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Rumo und die Wahrheit der Alchimisten

von -Echo-
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Blaubär Hildegunst von Mythenmetz Rumo von Zamonien
30.06.2010
22.03.2015
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30.06.2010 12.173
 
Rumo verfolgte unruhig, wie der Menschenmann mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Hauptstraße der Lindwurmfeste empor sprintete.
„Er kann unmöglich wissen, was wir vorhaben, oder?“, fragte er in die Runde und Eißpin schüttelte umgehend den Kopf.
„Völlig undenkbar. Selbst wenn sie euch tatsächlich bewusst aus euren Heimatorten gelockt haben, gibt es dennoch zu viele Dinge, die sie auf gar keinen Fall wissen oder vorhersehen können. Sie sind offenbar gut vorbereitet und noch besser informiert, aber dass Echo durch Zufall eine Methode zum Dimensionslochreisen erfindet - mir würde kein Weg einfallen, auf dem sie davon hätten erfahren können.“
„Na ja, du bist immerhin mehrfach direkt vor ihren Augen aufgetaucht und wieder verschwunden, Succubius“, gab Mythenmetz zu bedenken und Rumo musste zugeben, dass das der Lindwurm Recht hatte – ein bisschen verdächtig war das schon.
Eißpin jedoch grinste selbstbewusst. „Das mag ja sein, aber haben sie je gesehen, wohin ich verschwunden bin oder wie ich es gemacht habe? Von ihrem Standpunkt aus war ich schlicht und ergreifend weg. Ob nun in Zamonien oder auf der Venus - für die Menschen unmöglich zu sagen.“
„Ändert nichts daran, dass diese ganz spezielle Exemplar es offenbar direkt auf uns abgesehen hat.“ Blaubär starrte immer noch geradewegs aus dem Fenster. Ihn schien weniger das Warum als viel mehr die Sache selbst zu interessieren, was wahrscheinlich im Moment die beste Einstellung war, auch wenn sie sich unter den Verbündeten nicht wirklich durchsetzte.
Rumo beschäftigte etwas ganz anderes. „Aber das ergibt keinen Sinn...“, murmelte er und erklärte schnell, als er den fragenden Ausdruck in den Gesichtern seiner Gefährten sah: „Warum sollte es die Menschen interessieren, dass wir hier sind? Sie haben, was sie wollten; unsere Heimatdörfer, die strategischen Punkte auf der zamonischen Landkarte, liegen vollkommen schutzlos. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt für sie all ihre Kräfte auf Bauming und Wolperting zu konzentrieren. Wenn sie die in ihrer Gewalt haben, was kümmert es sie da, dass wir etwas so unwichtiges wie die Lindwurmfeste zurück erobern? Ob wir hier sitzen oder in Atlantis fällt ein Sack Reis um.... Es erscheint mir einfach nicht logisch.“
Mythenmetz runzelte die Stirn. „Ich verstehe, was du meinst. Solange wir hier sind, sind wir für ihr Vorhaben doch bereits aus dem Weg. Warum also uns angreifen und die Sache verkomplizieren?“
„Hm...“
Eine Weile schwiegen sie und beobachteten gemeinsam, wie der Mensch den Abstand zu ihnen immer weiter verkürze. Er schien geschickt - wann immer es sich anbot, nutzte er Kletterhaken und Seile, um sich an Häuserfassaden oder Felswänden empor zu ziehen und sich so in schnellen Schritten der Spitze zu nähern. Bei dem Tempo würde er sie innerhalb der nächsten fünfzehn bis zwanzig Minuten erreicht haben.
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Echo schließlich. „So können wir auf gar keinen Fall mit dem Aufbau des Luxoskops beginnen. Wenn er sieht, dass wir etwas bauen, wird der Mensch umgehend versuchen es zu sabotieren - zumindest müssen wir davon ausgehen.“
Eißpin nickte nachdenklich. „Das ist wohl wahr. Und unsere Apparatur ist derart empfindlich - nur eine einzige falsch ausgerichtete Linse und alle Mühen waren umsonst. Wir müssen sicher sein, dass uns niemand in die Quere kommt.“
Rumo richtete sich zu voller Größe auf und ließ die Schultern kreisen. „Na dann ist ja wohl klar, was wir jetzt tun. Wir packen diesen aufsässigen Typen am Schlafittchen und spendieren ihm einen Freiflug über die Zinnen. Wer ist dabei?“
„Uns wird kaum etwas anderes übrig bleiben“, sagte Blaubär seufzend und grinste dann zu Rumo herüber. „Also los, Kumpel. Machen wir dem Kerl zamonisches Feuer unterm Hintern!“
Die beiden Waffenbrüder wollten gerade mit erhobener Pfote einander einschlagen, als sie von Mythenmetz am Arm gepackt wurden. Der Lindwurm sah ernst zu ihnen herab. „Unterschätzt diesen Typen nicht, habt ihr verstanden? Ich weiß, bis hier hin lief alles glatt, doch wer auch immer das da draußen ist, er ist schlauer als seine Artgenossen. Er ist hier, er ahnt, dass wir etwas planen. Egal, was ihr tut, seid wachsam.“
Rumo schob den Arm des Schriftstellers beiseite und zog stattdessen Löwenzahn hervor, wirbelte ihn dann einmal gekonnt ums eigene Handgelenk. „Habe ich dir je erzählt, wie ich General Ticktack auseinander genommen habe?“
Mythenmetz verdrehte die Augen. „Da meint man es einmal gut mir dir.“
„Schön, hätten wir das ja geklärt“, stellte Eißpin unterkühlt fest und räumte hastig ein paar Notizen in die Schubladen von Mythenmetz‘ gewaltigem Eichenschreibtisch. Wozu, das war Rumo nicht ganz klar, denn er bezweifelte ernsthaft, dass der gesamt Rest der riesigen alchimistischen Apparatur, die noch dazu vor sich hin summte, wie ein wild gewordener Brummkreisel, irgendwie zu übersehen war. Selbst wenn man es versuchte.
„Du, Wolpertinger, wirst dich zusammen mit dem Buntbären hinter der Tür des Ateliers verbergen, während der Rest von uns sich weiter hinten im Zimmer versteckt. Warten wir erst einmal ab, was passiert. So weit, wie wir bis jetzt gekommen sind, wird niemand von uns irgendetwas riskieren, ist das verstanden?“
„Verstanden“, nickte Rumo ernst und fragte sich, wo mit einem Mal dieser Gehorsam dem alten Uhu gegenüber her kam. Wahrscheinlich lag es daran, dass ihm diese Anweisung zu Abwechslung einmal sinnvoll erschien.
Auch Blaubär war einverstanden und positionierte sich ohne viele Worte zur Rechten der reich verzierten Glastür, so, dass sein Körper gerade eben von eine Säule verdeckt wurde. Sein Gefährte folge seinem Beispiel auf der anderen Seite.
Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie Mythenmetz hinter die Gestänge- und Kabelkonstruktion glitt, die das Herz des Luxoskops bildete, während Echo in seine Kratzengestalt wechselte und eines der Bücherregale erklomm. Eißpin trat in eine dunkle Ecke und verschmolz derart mit den dort lauernden Schatten, dass Rumo hätte schwören können, der Alte sei tatsächlich verschwunden.
Eine Weile ließ sich der Wolpertinger von dieser beeindruckenden Illusion ablenken, dann schüttelte er den Kopf und konzentrierte sich wieder auf die eigentliche Aufgabe.
Er kniff die Augen zusammen und beobachtete aus seiner Deckung, wie der Mensch sich mit einem letzten Einsatz seiner Enterhaken auf das Felsplateau hinauf schwang, auf dem sich Mythenmetz‘ Atelier befand.
Für einen kurzen Moment stand er einfach nur da und betrachtete mit finsterem Blick die gigantische Metallkonstruktion auf dem Dach des flachen Gebäudes, die bedrohlich von den immer stärker werdenden Windböen hin und her geworfen wurde. Dann schnaubte er verächtlich und setzte seinen Weg langsam und mit wehendem Umhang durch den so sorgsam angelegten Steingarten fort, auf die Glastüren zu, hinter deren Rahmen sich Rumo und Blaubär verbargen.
„Es bringt nichts, sich zu verstecken!“, rief er gegen den Sturm an, als er etwa die halbe Stecke zurück gelegt hatte, griff dann nach seiner Armbrust und begann einen Bolzen einzuspannen. „Ich weiß, dass ihr hier seid, Zamonier!“
Die beiden Gefährten sahen sich an, bis Blaubär schließlich mit ernstem Blick zu Rumo hinüber nickte.
Der Wolpertinger wusste, was er meinte. Wenn der Mensch eine offene Konfrontation wollte, sollte er sie haben. Zwei Raubtiere gegen ein Strichmännchen mit einer Armbrust - man brauchte kein Genie sein, um sich die Chancen auszumalen.
Rumo atmete ein letztes Mal tief durch und vergewisserte sich, dass Löwenzahn fest in seiner Pranke lag, dann streckte er den Rücken durch, stellte das Nackenfell auf und trat mit einem einzigen, kraftvollen Schritt aus der Deckung des Türrahmens. Blaubär tat es ihm gleich.
Der Mensch blieb stehen. Der Sturm hatte sein Gewand gepackt und trieb es in wilden Bewegungen um seine hagere Gestalt und der immer dunkler werdende Himmel machte es schwer, sein eingefallenes Gesicht hinter all den Schatten genau zu erkennen. Aus dieser Nähe betrachtet, wirkte er überraschend alt.
„Sie mal einer an“, sagte er mit rauer Stimme und machte keinerlei Anstalten seine Armbrust zu heben. „Der Schlägertrupp.“
Rumo deutete mit Löwenzahns gespaltener Spitze auf die schmale Brust seines Gegenübers und grollte bedrohlich. „Du hast hier nichts zu suchen, Mensch.“
„Oh, das sehe ich aber anders.“
Auch Blaubär knurrte. „Deine Artgenossen sind geflohen, Belagerer. Und genau das solltest du auch tun. Wir fordern dich hier und jetzt auf zu verschwinden. Das ist deine letzte Chance.“
Der Mensch hörte ihnen nicht zu. Stattdessen hob er die Arme und drehte sich einmal um die eigene Achse. „Das hier... Zamonier, sagt mir: Was soll das? Was habt ihr vor?“
„Ich denke nicht, dass dich das etwas angeht“, sagte Rumo kalt.
„Und schon wieder sind wir uns uneinig, Wolpertinger.“
Ein naher Blitz zuckte durch den von schweren Wolken verdunkelten Himmel und beleuchtete für eine Sekunde das eingefallen Gesicht des Menschenmannes.
Und das war der Moment, in dem Rumo ihn erkannte. Es war eben jener Mensch, gegen den Smeik vor schier endlos vielen Wochen um die Formel für ewiges Leben gespielt hatte.
„Es ist also wahr“, sagte Grinzold seltsam tonlos. „Sie haben das alles geplant. Jeder Schritt unsererseits hat ihnen direkt in die Hände gespielt. Unfassbar.“
Rumo war unter seinem Pelz mit einem Mal furchtbar heiß geworden. Wie benommen taumelte er einen Schritt zurück und hatte mühe, seinen festen Stand wieder zu finden. Nein, das durfte nicht sein! Nicht jetzt!
