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Rumo und die Wahrheit der Alchimisten

von -Echo-
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Blaubär Hildegunst von Mythenmetz Rumo von Zamonien
30.06.2010
22.03.2015
25
146.075
6
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1 Review
 
30.06.2010 7.785
 
AN: Oh Götter, es ist über ein Jahr her, dass ich was hoch geladen habe??  Tut mir Leid!! x___X Aber dieses Kapitel... Es ging einfach gar nicht. xD Ich war und bin so unzufrieden! Es ist voll von Dingen, die so passieren mussten, damit es so weiter gehen kann, wie ich es im Kopf habe... aber irgendwie...
Naja, lest selbst! :D
Und danke an alle, die so lieb reviewed haben und meine kleine Geschichte immer noch lesen! x3
Ps: Kein Korrekturlesen dieses Mal! Nach der letzen getippten Zeile direkt hochgeladen. No risk, no fun! xD

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Rumo betrachtete Löwenzahn mit zusammengekniffenen Augen.
Ein haarfeiner Riss zog sich durch die eine der beiden Klingen und der Wolpertinger hätte schwören können, dass der vor dem Kampf mit dem Schattentod noch nicht dort gewesen war. Er fuhr mit dem Daumen über besagte Stell und knurrte leise. „Wenn das hier abbricht, grab ich den alten Mann persönlich wieder aus den Tiefen der Katakomben aus und mach ihn dafür verantwortlich!“
Blaubär, der mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Boden lag und gelangweilt an einer Wurzel kaute, schielte hoch. „Hm? Wovon sprichst du?“
Rumo hielt ihm sein kostbares Schwert unter die Nase. „Hiervon spreche ich. Wenn eine der Klingen abbricht, lernt mich der Sensen-Heini aber mal richtig kennen!“
Blaubär lehnte sich zurück und grinste. „Klar, genauso, wie er dich beim erstem Mal kennen gelernt hat: Mit gebrochenem Rückgrat auf dem Höhlenboden.“
„Gerissen, nicht gebrochen“, murrte Rumo, hob dann sein Schwert näher an den Kopf und lauschte tief in seine eigenen Gedanken hinein. ‚Löwenzahn? Grinzold? Alles klar bei euch?‘
„Das sollte ich DICH fragen, Memme!“
‚Schön, dass es dir gut geht, Grinzold.“
„Der Grobian und ich sind in Ordnung, danke“, fiepte Löwenzahn genervt von seinem Zimmernachbarn. „Aber du glaubst gar nicht, was ich für eine Angst um dich hatte! Plötzlich warst du weg und dann war da dieser gruselige alte Mann! Der hat uns hochgehoben und… und seine Gedanken waren das aller-aller-schlimmste, was ich jemals gehört habe! Es war einfach grauenvoll! Grauenvoll!!“ Löwenzahn begann zu weinen.
„Und so was nennt sich Stollentroll“, höhnte Grinzold von oben herab. „Also ich fand, der Kerl hatte Format! Hatte ordentlich Erfahrung im Töten, der Gute!“
„War ja klar, dass DIR das gefällt!“
Beruhigt klinkte sich Rumo aus dem kleinen Streit aus. Er wusste immer noch nicht so ganz, wie das mit den eingeschmiedeten Gehirnen genau funktionierte, doch zumindest schien der Riss im Material keinerlei Einfluss auf die geistige Gesundheit seiner beiden Freunde zu haben. Hoffentlich blieb es auch bei einem Riss.
Andererseits stand nun ja nicht mehr viel Gefährliches auf dem Plan, oder? Echo würde die Formel liefern und dann ging es für alle zurück nach Hause. Andererseits hatte etwas wirklich Gefährliches von Anfang an nicht auf ihrer Zu-Erledigen-Liste gestanden und dennoch wäre er inzwischen einige Male beinahe draufgegen. Rumo schob Löwenzahn in seine Leder-Scheide. Vielleicht sollte er ihn eine Weile nicht mehr hervor holen. Sicher war sicher.
Blaubär hatte inzwischen aus Langeweile mit etwas Lehm ein halbes Gemälde auf den Steinboden geschmiert. „Was denkst du, wann Mythenmetz und Echo wiederkommen werden? Drei oder vier Stunden sind sie jetzt bestimmt schon weg.“
„Keine Ahnung“, Rumo zuckte mit den Schultern. „Ich verstehe rein gar nichts von Alchimie, daher ist es mir auch völlig schleierhaft, wie lange man für so ein Experiment brauchen könnte. Einen Tag vielleicht oder zwei. Oder noch um einiges länger, was mir, salopp gesagt, so gar nicht  in den Kram passen würde.“
Blaubär schien inzwischen aufgegangen zu sein, dass er keinen einzigen Tropfen Wasser zur Verfügung hatte, um sich den Lehm wieder von den Pfoten zu waschen. Etwas entsetzt blickte er erst auf sein kleines Kunstwerk – eine etwas missglückte Strichmännchen Zeichnung von ihrer Reisegruppe im Kampf mit etwas, dass nach Rumos Schätzung mindestens drei Köpfe hatte – und dann zurück auf seine Pfoten. Schließlich begann er, sie möglichst unauffällig neben sich auf dem Boden abzustreichen, was herzlich wenig brachte.
„So lange? Und was sollen wir in der ganzen Zeit machen? Mir ist ja jetzt schon langweilig!“
„Dann lass uns nach etwas Essbarem suchen“, schlug Rumo vor und sprang auf die Hinterpfoten. „Ich könnte ohnehin etwas Bewegung vertragen.“
Blaubär nickte und stand ebenfalls auf. „In Ordnung. Aber wir sollten uns nicht allzu weit vom Schloss entfernen. Wer weiß, was sich neben geistig beschränkten Bücherjägern und amoklaufenden Alchimisten noch so alles hier unten herumtreibt.“
Rumo band sich sein Schwert auf den Rücken. „Du hast wahrscheinlich Recht. Obwohl es mich ja schon irgendwie interessieren würde, ob ich gegen so einen richtigen, erfahrenen Bücherjäger eine Chance hätte.“
„Vergiss es!“
„Schon gut, war nur’n Scherz…“
„Aber ein ganz schlechter!“
Sie machten sich auf den Weg in das Schloss Schattenhall umgebende Stollensystem, eine Angelegenheit, bei der Vorsicht geboten war, denn immer wieder brach mitten auf dem Weg die kochend heiße Lava durch das Gestein, tröpfelte von der Decke oder rann in mal kleinen, mal größeren Rinnsalen die Wände hinab. Die Luft, die bereits in der Höhle recht stickig gewesen war, wurde nun geradezu unerträglich heiß und Rumo merkte, wie ihm das Atmen mit jeden Schritt schwerer zu fallen schien. Seine Kehle war wie ausgetrocknet und plötzlich erschien es gar keine so gute Idee mehr zu sein, die verbleibenden Wasservorräte an ihrem Lagerplatz zurück zu lassen, um für die Jagt leichter zu sein.
„Guck nicht so“, grinste Blaubär von der Seite. „Schwitzen ist gesund! Andere Zamonier zahlen dafür!“
„Andere Zamonier haben auch mehr als ihre Zunge zum Schwitzen, Schlauberger!“ Rumo öffnete das Maul und ließ die Luft über den erhitzten Muskel streichen. Hecheln war unter zivilisierten Wolpertingern eigentlich absolut verpönt, doch unter diesen Umständen war ein Verstoß gegen Konventionen wohl nachzuvollziehen.
