Rumo überlegte kurz, ob er beleidigt sein sollte, entschied sich dann aber für zurückhaltenden Stolz. „Danke“, erwiderte er höflich, wenn auch nicht ganz ehrlich. „Aber was ist jetzt mit meiner Frage? Wenn Sie meine Gedanken so deutlich lesen können, dann wissen Sie ja sicherlich auch, wie es um meinen Zeitplan steht.“
Nachtigaller machte ein knackendes Geräusch, das ein wenig an einen splitternden Schienbeinknochen erinnerte. „Durchaus, durchaus. Dennoch will ich nicht mit der Tür ins Haus fallen. Du hast dir da ein heikles Thema ausgesucht, Junge.“
Der Wolpertinger griff sofort an seine Brusttasche, doch Nachtigaller lachte nur heiser. „Lass deine Goldrosenessenz stecken. Es stimmt zwar, dass ich das Gegenstück zu deinem Exemplar besitze, aber im Grunde kann ich nichts damit anfangen. Ich bin kein Alchimist. Mein Metier sind eher die … weniger unkonkreten Wissenschaften, wenn du verstehst. Außerdem ist meine Antwort wohl kaum diese kostbare Flüssigkeit wert.“
Rumo hob argwöhnisch eine Augenbraue. Was hatte das zu bedeuten? Ermutigend klang es auf jeden Fall nicht, wenn sogar schon der wohl intelligenteste aller Eydeeten seine Antwort als wertlos bezeichnete. Vielleicht war er bei dem verschrobenen Professor seiner Lösung doch nicht so nahe, wie er gedacht hatte, vielleicht war seine ganze Reise ein einziger, riesiger Reinfall und er würde mit leeren Händen zum Rumotron zurückkehren.
„Das heißt…“, fragte er vorsichtig.
„Das heißt – fürchte ich“, sagte Nachtigaller, „dass ich dir die Formel auch nicht sagen kann, aus dem einfachen Grund, dass ich sie nicht kenne. Ich erwähnte ja bereits, dass die Alchemie nun so überhaupt nicht mein Gebiet ist.“
Rumos schlimmste Befürchtung schien sich zu bewahrheiten. Er ließ den Kopf in die Pfoten fallen und seufzte, rieb sich dann über das Stummelgeweih und den noch immer schmerzenden Nacken, wobei er sich hütete die kurzen Drahtenden zu berühren, die pieksend aus seinem Fell heraus standen.
Nachtigaller legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Kein Grund zu verzweifeln, mein Junge. Ich habe lediglich gesagt, dass ich die Formel nicht kenne, nicht, dass ich dir nicht eventuell doch helfen kann.“
Hoffnung bahnte sich ihren Weg in Rumos resignierendes Bewusstsein und ließ ihn seinen Kopf wieder heben.
Nachtigaller fuhr fort, nachdem er sich wieder zurück gelehnt und die Schulter des Wolpertingers losgelassen hatte. „Ich würde dir gerne jemanden empfehlen, jemanden, der sich mit den Mythen und Legenden Zamoniens auskennt wie kein Zweiter. Er ist zwar kein Wissenschaftler und auch kein Alchimist und er wird die Prima Zateria selbst auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht kennen, dennoch – bei einem so sagenumwobenen Thema ist er ohne Frage eine Kapazität.“
Obgleich dieses Angebot, verglichen mit allem, was Rumo sich sonst hätte ausmalen können, vergleichsweise gut klang, blieb er skeptisch. Noch war es zu früh, um sich über eine fadenscheinige Offerierung eines etwas verwirrten Professors, der die Dunkelheit wie ein Haustier hielt, zu freuen. Also fragte er die einzige für ihn entscheidende Frage. „Und wie lange wird es dauern, diese ominöse Koryphäe zu erreichen? Meine Zeit ist, nach wie vor, knapp bemessen.“
„Von hier aus?“ Der Professor überlegte einige Sekunden und wieder war das grauenhafte Knochenknacken zu hören. „Etwa vierundzwanzig, maximal dreißig Stunden, wenn du dich etwas beeilst, würde ich sagen. Wolpertinger sind gute Läufer, das zumindest sagt man sich…“
„Sind wir“, bestätigte Rumo. „Vierundzwanzig Stunden? Das wäre sogar machbar.“
„Nicht wahr?“, gluckste Nachtigaller, offenbar sehr zufrieden mit seiner eigenen Idee, und setzte dann seine Erklärungen fort „Der Mann zu dem ich dich schicken möchte ist ein Lindwurm namens Hildegunst von Mythenmetz. Du hast sicher bereits von ihm gehört.“
Der Wolpertinger schüttelte den Kopf und verneinte, er wusste zwar aus Smeiks Erzählungen auf den Teufelsfelsen, was ein Lindwurm war, aber von diesem speziellen Exemplar hatte sein Ziehvater nichts erwähnt. Und da er sich nie wirklich für Literatur interessiert hatte, verwunderte ihn seine Unkenntnis auch nicht sonderlich.
