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Rumo und die Wahrheit der Alchimisten

von -Echo-
GeschichteAbenteuer / P12
Blaubär Hildegunst von Mythenmetz Rumo von Zamonien
30.06.2010
22.03.2015
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146.075
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30.06.2010 6.618
 
Wie viel dazwischen kommen kann, wenn man sagt, man lädt nun jeden Tag ein Kapitel hoch - unfassbar! o_O
Habe beschlossen, dass ich jetzt einfach gar nichts mehr sagen werde, außer: Noch zwei... :D


Rumo lag an Loch Lochs südlichem Ufer zwischen zwei großen Geröllbrocken und spähte durch einen Feldstecher hinüber zur Lindwurmfeste.
Alles schien vollkommen ruhig - lediglich die drei finster aussehenden Menschen, die vor den Toren Wache hielten, erinnerte daran, dass hier etwas nicht so war, wie es hätte sein sollen.
Sie schienen aufmerksam, aber nicht alarmiert, was Rumo als gutes Zeichen wertete. Offenbar ahnten sich tatsächlich nichts von den rund einhundert Wolpertingern die mittlerweile in den Ausläufern des Gebirges rund um den See Stellung bezogen hatten, und auch der beinahe ebenso große Trupp Buntbären verbargen sich geschickt vor ihren Blicken.
Vor etwa einer Stunde hatten sie ihr Signal gegeben, ein tiefes Waldbeeren-Aroma, das dem  Wolpertinger einige Kilometer weiter verriet, dass sie ihre Position sicher und unbemerkt erreicht hatten. Ralas, Rolvs uns Urs' Zeichen folgten nur Minuten später.
Sie waren bereit.
Fehlte nur noch die Meldung von Mythenmetz, der mittlerweile seit etwa einem Tag zurück in seiner Heimat sein musste. Alles hing nun davon ab, dass der ungeschickte Schriftsteller sich nicht hatte erwischen lassen bei dem Versuch herauszufinden, wie es um die Feste und ihre Bewohner stand. Rumo hatte es sich nicht anmerken lassen, doch was diesen Teil des Plans anging, hatte er seine Zweifel. Jedem in ihrem kleinen Fünfertrupp hätte er es zugetraut, sich unbemerkt in einem feindlich besetzten Gebiet zu bewegen, jedem, mit Ausnahme von Mythenmetz. An ihm war, vom Scheitel bis zur Sohle, nun wirklich gar nichts unauffällig, im Gegenteil, er schaffte es zumeist, selbst aus der simpelsten Bewegung eine riesige Szene zu machen.
Doch der Lindwurm hatte darauf bestanden, seinen Teil zu der Operation beizutragen und hoch und heilig geschworen, dieses eine Mal nicht in der ersten Reihe zu stehen, wenn es um Aufmerksamkeit ging.
Blieb zu hoffen, dass er verstand, was das bedeutete.
Rumo ging noch einmal im Kopf durch, was bestenfalls in den nächsten Minuten passieren würde.
Es gab im Grunde zwei Möglichkeiten, die sich danach richteten, welches Signal Mythenmetz zum Einsatz brachte. Ein intensiver Geruch nach frischer Tinte bedeutete wenige oder unvorsichtige Feinde und hieß für die Zamonier, dass sie frontal und ohne Rücksicht auf Verluste die Tore der Feste stürmten.
Witterten sie jedoch das schwere Leder alter Bücher, so galt absolute Vorsicht, denn was auch immer sie im Inneren der Lindwurm-Heimat erwartete, war ihnen im offenen Kampf überlegen.
Rumo hoffte inständig, dass sie von Zweiterem verschont blieben, denn das würde einen momentanen Rückzug und weitere strategische Planung bedeuteten - alles auf Kosten der Zeit, die sich nicht hatten.
Wolperting und Bauming lagen, ihrer besten Kämpfer beraubt, vollkommen ungeschützt und sobald die Menschen das heraus fanden, waren die beiden Städte so gut wie verloren. Was auch immer also nun passierte - es musste schnell gehen.
Der Wolpertinger legte den Feldstecher beiseite und schloss die Augen, um sich besser auf die ihn umgebenden Gerüche konzentrieren zu können. Sofort begann der silberne Faden vor ihm zu tanzen, stark und wunderschön. Er verschwand irgendwo zwischen den Felsen zu seiner linken, wo Rala mit ihrer Meute versteckt sein musste, und für einen kurzen Moment fragte sich Rumo, ob sie wohl gerade ebenfalls ihrem silbernen Faden nach sah, der zu ihm hinab führte.
Unwahrscheinlich, sagte ein Teil von ihm, doch Romantik ließ sich nicht statistisch bemessen.
Wie er so vor sich hin träumte, mischte sich plötzlich eine neue Farbe in sein Geruchsbild. Es war ein tiefes, volles Blau, fast schon etwas lilafarben, wie von Brombeeren, Lavendel oder flüssiger Tinte...
Rumo schreckte jäh hoch und riss die Augen auf. Mythenmetz‘ Signal! Das war es! Der Lindwurm hatte es tatsächlich geschafft!
Und es war der Geruch von Tinte, frischer, tief dunkler Tinte!
Der Wolpertinger dachte nicht nach. Er ging in die Knie, zog Löwenzahn aus der Scheide, schnellte aus seinem Versteck zwischen den Felsen und rannte los, immer am westlichen Seeufer entlang.
Nur am Rande bemerkte er, wie sich neben ihm mit einem Mal die komplette Landschaft zu bewegen schien, als alle einhundert Wolpertinger gleichzeitig aus ihrer Deckung brachen und, teils auf allen Vieren, teils mit gezogener Waffe, auf die Tore der Lindwurmfeste zustürmten. Wie aus dem Nichts hatte sich animalisches Kampfgeheul erhoben und hallte nun, tausendfach verstärkt, zwischen den Felswänden rund um Loch Loch wieder, sodass es wirken musste, als seien sie hundert Mal so viele.
Eine Woge puren Adrenalins durchfuhr Rumo, als er spürte, wie die Erde unter dem Rhythmus der galoppierenden Pfoten erbebte, während ihn links und rechts Artgenossen mit wildem Blick und entschlossenen Mienen überholten, hungrig darauf, endlich einmal wieder unter Beweis zu stellen, das sie von Raubtieren abstammten. Sie waren eine zivilisierte Rasse, gebildet und kulturell engagiert, doch in ihnen allen lebte ein Wolf, der nur darauf wartete geweckt zu werden und sein furchterregendes Gebiss zu zeigen.
