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Rumo und die Wahrheit der Alchimisten

von -Echo-
GeschichteAbenteuer / P12
Blaubär Hildegunst von Mythenmetz Rumo von Zamonien
30.06.2010
22.03.2015
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An der Tür zum Atelier trafen sie mit Blaubär zusammen, der aus etwa drei Metern Höhe eilig von Macs Rücken sprang. „Was ist los?“, rief er den anderen beiden eilig entgegen.
Rumo zuckte im Laufen mit den Schultern. „Das werden wir hoffentlich gleich heraus finden.“
Sie betraten nacheinander das Künstlerdomizil und sahen sich um. Falls es irgendwie möglich war, schien es nun noch unordentlicher als zuvor. Überall flogen Zettel herum und Bücher lagen verstreut und aufgeschlagen auf dem Boden. Dazwischen stapelten sich Zeichnungen und Blaupausen von wirren Gerätschaften, nur zusammen gehalten von etlichen Linealen, Winkelmessern und Zirkeln.
Inmitten all des Chaos‘ hatte sich Eißpin über Mythenmetz‘ Schreibtisch gebeugt und raufte sich immer wieder das Haar. „Es ist furchtbar“, murmelte er dabei. „Absolut furchtbar. Ein Desaster! Das hätte nicht passieren dürfen!“
Echo stand hilflos daneben und schien überaus erleichtert, als er seine drei Gefährten erblickte. „Da seid ihr ja endlich!“
Rumo verzichtete auf eine Begrüßung. „Was ist denn los? Wieso gebt ihr Alarm? Gibt es ein Problem?“
„Allerdings, das gibt es“, fauchte Eißpin, bevor Echo die Chance hatte, etwas zu antworten, und fuhr aus seiner zusammen gesackten Haltung hoch. „Ich bin ein Narr, das ist das Problem!“
Rumo hatte den Verdacht, dass er diese Chance auf einen bissigen Kommentar besser verstreichen lassen sollte. „Ich verstehe nicht ganz...?“, sagte er stattdessen. „Ist etwas mit der Apparatur nicht in Ordnung?“
„Raus mit der Sprache, Succubius“, forderte Mythenmetz unwirsch. „Du kannst dich später noch lange genug selbst bemitleiden. Also, was ist los? Wieso passiert hier nichts? Sollte sich das Dimensionsloch nicht schon längst über uns geöffnet haben? Bei unseren bisherigen Reisen hat es kaum eine Sekunde gedauert.“
„Das sollte es!“, rief Eißpin und warf theatralisch die Arme in die Luft. „Aber das kann es nicht!“ Dann sank er wieder über dem Schreibtisch zusammen.
„Wovon redet er?“, fragte Rumo an Echo gewandt. Der seufzte.
„So wie es aussieht, hat er sich verrechnet. Ein kleines, aber feines Detail in der Formel für den Raum-Zeit-Brechungsindex.“
Rumo blinzelte. „Das heißt?“
„Es ist nicht proportional, das heißt es!“, rief Eißpin von der anderen Seite des Raums. „Alles habe ich bedacht! Alles! Die Brechungswinkel sind bis in den Mikrometerbereich berechnet, der Tesserakt ist perfekt kalibriert - wie konnte ich nur übersehen, dass es nicht proportional ist?!“
„Nicht proportional? Was soll das heißen? Was ist nicht proportional wozu?“
„Die Energie zur Fläche.“ Eißpin fuhr sich mit der Hand durch sein wirres Haar, das sich zu großen Teilen aus dem Pferdeschwanz gelöst hatte und nun wild vom Kopf ab stand. „Ich ging davon aus, dass, bei der Vergrößerung des Luxoskops die erzeugte Menge Energie proportional ansteigt, aber das tut sie nicht. Wir haben eine riesige Fläche - Zamonien - aber nur einen Bruchteil der benötigten Energie, um ein so großes Loch in die Dimensionsgrenze reißen. Die Blitze, die ihr dort oben seht - das ist die Vis Vitalis. Sie verpufft ungenutzt im Dimensionslochraum, weil sie nicht zu uns durchdringen kann.“
Rumo sah aus dem Fenster, wo die Naturgewalten unbeeindruckt von den Geschehnissen am Boden tobten. „Kann man dieses Ding, das Luxoskop, nicht einfach weiter aufdrehen oder so? Mehr heraus holen? Mehr Licht bedeutet mehr Energie, oder etwa nicht?“
„Theoretisch“, seufzte Eißpin. „Praktisch laufen wir allerdings schon auf maximaler Leistung. Ein Photon mehr und die ganze Konstruktion fliegt uns um die Ohren.“
Rumo hatte keine Ahnung, was ein Photon war, den Rest jedoch verstand er nur zu gut.
Für einen Moment schwiegen alle betreten, währen draußen drei weitere Donnerschläge zu hören waren. Schließlich stellte Blaubär die Frage, die ihnen allen auf der Zunge lag: „Und was nun?“
Eißpin lehnte sich wieder gegen den Schreibtisch. „Ich habe keine Ahnung. Aufgeben, würde ich sagen. Wir haben es vermasselt. Ich habe es vermasselt.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.
„Das könnte dir so passen, nicht wahr?“ Alle Blicke im Raum richteten sich auf Echo, der sich nun vor Eißpin aufbaute. „Aufzugeben? Mal wieder? Denn immerhin ist es das, was du am besten kannst, habe ich Recht?“
Rumo blinzelte irritiert. Was war denn das jetzt? Wieso war Echo so sauer? Und vor allem: Was meinte er?
„Alle haben Angst vor dir“, fuhr Echo wütend fort, „denn du bist ja ach so gnadenlos. Aber weißt du, was du wirklich bist? Erbärmlich, sonst nichts! Sobald etwas schief läuft, verkriechst du dich und versinkst in Selbstmitleid. Als dein Schloss über dir zusammen gebrochen ist und Mythenmetz dich in die Katakomben geschleppt hat, hast du da einmal versucht, dir alles wieder aufzubauen? Einfach von vorne an zu fangen? Nein! Und damals, als Floria dich abgewiesen hat: Hättest du deine Niederlage mit Würde getragen, hättest du den Mut und die Größe besessen zurück zu kehren, wärst du heute ein glücklicher Mann. Und das weißt du!“
Eißpin starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Boden, sagte jedoch nichts.
„Aber diese eine Mal geht es nicht um dich, es geht um uns alle. Um Zamonien. Und ich werde nicht zulassen, dass du schon wieder wegläufst. Du wirst dich jetzt zusammen reißen und dir etwas einfallen lassen, was wir tun können, hast du das verstanden?“ Echo schnaufte.
Rumo war sich nicht so ganz sicher, was da gerade eben passiert war. Er wusste nur, dass er mit dem letzten Teil von dem, was Echo gesagt hatte, durchaus einverstanden war, alles andere würde er also einfach mal so hin nehmen.
Für einen Moment geschah gar nichts.
Eißpin stand einfach nur da, die Arme verschränkt und die langen Fingernägel so tief in die Oberarme gekrallt, dass es Rumo schon vom zusehen wehtat. Echo hatte einen Nerv getroffen, das war nicht zu übersehen, doch würde es den alten Alchimisten tatsächlich dazu bewegen, ihnen weiterhin zu helfen?
Nach allem, was Rumo über ihn wusste, bestand durchaus Grund zum Zweifel. Es erschien ihm ebenso wahrscheinlich, dass der verbohrte Kerl jeden Moment wutentbrannt aus dem Raum stürmte und sie mit diesem ganzen Dilemma vollkommen allein stehen ließ.
‚Hoffentlich hast du nicht zu hoch gepokert, Echo.‘
Schließlich drehte Eißpin sich jedoch einfach nur um, beugte sich über seine Aufzeichnungen und schnaubte abfällig. „Das einzige, was jetzt noch helfen würde, wäre, wenn wir es irgendwie schaffen würden, die Dimensionshülle einzureißen. Wie eine Nadel, die man in einen Luftballon steckt. Schon eine kleine Schwachstelle würde ausreichen. Allerdings dürfte das vollkommen unmöglich sein.“
„Und warum?“, fragte Blaubär. „So wie ich das sehe, ist das ganz einfach! Ich fliege auf Mac da hoch und ramme irgendetwas in diese Hülle, bis sie zerreißt, schon ist unser Problem gelöst. Oder übersehe ich gerade irgendetwas?“
„Das tust du in der Tat“, sagte Eißpin kalt. Dort oben herrscht elektrische Hochspannung. Dein Rettungssaurier würde in Flammen aufgehen lange bevor ihr die Dimensiosgrenze überhaupt erreicht hättet. Und du mit ihm. Und selbst wenn ihr die Spannung aushalten könntet - sobald das Dimensionsloch über euren Köpfen geöffnet ist, würdet ihr ungebremst in den Dimensionslochraum gesogen. So weit weg vom Erdboden ist es nahezu unmöglich, dass die Vis Vitalis euch umschließt und gemeinsam mit Zamonien transportiert.“
Rumo ließ den Kopf hängen. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Doch ihm drängte sich mehr und mehr der Verdacht auf, dass Eißpin Recht hatte. Vielleicht war dies wirklich der Punkt, an dem sie aufgeben mussten. Sie hatten alles versucht, hatten ihr Bestes gegeben, um Zamonien zu verteidigen, nur war das Beste eben manchmal einfach nicht gut genug.
‚Zu wissen, wann man verloren hat, gehört ebenfalls zu den Eigenschaften eines guten Kämpfers‘, hörte Rumo Smeik sagen.
Smeik...
Er würde seinen Freund und Ziehvater nie wieder sehen. Und allein dafür sollten die Menschen büßen, allein deshalb mussten sie diese Schlacht gewinnen! Rumo biss die Zähne aufeinander. Wenn er nur wüsste, wie! Doch er war ein Krieger, ein Mann fürs Grobe. Das hier war Alchemie, etwas wovon er rein gar nichts verstand.
Schweigen breitete sich in Mythenmetz Atelier aus, während die fünf Verbündeten zu Boden starrten. Draußen, vor den großen Fenstern, donnerte und blitze es ununterbrochen, eine bittere Erinnerung daran, dass ihnen die Zeit und damit auch die so sehr benötigte Energie durch die Finger rann wie feiner Sand.
