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Rumo und die Wahrheit der Alchimisten

von -Echo-
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Blaubär Hildegunst von Mythenmetz Rumo von Zamonien
30.06.2010
22.03.2015
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30.06.2010 3.751
 
‚Natürlich ist es nicht so einfach‘, dachte Rumo. ‚Es ist ja nie so einfach. Warum denn auch? Wäre ja langweilig!‘
Er lehnte sich in seinem Bett zurück und verschränkte seufzend die Arme hinter dem Kopf. „Und ich dachte, wir ziehen jetzt so einen abgefahrenen Zeitreise-Trick ab, bringen alles wieder in Ordnung und hinterher sind alle überwältigt von der Cleverness, mit der wir Zamonien gerettet haben...“
„Das hier ist nicht irgendein Buch, Rumo“, sagte Echo ernst. „Das alles passiert wirklich. Wir spielen hier mit Naturgesetzen, das kann sehr schnell sehr gefährlich werden.“
„Er hat Recht“, bestätigte Eißpin. „Es gibt einen Grund dafür, dass wir uns direkt mehrere Jahrhunderte in der Vergangenheit befinden. Zeit im Allgemeinen ist eine sehr instabile Angelegenheit - schlimm genug, dass wir hier sind; unseren eigenen Zeitstrahl zu kreuzen, währe purer Wahnsinn! Wir würden ein Paradoxon erschaffen und glaubt mir, das Universum reagiert da überaus empfindlich.
Wir können nicht einfach nach Belieben hin und her hüpfen und die Dimensionen durchlöchern wie hutzenberger Höhlenkäse! Unbedenklich sind eigentlich nur jene Zeitpunkte nach unserem Verschwinden, idealerweise sogar nur wenige Sekunden später. Alles andere könnte noch wesentlich mehr Schaden anrichten, als die Menschen es je könnten. Und dann ist da noch etwas...“
„Noch etwas?“ Blaubär ließ sich wieder auf das Fußende von Rumos dünner Matratze fallen, dem Gesichtsausdruck nach immer noch äußerst Skeptisch. „ Was?“
Eißpin sah in die Runde. „Das Motiv der Reise durch die Zeit ist eines der wohl beliebtesten und, nebenbei gesagt, auch eines der überstrapaziertesten in der zamonischen, ja der weltweiten Literatur. Wir alle haben wohl schon einmal darüber gelesen, oder auch -“,er fixierte Mythenmetz, „ - darüber geschrieben. Und nun die Preisfrage: Was darf der Protagonist einer solchen Geschichte niemals tun?“
„Seine eigene Mutter schwängern?“, fragte Mythenmetz ungerührt und erntete postwendend vier entsetzte Blicke.
„Äh, was? Nein! Also doch! Ich meine: Nein, das sollte er auch auf gar keinen Fall!“ Sogar Eißpin schien diese Vorstellung ein wenig zu verstören. „Das war nicht ganz das, worauf ich hinaus wollte, Hildegunst!“
Rumo hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Er hatte eine Idee, eine Theorie, was die Antwort auf die Frage des alten Alchimisten sein konnte. Ja, er war sich sogar ziemlich sicher. „Der Protagonist darf die Vergangenheit nie so verändern, dass er keinen Grund mehr hätte, überhapt in die Vergangenheit zu reisen. Ist es das?“
„Ha!“, rief Eißpin und deutete mit dem dürren Finger auf den Wolpertinger. „Exakt das ist es! Und dieses Gesetz gilt nicht nur in der Literatur, es gilt noch viel mehr für uns! Wir können, wir dürfen den Krieg nicht verhindern, weil er uns erst hier her gebracht hat! Alles, was ich tun konnte, ist uns etwas Zeit zum Überlegen zu erkaufen, bevor wir genau an die Stelle zurückkehren müssen, wo wir Zamonien, unser Zamonien, verlassen haben.“
Blaubär ließ den Kopf hängen. „Wir können also Nachtigallers Hinrichtung nicht verhindern?“
„Ich fürchte nicht. Genau so wenig, wie wir die Übernahme der Städte und der Lindwurmfeste verhindern können. All das wird passieren, weil es für uns bereits passiert ist.“
Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen unter den Gefährten.