Mit grimmiger Genugtuung sah der Held von Zamonien, wie einem der Wachposten vor den Toren der Lindwurmfeste vor Schreck sein Säbel aus der Hand fiel, als er sich, völlig unvorbereitet, einer Hundertschaft an tollwütigen Hunden gegenüber sah, die es mit ihren triefenden Reißzähnen ganz offenbar direkt auf ihn abgesehen hatten. Er begann sich kopflos um seine eigene Achse zu drehen, wohl auf der Suche nach etwas, womit er sich verteidigen oder zumindest ein Signal geben konnte, doch er fand nichts.
Sein Artgenosse reagierte überlegter. Er griff nach einem Horn, das er am Gürtel trug, führte es an die Lippen und wollte gerade hinein stoßen, als ihn ein Pfeil mitten durch den Hals traf.
Rumo blickte zur Seite und erkannte wenige Meter von ihm entfernt Rala, die im Lauf ihren Bogen gespannt und den tödlichen Pfeil derart präzise geschossen hatte, wie wohl nur sie es konnte. Natürlich wusste er, wozu sie im Stande war - wieder und wieder hatte er gegen sie gekämpft und hatte doch nie gewinnen können - und dennoch beeindruckte ihn ihre Kunst am Bogen jedes Mal aufs Neue.
Was allerdings in diesem Moment viel wichtiger schien: Sie spornte ihn an.
Rumo war mitnichten ein Macho, für ihn machte es kein Unterschied, ob sein Gegner weiblich oder männlich war, solange er ihm einen guten Kampf lieferte. Allerdings hatte sich in den vergangenen Monaten in Wolperting das Gerücht durchgesetzt, der wohl größte Held Zamoniens hätte in den eigenen Vier Wänden relativ wenig zu sagen, etwas, das er nur schwerlich ertragen konnte. Zum einen, weil es nicht stimmte - er und Rala führten eine sehr ausgewogene Beziehung - und zum anderen, weil es, zugegebenermaßen, doch ziemlich an seinem männlichen Ego kratzte.
Jetzt aber, da ihm ein Haufen kampferprobter Wolpertinger zusah, konnte er endlich beweisen, dass sie in der gleichen Liga spielten.
Zwei seiner Artgenossen hatten die entsetzten zwei verbleibenden Torwächter geschnappt, und sie einfach, wie leblose Puppen, im hohen Bogen in den See geworfen, wo sie nun panisch herum strampelten und versuchten, sich von ihren Waffengürteln zu befreien, die sie unweigerlich in die Tiefe zogen.
Der Rest warf sich gegen die hölzerne Pforte, um sie aufzubrechen oder erklomm mit geschickten Sprüngen die Zinnen, unter ihnen auch Rolv, der sich seine Wurfmesser zwischen die Zähne geklemmt hatte, dicht gefolgt von seinem Schlägertrupp bestehend aus Tsacko aus dem Roten Forst, Biala dem Buchtinger und Oleg von Dünen.
Sie zu überzeugen hatte sicher nicht lange gedauert.
Rumo sah sich um und versuchte Urs im wilden Getümmel vor den Mauern auszumachen, doch von seinem Stadtfreund war weit und breit nichts zu sehen. Nun, weit konnte er nicht sein, denn auch er war überaus Talentiert an der Waffe, vielleicht sogar noch ein bisschen gefährlicher als seine Freunde, immerhin sah man es ihm nicht wirklich an.
Er würde also klarkommen.
Rumo nahm das Angebot eines ihm unbekannten Wolpertingers an und ließ sich von ihm in Räuberleiter-Manier die untere Mauer der Lindwurmfeste empor katapultieren. Geschickt griff er nach der oberen Steinkante und zog sich daran hoch, sodass er schließlich aufrecht auf den Zinnen stand und sich ein Bild von dem machen konnte, was im Inneren vor sich ging.
Die mächtige Eingangspforte hatte der Übermacht an wütenden Hunden nicht lange standgehalten, bevor sie schließlich zerbarst und den Weg frei gab für jeden, der hinein wollte. Und hinein wollten sie!
Die Wolpertinger strömten in Scharen in die gepflasterten Straßen und kleinen Gassen, rissen Türen auf und durchforsteten jede noch so dunkle Ecke. „Zu den Waffen!“, riefen sie, wann immer ihnen ein verängstigter Lindwurm begegnete, und warfen ihnen nicht selten ihre eignen Reserveschwerter und ungenutzten Schilde zu. „Verteidigt euch! Wir schlagen zurück!“
Irgendwo weiter oben in der stadtgroßen Feste erklang ein Horn, dann ein zweites und ein drittes. Offenbar war die Neuigkeit, dass sie angegriffen wurden, inzwischen auch zu den Menschen durchgedrungen und sie bliesen zum Gegenschlag. Etwa auf halber Höhe wurden Feuer entzündet und Rumo konnte das Aufblitzen von Armburstbolzen über einer der Zinnen erkennen.
„Seit vorsichtig!“, brüllte er über das Geheul und Getrampel der Wolpertinger-Meute hinweg. „Sie stellen Schützen auf!“
„Die sollen nur kommen“, brummte da plötzlich eine Stimme neben ihm und als Rumo zur Seite sah, stand ein Buntbär neben ihm, eine Steinschleuder im Anschlag und ein wildes Grinsen im Gesicht.
Und er war nicht der einzige. Direkt nachdem die Wolpertinger in der Feste verschwunden waren, waren die bunten Jäger an ihrem Fuße aufgetaucht und folgten ihnen mit tiefen Angriffsrufen. Es mussten ebenfalls mindestens einhundert von ihnen sein, wenn nicht sogar mehr, doch was Rumo am bemerkenswertesten fand, war, dass jeder einzelne von ihnen von Kopf bis Pfote mit einer dicken Schicht grün-braunem Schlamm überzogen war. Nur ganz vage ließ sich erkennen, welche Farbe ihr Fell einmal gehabt haben musste, so gründlich waren sie dabei vorgegangen.
Natürlich, dachte der Wolpertinger. Man konnte sich wohl kaum unbemerkt über eine nahezu unbewaldete Hochebene bewegen, wenn man dabei aussah, wie ein laufender Regenbogen.
„Spürt sie auf und räuchert sie aus, Männer!“, rief der Bär, der sich zu Rumo gesellt hatte, offenbar eine Art Anführer. „Lasst nicht zu, dass sie sich verschanzen! Im offenen Gefecht haben sie keine Chance gegen uns!“
„Aye!“, brüllte die gesamte Meute zurück.