Wenn sie nicht bald etwas unternahmen, war ohnehin alles zu spät. Diese Wahrheit stand ihnen allen ins Gesicht geschrieben.
Plötzlich ging ein Ruck durch Eißpin, der bis jetzt regungslos über seinen Schriften verharrt hatte. „Das ist es!“, rief er und begann hektisch in den wild verstreuten Sachen zu wühlen. Schließlich zog er das kleine Luxoskop unter einem Stapel Notizen hervor und umfasste es fest mit der rechten Hand, als sei es es eine seltene Trophäe. „Mein Perpetuum Mobile!“
„Ähm nein“, antwortete Mythenmetz und schenkte dem ehemaligen Schrecksenmeister einen skeptischen Blick. „Das ist dein Luxoskop.“
„Nicht das, Schreiberling.“ Eißpin hielt das kleine Instrument hoch. „Aber damit können wir mein Perpetuum Mobile aus der Vergangenheit holen. Es fliegt, ist absolut feuerfest und ohne Zweifel schnell genug, um mich zur Dimensionsgrenze und rechtzeitig wieder zurück zu transportieren.“
„Du hast ein Perpetuum Mobile?“, staunte Echo und für einen kurzen Moment schien er seinen Groll gegen seinen ehemaligen Meister vollkommen vergessen zu haben. „Das ist ja fantastisch!“
Eißpin lächelte milde. „Du weißt, dass ich jedes nur erdenkliche Material in Gold verwandeln kann -“
„Bitte was?“, rief Mythenmetz.
„- und eine Formel für ewiges Leben entwickelt habe, und da überrascht es dich tatsächlich, dass ich so etwas wie ein Perpetuum Mobile besitze? Außerdem war es eines der ersten Dinge, die ich dir sagte, als wir uns das erste mal trafen, damals ins Sledwaya, hast du das vergessen?“
Echos unschuldige Verwunderung war eben so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen war. „Richtig“, sagte er trocken. „Du wolltest es mit meinem Fett schmieren.“
Der alte Alchimist machte eine wegwerfende Handbewegung. „Details!“
Dann wurde er wieder ernst. „Das ganze hat nur einen Haken.“
„Und der wäre?“, fragte Rumo, der die Sache mit den Haken inzwischen mehr als gewöhnt war.
Eißpin fuhr sich nachdenklich durch das lose Haar. „Ich sagte ja bereits, dass wir das Perpetuum Mobile aus der Vergangenheit holen müssen, da ich fest davon ausgehe, dass es den Einsturz meines Schlosses in Sledwaya nicht überlebt hat. Allerdings werde ich es nicht selber holen können, denn natürlich habe ich das Perpetuum Mobile gebaut, weshalb es nur parallel mit mir existiert. Aber ich selbst darf, wie ich bereits erklärte, meinen eigenen Zeitstrahl nicht kreuzen. Sollte ich es doch tun, riskieren wir ernsthafte Konsequenzen.“
Rumo nickte. Das hatte er verstanden.
„Also“, fuhr Eißpin fort, „muss jemand anders für mich zurück reisen. Und so wie ich das sehe, gibt es hier nur eine Person, die sowohl in der Lage ist, das Luxoskop zu beherrschen, als auch sich gut genug in meinem Schloss auskennt, um den entsprechenden Raum zu finden, und dazu noch jung genug ist, um erst nach dem Bau des Perpetuum Mobiles geboren zu sein.“ Damit sah er auf und geradewegs in Echos überraschtes Gesicht.
Der trat ein paar entsetzte Schritte zurück. „Ohn nein! Vergiss es! Das kann ich nicht!“
Rumo blinzelte ihn verdutzt an. „Wieso das? Hast du dieses Lux-Dingens nicht selbst erfunden?“
„Nein!“ Echo schüttelte energisch den Kopf. „Ich meine, schon“, korrigierte er sich dann. „Aber ich habe es für etwas ganz anderes entworfen. Ich bin noch nie allein mit dem Ding zwischen den Dimensionen gereist, wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht mal, wie das geht. Und selbst wenn ich ankomme...“ Er wandte sich an Eißpin. „Ich werde deinem Ich der Vergangenheit auf keinen Fall ein Perpetuum Mobile unter der Nase weg stehlen! Als du mich damals aufgelesen hast, hattest du einen Grund mich nicht zu töten, wenn du mich dabei erwischt, wirst du keinen haben! Und auch wenn du es nicht zugeben willst, du hast dich verändert! Zum Besseren! Dein früheres Ich war erbarmungsloser! Um einiges!“
Eißpin starrte ihn einige Sekunden schweigend an, so müsse er es erst einmal verarbeiten, dass man ihm unterstellte, er wäre weichherziger geworden. Rumo glaubte ihm förmlich ansehen zu können, wie er versuchte sich zu entscheiden, ob er das nun als Kompliment oder doch eher als Beleidigung auffassen sollte.
Schließlich schüttelte er jedoch nur den Kopf und ließ es unkommentiert. „Mein früheres Ich wird dich nicht erwischen“, sagte er stattdessen. „Du kannst dich in den Luftschächten durch das Schloss bewegen, wie du es auch getan hast, während du bei mir warst. Dein einziges Problem wird sein, dass das Perpetuum Mobile recht laut ist, wenn es einmal in Bewegung versetzt wurde. Wenn du aber einen Moment abpasst, in dem ich koche...“ - Eißpin stockte kaum merklich - „... sollte ich derart abgelenkt sein, dass ich davon nichts mitbekomme.“
„Das ändert nichts daran, dass ich das Luxoskop nicht bedienen kann!“, rief Echo. „Du hast Jahrzehnte gebraucht, um den interdimensionalen Logarithmus zu berechnen! Ich werde nicht einmal ankommen!“
Die Augen des Jungen Alchimisten wanderten Hilfe suchend zwischen Rumo, Blaubär und Mythenmetz hin und her, doch ihnen allen schien das gleiche durch den Kopf zu gehen. Was tun? Eißpins Argumentation war lückenlos - Echo war der einzige, der für diese Aufgabe infrage kam, ob er wollte oder nicht.
Der ehemalige Schrecksenmeister packte den zitternden Jungen an beiden Oberarmen und hielt ihn vor sich. „Versprichst du mir, dass du mir jetzt zuhörst, ohne mich zu unterbrechen?“
Echo nickte mit weit aufgerissenen Augen.
„Sehr gut....“ Und damit begann Eißpin eine Reihe von Zahlen aufzusagen, die Rumo schier endlos erschien. Es waren dieselben Zahlen, die er auch schon damals benutzt hatte, als er ihn zum ersten Mal durch die Dimensionen mitnahm. Oder waren sie es nicht? Es war unmöglich zu sagen. Große Zahlen, kleine Zahlen, gerade, ungerade... Der Wolpertinger und seine Gefährten standen nur da und lauschten stumm, während der alte Alchimist seinem Schüler die Zahlen einflüsterte, als seien sie eine Beschwörungsformel.
Schließlich, nach einer halben Ewigkeit, verstummte er und ließ von Echos Armen ab. Der schüttelte erst den Kopf, blinzelte dann und rieb sich die Augen. „Oh Götter...“
Blaubär lehnte sich zu Rumo herüber. „Erwartet der jetzt, dass Echo sich das gemerkt hat?“, fragte er leise.
Nicht leise genug.
Eißpin machte sich nicht die Mühe, sich zu ihm umzudrehen. „Das brauche ich nicht zu erwarten. Er kann es. Sein Gehirn ist zu Dingen imstande, davon könnt ihr nicht einmal träumen.“
Echo sagte nichts.
Sein Meister hielt ihm das Luxoskop entgegen. „Also was ist? Tust du es? Du brauchst die Zahlenfolge nur vor dich her zu sagen. Wenn du ihr Ende erreichst und keinen Fehler gemacht hast, verlässt du den interdimensionalen Raum etwa zwei Jahre vor deiner Geburt in einem der Kellerzimmer des Schlosses, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht renoviert wurde. Wenn du allerdings einen Fehler machst....“
„Ich will es nicht hören“, sagte Echo emotionslos und streckte, den Blick zu Boden gerichtet, Eißpin seinen rechten Arm entgegen. Der band ihm das Luxoskop ans Handgelenk. „Das Perpetuum Mobile ist ganz unten im Keller des Schlosses“, erklärte er. „Erinnerst du dich an den runden Raum? Den mit den vielen Türen?“
Echo nickte.
„Es ist die dritte von links. Dahinter liegt ein langer, sehr schmaler Gang, an dessen Ende du eine weitere Tür vorfinden wirst. Sie ist verriegelt, doch sehr einfach zu öffnen, wenn man weiß, dass es sich um ein kornheimer Katzenschloss handelt.“
Echo zog eine Augenbraue hoch. „Kornheimer Katzenschloss?“
„Es will gekrault werden“, grinste Eißpin vielsagend.
Echo zog augenblicklich den Arm aus den Händen seines ehemaligen Meisters und verschloss die letzte Schlaufe des Lederbandes selbst, offenbar nicht sonderlich erpicht auf unnötigen Körperkontakt. Das änderte allerdings nur wenig an dem Bild, das Rumo in diesen Sekunden vor Augen hatte.
„Streichle einfach ein bisschen mit den Fingerspitzen über das Metall direkt unter dem Knauf“, fuhr Eißpin ungerührt fort. „Das sollte es aufschnappen lassen. Dahinter liegt ein großer Raum, mehr eine Höhle. Du kannst das Perpetuum Mobile nicht übersehen, es steht flugbereit genau in der Mitte auf einem Podest. Die alchimistische Batterie, an die es angeschlossen ist, wird den Zündfunken liefern, der die Magneten in Bewegung versetzt. danach... na ja, läuft es von allein. Was der Sinn der Sache ist.“
„Und wie fliege ich es?“
„Nun... im Grunde fliegst du es überhaupt nicht. Du setzt es in Gang und gibst ihm, nachdem du das Dimensionsloch geöffnet hast, einen kleinen Schubs nach vorne, um es hindurch zu manövrieren. Danach wird es treiben und alles, was du noch zu tun hast, ist, die Zahlenfolge rückwärts aufzusagen und es im richtigen Moment wieder aus dem Dimensionslochraum hinaus zu steuern, dann wirst du etwa dreißig Sekunden nach deinem Verschwinden wieder hier landen. Es ist einfach, du wirst es schon herausfinden.“
Rumo hatte so eine Ahnung, dass Echo das Vertrauen des alten Alchimisten liebend gern gegen eine handfeste Einweisung eingetauscht hätte, doch der Gestaltwandler hatte sich auf die Unterlippe gebissen und sah schweigend zu Boden.