Leider brachte die Unsitte nur bedingt etwas.
Blaubär hatte sich seinen Pullover über den Kopf gezogen und versuchte ihn nun so zu tragen, dass er möglichst wenig Körperoberfläche bedeckte. „Das nächste Mal, wenn ich vorschlage, dass wir das Wasser zurück lassen, schlag mich bitte.“
„Kann ich das auch präventiv erledigen?“
„Auf keinen Fall.“
„Zu schade.“ Rumo hob den Kopf und nahm Witterung auf. Da war etwas. Nichts großes, nichts Gefährliches, aber etwas Lebendiges. ‚Und was lebendig ist, das kann man Töten. Und was tot ist, das kann man essen.‘
Nanu, woher kam das denn auf einmal? Rumo blinzelte irritiert und kratzte sich am Schädel. Diese Gedanken waren nicht die seinen gewesen und auch zu Löwenzahn oder Grinzold schienen sie nicht zu gehören. Sie klangen fremdartig in seinem Kopf, aber dennoch irgendwie richtig. Wie eine Regel, ein ultimatives Gesetzt, das hier über allem stand und an das man sich halten sollte, wenn man überleben wollte.
„Hast du das gehört?“ Rumo Sinne schnellten zurück ins Hier und Jetzt und er drehte sich zu Blaubär um.
„Hä?“
„Hier ist etwas. Irgendwas Lebendiges. Was kleines, wuseliges. Wollen wir es uns krallen? Vielleicht gibt es einen guten Braten ab.“
„Äh, klar!“ Rumo schüttelte das letzte Bisschen Verwirrung ab und ließ zu, dass ein selbstzufriedenes Grinsen in ihm empor stieg. Jagen, ja, das war nach seinem Geschmack. Endlich ging es hier mal wieder um etwas, in dem er richtig gut war. „Du von links, ich von rechts?“
„So machen wir’s!“

Echo hörte die Tür des Labors hinter sich zufallen. Mythenmetz hatte das Angebot ihm bei der Arbeit zu assistieren ausgeschlagen und erklärt, dass er selbst noch etwas Wichtiges in dem alten Gemäuer zu erledigen habe, jetzt, wo er schon einmal hier sei. Und wenn Echo ehrlich war, dann war es ihm auch lieber, wenn er etwas für sich sein konnte.
Eigentlich hätte es ein ganz simples Geschäft sein sollen: Sein Wissen – das er eigentlich nicht einmal wollte – gegen die Richtigstellung seiner Geschichte. Doch nun, da sein ehemaliger Meister wie aus dem Nichts heraus auf der Bildfläche erschienen war, kochten die unterdrückten Emotionen in seinem Inneren auf einmal über. Plötzlich hatte er das unerklärliche und, rational gesehen, auch absolut sinnlose Gefühl, sich beweisen zu müssen.
Echo wusste nicht, ob er Eißpin jemals wiedersehen würde oder ob dieser sich nun endgültig von allen Lebewesen isoliert und sich in seine Zuflucht hier unten – wo auch immer die sein mochte – zurück gezogen hatte, doch er wurde den Gedanken nicht los, dass der Alte es wissen würde, wenn er versagte. Und er würde ihn wieder mit diesem Blick bedenken, diesem überheblichen Grinsen, das sagte: Netter Versuch, Kleiner, aber an meine Genialität wirst du niemals heran reichen!
Nein! Er war nicht mehr der unbedarfte Naivling, der er vor fünf Jahren gewesen war! Er war erwachsen geworden, selbstständig und ein hervorragender Alchimist! Er würde nicht versagen!
Er durfte nicht versagen.
Echo atmete einmal tief durch und begann dann damit, das Labor und seine Ausstattung zu inspizieren. Mythenmetz hatte nicht übertrieben, hier gab es alles, was das Alchimistenherz begehrte und noch so einiges mehr. Die Kratze erkannte diverse Destillen und Retorten, Öfen für unterschiedlichste Temperaturen und Verfahren, sogar einen florinthischen Frostofen und einen über zweiundzwanzig Stufen regulierbaren Bunsenbrenner gab es. An einer Wand aufgereiht standen dutzende alchimistische Batterien und das Regal direkt daneben quoll über vor Reagenzgläsern, Erlenmeyerkolben, Petrischalen und sonstigem Glasgerät. In der Mitte des Raumes standen zwei lange Werkbänke mit eingelassenen Waschbecken und einem halben Dutzend Mikroskope mit einer breiten Auswahl an Linsen, daneben ein Beistell-Wagen voller Skalpelle, Löffel, Spateln und Nadeln, zum feststecken von Präparaten.
An das geräumige Hauptlabor schloss sich eine weitere Kammer an, in dem Echo eine Sammlung von Zutaten fand, die überraschenderweise tatsächlich mit der von Eißpin mithalten konnte. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, das gesamte zamonische Periodensystem der Elemente in Form eines Schrankes mit siebenhundertvierzehn einzelnen kleinen Schubladen nachzubauen – für jedes Element eine. Und als Echo ein paar davon aufzog – die mit harmloserem Inhalt, nur zur Vorsicht – fand er jede einzelne von ihnen gefüllt, egal wie selten oder schwer zu bekommen das Element auch sein mochte.
Dazu gab es ein Regal mit Kräutern und eines mit Verbindungen jeder Art, ob stabil oder instabil, flüssig, fest oder gasförmig. Es waren sogar einige darunter, die in speziellen Druckbehältern aufbewahrt werden mussten, die die Substanz exakt auf dem Tripelpunkt hielt, ein chemischer Zustand, in dem alle drei Aggregatzustände gleichzeitig vorlagen. Echo war beeindruckt. Solche Gerätschaften waren selten!
Ohne Zweifel, dieses Labor war perfekt ausgestattet und im Grunde gab es nichts, das dem jungen Alchimisten für seine Forschungen fehlte. Mit einer Ausnahme. Einer sehr entscheidenden Ausnahme.
Hier gab es kein einziges Fett.
Echo ging die Formel für die Prima Zateria noch einmal Punkt für Punkt im Kopf durch. Er kannte sie in ihrer Unvollkommenheit auswendig, wie er auch alles andere auswendig kannte, was er einmal gelesen oder gehört hatte, und doch hatte er sie bis vor wenigen Monaten nicht verstanden. Es hatte drei Jahre intensivster alchimistischer Studien bedurft, bis der jungen Kratze klar geworden war, welche entscheidende Rolle die Fette und auch die Todesseufzer für das Elixier spielten und wie erfahren und präzise Eißpin in seinen Vorbereitungen vorgegangen war. Es ging nicht darum, wahllos irgendwelche hochwertigeren Lipide und Gase zu vermengen, nein, hinter dem Sammelwahn des alten Mannes steckte wesentlich mehr. Der entscheidende Faktor war die Lebenskraft selbst, die Seele, die Vis Vitalis, die allen Substanzen innewohnte, die ihren Ursprung in einem lebenden Organismus hatten. Sie war es, die alle antrieb, der Motor des Seins sozusagen, eine unbändige Kraft, die sich die Alchimisten von je her bewusst oder unbewusst zu Nutze machten.