Rumo hatte eigentlich erwartet, Blaubär an der Spitze des Buntbären-Trupps zu sehen, doch von seinem königsblauen Gefährten fehlte jede Spur. Wobei es natürlich schwer war zu sagen, ob er sich irgendwo unter den schlamm-bedeckten Angreifern befand, dafür sahen sie einander von Weitem viel zu ähnlich.
„Was ist nun?“, fragte Grinzold in seinen Gedanken und die Aufregung war ihm deutlich anzumerken. „Wollen wir hier den ganzen Tag rumstehen und gucken oder wollen wir endlich auch mal `ne Runde mitmischen? Lass uns diese Menschen aufspüren und ihre Hintern hier heraus prügeln!“
Zwei Pistolenschüsse fielen und Rumo beschloss, dass Grinszold Recht hatte. Er war nicht zum Zusehen hier.
Während er sich von der Außenmauer der Feste herunter schwang und begann, die mit Kopfsteinpflaster befestigte Hauptstraße empor zu rennen, bemerkte der Wolpertinger, dass sich, kilometerweit entfernt am Horizont, ein Sturm zusammen zu brauen schien. Dunkle Wolken türmten sich auf und die Luft und sie herum hatte mit einem Mal um einige Grad abgekühlt, dazu diese absolute Windstille - nein, es war kein Sturm, der da auf sie zukam, es war ein Orkan.
Rumo begann schneller zu laufen. Was war in der letzten Zeit nur los mit dem zamonischen Wetter? Es hatte den Anschein als seien nicht nur die Bewohner des Kontinents, sondern auch seine Natur in Aufruhr, als sei irgendetwas aus dem Gleichgewicht gestoßen worden.
Seine Pfoten trugen den Wolpertinger immer weiter die gewundene Straße empor, rechts und links begleitet von Artgenossen, Buntbären und auch dem einen oder anderen todesmutigen Lindwurm, der sich, in einem Anfall von Heldentum, aus seinem Haus gewagt hatte. Noch war ihm, abgesehen von den drei Idioten vorm Tor, nicht ein einziger Mensch begegnet, doch er konnte bereits die Rufe seiner Kameraden vernehmen, die ihm verrieten, dass sich die pelzlosen Kreaturen von den oberen Abschnitten der Lindwurmfeste hinab in ihre Richtung bewegten.
Und dann konnte er sie sehen.
Etwa zwanzig von ihnen standen, einige hundert Meter weiter, als perfekt ausgerichtete Reihe quer über die Hauptstraße und hatten die Pistolen geradewegs auf die heran preschenden Zamonier gerichtet.
Rumo sah die Furcht in den Augen seiner Kameraden, sah, wie sie schlitterten und ihren Lauf abbremsten und die Arme schützend vor die Köpfe rissen.
Das durfte er nicht zulassen.
„Nicht stehen bleiben“, brüllte er so laut er konnte. „Lauft immer weiter! Gebt ihnen keine Zeit zum Zielen!“
Damit klemmte er sich im Rennen Löwenzahn zwischen die Zähne, sank hinab auf alle Viere und schoss vorwärts, so dicht wie möglich an den Boden gedrückt, um wenig Angriffsfläche zu bieten. Er hörte das Schwarzpulver in den Pistolen explodieren, spürte, wie die Geschosse ihn nur um wenige Millimeter verfehlten, doch so nah sie ihm auch kamen, sie trafen nicht.
Getrieben von einem pochenden Puls in seinen Ohren streckte Rumo den Körper bei jedem Sprung zur vollen Länge aus und überbrückte so den Abstand zwischen ihm und den Menschen in wenigen, kraftvollen Sätzen. Bei ihnen angekommen nutzte er seinen gesamten Schwung und warf sich frontal in ihre Reihe, dicht gefolgt von einem Wolpertinger und einem Buntbären. Sie schlugen ein wie Kanonenkugeln in eine Strohmauer und schleuderten die Menschen, gegen die sie prallten, gute zehn Meter durch die Luft, bevor sie schließlich mit schmerzverzerrten Gesichtern auf den Pflastersteinen aufschlugen.
Blöderweise flog Rumo, mitgerissen von seinem Schwung, auf direktem Wege hinterher und überschlug sich einige Male, bevor er sich fluchend wieder aufrichtete. Das würde ein paar hässliche blaue Flecken geben!
Seine Mitstreiter hatten unterdessen etwa ein halbes Dutzend Feinde am Schlafittchen gepackt und kurzerhand über die nahen Zinnen geworfen und machten sich nun daran, die verbliebenen so gut es ging zu entwaffnen. Immer wieder fielen Schüsse und Rumo musste entsetzt mit ansehen, wie zwei Buntbären wimmernd zu Boden gingen. Er wollte helfen, wollte sich um sie kümmern, doch aus dem Augenwinkel sah er, wie auch auf seinen Kopf bereits gezielt wurde. Gerade noch rechtzeitig lehnte er sich zur Seite, spürte das Geschoss an seinem Ohren vorbei sirren und schleuderte Löwenzahn in einer einzigen fließenden Bewegung in die Richtung, aus der es kam, in der Hoffnung, dass seine Freunde trafen.
Die Zwillingsklinge drehte sich zwei mal im Flug und durchbohrte dann sauber die Brust des Menschen, der röchelte, ein paar Schritte nach hinten taumelte und schließlich rückwärts umkippte.
Rumo sprang seinem Schwert hinterher, um es schnell wieder aus der Wunde zu reißen.
„Iiiieeehh!“, machte Löwenzahn, als sich ein Schwall Blut über Jacke und Fell des Wolpertingers ergoss. „Das ist ja sowasvon absolut und total ekelig! Mach das nie wieder, in Ordnung?“
„Kann ich nicht versprechen“, antwortete Rumo laut, dem gerade herzlichst egal war, ob ihn jemand hörte. Ein weiterer Mensch hatte seine Waffe gegen ihn erhoben, sodass ihm nur wenige Sekunden Zeit blieben auf ihn zuzulaufen, ihn zu packen und mit dem Kopf voran in eine Hauswand zu rammen.
‚So weit, so gut‘, überlegte er, als er sah, dass der Rest seines Stoßtrupps kurzen Prozess mit den verbleibenden Besetzern machte. ‚Das war einfach.‘
„Überraschend einfach“, stimmte Grinzold zu. „Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht mit uns gerechnet haben, aber das kann nicht ihre volle Stärke sein.“
‚Mir egal, woran es liegt‘, dachte Rumo zurück. ‚Solange sie sich von hier verziehen.‘
Von allen Enden der Lindwurmfeste war nun Geschrei, Waffengerassel und dumpfes Schlagen zu hören. Offenbar waren die Fronten auch auf den anderen Wegen aufwärts aufeinander getroffen und auch Rumos Begleiter hatten bereits einen neuen Trupp Menschen ins Visier genommen - eine Reihe Armbrustschützen einige Zinnenreihen über ihnen.
