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Rumo und die Wahrheit der Alchimisten

von -Echo-
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Blaubär Hildegunst von Mythenmetz Rumo von Zamonien
30.06.2010
22.03.2015
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30.06.2010 5.336
 
Um Rumo herum herrschte Totenstille.
Nicht im sprichwörtlichen Sinne, nein. Dies war wirklich und wahrhaftig jene Stille der Toten, die zwar nicht vollkommen geräuschlos war, einem aber wesentlich mehr Angst einjagte, als es absolute Stille je könnte.
Wolperting war immer eine sehr lebendige Stadt gewesen, ein Abbild ihrer fröhlichen Bewohner und der positiven Lebenseinstellung, die man hier pflegte. Überall hörte man Wolpertinger reden, lachen, feilschen oder auch einfach vor sich hin summen, Kinder spielten kreischend in den schmalen Gassen und irgendwo war grundsätzlich jemand am heimwerkeln. Es war die heimelige Melodie eines Dorfes, die Rumo mit den Monaten kennen und lieben gelernt hatte und nach der er sich zurück sehnte, wann immer er im viel zu lauten Atlantis Schlaf zu finden versuchte.
Doch nun war sie verstummt.
Einzig das beständige Rauschen der Wolper hallte unwirklich in der Leere wieder, fast schon demonstrativ unbeeindruckt von der spürbaren Angst.
Eißpin hatte Rumo direkt unterhalb der Horthbrücke abgesetzt, einem Ort, wo man am ehesten davon ausgehen konnte, nicht von entsetzten Gesichtern erwartet zu werden, wenn man urplötzlich scheinbar aus dem Nichts auftauchte. Und wenn sich dort unerwarteterweise doch jemand aufhielt, so war es sehr wahrscheinlich, das derjenige ohnehin einmal zu oft am falschen Pilz gekaut hatte.
Der Wolpertinger wartete, bis sich das flaue Gefühl der Dimensionslochreise einigermaßen gelegt hatte, dann sah er sich um.
Glücklicherweise war er tatsächlich allein, abgesehen von einer fetten Ratte, die ihn mit verwunderten schwarzen Augen aus einem Riss im Brückenfundament heraus anstarrte, doch die konnte ihm mehr als egal sein. Wichtig war, dass niemand bemerkt hatte, dass er wieder hier war. Das letzte, was er jetzt gebrauche konnte, war ein Tumult, gerade dann nicht, wenn die Belagerungstruppen der Menschen es bereits vor die Tore der Stadt geschafft hatten.
Rumo schloss die Augen und ginge die nächsten Schritte noch einmal kurz im Kopf durch, um sicher zu gehen, dass sie bei der Planung nichts außer Acht gelassen hatten. Das genügte, um den Kampfgeist in ihm zu wecken.
Zeit, die Dinge ins Rollen zu bringen.
Er holte tief Luft, hörte Grinzold sagen „Das gefällt mir nicht, das gefällt mir ganz und gar nicht!“ und ließ sich dann mit dem Rücken voran in die Wolper fallen.
Sofort ergriff die starke Strömung von seinem Körper Besitz, riss ihn mit sich an Wolpertings dörflichen Fassaden vorbei quer durch das Herz der Stadt.. An den Stellen, an denen das Schilf nicht ganz so hoch gewachsen war, gelang es Rumo einen Blick in die ausgestorbenen Gassen zu erhaschen, doch überall bot sich ihm das gleiche Bild: Verriegelte Häuser, verschlossene Fensterläden, verlassene Marktstände. Hier und da trieb der Wind Papierfetzen über die Pflastersteine, als stumme Erinnerung daran, dass hier tatsächlich einmal vor gar nicht allzu langer Zeit Leben stattgefunden hatte.
Es war ein schmerzvoller Anblick, denn auch wenn es in Buchhaim nicht viel anders ausgesehen hatte, nachdem sie aus dem Katakomben zurück gekehrt waren, wurde Rumo erst in diesem Moment wirklich bewusst, welch dunklen Schatten die Bedrohung durch die Menschen auch auf seine Heimat voraus warf.
‚Wir müssen und beeilen‘, dachte er. ‚Je eher wir Eißpins Plan in die Tat umsetzten, desto besser!‘
Der Fluss machte eine sanfte Biegung, die dem treibenden Wolpertinger sagte, dass er sein Ziel erreicht hatte. Er spannte den Körper an und kraulte zum Ufer herüber, wo er sich unter einigen Mühen am glitschigen Erdboden empor hievte, um dann rasch in der Tarnung des hohen Schilfs zu verschwinden.
Von dort aus spähte er die nahe Straße herunter, zunächst nach links, dann nach rechts und noch einmal nach links, nur um sicher zu gehen. Erwartungsgemäß war niemand in Sicht.
„Wolpertinger sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren“, grummelte Grinzold. „Wenn damals, zu den guten alten Zeiten, jemand drohte unser Dorf anzugreifen, standen wir johlend in den Straßen! Kommt nur!, haben wir gerufen. Und wenn sie dann kamen, haben wir sie zerfetzt! Haben Bettvorleger und Wandbehänge aus ihnen gemacht! Oder sie bei lebendigen Leib gefressen! Hach, glorreiche Tage waren das...“ Er seufzte.