Normalerweise war sie lediglich Katalysator für die verschiedensten Reaktionen und Vorgänge, doch bei der Prima Zateria war nun die Vis Vitalis selbst Hauptzutat und zentrales Element, das war Eißpin von Anfang an klar gewesen. Also hatte er alles daran gesetzt, diese Energie in ihrer reinsten Form zu sammeln und schlussendlich zu konzentrieren, bis sie schließlich stark genug war, einen Körper für immer am Leben zu erhalten.
Und die einzige Vis Vitalis, die Echo hier zur Verfügung stand, waren ein paar lebende Bücher und eine Handvoll Ratten. 'Und meine eigene', dachte Echo bei sich und erinnerte sich damit selbst an einen weiteren Minuspunkt auf der Liste. Kratzenfett, das Bindemittel, das die Energien der verschieden Kreaturen zusammenfließen lassen sollte – nun, es stand außer Frage, dass er keines als alchimistische Ingredienz besaß. Und selbst wenn er es vorgefunden hätte, so hätte er es nicht verwenden wollen, das wurde dem Gestaltenwandler mit einem Mal klar.
Echo setzte sich auf die Hinterläufe und rollte seinen Schweif eng um den Körper. Was nun? Die Chancen, die Formel ohne Vis Vitalis und ohne einen geeigneten Emulgator vollenden zu können, waren gering bis unmöglich. Wenn schon die Grundelemente nicht stimmten, wie sollte man dann einem Experiment den letzten Schliff verpassen?
Die einzige Möglichkeit, die blieb, war es, die nötigen Stoffe zu synthetisieren, sie künstlich herzustellen und zu hoffen, dass es in etwa den gleichen Effekt erzielte. Immerhin wusste niemand so genau, wo die Vis Vitalis überhaupt her kam, wie sie entstand und was sie im Einzelnen bewirkte. Vielleicht genügte es, Verbindungen mit denselben Eigenschaften herzustellen? Wie Fette aufgebaut waren, das wusste Echo, und auch, was seines von anderen Tieren unterschied.
Es war eine irrsinnige Idee und höchstwahrscheinlich war sie zum Scheitern verurteilt, doch was hatte er schon für eine Wahl. Er musste es versuchen.
Seufzend erhob sich Echo auf die Hinterläufe, legte die Vorderpfoten aneinander und konzentrierte sich auf die Energien, die in ihm flossen.
Dann befahl er seinen Zellen, sich neu zu ordnen.

„Mir ist laaaangweiliiig!“ Rumo ließ sich auf den Rücken fallen und reckte alle vier Gliedmaßen zur Höhlendecke. „Hier ist es zu warm, wir haben nicht genug Wasser, nichts zu tun und außerdem habe ich Hunger!“
Blaubär hob eine Augenbraue und sah ihn ebenfalls aus dem Liegen heraus an. „Du hast Hunger? Die letzte Lavaschlange hast du ganz allein gefressen, wenn ich dich daran erinnern darf. Wenn du jetzt noch was willst musst du es dir alleine jagen!“
Rumo erwog diese Möglichkeit einige Sekunden lang. „Hmm...nein. Zu viel Aufwand.“
„Dachte ich mir“, grinste Blaubär und wedelte sich mit dem Ärmel seines Pullovers, den er beiseitegelegt hatte, kühle Luft zu. Kühlere Luft, um genau zu sein, denn wirklich kalt war neben einem riesigen Lavasee wohl gar nichts. „Aber du hast Recht, dieses Gewarte ist wirklich schrecklich langweilig. Wie lange sind Mythenmetz und Echo jetzt schon da drin? Ich verlieren hier unten jegliches Gefühl für Zeit.“
„Ein Tag ist sicher schon vergangen“, überschlug Rumo. „Vielleicht sogar mehr. Viel zu viel auf jeden Fall! Mir läuft die Zeit davon!“
„Mir läuft das Wasser davon, das find ich aktuell viel schlimmer!“
Rumo ignorierte den matten Scherz seines Reisegefährten und begnügte sich damit reglos auf die Felsen über ihm zu starren. Wenn nicht bald etwas Spannens passierte, würde er noch wahnsinnig werden. Dann war er der Nächste, der in diesen unsäglichen Gängen mit einer Sense Amok lief. Sollte dieser Echo nicht ein herausragender Alchimist sein? Wieso brauchte er dann so lange für die Vervollständigung einer einzigen dämlichen Formel? Er sollte da drin keine Kekse backen, sondern Arbeiten!
„Sei nicht so ungeduldig, du zu groß geratener Hund“, ermahnte Blaubär, dem nicht entgangen war, dass der Wolpertinger mit jeder verstrichenen Stunde hibbeliger geworden war. „Echo wird uns schon nicht hängen lassen. So ein Typ ist er nicht, davon bin ich überzeugt. Er gibt sicherlich sein Bestes. Vielleicht ist das ganze doch eine Nummer schwerer, als er gedacht hat! Immerhin reden wir hier nicht von dem Hausrezept deiner Mutter für Schweinshaxe, sondern vom Elixier des ewigen Lebens. Wenn das so einfach herzustellen wäre, würde ich mir heute keine Gedanken mehr darüber machen, warum mein Körper irgendwann einmal ohne meine Einwilligung den Geist aufgeben wird.“
Rumo fuhr sich mit der Pranke über das Gesicht und versuchte die Aufregung herunter zu schlucken, die ihn befallen hatte, seit ihm klar geworden war, dass er bald die Lösung für all seine Probleme in den Pfoten halten würde. Es funktionierte nur bedingt, ein leichtes Ziehen in der Magengegend blieb auch nach mehrmaligem Durchatmen und ließ sich auch nicht vertreiben, als er versuchte, sich in eine Art Trance-Zustand zu versetzten, indem er im Geiste unentwegt das Wort „Schnitzel“ wiederholte.
Hoffentlich, hoffentlich beeilte sich Echo!

Echo schloss die Elektroden an Kopf und Schwanz der toten Ratte an und drehte den Saft der alchimistischen Batterie voll auf. Die Spannung zuckte durch das Tier, es bäumte sich kurz auf, hüpfte zweimal wie ein Fisch auf dem Trockenen und blieb dann wieder reglos liegen.
Ein verbrannter Geruch erfüllte den Raum.
„Verdammt!“ Der junge Alchimist griff nach einem Federkiel und schleuderte ihn quer durch das Labor. „Warum funktioniert das nicht? Ich habe alles zu einhundert Prozent richtig synthetisiert, da bin ich mir sicher! Warum also...“
Noch einmal betrachtete er die tote Ratte, die ihm seit ein paar Stunden als Versuchsobjekt für seine vorläufigen Elixiere diente. „Warum willst du nicht leben, du Vieh?“
Das gesamte Labor war ein einziges Schlachtfeld. Zweiundzwanzig Stunden experimentierte Echo nun schon ohne zu essen oder zu schlafen und dennoch hatte er das Gefühl, keinen Schritt weiter zu sein. Er hatte Unmengen an Fett hergestellt, von simpelsten Fettsäuren bis hin zu einem kühnen Gemisch mit einem Hauch Zamomin, in der Hoffnung, dass es die ersehnte Vis Vitalis bringen würde, hatte sie vermengt und wieder getrennt, sie gekocht, gefroren und sublimiert, doch ohne Erfolgt. Nichts hatte die Ratte zum Leben erweckt, weder konzentrierte Erkenntnuss, noch Schlaukraut-Essenz, keine reduzierte Schreckseneiche und auch keine Kratzenminze.