Echo hatte einige Minuten zuvor die Kerze auf Mythenmetz‘ Nachttischchen beiseitegeschoben und sich darauf nieder gelassen. „Wisst ihr, was ich nicht verstehe?“, fragte er schließlich. „Nach allem, was wir bis jetzt erahnen können, wollten uns die Menschen aus dem Weg haben. Der Grund dafür ist klar - Mythenmetz‘ Einfluss in Zamonien ist größter als der aller Politiker zusammen, Rumo ist einer unserer tapfersten Helden und, ebenso wie Blaubär, ein überaus gefährlicher Gegner im direkten Gefecht. Und ich zähle, bei aller Bescheidenheit, zu den besten derzeit lebenden Alchimisten. Dass man nicht auf uns treffen möchte, wenn man auf einem Eroberungszug ist, kann ich mir gut vorstellen!
Aber woher haben die Menschen gewusst, dass wir alle ausgerechnet in diesen Tagen unsere Heimat verlassen? Wie haben sie es inszeniert, dass wir alle gleichzeitig von der Bildfläche verschwinden? Wir haben noch nie zuvor etwas miteinander zu tun gehabt - oder zumindest nur sehr wenig. Keiner von uns hat den anderen in seiner Geburtstagsgrußkarten-Liste, wenn ihr versteht, worauf ich hinaus will.“
Mythenmetz legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Da ist etwas dran...“ Er überlegte eine Weile, dann hellte sich sein Gesicht auf, als habe er soeben eine entscheidende Eingebung gehabt. „Das Experiment!“, rief er aus. „Sie müssen irgendwie Wind davon bekommen haben, dass Nachtigaller die Prima Zateria für seine Experimente benötigt, und da brauchten sie nur noch eins und eins zusammen zählen. Er schickt Blaubär mit Rumo als Leibwächter, die sich daraufhin natürlich sofort auf den Weg zu mir machen, der wiederum die Verbindung zu Echo herstellt!“
„Klingt logisch“, nickte Echo. „So könnte es gewesen sein.“
Blaubär begann unruhig auf seinem Platz hin und her zu rutschen. „Äh...“, machte er, verstummte dann wieder und scharrte betreten mit den Hinterpfoten auf dem Holzboden herum.
Rumo rutschte das Herz in die nicht vorhandene Hose. Nein! Das konnte doch nicht sein! Nicht jetzt! Nicht dann, wenn ganz Zamonien darauf angewiesen war, dass sie sich verstanden!
Er schloss die Augen und begann zu zufällig ausgewählten Göttern zu beten, dass er noch ein letztes Mal mit dem Schrecken davon kommen möge. Nur noch ein einziges Mal... Er versprach im Geiste hoch und heilig, nach diesem Abenteuer niemals wieder zu lügen, wenn er nur jetzt nicht auffliegen würde.
„Hm?“, machte Mythenmetz. „Was ist los, Blaubär? Habe ich was übersehen?“
„Na ja...“ Der Buntbär sah nun ernstlich verzweifelt aus und Rumo hätte sicherlich Mitleid mit ihm gehabt, hätte er nicht in diesen Sekunden selber Todesängste auszustehen gehabt. Doch was sollte Blaubär tun? Sie wussten beide, dass Mythenmetz‘ Theorie schlichtweg nicht stimmen konnte, aber machte es wirklich einen Unterschied? Wen kümmerte, wie die Menschen sie dazu bewegt hatten, ihre Wohnorte zu verlassen - es war nun einmal passiert! Sie sollten es einfach auf sich beruhen lassen und sich dem zuwenden, was nun kommen würde.