„Du bist ein zermatschtes Gehirn in einem Schwert, wenn ich dich daran erinnern darf“, lästerte Löwenzahn. „Nicht ganz so glorreich, findest du nicht?“
‚Ihr seid beide zermatschte Gehirne in einem Schwert‘, sandte Rumo seinen Freunden grinsend zu. ‚Und wenn ich ehrlich bin, ziehe ich es vor nicht so zu enden. Also bleiben wir bei der guten alten Feiglings-Methode und verstecken uns. Irgendwelche sinnvollen Einwände?‘
„Sicher nicht!“, rief Löwenzahn.
„Pah“, machte Grinzold.
‚Gut.‘
Rumo trat aus dem Schilf hervor auf die Straße und lief dann geradewegs auf einen nahen Hauseingang zu. Dort angekommen fischte er einen kleinen, silbernen Schlüssel aus den Tiefen seiner Jackentasche, dankte kurz den Göttern dafür, dass er trotz all der Strapazen seiner Reise noch dort war, wo er ihn stets deponierte, und schloss auf.
Sofort schlug ihm dieser unfassbar vertraute Geruch entgegen, den er seit Wochen, ja seit Monaten nun schon vermisst und von dem er in all den einsamen Nächten geträumt hatte. Es war der Geruch nach selbst gekochtem Essen, nach halb herunter gebrannten Kerzen, warmen Kissen und zerwühlten Decken, für deren Zusammenlegen man einfach zu faul gewesen war, weil man sie ja doch immer wieder benutze. Der Geruch, den man einfach nicht beschreiben konnte, den man völlig anders wahr nahm als jeder andere, auch wenn man sich im selben Raum befand.
Der Geruch nach Zuhause.
Nach Ralas Zuhause, in Rumos Fall, doch inzwischen war es auch zu seinem Geworden.
Ein paar Sekunden lang stand er im Flur und gab sich ganz den wohligen Empfindungen hin, die sich tief in ihm auszubreiten begannen, dann schloss er leise die Tür hinter sich und trat einige Schritte ins Haus hinein.
Es war vollkommen still.
„Rala? Bist du da?“
Keine Antwort.
Rumo begann ein wenig nervös zu werden. Sie hatte doch wohl nicht versucht auf eigene Faust etwas gegen die aufkommende Bedrohung zu unternehmen, oder? Passen würde es zu ihr, musste er zugeben, wenn auch nur sehr ungern.
„Rala?“, rief er noch einmal in das Halbdunkel des Flurs.
„Wer ist da?“, hallte da plötzlich eine Stimme aus dem oberen Stockwerk die Treppe herunter, die sicher nicht Rala gehören konnte. Dafür war sie eindeutig zu männlich.
Rumo sah die Holzstufen hinauf. Die Spitze eines Degens schob sich langsam in sein Sichtfeld und sehr zu seiner Überraschung aber auch großen Erleichterung hing an dessen anderem Ende niemand anderes als sein ehemaliger Mitbewohner und Stadtfreund Urs vom Schnee.
Als er Rumo am Fuß der Treppe erblickte, ließ er seine Waffe sinken und machte ein Gesicht, als hätte er einen Geist gesehen. „Rumo?“, fragte er leise. „Rumo, bist du das?“
Rumo blinzelte. „Wer soll ich sonst sein?“
Plötzlich ließ Urs den Degen fallen, stürmte auf seinen Freund zu und fiel ihm derart schwungvoll um den Hals, dass sie beide - Rumo mit dem Rücken voraus - gegen die nächste Wand polterten. „Du meine Güte, Rumo! Du lebst!“, rief er dabei. „Ich bin ja so froh!“
Rumo versuchte sich aus der stürmischen Umarmung zu befreien, um wieder etwas Luft zu bekommen. „Uh! Ist ja gut!“ Er lachte. „Natürlich lebe ich. Was hast du denn erwartet?“
Schließlich ließ Urs von ihm ab. „So selbstverständlich ist das gar nicht, weißt du?! Nach allem, was in Atlantis passiert ist, halten dich die meisten hier für tot. Rala ist am Boden zerstört.“
„Rala....“ Rumo erinnerte sich plötzlich daran, dass er nicht wegen des Wiedersehens hier war. Nun, zumindest nicht nur. „Wo ist sie, Urs? Und was machst du überhaupt hier?“
Der kleinere Wolpertinger schritt voran in Ralas gemütliches Wohnzimmer mit dem Kamin und dem alten, aber um so mehr geliebten Sofa. Dort ließ er sich fallen und Rumo tat es ihm in seinem Lieblingssessel gleich.
„Rala ist mit Rolv bei Ornt La Okro“, erklärte Urs. „Sie beratschlagen, wie man die Stadtmauern und -tore von innen verstärken könnte, damit sie einem Angriff standhalten. Sie hat mich geschickt noch ein paar Werkzeuge von euch zu organisieren. Offenbar arbeiten sie dort hinten im Akkord.“
Rumo merkte, wie er sich entspannte. Rala ging es gut, das war eine Last weniger auf seinen schmerzenden Schultern.