Letzteres war eine pure Verzweiflungstat.
Er hatte sich beim Grundrezept akkurat an Eißpins Vorgaben gehalten und war beim Hinzufügen möglicher fehlender Substanzen auf einzig logische Art und Weise vorgegangen, doch es half alles nichts. Die Ratte wollte nicht leben.
In den letzten Stunden hatte die Kratze ein Verdacht beschlichen, der sich mit jedem fehlgeschlagenen Versuch zu erhärten schien. Es war ein Gedanke, der ihm zuvor so noch nie gekommen war, der aber in seiner Banalität schier auf der Hand lag und so ärgerte sich Echo, dass er nicht von Anfang an diese Möglichkeit in Betracht gezogen hatte.
'Was ist, wenn nicht ich mich irre? Was ist, wenn Eißpin falsch lag und das ganze unmöglich ist? Wer sagt mir denn, dass es bei ihm funktioniert hätte, hätte er mich in jener Nacht getötet und ausgekocht?'
War die ganze Aktion von Anfang an zum Scheitern verurteilt?
Eißpin war ohne frage genial, er hatte Elemente erstellt, von denen noch niemand zuvor gehört hatte, hatte sich selbst resistent gegen so ziemlich jede Krankheit gemacht und nicht zuletzt eine Methode entwickelt, jeden denkbaren Stoff in Gold zu verwandeln. Dass er es schaffen könnte, sogar den Tod zu besiegen, war denkbar, doch sicher hatte auch der brillanteste Geist seine Grenzen.
Echo ließ sich auf den Boden neben einem der Labortische hinabsinken, zog seine vermenschlichten Knie an und legte die Arme darum. Es gab im Grunde zwei Möglichkeiten: Entweder sein Meister hatte sich geirrt – oder es lag nach wie vor an der fehlenden Vis Vitalis. Es gab wahrscheinlich keine Methode, um da eine oder das andere auszuschließen, aber war es nicht so oder so egal? Wenn die Formel in den Grundzügen nicht stimmte, hatte er nichts in der Hand. Er selbst sah sich, bei aller Bescheidenheit, als talentiert und vielleicht hätte er mit jahrzehntelanger Forschung selbst einen Weg hin zum ewigen Leben finden können, doch binnen weniger Tage war allein der Gedanke illusorisch. Und wenn es doch die Vis Vitalis war, die an seinem Versagen Schuld war, konnte er daran hier unten ohnehin wenig ändern.
'Du weißt, dass das nicht stimmt.'
Echo biss sich auf die Unterlippe.
'Es gibt einen Weg, an eine große Menge Vis Vitalis zu kommen. Dieses Buch, es stand dort drin, erinnerst du dich?'
Der junge Alchimist wusste nicht, wann genau sein Bewusstsein eine solche Penetranz und Dreistigkeit entwickelt hatte, sich permanent in seine Angelegenheiten einzumischen, doch seit ein paar Jahren gab es da diese Stimme, die sich stets zu äußern pflegte, wann immer Echo kurz davor stand etwas Dummes, Gefährliches oder Verbotenes zu tun. Und meistens war sie dafür.
Es war keine tatsächliche Stimme in seinem Kopf – er war nicht verrückt oder zumindest hoffte er das – sondern viel mehr eine Ahnung, der Geist eines Sprechenden, der Echo in seiner Ausdrucksweise und in seiner ganzen Art jedoch von Anfang an seltsamerweise an jemanden erinnert hatte.
An jemanden, mit dem er etwa einen Monat lang recht viel zu tun gehabt hatte.
Fakt war, dass diese Stimme recht hatte und Echo wusste das. Er hatte es einmal gelesen in einem Buch mit dem Namen „Urchemie des Ultimativen“, das selbst unter den radikalsten Alchimisten als wissenschaftlicher Humbug abgetan wurde. Es befasste sich mit Energieströmen, mit der Theorie, dass alles relativ sei, dass Raum, Zeit und Energie eine Einheit bildeten, die durch spezielle Rituale und Vorgehensweisen aufgelöst und in ihre Einzelteile zerlegt werden konnte. Dimensionslöcher hatten eine Rolle gespielt, dunkle Energie und dunkle Materie, die man nicht sehen könne, die aber dennoch vorhanden seien. Wirres Zeug, das Echos Gehirn zwar Wort für Wort gespeichert hatte, von dem er aber nicht einmal die Hälfte verstanden hatte.
Eins jedoch war ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Ein waghalsiges Experiment, bei dem der Urheber des Buches die von ihm so genannte Urenergie einfing, indem er sie in Form von Blitzen direkt aus der Atmosphäre zog. Gelehrte in ganz Zamonien bezweifelten, dass es einen solchen Versuch jemals gegeben hatte, geschweige denn dass er hätte erfolgreich sein können, da es außer der theoretischen Anleitung keine weiteren Niederschriften zu diesem Thema gab und auch der Verfasser des Werkes niemals namentlich in Erscheinung getreten war.
Doch Echo war nicht überzeugt. Vielleicht war an diesen Theorien etwas dran. Während des Lesens hatte er schnell gemerkt, dass sich vieles von dem Behaupteten mit Nachtigallers berühmter Dunkelheitsforschung überschnitt, die er – im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, nie als schwachsinnig abgetan hatte. Energie aus der Schwärze des Weltraums... da steckte mehr dahinter, als sie meisten vermuteten, da war er sich sicher.
'Was, wenn du dir diese Energie irgendwie zu Nutze machen könntest?'
Aber wie sollte das gehen? Wie fing man solch eine Energie? Eine Energie, von der niemand so genau wusste, ob sie überhaupt da war?
Der anonyme Alchimist hatte eine riesige Apparatur skizziert, bestehend aus gigantischen Elektroden, einer Spule, unendlichen Anzeigen und Messgeräten und vollendet mit einer winzigen Menge Zamomin, das schon fast zu einem Muss bei scheinbar wahnsinnigen Experimenten geworden war.
Diese Apparatur nachzubauen schied für Echo aus, so viel war klar. Also brauchte er etwas anderes.
Aus den Botanik-Vorlesungen seines Studiums wusste er, dass Pflanzen eine Art Energiefalle nutzen, um sich das sie umgebende Licht zunutze zu machen. Es war ein Trichter, der die Wellen aufnahm und sie strudelförmig nach unten in das Blatt beförderte, wo sie die Photosynthese in Gang setzten.
Doch im Gegensatz zu Pflanzen würde Echo keine Lichtenergie benötigen, sondern Urenergie. Dunkle Energie, die Energie des Universums selbst. Wenn der unbekannte Alchimist recht hatte und sie es tatsächlich war, die einst für die Entstehung des Lebens auf dem Planeten verantwortlich war, dann konnte sie es sicher auch ein zweites und ein drittes Mal.
Eine Idee begann sich in seinem Kopf zu manifestieren.
Sie war verrückt, vielleicht sogar gefährlich, doch mit einem ganzen Universum voller Glück, würde sie funktionieren.