Dem Menschen war seine unwillkürliche Bewegung nicht entgangen. Er grinste breit, beinahe diabolisch. „Aha, der Hund hat mich also wieder erkannt. Lange ist es her - oder es fühlt sich zumindest so an, ist es nicht so, Rumo von Zamonien? Das mit deinem Boss tut mir übrigens sehr Leid. Kollateralschäden - ich bin sicher, du kannst das verstehen.“
Da war sie, die Gewissheit. Smeik war tot. Doch Rumo empfand keine Trauer. Im Moment nicht. Das würde später kommen, wenn das alles hier vorbei war und sich endlich wieder Normalität in Zamonien eingestellt hatte. Dann, wenn er Zeit hatte, über all das nachzudenken.
„Dieser götterverdammte Wi....“
„Widerling!“, unterbrach Löwenzahn Grinzold eilig. „ Wir müssen etwas tun, Rumo. Schnell. Der Sturm wird immer stärker. Bald weht uns die ganze Apparatur um die Ohren.“
Rumo wusste, dass er Recht hatte. Dies war nicht die Zeit sich von irgendwelchen Psychospielchen ablenken zu lassen. „Ich sage es dir nicht noch einmal, Mensch“, knurrte er. „Verschwinde von hier, bevor wir ungemütlich werden!“
Das Grinsen verschwand aus dem Gesicht des Mannes. „Jetzt hörst du mir mal ganz genau zu, Zamonier“, sagte er  so leise, sodass es über das immer lauter werdende Tosen des Windes kaum noch zu verstehen war. „Ihr werdet mir jetzt augenblicklich sagen, was für eine erbärmliche Nummer ihr hier abzieht, ist das klar? Ich lasse doch nicht zu, dass unser perfekter Plan von einem Haufen Spinner mit zwei Eisenstangen ruiniert wird!“
„Das ist Kupfer!“
Rumo wirbelte herum. Eißpin kam aus der Tür des Ateliers getreten, dich gefolgt von Echo und Mythenmetz, der aussah, als könne er sich nicht entschieden, ob dies der richtige Zeitpunkt war um nervös zu werden.
„Was macht ihr denn?“, zischte Rumo. „Ihr solltet euch doch ver-“
Eißpin hob die Hand und bedeutete ihm zu schweigen. Zielstrebig ging er auf den Menschen zu und blieb erst stehen, als er wenige Meter vor ihm stand. „Und was soll das bitte für ein perfekter Plan sein? Gibt es einen Grund dafür, dass ihr in ganz Zamonien Amok lauf wie tollwütige Laubwölfe , oder seid ihr ganz einfach nur bescheuert?“
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft schien der Menschenmann ein wenig verunsichert. Er beäugte den alten Alchimisten von oben bis unten und die Hand an seiner Armbrust zitterte leicht. „Wer bist du?“
„Das beantwortet nicht meine Frage.“
„Bist du ein Mensch?“
„Ich bin ein Zamonier, alles Weitere ist unwichtig.“
Der Mensch hob seine Waffe und richtete sie geradewegs auf Eißpins Kopf. „Ich will jetzt sofort wissen, wer du bist!“
Eißpin ließ sich von dem Armbrustbolzen, der auf einen Punkt ziemlich exakt zwischen seinen Augen zielte, wenig beeindrucken. „Succubius Eißpin. Einer von zwei Alchemeistern fünften Grades -“
„Nicht mehr“, murmelte Echo.
„- in Zamonien und ehemaliger Schrecksenmeister von Sledwaya. Sehr erfreut. Könnten wir nun wieder zum Wesentlichen kommen?“
Der Mensch ließ seine Armbrust wieder sinken. „Willst du mich veralbern, alter Mann? Succubius Eißpin ist seit über fünf Jahren tot. Er starb bei einem missglückten Experiment.“
Eißpin hob eine Augenbraue. „Ist es das, was man sich erzählt? Ist ja furchtbar. Sagen wir doch einfach, es gab künstlerische Differenzen zwischen mir und meinem damaligen... Lehrling.“ Er warf Echo einen schnellen Blick über die Schulter zu, der das offenbar lieber unkommentiert ließ. „Und was das tot sein angeht - Definitionssache, würde ich sagen.“
Rumo konnte es an seinem Tonfall hören. Das war nicht als Scherz gemeint.
„Dürfte ich also nun endlich um eine Antwort bitten? Wozu dieser idiotische Krieg? Was erhofft ihr euch? Und wie habt ihr es hingekriegt, dass die vier hier ausgerechnet zu dem Zeitpunkt verhindert waren, als ihr angegriffen habt?“
„Ha!“ Der Mensch lachte verächtlich. „Das will ich euch verraten! Ihr seid doch nichts weiter als hirnlose Marionetten in unserem Plan. So verdammt durchschaubar, so vorhersehbar. Euer Kontinent, eure Welt ist so klein, euer Denken so eingeschränkt. Es braucht nur einen einzigen angestoßenen Stein und schon bricht das ganze System zusammen. Und dieser Stein ist - ich meine war -  niemand geringeres als der euch allen wohl bekannte Volzotan Smeik.“
„Was?“, rief Blaubär über den Sturm. „Der? Steckt er etwa mit euch unter einer Decke? Oh ja, das würde ihm ähnlich sehen! Wahrscheinlich hat er Wetten auf unsere Niederlage abgeschlossen, ist es nicht so?“
Rumo biss die Zähne aufeinander. Irgendwann hatte er kommen müssen, dieser Moment, das war ihm die ganze Zeit klar gewesen. Wahrscheinlich war es jetzt auch egal.
„Volzotan Smeik ist tot“, sagte Mythenmetz da plötzlich ruhig. „Hab ihr nicht zugehört? Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sie mit ihm gemeinsame Sache gemacht haben.“
‚Puh‘, dachte Rumo.
„Dennoch ergibt es, wenn man mal drüber nachdenkt, Sinn, dass er in das alles hier Verwickelt ist.“
„Was ergibt denn daran Sinn?“, wollte Blaubär wissen und verschränkte skeptisch die Arme vor der Brust. „Ich kenne Smeik. Und je länger ich überlege, desto weniger glaube ich, dass er irgendetwas getan haben könnte, um den Krieg zu verhindern.“
„Hat er auch nicht.“ Mythenmetz sah den Menschen an. „Ich denke eher, dass er gar nicht wusste, welche Rolle er in eurem Plan gespielt hat, ist es nicht so?“
Der Mensch schnaubte nur.
Mythenmetz begann auf den Felsplateau auf und ab zu laufen. „Wen würde ich loswerden wollen, wenn ich eine Invasion plane? Natürlich jeden, der mir in irgendeiner Weise gefährlich werden kann. Auf den ersten Blick scheinen das mächtige Krieger und hochrangige Politiker zu sein, doch sieht man näher hin, stellt man fest, dass das größte Risiko tatsächlich nur von vier Personen ausgeht: Von uns.“
Rumo legte den Kopf schief. Klar, er hielt sich selbst für nicht untalentiert im Kampf und durchaus gefährlich, wenn man ihm auf dem falschen Fuß begegnete, doch zu behaupten, dass er zu den vier wichtigsten Personen in ganz Zamonien zählte, erschien ihm dann doch etwas übertrieben.
Blaubär schien ähnlich zu denken. „Was macht uns so wichtig?“
„Ich sage ja“, wiederholte Mythenmetz, „dass es einem genaueren Blick bedarf. Zum einen wärst da du, Blaubär, der Buntbär mit den etlichen Leben. Wenn man deine Geschichte kennt, weiß man, dass du das Glück und den Zufall auf deiner Seite hast, woran auch immer das liegen mag. Egal, wie aussichtslos die Situation auch scheint, du meisterst sie. Dazu kommt, dass du träger des Nachtigaller‘schen Lexikons bist, was dir einen entscheidenden Vorteil verschafft, wann immer schnelles Handeln gefragt ist.“
Blaubär dachte kurz nach, zuckte dann mit den Schultern und nickte. „Das kommt hin, schätze ich.“
„Dann Rumo.“ Rumo horchte auf. „Jeder, der sich etwas mit der Materie auskennt, weiß, dass du es warst, der dem unbezwingbaren General Ticktack den Garaus gemacht hat. Du hast die Ära der Fallenstädte beendet und Untenwelt lebend verlassen. Du hast die Begegnung mit einer Nurne überlebt und mit Yggdrasil gesprochen, alles Dinge, von denen man im Volksmund sagt, sie seien unmöglich. Man nennt dich nicht umsonst den größten Helden Zamoniens, du bist ein ganz herausragenden Krieger.“
Rumo dachte an Löwenzahn und Grinzold und daran, dass es nicht allein sein Verdienst gewesen war, schwieg jedoch. Das würde jetzt zu weit führen.
„Und es geht weiter: Geht man, wie die Menschen, von Eißpins Tod aus, ist es wahrscheinlich, dass Echo der Fähigste aller derzeit lebenden Alchimisten ist, und das, obwohl er kaum das Erwachsenenalter erreicht hat. Sein Potential ist unermesslich, er könnte eines Tages jede Krankheit in Zamonien heilen - oder aber die gefährlichste aller Waffen konstruieren.“
Echo würde so etwas niemals tun. Rumo wusste das, Mythenmetz wusste das, der Mensch wusste es nicht.
„Zu guter Letzt hätten wir da meine Wenigkeit.“ Mythenmetz fuhr sich in gewohnter Geste über die Robe. „Ich gebe zu, im offenen Kampf bin ich wohl wenig hilfreich. Andererseits kann ich wohl mit Fug und Recht behaupten, dass es niemanden gibt, dessen Wort sich so schnell verbreitet, wie das meine. Was ich sage, was ich schreibe, erreicht jeden. Nicht über Umwege, nicht bildlich gesprochen, nein. Effektiv jeden. Kein Politiker hat diese Macht, keinem Redner hören annähernd so viele Leute zu.“
„Na wie gut, das Arroganz nicht zu euren Schwächen gehört“, spottete der Mensch. „Vielleicht seit ihr sogar genug von euch selbst eingenommen, um von allein auf die Lösung zu kommen.“
Mythenmetz zog eine schuppige Augenbraue hoch. „Mutig, in einer Position wie deiner deinem Gegenüber Arroganz vorzuwerfen, Menschenmann. Im Übrigen bedarf es, wenn man die Umstände kennt, keiner großartigen geistigen Leistung um herauszufinden, welchen ach so genialen Plan ihr in euren Erbsenhirnen ausgebrütet habt.“
„So? Nun, dann heraus damit Echse, was haben wir vor?“
Mythenmetz kniff die Augen zusammen und fixierte denn Mann mit stechend gelbem Blick. „Ihr hättet euch natürlich einfach an unseren Angehörigen und Freunden vergreifen können, nicht wahr? Jene, für die wir alles tun würden. Für die wir direkt in eine Falle liefen. Doch ihr wolltet kein Aufsehen erregen, also beschlosst ihr uns subtiler bei zu kommen.