„Und da ist noch etwas“, sagte Eißpin und wirkte plötzlich wieder sehr ernst. Er ging auf Echo zu, umfasste dessen Kinn mit der Hand und hob seinen Kopf, um ihn zu zwingen, ihm in die Augen zu sehen. „Denke nicht einmal daran, etwas in der Vergangenheit zu ändern, hast du verstanden? Ich weiß, du würdest dir so manches gerne ersparen, doch selbst die kleinste Abweichung kann eine Verschiebung innerhalb der Dimensionen verursachen und du findest nie wieder zurück. Alles, was passiert ist, ist passiert, wird passieren und muss passieren. Ist dir das klar?“
Echo schob die Hand unter seinem Kinn unwirsch beiseite. „Keine Sorge. Ich bin kein Idiot.“
Dann griff er nach seinem Arm und aktivierte mit einer einzigen, geschickten Bewegung, den kleinen, mystisch funkelnden Apparat, bevor er einige Male tief durchatmete.
„Dreißig Sekunden von jetzt an“, sagte der junge Alchimist schließlich und grinste aufmunternd zu Rumo und Mythenmetz herüber, was den Wolpertinger jedoch wenig überzeugte. „Guckt nicht so entsetzt, ich werd‘s schon irgendwie hinkriegen. Macht lieber schon mal Platz!“
Damit setzte er zum Sprung an, doch in letzter Sekunde packte ihn Eißpin am Arm, zog ihn zu sich heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr, so leise, dass selbst Rumo es mit seinem empfindsamen Gehört nicht verstehen konnte. Echos Augen weiteten sich in, wie es schien, einer Mischung aus Entsetzen und Überraschung, und er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch noch bevor er die Chance dazu hatte, ließ Eißpin seinen Arm los und der junge Alchimist war verschwunden.
Rumo blinzelte verwirrt und sah zu Mythenmetz und Blaubär herüber, um herauszufinden, ob einer von ihnen eine Ahnung hatte, was soeben passiert war, doch beide zuckten nur mit den Schultern und begannen, wie Eißpin auch, mit ausdrucksloser Miene auf den Punkt zu starren, an dem in dreißig Sekunden ihre Rettung erschienen sollte.

„Eins...“ Eißpin begann mit tonloser Stimme zu zählen.
Eine unheimliche Stille hatten sich über die gesamte Szenerie gelegt, so als halte ganz Zamonien in diesen Sekunden den Atem an. Und selbst wenn er gewollt hätte, Rumo wurde das Gefühl nicht los, dass er keinen Laut über die Lippen bekommen hätte.
„Zwei...“
‚Wie damals‘, dachte Rumo. ‚Als ich den Mehrfachen DeLucca gegen Eißpin eingesetzt habe.‘ Damals war es furchtbar schief gegangen...
„Drei...“
Mythenmetz starrte wie hypnotisiert auf die Stelle, an der Echo verschwunden war, als könne er nicht fassen, dass all dies gerade wirklich passierte. Sein Unterkiefer bebte vor Anspannung und die kleinen Flügel auf seinem massigen Rücken zitterten unkontrolliert. Blaubär, der neben ihm stand, kaute geistesabwesend auf seinem Daumennagel.
„Vier....“
Das mussten die längsten dreißig Sekunden in der zamonischen Geschichte sein. Rumo schloss die Augen und versuchte sich abzulenken, damit er Eißpins gespenstisches Zählen nicht hören musste.
Er dachte an Rala, dachte daran, wie sie gerade dort unten, am Fuße der Lindwurmfeste tapfer die letzten Meter verteidigte, die noch zwischen ihnen und den Menschen lagen. Er dachte daran, wie mutig und schön sie war und wie sehr er sie liebte und dass er, wenn das alles hier vorbei war, Welpen mit ihr haben wollte. Viele! Das ganze Haus voll. Überall um sie herum sollte es schreien und lachen, er wollte umgestoßene Vasen und beschmierte Wände, dreckige Fußböden und am Ende des Tages leuchtende Augen, denen niemand lange böse sein konnte. Wenn das alles hier vorbei war...
„Achtundzwanzig....“
Rumo schreckte aus seinem Tagtraum. Die Anspannung, die von ihm Besitz ergriffen hatte, war nun beinahe schmerzhaft. Am liebsten hätte er sich übergeben.
„Neunundzwanzig...“
Ein Energieblitz donnerte explosionsartig über die Dimensionsschwelle und tauchte sie alle für den Bruchteil einer Sekunde in weiß-blaues Licht.
„Dreißig!“
Stille. Und dann...
Nichts.
Rumo hielt den Atem an. Die Sekunde war noch nicht vorbei, oder? Noch konnte er wieder auftauchen. Sicher würde er jeden Moment hier sein....
„Einunddreißig...“, zählte Eißpin weiter und seine Stimme begann zu zittern, während er ungläubig in den leeren Raum stierte. „Zweiunddreißig... nun komm schon...sag mir, dass du auf mich gehört hast, sag mir, dass du nicht versucht hast, etwas zu verändern!“
Rumo sah von dem alten Alchimisten zu Mythenmetz, dann zu Blaubär und wieder zurück. Er spürte, wie sich Panik in ihm zu winden begann, und versuchte sie herunter zu schlucken, doch es wollte nicht so recht gelingen. „Er.... er hat bestimmt nur... de Abzweigung verpasst oder so was, nicht wahr? Be... bestimmt kommt er noch!“ Das klang keinen Deut überzeugter als er sich fühlte.
„Dreiunddreißig“, zählte Eißpin wie hypnotisiert weiter. „Vierunddreißig... bitte...nicht so!“
„Succubius...“ Mythenmetz war der erste, der das volle Ausmaß der Situation zu begreifen schien. „Succubius, sei ehrlich: Wird er noch auftauchen?“
„Fünfunddreißig“, sagte Eißpin. Er zitterte. Es wirkte, als hätte er Mythenmetz‘ Frage nicht einmal wahrgenommen. Oder nicht wahrnehmen wollen.
„Succubius, bitte!“
Als Eißpin schließlich aufsah, erschrak Rumo, so fahrig, ja geradezu wahnsinnig war der Ausdruck in seinen wässrigen Augen. „Ich muss ihm nach!“, rief der ehemalige Schrecksenmeister plötzlich und drehte sich um, um dann hektisch in seinen alchimistischen Werkzeugen zu wühlen, die er auf Mythenmetz‘ Schreibtisch ausgebreitet hatte. „Ich kann ihn da rausholen!“
In dieser Sekunde traft Rumo die Wahrheit mit ihrer gesamten Wucht.
Echo war fort.
Vielleicht hatte er sich verrechnet, sich verzählt oder sein Luxoskop hatte aus irgendeinem Grund den Dienst versagt - das vermochten sie nicht zu sagen. Doch Fakt war, er war nicht hier. Und das bedeutete, dass er überall sein konnte, bestenfalls in der Vergangenheit, vielleicht in einer anderen Dimension, schlimmstenfalls im leeren Raum irgendwo dazwischen.
Rumo fühlte sich wie betäubt. Ein dramatischer Tod, ein trauriger Abschied - damit konnte er leben, das konnte er einordnen, konnte es verarbeiten. Aber Echo war nicht gestorben, keiner hatte ihn ermordet, es gab niemanden, dem man hätte die Schuld geben können.
Er war einfach nur weg.
Bis vor wenigen Sekunden war er noch hier gewesen, hatte ihnen zu gegrinst und gesagt, dass er es schaffen würde.
Und jetzt war er weg.
Und nach allem, was Rumo in der kurzen Zeit über Dimensionslochreisen gelernt hatte, würden sie ihn wahrscheinlich nie wieder sehen.
Mythenmetz hatte Eißpin an beiden Oberarmen gepackt und drückte ihn mit Schwung gegen die nächste Wand, um ihn daran zu hindern, noch mehr Chaos in dem ohnehin schon voll gestellten Zimmer zu veranstalten. „Succubius, beruhige dich...“
Der alte Alchimist hörte ihm nicht zu. Er versuchte sich aus dem Klammergriff der Echse zu befreien, doch dem gesamten Gewicht des beleibten Lindwurms hatte sein hagerer Körper nur wenig entgegen zu setzten. „Lass mich los, du seniler Hornochse“, keifte er. „Ich kann ihn da rausholen!“
„Und wie willst du das bitte machen?“, fragte Mythenmetz ruhig und sah ihm geradewegs in die hektisch geweiteten Augen. „Du hast kein Luxoskop. Und selbst wenn du eines hättest, fehlten dir immer noch die Koordinaten. Vielleicht hat er doch etwas verändert, vielleicht hat er es nicht einmal bemerkt. Er könnte überall sein. Das weiß ich und das weißt du auch.“
„Ich kann es!“, rief Eißpin noch einmal, schien dabei aber selbst schon nicht mehr allzu überzeugt von dem Plan. Schließlich hörte er auf sich zu winden und Mythenmetz ließ von ihm ab.
„So schwer es uns im Moment auch fallen mag, wir müssen weiter machen“, erklärte der Schriftsteller finster. „Mit jeder Sekunde, die wir vertrödeln, verpufft mehr wertvolle Energie im Nichts. Wir brauchen eine neue Idee.“
Eißpin war auf dem Boden zusammen gesackt und hatte den Kopf auf die Hände gestützt. „Und was soll das für eine Idee sein? Echo und das Perpetuum Mobile waren unsere endgültig letzte Chance. Der sprichwörtliche letzte Strohhalm. Und dieses Mal haben wir ihn nicht erwischt. Wir haben versagt.“
Rumo fiel es schwer, in all dem Durcheinander überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Er fühlte sich wie benebelt, als hätte er sich soeben in der Schenke nebenan einen Krug Bier zu viel gegönnt und stünde nun vor der großen Herausforderung, im Alleingang den Weg nach Hause zu finden, nur dass es den üblichen Weg, seinen Weg, nun eben nicht mehr gab.