Der Wolpertinger sah ihnen kurz nach, wie sie behände an den Häuserwänden empor kletterten, dann setzte er seinen eigenen Weg die Hauptstraße empor fort.
Immer wieder kamen ihm von allen Seiten bewaffnete Lindwürmer entgegen, die scheinbar aus dem Nichts, in Wahrheit wohl aber aus den etlichen Höhlen im Inneren der Lindwurmfeste hervor strömten. Mythenmetz hatte offenbar ganze Arbeit geleistet, seine Artgenossen im Stillen aufzuwiegeln und zu rüsten, das musste Rumo neidlos anerkennen. Auch wenn er es der behäbigen Echse nicht wirklich zugetraut hätte.
„Sei vorsichtig“, ermahnte ihn Grinzold und wirkte für ihn untypisch besorgt. „Hier ist alles extrem verwinkelt, der Perfekte Ort für einen Hinterhalt. Diese Biester sind klein, die könnten wirklich überall stecken. Und wenn sie dich aus dem Dunkel mit ihren kleinen Schieß-Stöckchen erwischen, ist Zapfenstreich.“
‚Schon klar.‘
Rumo lief immer weiter aufwärts, wobei er nicht selten einem Pfeilhagel oder auch einem kompletten, durch die Luft segelnden Menschen ausweichen musste, doch das überließ er in diesem Moment vertrauensvoll seinen Kameraden. Auf seiner Agenda ganz oben stand nun Mythenmetz zu finden und von ihm zu erfahren, wie die Lage weiter oben in der Feste aussah und ob es den Alchimisten gelungen war, alle nötigen Materialien für ihren Plan aufzutreiben.
„Was machen wir eigentlich, falls sie das nicht haben?“, fragte Löwenzahn ängstlich, doch Grinzold schnaubte nur verächtlich.
„Dann machen wir‘s auf die gute alter Tour!“, rief er. „Immer man rein in die Fr...“
Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment stürzten zwei Schatten auf Rumo zu, sodass der sich gerade noch wegducken und sein Schwert schützend vors Gesicht halten konnte. Ein Armbrustbolzen prallte mit einem metallischen Schaben am gehärteten Stahl ab und viel zu Boden.
„Ich hab‘s ja gesagt!“, brüllte Grinzold. „Schnell, Kleiner!“
Rumo überblickte die Lage mit kampferprobtem Blick. Zwei Menschen hatten ihn von vorne und hinten eingekreist und richteten ihre Waffen auf ihn, der eine eine Armbrust und der andere eine von ihren Pistolen.
Der würde der erste sein.
Der Wolpertinger machte einen Satz nach vorn, packte den Menschen mit der Pistole am Arm und riss ihn über seinen Kopf hinweg, sodass er eine galante hundertachtzig Grad Flugbahn beschrieb und dann mit voller Wucht auf dem Kopfsteinpflaster der Hauptstraße aufschlug. Er gab einen entsetzten Laut von sich und ließ seine Waffe fallen, die Rumo mit einem ungerichteten Tritt weit außerhalb seiner Reichweite beförderte.
„So nicht“, knurrte der Mensch, nachdem er sich wieder sortiert hatte und rappelte sich taumelnd auf. Dann zog er ein Schwert aus seinem Gürtel und stürmte unter wildem Geschrei auf den Wolpertinger zu, der Löwenzahn gezogen hatte und seinen Angriff gekonnt parierte, indem er die Klinge genau in dessen mittigen Spalt gleiten ließ. Als er sie dort wusste, drehte er sein Handgelenk exakt so weit, dass die Hebelwirkung ausreichte, um seinem Gegner das Schwert aus der Hand zu reißen und es den nächsten Abhang hinab zu katapultieren.
„Hoffentlich trifft es keinen von uns...“, bemerkte Löwenzahn zaghaft. „Das wäre, um es mal so auszudrücken, kontraproduktiv.“
„Kontra-was?“
‚Er meint, das wäre blöd, Grinzold.‘
„Achso. Ja. Da hat er recht.“
Dem Menschen war inzwischen aufgefallen, dass ihm keine Waffe mehr blieb und er sich nun praktisch ungeschützt einem ausgewachsenen Wolpertinger gegenüber sah. „Oh verdammt“, stammelte er, trat einige unschlüssige Schritte rückwärts, drehte sich dann um und rannte, als sei der Teufel persönlich hinter ihm her.
„Gut“, knurrte Rumo. „Nun zu dir.“
Er wandte sich dem verbleibenden Menschen zu, der immer noch seine gespannte Armbrust auf ihn gerichtet hielt, wohl unschlüssig, ob er nun schießen sollte oder doch eher um sein Leben rennen.
Nun, Rumo würde beides nicht zulassen.
Er stürzte sich auf den einsamen Kämpfer und schlug ihn mit einem einzigen Prankenhieb zu Boden, wobei er, ganz entgegen dem Verhalten eines zivilisierten Wolpertingers, seine Krallen tief in dessen Kehle bohrte. Doch sehr zu seiner Verwunderung, schrie der Überwältigte nicht, sondern grinste nur mit blutverschmierten Zähnen zu ihm herauf und starrte ihn aus halb geöffneten Augen spöttisch an. „Überraschung, Zamonier“, brachte er zusammen mit einem Schwall Blut hervor. „Ihr seid vielleicht stark, aber wir sind clever.“ Dann verlor er das Bewusstsein und sein Kopf sank schwer zur Seite.
Rumo blinzelte. Überraschung?
Dann begriff er.
Er begriff, dass er einen Fehler gemacht hatte.
Er sah nach oben und wusste in dieser Sekunde, dass es das letzte sein würde, was er tat, denn Zeit, um sich zu wehren, blieb nicht mehr. Der Mensch war bereits von den oberen Zinnen gesprungen, die Pistole im Anschlag und den Finger am Abzug, bereit, sein Leben hier und jetzt zu beenden.
Rumo atmete tief ein und bereitete sich auf die Schmerzen vor, die nun unweigerlich folgen würde.
Plötzlich stürzte etwas aus dem Himmel.
Nein, nicht der Mensch, etwas anderes. Etwas Größeres.
