Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Rumo und die Wahrheit der Alchimisten

von -Echo-
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Blaubär Hildegunst von Mythenmetz Rumo von Zamonien
30.06.2010
22.03.2015
25
146.075
6
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.06.2010 8.187
 
Man beschloss sich zwecks Planung weiterer Schritte in die altbewährte Herberge zurück zu ziehen.
Echo hatte sich auf unbestimmte Zeit von seiner Schaustellertruppe verabschiedet, was diese erstaunlich gleichgültig aufgenommen hatten. Und auch der Gestaltenwandler selbst schien nicht wirklich betrübt über den plötzlichen Abschied - offenbar hing man dort nicht sonderlich aneinander.
Nun - gegen Mittag desselben Tages - saßen die vier Waffenbrüder um einen kleinen Tisch im Schankraum ihres Stammgasthofes und warteten darauf, dass irgendeiner von ihnen sich berufen fühlte das Schweigen zu brechen.
Und wenn es ums Sich berufen fühlen ging, konnte es natürlich nur einen geben.
"Beginnen wir also ganz formell", sagte Mythenmetz und sah in die Runde, als erwarte er für diese Aufforderung Beifall. Doch nichts dergleichen geschah.
Der Schriftsteller hüstelte. "Ähäm, in Ordnung, ich werde beginnen." Er zupfte sich die Robe zu Recht und schob sich in eine kerzengerade Sitzposition. "Mein Name ist bekanntermaßen Hildegunst von Mythenmetz und ich arbeite als freiberuflicher Schriftsteller. Soweit wohl kaum etwas Neues - für die Meisten von uns."  
Rumo hatte plötzlich das Gefühl als starre ihn jemand eindringlich von der Seite an. Er fixierte vorsichtshalber die Tischplatte.
"Ich bin stolze siebenhundertdreizehn Jahre alt", fuhr der Lindwurm fort, "stehe in der Blüte meines Lebens und erfreue mich einer Karriere, die Ihresgleichen sucht. Und nur um Gerüchten vorzubeugen: Ich bin ledig und ungebunden. Und sehr glücklich über diesen Zustand." Mehr gab es offenbar aus seiner Sicht nicht zu sagen. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.  
Rumo war der Nächste in der Reihe.
"Rumo von Zamonien, acht Jahre alt, hauptberuflich Leibwächter", erklärte er kurzabgebunden. Gern hätte er mehr von sich preisgegeben und dadurch weniger ruppig und verschlossen gewirkt, doch er hatte Angst, sich durch ein falsches Wort zu verraten und damit den gesamten Plan zu gefährden. Also blieb er bei der Kurzversion. "Ich bin in Wolperting zu Hause, halte mich aber der Arbeit wegen häufig in Atlantis auf. Das ist nicht immer einfach, zumal ich meine Verlobte so nur sehr selten sehe, aber ich kann wenig dagegen tun. Meine Arbeit ermöglicht uns ein sehr komfortables Leben und wir beide wissen das zu schätzen"
Echo sah in an und nickte. "Manchmal muss man Kompromisse eingehen, das verstehe ich." Dann begann er zu grinsen. "Ein berühmter Schriftsteller und ein waschechter zivilisierter Wolpertinger. Mit euch ist ja richtig was los!" Er wandte sich Blaubär zu und sah in erwartungsvoll an. "Jetzt du!", forderte er. "Du bist ein ehemaliger Schüler von Nachtigaller? Bedeutet das nicht, dass du der einzige deiner Art sein musst? Das musst du mir erklären! Buntbären gibt es doch eine ganze Menge!"
Blaubär fuhr sich verlegen mit einer Pfote über den Hinterkopf und begann zögerlich seine Geschichte zu erzählen. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er gar nicht erst erwartete, dass irgendeiner seiner Gefährten ihm Glauben schenken würden, und wenn Rumo ehrlich war, tat er es auch nicht. Noch dazu hatte er mit jeden Wort mehr und mehr das Gefühl, das alles schon einmal gehört zu haben, nur konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern, wo das gewesen sein sollte. Klabautergeister, Tratschwellen und Freinschmeckerinseln, ein Tyrannowalfisch Rex – natürlich, diese Dinge gab es in Zamonien, doch dass jemand all diesen Wundern in einem einzigen, kurzen Leben begegnet sein sollte, klang doch etwas sehr an den Haaren herbei gezogen. Und woher, um alles in der Welt, kannte er diese Geschichte? Wieso fühlte er sich in diesen Sekunden, als erlebe er diese Situation bereits zum zweiten Mal, als wüsste er, was der Buntbär erzählen würde, obwohl er sich sicher war, noch niemals mit all diesen Leuten an einem Tisch gesessen zu haben?
Dann, gerade als Blaubär seine angebliche Begegnung mit dem ewigen Tornado in der süßen Wüste schilderte, fiel es dem Wolpertinger wie Schuppen von den Augen.  "Das ist sie!“, platze es aus ihm heraus bevor er etwas dagegen tun konnte. "Das ist die Geschichte, mit der du das Duell gegen Nussram Fhakir gewonnen hast, das legendärste Lügenduell in der zamonischen Geschichte!"  