„Jetzt bist du aber erst mal dran“, fuhr Urs fort. „Wo warst du die ganze Zeit? Wie konntest du aus Atlantis entkommen? Und wie hast du es hier her geschafft? Man sagt, dass du auf der schwarzen Liste der Menschen stehst. Alle anderen auf der Liste sind doch tot, die Regierung von Atlantis, Professor Nachtigaller, Hildegunst von Mythenmetz...“
„Mythenmetz lebt“, fiel ihm Rumo ins Wort.
Urs riss erstaunt die Augen auf. „Mythenmetz lebt? Wirklich? Woher weißt du das? Er wurde offiziell für tot erklärt!“
Rumo fixierte eine Staubfluse auf den sonst vollkommen sauberen Holzboden. „Ich weiß es, weil ich noch bis vor einigen Stunden mit ihm zusammen war.“
„Du warst bei Hildegunst von Mythenmetz? Wie kommst du denn da hin? Du liest doch nicht einmal seine Bücher!“
„Das ist eine verdammt lange Geschichte, Urs...“ Rumo lehnte sich in dem Sessel zurück und sah seinen irritierten Stadtfreund an. „Hör zu, ich habe nicht viel Zeit. Ich werde dir alles haarklein erzählen, wenn wir alle in Sicherheit sind, das verspreche ich, aber jetzt müssen wir erst einmal etwas unternehmen.“
Urs zuckte neugierig mit den Ohren. „Heißt das, du hast einen Plan?“
„Zumindest etwas in der Art“, nickte Rumo. Aber das erkläre ich später. Ist der Bürgermeister in seinem Büro?“
„Im Ratssaal. Er berät dort mit dem Stadtrat, was wir in der nächsten Zeit tun werden.“
Rumo stand auf. „Sehr gut. Kannst du Rala und Rolv Bescheid geben, dass wir uns in etwa einer Stunde im Rathaus treffen? Dort besprechen wir dann alles Weitere.“
„Geht klar!“ Urs schnellte vom Sofa hoch und war schon halb aus der Tür verschwunden, als Rumo ihm noch eilig nachrief: „Und erzähle niemandem außer den beiden, dass ich hier bin! Je weniger wissen, dass wir etwas planen, desto besser!“

Die große Rathausuhr schlug viertel vor Fünf als Rumo die Flügeltüren aufstieß und mit grimmigem Blick die Eingangshalle durchquerte. Er war auf den Stadtmauern gewesen, um sich Bild davon zu machen, wie weit die Menschen vorgerückt waren, und hatte entsetzt feststellen müssen, dass er ihren kleinen, aber gefährlichen Sturmtrupp schon deutlich wittern konnte. Offenbar lagerten sie bereits wenige Kilometer vor den Toren der Stadt, was die Sache für Rumo nicht gerade einfacher machte. Ihnen lief die Zeit davon.
Der Wolpertinger schritt zielstrebig einige Flure entlang, von denen die Büros der Verwaltungsangestellten der Stadt abgingen, bis er schließlich im hinteren Teil des Rathauses auf eine große, mit einem schmiedeeisernen W verzierte Tür stieß, hinter der sich der große Verhandlungssaal befand.
Hektische Stimmen waren von drinnen zu hören, es wurde in angespanntem Ton heftig über etwas diskutiert, ja man mochte sogar sagen gestritten. Offenbar herrschte allgemeine Ratlosigkeit unter den Verantwortlichen der Stadt, doch natürlich wollte das mal wieder niemand zugeben.
Rumo hatte keine Zeit sich Gedanken darüber zu machen, dass er in den heiligen Hallen der Politik eigentlich wenig zu suchen hatte. Er ging geradewegs auf die lediglich angelehnte Tür zu und stieß sie auf.
Sofort richteten sich alle Blicke der etwa zwanzig Wolpertinger unterschiedlichster Rassen, die im Raum anwesend waren, auf ihn. Es waren die Stadtältesten - oder zumindest nannte man sie so, denn natürlich wollte niemand von einem Haufen zahnloser Tattergreise regiert werden, von denen die eine Hälfte während einer Abstimmung einschlief und die andere Hälfte sich in die Hosen machte. Also pickte man sich alle fünf Jahre ein paar Wolpertinger heraus, die alt genug waren, um den Anschein von Dorfältesten zu erwecken, und genau die richtige Mischung aus Energie und Senilität besaßen, um sich über alles und jeden zu beschweren. Und voilà: Politik.
„Rumo von Zamonien?“, brachte schließlich ein ergrauter Schäferhund am linken Ende des ovalen Ratstisches hervor. „Aber wie kann das sein? Du bist tot!“
„Nun, offensichtlich ist er das nicht, du Blindenhund“, fiepte ein anderer, bei dem einmal ganz unglücklich ein Chihuahua durch den Genpool gelaufen sein musste. „Sonst stünde er ja wohl kaum vor uns!“
Zustimmendes Gemurmel in der Runde.
„Aber wie ist er hier reingekommen?“, fragte sich ein dritter.