‚Bitte, Blaubär, sei einfach still! Sag einfach gar nichts!‘
Leider schien das Schicksal in diesen Tagen nicht unbedingt auf Rumos Seite zu sein und so konnte er nur zusehen, wie Blaubär tief durchatmete und dann vom Boden des kleinen Zimmers aufsah. „So kann es nicht gewesen sein“, erklärte er dann mit fester Stimme. „Die Wahrheit ist... es gab nie ein Experiment.“
„Oha!“, feixte Eißpin von seiner etwas abseitigen Position neben dem Fenster voller Schadenfreude. „Jetzt wird’s lustig!“
„Was soll das heißen - es gab kein Experiment?“, fragte Mythenmetz und kniff die Augen zusammen. „Wofür habe ich dann bitte dieses ganze Theater veranstaltet?“
Blaubär knickte nun vollends ein. „Das Ganze - die Prima Zateria – war für Rumos Verlobte Rala. Sie ist schwer krank und wird wahrscheinlich sterben.“
„Bitte was?“ Mythenmetz fuhr ungeachtet seiner Verletzungen wie vom Blitz getroffen hoch. „Wollt ihr mir etwas weis machen, dass ich eines meiner wertvollsten, am besten gehüteten Geheimnisse - Schloss Schattenhall - verraten habe für einen einzigen - ich wiederhole: einen einzigen! - sterbenden Wolpertinger?“
„So geheim ist es nun auch wieder nicht - du hast immerhin in ganzes Buch darüber geschrieben“, versuchte Blaubär einzulenken, doch der Schriftsteller ließ ihm keine Chance.
„Aber ich habe niemanden dorthin geführt! Und mal ganz abgesehen davon: Allein das ganze herum Gereise! Die Gefahren! Ich hätte sterben können! Und wofür? Damit ein einziger Hund seine kleine Freundin nicht verliert?!“ Er rauschte auf Rumo zu und bohrte ihm seine Zeigekralle in die pelzige Brust. „Ich will dir jetzt mal etwas sagen! Jeden Tag sterben in Zamonien Leute, das ist der Lauf der Dinge! Es tut mir zwar sehr Leid für dich, aber das ist etwas, womit wir uns alle abfinden müssen! Und es rechtfertigt beim besten Willen nicht, dafür drei andere Leben aufs Spiel zu setzen!“
„Darüber kann man streiten...“, murmelte Rumo, der nicht so recht wusste, was er darauf sagen sollte. Immerhin stimmte es nicht einmal! Aber die Wahrheit sagen? Nein! Die war sicherlich in den Augen des Lindwurms noch um ein Vielfaches schlimmer. Und dann würde er nicht nur dessen Zorn auf sich ziehen sondern wahrscheinlich auch noch Blaubär sehr wütend machen. Das durfte er nicht zulassen!
Echo glitt vom Nachttisch herunter und machte ebenfalls ein paar, relativ planlos wirkende Schritte durch den Raum. „Ich muss zugeben, Rumo, dass ich auch nicht allzu begeistert von diesen Neuigkeiten bin“, sagte er leise. „Ich dachte, ich gebe meine Informationen an einen qualifizierten Wissenschaftler für ein höheres Ziel weiter. Aber das...“ Er verstummte kurz. „Es tut mir wirklich leid um deine Verlobte“, erklärte er dann. „Aber das Privileg des Lebens darf nicht derart egoistisch verwendet werden. Es ist zu mächtig, als dass es in den Händen derer landen sollte, die so wenig damit anzufangen wissen. Nichts für ungut.“
Rumo schwieg. Ihm waren die Worte ausgegangen, außerdem war ihm nicht wohl dabei sich für etwas zu rechtfertigen, was er nicht getan hatte. Er hatte beschlossen, dass es das Beste für sie alle war, wenn er die Anschuldigungen einfach aussaß und sie dann, nachdem die Wut verraucht war, dort weiter machten, wo sie aufgehört hatten.
Mythenmetz ging zurück zu seinem Bett und ließ sich darauf fallen, was das dünne Möbelstück bedrohlich zum Knarzen brachte. Dort fuhr er sich mit beiden Klauen über das Gesicht. „Am liebsten würde ich euch jetzt auf der Stelle hier sitzen lassen, das könnt ihr mir glauben!“
„Das ist doch keine Lösung“, sagte Blaubär hastig. „Wir sitzen alle im selben Boot, oder etwa nicht? Ist doch jetzt egal, was ursprünglich einmal hätte sein sollen - unser Problem ist zurzeit ein weit größeres! Und zu streiten ist im Augenblick wirklich keine gute Idee.“
„Wahre Worte“, seufzte Echo, schüttelte dann den Kopf und sah auf. „In Ordnung, vergessen wir das. Viel wichtiger ist, dass damit unsere gesamte Theorie hinfällig ist. Woher wussten die Menschen also dann, dass wir zu diesem exakten Zeitpunkt zu unserer Reise aufbrechen würden?“
Eißpin, der die Auseinandersetzung der Gefährten überaus amüsiert beobachtet hatte, hob nun Zeige- und Mittelfinger und präsentierte sie der Runde. „Zwei Möglichkeiten“, erklärte er dazu. „Entweder, sie wussten es nicht und alles war nur ein einziger riesiger Zufall, oder der Wolpertinger lügt. Ich persönlich tendiere ja zu Letzterem...“
‚Du verdammter Dämon‘, dachte Rumo und schenkte dem ehemaligen Schrecksenmeister einen Blick, in dem eine deutliche Todesdrohung mitschwang. Dafür, dass er sie angeblich zusammen gebracht hatte, um mit ihnen gemeinsam gegen die menschliche Bedrohung zu kämpfen, delektierte er sich gerade eindeutig zu sehr an ihren Zwistigkeiten. Was sollte das? Was bezweckte er damit?