Bei Nachtigaller war das anders, das wusste Rumo ohne ihn gesehen zu haben. „Du…“, begann er. „Du hast nicht…äh…“ Der Eydeet hustete trocken, dann hatte er sich wieder im Griff. „Wie auch immer. Du wirst Mythenmetz aufsuchen und mit ihm sprechen, ihn bitten, dir zu helfen, auch wenn das nicht einfach werden wird. Lindwürmer sind nicht gerade bekannt für ihre Hilfsbereitschaft, glaub mir. Folglich musst du ihn wohl überreden.“
Rumo sprang auf und warf dabei im Überschwang sein dem Klang nach hölzernes Sitzmöbel um. „Kein Problem, das kriege ich hin. Ich mache mich sofort auf den Weg!“
Wie auch schon zu Anfang packte ihn Nachtigallers kalte, knochige Hand am Arm. „Nicht so hastig, junger Freund. Ich war noch nicht fertig. Es gibt da etwas, das du unbedingt bedenken musst, wenn du mit Mythenmetz sprichst.“
„Was?“, drängelte Rumo. „Sagen Sie es mir!“
„Du darfst auf keinen Fall erwähnen, dass du im Auftrag Volzotan Smeiks unterwegs bist. Wenn er das erfahren sollte, hast du keine Chance, das ist so sicher wie die Lüge eines Stollentrolls. Hast du das verstanden?“
Der Wolpertinger wandte sich wieder der Stimme des Professors zu. Der Grund für diese seltsame Einschränkung interessierte ihn herzlich wenig, vielmehr erschien etwas anderes von Bedeutung. „Aber was soll ich ihm sonst sagen, warum ich die Formel brauche?“
Nachtigaller schnipste mit den Fingern. „Genau da liegt dein Problem. Dennoch denke ich, dass ich dir auch hier weiterhelfen kann.“
„Wie?“
„Ich gebe dir einen meiner besten Schüler mit auf den Weg, er soll für dich mit Mythenmetz sprechen und ihm sagen, er käme in meinem Auftrag. Mein Name sollte dem alten Lindwurm durchaus ein Begriff sein, vielleicht haben wir sogar Glück und er respektiert mich. Darauf wetten würde ich allerdings nicht, bei diesen arroganten Echsen…“
Rumo verschränkte die Arme vor der Brust und trommelte ungeduldig mit den Fingern. „Meinetwegen. Wen soll ich mitschleppen? Hektor?“
Der Eydeet lachte. „Nein, nein, Hektor ist zwar ein netter Bursche, aber, ebenso wie du, etwas denkfaul. Nein, ich dachte viel mehr an einen ehemaligen Schüler meiner Wenigkeit. Er ist ein Buntbär.“
„Oh nein, bitte nicht einer dieser schrecklichen Optimisten“, stöhnte Rumo und massierte sich die Stirn. „Das halte ich nicht aus.“
„Keine Angst, er ist keiner von dieser Sorte“, beschwichtigte ihn Nachtigaller und begann an einer Apparatur in einer Ecke des Zimmers herumzufuhrwerken, die daraufhin seltsame, zischende Geräusche von sich gab, das zumindest wagte der Wolpertinger zu vermuten. „Er ist viel herumgekommen und lebt jetzt etwas abseits der anderen Siedlungen an der Bärenbucht. Ich werde ihm sofort nach deinem Aufbrechen eine Nachricht zukommen lassen, dass er dich am Rande der Süßen Wüste treffen soll. Er wird über alles informiert sein, wenn du ihm begegnest, also brauchst du dir keine Gedanken über mögliche Erklärungsversuche zu machen.“
Rumo bemerkte, dass es um ihn herum langsam aber sicher heller wurde, nach einer Weile konnte er sogar die Umrisse des umgeworfenen Stuhls und die Silhouette Nachtigallers erkennen. Der Raum hatte durch die absolute Dunkelheit endlos gewirkt, jetzt entpuppte er sich als kleines Kämmerchen mit zwei hölzernen Schemeln und einer abstrakt anmutenden Maschine in einer der Ecken, die die Finsternis aufzusaugen schien, wie ein schwarzes Loch.