Wie also nach Hause kommen?
Wie also Zamonien vor dem Untergang bewahren?
Die Tragweite seines Vergleichs erschien ihm plötzlich nicht ganz dieselbe.
„Nein! Ich weigere mich aufzugeben!“, donnerte Mythenmetz. „Nach allem, was wir durchgemacht haben, nach allem und allen, die wir geopfert haben, werde ich jetzt nicht den Schwanz einzuziehen und klein beigeben! Succubius, was sind die Fakten? Was haben wir?“
Eißpin sah auf und lachte bitter. „Was wir haben? Nichts haben wir! Weniger als nichts! Weniger als wir noch vor ein paar Minuten hatten! Wir haben einen Haufen Energie über unseren Köpfen, aber leider hat unsere Dimension beschlossen den interdimensionalen Regenschirm aufzuspannen, sodass nichts davon bei uns ankommt. Wenn wir es nicht irgendwie schaffen, die Barriere von unserer Seite aus einzureißen, war alles umsonst.“
„Einreißen...“, überlegte Mythenmetz und begann in seinem Atelier auf und ab zu laufen. „Einreißen, einreißen, einreißen....“ Plötzlich hielt er inne. „Und wenn wir etwas nach oben schießen? Sollte das nicht funktionieren?“
Eißpin hob eine Augenbraue. „Hochschießen? Was? Und vor allem womit genau? Mit der riesigen Kanone, die ihr Lindwürmer in eurem Berg versteckt?“
Mythenmetz zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, du könntest eventuell was bauen, oder so...“
„Könnte ich. Wenn du mir drei Tage Zeit und ein Haufen Material gibst. Ich bin Alchimist, kein Zauberer.“
Der Lindwurm begann sich mit den spitzen Echsenzähnen auf der Unterlippe herum zu kauen. „Was ist mit den Waffen der Menschen? Diese Pistolen-Dinger?“
Eißpin schüttelte den Kopf. „Schießen nicht weit genug. Außerdem ist das Geschoss viel zu klein. Selbst wenn es die Dimensionsgrenze erreichen würde, es würde einfach abprallen, anstatt sie zu durchschlagen.“
Mythenmetz fluchte einen sehr unanständigen Fluch und schlug frustriert mit den Flügeln. „Es muss doch irgendetwas geben, das wir tun können!“
Rumo war unterdessen still geworden. Irgendetwas in seinem Kopf hatte sich in Bewegung gesetzt, Zahnräder hatten begonnen sich zu drehen und er spürte, wie sich etwas den Weg durch den dichten Nebel seiner Gedanken ins Freie bahnte. Noch war es nichts Greifbares, keine Idee, mehr ein kurzes Aufblitzen, doch er wusste mit einem Mal, dass es die Antwort war, nach der sie so fieberhaft suchten.
Sie mussten dort hoch, doch fliegen schied aus, zumindest wenn es nach Eißpin ging. Blaubärs Flugsaurier würde es nicht schaffen, hatte er gesagt. Was aber, wenn er es gar nicht musste?
„Alter Mann!“, bellte Rumo zu Eißpin herüber, der daraufhin müde den Kopf hob. „Wie hoch kommen wir?“
„Hm?“
„Mit dem Rettungssaurier. Wie weit, bis es nicht mehr geht? Wie dicht kommen wir an die Grenze?“
Eißpin zuckte mit den Schultern. „Bis auf etwa tausend, tausend-dreihundert Meter heran, schätze ich. Nicht mal in die Nähe also. Wieso fragst du?“
Rumo begann sich auf der Unterlippe herum zu kauen. Könnte das funktionieren? Könnte er es schaffen?
„Die einzige Frage, die du dir stellen solltest, Großer, ist, ob du es schaffen willst“, sagte Grinzold überzeugt. „Dein Plan ist gut, aber bei einer etwa achtzig Prozentigen Chance nicht lebend aus der Nummer heraus zu kommen, bringt dich Denken nicht viel weiter. Du musst es wollen. Du darfst es nicht versuchen, du musst es tun. Verstehst du, was ich dir sagen will?“
Rumo nickte. Dann sah er in die Runde seiner Begleiter. „Ich werde dort hoch fliegen.“
Mythenmetz machte große Augen. „Und dann? Was hast du vor?“
„Das habe ich vor.“ Er durchquerte das Atelier mit einigen festen Schritten und griff nach Eißpins Sense, die der gegen ein Bücherregal gelehnt hatte. „Ich werde die hier werfen.“
„Bei aller Freundschaft, Rumo“, warf Blaubär ein, der bis jetzt nur wortlos vor sich hin gestarrt hatte „und auch wenn ich weiß, dass du sehr stark bist - wir reden hier von einem Kilometer, vielleicht sogar mehr. Das schaffst du nicht.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein tonloses Flüstern, die Verzweiflung hatte letzten Endes über seinen Optimismus gesiegt.
Rumo wog die Sense in seiner Pfote. Sie war leicht und lag gut zwischen den Fingern. „Unter normalen Umständen nicht, das ist richtig. Aber wenn ich mir Macs Fähigkeiten als Rettungssaurier zunutze mache, kann es funktionieren.“
„Was soll das heißen? Was für Fähigkeiten?“ Mythenmetz trat einen Schritt auf ihn zu. „Jetzt ist nicht die Zeit um in Rätseln zu sprechen!“
„Dann unterbrich mich nicht!“, fauchte Rumo und erklärte dann: „Ich meine den Sturzflug. So wie ich das verstanden habe, sind Rettungssaurier wahre Meister darin, nicht wahr?“
Blaubär nickte.
„Gut!“ Rumo ging zu einer der Tafeln herüber, die die Alchimisten aufgestellt hatten, und wischte mit dem Ärmel seiner Jacke einige der darauf notierten Formel weg, um sich Platz zu schaffen. Eißpin hatte offenbar jeglicher Wille verlassen, denn er ließ ihn kommentarlos gewähren.
„Wir fliegen geradewegs hoch, Mac und ich“, fuhr Rumo fort und malte mit weißer Kreide eine senkrechte Linie auf den Schiefer. „So hoch es eben geht. Und wenn wir den höchsten für Mac möglichen Punkt erreicht haben“ - Rumo markierte das Ende seiner Linie mit einem großen X - „geht Mac in den Sturzflug über. Er wendet so schnell und eng wie möglich die vollen hundertachtzig Grad. Und das ist der Moment, in dem ich die Sense werfe.“
Rumo zeichnete zunächst eine parabelförmige Linie vom X aus nach unten, dann eine weitere, gestrichelte, die weiter nach oben führte. „Wenn ich es schaffe meinen Wurf so abzupassen, dass er mit der einsetzenden Fliehkraft übereinstimmt, sollte es für jemanden wie mich locker möglich sein, die anderthalb Kilometer bis zur Dimensionsgrenze zu überbrücken.“
Mythenmetz betrachtete Rumos Zeichnung mit halb geöffnetem Maul. „Eine Art lebendiges, fliegendes Katapult...“ Er wirbelte zu Eißpin herum. „Ist das möglich? Kann so etwas funktionieren?“
Der alte Alchimist hatte sich aufgerafft und sich zu Rumo an die Tafel gesellt. „Hm...“, machte er, während er mit zusammen gekniffenen Augen die laienhafte Zeichnung studierte. „Durchaus, das kann es“, sagte er schließlich ernst und Rumo atmete beinahe erleichtert aus. „Die Zentrifugalkraft - von dir eben umgangssprachlich als Fliehkraft bezeichnet - ist, bei den Geschwindigkeiten die ein Rettungssaurier beim Übergang in den Sturzflug erreichen kann, nicht zu unterschätzen und würde dir sicherlich einen gehörigen Vorteil beim Wurf verschaffen.“
Rumo legte die Ohren an. „Würde?“
Eißpin wandte sich der Gruppe zu. „Exakt. Würde. Denn ein Problem gibt es noch. Auch wenn die Sense bereits um einiges größer und auch schwerer ist als eine Pistolenkugel, ist sie leider noch immer zu klein und daher in ihrer Flugbahn zu instabil. Wenn sie auf die Dimensionsgrenze stößt, prallt sie ab. Es sei denn, wir schaffen es irgendwie sie zu stabilisieren und ihre Durchschlagskraft zu erhöhen.“
Rumo winselte wie ein angeschossener Hund. „Und ich dachte, wir hätten endlich eine Lösung.“
„Habe ich gesagt, dass es unmöglich ist?“
Der Wolpertinger horchte auf. „Es geht?“
Eißpin nickte. „Vorausgesetzt du kannst etwas werfen, das ein wenig Schwerer ist als eine Sense.“
„Schätze schon...“ Rumo zuckte mit den Schultern. „Kommt natürlich darauf an, wie schwer.“
„Etwa so schwer wie ich.“
Rumo betrachtete den dürren Mann von oben bis unten. Verglichen mit ihm selbst war er kaum mehr als ein Zahnstocher, ein Strich in der Landschaft. Siebzig Kilo vielleicht, wenn überhaupt. „Klar, das sollte kein Problem sein...“
„Moment!“ Mythenmetz trat einen Schritt nach vorn. „Succubius, was hast du vor?“
„Ist das nicht relativ offensichtlich, Hildegunst?“ Eißpin grinste sein übliches hochmütiges Grinsen. Er schien mit einem Mal wieder zu sich selbst gefunden zu haben. „Rumo hier wirft nicht die Sense, er wirft mich. Mit der Sense. Und sobald ich an der Dimensionsgrenze angekommen bin, mache ich den entscheidenden Schnitt. Es ist ganz einfach.“
„Aber“, mischte sich jetzt auch Blaubär ein, „die elektrische Ladung...heißt das nicht, dass du... na ja...“
„Ich bin nicht so Anfällig für diese Dinge wie jedermann, ich halte einiges aus. Daher sollte ich zumindest den Hinweg halbwegs unbeschadet überstehen.“ Eißpin wirkte jetzt beinahe fröhlich. „Aber im Endeffekt – ja, das heißt es.“
Mythenmetz schlug nervös mit seinem unverletzten Flügel. „Oh nein! Auf gar keinen Fall! Es muss einen anderen Weg geben!“
Eißpin sah ihn geradewegs an. „Und welchen, wenn ich fragen darf?“
Der Lindwurm bewegte die Lippen, als wolle er etwas sagen, doch als er merkte, dass ihm die Worte fehlten, schloss er sie schnell und sah zu Boden.