Es passierte so schnell, dass Rumo eine Weile brauchte, um zu begreifen, was sich vor seinen Augen abspielte - bevor er überhaupt die Chance hatte zu reagieren, packte eine große, vogelartige Kreatur den Menschen mit ihren Klauen und schleuderte ihn gegen eine nahegelegene Wand, wo er wie ein nasser Sack abprallte und zu Boden fiel.
Der Wolpertinger taumelte ein paar Schritte zurück. Was passierte hier gerade?
Der große Vogel schlug noch einmal mit den mächtigen Schwingen und setzte dann direkt vor Rumo zur Landung an, so dass dieser schließlich erkannte, dass es überhaupt kein Vogel war, der ihm soeben das Leben gerettet hatte. Es war ein etwa zehn Meter langer, rostroter Flugsaurier mit grimmigem Blick und... war das eine Brille?
Doch Rumo kam nicht dazu, sich über die seltsame Sehhilfe des Reptils zu wundern, denn noch viel erstaunlicher war, was, oder besser gesagt wer auf dessen Rücken Platz genommen hatte und ihm nun fröhlich grinsend zuwinkte.
Blaubär!
Rumo klappte der Unterkiefer herunter.
Der Buntbär hatte seinen Pelz, anders als seine Artgenossen, nicht mit Schlamm bedeckt, doch offensichtlich war das auch nicht nötig gewesen, denn kilometerweit über dem zamonischen Erdboden hatte wohl niemand nach ihm gesucht. Während die restlichen Bewohner Baumings sich in kleinen Trupps über die Hochebene von Dull bewegt hatten, war er offenbar hoch über ihren Köpfen gesegelt und hatte sie von dort aus koordiniert – fantastisch, fand Rumo.
Ein wenig sauer war er trotzdem. Hätte Blaubär nicht vorher mal erwähnen können, dass er über ein persönliches Fluggerät verfügte? Hätte sich in der Planungsphase eventuell als nützlich erweisen können.
Der Flugsaurier setzte auf dem Boden auf, faltete die Schwingen zuseiten seines Körpers und senkte den Kopf, sodass sein Reiter sicher an seinem Hals hinab gleiten konnte.
„Rumo!“, rief Blaubär und lief auf seinen Kameraden zu, um ihn kurz aber herzlich zu umarmen. „Es klappt alles! Ist das nicht fantastisch?“
Rumo ignorierte ihn. „Was, bei Hel, ist das?“, fragte er und deutete wie hypnotisiert auf den riesigen Saurier, der sich davon nicht weiter stören ließ. Vielleicht erlebte er eine solche Reaktion öfter.
Blaubär trat einen Schritt zurück und verschränkte, nicht ohne einen gewissen Stolz, die Arme vor der Brust.
„Rumo, darf ich vorstellen: Das ist Deus X Machina, ein Rettungssaurier und guter Freund von mir. Mac, das ist Rumo von Zamonien.“
„Freut mich, Rumo von Zamonien“, sagte Deus X Machina und lächelte freundlich.
„Äh, ja“, antwortet Rumo, der immer noch nicht ganz fassen konnte, was er gerade vor sich sah. Flog Blaubär wirklich auf einem riesigen Saurier? Und er war zu Fuß reinmarschiert? Wie langweilig! „Freut mich auch... äh...“
„Mac. Ist einfacher.“
„Mac.“
Plötzlich fiel dem Wolpertinger etwas auf. „So hast du es gemacht!“, rief er aus. „So bist du auch schon damals in die Feste gekommen, als die Lindwürmer mich gefangen hatten!“
Blaubärs Grinsen wurde noch ein paar Nummern breiter. „Du hast es erfasst.“
Rumo ließ die Schultern hängen. „Weißt du eigentlich, wie viel Herumgelaufe es uns erspart hätte, wenn wir von Anfang an auf diesem Ding -“
Mac räusperte sich geräuschvoll.
„Entschuldigung. - auf diesem Rettungssaurier geflogen wären?“
„Und weißt du auch“, mischte sich Mac nun ruhig aber bestimmt ein, „dass ich kein fliegendes Taxi bin? Ich transportiere nicht einfach irgendwen x-beliebiges von A nach B.“
„Du fliegst Blaubär!“
„Ausnahmsweise!“, ging Blaubär dazwischen. „Ich habe ihn gebeten, uns zu helfen, weil es uns einen taktischen Vorteil bringen könnte, und er hat ja gesagt. Sei dankbar dafür, Rumo.“
„Ich meine ja nur“, schmollte der Wolpertinger.
„Da seit ihr ja!“, rief da plötzlich eine Stimme von irgendwo hinter ihnen und Sekunden später kam Mythenmetz aus einer der Seitengassen gestürzt. Sein Umhang war angesenkt und qualmte munter vor sich hin, das Monokel, das der Lindwurm sonst immer so hegte und pflegte, baumelte zerbrochen am Ende der Goldkette und einer seiner Flügel stand seltsam ab, offenbar gebrochen.
„Mythenmetz!“, rief Blaubär und Rumo fragte: „Alles in Ordnung? Du siehst ziemlich lädiert aus.“
„Jaja, alles gut, alles gut“, winkte der Schriftsteller hektisch ab. „Die Menschen ziehen sich zurück. Ihr sollt zur Spitze kommen, Succubius und Echo sind bereit.“
Rumo und Blaubär nickten simultan.
Die beiden Alchimisten hatten sich, während um sie herum der Kampf um die Lindwurmfeste tobte, in Mythenmetz‘ Anwesen auf der höchsten Ebene der Lindwurmfeste verschanzt und begonnen, das Herzstück ihrer Apparatur vorzubereiten: Zwei riesige Elektroden, die in den Himmel ragen und die erzeugte Vis Vitalis ähnlich einem Blitzableiten umlenken sollten, damit sie sich über den gesamten Kontinent verteilte.
Und tatsächlich: Als Rumo nach oben sah, erkannte er, wie sich zwei eiserne Masten von der Spitze des Berges aus in den zwielichtigen Himmel erhoben und unter jeder der seltenen Windböen bedrohlich schwankten. Nicht gerade sicher, überlegte er, aber mit etwas Glück würden sie wohl ohnehin nicht lange durchhalten müssen.
„Nach oben?“, rief Mac und zuckte mit seinem langen Schweif, wobei er fast einen vorbei eilenden Wolpertinger umgerissen hätte. „Springt auf!“
„Ich dachte, du fliegst nicht einfach jeden von A nach B?“, stichelte Rumo, verstummte jedoch angesichts Blaubärs vernichtendem Blick.