Der Professor zog sich eine Augenbinde von den Augen und tauchte sein Gegenüber in das diffuse Licht seiner fluoreszierenden Lederhaut, sodass dieser geblendet die Hand vors Gesicht hob. „Ich fürchte, mehr kann ich nicht für dich tun, Junge.“
Rumo blinzelte. „Kein Problem, Sie haben mir bereits sehr geholfen“, betonte er gesittet. „Immerhin haben Sie mir unter anderem das Leben gerettet.“ Er wandte sich um und legte eine Pranke auf den Türknauf, der sich fremdartig und kalt anfühlte. „Dann mache ich mich jetzt auf den Weg, wenn Sie erlauben. Die Zeit sitzt mir doch etwas sehr im Nacken. Und der ist, wie Sie ja wissen, noch nicht wieder ganz schmerzfrei.“ Es war ein platter Scherz und Rumo und der Professor lachten einander das milde Lachen der Höflichkeit entgegen bevor der Wolpertinger die kleine Holztür öffnete und auf den Gang hinaus trat.
„Lass dich nicht aufhalten“, ermunterte ihn Nachtigaller und schickte sich an ebenfalls den Raum zu verlassen. Dann jedoch verharrte er inmitten eines Schrittes und machte nach kurzem Überlegen auf dem Absatz kehrt. „Jetzt hätte ich doch fast etwas vergessen“, murmelte er dabei wie zu sich selbst und begann hinter seiner kuriosen Apparatur herumzuwühlen. „Das ist übrigens ein Nachtigallator, falls es dich interessiert. Er generiert Dunkelheit, wenn du so willst. Meine Erfindung, natürlich.“
„Natürlich“, echote Rumo.
Es rumpelte und krachte kurz, dann zog Nachtigaller eine Umhängetasche ähnlich der, die Hektor bei sich getragen hatte, scheinbar aus dem Nichts hervor und warf sie Rumo schwungvoll zu. Sie klapperte und klimperte als der Wolpertinger sie geschickt und mühelos aus der Luft pflückte. „Ein paar Dosen Ölsardinen und etwas Wasser, zweckmäßig, nahrhaft und – was am wichtigsten ist – platz sparend“, erklärte Nachtigaller. „Du wirst es brauchen, wenn du auf deiner Reise keine Zeit in Gasthäusern verplempern willst. Und dann habe ich noch das hier…“
Es sirrte und Rumo griff reflexartig zu als das im Kerzenlicht metallisch Schimmernde Objekt auf ihn zuflog. Er wusste, was es war, als sich seine Hand um das vertraute, leicht abgegriffene Leder eines Schwertgriffes legte.
Kein Zweifel.
Löwenzahn und Grinzold. Sein Schwert. Seine Freunde. Zwar mit neuem, imposanten Schliff, aber unverkennbar immer noch die gleichen, das gleiche.
„Rumo, Rumo, Rumo, Rumo“, kreischte Löwenzahn mit weinerlicher Stimme, als er die Hirnströme seines Besitzers spürte. „Wir hatten schon befürchtet du seiest tot! Ehrlich! Nachdem der Laubwolf dich so mies erwischt hat. Das war echt schlimm, war das. Nicht war? Sag doch auch mal was, Dämon!“
Grinzold ließ sich zu einem „Tach Kumpel“, herab, was für seine Verhältnisse schon ein wahrer Gefühlausbruch war.
Rumo starrte erst sein Schwert und dann Nachtigaller an. „ Mein… Ein neuer Schliff…? Aber Sie haben doch gesagt…?“
Der Professor lächelte. „Dass wir es einschmelzen? Ja, das hatten wir auch vor. Aber mal ehrlich: Wie soll man bitte ein Schwert einschmelzen, das bei jeder Berührung wie am Spieß schreit?“
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