„Jetzt reicht es mir!“ Rumo sprang auf und fegte damit Blaubär von seinem inzwischen angestammten Liegeplatz. „Wie lange sollen wir denn bitte noch warten? Ich gehe da jetzt rein!“
„Denk daran, was Mythenmetz gesagt hat“, mahnte Blaubär und rappelte sich ebenfalls auf. „Wir sollen das Schloss nur im absoluten Notfall betreten. Wer weiß, was da drin auf uns wartet? Ich finde, wir sollten ruhig bleiben und die Zeit absitzen.“
„Ich bin die letzten drei Tage ruhig geblieben!“, jammerte Rumo lauthals, drehte sich einmal um die eigene Achse und begann dann wie manisch in der Höhle auf und ab zu laufen. „Ich kann nicht warten, verstehst du! Ich kann nicht! Ich habe keine Zeit!“
„Das verstehe ich ja! Aber davon, dass du jetzt hier durchdrehst, geht die ganze Sache auch nicht schneller, glaub mir! Du hilfst grad niemandem, auch nicht dir selbst.“
Rumo blieb stehen und funkelte Blaubär wütend an. „Ich will auch niemandem helfen, ich will voran kommen! Ich bin nicht der Typ, der daneben sitzt und wartet! Ich mache! Ich kämpfe! Ich bin ein Wolpertinger, dafür sind wir verdammt noch mal da!“
Blaubär seufzte resignierend. „Okay, okay, schon gut, wir gehen rein. Aber vorsichtig! Und wir folgen exakt dem Plan, den Mythenmetz uns gegeben hat! Wir gucken nicht mal nach links und rechts, klar?“
„Klar!“
„Gut…“ Der Buntbär zog die Karte des Schlosses aus seiner Tasche und entrollte sie. Dann studierte er eine Weile die darauf verzeichneten Wege, nickte immer wieder mit dem Kopf und murmelte zustimmend vor sich hin. Rumo versuchte ihm über die Schulter zu linsen und so ebenfalls einen Blick zu erhaschen. „Ist es weit? Sag schon!“
„Nein.“ Blaubär rollte die Karte wieder zusammen. „Weit ist es offenbar nicht. Und verlaufen sollten wir uns eigentlich auch nicht, es geht ziemlich geradeaus.“
Rumo grinste. „Worauf warten wir dann noch? Zeit mal nachzugucken, wie weit unser kleiner Freund mit seinen Experimenten ist!“
Blaubär stolperte seinem Gefährten unbeholfen vom langen Liegen hinterher, als dieser energiegeladen wie immer aus der Höhle stürmte. „Nur fürs Protokoll: Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl dabei!“

Echo starrte die Ratte und an und die Ratte starrte zurück.
Sie saß zusammen gekauert in einer Schale, Elektroden an ihren winzigen Gliedmaßen und das Fell in eine grünlich fluoreszierende Nährlösung getaucht und doch hätte dieser Augenblick für den jungen Alchimisten kaum erhabener sein können. Das Leben selbst sah zu ihm herauf aus kleinen, schwarzen Knopfaugen, furchtsam zwar, aber so voller Vitalität, dass es kaum zu begreifen schien.
Er wagte sich nicht zu bewegen, wagte es nicht zu atmen, so zerbrechlich war die Konstruktion, die Echo in den letzten Stunden sorgsam Schraube für Schraube und Linse für Linse durch das ganze Labor hinweg konstruiert hatte. Gebündeltes Licht schoss vor im und hinter ihm durch den Raum, kreuzte sich, brach sich nach exakt berechnetem Winkel und schnitt präzise ausgewählte Linsen, bis der Betrachter das Gefühl bekam, es rotiere in sich selbst. Und im Grunde tat es das auch, wiederholte sich so oft in sich und addierte sich auf, bis sich seine Energie ins Gegenteil verkehrte und eine noch viel größere Kraft frei setzte, als gewöhnlichem Licht ohnehin schon inne wohnte.
So zumindest lautete Echos grobe Theorie. Sie basierte auf Vermutungen und vagen Annahmen, die viel unpräziser gewesen waren, als sie es für einen solchen Versuch wahrscheinlich hätten sein sollten, doch was für eine Wahl hatte er gehabt?
Ein unheimliches Sirren lag über dem Wald aus Linsen-Ständern und Kabel-Lianen, dessen Ursprung seltsamerweise in dem grünlichen Licht selbst zu liegen schien und stärker wurde, je näher die Spirale ihrem Mittelpunkt samt verschreckter Ratte kam. Dort, wo Echo stand, neben seinem Versuchsobjekt, war es beinahe unerträglich laut, obgleich die Lichtwellen auf dem letzten Stück hin zu den Elektroden an dem Tier beinahe verschwunden schien.
‚Nein“, dachte Echo. ‚Nicht verschwunden, nur unsichtbar. Es ist Anti-Licht. Dunkle Energie. Ich habe es geschafft!‘
Und dann kam ihm ein weit weniger erfreulicher Gedanke. ‚Die Ratte lebt, doch wenn ich es berühre, bin ich höchstwahrscheinlich tot.‘
Noch einmal beobachtete Echo fasziniert die Ratte, die sich in ihrem Bad aus Nährlösung und dunkler Energie suhlte. Sie schien keine Schmerzen zu haben oder unter sonst irgendwelchen Beschwerden zu leiden, das war gut. Ein Teil des gutmütigen Gestanltenwandlers hatte sich die ganze Zeit über gefragt, ob das, was er hier tat, ethisch vertretbar war, doch er hatte diese Gewissensbisse die ganzen letzten Stunden über verdrängt. Jetzt, da das Ergebnis seiner Experimente ganz offensichtlich keinerlei Traumata zu durchleiden hatte, konnte er sein Gewissen beruhigen – zumindest redete er sich das ein.
Nach etwa einer Minute reglosen Starrens gelang es Echo seinen Blick von dem kleinen großen Wunder vor ihm zu lösen und sich im Labor umzusehen.
Und jetzt?
Rumo wollte eine Formel, ein Schriftstück, ein Dokument, ein Rezept zum nachkochen sozusagen. Aber wie sollte er das anstellen? Die Zusammensetzung der Eißpinschen Nährlösung war schnell aufgeschrieben, aber wie sollte einem Nachahmer begreiflich gemacht werden, welch wilde Konstruktion er zu bauen hatte, um einen ähnlichen Erfolg zu erreichen? Echo war sich noch nicht einmal selbst zu einhundert Prozent sicher, was genau er da eigentlich zusammen geschraubt hatte, wie als das ganze einem Unbeteiligten klar machen?
Die naheliegenste Lösung war natürlich eine Zeichnung, doch allein der Gedanke daran ließ den jungen Alchimisten das Gesicht verziehen. Er mochte ja in vielen Dingen äußerst talentiert sein, eine Sache jedoch gehörte ganz sicher nicht dazu und das war der Umgang mit der Zeichenkohle. Wann immer er sich aus reiner Langweile an dem einen oder anderen Werk versucht hatte, war das Ergebnis stets bemitleidenswert gewesen und wurde schnellstens entsorgt. Vorzugsweise im Giftmüll-Container. Es gab Dinge, die brauchte die Welt nicht zu sehen!