„Du kannst auch laufen, wenn du möchtest. Etwa drei Kilometer, immer schön nach oben. Gar nicht zu verfehlen.“
„Habs mir überlegt.“
Mac gluckste zufrieden und senkte dann den Kopf. „Komm an Bord, Wolpertinger“, sagte er amüsiert. „Diesen Flug gibt es gratis. Du auch, Lindwurm.“
„Fliegen?“, fragte Mythenmetz und wurde augenblicklich etwas blass um die Nüstern. „Wirklich?“
„Ich bin ein Rettungssaurier“, brummte Mac lächelnd. „Wenn du runter fällst, habe ich einige Übung darin, dich wieder aufzufangen, Dicker. Aber sei gewarnt: Ich warte bis zur letzten Sekunde.“
Mythenmetz seufzte. „Wie erbaulich.“ Dann folgte er Rumos Beispiel und kraxelte ungelenk hinter seinen beiden Verbündeten auf den breiten Hals des Flugsauriers, wo er umgehend beide Klauen in der Lederjacke des Wolpertingers versenkte. „Au!“, machte der überrascht.
Blaubär, der ganz vorne saß, klopfte Mac zwei Mal mit der flachen Pfote auf die Schuppen. „Wir sind soweit.“
„Verstanden.“ Mac spreizte die Schwingen, kegelte dieses Mal tatsächlich einen Buntbären um, der staunend stehen geblieben war, und hob dann mit einem einzigen kraftvollen Schlag ab.
Rumo gab einen Laut der Überraschung von sich, als er spürte, wie die sehnigen Muskeln unter ihm zu arbeiten begannen, und wusste für einen kurzen Moment nicht, was er schlimmer finden sollte: Dass alles um ihn herum wackelte oder dass sich der Boden mit einer derart rasanten Geschwindigkeit von ihnen entfernte, als hätte jemand die Erde kopfgestellt und sie fielen hinunter.
Er krallte sich mit aller Macht in die faltigen Schuppen an Macs Hals, um nicht tatsächlich zu fallen, und betete, dass er nicht auf diese Art und Weise sein Ende finden würde.
„Ach du meine Güte“, presste Mythenmetz hinter ihm mit angehaltenem Atem hervor und das, fand Rumo, fasste es ganz gut zusammen.
Trotz der zusätzlichen Last auf seinen Schultern glitt Mac mit erstaunlicher Eleganz die gewundene Außenfassade der Lindwurmfeste empor und gewährte seinen Reitern so einen beeindruckenden Überblick über die Geschehnisse. Überall in den kleinen Gassen und größeren Straßen wurden kleine Schlachten ausgefochten, doch nach allem, was Rumo sah, schienen die Zamonier den Menschen in Zahl und Können weit überlegen. Sie trieben die kleinen Kreaturen nach und nach aus ihren Verschanzungen den Berg hinab, um sie schließlich durch das zerborstene Eingangstor flüchten zu sehen.
Es gab offenbar einige Verletzte und auch Tote zu beklagen, doch die meisten davon auf der Seite der Feinde, von denen immer wieder der eine oder andere schwungvoll den steilen Abhang hinunter befördert wurde. Mac konnte gerade noch ausweichen, als ein Menschenmann schreienderweise an ihnen vorbei ins Leere stürzte und Rumo überlegte kurz, ob es den Rettungssaurier eigentlich Überwindung kostete, ihm nicht hinterher zu fliegen.
Falls dem so war, ließ er es sich zumindest nicht anmerken.
Als sie schließlich über die Spitze der Lindwurmfeste hinweg glitten, streckte Mythenmetz leicht zitternd eine Klaue aus und deutete auf ein kleines Plateau, auf dem zwei beeindruckende Gebäude und ein Steingarten Platz fanden. „Da!“, keuchte er. „Wir sind da. Landen! Bitte!“
„Aye, aye“, gluckste Mac, zog noch einen ausschweifenden Kreis durch die tief hängenden Wolken, von dem Rumo vermutete, dass er nicht ganz notwendig gewesen wäre, und ließ sich dann langsam hinab sinken, bis er letztendlich sanft zwischen einigen dekorativen Steingebilden aufsetzte. Dort senkte er den Hals, sodass seine traumatisierte Fracht unbeholfen zu Boden taumeln konnte.
Rumo konnte sich nicht helfen - der Boden fühlte sich wunderbar massiv unter seinen Pfoten an, ein Gefühl, dass Mythenmetz offenbar gut nachvollziehen konnte, denn er ließ es sich nicht nehmen in einem kurzen Moment der Schwäche einen nahen Stein zu umarmen. „Oh Götter...“
Blaubär schwang sich demonstrativ leichtfüßig von Macs Rücken und grinste breit. „So schlimm?“, wollte er wissen.
Mythenmetz lehnte sich gegen seinen neuen Freund den Stein. „Schlimmer!“
Rumo schüttelte das schummerige Gefühl in seinen Beinen ab und sah sich um. Sie standen direkt unterhalb der Spitze der Lindwurmfeste auf einem großen Felsplateau, von dem aus man einen atemberaubenden Blick auf Loch Loch und weit darüber hinaus in die zamonische Wildnis hatte. Hier lebte er also, der größte Schriftsteller des Kontinents - extravagant und exklusiv, ganz, wie es zu erwarten war.
Doch das war nicht das, worauf es hier und heute ankam. Viel bemerkenswerter war nämlich die alchimistische Konstruktion, die sich von dem Dach des kleineren der beiden Häuser erhob. Von Nahem wirkten die etwa fünfzehn Meter hohen, kupferfarbenen Antennen, als hätte jemand dem flachen, einstöckigen Häuschen seltsame, mechanische Hörner aufgesetzt. Sie waren an ein wildes Gewirr an Drähten und kleinen Messgeräten angeschlossen, die allesamt durch die geöffneten Panoramafenster in das Zimmer darunter liefen, von wo aus immer wieder ein seltsames Sirren zu hören und flackernde Lichter leuchten zu sehen waren.
„Oh je“, jammerte Mythenmetz, als er sah, was unweit ihres Landeplatzes vor sich ging. „Was haben sie nur mit meinem schönen Atelier gemacht!“
Blaubär legte eine Pfote über die Augen und spähte an den Antennen empor. „Wie, bei allem was Heilig ist, haben die diese Dinger aufgestellt?“
Das war eine berechtigte Frage, fand Rumo.