„Ist es nicht seltsam“, stichelte Eißpin weiter, „dass unser Freund hier zwar sonst immer der Erste ist, der das Maul aufreißt, wenn ihm etwas gegen den Strich geht, aber gerade dann, wenn es um die Verteidigung seiner eigenen Verlobten geht, kein Wort mehr heraus bringt?“
„Ich brauche mich hier nicht zu rechtfertigen“, zischte Rumo ihm durch zusammengebissene Zähen entgegen. „Es ist, wie Blaubär gesagt hat, und damit ende! Und jetzt sollten wir vielleicht endlich besprechen, was als nächstes zu tun ist!“
„Dafür bin ich allerdings auch!“, erklärte Echo laut und stellte sich demonstrativ zwischen die Fronten. „Schluss mit den Provokationen, Succubius! Wir sind hier alle aufeinander angewiesen.“
Das süffisante Grinsen verschwand aus Eißpins Gesicht und er ließ sich mit verschränkten Armen zurück gegen die Wand neben dem Fenster fallen, wobei er ein bisschen aussah wie ein bockiges Kleinkind. Rumo kam nicht umhin ein wenig beeindruckt zu sein: Echo konnte, wenn er denn wollte, ziemlich überzeugend auftreten.
Blaubär schlug sich mit beiden Pfoten auf die Oberschenkel. „Gut, dann los! Womit haben wir es zu tun und was haben wir zu bieten, um uns dagegen zu wehren?“
Mythenmetz lachte freudlos auf. „Womit wir es zu tun haben? Das wissen wir nicht! Und was wir zu bieten haben? Nichts! Wir sind fünf, die sind hunderte. Vielleicht mehr. Wir können uns eigentlich genauso gut direkt ergeben. Spart Zeit!“
Rumo gab es vor sich selbst nicht gerne zu, doch im Grunde war ihm genau das auch schon durch den Kopf gegangen. Ihr kleiner Ausflug in die Vergangenheit gab ihnen Zeit, doch abgesehen davon? Falls es ihnen nicht gerade gelang, mit einer Hundertschaft an Zamoniern zurück in ihre Gegenwart zu reisen, glich all dies lediglich einem kurzen Aufschub. Für sie, nicht für den Kontinent.
Eißpin war unterdessen wieder ernst geworden. „Doch, wir haben etwas. Etwas, womit sie nicht rechnen.“
„Und das wäre?“, wollte Mythenmetz wissen.
„Mich.“
Rumo hob eine Augenbraue und warf dem alten Alchimisten aus dem Augenwinkel einen abschätzigen Blick zu. „Fantastisch“, sagte er zynisch. „Wir haben einen Psychopathen auf unserer Seite. Ich weiß nicht, wie wir jetzt noch verlieren können.“
Eißpin ignorierte ihn. „Punkt eins:“, erklärte er, „Ich bin offiziell tot, was bedeutet, dass sie mit vier Leuten rechnen, die sich gegen sie verschwören, nicht aber mit fünf. Punkt zwei: Ich bin einer von ihnen. Ich war einer von ihnen. Ich kenne ihre Methoden, ich kenne ihre Waffen und“, er machte eine Kunstpause, „ich kenne ihr Problem.“
„Wirklich?“ Blaubär sprang auf. „Was ist es?“
„Das wäre tatsächlich gut zu wissen“, stimmte Rumo zu und lehnte sich aufmerksam nach vorne. Vielleicht war dieses Problem, von dem der Alte sprach, ihre Chance auf einen Gegenschlag.