„Großartig“, verkündete der ehemalige Schrecksenmeister und machte eine ausladende Geste, die seinen Umhang zum Wehen brachte. „Dann ist es ja beschlossene Sache. Und da das Luxoskop kalibriert und einsatzbereit ist, gibt es hier ja wohl nichts mehr für mich zu tun. Was auch immer ihr noch vor habt, ich werde draußen auf euch warten. Wenn euch etwas an eurem Leben und Zamonien liegt, solltet ihr euch allerdings etwas beeilen.“ Damit griff er seine Sense, die Rumo immer noch in der Pfote hielt, raffte sein Gewandt zusammen und verließ mit eiligen Schritten das Atelier.
Mythenmetz sah ihm nach. Ein seltsamer Ausdruck lag in seinen Echsenaugen, als versuche er die wahre Bedeutung von Eißpins bissigen Worten zu erkennen, kriege sie aber nicht so recht zu fassen. Schließlich schüttelte er den Kopf und wandte sich ab. „Also dann....“
„Das tue ich nicht!“, sagte Rumo überzeugt und verschränkte die Arme vor der Brust, als er merkte, dass Mythenmetz und Blaubär ihn fragend anblickten. „Ich bringe keinen meiner Freunde um. Selbst den da nicht.“ Er hatte in seinem kurzen Leben schon zu viele Personen, die ihm nahe standen, fast oder ganz verloren. Einen weiteren, auch wenn dieser nicht wirklich als Freund durchging, aktiv ins Jenseits zu befördern stand vollkommen außer Frage.
Mythenmetz trat auf ihn zu und legte ihm eine Klaue auf die Schulter. „Hör zu“, begann er. „Ich kann deine Bedenken sehr wohl nachvollziehen, aber Eißpin hat Recht, es ist unsere einzige Chance. Und außerdem...“ Er sah sich um, als wolle er sicher gehen, dass der ehemalige Schrecksenmeister außer Hörweite war. „Rumo, verstehst du es nicht? Er will es so. Er macht sich nichts aus anderen Lebewesen, sie bedeuten ihm nichts. Hätte er leben wollen, hätte er jeden anderen von uns, ja sogar jeden von unseren Freunden am Fuße der Feste als Träger der Sense vorschlagen können. Aber er hat sich selbst gewählt. Denkst du wirklich, jemand wie er tut so etwas aus Selbstlosigkeit? Aus Nächstenliebe?“
Rumo wich Mythenmetz‘ Blick aus. „Wahrscheinlich nicht...“
„Vielleicht gab es sogar jemanden“, fuhr der Lindwurm fort. „Vielleicht war da jemand, der ihm etwas bedeutete. Aber selbst wenn dem so war - seit heute gibt es diesen Jemand nicht mehr. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Succubius sich die Schuld daran gibt. Er hat keine Zukunft, Rumo. Er will keine. Gönnen wir ihm einen würdevollen Abgang.“
Rumo sah an Mythenmetz vorbei zur Tür des Ateliers hinaus, durch die Eißpin verschwunden war. Viel Wahres schien an den Worten des Schriftstellers dran zu sein, und doch... konnte er so etwas tun? Konnte er es verantworten?
„Ich denke, Mythenmetz hat Recht, Rumo“, sagte Blaubär leise. „Wir sollten es so machen. Wir haben keine Wahl. Mac wird das genau so sehen.“
Der Wolpertinger spürte, das seine Gefährten ihre Entscheidung getroffen hatten. Er schloss die Augen und horchte in sich hinein. Auf seine eigene innere Stimme, aber auch auf die beiden, die ihn nun schon so lange begleiteten.
‚Was denkt ihr?‘
Für einen Augenblick war es still in seinen Gedanken, dann sagte Löwenzahn mit dünner Stimme: „Ich denke, dass man manchmal das Falsche tun muss, um das Richtige zu erreichen. Wir haben viel zu verlieren, Rumo. Er... nicht.“
Und damit hatte der Stollentroll recht.
Rumo atmete ein letztes Mal tief durch, dann machte er einen entschlossenen Schritt in Richtung Tür. „In Ordnung, lasst uns gehen.“
Blaubär und Mythenmetz nickten.
„Da seid ihr ja endlich“, reif Eißpin mit verschränkten Armen, als die drei Gefährten schließlich das Atelier verließen. „Ich dachte schon, der Hund macht einen Rückzieher.“
Rumos Skrupel begannen augenblicklich zu schwinden.
„Willst du das wirklich tun, Succubius?“, fragte Mythenmetz noch einmal und wirkte dabei ernstlich besorgt, doch Eißpin lachte nur kalt.
„Ich bin neunundachtzig Jahre alt, Hildegunst, und damit älter als die Meisten meiner Gattung jemals werden. Ich denke, ich kann die Konsequenzen meiner Entscheidungen überblicken.“
Der Lindwurm ließ sich nicht einschüchtern. „Nur weil man die Konsequenzen von etwas kennt, heißt das nicht, dass man sie richtig einschätzen kann. Wenn du das tust - und ich sage es dir jetzt noch einmal ganz deutlich - wirst du sterben.“
Eißpins frostiges Lachen wurde zu einem breiten, selbstverliebten Grinsen. „Hoffen wir das Beste.“

Deus X Machina breitete die beeindruckenden Schwingen aus und Rumo spürte, wie der gesamte Rücken des Flugsauriers unter ihm erbebte. „Seit ihr euch wirklich sicher, dass ihr das durchziehen wollt? Das scheint mir eine furchtbar, furchtbar schlechte Idee zu sein!“
„Ohne Zweifel, es ist eine grauenvolle Idee“, sagte Eißpin, der hinter Rumo saß und sich an dessen Jacke festkrallte, trocken und der Wolpertinger fühlte sich ein wenig beleidigt. „Aber es ist unsere einzige Idee, also werden wir mit ihr vorlieb nehmen müssen.“
„Na wie ihr meint.“ Mac schlug ein einziges Mal kraftvoll mit den Flügeln und beförderte sie damit einige Meter in die zamonische Luft, bevor er sich im Schwebeflug zurück zu den Zinnen der Lindwurmfeste gleiten ließ. Rumo war jetzt schon schlecht. Blieb zu hoffen, dass es die Aufregung war.
Blaubär rang sich ein aufmunterndes Grinsen ab. „Danke, Kumpel. Du hast was gut bei mir.“
„Also bitte!“ Mac lächelte ebenfalls und zwinkerte seinem kleinen Freund durch seine Brillengläser hindurch zu. „Hier geht es immerhin und ein Manöver in letzter Sekunde. Und auf dem Gebiet. bin ich nun mal eine absolute Koryphäe!“
„Der Beste“, stimmte Blaubär zu. „Trotzdem viel Glück.“
„Danke, Kleiner.“
Dann stiegen sie auf.
Rumo klammerte sich mit beiden Pfoten an das Seil, das sie provisorisch an Macs Hals vertäut hatten, und versuchte krampfhaft nicht nach unten zu sehen, wo seine Gefährten mit erschreckender Geschwindigkeit auf Ameisengröße schrumpften.
Wie hoch mussten sie, hatte Eißpin gesagt? Etwa fünfzehn Kilometer, vielleicht zwanzig - das hatte sich bereits auf dem sicheren Erdboden nach viel angehört, hier oben, wo die Luft um sie herum immer kälter wurde, klang es vollkommen unmöglich. Schon jetzt fiel das Atmen schwer und der eisige Wind schnitt wie Messer auf der Haut - Rumo begriff, dass sein Fell ihm kaum etwas nützen würde.
„Versuche dich zu bewegen“, wies ihn Eißpin von hinten an. „Wenn deine Muskeln unterkühlt sind, verlieren sie an Kraft.“
Rumo schnaubte ein freundloses Lachen. „Und wie genau soll ich das deiner Meinung nach anstellen?“, rief er über die Schulter zurück. „Soll ich vielleicht ein paar Hampelmänner machen? Oder Klimmzüge?“
Ein wenig bereute er seinen aggressiven Ton - der Alte hatte immerhin recht - doch nervös wie er war, war er beim besten Willen nicht empfänglich für gut gemeinte Ratschläge.
„Das war nicht ganz das, was ich meinte, Hund“, antwortete Eißpin bissig. „Du könnte zum Beispiel -“
Sie wurden jäh unterbrochen, als Mac auf einmal aus heiterem Himmel einen scharfen Schlenker zur Seite machte. Rumo war so überrascht von der unvorhersehbaren Bewegung, dass er um ein Haar vom Rücken des Rettungssaueriers gekippt wäre, und er spürte, wie auch Eißpin bedrohlich rutschte.
„Ugh!“, machte der alte Alchimist und fluchte unbeherrscht.
Als er sich halbwegs wieder gefangen hatte, beugte Rumo sich zu Macs Kopf vor. „Was ist los? Alles in Ordnung?“
„Turbulenzen“, rief Mac zurück. „Haltet euch lieber gut fest! Mit der ganzen elektrischen Spannung in der Luft, ist die Thermik hier oben eine Katastrophe!“
Rumo schluckte und festigte seinen Griff um die Schlaufe. Eißpin hatte recht gehabt, das war eine verdammt dämliche Idee. Wer ließ sich nur so einen halsbrecherischen Mist einfallen?