„Es sind Teleskopstangen. Sie werden von unten über einen Hebel ausgefahren.“
Mythenmetz, Blaubär und Rumo drehten sich um. Echo kam aus der breiten Glaseingangstür des Hauses getreten, das Mythenmetz als sein Atelier bezeichnet hatte. Er trug einige Kupferkabel um den Hals und hatte sich einen Werkzeuggürtel umgeschnallt, an dem allerdings nicht ein einziges Werkzeug hing, das Rumo auf Anhieb hätte zuordnen können. Ein breites Grinsen lag auf seinem jugendlichen Gesicht, als er mit federndem Schritt auf seine Freunde zu lief. „Schön zu sehen, dass ihr wohlauf seid! Bis jetzt scheint ja alles glatt zu gehen.“
„Es ist auch gut dich zu sehen“, antwortete Blaubär und wuschelte Echo mit flinker Pfote durch die Haare, was der irgendetwas zwischen schmeichelhaft und überhaupt nicht lustig fand. Schnell strich er sich die blaugrauen Strähnen wieder zurecht.
Dann fiel der Blick des jungen Alchimisten auf Mythenmetz und das Grinsen verschwand von seinem Gesicht. „Du meine Güte, was ist mit deinem Flügel passiert?“
Mythenmetz schrak auf und versuchte, auf seinen Rücken zu blicken, wobei er sich mehrfach um die eigene Achse drehte. „Wieso? Was ist los? Was ist mit meinem Flügel?“
„Du.... hast es nicht bemerkt?“ Echo zog eine Augenbraue hoch und trat an den Lindwurm heran, um einen genaueren Eindruck von dessen lädierter Rückseite zu bekommen. „Ich würde sagen, er ist gebrochen. Versuch ihn mal zu bewegen.“
Mythenmetz tat wie ihm geheißen und schrie nur Sekunden später überrascht auf. „Au! Was zum...? Wie ist das passiert?“
„Woher sollen wir das denn wissen?“, lachte Echo und sah sich das Dilemma noch einmal von allen Seiten an. „Komm mit rein, ich schiene ihn dir.“ Er wandte sich zum Gehen und winkte dabei Rumo und Blaubär zu sich heran. „Ihr auch. Ihr könnt euch nützlich machen. Sobald wir grünes Licht von unten kriegen, das alle Menschen raus sind, beginnen wir mit dem Aufbau des Luxoskops.“
„Luxoskop?“, fragte Rumo, während er gehorsam hinter Echo her trottete. „Hat das was mit Luxus zu tun?“
Wieder lachte Echo. „Mit O, Rumo, nicht mit U. Es kommt von ‚Lux‘, dem Wort für Licht in der alten Sprache der Menschen. Succubius hat es so genannt.“
„Eine Erfindung, die er nicht nach sich selbst benannt hat?“, kommentierte Mythenmetz etwas spöttisch. „Das ist ja fast bescheiden nach großen Errungenschaften wie dem Eißpin‘schen Konservator und dem Eißpinisieren alchimistischer Geräte.“
Rumo beschäftigte etwas anderes. „Wieso heißt es nach einem Wort der Menschen?“, fragte er etwas irritiert. „Sollten wir das Gerät, das uns vor den Menschen retten soll, nicht nach etwas Zamonischem benennen?“
„Zum Beispiel?“
„Ähm.... großes.... Licht-Dingens?“
Echo sah ihn amüsiert von der Seite an. „Weißt du, zufällig war genau das unsere zweite Wahl. Luxoskop hat nur ganz knapp mit zwei Stimmen Vorsprung gewonnen.“
„Ernsthaft? Mit nur zwei.... oh.“ Rumo knirschte betreten mit den Zähnen und sah zu Boden, als seine Freunde zu kichern begannen.
Sie betraten nacheinander das Atelier, Echo vorweg, dicht gefolgt von Mythenmetz, der immer noch ungläubig nach seinem Flügel tastete, danach Blaubär und schließlich ein leicht beleidigter Rumo.
Es war ein einziger, rechteckiger Raum, groß genug, dass man, so vermutete der Wolpertinger, seine gesamte Wohnung hinein bekommen hätte, und das ohne größere Anstrengung. Zwei seiner Wände waren mit decken-hohen Bücherregalen zugestellt, die bis auf den letzten Millimeter vollgestopft waren mit genug Folianten, um eine kleinere Bibliothek damit auszustatten. Die anderen beiden Wände wurden komplett von riesigen, in weißen Holzrahmen eingefassten Fenstern eingenommen, die die beiden Alchimisten geöffnet hatten, um die notwendigen Drähte für ihre Apparatur hindurch zu führen.
Ein mächtiger Eichenholzschreibtisch mit endlos vielen Schubladen und Fächern, der wohl für gewöhnlich seinen Platz in der Mitte des Raumes hatte, war beiseite geschoben und unter einer Fülle von alchimistischem Gerät begraben worden. Jemand hatte Tafeln und Kartenhalter aufgestellt und sie mit Formeln und allem möglichen anderen unleserlichem Gekrakel bedeckt, das, so vermutete Rumo unfassbar wichtig sein musste.
Den Großteil des geräumigen Zimmers nahm aber eine mannshohe, golden schimmernde  Gestängekonstruktion ein, in dem der unübersichtliche Wust aus Drähten und Kabeln verschwand und in dessen Zentrum ein würfelförmiges Gebilde aus bläulich schimmerndem Glas hing, das gerade von Eißpin in offenbar höchster Konzentration in Position gebracht wurde.
„Bevor ihr fragt“, begrüßte sie der alte Alchimist, als er ihre Anwesenheit bemerkte, ohne aufzusehen, „es ist ein Tesserakt. Einer von nur drei in ganz Zamonien, wahrscheinlich sogar auf der ganzen uns bekannten Welt.“
„Aha“, antwortete Blaubär nüchtern und kam Rumo damit zuvor. „Wir hätten zwar nicht gefragt, aber danke. Und was genau ist ein Tesserakt?“
Während sein ehemaliger Meister zu erklären begann, kramte Echo aus den Tiefen einer Tasche Verbandszeug hervor und begann Mythenmetz‘ angeschlagenen Flügel zu behandeln.
„Einem Tesserakt wird generell eine nahezu magische Wirkung nachgesagt“, dozierte Eißpin. „In der Mythologie gilt er oftmals als Quelle großer Kraft oder großer Zerstörung. Mathematisch betrachtet ist ein Tesserakt allerdings nichts weiter als ein vierdimensionaler Würfel. Wie ein ganz normaler Würfel, nur eben eine Dimension mehr. Quadrat, Würfel, Tesserakt. So kann man sich das vorstellen. Oder auch nicht. Denn wir sind dreidimensionale Wesen. Wir können uns eine vierte Dimension nicht vorstellen. Wir können sie nur berechnen.“
‚Ich kann vielleicht berechnen, wie viel zwei Wurstbrötchen kosten, das ist aber auch schon alles‘, dachte Rumo bei sich.