In einem Punkt muss ich dir Recht geben, Mensch: Zamonien ist, verglichen mit den anderen Kontinenten, sehr klein. Die großen Köpfe unter uns kennen einander, läuft man sich doch immer mal wieder über den Weg, sei es in Atlantis oder auf fahrenden Märkten. Sieht man jedoch einmal davon ab, so haben wir alle kaum etwas gemeinsam - abgesehen von einer ganz entscheidenden Ausnahme. Und das ist der Punkt, an dem alle Puzzleteile plötzlich zusammen passen. Ich muss zugeben: Es ist mir fast ein wenig unangenehm. Ich hätte ahnen müssen, dass etwas nicht stimmt, als in der selben Woche, in der ein Mensch mir in Buchhaim ein Exemplar von „Spiegel das Krätzchen“ schenkte, bekannt wurde, dass Nachtigallers zukünftige Forschungen die lebensverlängernde Wirkung der Dunkelheit behandeln.  Doch in meinem blinden Eifer begann ich die Geschichte zu studieren und spielte euch damit direkt in die Hände - wie wir alle. Ihr brachtet uns alle dazu, uns direkt oder indirekt mit der selben Thematik zu beschäftigen, sodass wir, im Zweifelsfalle, mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit aufeinander zurückgreifen und damit eine Kettenreaktion in Gang setzen, die uns schlussendlich alle aus unserer Heimat locken würde.“
Blaubär hatte die Stirn in Falten gelegt. „Deswegen also! Es erschien mir von Anfang an seltsam, dass Nachtigaller sich plötzlich mit so etwas beschäftigen wollte, doch er schrieb mir, dass er einen anonymen Brief mit interessanten und vielversprechenden Informationen bekommen hätte, denen er nachgehen wolle, also habe ich mich nicht weiter gekümmert. Allerdings verstehe ich immer noch nicht so ganz, wie Smeik ins Bild passt. Er ist kein Wissenschaftler.“
„Aber er war ein Spieler, nicht wahr, Rumo?“, sagte Mythenmetz tonlos und sah den Wolpertinger an, der seinem stechenden Blick so gut es ging auswich.
Doch was für einen Sinn hatte es jetzt noch, die Wahrheit zu verbergen? Es würde heraus kommen, so oder so. Und wenn es schon sein musste, dann wollte zumindest er derjenige sein, der es aussprach.
Er fuhr sich mit der Pfote über Kopf und Nacken und seufzte tief. „Mythenmetz hat Recht“, gab er schließlich zu und drehte sich so gut es ging von seinen Kameraden weg, um ihre Reaktion nicht mit ansehen zu müssen. „Ich schätze, er ist.... er war einfach leicht zu ködern. Da waren diese Menschen - sie kamen ins Kasino, ins Rumotron. Und sie wollten spielen. Gegen ihn. Jeder Eingeweihte weiß, dass es da um richtig große Dinger geht. Um verdammt viel Geld. Um Existenzen. Also haben sie gespielt. Und Smeik hat verloren. Immer und immer wieder. Schließlich hat er das Rumotron gesetzt. Es ist Milliarden von Pyras wert. Als er das auch noch verlor, hielt ich uns für Geschichte. Doch Smeik bot den Menschen einen Deal an. Ein letztes Spiel. Dieses Mal um die Prima Zateria, die Formel des ewigen Lebens. Und sie schlugen ein. Er war sich so sicher, dass er gewinnen könnte. Dass Smeik bluffte und die Formel überhaupt nicht besaß, wusste ich nicht! Das erfuhr ich erst, als es zu spät war! Sonst... sonst hätte ich sicher versucht ihn aufzuhalten...“ Rumo verstummte.
„Natürlich“, sagte Blaubär leise. „Und ab da ist alles klar. Smeik hat den Artikel über Nachtigaller gelesen, also schickt er Rumo, seinen engsten vertrauten, zu ihm. Nachtigaller jedoch hat noch nicht mit seinen Forschungen begonnen, also verweist er Rumo an einen der belesenen Personen des Kontinents: Mythenmetz. Und er trägt mir auf, ihn zu begleiten, um glaubwürdig zu vermitteln, dass die Informationen für die Forschungen bestimmt sind. Mythenmetz wiederum hat von der Thematik selbst wenig Ahnung, hat aber - welch ein Zufall! - gerade etwas über jemanden gelesen, der näher an Prima Zateria dran war als jeder andere. Es ist so offensichtlich!“
„Ach du meine Güte!“, rief Eißpin brach in schallendes Gelächter aus. „Oh das ist ja zu köstlich! Ihr habt euch quer durch Zamonien jagen lassen, um eine Spielschuld zu begleichen? Du, Wolpertinger, hattest wirklich vor, das Geheimnis des ewigen Lebens gegen ein Kasino zu tauschen? Ein Kasino, in dem du nur Angestellter bist? Ich gebe zu, das Konzept des übersteigerten Altruismus‘ ist mir von je her eher fremd gewesen, aber das ist einfach nur lächerlich! Seht euch an! Ihr gebt einen furchtbar pathetischen Haufen ab!“
„Da habt ihr‘s“, zischte der Mensch. „Sogar euer eigener Verbündeter hält euch für bescheuert auf so etwas herein zu fallen.“
Für einige quälende Sekunden sagte niemand ein Wort, dann schritt Mythenmetz auf Rumo zu und baute sich unmittelbar vor ihm auf. „Es war also von Anfang an alles gelogen, Wolpertinger?“
Rumo antwortete nicht und wusste zugleich, dass das Antwort genug war.
„Das kommt davon, wenn man anderen Rassen vertraut“, höhnte der Mensch von irgendwo weit hinter ihnen. „Sie machen einen auf gut Freund, aber irgendwann fallen sie einem in den Rücken.“
Mythenmetz ignorierte ihn völlig. „Wolpertinger“, sagte er herrisch und dieses mal konnte Rumo nicht anders als aufzusehen und ihm geradewegs in die strengen Augen zu blicken.
„Was?“
Der Schriftsteller musterte ihn derart eindringlich, dass es genügt hätte, sein Fell anzusengen. „Lass dich nicht verunsichern.“
„Was?“
„Du hast uns belogen. Und es wird die Zeit kommen, wo du für diesen Fehler gerade stehen musst. Aber diese Zeit ist nicht jetzt. Der da“ - er deutete auf den Menschen - „will uns mit aller Macht auseinander treiben und wir werden nicht so naiv sein, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Wir haben schon lange genug nach seiner Pfeife getanzt, findest du nicht?“
Rumo starrte Mythenmetz mit großen Augen an. Von jedem hatte er diese Worte erwartet, nur nicht von ihm, dem divenhaften Schriftsteller, der eingeschnappt war, wenn man nicht aus dem Stegreif drei seiner Werke rückwärts zitieren konnte. Doch vielleicht, überlegte er, war das nur ein Spiel, eine Rolle, in der er sich gerne sah und die ihn zu dem machte, was er war: Die Kunstfigur des größenwahnsinnigen Schreiberlings Hildegunst von Mythenmetz. Es war ein Image, das er sich über die Jahre zugelegt und das aufrecht erhalten werden wollte, so sehr, dass es ihm anhing wie eine zweite Persönlichkeit.
Hier jedoch war kein Platz für ein derartiges Schauspiel.
„Rumo!“
Rumo schreckte auf. Mythenmetz, Blaubär und Echo sahen ihn an, in ihren Augen Härte, aber auch Entschlossenheit. Er nickte.
Blaubär wandte sich dem Menschenmann zu, der nun nicht mehr ganz so selbstzufrieden schien. „Hast du allen ernstes gedacht, dass das funktioniert? Der älteste Trick im Buch?“
„Pah!“ Der Mensch zuckte mit den Achseln. „Einen Versuch war es wert, findet ihr nicht?“ Dann schulterte er lässig seine Armbrust. „Aber meinen herzlichsten Glückwunsch euch allen! Ihr habt unseren Plan durchschaut. Nur schade, dass es euch im Nachhinein rein gar nichts mehr bringt. Ihr werdet uns, die Menschen, schon bald um Gnade anwinseln.“
„Was uns wieder zu der Frage bringt, warum ihr all das überhaupt tut“, mischte sich Mythenmetz ein und wandte sich von Rumo ab dem Geschehen zu. „Soweit ich mich erinnere, haben wir euch Menschen nie etwas getan.“
„Nichts getan?“, rief der Mensch plötzlich mit wutverzerrtem Gesicht und der Wind bauschte sein Gewand dramatisch auf. „Ihr habt uns nichts getan? Eure Arroganz - eure Ignoranz - wäre genug euch hier und jetzt über die Klinge springen zu lassen, wie die Tiere, die ihr seid! Aber wahrscheinlich fällt es euch gar nicht mehr auf, nicht wahr? Dass ihr uns seit Jahren, ja seit Jahrhunderten behandelt wie Aussätzige, wo wir gehen und stehen?“
Echo war vorsichtshalber einen Schritt zurück gewichen. „Das ist nicht wahr! Ich bin häufig als Mensch unterwegs und...“
„Aber du BIST kein Mensch!“, schrie der Mann und der junge Alchimist verstummte. „Du wirst niemals nachvollziehen können, wie es ist, katalogisiert zu werden, als hätte man eine ansteckende Krankheit! Alls, was wir tun, wird kontrolliert! Unsere Zahl, unsere Geburten, unsere Tode. Unsere Siedlungsgebiete. Woher wir kommen und wohin wir gehen. Zu jeder Zeit, immer und überall. Und das ist nicht alles! Dieser Kontinent soll ebenso unsere, wie eure Heimat sein? Nun, wenn das so ist, warum dürfen wir dann ganze Landstriche nicht betreten? Man verbietet uns den Zugang zum Großen Wald, zur Dämonenklamm, und in die Süße Wüste dürfen wir nur mit vorher gestelltem Antrag. Wir durften bis vor Kurzem noch nicht einmal Atlantis, unsere verdammte Hauptstadt, betreten! Und damit nicht genug! Wir dürfen etliche Berufe nicht erlernen, etliche Positionen nicht bekleiden! Ihr sagt, wir seien euch ebenbürtig? Schwachsinn! Wir sind in euren Augen doch weniger wert als die Kakatratten in euren Abwasserkanälen!“
„All das geschieht zu eurem eigenen Schutz!“, versuchte Blaubär zu erklären, doch der Mensch ließ ihn kaum zu Wort kommen.
„Zu unserem Schutz?“, wiederholte er spöttisch. „Oh vielen Dank! Vielen Dank für diese Erniedrigung! Ja, vielleicht tragen wir unseren Namen zurecht. Vielleicht sind wir die vorvorletzte Generation unserer Art in Zamonien. Aber das gibt euch anderen Rassen noch lange nicht das Recht uns derart zu bevormunden! Was kommt als nächstes sperrt ihr uns in Zoos ein? Zu unserem Schutz?“
Er hob die Armbrust und zielte damit mal auf Rumo, mal auf Blaubär, dann wieder auf Mythenmetz. „Aber jetzt wird alles anders. Jetzt haben die armen, kleinen Menschen den Spieß umgedreht. Jetzt werdet ihr sehen, wie schutzbedürftig wir wirklich sind. Von nun an werdet ihr es sein, denen man überall mit verächtlichen Blicken folgt und die unterwürfig um Erlaubnis fragen müssen, bevor sie ein Gasthaus oder Theater betreten!“
Rumo beobachtete nervös, wie der Menschenmann mit der Armbrust umher wedelte. Seine Wut hatte die Kontrolle über sein Handeln übernommen und damit war er von nun an unberechenbar. Hier ging es nicht mehr um strategischen Kampf, hier ging es darum möglichst viel Schaden anzurichten.
„Und jetzt“, johlte der Mensch hysterisch über das Tosen des Windes hinweg, „bereite ich eurem armseligen kleinen Spielchen ein Ende!“
Dann feuerte er einen Schuss aus seiner Armbrust.