Aber was blieb ihm anderes übrig? Vorsichtig duckte Echo sich unter seiner Konstruktion hinweg und zog ein Pergament und eine Zeichenfeder aus einer Schublade. Dann hockte er sich in eine Ecke und begann zu zeichnen, was er sah. Ob es irgendwer verstehen würde, ob man überhaupt erkennen konnte, was er mit den krummen, krakeligen Lienen auf schmutzigem Papier meinte? Nun, sie mussten, denn besser ging es nicht. Und vielleicht, überkam es ihn plötzlich, war es auch besser so. Vielleicht war es das allerbeste, wenn niemand so genau wusste, was er hier unten veranstaltet hatte. Denn was er immer noch nicht so genau wusste, war, wo diese Energie, der er sich vom Universum geliehen hatte, genau her kam. Energie entstand nicht und Energie verging nicht, sie war ewig – lediglich ihre Form war variabel. Und das bedeutete, dass die Energie, die nun durch die Adern der Ratte pulsierte, zuvor irgendeinen anderen Zweck erfüllt hatte.
Hoffentlich war der nicht allzu wichtig gewesen.
Während Echo so vor sich hin zeichnete, Listen von Zutaten für die Nährlösung erstellte und auch noch einmal jedes Fett und jeden Todesseufzer auflistete, den sein Meister einst für dieses Experiment verwendet hatte, wanderten seine Gedanken zu Eißpin, der nur wenige hundert Meter entfernt in selbstzerstörerischem Wahn durch die Katakomben wanderte und wohn kaum ahnte, dass sein Lebenswerk soeben vollendet worden war. Oder zumindest so was Ähnliches. Wahrscheinlich war es gut so. Wer weiß, was der Alte mit diesem Wissen angestellt hätte?
Wobei – im Grunde war es naheliegend. Er würde sich auf die Suche nach Florias Leiche machen, nach dem, was von ihr noch übrig geblieben war. Und dann würde er sie wieder erwecken. Und wenn er feststellte, dass sie keinen Körper mehr besaß, den man reanimieren konnte, würde er ihr einen solchen bauen, davon war auszugehen.
Echo erschauderte bei der Vorstellung einer skurrilen Hochzeitszeremonie mit Eißpin und einer Zombie-Artigen Floria, deren Wiedernatürlichkeit der völlig verblendete Bräutigam nicht sehen konnte und wollte.
Er tat ihm mehr Leid als alles andere.
Schließlich ließ er die Feder sinken und sah sich um. Wollte er dieses Werk wirklich einfach so in fremde Hände geben? Immerhin handelte es sich hier um eines der größten Geheimnisse der Alchimie.
Doch was sollte er damit? Er hatte der experimentellen Alchimie vor Jahren abgeschworen und sich soweit es eben ging von ihr distanziert. Und jetzt, da er wusste, dass Eißpin noch am Leben war, wollte er umso weniger mit ihr zu tun haben. Sollten andere doch den Ruhm für seine Arbeit einstreichen, er brauchte all das nicht. Und Schaden konnte man mit dieser Entdeckung ja wohl kaum anrichten, oder?
Echo erhob sich, rollte die Pergamente zusammen, versiegelte sie und machte sich dann daran, das Chaos im Labor zu beseitigen.

Blaubär starrte auf den Plan vor seiner Nase und drehte ihn immer wieder hin und her. „Ich glaube, jetzt müssen wir nach…. rechts!“
„Das glaube ich eher nicht“, antwortete Rumo von etwas weiter vorne.
Der Buntbär studierte die Karte ein weiteres Mal. „Doch, doch, ich bin mir ziemlich sicher!“
Rumo ging auf ihn zu und schob die Karte mit sanfter Gewalt aus seinem Blickfeld. „Ich würde deinen Anweisungen ja mit Freuden folgen, Kumpel. Da gibt es nur ein kleines Problem…“ Er deutete mit ausgestreckter Pfote auf die Wand rechts von ihnen. „Dort ist kein Weg!“
Blaubär blinzelte ein paar Mal verdutzt, ging dann zur Wand und begann, die Steine abzutasten. Sie gaben erwartungsgemäß nicht nach. „In der Tat, hier ist nichts...“, murmelte er und kratzte sich dann am Kopf. „Seltsam.“
Rumo schnappte sich die Karte. „Die übernehme von nun an ich! Sonst kommen wir ja nie an!“ Er entfaltete sie und sah drauf. Das konnte doch nicht so schwer sein!
Wenn also dieses Rote X dort das Labor markierte, indem sich Echo gerade befand und das M dort hinten für Mythenmetz stand, der Eingang dort lag und die vier Treppen, die sie gerade herauf gekommen waren….
Rumo tippte Blaubär auf die Schulter und steckte ihm, als dieser sich überrascht umdrehte, die Karte in geöffneten Pfoten. „Schon gut. Kannst sie wieder haben.“
Blaubär lachte, wenn auch nur kurz. Rumo war trotzdem beleidigt. Gut, konnte er halt keine Karten lesen, na und? Was war schon dabei? Dafür war er nicht blau. So! „Mach es doch besser!“, schmollte er und scharrte mit den Pfoten über den Boden wie ein bockiges Kind. „Ich will einfach nur ankommen. Und das wenn möglich noch heute!“
„Schon gut“, wehrte Blaubär ab und hob beschwichtigend die Pranken. „Ich arbeite ja dran! Weit kann es eigentlich nicht mehr sein.“
„Das hoffe ich!“
„Wir wären wesentlich weiter, wenn du nicht die ganze Zeit an mir herum meckern, sondern mich einfach mal machen lassen würdest!“
„Wenn ich dich nicht angetrieben hätte, säßen wir immer noch da draußen in der Höhle!“
„Und das wäre auch besser so!“
„In der Tat, das wäre es!“
Rumo und Blaubär schreckten aus ihrem kindischen Streit auf und wirbelten herum. Wenige Meter von ihnen entfernt im Korridor stand Mythenmetz, ein Buch unter dem Arm, das Monokel vors Auge geklemmt, und funkelte sie wütend an. „Was macht ihr zwei hier drin? Hatte ich euch nicht gesagt, dass ihr draußen auf uns warten sollt?“
Blaubär machte einen Schritt von Rumo weg, um sich auch rein Körperlich von dem Übeltäter zu distanzieren. Der Wolpertinger nahm es ihm postwendend sehr übel. „Es war seine Idee. Er meinte, wir hätten genug gewartet!“
Mythenmetz nahm Rumo ins Visier, der daraufhin einige Zentimeter zu schrumpfen schien. „Ich meinte ja nur…. Es war schon ziemlich viel Zeit vergangen. Euch hätte etwas zugestoßen sein können.“ Die Entschuldigung war schwach, das wusste er selber.
Der Schriftsteller schnaubte. „Wie auch immer! Ihr könnt froh sein, dass ich euch gefunden habe. Ihr minderbemittelten Pelzträger habt es nämlich geschafft euch gehörig zu verlaufen. Was bei der detaillierten Karte, die ich euch gab, nebenbei bemerkt schon eine Leistung für sich ist!“
Rumo und Blaubär sahen betreten zu Boden. Was hätten sie auch anderes tun sollen?
„Nun, aber da ihr jetzt ohnehin schon mal hier seid…. Echo?“
Erst jetzt bemerkten die beiden unwillkommenen Eindringlinge, dass Mythenmetz von Echo begleitet wurde, der zwar etwas erschöpft aus der Wäsche guckte, sonst aber noch ganz munter wirkte. In Rumos Innerem verkrampfte sich alles. Nun war die Stunde der Wahrheit gekommen. Hatte er es geschafft?
Auch Blaubär war die angespannte Neugier ins Gesicht geschrieben, während er erwartungsvoll von der Echse hin zur Kratze und wieder herauf zur Echse blickte.