„Woher also weiß man, dass es ein Tesserakt ist?“, fragte Mythenmetz, während Echo eine Holzschiene außen an seinem Flügel anbrachte, um ihn zu stabilisieren.
Eißpin gab den Würfel - dem Tesserakt - noch einen letzten Stups in der linken unteren Ecke, dann schien er zufrieden und wandte sich den Angekommenen zu. „Gute Frage! Die Antwort ist Licht. Wenn man einen Tesserakt mit Lichtwellen beschießt, reflektiert er minimal weniger als ein normaler Würfel es würde. Das fehlende Licht wird in die vierte Dimension abgeleitet. Und genau das machen wir uns zunutze. Indem wir den Tesserakt mit Unmengen Licht bestrahlen, erzeugen wir in unserer dreidimensionalen Dimension eine Art zusätzlichen energetischen Unterdruck, der...“
„Schon gut, hör auf!“, stöhnte Mythenmetz und massierte sich den Kopf. „Mit platzt ja allein von der Vorstellung eines vierdimensionalen Würfels fast das Gehirn!“
Eißpin grinste selbstzufrieden. „Es funktioniert. Hoffentlich. Mehr müsst ihr nicht wissen.“
„Hoffentlich“, wiederholte Rumo leise. „Sicherlich wäre mir lieber.“
„Sicherlich wäre uns allen lieber“, gab Eißpin reserviert zurück.
Blaubär ließ die Schultern kreisen. „Also, was nun? Bauen wir nun das Luxo-Dings?“
Der Alte nickte. „Sobald ihr das Signal von unten wittert, dass wir freie Bahn haben. Wir dürfen nicht riskieren, dass uns jemand in die Quere kommt. Nur ein Fehler in der Konstruktion und der ganze Plan war für die Katz.“
„Können wir uns auf eine andere Redewendung einigen?“, fragte Echo, der inzwischen fertig war mit Verarzten und Mullbinden und Salben wieder ordnungsgemäß verstaute. „Das ganze ist nicht wirklich schmeichelhaft, weißt du...“
„Entschuldigung, hatte ich für den Moment vergessen.“
Mythenmetz war unterdessen zum geöffneten Fenster des Ateliers herüber gegangen und nun schon eine ganze Weile damit beschäftigt, stumm nach draußen zu blicken.
Zunächst dachte Rumo, er sinniere kurz über die Zukunft Zamoniens oder - viel wichtiger! - seine eigene, doch nach und nach erkannte der Wolpertinger, dass irgendetwas seine volle Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, so gefesselt starrte er auf einen Punkt und zuckte dabei immer wieder unruhig mit seinem einen unverletzten Flügel.
Er trat neben ihn. „Ist irgendetwas da draußen?“, fragte er und studierte ebenfalls die ausgestorbenen Straßen unter ihnen. Alles schien ruhig.
„Hmm....“, machte Mythenmetz. „Ich meine, ich hätte vorhin etwas gesehen, als Echo mich verbunden hat...“
„Rumo?“, rief Echo in dieser Sekunde und winkte seinen Kameraden zu sich ans andere Ende des Raums herüber, wo einige großen Linsen gestapelt lagen. Natürlich, sie hatten keine Zeit ans Rumstehen zu verlieren.
„Hör zu“, erklärte er, nachdem Rumo zu ihm herüber geeilt war, und drückte ihm ein Pergament in die Pfote. „Sobald wir das Signal erhalten, wirst du ein Paar von denen nehmen und zu den Punkten bringen, die wir auf dieser Karte markiert haben. Dort kannst du sie einfach ablegen, ich komme dann vorbei und erledige den Rest. Alles klar?“
„Klar!“, nickte Rumo und machte sich daran, die etwa handtellergroßen Glasscheiben aufzuheben und in einem Leinenbeutel zu verstauen, den Echo ihm reichte.
Auch Blaubär bekam einen solchen Beutel und ein Pergament zugeteilt und begann ebenfalls, sich mit alchimistischen Utensilien zu beladen.
„Da! Da ist es wieder!“
Um ein Haar hätte Rumo mit der Glaslinse, die er in der Pfote hielt, Diskuswerfen geübt, so sehr ging ihm der plötzliche Ausruf Mythenmetz‘ durch Mark und Bein. Schnell legte er beiseite, was er trug, und sah auf.
Der Lindwurm gestikulierte hektisch mit den ausgebreiteten Klauen und deutete auf etwas auf der anderen Seite des Fensters. „Schnell, seht euch das an!“
Rumo, Blaubär, Echo und auch Eißpin blickten einander für einen kurzen Moment ratlos an, dann stürzten zu ihrem Verbündeten herüber und spähten neben ihm durch das geöffnete Fenster, um herauszufinden, was ihn derart in Aufregung versetzte.
Zunächst dachte der Wolpertinger, Mythenmetz hätte sich geirrt, hätte Gespenster gesehen, schien doch alles nach wie vor sehr ruhig zu sein. Dann jedoch sah er, was er sehen sollte und sein Atem stockte.
Ein einzelner Mensch kam die verlassene Hauptstraße der Lindwurmfeste empor gerannt, eingehüllt in ihre typischen Leinenroben und bewaffnet mit einer Armbrust. Offenbar hatte er sich von den Horden an Wolpertingern und Buntbären, die sich im unteren Teil der Feste herum trieben, nicht im Geringsten beeindrucken, geschweige denn aufhalten lassen, doch was Rumo am meisten beunruhigte, war die Zielstrebigkeit, mit der er sich bewegte.
Er kam direkt auf sie zu.
Auch seine Kameraden starrten wie gebannt aus dem großen Fenster und verfolgten den Kurs des Menschen mit irritiertem Blick. Keiner von ihnen brachte ein Wort heraus - jeder schien sich zu fragen, wie genau sie nun reagieren sollten. War dieser Mensch gefährlich? Oder spielte er für seine Rasse den selbstmörderischen Helden? War es eine Mischung aus beidem?
„Ich habe keine Ahnung, was das werden soll“, sagte Eißpin schließlich und sprach ihnen damit allen aus der Seele. „Aber ich befürchte, das bedeutet Ärger.“
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