Der Bolzen sirrte durch die Luft und geradewegs auf Blaubär zu, der in jedoch kommen sah und sich beinahe mühelos mit einem Sprung zur Seite aus der Bahn rettete. „Hoppla!“
„Das war nur eine kleine Vorwarnung!“ Der Mensch fuhr mit beiden Händen in seine Robe und zog zwei schwarz schimmernde Wurfmesser daraus hervor. Dann stürmte er geradewegs auf Rumo zu. „Mit dir fange ich an, Hund!“
Rumos erste Feststellung: Der Mensch war schnell. Sehr schnell. Schneller, als er es jemals bei einem von seiner Gattung erlebt hatte, seinen Kampf gegen Eißpin als der Schattentod eingeschlossen. Bevor er so recht wusste, wie ihm geschah, war der Mann auch schon direkt vor ihm und obwohl er sich so schnell er konnte nach unten wegduckte, spüre er schon bald einen stechenden Schmerz in der Spitze seines linken Ohrs und eine heiße Flüssigkeit tropfte lief ihm ins Gesicht. Eines der Messer hatte ihn erwischt.
Der Mensch kam hinter ihm schlitternd zum Stehen und lachte manisch. „Kein Grund das Ganze in die Länge zu ziehen, Wolpertinger! Ich habe eure Kampfmuster monatelang studiert. Ich weiß alles über dich und dein kleines, sprechendes Brotmesser. Sag mir: Ist es wahr? Spricht es mit dir?“
Rumo versuchte den pochenden Schmerz in seinem Ohr so gut es ging zu ignorieren. „Komm her und hör‘s dir an“, knurrte er. „Es hat dir `ne Menge zu erzählen!“
Er beobachtete ohne eine Miene zu verziehen, wie sich Blaubär in geduckter Haltung von hinten an den Mann heran schlich, doch gerade als er ihn packen wollte, wirbelte dieser herum und schlug ihn mit der geballten Faust geradewegs auf den Solar Plexus. Blaubär stolperte zurück und hielt sich keuchend die Brust. Dann sackte er auf die Knie.
„Du Mistkerl!“, brüllte Rumo und sprang auf allen Vieren auf den Menschen zu. „Dafür wirst du bezahlen!“
„Wie pathetisch.“ Sein Gegner wandte sich ihm zu. „Doch du solltest dich nicht über anstrengen, Rumo von Zamonien. Immerhin....“ Er trat einen Schritt nach rechts, sodass wüste Angriff des Wolpertingers ihn um wenige Zentimeter verfehlte. „... hat mir ein Vöglein gezwitschert, du hättest dich erst vor Kurzem recht schwer verletzt.“ Mit diesen Worten hob er die Hand und ließ dann die Handkante wie einen Schwerthieb auf Rumos kaum verheilten Nacken hinab fahren.
Der Held von Zamonien brach inmitten seiner Bewegung zusammen. Ein flammender Schmerz durchfuhr seinen gesamten Körper und er wusste augenblicklich, dass er sich für den Moment nicht würde Bewegen können. Angst machte sich in ihm breit.
War das Angst? Nein! Das war Panik. Wer war dieser Mensch? Warum war er seinen Artgenossen so sehr überlegen?
Sein Gegner schien zu ahnen, was in ihm vor ging. Noch während Rumo zu Boden sank, breitet er herrisch die Arme aus und rief in den brausenden Sturm: „Ihr werdet niemals eine Chance gegen mich haben! Und wollt ihr auch wissen, wieso?“ Er machte eine dramatische Pause, als erhoffe er sich eine Antwort, die jedoch ausbliebt. „Weil ich mein ganzes Leben für genau das hier trainiert wurde. Ich bin der Anführer der Aufklärungsdivision von Midgard und zuständig für Infiltration und taktische Angriffe. Von Jugend an wurde mir eingebläut, wie ich vollkommen allein und mit spärlichster Bewaffnung gegen eine große Anzahl an Gegnern bestehe. Wenn nötig, kann ich mich über Stunden gegen ein ganzes Heer behaupten! Fünf von euch, von denen im Endeffekt sogar nur zwei richtig kämpfen können, sind keine Herausforderung für mich!“
Die Nummer mit dem Heer hielt Rumo zwar für potentiell übertrieben, dennoch war mit diesem Menschen ganz offenbar nicht zu spaßen. Er spürte, wie nach und nach das Gefühl in seine tauben Glieder zurück strömte und beobachtete erleichtert, wie Mythenmetz und Echo Blaubär zurück auf die Pfoten zogen. Dieser Kampf hatte gerade erst angefangen.
‚Irgendwelche schlauen Pläne, ihr zwei?‘, dachte Rumo, während er sich, den selbstsicher feixenden Menschen immer im Blick, langsam wieder aufrichtete. ‚Ich könnte einen guten Tipp gebrauchen.‘
„Seine Schwäche ist ganz klar sein Körper“, brummte Grinzold nachdenklich. „Wenn wir einen guten Treffer landen, ist er Matsch.“
„Stimmt“, fiepte Löwenzahn. „Aber wie kommen wir an ihn heran? Es ist, als wüsste er, was wir als nächste vorhaben!“
Rumo knurrte leise. ‚Das liegt daran, dass er genau weiß, wie wir uns bewegen. Er sieht es daran, wie ich mein Gewicht verlagere, wie ich meine Beine stelle, bevor ich loslaufe. Aber was soll ich tun? Ich kann es nicht verhindern!‘
„Was ist?“, fragte der Menschenmann grinsend und sah in die Runde. „Keine Lust mehr? Lasst ihr mich endlich vorbei, damit ich eure hübsche kleine Gerätschaft auseinander nehmen kann? Nicht, dass hier noch etwas unvorhergesehenes passiert!“
„Vergiss es!“, rief Mythenmetz aus und versperrte mehr symbolisch als tatsächlich den Eingang zum Atelier. „An uns kommst du nicht vorbei.“
„So? Wollen wir wetten, Fettsack?“
„Also das....!“
„Mythenmetz!“ Rumo warf dem Schriftsteller einen mahnenden Blick zu. Er war kurz davon sich selbst in Gefahr zu bringen, etwas, das in diesem Moment nun wirklich nicht nötig war. Sie hatten genug Probleme. „Du und Echo - geht rein. Wir klären das.“
Der Lindwurm schien einen Augenblick lang zu überlegen, ob er die Beleidigung wirklich einfach so auf sich sitzen lassen konnte, dann jedoch nickte er und trat gemeinsam mit Echo den Rückzug an.
„Wie nobel von dir, Wolpertinger“, höhnte der Mensch. „Nun gut, sind sie halt als letzte dran. Soll mir Recht sein.“
„Niemand wird hier dran sein, mit Ausnahme von dir“, grollte Rumo und wollte gerade einen erneuten Frontalangriff starten - was bleib ihm anderes übrig? - als er bemerkte, dass Eißpin von der anderen Seite des Plateaus auf ihn zu geeilt kam. „Rumo!“
Sein Gesicht wirkte besorgt, doch irgendwas daran störte den Wolpertinger gewaltig. Einen derartigen Gefühlsausbruch hatte er bei dem Alten noch nie gesehen, schon gar nicht, wenn es um irgendwen anderes als ihn selbst ging. Was also sollte das?
Eißpin blieb schließlich direkt vor ihm stehen, den seltsamen Ausdruck immer noch in den kalten Augen, und umfasste, zu Rumos endgültiger Verwirrung, seine Pfoten mit den eigenen, dürren Fingern. „Rumo, du musst mir versprechen, dass du dein Bestes gibst!“
„...bitte was?“
„Wir zählen alle auf dich, Rumo! Nur du und Blaubär, ihr könnt uns jetzt noch retten!“
Nun, das besiegelte es: Der alte Mann hatte den Verstand verloren. Endgültig.
Was für ein denkbar schlechter Zeitpunkt!
Eißpin schenkte seinem Gegenüber einen letzten, fremdartigen Blick, dann ließ er dessen Pfoten los und entfernte sich hastig ein paar Schritte.
‚Was, bei allen Göttern, war das?‘ dachte Rumo.
„Genial war das!“, sagte Grinzold und Löwenzahn fügte beeindruckt an: „Man muss es ihm lassen: Er denkt mit!“
‚Wovon bitte redet ihr? Er hat doch nichts als wirres Zeug erzählt!‘
„Nun, dir vielleicht“, erklärte Löwenzahn und das Grinsen war ihm deutlich anzuhören. „Aber uns nicht.“
Rumo brauchte einen Moment, bis ihn die Erkenntnis traf, und als sie endlich kam, hatte er mühe, ein laute „oh!“ zu unterdrücken. Er sah zu Eißpin herüber - der jedoch tat, als überfordere ihn die ganze Situation ein wenig.
„Er will, dass du den Menschen ablenkst, während er ins Atelier geht und seine Sense holt“, flüsterte Löwenzahn aufgeregt, als könne ihn irgendjemand außer Rumo und Grinzold hören. „Er ist der einzige, den der Mistkerl da drüben noch nicht richtig einschätzen kann. Unsere Chance liegt im Überraschungseffekt!“
Rumo nickte kaum merklich. ‚Verstanden!‘
„Blaubär?“, rief er dann zu seinem Freund hinüber, der sich immer noch die Brust hielt. „Kannst du weitermachen?“
Der Buntbär grinste ein breites Raubtiergrinsen und reckte den Daumen nach oben. „Was denkst du denn?!“
„Na endlich passiert hier mal wieder was!“, spottete der Mensch und schwang erneut seine Messer in den Händen. „Kommt doch her, wenn ihr euch traut!“
Das ließ sich Rumo nicht zweimal sagen.
Er atmete tief durch, einmal, zweimal, spürte Löwenzahn fest und sicher in seiner Pfote, spürte, wie sein Herz rhythmisch und voller Energie schlug. Noch immer fühlten sich seine Arme und Beine etwas taub an, doch bei weitem nicht genug, um ihn so sehr einzuschränken, dass er sich keinen Kampf zugetraut hätte.
„Übertreib‘s nicht, Großer, ermahnte ihn Grinzold. „Denk daran: Nur ablenken. Sei auf der Hut, geh nicht aufs Ganze, sorge nur dafür, dass er nicht mitbekommt, wie wir uns Verstärkung zulegen.“
„Schon klar.“
Rumos Pfoten verließen den Boden und die Welt um ihn herum verlor augenblicklich an Geschwindigkeit. Es war eine Fähigkeit, die ihm mehr als vertraut war, und doch war es jedes Mal wieder ein befremdliches Gefühl. Wie der erste Sprung ins Wasser, nur ohne das erwartete Platschen.
Er sah den Menschen vor sich in die Knie gehen und die Messer in angriffsbereiter Position vor sich halten.
Seltsam!
Während sogar der Wind sich der gedehnten Zeit zu beugen schien, wirkten seine Bewegungen nicht im mindestens verlangsamt, er glitt so geübt wie bereits zuvor in den tiefen Stand hinüber und erlaubte sich dabei sogar noch eine lockernde Drehung seines Nackens.
‚Er kann es auch‘, dachte Rumo. ‚Er ist mit mir ins Wasser gesprungen.‘ Und dann: ‚Mal sehen, wer von uns besser schwimmen kann!‘
Löwenzahn fest umklammernd stürzte er sich mit voller Geschwindigkeit von oben auf den Menschenmann, der seinen Schlag geschickt parierte, indem er seine Wurfmesser vor sich kreuzte. Dann duckte er sich, um einem Hieb von Blaubärs Pranke auszuweichen, stützte die Hände auf den Boden und trat nach hinten aus. Sein schwerer Stiefel verfehlte den Buntbären nur um wenige Millimeter und zwang ihn, schnellen Schrittes Abstand zu suchen.