„Nun“, begann Eißpin, der sich sichtlich in der Rolle der ‚einzigen Hoffnung‘ gefiel, „genau genommen sind es mehrere kleine Probleme. Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben.“
„Egal, raus damit!“
„Also -“ Er begann in dem kleinen Raum auf und ab zu laufen, während er erzählte „ - zunächst einmal ihre Waffen. Die Dinger, die sie benutzt haben, um euch zwei, Hildegunst und Rumo, zu verletzten. Radschlosspistolen werden sie genannt. Im Grunde nichts weiter als eine Vorrichtung, um kleine Metallkugeln mithilfe von Schwarzpulver abzufeuern und auf eine tödliche Geschwindigkeit zu bringen. Gut sowohl im Nah- als auch im Fernkampf, sehr schwer zu stoppen und auf den ersten Blick absolut übermächtig gegenüber allem, mit dem wir aufwarten können. Aber es gibt drei große Makel. Diese Waffen sind extrem ungenau - es braucht sehr viel Übung, um mit ihnen vernünftig umgehen zu können. Dann dauert das nachladen nach einem Schuss viel zu lange. Man muss neues Schwarzpulver in eine winzige Öffnung füllen und die Kugel in den Lauf schieben, genug Zeit für einen Schwertkämpfer, den Schützen zu filetieren.
Und dann noch das dritte Problem, das weniger mit der Waffe selbst als mit der Logistik zu tun hat. Nach allem, was ich von meinem Freund weiß, haben die Menschen große Nachschub-Schwierigkeiten. Sie konnten ihre Bewaffnung nicht in Zamonien herstellen - dazu werden sie hier viel zu sehr überwacht. Also importieren sie alles, was sie haben, aus der restlichen Welt. Ihrer Welt. Doch das ist nicht so einfach, denn wie ihr wissen solltet, kann man sich nicht einfach in ein Schiff setzen und nach Zamonien segeln. Dank einer Anomalie der dimensionalen Strömungen kann unser schöner Kontinent nicht mit einem schnöden Kompass gefunden werden - man brauch dazu ganz bestimmte navigatorische Systeme, die nur hier entwickelt und hergestellt werden, was im Endeffekt bedeutet, dass nur jemand zu uns finden kann, der bereits hier war. Und selbst wenn man über diese Systeme verfügt, bedarf es eines Seglers, der in der Lage ist, die Dimensionsstrudel zu durchschiffen, die uns umgeben, und glaubt mir, davon gibt es nur eine Handvoll. Blaubär hier ist übrigens einer von ihnen.“
Der Buntbär fuhr sich mit der Hand verlegen an den Hinterkopf und grinste breit. „Das ist zugegebenermaßen wahr. Allerdings habe ich es bis jetzt eher zum Spaß gemacht - es ist eine ziemliche Herausforderung - und bin noch nie auf die anderen Kontinente übergesetzt.“
Mythenmetz hatte das Kinn in beide Klauen gestützt. „Deshalb also versuchen sie uns so schnell wie möglich zu überrennen“, überlegte er. „Sie sind wie ein Quelltaler Glasgepard - schnell, wendig und aggressiv, aber nicht sehr ausdauernd.“
Rumo griff seinen Gedankengang auf. „Das bedeutet, dass wir sie zermürben müssen. Wir müssen ihre Versorgung abschneiden und versuchen ihnen so lange Stand zu halten, bis ihre Ressourcen versiegen. Dann können wir mit voller Kraft zurückschlagen und sie zum Aufgeben zwingen.“
„Das ist unsere einzige Möglichkeit“, stimmte Eißpin zu. „Und sie muss um jeden Preis funktionieren. Wenn ihre Schiffe erst einmal an unseren Küsten landen, haben wir verloren. Was Zamonien an Artenvielfalt zu bieten hat, machen sie durch pure Masse wieder wett - selbst wenn wir für jeden von uns einen von ihnen über die Klinge springen lassen, warten auf der anderen Seite des Ozeans noch hundert Mal so viele.“
Rumo versuchte sich die Welt der Menschen vorzustellen, wo es angeblich so viele Kreaturen geben sollte, die aber im Endeffekt allesamt dieseleben waren. Er war mit mehr Diversität und Lebensvielfalt aufgewachsen, als sein eigener Kopf hatte fassen können und das, fand er, war wunderbar, auch wenn es zuweilen noch so gefährlich sein mochte. Würde man ihn fragen, ob er glücklicher wäre, wenn es vom nächsten Tag an nur noch Wolpertinger als intelligente Lebensform geben sollte, er hätte entsetzt den Kopf geschüttelt. Wolpertinger waren gute Kämpfer, viele von ihnen waren sehr belesen und clever, doch die meisten waren bei näherer Betrachtung auch ziemliche Idioten.