„Genau, die Stadt ist abgeriegelt! Wie bist du hier reingekommen?“
„Genau!“
Rumo hob abwehrend die Pfoten. „Das spielt jetzt keine Rolle. Ich muss mit dem Bürgermeister sprechen. Und zwar jetzt!“
Direkt gegenüber der Tür, durch die er soeben herein getreten war, stand ein großer, hölzerner Stuhl mit roter Samtpolsterung, in dessen Rückenlehne das Wappen der Stadt eingearbeitet war. Auf ihm saß Yodler vom Berg, seines Zeichens unangefochtener Bürgermeister von Wolperting seit nunmehr siebenunddreißig Jahren - hauptsächlich, weil sich niemand anderes für den Posten interessierte.
Der massige Wolpertinger mit der Kerbe im Schädel schien ein wenig überfordert mit der Situation. „Ähm“, machte er, „äh, natürlich. Worum geht es, Rumo?“
Doch Rumo schüttelte den Kopf. „Nicht hier. Im Büro.“
Ein Raunen ging durch den Ältestenrat. Man hatte Geheimnisse vor ihnen, das stieß nicht gerade auf Begeisterung.
Yodler kratzte sich am Kopf. „Nun, ähm, eigentlich waren wir hier gerade mitten in einer Besprechung. Kann das eventuell ein klein wenig...“
„Nein, es kann nicht warten“, fiel ihm Rumo ins Wort. „Die Menschen sind schon fast vor den Toren der Stadt und ich habe in den letzten Tagen genug erlebt um zu wissen, dass wir keine Chance haben. Wir werden sang- und klanglos untergehen, außer ihr lasst mich helfen!“
„Du kannst helfen?“, bellte ein Ratsmitglied zur Rechten des Bürgermeisters. „Wie? Denkst du nicht, dass wir ein Anrecht darauf haben, das zu erfahren?“
„Und das werdet ihr. Aber erst mal muss ich allein mit dem Bürgermeister sprechen. Bitte!“ Rumo wurde ungeduldig. Hier gingen wertvolle Minuten verloren. Damit der Plan funktionierte, musste er um jeden Preis pünktlich sein.
„Nun gut.“ Yodler erhob sich von seinem Stuhl. „Wird es lange dauern? Soll ich die Versammlung auflösen?“
„Nein. Noch soll niemand erfahren, dass ich hier bin. Je unauffälliger wir uns verhalten, desto besser.“
Der Bürgermeister bedachte Rumo mit einem schrägen Seitenblick. „Was auch immer du vor hast, Junge, ich hoffe, es ist die Aufregung wert.“
‚Das hoffe ich auch‘, dachte Rumo.
Er folge Yodler unter kaum verhohlenem Protestgegrummle des Rates aus dem Saal und einige Treppen hinauf, bis sie schließlich im Büro des Bürgermeisters angekommen waren. Dort schlossen sie sorgsam die Tür hinter sich und das Stadtoberhaupt ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen. „Also?“
Rumo sah auf die Standuhr, die in einer Ecke des Zimmers unbeirrt vor sich hin pendelte. Sie zeigte zwei Minuten vor Fünf. „Einen kleinen Augenblick noch. Die anderen sollten jeden Moment hier sein.“
„Die anderen?“
Noch bevor er eine Chance hatte, sich zu erklären, wurde die Bürotür schwungvoll aufgestoßen und Urs kam herein gestolpert, dich gefolgt von einer ziemlich hektisch drein blickenden Rala und ihrem deutlich entspannteren Bruder Rolv.
Als die elegante Wolpertingerdame Rumo erblickte, hellten sich ihre Züge augenblicklich auf, sie stürmte auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und vergrub das Gesicht in seinem zerzausten Fell. Ihr Verlobter stellte erschrocken fest, dass sie weinte.
„Rumo...“, schluchzte Rala und ihre Schultern bebten. „Rumo, ich hatte solche Angst um dich! Wir haben gehört, was in Atlantis passiert ist.“
‚Und mit etwas Glück werde ich das auch noch irgendwann erfahren‘, hätte Rumo am liebsten geantwortet, doch dies war nicht die Zeit für Verwirrung. Stattdessen leckte er Rala liebevoll über Nacken und Ohr. „Beruhige dich“, flüsterte er. „Mit mir ist alles in Ordnung. Siehst du?! Nicht mal ein Kratzer.“
Dass er inzwischen mit einem neuen Rückgrat herum lief, würde er ihr irgendwann schonend beibringen.
Rala hielt ihn nun auf Armlänge vor sich und betrachtete ihn prüfend von oben bis unten, als wolle sie sicher gehen, dass an ihrem Liebsten auch wirklich noch alles Wichtige dran war. Schließlich schien sie zufrieden und lächelte schniefend. „Schön, dich wieder bei uns zu haben, Rumo. Ich habe dich vermisst.“
„Ich habe dich auch vermisst.“
„Bist nicht kleinzukriegen, was, Kumpel?“ Rolv grinste und boxte seinem zukünftigen Schwager spielerisch auf den Oberarm. „So gefällt mir das. Aber warum sind wir denn nun hier? Urs erzählte irgendwas von einem Plan?“
Rumo nickte. Dann deutete er auf den Schreibtisch des Bürgermeisters. „Kommt, ich zeige es euch.“
Er wartete ungeduldig, bis sich alle Anwesenden um den Schreibtisch versammelt hatten trat dann einen Schritt vor, zog eine Karte aus der Innentasche seiner Lederjacke und breitete sie wortlos vor sich auf dem antiken Möbel aus. Dann sah er in die Runde.