„Also…?“
Der junge Alchimist ließ sich Zeit mit seiner Erklärung und trieb Rumo so an den Rand des Wahnsinns. Raus mit der Sprache, du komische Katze!, hätte er am liebsten gebrüllt, doch er hielt an sich und übte sich in Selbstbeherrschung. Vielleicht auch nicht das Schlechteste.
Dann endlich begann Echo zu sprechen. „Es war nicht leicht, so viel kann ich sagen“, erklärte er und stricht sich mit seinen vermenschlichten Fingern die langen Haare aus der Stirn. „Ich habe mich Methoden bedient, die ich lieber nicht genutzt hätte. Doch letzten Endes…“ er griff in seine Tasche und wühlte etwas darin herum, zog dann schließlich etwas daraus hervor und präsentierte es seinen Mitreisenden „… habe ich es geschafft.“
Echo übergab Rumo zwei Rollen Pergament, die dieser ungläubig entgegen nahm. Sein Hirn schien nicht in der Lage aufzunehmen, dass es das gewesen sein sollte. Das war alles. Zwei kleine Fetzen Papier und ein bisschen Tinte. Eine wochenlange Reise und etliche Lügen und Kämpfe für ein Stück bekritzelte Holzfasern. Kein Höhepunkt, keine epische Schlacht, keine Explosionen. Gar nichts.
Formel fertig, ende, aus.
„Das einzige Problem daran ist…“
Der Wolpertinger horchte auf. Da war es! Jetzt kam es doch noch! Sein großes Finale, auf das er die ganze Zeit gewartet hatte. Der epische Kampf, der Stoff, aus dem Helden wie er gemacht waren.
„… dass es dadurch, dass ich die Formel meinen Bedingungen anpassen musste, ganz genau genommen kein Elixier des Ewigen Lebens mehr ist, sondern viel mehr eine Möglichkeit, Leben zu erschaffen, beziehungsweise bereits Totes wieder zum Leben zu erwecken. Ich hoffe, das reicht Nachtigaller aus. Außerdem sollte der Schritt zur Lebenselixier von dort aus auch nicht mehr allzu weit sein. Falls es nicht reicht… tut mir Leid, mehr konnte ich nicht tun.“
Rumo blinzelte. Und wo war jetzt sein Problem? Seine Aufgabe, die nur ein Held lösen konnte? Das konnte es doch wohl nicht gewesen sein!
Alle Augen hatten sich auf ihn gerichtet, doch es dauerte eine Weile, bis der Wolpertinger begriff, dass man eine Antwort von ihm erwartet. „Äh…“, stammelte er. „Äh… ja, wird schon reichen.“
„Gut, dann sind wir hier wohl fertig“, sagte Mythenmetz und sah in die Runde. Jeder hat, was er will und alle sind glücklich. Dann können wir ja gehen.“
Rumo versucht sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Er wollte noch nicht gehen. Hatte das Abenteuer nicht gerade erst angefangen? Könnten sie nicht noch ein kleines Bisschen hier unten bleiben, wo es gefährlich war? Nur so zum Spaß?
„Findest du nicht, dass du in letzter Zeit genug ‚Spaß‘ hattest?“, mischte sich Löwenzahn plötzlich in seine Gedanken ein. „Darf ich dich dran erinnern, dass du ein paar Mal beinahe drauf gegangen wärst? Du hast nicht mal mehr dein eigenes Rückgrat!“
‚Jaa, ich weiß….‘
„Pff, recht haste, Junge!“, rief Grinzold. „Wir sind hier noch nicht fertig! Hier gibt es bestimmt noch eine Menge starker Typen, die man mal ordentlich aufmischen kann. Wir könnten den alten Typen mit seiner Sense wieder ausgraben.“
„Und dann? Dann macht er uns tot!“, kreischte Löwenzahn. „Auf gar keinen Fall.“
Grinzold machte ein beleidigtes Geräusch. „Ich wollte sagen, dass wir uns mit ihm anfreunden könnten. Ich fand ihn richtig sympathisch.“
„Nun, ich NICHT!“
‚Schon gut, schon gut, ich habs ja verstanden!‘ Rumo versetzte Löwenzahn einen Klaps und gab seinen Gefährten damit zu verstehen, dass sie die Klappe zu halten hatten. Solche Signale brauchte es, wenn man zwei Stimmen in seinem Kopf hatte und nicht früher oder später in der Psychiatrie landen wollte. Irgendwann musste einfach mal Ruhe sein.
Unter den vier Reisenden war unterdessen eine verlegene Stille entstanden. Ihre Zusammenarbeit war beendet, doch irgendwie schien keiner der Erste sein zu wollen, der diesen Schritt offiziell machte.
So standen sie eine Weile betreten in der Dunkelheit Schloss Schattenhalls und schwiegen sich an, bis sich Mythenmetz schließlich räusperte und in gewohnter Geste seine Umhang glatt strich. Eine Geste des Sammelns. „Nun ich denke, wir alle wissen, was nun ansteht. Es ist an der Zeit, sich auf den Rückweg zu machen.“
Echo, Blaubär und auch Rumo nickten. „So soll es sein“, pflichtete der Wolpertinger abwesend bei. „Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren. Je schneller wir hier raus sind, desto besser.“
Mythenmetz hob den Arm und deutete in einen der angrenzenden Stollen. „Gut. Der schnellste Weg hier raus und zurück zur Oberfläche führt hier entlang. Hoffen wir einmal, dass uns die Bücherjäger zumindest dieses Mal in Ruhe lassen.“
Rumo setzt ein zuversichtliches Lächeln auf, als er seinen Gefährten in die nicht zu deutenden Gesichter blickte. Eigentlich war es perfekt so, wie es war. Wieso wollte er überhaupt ein großes Finale? Es kostete nur Zeit und in den meisten Fällen verlor irgendwer dabei auf dramatische Weise sein Leben. Eigentlich konnte er sich verdammt glücklich schätzen, dass zumindest die letzte Etappe seiner Reise so reibungslos verlaufen war.
„Ja, hoffen wir es!“

Also Rumo schließlich aus der Tür des kleinen Antiquariats heraus trat, das sie seltsamerweise leer vorgefunden hatte, tat er einen tiefen, befreienden Atemzug.
Es war tatsächlich geschafft. Und endlich schien diese Neuigkeit auch in seinem Hirn angekommen zu sein.
Alles war vorbei und sie hatten gesiegt. Eine Formel, oder zumindest etwas in der Art, zum erschaffen des Lebens selbst lag in seiner Pfote und schon bald würde er sie eintauschen gegen das eine Leben seines Freundes. Das mochte vielen unbegreiflich erscheinen, doch der Wolpertinger machte sich nichts aus dem Wissen der Welt, solange er die um sich hatte, die er liebte. Und dem Argument, dass man mit einer Apparatur, die Leben erschuf, wenig Schaden anrichten konnte, hatte selbst der äußerst skeptische Mythenmetz wenig entgegen zu setzten.
Atemzug Nummer zwei war beinahe genau so süß wie der erste. Eine Leichtigkeit hatte von Rumo Besitz ergriffen, wie er sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Er hätte nicht übel Lust gehabt, die gesamte Stecke von Buchhaim nach Atlantis in einem Zug durch zu rennen und noch am selben Abend die erlösende Nachricht in Smeiks Büro zu tragen, doch zunächst mussten Verhältnisse geklärt werden.