Keinem von ihnen war zu weiteren Gesprächen zumute, während sie unter Macs kräftigen Flügelschlägen immer weiter senkrecht nach oben stiegen. Immer wieder scherte er ruckartig nach links oder rechts aus, sackte aus dem Nichts ein paar Meter nach unten oder wurde von einer Böe des immer stärker werdenden Sturms zurück geworfen. Es fühlte sich an, fand Rumo, wie eine der Achterbahnen im Vergnügunspark von Atlantis, nur dass man dort meistens am selben Ort ausstieg, wo man auch eingestiegen war, was die Sache um einiges berechenbarer machte. Und lustiger.
Nach schier endlosen Minuten voller Wind, Kälte und stummer, unterdrückter Angst wagte Rumo einen Blick zurück. Sie waren nun so hoch, dass er nur noch grob erahnen konnte, wo neben Loch Loch die gewaltige Lindwurmfeste empor ragte, was ein erschreckendes und zugleich überaus beeindruckendes Bild ergab. Alles dort unten war so winzig - die Berge, der See, sogar die endlose Süße Wüste. So winzig und doch so groß für jene, die dort lebten.
;Perspektive‘, dachte Rumo. ‚Jeder sollte sie von Zeit zu Zeit wechseln.‘
Ein ächzen von Mac ließ den Wolpertinger aufhorchen. Der Wind um sie herum war nun so stark geworden, dass es dem Flugsaurier sichtliche Mühen bereitete vorwärts zu kommen. Noch dazu hatte die empfindliche Membran seiner Schwingen an mehreren Stellen zu qualmen begonnen und die elektrische Ladung fraß sich in die dünne Haut wie kleine, glühende Maden in den Speck.
Rumo beugte sich erneut zu Mac vor. „Wie weit noch?“, fragte er besorgt. „Deine Flügel - sie sehen nicht gut aus! Übertreib es nicht.“
„Nur noch ein kleines Stück höher“, rief Mac gegen den tosenden Sturm an und schlug einmal mehr mit den rauchenden Schwingen. „Ein kleines Stückchen schaffe ich noch!“
Rumo biss die Zähne zusammen und krallte sich so gut es eben ging an der provisorischen Schlaufe fest. Schwer- und Fliehkraft rissen mit aller macht an seinen Gliedern, als wollten sie sie für sich beanspruchen und die Luft um sie herum war inzwischen derart aufgeladen, dass sein Fell in alle Himmelsrichtungen abzustehen begonnen hatte und jedes Mal bedrohlich knisterte, wenn es aneinander rieb. „Bist du sicher? Wenn du abstürzt, ist alles vorbei!“
„Ich bin absolut sicher!“
Hoffentlich sagte er die Wahrheit.
Rumo warf einen Blick über die Schulter und beobachtete Eißpin, der nun schon seit geraumer Zeit nichts mehr gesagt hatte. Der Alte starrte stoisch vor sich hin, schwer zu sagen, was in diesen Sekunden in ihm vor ging - wenn überhaupt etwas in ihm vor ging.
Hatte er Angst? Wenn ja, dann verbarg er es gut!
Bereute er seine Entscheidung? Das vermochte wohl keiner außer ihm selbst zu beantworten.
Der Wolpertinger sah wieder über Macs Kopf hinweg in das Dunkel über ihnen. Vielleicht hatte er einfach schon längst begriffen, was nun auch Rumo klar wurde. Es brachte schlichtweg nichts mehr, sich Gedanken über das zu machen, was gleich passieren würde, denn schon als sie vom Boden abgehoben waren, hatten sie den Punkt ohne Wiederkehr überschritten.
‚Möglicherweise noch früher‘, dachte Rumo. ‚Möglicherweise schon damals, als ich den ersten Schritt aus dem Rumotron gemacht habe.‘
„Wir sind alle Teil einer einzigen, riesigen Ereigniskette, Rumo“, sagte Löwenzahn. „Wenn du so willst, hat alles mit deiner Geburt begonnen. Und noch fiel früher. Mit meiner Geburt. Mit der Geburt des Idioten. Mit der Geburt Zamoniens. Irgendwo hat irgendjemand mal einen Stein umgestoßen, der hat dann einen anderen ins Rollen gebracht und jetzt sind wir hier.“
„Muss aber ein verdammt großer Stein gewesen sein“, bemerkte Grinzold.
‚Ich wüsste gerne, wer es war...‘
„Hm? Wer was war?“
‚Na der, der den Stein umgeworfen hat‘, dachte Rumo. ‚Wer hat mit all dem angefangen?‘
„Na du kannst Fragen stellen!“, seufzte Löwenzahn theatralisch. „Das kann dir doch niemand so genau sagen.“
‚Ich weiß...‘
„Ist das denn wirklich so wichtig?“, fragte Grinzold. „Kommt es nicht viel mehr darauf an, was man aus einer Idee macht, als sich darüber zu streiten, wer sie hatte?“
Rumo musste lächeln, auch wenn seine vor Kälte schmerzenden Lippen lauthals gegen die plötzliche Bewegung protestierten. ‚Weißt du, Grinzold, ich glaube, manchmal unterschätze ich dich.‘
„Nur manchmal?“
„Drei!“, rief Mac plötzlich und Rumo brauchte einige Sekunden, um zurück in die Gegenwart zu finden und zu begreifen, was vor sich ging. Dann jedoch traf ihn die Erkenntnis und ohne auch nur einen einzigen weiteren Gedanken an eventuelle Zweifel zu verschwenden drehte er sich um, griff nach Eißpins Robe und grub seine Pfote so fest wie möglich in den schweren Stoff. Jetzt zählte es.
„Zwei!“
Der ehemalige Schrecksenmeister ließ die Hand, die er bis zu diesem Moment in Rumos Jacke gekrallt hatte, los, sodass er nun nur noch von dem entschlossenen Griff des Wolpertingers auf Macs Rücken gehalten wurde. Die Sense trug er mitsamt dem anderen Arm hinter Rücken, sodass sie den geringsten Luftwiderstand bot.
„Eins!“
Wieso musste immer einer zählen, überlegte Rumo düster. Das hatte ihm noch nie Glück gebracht! Weder in den Katakomben von Buchhaim noch wenige Minuten zuvor. Doch gerade, als ihm diese deprimierende Erkenntnis durch den Kopf schoss, konnte er Eißpin hinter sich sagen hören: „Drei Mal, Rumo. Beim dritten Mal wird alles gut, du kennst die Regel.“
Und da wusste er, dass es so sein musste.
„JETZT!“
Rumo dachte nicht nach. Er fühlte, wie sich Macs Rücken unter ihm bog, als der Rettungssaurier auf einer Fläche, die nicht größer als zwei oder vielleicht drei Meter betragen konnte, in den direkten Sturzflug überging. Er fühlte, wie die Fliehkraft von seinem ganzen Körper Besitz ergriff, noch nicht gewillt ihn wieder der Erde zu überlassen. Und das war der Moment, in dem er seinen Arm nach vorne riss, so kraftvoll, wie er es noch nie zuvor in seinem Leben getan hatte.
Der Schwung der Bewegung verband sich fließend mit den Kräften, die auf ihn und Eißpin wirkten, und verwandelten sie alle in ein einziges, fliegendes Katapult.
Mythenmetz Worte trafen es sehr gut. Wie immer.
Alles war perfekt abgestimmt, jede einzelne Bewegung lief ab, wie in einem gut geschmierten Uhrwerk, und der gewaltige Schrei, der sich aus Rumos Kehle löste, musste kilometerweit zu hören gewesen sein, da war er sich im Nachhinein sicher.
Als seine Hand den höchsten Punkt erreicht hatte und er spürte, dass die Kraft am größten war, ließ Rumo los.
Für einen einzigen, endlosen Moment, den er sein Leben lang nicht würde vergessen können, konnte er Eißpin geradewegs in die wasserblauen Augen sehen. In ihnen lag weder Furcht noch Sorge, kein Zögern, nicht der geringste Zweifel. Aber da war auch keine Entschlossenheit, kein grimmiger Wille oder irgendetwas anderes, das dem Wolpertinger sagte, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatten.
Die Augen des ehemaligen Schrecksenmeisters von Sledwaya waren vollkommen leer.
Rumo musste plötzlich daran denken, was Mythenmetz wenige Minuten zuvor gesagt hatte. Dass Eißpin nichts zu verlieren hatte, mehr noch, dass er vielleicht sogar alles verlieren wollte. Der Wolpertinger hatte nicht verstanden, wie jemand so etwas wollen könnte, doch nun konnte er es sehen.
Dann war der Moment vorbei.
Eißpin rauschte an ihm vorbei und das Letzte, was Rumo sah, bevor die hagere Gestalt in der Dunkelheit verschwand, war die Sense, deren Schneide unheilvoll im Licht der Blitze aufleuchtete.
Mac hatte die Flügel eingeklappt und stürzte mit seiner nun leichteren Last kopfüber auf das zamonische Festland hinunter, sodass Rumo für einen kurzen Augenblick befürchtete, der Retungssaurier habe es doch übertrieben und mitten in der Luft das Bewusstsein verloren. Seine Flügel rauchten wie zwei ausgebrannte Feuer und hinterließen eine deutlich sichtbare Spur, die ihren Weg hinab zum Boden markierte, während um sie herum statische Entladungen wie Knallfrösche verpufften. Doch Mac hatte die Augen weit geöffnet und auf einen Punkt konzentriert, den Rumo nur erahnen konnte.
Kilometer um Kilometer kam die Erde näher, erst nur als braun-grüne Masse, dann immer deutlicher, immer detailreicher, bis Rumo schließlich sogar wieder die Spitze der Lindwurmfeste ausmachen konnte, auf der seine Gefährten mit gereckten Köpfen auf ihre Rückkehr warteten.
Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Knall.
Der Wolpertinger heulte laut auf und musste dem Versuch widerstehen, die Halteschlaufe loszulassen und beide Pfoten über die schmerzenden Ohren zu pressen, in der Hoffnung, dass hochfrequente Fiepen loszuwerden, das in seinem Kopf nachhallte. Alles um ihn herum klang dumpf, das Donnern der Blitze, der tosende Sturm und auch Macs aufgebrachte Rufe, die ihm befahlen, sich gut festzuhalten.