Rala hatte die Stirn in Falten gelegt, während sie das Pergament studierte. „Ist das die Lindwurmfeste?“, fragte sie schließlich. „Was soll das werden, Rumo? Was hast du vor?“
„Das“, erklärte ihr Verlobter ernst, „ist unsere vielleicht einzige Chance. Wir ziehen so viele Wolpertinger wie nur irgend möglich aus der Stadt ab und starten einen Angriff. Wir befreien die Lindwurmfeste von der Besetzung durch die Menschen!“
„Bist du irre?“, platze Rolv heraus und tat einen Schritt zurück. „Niemals, Kumpel, bei aller Liebe! Ich hab ja keine Ahnung, was genau du vor hast,  aber ich weiß, dass Wolperting im Moment unsere oberste Priorität sein sollte. Einen Teufel werde ich tun unsere Heimat im Stich zu lassen!“
Rala legte ihm beschwichtigend eine Pfote auf die Schulter. „Beruhige dich, Rolv. Lass uns erst einmal anhören, was genau es damit auf sich hat.“
„Danke.“ Rumo nickte ihr zu und fühlte, wie sein Herz schneller schlug. Er liebte sie immer noch wie am ersten Tag. „Ich weiß, es klingt im ersten Moment verrückt, aber glaubt mir, wir wissen, was wir tun.“
„Wer ist wir?“, wollte der Bürgermeister wissen, der bis jetzt noch nichts zu dem Vorhaben gesagt hatte.
Rumo massierte sich mit der Pfote die Stelle direkt unterhalb seiner Hörner. „Die Leute, mit denen ich zusammen arbeite. Hildegunst von Mythenmetz, Blaubär von den Buntbären, Echo von Sledwaya und Succubius Eißpin. Wir sind... Freunde, irgendwie. Schätze ich. Das ist eine lange Geschichte.“
Yodler vom Berg kratzte sich am Bauch. „Du arbeitest mit Hildegunst von Mythenmetz zusammen?“
„Er steckt in der Sache mit drin, ja.“
„Is‘ der nicht ein Lindwurm? Seit wann können die kämpfen?“
„Bitte...“ Rumo pochte mit dem Zeigefinger zwei mal auf die vor ihm ausgebreitete Karte. „Hört mir doch erst einmal zu. Wenn wir die Lindwurmfeste wieder in unserer Gewalt haben, können wir bestenfalls ganz Zamonien befreien.“
Rolv verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. „Bestenfalls? Und schlimmstenfalls gehen wir alle bei dem Versuch drauf, einen Haufen übergewichtiger Dinos zu retten? Ist das dein Plan?“
Rumo sah in die skeptischen Gesichter seiner Freunde und begriff mit einem Mal, dass es wohl doch nicht ganz so klug gewesen war, direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. „Schnapp dir so viele Wolpertinger, wie du kriegen kannst und komm zur Lindwurmfeste“ - als Eißpin das gesagt hatte, hatte es aus irgendeinem Grund deutlich einfacher geklungen.
Aber was sollte er sagen? Die ganze Wahrheit? Unmöglich! Sie würden ihn für vollkommen bescheuert halten. Alles, was er tun konnte, war zu hoffen, dass sie ihm vertrauten.
„Ich weiß, es ist ein Risiko“, gab Rumo zu. „Aber es wird kein Suizidkommando. Wenn wir uns exakt an den Plan halten, wird alles gut gehen, das verspreche ich euch.“
Rolv beugte sich vor und stemmte die Arme auf den Schreibtisch des Bürgermeisters, um Rumo direkt in die Augen sehen zu können. „Ich bewege mich hier nicht weg“, sagte er langsam, solange ich nicht zu einhundert Prozent weiß, was dein toller Plan ist, ist das klar?“
Sein zukünftiger Schwager wich seinem Blick so gut es ging aus und schluckte. Jetzt hieß es, sich möglichst schnell etwas Überzeugendes einfallen zu lassen, doch leider war Phantasie so gar nicht Rumos Stärke, ganz besonders dann nicht, wenn es drauf an kam.
„Sie lagern dort etwas“, fiepte Löwenzahn plötzlich in seinem Kopf.
‚Hm?'
„Na in der Lindwurmfeste. Eine Waffe oder sowas. Etwas großes.“
‚Tun sie das?‘
Grinzold stöhnte gequält auf. „Nein, Holzkopf. Das sollst du deinen Freunden sagen, damit sie dir folgen.“
‚Ooh, achso...‘ Rumo dämmerte, worauf die beiden hinaus wollten, doch etwas störte ihn.
Er hatte auf dieser Reise jeden belogen - Blaubär, Mythenmetz und auch Echo - und er fühlte sich furchtbar deswegen. Vielleicht waren sie keine Freunde, aber Verbündete waren sie gewiss, gerade in diesen Zeiten. Und wenn heraus kam, dass der Grund für all dieses Chaos ein verlorenes Spiel von Volzotan Smeik war - er wollte sich ihre Reaktionen überhaupt nicht vorstellen, zu schwer wog die Schuld jetzt schon auf seinen Schultern.