Rumo nutzte die Zeit, um seinerseits mit der Pfote auszuholen, und zielte geradewegs auf den Kopf seines Gegners, der sich jedoch schützte, indem er blitzschnell den Ellenbogen empor riss und sich dahinter verbarg.
‚Wir dringen nicht zu ihm durch‘, schoss es Rumo durch den Kopf. ‚Egal was wir tun, keiner unserer Angriffe trifft, er ist einfach zu schnell.‘ Mehr noch: Der Wolpertinger wurde das Gefühl nicht los, dass der Mensch sein Limit noch nicht erreicht hatte. Und langfristig betrachtet war das ziemlich übel.
„Halte durch“, beschwor ihn Löwenzahn. „Der alte Alchimist muss jeden Augenblick zurück sein. Dann sind wir zu dritt!“
Rumo biss die Zähne aufeinander und ließ sein Schwert einmal von links, dann wieder von rechts auf die Schläfen des Menschenmannes hinab fahren, verfehlte jedoch beide Male.
Alles um sich herum in Zeitlupe wahr zu nehmen war eine wunderbare Sache - für einen kurzen Moment. Je länger der Kampf dauerte, desto mehr fing jedoch jede Sekunden an sich anzufühlen wie eine halbe Ewigkeit, und jeder weitere Schritt, jeder Schlag wurde zum beinahe unmöglichen Kraftakt. Eißpin beeilte sich besser - lange würde er nicht mehr mithalten können.
Nun stieß der Mensch mit ganzer Kraft nach vorne, die beiden Messerklingen wie Lanzen vor sich ausgestreckt. Rumo nahm seine gesamte verbleibende Kraft zusammen und katapultierte sich in einen weniger eleganten, dafür aber effizienten Rückwärtssalto, gerade noch rechtzeitig, bevor das scharfe Metall dort entlang schnitt, wo sich gerade eben noch sein Magen befunden hatte.
Als er sich vollends in der Schwebe befand, sirrte plötzlich verwundetem Ohr vorbei, so dicht, dass er den Luftzug deutlich spüren konnte.
War das... ein Seil?
Der Wolpertinger versuchte sich im Sprung zu drehen. Er bog den Rücken durch und warf sich über die linke Schulter, biss sein Rumpf schließlich nachgab und der Bewegung folgte. Tatsächlich! Der Mensch hatte ein zur Schlinge geknotetes Seil aus aus den Tiefen seiner Kutte befördert und die Schlaufe mit der Präzision eines Artisten des Circe De Atlante nach ihm geworfen - jeder wusste, dass diese Leute Meister ihres Fachs waren. Es schlug kurz gleich einer Peitsche neben seinem Kopf in den leeren Raum, dann schnellte es zurück und nahm geradewegs Kurs auf Rumos Beine, die, so mitten im Sprung, völlig schutzlos in der Luft herum zappelten.
‚Oh, oh‘, war alles, was dem Wolpertinger durch den Kopf schoss, bevor er fühlte, wie sich das Hanfgewebe fest um seine Knöchel schloss und er mit der Schnauze voran auf dem kalten Stein aufschlug. Noch während er versuchte, den rasenden Schmerz zu unterdrücken, der augenblicklich durch seinen gesamten Körper fuhr, hörte er hinter sich einen dumpfen Schlag und einen Aufschrei, der nur zu Blaubär gehören konnte. Dann wurde es still.
Rumo wollte aufstehen, er wollte weiter kämpfen, wollte dieses Schwein von einem Menschen nicht mit diesem süffisanten Grinsen davon kommen lassen, doch er konnte nicht. Erschöpfung und ein pochender Kopfschmerz hielten ihn am Boden, zusammen mit dem Seil, das sich mit der Kraft einer Würgeschlange um seine Hinterpfoten geschlungen hatte und ihn nun nicht wieder loswerden wollte. Das Blut rauschte in seinen Ohren - oder war das der Wind? Er vermochte es nicht mehr zu sagen. Alles wirkte dumpf, unwirklich und verzerrt.
Wie durch einen Schleier sah er, dass der Mensch auf ihn zu geschritten kam, eines seiner Wurfmesser in der Hand und offenbar nicht einmal aus der Puste. „Zeit“, seufzte er theatralisch, „dem ganzen ein Ende zu setzen. Bis hier her war es ja ganz lustig, aber ich kann nicht ewig spielen, versteht ihr? Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.“
Er hob die schimmernde Waffe.
Und verharrte dann wie zu Stein erstarrt in genau dieser Pose.
Etwas hatte sich um seinen Hals gelegt. Etwas silbrig Glänzendes. Etwas Scharfes.
Es war Eißpins Sense.
„Eine falsche Bewegung von dir und du bist deinen Kopf los“, warnte der alte Alchimist düster und unterstrich diese Drohung mit einer flüchtigen Bewegung seiner rechten Hand.
Rumo sah, wie dem überraschten Menschen die Gesichtszüge entglitten und das Messer hoch über seinem Haupt leicht zu zittern begann. „Was... was soll das?“, rief er, offenbar um sich etwas Zeit zum nachdenken zu verschaffen. „Wo kommt die Sense her? Keiner von euch trägt eine Sense! Das kann nicht sein!“
„Wie du siehst“, gab Eißpin kalt zurück, „ist es wohl doch so, mein Freund. Oh, aber das könnt ihr natürlich nicht wissen, nicht wahr? Für euch bin ich schließlich vor fünf Jahren gestorben. Aber vor drei Jahren, als ich einmal mehr durch die Katakomben von Buchhaim wanderte, fand ich plötzlich dieses hübsche Stück original zamonischer Waffenkunst einfach so, herrenlos an einem Seeufer liegend. Ich habe es behalten und ein wenig damit trainiert - sieht doch echt lässig aus, oder etwa nicht?“
Der Mensch presste die Lippen aufeinander und schwieg.
„Was ist denn los? Hast du damit etwa nicht gerechnet? Ich muss zugeben: Es ist eine beinahe ausgestorbene Kampfkunst - schade eigentlich, denn sie ist äußerst effektiv. Darf ich es dir demonstrieren?“
Eißpin löste die Klinge von der Kehle den Menschenmannes und holte aus. In diesem Moment ließ sich ihr Gegner zu Boden fallen, rollte zu Seite weg, sprang schließlich auf und hastete stolpernd ans andere Ende des Plateaus. Dort raffte er seinen Umhang zusammen und bemühte sich um Fassung.
„Rumo.“
Rumo sah, immer noch liegend, zu Eißpin auf, der mit einem schnellen Schnitt die Fesseln an seinen Beinen durchtrennte. „Ja?“
„Bleib liegen. Halte dich zurück und warte auf den richtigen Moment.“
Der Wolpertinger nickte, zog dann seine Pfoten sprungbereit unter den Körper, rührte sich ansonsten jedoch nicht. Aus der Ferne konnte er sehen, dass die Neugierde auch Mythenmetz und Echo wieder aus dem Atelier heraus getrieben hatte. Sie standen wie angewurzelt neben der Tür und beäugten das Geschehen ehrfürchtig, offenbar bereit sofort wieder zu verschwinden, sollte sich der Kampf in ihre Richtung bewegen.
Eißpin wandte sich wieder dem anderen Vertreter seiner Spezies zu, der ihn aus sicherer Entfernung feindselig anfunkelte. „Du willst also weiterkämpfen?“
„Ha!“, rief der Mensch aus und griff wieder nach den Messern, die er zwischenzeitlich an seinem Gürtel verstaut hatte. „Als ob mir eine alte Vogelscheuche wie du das Wasser reichen könnte! Deine Waffe mag noch so groß sein, gegen mich hast du niemals eine Chance!“
„Wir werden sehen.“ Eißpin griff den Schaft der Senste am unteren Ende, um einen möglichst große Reichweite zu erzielen, und sprintete dann ohne Vorwarnung auf sein Gegenüber zu.
Es sah ein bisschen aus wie ein Tanz, fand Rumo. Der alte Alchimist drosch mit der Sense auf den Menschenmann ein, wie er es auch schon bei ihrem Kampf gemacht hatte, und seinem Gegner blieb nichts anderes übrig als auszuweichen. Dann und wann schlug er mit einem Messer zurück, doch schon bald wurde klar, dass ihn die unerwartete Waffe taktisch überforderte.
Als Eißpin ihn schließlich beinahe bis an den Rand des Felsplateuas zurück gedrängt hatte, schien ihm klar zu werden, dass er, wollte er diesen Kampf noch für sich entscheiden, etwas unternehmen musste. Und zwar schnell. Für einige Sekunden wanderten seine Augen hektisch umher, dann hatte er offenbar einen Entschluss gefasst. Er passte den Moment ab, in dem Eißpins Sense wieder einmal an ihm vorbei geschwungen war und preschte dann, als er sich auf der sicheren Seite des Schaftes wähnte, nach vorne, das Messer zum rückwärtigen Schlag erhoben.
Ein finsteres Grinsen huschte über Eißpins Züge. „Ach ja, habe ich eigentlich erwähnt, was dieses fantastische Waffe für mich so reizvoll machte?“ Er wartete, bis sein Angriff den Menschen dicht an ihn heran getragen hatte, dann versetzte er der Sense einen kurzen, aber heftigen Ruck, wodurch ein Klappmechanismus die Klinge nach oben schnappen ließ und sie klickend einrastete. „Sie ist ein bisschen böse - ganz so wie ich.“ Damit holte er erneut aus und stieß er zu.
Das geschliffene Metall durchbohrte den rechten Arm des Menschen und ließ ihn gepeinigt aufschreien, bevor er sich los riss und von Eißpin weg taumelte. Blut tropfte von seiner Hand auf den Boden.
„Du bist weder ein guter Kämpfer“, sagte der ehemalige Schrecksenmeister kalt, „noch bist du außergewöhnlich stark.“ Er klappte die Schneide seiner Sense zurück an den Schaft und hängte sie sich auf den Rücken. „Sag mir: Bestehen zwei Schüler derselben Klasse einen Test mit je einhundert Prozent, welcher von beiden ist das Genie? Mit ziemlicher Sicherheit nicht der, der Monate zuvor zu lernen begonnen hat. Er ist nichts weiter als ein Streber.
Sein Kommilitone hingegen ist ein Musterchaot: Bis zum Morgengrauen war ihm entfallen, dass überhaupt ein Test anstand. Und doch war sein Hirn in der Lage sich umgehend auf die neue Situation einzustellen, und so fiel es ihm trotz Müdigkeit und eines beträchtlichen Katers leicht, alle Fragen des Lehrers korrekt zu beantworten.
Du bist kein Genie. Du bist noch nicht einmal außergewöhnlich talentiert. Alles, was du bist, ist der Klassenprimus, den niemand leiden kann, weil er alles besser weiß.“
Der Mensch fuhr sich mit der Hand über dir blutende Wunde an seinem Oberarm. „Und lass mich raten: Du bist das Genie?“
„Ich bin nur ein Verrückter mit einer Sense.“
Wahrere Worte waren lange nicht gesprochen worden, dachte Rumo.
„Und wenn du der Zaan von Florinth persönlich wärst!“, tönte der Mensch und Wahnsinn flammte in seinen Augen auf. „Heute trifft du deinen Schöpfer!“ Er riss seine Armbrust vom Waffengürtel und legte auf Eißpin an.
Der machte keine Anstalten sich zu rühren. Stattdessen hob er seine rechte Hand, formte mit Daumen und Zeigefinger einen Ring und hielt ihn einige Zentimeter vor den Mund. Dann holte er tief Luft und blies hindurch.