Der Rettungssaurier war aus seiner Flugbahn gerissen worden und taumelte nun unkontrolliert gen Boden, wobei er sich mehrfach überschlug und Rumo in einen albtraumhaften Strudel aus wirbelnden Lichtern und eisigen Windböen riss, der ihm für einen Moment den Verstand raubte. Er klammerte sich so fest wie möglich mit Pfoten und Beinen an den riesigen Saurier und drückte sich flach an dessen Rücken, um nicht von Wind und Fliehkraft erfasst und in den nachtschwarzen Himmel geschleudert zu werden, doch bereits der Aufstieg hatte ihn derart viel Kraft gekostet, dass er wusste, er würde sich nicht mehr lange halten können.
„Was war das?“, brüllte er zu Macs Kopf hinüber und mobilisierte seine letzten Energiereserven. „Wurden wir von irgendwas getroffen?“
Der Rettungssaurier streckte abwechselnd den linken und dann wieder den rechten Flügel aus und schlug mit dem langen Schweif, um die Balance wieder zu finden. „Das war eine Druckwelle! Der dürre Kerl muss es geschafft haben! Ich hatte nur gehofft, wir wären schneller wieder unten.“
Rumo konnte sehen, wie Mac mit einem Mal die Augen weit aufriss. „Oh Götter, wir müssen uns beeilen! Ohren anlegen, Kleiner! Jetzt wird es holprig!“
Ein letztes Mal überschlug sich der Rettungssaurier, dann hatte er sich wieder gefangen und tat einen kräftigen Flügelschlag abwärts.
Sich fallen zu lassen war eine Sache, stellte Rumo fest, aktiv Richtung Boden zu fliegen einen ganz andere. Sie wurden schnell, schneller als alles, was er je in seinem Leben erlebt hatte, schneller als des beste Läufer Zamoniens, schneller als jeder Pfeil aus Ralas perfekt justiertem Bogen. Alles um sie herum verschwand in einem wilden Gemisch bunter Linien und selbst wenn Rumo den Atem nicht vor Anspannung angehalten hätte, es wäre ihm völlig unmöglich gewesen Luft zu holen, so groß war der Druck, der sich über sein Gesicht und den gesamten Oberkörper gelegt hatte.
„Wenn wir zu weit oben sind“, rief Mac, „werden wir vielleicht nicht erfasst! Wir müssen näher ans Festland, sonst enden wir im Nichts!“
Rumo konnte nicht antworten, zumal er ohnehin nicht gewusst hätte, was er darauf hätte sagen sollen. ‚Dann flieg schneller!‘ war wohl eine relativ sinnlose Aufforderung, da sicher auch Mac selber wenig Interesse daran hatte, völlig unkontrolliert im Dimensionslochraum zu stranden. Also beschränkte er sich darauf, so wenig Luftwiderstand wie möglich zu verursachen und zum dem Kerl mit dem großen Stein zu beten, dass er ihnen keine weiteren in den Weg legte.
Wie eines der Bleigeschosse aus den Waffen der Menschen jagten sie, umringt von den Blitzen, die nun ungebremst auf Zamonien herab schlugen, durch die Atmosphärenschichten auf die Lindwurmfeste zu.
Der Berg der Schriftsteller hatte wie ein gigantisches Leuchtfeuer unter ihnen zu glühen begonnen und strahlte in alle Himmelsrichtungen, während sich die frei gewordene Energie über die Weite des Kontinents verteilte und ihn hoffentlich bald umschloss. Es war ein überwältigender Anblick der sich Mac und Rumo von weit oben bot, als hätte jemand die Felsen unter ihnen in Brand gesteckt, um ein Signal in die Weite des Dimensionslochraums zu senden und von Ankunft eines Kontinents zu künden.
‚So entstehen Religionen‘, dachte Rumo bei sich. ‚Heute schreiben wir zamonische Geschichte.‘ Und dann: ‚Hoffentlich werden wir noch da sein, um sie jemandem zu erzählen.‘
In diesem Moment hörte Rumo ein Geräusch.
Das war, in all dem wüsten Getöse, das sie umgab, zunächst einmal nicht verwunderlich, doch das tiefe, rhythmische Grollen, das noch dazu auf sie zu zu kommen schien, war ein ganz anderes als das knallende Donnern des Gewitters um sie herum. Es klang beinahe wie - Rumo spitzte so gut es ging die Ohren - ja, wie eine Maschine. War es das Luxoskop?
Noch während der Wolpertinger darüber grübelte, leuchtete plötzlich unter ihnen etwas auf, raste in unfassbarem Tempo auf sie zu und schoss schließlich an ihnen vorbei gen Himmel.
Bei der Geschwindigkeit, in der sie sich fortbewegten, war es nicht mehr als ein Schatten, ein kurzes Aufblitzen eines schemenhaften Umrisses im hintersten Winkel des Auges. Doch für Rumo gab es keinen Zweifel, was, oder besser gesagt wer es war. Denn für den Bruchteil einer Sekunde hatte er ihn gesehen. Und er wusste, dass er ihn auch gesehen hatte, der seltsame Junge mit dem blaugrauen Haar, der so viel mehr war als bloß ein Junge oder eine einfache Kratze.
Sie sahen einander an und Rumo spürte, dass es ein Abschied war. Für eine lange Zeit zumindest, vielleicht für immer. Doch es war ein Abschied und ein guter noch dazu. Und das war so viel mehr als alles, was er sich noch vor wenigen Minuten erhofft hatte.
„Keine Ahnung wie, aber wir haben es geschafft, Großer“, sagte Grinzold in einem Ton, der dem Wolpertinger einen Schauer über den Rücken jagte. „Wir alle.“
Und dann wurde mit einem Mal alles um sie herum weiß.
Eine welle gleißend hellen Lichts hatte sie überrollt und raubte ihnen jede Sicht und Orientierung. Mac krächzte überrascht auf, bevor er, überwältigt von der absoluten Reizüberflutung, erst den Kopf zurück warf und dann in der Luft in sich zusammen fiel, als hätte man die Luft aus ihm heraus gelassen.
Rumo versuchte die Schlaufe am Hals des Flugsauriers zu greifen, die er vor Schreck losgelassen hatte, doch so sehr er seine Finger auch streckte, sie griffen ins Leere. Seine müden Beine konnten den Leib des ohnmächtigen Sauriers nicht länger umklammern und so musste er hilflos mit ansehen, wie Mac unter ihm davon trudelte.
Das letzte, was Rumo wahrnahm, war, dass er fiel.
Und fiel.
Und immer weiter fiel.

„Rumo!“
„Uhh.... nur noch fünf Minuten....“
„Rumo! Wach auf!“
Rala! Konnte sie denn nie Nachsicht mit ihm haben? Immerhin hatte er gerade Zamonien gerettet! Da war es ja wohl legitim, ein wenig zu verschlafen....
Rumo schlug die Augen auf.
Zamonien!
Wo waren sie? Hatte alles geklappt? Waren sie angekommen? Wo waren sie angekommen?
„Rumo! Endlich!“ Rala hatte sich über ihn gebeugt und lächelte liebevoll auf ihn herab. „Ich hatte schon Angst, es hätte dich erwischt. Der Sturz sah übel aus.“
In Rumos Kopf drehte sich alles und er brauchte einige Sekunden, um sich zu vergewissern, dass an ihm noch alles dran war. Unter sich spürte er den harten Stein der Lindwurmfeste - oder dessen, von dem er vermutete, dass es die Lindwurmfeste war - und über sich... Rumo blinzelte und wagte einen Blick an Ralas schönem Kopf vorbei in den Himmel. Er war blau, wunderbar azurblau und vollkommen Wolkenlos. Irgendwo in der Ferne musste eine Sonne scheinen, denn der Wolpertinger konnte ihre Wärme auf seinem lädierten Pelz spüren.
Es war perfekt.
Zu perfekt.
Rumo stemmte die Pfoten in den Fels und hievte sich unter lautem Ächzen in eine aufrechte Sitzposition. Ihm tat alles weh, von seine Schwanzspitze über seinen rechten Arm bis hin zu seinem verletzten Ohr, doch er lebte. Und das war schon mal viel wert. „Haben wir uns überhaupt vom Fleck bewegt?“, fragte er schließlich und sah in die Runde. Neben Rala standen dort auch Rolv und der Bürgermeister, Mythenmetz saß ein paar Meter weiter auf einem Stein und bedauerte die Überreste seines Gartens. Blaubär hatte sich über Mac gelehnt, der inmitten des Felsplateaus lag, und verarztete dessen übel zugerichtete Schwingen notdürftig mit Salbe und kilometerweise Mullbinde.
Rala lachte. „Und ob wir das haben. Du kannst froh sein, dass du ohnmächtig warst, das war nämlich alles andere als ein sanfter Ritt. Es grenzt an ein Wunder, dass es Zamonien nicht in Millionen Stücke zerfetzt hat. Die Leute in den Städten müssen gedacht haben der Weltuntergang sei über sie gekommen. Aber gerade als wir befürchteten, für immer und ewig durch den leeren Raum zu trudeln, gab es einen lauten knall und es wurde wieder ruhig und taghell. Heller als sonst übrigens, sieh mal...“ Sei deutete in Richtung Himmel und Rumo sah hinauf. Zunächst verstand er nicht, worauf sie hinaus wollte, dann jedoch fiel ihm etwas auf. Etwas, das ihn aus irgendeinem Grund fröhlich stimmte.
„Zwei Sonnen...“
Rala nickte. „Ist das nicht schön? Und so wie es scheint sind beide im genau richtigen Abstand zu uns. Alles ist genau so wie in unserer Heimatdimension. Alle sind so erleichtert, Rumo. Ihr habt ein Wunder vollbracht.“
Rumo ließ sich zurück auf den Felsen sinken. Er war immer noch erschöpft. „Erleichtert können wir sein, sobald der Krieg vorbei ist“, sagte er leise. „Wo sind die Menschen?“
„Sie sind geflohen als das Spektakel losging“, erklärte Rolv grinsend. „Hättest ihre Gesichter sehen sollen. Die kommen so schnell nicht wieder aus ihren Löchern.“
Mythenmetz war an die Gruppe Wolpertinger heran getreten. „Es ist, wie Eißpin sagte. Auf lange Sicht werden sie nicht durchhalten können. Zamonien wird denen, die in Frieden leben wollen, weiterhin eine Heimat bieten, für alle anderen endet die Reise hier. Sie haben jetzt ihre Dimension und wir unsere, es ist besser so.“
Rumo schloss die Augen. Er war müde, so unendlich müde. Körperlich und seelisch. Sie hatten alles gegeben - Blaubär, Mythenmetz, der verrückte Alte und Echo...