Nein, dieses Mal würde er nicht lügen. Er würde versuchen, die Wolpertinger zu überzeugen, wenn nötig mit der ganzen Wahrheit. Und wenn das nicht funktionierte....
Es musste funktionieren.
Rolv kniff die Augen zusammen. „Also?“
„Na schön.“ Rumo seufze tief und rieb sich den Nacken. Das würde lustig werden. „Wir wissen aus sicherer Quelle, dass die Menschen schon in wenigen Wochen auf Nachschub und Verstärkung von außerhalb angewiesen sein werden, um ihre Stellung zu halten.“
„Außerhalb von was?“
„Außerhalb Zamoniens. Sie werden von den anderen Kontinenten aus mit Schiffen zu uns übersetzten.“
Rolv richtete sich wieder auf. „Das heißt, wir haben eine Chance, wenn wir ihre Versorgung abschneiden?“
„Richtig“, nickte Rumo. „Und genau das haben wir vor.“
Dem Bürgermeister war anzusehen, dass er angestrengt nachdachte, während er versuchte, Rumos Erklärungen zu folgen und sie in seinem Kopf sinnvoll zusammenzusetzen. „Aber wie soll das gehen? Wir können wohl kaum sämtliche Küsten des Landes überwachen.“
„Wieder richtig“, stimmte Rumo zu. „Also werden wir verschwinden.“
Allgemeines Schweigen im Raum, begleitet von großen Augen, die den weit gereisten Wolpertinger fragend ansahen, wohl in der festen Überzeugung, dass das kaum die ganze Erklärung gewesen sein konnte. Wer verschwand wohin?
Rumo begriff, dass er so einfach nicht aus der Nummer heraus kommen würde. „Stellt es euch so vor:“, sagte er nach einigem Überlegen. „Die Menschen segeln los, von all diesen anderen Kontinenten, doch sie kommen niemals an, denn das, was sie suchen, gibt es nicht mehr.“
Rala war die erste, die die verwirrte Stille brach. „Zamonien... gibt es nicht mehr?“, fragte sie. „Wovon redest du Rumo?“
„Würde mich auch mal interessieren“, brummte der Bürgermeister. „Klingt nämlich erst mal nicht besonders wünschenswert.“
Rumo schüttelte energisch den Kopf. „Nein, nein, natürlich gibt es uns noch. Nur eben woanders. In einer anderen... Dimension.“ Er hielt die Luft an und sah in die Runde.
„In Ordnung, es reicht, ich bin raus. Das ist doch bescheuert!“ Rolv hob abwehrend die Arme und drehte sich um. „Ich werde jetzt gehen und etwas unternehmen. Etwas Reales!“
„Rolv, warte“, sagte Rumo hastig und trat ein paar Schritte vor, um seinen Schwager am Arm zu packen. „Das ist kein Hirngespinst. Es kann funktionieren, ehrlich. Wir haben eine Maschine!“
„Eine Maschine, mit der man in andere Dimensionen reisen kann?“, staunte Urs. „Das klingt ja spannend! Wie geht das?“
„Ähm...“, machte Rumo. „‚Ähm.. das weiß ich nicht. Ist aber ja auch ganz egal, ich habe gesehen dass es funktioniert! Ich habe es selbst erlebt!“
Rolv zog eine Augenbraue hoch. „Du hast erlebt, wie ein ganzer Kontinent von einer Dimension in eine andere transportiert wurde?“
„Ähm... nein. Aber Personen! Wir erzeugen unsere eigenen Dimensionlöcher uns springen hindurch! Ich selbst habe das schon getan.“
„Wie abgefahren!“, rief Urs, doch er schien der einzige im Raum zu sein, den der Gedanken an eine Dimensionslochreise faszinierte. Nicht nur Rolv, sondern auch Rala und der Bürgermeister hingegen schienen sich zu fragen, ob Rumo seine wilde Geschichte tatsächlich ernst meinen konnte.
„Selbst wenn....“, sagte die Wolpertingerin schließlich und der Zweifel in ihrer Stimme ging ihrem Verlobten durch Mark und Bein. „Ein Kontinent ist nicht ganz dasselbe wie eine einzelne Person, Rumo. Du kannst dir Zamonien nicht einfach unter den Arm klemmen und verschwinden.“
„Nein, aber... ich meine, ja, aber...ugh!“
Rumo seufzte und ließ die Schultern hängen. „Hört zu“, begann er dann und bemühte sich dabei so aufrichtig wie irgend möglich zu klingen. „Ich kann euch nicht sagen, wie das alles funktioniert. Ich kann euch nicht einmal versprechen, dass es gut gehen wird, denn ich weiß es nicht. Aber was ich weiß ist, dass wir es versuchen müssen. Die Menschen hier sind nicht gerüstet für einen langen Krieg, aber wenn ihre Schiffe Zamoniens Küsten erreichen, kann sie niemand mehr aufhalten. Auch du nicht, Rolv.“
Der Wolpertinger mit dem Bullterrier-Kopf schnaubte verächtlich, sagte jedoch nichts.