Blaubär nahm seine Unterlippe zwischen die Zähne und begann darauf herum zu kauen. „Aber wie sollen wir das anstellen?“, fragte er. „Wie sollen wir eine Streitmacht zusammen kratzen, die groß genug ist, um eine Unbekannte Zahl Schiffe aufzuhalten, die von irgendwo her auf Zamonien zusteuert? Ganz zu schweigen davon, sie zu mobilisieren und an die Küsten oder sogar raus aufs Meer zu bekommen. Du sagtest, dass wir nur zu dem Zeitpunkt zurückkehren können, von dem wir gekommen sind. Und da war es schon zu spät, jeglichen Versuch, Truppen aus den besetzen Gebieten zu bewegen, würden sie sofort zunichtemachen.“
„Du denkst zu militärisch, Blaubär“, antwortete Echo, der bis jetzt nur stumm gelauscht hatte. „Wir schlagen sie mit unseren eigenen Waffen, indem wir für uns nutzen, was unser Kontinent ihren voraus hat.“
Rumo horchte auf. „Das klingt, als gäbe es bereits einen konkreten Plan?“
Eißpin trat grinsend neben Echo. „Natürlich gibt es den! Warum hätte ich mir sonst die Mühe machen sollen, euch hier her zu verfrachten?“
Der Wolpertinger stöhnte gequält auf. „Und das sagt ihr uns erst jetzt? Hätten wir das ganze Gequatsche nicht einfach überspringen und direkt zum wesentlichen Teil kommen können?“
„Nein“, antwortete Eißpin kühl. „Es ist wichtig, dass ihr wisst, womit wir es zu tun haben. Gerade du, Wolpertinger, solltest wissen, wie wichtig es ist, seinen Feind zu kennen, bevor man sich ihm stellt.“
Rumo schwieg. Da war etwas dran, das konnte er kaum leugnen. Trotzdem fand er, dass es für seine Nerven um einiges schonender gewesen wäre, wenn den ganzen Erklärungen der Satz „Und am Ende komme ich zu einem perfekten, all unsere Probleme lösenden Plan“ voran gegangen wäre.
Er hob den Kopf und blickte zwischen Echo und seinem Meister hin und her. „Na gut, was ist es? Was haben wir vor?“
Die beiden Alchimisten sahen sich kurz an, dann trat der jüngere vor und begann mit den Erklärungen. „Zunächst einmal“, sagte Echo, „werden wir hier warten, bis eure Wunden vollständig verheilt sind. Es ist wichtig, dass ihr fit seid für das, was kommt.“
‚So weit, so gut‘, fand Rumo. Damit konnte er sich anfreunden.
„Danach bringt Succubius euch zurück, jeden an einen anderen Ort. Rumo, dich setzen wir in Wolperting ab, für dich, Blaubär, geht es nach Bauming. Diese beiden Gebiete sind noch nicht besetzt - dort mobilisiert ihr alle verfügbaren Kämpfer. Bewaffnet euch, bereitet eure Freunde auf das vor, womit wir es zu tun haben. Und dann schlagt ihr euch zur Lindwurmfeste durch.“
„Was?“, rief Blaubär dazwischen. „Wieso die Lindwurmfeste? Wir sollen unsere Dörfer unbewacht lassen? Ist das in Anbetracht der Lage nicht eine verdammt dämliche Idee?“
„Nun lass mich doch erst einmal ausreden“, beschwichtigte ihn Echo. „Im Moment haben wir es nur mit einer verhältnismäßig geringen Zahl Belagerer zu tun, was bedeutet, dass ihre Überwachung nicht lückenlos sein kann. Ihr werdet unbemerkt verschwinden.“
Rumo zog eine Augenbraue hoch. „Unbemerkt? Ich weiß ja nicht, ob du schon mal eine Horde Wolpertinger in Bewegung gesehen hast, aber „unbemerkt“ wäre nicht wirklich das erste Wort, womit ich es beschreiben würde.“
„Wir haben keine Wahl, Rumo“, seufzte Echo. „Ich weiß, es klingt riskant, mehr als das, aber wir müssen es versuchen. Jetzt lasst mich weiter erklären.“
„Bitte“, antwortete Rumo, machte dabei aber keinen Hehl aus seiner Skepsis.