Er musste etwas in der Hand haben, schloss Rumo, anders war es für ihn nicht zu erklären, dass die Atemluft des alten Alchimisten plötzlich wie aus dem Nichts Feuer fing und den Menschen vor ihm in einen karmesinroten Flammenstrudel tauchte.
Der wich Zeter und Mordio schreiend zurück und begann, als er merkte, dass sein Gewand in Flammen stand, wild mit den Armen um sich zu schlagen. Doch der Wind fachte den brennenden Stoff immer weiter an und so bleib ihm schließlich nichts anders übrig, als sein komplettes Obergewand mit schwungvollem Wurf  über die entfernten Zinnen zu befördern. „Das wirst du bereuen, alter Mann!“, kreischte er, riss eines seiner Messer empor und sprintete auf Eißpin zu.
„Bleibt abzuwarten.“ Der Alchimist griff über seine Schulter nach seiner Sense und wirbelte sie dann schwungvoll vor seinen Körper, sodass die an den Schaft geklappte Klinge durch die Fliehkraft von selbst aufschnappte. Der Mensch hielt an und taumelte einen Schritt zurück.
Eißpin grinste selbstzufrieden „Na sieh mal einer an. Hast du etwa Angst?“
Damit tat er einen schnellen Schritt auf seinen Gegner zu, holte aus und Schlug ihm mit dem Holz der Sense die Beine unterm Körper weg.
Das war der Moment, auf den Rumo gewartet hatte. Er schnellte aus seiner kauernden Position hervor, während seine geschärften Raubtiersinne sie Szenerie vor seinen Augen erneut um ein Vielfaches verlangsamten. Er sah, wie der Menschenmann nach hinten kippte, sah, wie sich seine Beine vom Boden lösten und wie sich sein Gesicht verzerrte, als er das Gleichgewicht verlor. Und dann, als er beinahe waagerecht über dem Boden schwebte, glitt Rumo wie ein Schatten unter ihn, bohrte seine Krallen in dessen wehrlose Unterschenkel, spannte die Hinterpfoten an und riss den gesamten Körper des Menschen in einem schwungvollen Bogen über seine Schulter. Es gab einen lang gezogenen Schrei, dann schlug er wie eine leblose Puppe mit einem hässlich knackenden Geräusch der Länge nach auf dem felsigen Boden auf.
Schließlich war Ruhe.
Rumo schnaufte, der Rest der Truppe stand einfach nur da und wartete ab, was wohl passieren mochte.
Lange Zeit geschah nichts und für einige kurze Sekunden war sich der Wolpertinger sicher, dass dies ein Schlag zu viel für den schmächtigen Körper des alten Mannes gewesen war. Doch dann holte der Mensch auf einmal rasselnd  Luft. Er versuchte sich aufzurichten und hustete dabei einen Schwall Blut.
„Gib auf“, sagte Eißpin fast schon sanft, während er das Elend, das sich vor seinen Augen abspielte, mit stoischer Ruhe betrachtete. „Ruf deine Leute zurück, sag ihnen, dieser Krieg ist vorbei. Ihr könnt nicht gewinnen.“
„Wir haben doch schon gewonnen!“, röchelte der Mann und lachte wahnsinnig. „Selbst wenn ihr mich hier und jetzt tötet, was hab ihr davon? Die Lindwurmfeste ist nicht wichtig. Und egal was ihr hier plant, ihr seid zu spät. Unsere Schiffe sind fast hier. Ihr könnt euer Schicksal nicht mehr ändern.“
Eißpin sah ihn lange an. „Gib auf“, sagte er dann noch einmal. „Ich bitte dich von Mensch zu Mensch.“
„Du...“ Der Mensch hustet noch einmal. „Succubius Eißpin - wenn du es denn bist. Warum akzeptieren sie dich? Was macht dich so besonders?“
„Ich bin nicht besonders“, erklärte Eißpin abwesend. „Alles, was ich hatte, war ein Traum, für den ich hart gearbeitet habe. Ich wurde gut, wurde sehr gut in dem, was ich tat. Und mit meinem Können kam ihr Respekt. Das ist alles.“
Der Mann lachte über eine Ironie, die Rumo nicht verstand. „Du erinnerst mich an jemanden, weißt du das?“ Er stemmte beide Hände auf den Boden und zwang sich selbst unter einigem Taumeln auf die Füße. Blut lief ihm übers Gesicht. „Ich hatte mal einen Bruder, der hat geredet wie du. Immer irgendetwas von einem Traum erzählt. Und dass ihn nichts und niemand aufhalten könne. Und weißt du, was passiert ist?“ Der Mensch ballte seine Hand zur Faust. „Dieser Kontinent hat ihn umgebracht!“ Damit stürmte er schreiend auf Eißpin zu und schlug mit letzter Kraft nach dessen Schläfe, verfehlte sie jedoch und stürzte vorwärts in ein liebevoll angelegtes Steingarten-Beet.
Der ehemalige Schrecksenmeister folgte seinem Fall mit einem Blick den Rumo nicht zu deuten wagte. Es lag etwas Hartes darin, etwas Kaltes. Der Anflug einer bitteren Erkenntnis vielleicht, doch er mochte sich irren. Längst hatte er es aufgegeben zu versuchen herauszufinden, was hinter den wässrig blauen Augen des Alchimisten vor ging, zu ambivalent war sein Verhalten. Mal erschien er recht nahbar, charmant fast, nur um Sekunden später wieder in eisigste Stimmung zu verfallen.
Und jetzt? Ja, was war jetzt?
Eißpin starrte auf den sich am Boden windenden Menschen herab und gab ihm einen Stoß mit dem Schaft seiner Sense. „Wer bist du?“, fragte er so bitter, dass es beinahe auf der Zunge zu schmecken war.
Der Menschenmann stöhnte. „Das habe ich euch doch schon gesagt. Ich bin der Anführer der Aufklärungsdivision, zuständig für...“
„Deinen Namen will ich wissen!“, donnerte Eißpin. „Sofort!“
„Sulfurus“, keuchte der Mann. „Sulfurus von Midgard.“
„Ts!“ Eißpin hängte sich seine Waffe um und wandte sich ab. „Natürlich. Wer solltest du auch sein sein.“
Mythenmetz legte die Stirn in Falten. „Kennst du ihn, Succubius?“
Eißpin antwortete nicht. Er hatte sich auf den Weg ins Atelier gemacht. „Rumo!“, rief er im Gehen, ohne sich umzusehen. „Sorge dafür, dass er nicht abhaut. Ich benötige etwas aus meiner Tasche.“
„Äh, klar.“ Rumo stellte sich neben den röchelnden Menschen und beäugte ihn misstrauisch. Er wusste nicht so genau, was der Alte von ihm erwartete, dieser Kerl sah nicht gerade so aus, als würde er in der nächsten Zeit die Flucht ergreifen.
„Was der Alchimist wohl vor hat?“, fragte sich Löwenzahn und konnte die Angst in seiner Stimme dabei nicht ganz verbergen. „Glaubt ihr, er will ihn töten?“
„Das hoffe ich doch“, murrte Grinzold. „Für einen einzigen von diesen Kreaturen geht der hier mir eindeutig schon viel zu lange auf den Zeiger.“
Rumo beobachtete, wie der Mensch sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Rippen hielt. ‚Wenn Eißpin ihn tatsächlich kennt - wer weiß, was die beiden verbindet. Vielleicht will er, dass wir ihn laufen lassen.‘
Grinzold gab einen Laut des Entsetzens von sich. „Auf gar keinen Fall! Das dürfen wir nicht zulassen! Ihr habt gesehen, was der kann! Der ist, im Gegensatz zum Rest von diesen Hampelmännern, ernsthaft gefährlich!“
„Da muss ich dem Grobian ausnahmsweise einmal Recht geben! Rumo, das darfst du nicht zulassen!“
‚Warten wir es erst einmal ab.‘
Eißpin hatte das Atelier wieder verlassen und kam auf die Gruppe zu geschritten. Alle Blicke waren auf ihn Gerichtet, doch er schien nichts auffälliges bei sich zu tragen. Seien Hände waren leer.
„Steh auf!“, forderte er den Menschen auf, als er in der Mitte des Plateaus angekommen war.
Der Mann, der Sulfurus hieß, lachte freudlos, musste dann erneut husten. „Ich würde, wenn ich könnte.“
„Stellt dich nicht so an und steh, verdammt noch mal, auf!“
„Ich weiß nicht, warum ich das tue, Zamonier.“ Der Mensch schien seine letzten Kräfte zu mobilisieren und drückte sich vom Boden hoch, bis er mehr oder weniger aufrecht stand. „Zufrieden?“ Er grinste das Grinsen der Besiegten, geschlagen, aber voller Stolz.
Eißpin ignorierte ihn. „Ich werde dir jetzt etwas erklären, Sulfurus von Midgard, und du wirst mir zuhören.“
„Tu, was du nicht lassen kannst, Zamonier.“
„Du und deine Leute“, sagte Eißpin ernst, „ihr begeht einen Fehler, wenn ihr denkt, dass ihr euch Zamonien so einfach Untertan machen könnt. Ich kenne euch, denn ich bin - ich war - einer von euch, und ich weiß auch, welch übermächtige Stellung eure Rasse im Rest der Welt einnimmt. Ich war dort, ich habe es gesehen. Doch das hier -“, er bereitete die Arme aus, als versuche er mit ihnen ganz Zamonien zu erfassen, „- dieser gesamte Kontinent ist mit nichts vergleichbar, was euch bis jetzt begegnet ist. Ihr seht ihn als Land mit ein paar Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt, doch Zamonien ist so viel mehr. Es ist ein Lebendiges Wesen, es atmet, frisst und scheidet aus ohne Rücksicht auf jene, die zu Schwach sind, sich durchzukämpfen. Ein Parasit im Fell eines Tigers kann überleben, kann mit dem Raubtier koexistieren, doch er wird es nie beherrschen. Auf seinem Rücken auszuharren heißt nicht bestimmen zu können, wohin die Reise geht. Alles, worauf er hoffen kann, ist, so lange wie möglich getragen zu werden. Und solange ihr das nicht begreift, werdet ihr Menschen niemals in der Lange sein in Zamonien Fuß zu fassen, egal wie viele der anderen Rassen ihr unterwerft oder wie groß eure Zahl ist.
Ich gebe dir hiermit also ein letztes Mal die Chance das Richtige zu tun, Sulfurus von Midgard. Richte dich auf, gehe dort zu den Zinnen und gib das Hornsignal zum Rückzug. Geh in Würde!“
Der Mensch bewegte sich nicht. „Und ich sage dir jetzt ein letztes Mal, dass es bereits zu spät ist, Zamonier. Zu schade, dass du dich für die falsche Seite entschieden hast. Ich fürchte, das wirst du bereuen.“
Eißpin seufzte kellertief. „Keine Sorge, das tue ich schon.“ Er ließ die rechte Hand in die Tasche seines weiten Umhangs gleiten. „Ich muss dich übrigens in einem Punkt korrigieren...“
„Hm?“ Das Grinsen verschwand vom Gesicht des Menschenmannes und wich leichter Verwirrung. „Was meinst du?“
„Nicht dieser Kontinent ist Schuld.“
„Schuld woran?“
„An meinem... nennen wir es ‚Tod‘.“
Der Mensch taumelte, was in diesem Fall wohl nicht nur mit seinen Verletzungen zu tun hatte. „Was... was meinst du?“
Eißpin sah ihn geradewegs an. „Ja, Sulfur, so ist es. Nicht dieser Kontinent war es, der mich hintergangen hat.“ Er zog eine Radschlosspistolen aus den Tiefen seines Umhangs, richtete sie geradewegs auf die Stirn seines Gegenübers. „Es war ein Mensch.“
Dann drückte er den Abzug.