„Und deshalb bleibt uns keine andere Wahl“, fuhr Rumo fort. „Wir werden die Lindwurmfeste zurück erobern und dort die Maschine bauen. Und dann werden wir mit ganz Zamonien aus dieser Dimension abhauen!“
Wieder herrschte betretenes Schweigen im kleinen Büro, bis Urs schließlich mit den Schultern zuckte und die Arme lässig hinter dem Kopf verschränkte. „Na ja, immerhin hat irgendwer auch Atlantis zum Fliegen gebracht. Ich sage, nichts ist unmöglich.“
„Da hat er Recht!“, kommentierte Yodler.
„Rumo?“ Rala sah ihrem Verlobten geradewegs in die Augen
„Ja?“
„Willst du, dass wir das tun?“
Rumo erwiderte den durchdringenden Blick ohne zu zögern und nickte langsam. „Es ist unsere einzige Chance.“
„Dann tun wir es.“
Rolv schlug die Pfoten vors Gesicht und stöhnte. „Warum bist du meine Schwester? Wie soll ich denn jetzt noch nein sagen, kannst du mir das verraten?“
Eine Woge unendlicher Erleichterung überschwemmte Rumo, als er realisierte, was Rolvs Worte für ihn bedeuteten. Er hatte es geschafft. Seine Freunde waren überzeugt. Zwar wusste er nicht so genau, wie er das geschafft hatte, aber das sollte ihm für den Moment egal sein, solange er sie nur auf seiner Seite wusste. Alle Skepsis, alle Zweifel, die er selbst angesichts Eißpins wahnwitzigen Plans gehegt hatte, fielen mit einem Mal von ihm ab - mit einem Dorf voller Wolpertinger und vor allem mit Rala hinter ihm, konnte er alles schaffen.
„Hey, und was ist mit uns?“, entrüstete sich Löwenzahn. „Wir haben die schließlich schon die ganze Zeit bedingungslos beigestanden!“
‚Ihr seid natürlich genau so wichtig!‘ stimmte Rumo zu und lächelte breit. ‚Aber um fair zu sein: Ihr hattet nicht wirklich eine Wahl.‘
„Auch wieder wahr.“
Der Bürgermeister war unterdessen an seinen Schreibtisch heran getreten und studierte die Karte der Lindwurmfeste. „Ich hab zwar nicht wirklich eine Ahnung, worauf ich mich gerade einlasse“, brummte er, „aber ich wüsste schon gerne, was wir nun als nächstes tun werden. Wie gehen wir vor?“
„Richtig!“ Rumo erinnerte sich daran, dass er noch lange nicht fertig war mit erklären. Ganz im Gegenteil, der strategische Teil begann gerade erst. Also trat er vor und beugte sich ebenfalls über die Karte.
„Folgendes ist der Plan“, begann er und deutete mit dem Finger auf Loch Loch. „Stichtag ist exakt heute in einer Woche, das ist wichtig. Wir kommen von unten, zu beiden Seiten um den See herum, vielleicht sogar mitten hindurch, je nach Lage der Dinge. Blaubär und die Buntbären kreisen die Feste von oben ein, über die Hochebene von Dull. So schneiden wir ihnen den Fluchtweg ab und verhindern gleichzeitig, dass Verstärkung zu ihnen durchdringt. Währenddessen wiegelt Hildegunst von Mythenmetz die verbliebenen Lindwürmer auf und versucht, so gut es eben geht, von innen heraus anzugreifen.“
„Klingt, als müsse es schnell gehen“, bemerkte Rolv nachdenklich. „Wir überrennen sie, wie sie uns überrannt haben.“
„Und deshalb müssen wir dafür sorgen, dass uns niemand bemerkt, wenn wir die Stadt verlassen und gen Norden ziehen“, nickte Rumo. „Sobald den Menschen auffällt, dass wir uns gezielt bewegen, werden sie ahnen, dass wir etwas im Schilde führen.“
Der Bürgermeister lachte, wobei seine Lefzen und Ohren wild um sein Gesicht schlackerten. „Du willst eine Horde Wolpertinger unbemerkt über hunderte Kilometer offenes Land führen? Das ist ein ehrgeiziges Ziel, Junge, das sage ich dir!“
„Nicht eine Horde. Drei. Rala, Rolv und Urs werden je einen Trupp anführen. Ich gehe voraus und kundschafte - wenn wir Gefahr laufen, entdeckt zu werden, gebe ich Meldung und verändere die Route. Blaubär wird es mit den Buntbären genau so halten.“
Rolv grinste. „Klingt nach einer Herausforderung. Ich mag Herausforderungen.“
„Aber wie kommen wir aus der Stadt?“, wollte Rala wissen. „Wir werden belagert. Sobald wir die Tore öffnen lassen, werden die Menschen genau wissen, was Sache ist.“
„Auch daran habe ich gedacht.“ Rumo löste den Blick von der Karte und sah für einen Moment aus dem Fenster auf die ausgestorbene Stadt. „Die Lösung ist die Wolper.“
„Die Wolper?“
„Wir warten bis es Nacht wird“, erklärte er. „Dann schwimmen wir. Sie werden mit allem rechnen, aber nicht damit, dass wir über den Fluss verschwinden. Und wenn wir die Schleusen gerade so weit anheben, dass wir darunter weg tauchen können, ist es so gut wie unmöglich, dass wir bemerkt werden.“