Während der letzten paar Stunden in den Katakomben hatte sich Aufbruchsstimmung unter seinen Gefährten breit gemacht. Ihre Reise war beendet und ebenso war es ihre Zusammenarbeit. Sie hatten sich nicht wirklich gut verstanden, doch irgendwie schien ein nahender Abschied dennoch schwermütig zu stimmen. Sogar Mythenmetz war auf der Zielgerade erstaunlich still geworden, was im Endeffekt bedeutete, dass er sich nur über jeden zweiten, anstatt direkt über jeden Stein beschwert hatte.
Rumo rechnete es ihm hoch an.
Der dritte Atemzug roch nach Angst.
Blaubär schob sich hinter seinem Gefährten aus der Tür und sah sich um, indem er sich auf der kleinen buchhaimer Straße einmal um die eigene Achse drehte. „Was, bei Hel, ist denn hier los?“
Die sonst so lebendigen Gassen waren wie ausgestorben.
Mythenmetz hielt misstrauisch die Nüstern in den Wind. „Irgendwas stimmt hier nicht. Ganz und gar nicht. Wieso ist hier niemand?“ Eine zerfetzte Buchseite wehte vor ihnen über das Kopfsteinpflaster, gefolgt von einer zweiten und einer dritten und dann einer halb abgeknickten Schreibfeder. Ihr Rascheln war der einzige Laut weit und breit, nur begleitet vom unheimlichen Heulen des Windes – das perfekte Bild einer Geisterstad.
Rumos Glücksgefühle wichen einem frostigen Erschaudern. Das war doch alles nicht richtig! Sie waren doch nur etwa eine Woche weg gewesen! Was konnte in diesen paar Tagen nur passiert sein?
Echo tapste zu Blaubär auf die Straße. Er hatte die Ohren angelegt und den Körper nah an den Boden gedrückt. „Das gefällt nicht. Lasst uns von hier verschwinden. Bitte!“
Der Buntbär nickte zustimmend und schlang sich die Arme um den Körper als würde er frieren. „Der Kleine hat Recht. Irgendwas ist hier nicht ganz sauber. Und ich will nicht warten, bis es kommt und mich frisst! Lasst uns abhauen!“
Rumo wagte sich nun ebenfalls ein paar Schritte weiter hinaus und sah links und rechts die Gasse hinunter. Tatsächlich. Es war niemand zu sehen. Alle Buchläden und Gaststätten waren geschlossen, das ewige Sirren und Wummern der Druckerpresse war verstummt und aus keinem einzigen Schornstein drang Rauch. Es war, als wäre Buchhaim nichts weiter als eine übergroße Theaterkulisse, die man nach Absetzten des Stückes verwaist zurück gelassen hatte.
„Wir könnten irgendwo klopfen“, schlug Echo vor. Vielleicht ist ja jemand zu Hause und kann uns verraten, was hier passiert ist.“
Mythenmetz war ihm einen Schritt voraus. Er war auf einen Buchhandel zugegangen, der bis vor wenigen Tagen noch so ziemlich jedes Buch der zamonischen Literatur geführt hatte, und hämmerte nun mit beiden Klauen an den geschlossenen Fensterladen. „Hey!“, rief er dabei wenig freundlich. „Aufmachen! Jemand da? Wir haben da ein paar Fragen!“
Eine Weile geschah gar nichts. Dann, nach etwa einer Minute der absoluten Stille, drang auf einmal zur Überraschung aller eine dünne Stimme zu ihnen nach draußen.
„Wer sind Sie?“, fragte die Stimme eine Spur ängstlich. „Sind Sie ein Zamonier?“
Mythenmetz warf einen ungläubigen Blick über die Schulter, scheinbar um sich zu vergewissern, dass seine Gefährten diese Frage gerade eben auch gehört hatten. „Natürlich sind wir Zamonier! Was sollten wir denn bitte sonst sein? Außerirdische?“
„Beweist es!“
„Also das ist doch…“ Der Schriftsteller stemmte genervt die Krallen in die Hüften. „Mein Name ist Hildegunst von Mythenmetz! Wenn Sie sich die Mühe machen würden, ihren komischen Fensterladen auch nur für eine Sekunde zu öffnen, dann würden Sie es vielleicht sehen können. Und ich könnte sehen, mit welchem Idioten ich es zu tun habe!“
„Schon gut, schon gut, ich glaube Ihnen. Kommen Sie rein. Aber machen Sie schnell!“
Wieder folgten einige Sekunden der Stille, dann kratzen deutlich hörbar einige Riegel über die Innenseite der nahen Eingangstür und ein Schlüssel wurde herum gedreht. Schließlich schwang die Tür auf und die wässrigen Augen eines alternden Wildschweinlings spähten misstrauisch durch den Spalt. Als er Mythenmetz erkannte, hellte sich sein Blick auf. „Hildegunst von Mythenmetz! Sie sind es wirklich! So ein Glück! Hier in Buchhaim denken viele, die hätten sie schon erwischt. Wo doch jeder weiß, dass sie auf der Liste stehen. Wie konnten Sie sich bis jetzt verstecken? Aber ist ja auch egal. Kommen Sie erst mal rein!“
„Ähm, danke….“, antwortete Mythenmetz langsam und mit einem Gesichtsausdruck, der vermuten ließ, dass er an der geistigen Gesundheit seines Gegenübers zweifelte. Dann schob er sich am Gastgeber vorbei in die Buchhandlung, dicht gefolgt von Rumo, Blaubär und Echo, die allesamt froh waren, von der unheimlichen Straße herunter zu kommen.
Der Wolpertinger ließ zu, dass ein letzter Schauer des Unbehagens seinen Körper schüttelte und ihm das Nackenfell zu Berge stehen ließ, bevor er sich wieder fasste und seinerseits den Wildschweinling beäugte. Er wirkte bedrückt und eingeschüchtert und Rumo vermutete, dass das nichts mit seinem fortgeschrittenen Alter zu tun hatte. Er beschloss, dass dies nicht die Zeit für Smalltalk oder Formalitäten sein konnte. „Tut mir Leid, wenn ich so mit der Tür ins Haus falle, guter Mann, aber könnten Sie uns vielleicht sagen, was hier los ist? Warum ist Buchhaim so ausgestorben?“
Der Buchhändler sah Rumo einen Augenblick entgeistert an. „Diese Frage meinen Sie nicht ernst, oder?“
An dieser Stelle sprang Blaubär ein. Er fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf und lachte verlegen. „Haha, entschuldigen Sie meinen ungehobelten Freund. Hallo erst mal. Mein Name ist Blaubär. Und nun… doch! Die Frage meinen wir leider ernst.“
Die Augen des Alten wandernten entsetzt von einem Reisenden zum nächsten, ernteten dabei jedoch nur ratlose Blicke, sodass er schließlich einsehen musste, dass man ihn nicht auf den Arm nahm. Er fuhr sich zitternd mit einer Pfote durch das Kopffell. „Das gibt es doch wohl nicht….“, murmelte er wie zu sich selbst. „Wie kann man das nicht mitbekommen haben?“
„Was, alter Mann?“, drängelte Mythenmetz genervt. „Was mitbekommen?“
Als der Wildschweinling schließlich aufsah, war die Furcht in seinen Augen beinahe greifbar.
„Es tut mir Leid euch das sagen zu müssen…“, flüsterte er kaum hörbar. „Aber ganz Zamonien befindet sich im Krieg.“
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