Der ehemalige Schrecksenmeister von Sledwaya hatte sich abgewandt und sein Gesicht in den Schatten des Zwielichts verborgen. „Los, los, los!“, herrschte er und marschierte mit wehender Robe zurück ins Atelier. „Wir haben schon viel zu viel Zeit vergeudet! Rumo! Blaubär! Die Linsen! Nehmt sie und bringt sie zu den auf der Karte markierten Stellen! Echo! Her zu mir! Sofort!“
Rumo zuckte unwillkürlich zusammen, so scharf durchschnitt die Stimme des ehemaligen Schrecksenmeisters die Luft zwischen ihnen. Noch hatte er nicht so ganz begriffen, was sich soeben eben auf dem Felsplateau vor Mythenmetz‘ Atelier abgespielt hatte und was das nun für sie alle bedeutete.
Es hatte einen lauten Knall gegeben, als Eißpin die Menschenwaffe abgefeuert und ihr Geschoss den Kopf des Mannes durchbohrt hatte. Er war zurück gestolpert, einen Schritt, dann noch einen, und war dann schließlich in sich zusammen gesackt wie ein nasser Sack.
Mythenmetz und Echo hatten entsetzt aufgeschrien und standen nun noch immer mit offenen Mündern da, völlig unempfänglich für Eißpins Anweisungen.
Schließlich wirbelte der Schriftsteller zu ihm herum. „Das wäre nicht nötig gewesen!“, rief er mit sich überschlagender Stimme. „Er war besiegt.“
Eißpin sah ihn nicht an. „Du hast ihn gehört, er wollte nicht aufgeben. Ich konnte nicht zulassen, dass er sich erholt und die Menschen neu um sich formiert. Man zerstört die Moral einer Truppe am besten indem man ihren Anführer tötet. Kleines Einmaleins der Kriegsführung.“
„Aber was ist mit dem, was du gesagt hast? Stimmt es? Warst du sein Bruder?“
„Sein Bruder ist vor vielen Jahren in der Schlacht in den Midgardbergen ums Leben gekommen. Können wir jetzt also bitte mit unserem eigentlichen Plan fortfahren?“
„Aber... aber...“
„Mythenmetz, er hat Recht“, sagte Blaubär tonlos und machte sich daran, Eißpin ins Atelier zu folgen. „Wir müssen weiter machen. Er hatte seine Chance und er wollte sie nicht.“ Damit trat er durch die Glastür und Echo tat es ihm wortlos gleich.
Rumo starrte noch einige Sekunden ungläubig auf den toten Körper wenige Meter vor ihm.
Er hatte seinen eigenen Bruder getötet.... Wie konnte er so etwas tun?
„Ich verstehe es“, sagte Grinzold kurz ab.
Rumo betrachtete sein Schwert, als könne er den Dämonenkrieger in der Klinge sehen. ‚Nein, daran gibt es nichts zu verstehen! So etwas ist unverzeihlich!‘
„Ach wirklich? Also wenn sich mein Bruder in einem Krieg auf die falsche Seite stellt, ich würde wollen, dass er aufgibt oder aber durch meine Hand den Tod findet. Der Alte hat ihm eine faire Chance gelassen, sich zu ergeben und ihn, als er es verweigerte, mit seiner eigenen Waffe gerichtet. Das war die höchste Ehre, die er ihm in dieser Situation erweisen konnte.“
Rumo schwieg. So hatte er das noch nicht betrachtet.
„Übrigens ist der Feigling mal wieder in Ohnmacht gefallen.“
‚Ich weiß., Grinzold. Ich weiß.‘
Er schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu sortieren und sich wieder auf das Hier und Jetzt konzentrieren zu können. Weitermachen. Sie mussten weitermachen!
Schnell wandte er sich um und trabte zurück ins Atelier, wo ihm prompt einer der Leinensäcke mit den Glaslinsen  darin in die Arme geschleudert wurde. „Was dauert das denn so lange?“, rief Eißpin und warf die Karte direkt hinterher. „Wir sollten schon lange fertig sein!“
Das aufgerollte Pergament traf Rumo am Kopf und er hatte einige Mühe es aufzufangen, während er mit einer Pfote den Beutel umklammerte. Als er es schließlich zufassen bekam, löste er das Band darum mit den Zähnen und entrollte sie mit einem Schlenker seines Armes.
Es war eine erstaunlich detailreiche Karte der oberen Hälfte der Lindwurmfeste, auf der jemand mit einem roten Stift entlang der Hauptstraße etliche kleine Kreuze eingezeichnet hatte. Rumo überschlug ihre Zahl - es musste an die fünfzig Stück sein! Das würde einiges an Arbeit bedeuten.
„Ihr müsst so genau wie möglich sein“, erklärte Echo während er dem etwas verdutzt drein blickenden Mythenmetz den zweiten Leinenbeutel in die Klauen gab. „Die Linsen haben verstellbare Füße - achtet bitte darauf, dass sie ebenerdig stehen. Ich werde, sobald ihr alle an den richtigen Platz gebracht haben, nachkommen und sie korrekt ausrichten. Ach ja, und es gibt eine kleine Planänderung.“ Er sah Blaubär an. „Könntest du mit Deus X Machina zurück zum Fuße der Feste fliegen und darauf achten, dass unsere Verbündeten die Menschen von den Toren fern halten? Wir haben so viel Zeit verloren... Wir müssen absolut sicher gehen, dass uns niemand in letzter Sekunde noch sabotiert.“
Blaubär nickte. „Klar. Kein Problem.“
„Danke. Und hier...“ Echo gab ihm etwas in die Pfote, das aussah, wie ein kleiner Feuerwerkskörper. „Das ist ein rotes Leuchtsignal. Jeder von uns wird eins tragen. Wenn es zu irgendwelchen Schwierigkeiten kommen sollte, entzündet ihr es und wir treffen uns umgehend wieder im Atelier.“
„Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt“, sagte Blaubär mit fester Stimme und grinsten dann noch einmal siegessicher, bevor er sich auf den Weg machte, Mac zu sich zu rufen. „Also gut, Leute. Jetzt gilt es. Strengt euch an!“
Rumo grinste zurück. „Worauf du dich verlassen kannst.“
Dann wandte er sich Mythenmetz zu. „Du fängst ganz unten an, ich ganz oben und wir treffen uns in der Mitte, einverstanden?“
„Wieso muss ich ganz nach unten?“, jammerte Mythenmetz und studierte seinen Teil der Karte. „Das ist verdammt weit, ist euch das klar? Ich bin verletzt!“
„Ja, aber am Flügel und nicht am Bein“, bemerkte Echo und klopfte ihm aufmunternd auf den Arm. „Und jetzt stell dich nicht so an. Wenn du dich beeilst, kannst du vielleicht bei Blaubär mitfliegen.“
Mythenmetz blinzelte in einige Sekunden verständnislos an, dann drehte er sich plötzlich auf der Hacke um und stürmte mit wehendem Gewand und bedenklich klimperndem Beutel aus der Tür. „Blaubär“, rief er dabei. „Blaubär, warte!“
Rumo und Echo lachten.
Dann warf sich der Wolpertinger seinen eigenen Leinenbeutel über die Schulter und schob die Karte in seine Jackentasche. „Gut, ich werde mich dann auch auf den Weg machen. Je schneller wir fertig sind, desto besser!“
„Wartet auf mich, wenn ihr fertig seid“, sagte Echo und fügte dann mit ernster Stimme an: „Und bitte: Passt auf euch auf.“
Rumo nickte entschlossen, verließ dann, nachdem auch er ein Leuchtsignal erhalten hatte, das Atelier.
Laut Karte befand sich die Position der ersten Linse direkt außerhalb eines der großen Fenster.
Der Wolpertinger studierte die genaue Lage eingehend, dann zog er eine eine der goldfarbenen Halterungen aus dem Beutel, stellte sie auf einen kleinen Felsen und schob die Glaslinse in ihre Verankerung.
Das war Nummer eins. Blieben nur neunundvierzig weitere.
Rumo seufzte.

Bei Nummer achtundzwanzig hatte er begonnen, sein Leben zu überdenken.
Wie genau hatte es dazu kommen können, dass er nun hier war, in der Lindwurmfeste, und sich darauf vorbereitete, mit ganz Zamonien durch die Dimensionen zu reisen?
Noch zweiundzwanzig...
Wie viel musste man in seinem vorhergehenden Leben falsch gemacht haben, um nun permanent für die Rettung von etlichen Leute verantwortlich zu sein?
Noch einundzwanzig...
Und was wäre passiert, wenn Smeik sich nie auf die Partie Rumo eingelassen hätte? Hätte der gesamte Krieg verhindert werden können?
Noch zwanzig...
Wie war das mit dem Schicksal? War es wirklich unausweichlich? Kam alles, wie es kommen musste, ohne dass man etwas daran ändern konnte? Oder hatte man die Macht, den Lauf der Dinge zu ändern? Und gab es überhaupt eine Methode das heraus zu finden? Spielte das alles für ihn überhaupt noch eine Rolle?
Noch neunzehn...
Rumo bemerkte am Rande, wie er immer tiefer in die düstere Welt der großen Fragen hinab glitt, während seine Augen Positionen auf der Karte suchten und seine Finger mechanisch Glas in Metall schoben. So viele Dinge, auf die es keine Antwort gab und wahrscheinlich auch nie eine geben würde... Kein Wunder, dass große Denker so oft schlechte Laune hatten. Erfolgserlebnisse waren in ihrem Feld rar gesät.
„Ich sag‘s ja immer wieder!“, brummte Grinzold. „Zu viel Denken schadet der Gesundheit.“
‚Wahrscheinlich hast du Recht‘, dachte Rumo schmunzelnd zurück.
„Natürlich habe ich das! Habe ich immer!“
Als er endlich die letzte Linse aus dem nun deutlich leichter zu tragenden Leinenbeutel zog, fühlte Rumo sich ausgelaugt wie nach einem Marathon. Er befand sich nun etwa auf halber Höhe der Feste und konnte, wenn er über die Zinnen sah, in der Ferne Blaubär und Mac über Loch Loch kreisen sehen. Noch hatte er kein Signal gegeben, was bedeuten musste, dass ihre Verbündeten vor den Toren die Lage unter Kontrolle hatten.
So weit, so gut.
Rumo spähte die Hauptstraße hinab. Von Mythenmetz fehlte noch jede Spur, obgleich ihre letzten Kartenpunkte nicht weit auseinander liegen konnten. Also hieß es warten.
Der Wolpertinger lehnte sich gegen eine Hauswand und seufzte. All dies kostete so unfassbar viel Zeit! Die Befreiung der Lindwurmfeste, das Aufbauen und dann auch noch die Begegnung mit Eißpins Bruder - sicher hatten die Menschen Wolperting längst erreicht.