Der Bürgermeister pfiff anerkennend. „Das ist gar nicht mal so schlecht, das muss ich zugeben. Könnte tatsächlich funktionieren.“
„Es könnte und es wird.“
Rolv hatte ebenfalls begonnen die Karte der Lindwurmfeste zu studieren. „Was genau wissen wir denn über die Lage da drüben? Mit wie vielen Menschen müssen wir rechnen und wie sind sie bewaffnet?“
Rumo seufzte. Er hatte befürchtet, dass diese Frage kommen würde, auch wenn er ihr am liebsten aus dem Weg gegangen wäre. „Wir wissen gar nichts“, gab er kleinlaut zu, fügte dann jedoch schnell an: „Aber es gibt einen Zeichencode! Mythenmetz wird bereits in der Lindwurmfeste sein, wenn wir dort ankommen, und uns mit Hilfe von Geruchssignalen mitteilen, mit was wir zu rechnen haben.“
Der Wolpertinger griff nach seiner Umhängetasche, wühlte einen kurzen Moment darin herum und zog dann drei unscheinbar aussehende Baumbusröhrchen hervor. „Das sind Blasrohre“, erklärte er dazu. „Jedes von ihnen gefüllt mit einem speziellen Pulver. Sie hinterlassen keinen Rauch und machen nicht das geringste Geräusch, aber im Gegensatz zu den Menschen sind wir und auch die Buntbären in der Lage, ihren Geruch auch noch aus mehreren Kilometern Entfernung wahr zu nehmen.“
Er drückte Rolv, Rala und Urs je eines der Röhrchen in die Pfote, damit sie es sich ansehen konnten. „Jeder von uns wird mehrere dieser Signale bei sich tragen, so werden wir unterwegs und vor Ort miteinander kommunizieren.“
Urs hielt sich das dünne Bambusrohr vor das rechte Auge und versuchte von oben hinein zu spähen, wahrscheinlich um herauszufinden, wie sie funktionierten. „Das ist ja praktisch! Woher hast du die?“
„Die Alchimisten, mit denen ich unterwegs war, haben sie gemacht.“
„Alchimisten...“, wiederholte der Bürgermeister. „Und ich dachte, alles, was die können, ist sich bei Vollmond mit Quecksilber einzuschmieren und nackt um Steine zu tanzen.“
Rolv wirbelte sein Blasrohr lässig in der Pfote. „Also gut. Wie gehen wir vor?“
„Einfach“, antwortete Rumo. „Jeder von euch dreien zieht los und rekrutiert etwa zwanzig Wolpertinger. Unauffällig! Unbedingt unauffällig! Dann bewaffnet euch, aber denkt daran, dass wir uns verdeckt bewegen. Keine schweren Rüstungen, nichts, was klapptet oder klimpert. Derweil sorgst du, Bürgermeister, dafür, dass die Schleusen besetzt werden und die Stadt nicht in Aufruhr gerät. Um Mitternacht dann schwimmt ihr los. Verlasst die Stadt zu beiden Enden und folgt der Geruchsspur, die ich euch lege.“
„Und wenn wir unterwegs doch auf Menschen treffen?“, fragte Rala.
„Soweit ihr ihnen ausweichen könnt, tut das. Falls es nicht anders geht...“ Rumo deutete mit der Pfote einen Schnitt unterhalb seines Kehlkopfes an. „... keine Gefangenen. Wir brauchen das Überraschungsmoment auf unserer Seite.“
Rala, Rolv und Urs nickten simultan. „Verstanden.“
„Gut...“ Rumo griff ein weiteres Mal in seine Tasche, dieses Mal um drei Pergamentrollen daraus zum Vorschein zu bringen und sie an seine Freunde weiter zu geben. „Das sind die Listen mit den Signalen und ihren Bedeutungen. Lest sie, prägt sie euch ein und dann verbrennt sie.“
Wieder ein Nicken.
Der Held von Zamonien schwieg eine Weile und sah noch einmal aus dem kleinen Fenster, von dem aus man Wolpertings Denkmal-Platz überblicken konnte, jenen Platz, an dem sich einst die Schwarze Kuppel gewölbt hatte, und er musste unwillkürlich daran denken, wie viel die Wolpertinger bereits hatten durchleiden müssen. Doch sie hatten überlebt und das war es, was zählte. Das war es, was sie stark gemacht hatte. Und das war es, was ihnen helfen würde, auch dieses Mal heil aus der Sache heraus zu kommen, zusammen mit ganz Zamonien.
Schließlich wandte sich Rumo wieder seinen Freunden zu. „Viel Glück“, wünschte er ihnen ernst und rang sich dann ein aufmunterndes Lächeln ab. „Ich weiß, ihr könnt es schaffen.“
„Worauf du dich verlassen kannst, Bruder“, grinste Rolv und machte sich dann, gefolgt von Rala und Urs, auf den Weg hinaus aus der Tür des kleinen Büros. „Wir sehen uns dann an der Feste!“
Bevor sie jedoch ganz verschwunden waren, drehte Rala sich noch einmal um und sah ihren Verlobten an. „Ich liebe dich, Rumo“, sagte sie leise. „Vergiss das nicht.“
„Ich liebe dich auch“, antwortete Rumo und wünschte sich, es hätte nicht so endgültig geklungen.
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