Er riss die Augen wieder auf und fuhr, trotz aller Schmerzen, hoch. „Echo!“, rief er. „Ich habe ihn gesehen! Als ich mit Mac im Sturzflug war! Er ist an mir vorbei geflogen! Auf dem Perpetuum Mobile! Wo ist er? Ist er hier?“
Für einen Moment schwiegen alle Anwesenden und sahen sich ratlos an. Dann schüttelte Mythenmetz den Kopf. „Tut mir Leid, Rumo“, sagte er bedauernd. „Ich weiß nicht, was du gesehen hast, ob es wirklich Echo war oder ein Streich, den dir deine Sinne gespielt haben, aber hier gelandet ist er nicht. Wenn er es wirklich gewesen sein sollte, dann hat er es wohl nicht mehr rechtzeitig ins Energiefeld hinein geschafft.“
„Er war es“, krächzte Rumo mit trockener Kehle und ließ sich wieder zurück sinken. „Ich weiß es! Er hat mir zugelächelt. Ich bin sicher, er hat es geschafft. Sie beide haben es geschafft. Vielleicht sind sie nicht mehr hier, aber sie sind wohlauf.“
Mythenmetz gönnte sich einen Blick gen Himmel. „Ich hoffe nichts mehr, als dass du recht hast.“
Rolv, der, wie immer, nicht viel für Sentimentalitäten übrig hatte, schlug voller Tatendrang eine Pfote in die geöffnete andere. „Und was jetzt? Was steht jetzt an?“
Alle Blicke richteten sich auf den Lindwurm, der offenbar nicht ganz folgen konnte, warum man ihn mit einem Mal zur Autorität erklärt hatte, sich aber auch nicht sonderlich an der Position störte.
„Es gibt noch eine Menge zu tun“, verkündigte er schließlich mit fester Stimme, sodass ihn auch die anderen Buntbären und Wolpertinger hören konnten, die nun nach und nach das Felsplateau erklommen um nachzusehen, was dort vor sich ging. „Für jeden von euch. Um uns herum liegt immerhin eine ganz neue Welt, über die wir nicht das Geringste wissen! Doch was viel wichtiger ist: Wir müssen die Nachricht von dem, was heute hier passiert ist, in ganz Zamonien verbreiten, und das möglichst schnell. Wir müssen Atlantis wieder in unsere Gewalt bringen und unsere gewohnte Ordnung wieder herstellen. Wir müssen uns mit den verbleibenden Menschen einig werden und einen Weg finden unsere Differenzen beizulegen. Und schließlich...“ Er sah in die Runde. „... müssen wir nach Hause gehen und um jene trauen, die es nicht geschafft haben. Die wohl schwerste Aufgabe von allen.“
Rumo dachte an Smeik. Daran, was gewesen wäre, wenn alles nur ein klein wenig anders gelaufen wäre. Wenn er das falsche Spiel der Menschen früher durchschaut hätte.
„Der Stein, Rumo“, fiepte da Löwenzahns Stimme in seinem Kopf. „Vergiss nie den Typen mit dem großen Stein. Du kannst nicht verhindern, dass er auf dich zurollt, aber du kannst ihm einen Stoß versetzen, sodass er eine neue Richtung einschlägt.“
‚Ich kann ihm auch einfach aus dem Weg springen.‘
„Ist das nicht ziemlich feige?“
‚Touché.‘
„Also hört mir alle zu!“, rief Rolv, der auf einen Felsen geklettert war, um sich Überblick zu verschaffen. „Wir werden jetzt nach Wolperting und Bauming zurück kehren und unsere Verletzen behandeln. Und wenn wir wieder auf der Höhe unserer Kräfte sind...“, er breitete dramatisch die Arme aus, „...ziehen wir nach Atlantis!“
Rumos leises Lachen ging im allgemeinen Kampfgeheul unter. Wahrlich, sie hatten es geschafft. So wie er seine Freunde kannte, war alles andere nur noch Formsache.

„Es ist schade, dass du das es nun nicht mehr schreiben kannst...“
Rumo saß auf einem kleinen Sofa und Mythenmetz‘ Atelier, das nun wieder seiner eigentlichen Bestimmung zukam, und blätterte wahllos durch ein Buch, das er in den Pfoten hielt.
Er war auf dem Weg nach Bauming an der Lindwurmfeste vorbei gekommen und hatte plötzlich das unbestimmte Bedürfnis gespürt, der exzentrischen Echse einen raschen Besuch abzustatten, dem er kurzerhand nachgegangen war. Er könnte sich vielleicht einmal ein Buch ausleihen, hatte er überlegt. Oder sich ein-zwei Mal beleidigen lassen - um der alten Zeiten willen.
Mythenmetz kramte in den zahllosen, seltsam kleinen Schubladen seines Schreibtisches. „Hm? Was meinst du?“
„Das Buch“, antwortete Rumo und sah aus einem der großen Fenster. „Über Echo. Und Eißpin. Die wahre Geschichte, die er dir erzählen wollte.“
Vier Monate war es nun her, seit Zamoniens Dimensionssprung und langsam schienen die Dinge wieder ihren gewohnten Gang zu gehen. Der Krieg war beendet und Atlantis wieder in der Hand der Nattifftoffen, die Verhandlungen mit den verbleibenden Menschen dauerten zwar an, waren aber auf einem guten Wege und nach und nach kehrte in den Dörfern wieder der Alltag ein.
Von Echo und Eißpin jedoch fehlte jede Spur und Rumo begann sich inzwischen selbst zu fragen, ob es nicht doch seine Sinne gewesen wahren, die ihm, betäubt von Adrenalin, einen makaberen Streich gespielt hatten. Doch irgendetwas in ihm glaubte felsenfest daran, dass es den beiden Alchimisten gut ging, irgendwo da draußen.
Mythenmetz fischte etwas aus einer Schublade, roch daran, verzog das Gesicht und warf es in einen nahen Mülleimer. „Oh das? Das ist fertig.“
Rumo stutzte. „Wie das?“
„Ich bin Schriftsteller, Rumo.“ Der Lindwurm bedachte ihn mit einem amüsierten Blick. „Ich lese in Personen, wie ich in Büchern lese. Echo selbst hätte mir nie soviel über sich erzählen können, wie es unsere Reise mit ihm und Eißpin konnte. Mit diesen Erfahrungen und der Novelle von Gofid Letterkerl als Grundlage denke ich doch, dass mir ein Werk gelungen ist, so nah an der Wahrheit, wie es ein Roman nun einmal sein kann.“
‚Was auch immer das heißen mag‘, dachte Rumo.
Er sah einem Vogel nach, der, scheinbar völlig unbeeindruckt, durch Zamoniens neuen Himmel glitt, und wünschte sich für einen Moment, er könnte derart unbeschwert sein. Doch auch wenn sich um sie herum kaum etwas verändert hatte, so würde er dennoch eine ganze Weile brauchen, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass dies eine vollkommen neue, eine fremde Dimension war. Denn seltsamerweise hatte er, obgleich er Zamonien nie verlassen und nie das Bedürfnis danach verspürt hatte, das Gefühl, er hätte etwas verloren.
Er seufzte.
„Eine Sache geht mir nicht aus dem Kopf“, sagte er schließlich, um sich selbst ein wenig abzulenken, und beobachtete Mythenmetz, der ein paar Bücher scheinbar wahllos in eines seiner überfüllten Regale stopfte.
„Und die wäre?“, wollte der Schriftsteller wissen.
„Was, denkst du, hat Eißpin Echo vor dem Dimensionslochsprung ins Ohr geflüstert?“
Mythenmetz hielt mitten in der Bewegung inne, ließ dann das Buch, das er in der Klaue hielt, sinken und drehte sich zu Rumo um. Ein seltsames Lächeln lag auf seinen dünnen Echsenlippen, das der Wolpertinger beim besten Willen nicht zu deuten vermochte, also schwieg er und hoffte auf eine Antwort.
„Weißt du Rumo“, begann Mythenmetz schließlich, „Jemand sehr Weises hat einmal zu mir gesagt: Es kommt nicht darauf an, wie eine Geschichte anfängt. Auch nicht darauf, wie sie aufhört. Sondern auf das, was dazwischen passiert.“
Rumo blinzelte verständnislos.
„Ich habe das lange für vollkommen sinnlos gehalten“, fuhr der Lindwurm fort, „bis mir eines Tages etwas klar geworden ist.“ Er betrachtete das Buch in seiner Klaue mit abwesendem Blick. „Irgendwo zwischen diesen Seiten, zwischen den Seiten eines jeden Buchen und zwischen Anfang und Ende einer jeden Geschichte, so seltsam und verrückt sie auch sein mag, liegt immer eine Wahrheit. Niemand kann sie dir erklären, du musst sie erkennen. Doch wenn es dir gelingt, hat sie die Macht, dich für immer zu verändern.“
Dann legte er das Buch beiseite als sei nie etwas gewesen, reckte sich ungeniert und gähnte. „Und jetzt wird es dringend Zeit für eine gute Tasse Tee, findest du nicht?“


- Ende -



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Es ist vollbracht! Nach beinahe fünf Jahren! Ich kann es selbst kaum fassen!
Vielen Dank an alle, die bis zum bitteren Ende durchgehalten haben, und einen besonders lieben Dank an alle Reviewschreiber! Jeder Kommentar und jede Kritik war und ist herzlichst willkommen!

Nun werde ich all diese fantastischen Charaktere und Schauplätze wieder ihrem rechtmäßigen Besitzer, Herrn Moers, überlassen. Es war wundervoll, sie mir für dieses kleine Abenteuer leihen zu dürfen. Vielen Dank auch dafür!
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