Echo fuhr fort. „Mythenmetz wird derweil tief im Inneren der Lindwurmfeste ankommen und versuchen, die Lage dort von innen heraus zu stabilisieren, bestenfalls ebenso unbemerkt. Wenn Rumo und Blaubär dann mit den Wolpertingern und den Buntbären angekommen sind, schlagen wir zu und holen uns die Lindwurmfeste zurück.“
„Wieso sollten wir das tun?“, fragte Mythenmetz gerade heraus. „Ich fühle mich ja geschmeichelt, dass ausgerechnet meine Heimat unser erstes Ziel sein soll, aber wäre es nicht wesentlich effektiver zum Beispiel Atlantis wieder unter zamonische Kontrolle zu bringen? So könnten wir versuchen, unsere Regierung wieder aufzubauen oder derartiges.“
Echo schüttelte den Kopf. „Atlantis ist viel zu groß. Dort werden die Menschen die Majorität ihrer Streitkräfte verschanzt haben, eine Handvoll Wolpertinger und Buntbären bringen uns da nicht weiter. Außerdem brauchen wir die Lindwurmfeste für das, was danach folgt. Den eigentlichen Plan.“
„Und der wäre?“
Nun trat auch Eißpin vor. Er hielt seinen Arm mit dem daran befestigen Dimensionslochtransporter - so hatte Rumo beschlossen, das seltsame Ding zu nennen - hoch, sodass alle es sehen konnten. „Ich habe euch vorhin erklärt, wozu dieses kleine Gerät imstande ist“, sagte er. „Es reißt Löcher in unsere Dimension, die groß genug sind, um einen ausgewachsenen Lindwurm hindurch zu befördern.“
„Hat er gerade gesagt, ich sei fett?“, fragte Mythenmetz mit entsetztem Blick an Blaubär gewandt, doch der schüttelte nur lachend den Kopf.
„Ich glaube, er wollte eher auf deine Körpergröße hinaus, keine Sorge.“
Eißpin tat, als hätte er nichts gehört, was Rumo sehr gut nachvollziehen konnte. „Was also, wenn man genau dieselbe Apparatur noch einmal bauen könnte, nur in sehr, sehr viel größer. Sagen wir.... Lindwumfesten-groß?“
Rumo legte die Stirn in Falten und wälzten den Gedanken in seinem Kopf. „Das Dimensionsloch wäre wahrscheinlich auch um ein Vielfaches größer“, schlussfolgerte er schließlich. „Aber was dann? Sollen wir alle durch ein riesiges Loch in eine andere Dimension abhauen?“
Das diabolische Grinsen kroch wie der Schatten eines Dämons zurück auf Eißpins Gesicht. „Gewaltiger“, sagte er gefährlich leise. „Viel gewaltiger.“
Die Schuppen um Mythenmetz‘ Schnauze herum wurden mit einem Mal kreidebleich, etwas, das Rumo noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Er fuhr hoch und entfernte sich schnell ein paar Schritte von dem ehemaligen Schrecksenmeister. „Du willst doch nicht etwa...?“
Eißpin sah ihn geradewegs an. „Ich will und ich werde.“
„Aber das ist Wahnsinn!“, reif der Lindwurm. „Absoluter Wahnsinn!“
Echo ging zu Mythenmetz herüber und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Unterarm - an seine Schulter kam er auch in seiner zweibeinigen Gestalt nicht heran. „Ich weiß, dass es verrückt klingt“, gab er zu. „Aber so wie ich das sehe, ist es unsere einzige Chance.“
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