„Mach dir keinen Kopf“, beruhigte in Löwenzahn und klang erstaunlich optimistisch. „Bald sind wir weg und die Menschen können diese Dimension ganz allein für sich haben.“
‚Hoffen wir, dass es ihnen genügt.‘
Etwa eine halbe Stunde musste vergangen sein, als Rumo plötzlich ein lautes Schnaufen begleitet von einigem Geklapper und missmutigem Gemurmel vernahm, das sich hauptsächlich darum zu drehen schien, dass sich jemand nicht gewürdigt fühlte. Er stieß sich lässig von der Ziegelwand ab und schlenderte in die Mitte der Straße. „Na endlich! Ich dachte schon, wir müssten die Aktion wegen dir auf morgen verschieben.“
„Du hast leicht Reden!“ Mythenmetz ließ seinen nun beinahe leeren Leinenbeutel etwa einhundert Meter von Rumo entfernt fallen, kramte eine Linse samt Halterung hervor und platzierte sie mit dem Sanftmut eines Nashorns auf dem Boden. „Jeder weiß doch, dass runter leichter ist als rauf!“
Rumo grinste. „Das Wichtigste ist, dass wir es geschafft haben.“
„Wohl wahr.“ Der angeschlagene Schriftsteller kam zu ihm herüber getrottet und setzte sich auf eine Vorgarten-Mauer. Dort atmete er ein paar Mal tief durch. „Ich bin für so viel Stress nicht geschaffen.“
„Weißt du, ich finde, für einen Lindwurm machst du dich bis jetzt gar nicht schlecht.“
Rumo wusste selbst nicht so genau, warum er plötzlich das Bedürfnis gehabt hatte, Mythenmetz seine Anerkennung auszusprechen. Vielleicht, weil sich in letzter Zeit alles so endgültig anfühlte.
Sein Begleiter sah ihn nicht an. „Danke.“
Rumo wusste auch nicht, warum er erwartet, ja gehofft hatte, ein Kompliment zurück zu bekommen. Er wusste es wirklich nicht.
Eine Weile, die ebenso eine Ewigkeit hätte sein können, saßen sie stumm nebeneinander und lauschten dem fernen Nachhall der letzten, kläglichen Versuche der Menschen, die verlorene Feste zurück zu erobern. Eißpin hatte recht behalten: Sie waren hervorragende Taktiker, doch wenn man sich außerhalb des Erwarteten bewegte, zeigte sich ihre Schwäche.
„Ich frage mich, wieso Echo uns hier treffen wollte“, murmelte Mythenmetz schließlich und beobachtete, wie sich die Sturmwolken immer höher am Horizont auftürmten. „Würde es nicht viel mehr Sinn ergeben, die Position der Linsen von oben nach unten oder von unten nach oben zu korrigieren, als eine Art... Zickzackkurs abzulaufen.“
„Es wäre auf jeden Fall deutlich weniger anstrengend.“ Als hätte er auf diesen Moment gewartet, schwang sich Echo mit der Leichtigkeit der Katze, der er ja nun einmal war, über einen nahen Gartenzaun. In der Hand trug er eine Tasche, die einer jener Ledertaschen glich, die fahrende Ärzte benutzten, und unter seinen jungen Augen lagen dunkle Ringe, die Rumo ahnen ließen, dass er sich schon wieder viel zu lange in dieser für ihn widernatürlichen Gestalt bewegte, doch er behielt es für sich. Das sicherlich Letzte, was der Alchimist jetzt  gebrauchen konnte, war jemand, der ihm sagte, dass er aussah, wie er sich fühlte.
„Aber es war notwendig“, fuhr der fort, während er seine Tasche abstellte, einen Winkelmesser und ein Pendel heraus fischte und sich an der Linse zu schaffen machte, indem er ihre verstellbaren Standfüße um wenige Millimeter noch oben oder unten drehte und das Glas in seiner Halterung bewegte, bis er zufrieden schien. Dann kramte er eine etwas hervor, dass aussah, wie eine winzige alchimistische Batterie, die an einem kurzen Holzstock angebracht war. An dessen anderem Ende steckte ein Draht, eingerahmt von einigen Spiegeln, der nun, da Echo die Batterie in Gang setzte, zu glühen Begann. Ein dünner Lichtstrahl wurde von den reflektierenden Oberflächen gebündelt und strahlte einige Meter hinaus ins Zwielicht.
Rumo staunte. „Das ist ja praktisch!“
„Nicht wahr?“ Echo warf ihm einen selbstgefälliges Grinsen zu. „Ist noch nicht ausgereift, aber für die Arbeit hier leistet es gute Dienste. Und nun seht her....“
Er richtete den Lichtstrahl auf die eingestellte Linse, wo er mit der Präzision eines florinthischen Uhrmachers umgelenkt und zur nächsten weiter geleitet wurde. Und zur nächsten. Und zur nächsten.
„Hätte ich das Luxoskop ohne Unterbrechung getestet“, erklärte Echo, „hätte ich es unter Umständen aus Versehen eine verfrühte Reaktion in Gang gesetzt. Zwar ist das Licht, das ich verwende, im Grunde nicht stark genug, aber da wir nur den einen Versuch haben, wollte ich nichts riskieren. Also...“ Er verstaute seinen Instrumente wieder in der Tasche. „... habe ich eine Art Schalter in der Mitte eingebaut. Ab jetzt ist das Luxoskop offiziell scharf gestellt. Im wahrsten Sinne des Wortes.“
Eine Weile betrachtete er geistesabwesend sein Werk, dann drehte Echo sich um und sah seine beiden Freunde an. Ein entschlossenes Grinsen lag auf seinen Zügen und in seinen müden Augen funkelte das Abenteuer. „Seid ihr bereit?“, fragte er mit vor Aufregung bebender Stimme.
Rumo und Mythenmetz, die ihn wortlos bei seiner Arbeit beobachtet hatten, nickten. Sie waren bereit. So bereit, wie man bei so etwas nur sein konnte. Der Wolpertinger spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen schien. Jetzt ging es los. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Was auch immer das bedeuten mochte.
Der junge Alchimist entzündete die Fackel und hielt sie hoch über sich in die Luft. „Heute fliegt nicht nur eine einzelne Stadt“, rief er und der Sturm fuhr ihm durch das wilde Haar. „Nein! Heute fliegt ein ganzer Kontinent!“
Ein paar Sekunden lang passierte gar nichts.
Dann erfüllte auf einmal ein Sirren die Luft, erst leise, dann immer lauter, bis es schließlich zu einem langen, hochfrequenten Ton angeschwollen war, der Rumo furchtbar in den empfindlichen Ohren schmerzte.
Und dann kam das Licht. Für ein paar Sekunden verschlug es dem Wolpertinger den Atem, so fantastisch sah es aus. Ein einziger, etwa handbreiter Lichtstrahl wand sich wie ein Faden aus purem Gold die gesamte Hauptstraße der Lindwurmfeste empor. An jeder der knapp einhundert Linsen wurde er gebrochen, in genau dem richtigen Winkel, um einige Meter weiter auf die nächste zu treffen. Je weiter er nach oben kam, desto dünner wurde der Strahl und desto heller schien er zu leuchten, bis er schließlich, knapp unterhlab der Bergspitze, vollständig verschwand.
Nein, erinnerte sich Rumo. Er verschwand nicht. Er wurde unsichtbar. Anti-Licht, hatte ihm Echo erklärt. Eine Energie, die so stark war, dass sie sich ins negative umkehrte.
Nicht, dass er das verstand.
„Das ist ja unglaublich“, staunte Mythenmetz und beugte sich soweit wie möglich über die Zinnen, um das Schauspiel zu betrachten. „Als hätte eine gigantische Spinne eine Netz aus Licht über die gesamte Feste gewebt. Wenn die Umstände nicht so furchtbar wären, wäre es wunderschön.“
Echo hatte die Fackel sinken gelassen und deutete nach oben. „Ich werde zurück ins Atelier gehen und nachsehen, ob Succubius alles unter Kontrolle hat. Wer weiß, was passiert, wenn das Ding richtig loslegt. Einverstanden?“
Rumo und Mythenmetz nickten abwesend.
Eine Weile standen sie einfach so da und ließen die Szene auf sich wirken, dann, ganz plötzlich begann es zu Donnern, so laut, dass es Rumo beinahe von den Pfoten gefegt hätte. Er trat einen Schritt von den Zinnen zurück und sah nach oben, Mythenmetz folgte seinem Beispiel.
„Was zum...“, begann der Lindwurm, ließ den Satz jedoch unvollendet.
Rumo wusste, was er meinte.
Der Sturm fegte nach wie vor mit ungebrochener Gewalt über sie hinweg, doch die nachtschwarzen Wolken hatten begonnen sich aufzulösen. Und obwohl der Wolpertinger sich sicher war, dass es etwa fünf Uhr nachmittags sein musste, war der Himmel dahinter stockfinster. Da war keine Sonne, kein Mond und auch keine Sterne. Es gab nur Blitze. Hunderte von ihnen. Sie folgten offenbar keiner bestimmten Ordnung oder hatten einen gemeinsamen Ursprung - mal schossen sie von West nach Ost, dann wieder von Nord nach Süd. Mal waren sie kleiner, mal größer, mal nur ein einziger Strich, mal in tausende Bahnen verästelt.
„Wow“, machte Rumo, und weil ihm nichts besseres einfiel, wiederholte er es direkt noch einmal. „Wow.“
Es war, als beobachte man Götter beim Krieg, so gewaltig waren die Kräfte, die da über ihren Köpfen hinweg jagten.Wieder und wieder Donnerte es ohrenbetäubend laut, begleitet von dem Sirren des Luxoskops und dem allgegenwärtigen Tosen des Windes - wenn es so etwas wie eine Apokalypse gab, dann war das ihre Musik.
„Das...“ Mythenmetz kniff die Augen zusammen und wartete einen weiteren Donnerschlag ab. „Das ist doch nicht richtig. Da stimmt doch was nicht.“
Rumo warf einen schnellen Blick auf Mythenmetz und sah dann wieder gen Himmel. „Wieso? Was soll denn nicht stimmen?“
„Sieh doch mal genau hin“, forderte ihn der Lindwurm auf. „Diese Blitze. Fällt dir denn gar nichts auf?“
Rumo fragte sich ernstlich, ob dies der Augenblick für Ratespielchen war. Er musterte die Blitze halbherzig. Was sollte an denen nicht in Ordnung sein? Gefährlich genug wirkten sie allemal. „Nein“, sagte er schließlich. „Mir fällt nichts auf. Sie sind da oben und...“
„Das ist es ja!“, rief Mythenmetz dazwischen. „Sie sind da oben! Es sind Blitze! Sie sollten irgendwo einschlagen! Aber das tun sie nicht. Es ist als ob... also ob sie von irgendetwas davon abgehalten werden, zu uns herunter zu kommen.“
Jetzt sah Rumo es auch. Die Blitze schienen, so gewaltsam sie auch durch den Himmel schnitten, eine bestimmte Grenze nie zu überschreiten. „Es sieht fast aus“, überlegte er, „als wäre etwas über uns, nicht wahr? Eine Art... unsichtbare Kuppel?“
„Ja...“ Mythenmetz beobachtete zwei weitere Blitze, die verloschen, ohne etwas zu berühren. „Unglaublich... Jemand sollte ein Buch über so etwas schreiben. Am besten ich.“
Rumo kam nicht mehr dazu, anzumerken, dass er damit besser wartete, bis Zamonien zumindest wieder halbwegs in Sicherheit war, denn in dieser Sekunde sah er etwas Rotes hinter sich aufflackern.
Er drehte sich herum. Es war das Leuchtsignal. Alarmstufe rot, sofort zurückkehren.
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