Mythenmetz stellte das Glas, aus dem er soeben getrunken hatte, so kraftvoll zurück auf den Tisch, dass die Flüssigkeit darin über den Rand schwappte. "Das Lügenduell gegen Nussram Fhakir?“, rief er. „Natürlich! Deswegen kamst du mir von Anfang an so bekannt vor! Du bist dieser Lügenkönig, der Lügenduellant, der es geschafft hat, mit seiner Erzählweise alles zu ruinieren, was wir Autoren über Jahrhunderte geprägt und perfektioniert hatten!"
"Ich… ähm…"
Der aufgebrachte Schriftsteller ließ ihn nicht zu Wort kommen. "Du bist schuld, dass meine Verkaufszahlen im Jahr deines Erfolgs einen Jahrhunderteinbruch zu verzeichnen hatten, ich hoffe, das ist dir klar!"
Blaubär schluckte merklich. „Na ja…“
"Nun, schön zu wissen, dass wir jemanden in unseren Reihen haben, der nicht einmal ehrlich genug ist, um uns etwas über sein Leben zu erzählen.“
"Nein, ich…"
"Was hast du dir davon versprochen? Wolltest du gut dastehen? Wolltest du Anerkennung? Oder fällt es dir einfach nur schwer, zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden?"
"Ich…" Blaubär schien ernstlich verzweifelt und er begann Rumo mehr und mehr Leid zu tun. Mythenmetz’ Worte trafen den gutmütigen Buntbären offenbar geradewegs an empfindlichster Stelle.
Was bezweckte er mit dieser Lügengeschichte?
War ihm denn nicht klar, dass so eine dreiste Spinnerei früher oder später auffliegen musste? Schlimmer noch, dass sie zu weiteren Fragen seine Glaubwürdigkeit betreffend führen würde?
Rumo beschlich die kalte Angst. Da war er, der kleine Fehler, mit dem alles stand und fiel, der kleine Ausrutscher, der das Ende ihrer Reise bedeuten konnte. Wenn Mythenmetz jetzt auf den Gedanken kam, auch Blaubärs Geschichte rund um Professor Nachtigaller zu hinterfragen, konnten sie einpacken, die Kettenreaktion war klar voraus zu sehen: Flog Blaubär auf, war jede Zusammenarbeit mit Mythenmetz undenkbar. Und ohne Mythenmetz hatten sie kein Angebot mehr, dass sie dem jungen Alchimisten Echo machen konnten, was wiederum bedeutete, dass die Formel für das Elixier des ewigen Lebens in unerreichbare Ferne rückte.
Und in letzter Konsequenz: Er, Rumo – hatte er nicht mit dieser ganzen Lügerei angefangen, indem er Blaubär unter der Angabe falscher Tatsachen um Hilfe gebeten hatte?
Plötzlich wurde ihm bewusst, wie schrecklich alles aus dem Ruder gelaufen war. Er hatte sich in etwas verstrickt, das ihn den Kopf kosten konnte – und dieses etwas konnte er nicht mit Löwenzahn erschlagen.
„Sag mir eins, Buntbär…“
Rumo zählte in seinem Kopf die Augenblicke bis zu seinem Untergang herunter. T minus drei Sekunden.
Zwei.
Eins.
„Wie viel von dem, was du mir über den Grund unserer Reise erzählt hast, war gelogen?“ Mythenmetz Stimme war vollkommen emotionslos.
Vorbei.
Rumo wünschte sich mit einem Mal an einen Ort ganz weit weg von Sledwaya, Himmel, am liebsten ganz weit weg von Zamonien, doch es funktionierte nicht. Als er die Augen wieder öffnete, befand er sich immer noch in dem düsteren, stickigen Schankraum des Gasthofes.  
Niemand sprach ein Wort. Der Buntbär fixierte den Tisch während er wiederum von Mythenmetz mit einem vernichtenden Starren bedacht wurde. Echo blickte fragend vom einen zum nächsten und Rumo konzentrierte sich ganz auf die verdorrte Orchidee auf der Fensterbank. Er wusste, dass mit jeder Sekunde, die in Stille verstrich, ein weiteres Wort dem Misstrauen zum Opfer fiel, dass er etwas sagen musste, um sich zu rechtfertigen, dass irgendwer irgendetwas sagen musste.
Trotzdem schwieg er.
Er war nicht zum Reden geschaffen, beruhigte er sich selbst.
"Nichts!"
Rumo fuhr aus seiner Schockstarre hoch und gaffte sinnlos in die Runde. Mythenmetz wirkte überrascht, Blaubär entschlossen. "Nichts von all dem ist gelogen", wiederholte der Buntbär mit fester Stimme und begegnete dem eiskalten Blick des Schriftstellers mit furchtloser Geste. "Es mag sein, dass ich ein erfolgreicher Lügengladiator war, aber in Bezug auf Nachtigaller würde es mir niemals in den Sinn kommen, auch nur ein einziges unwahres Wort zu sprechen."
Rumo klappte der Unterkiefer herunter. Blaubärs Züge waren so entschlossen, seine Augen so ehrlich, dass er ihm seine Worte beinahe selbst geglaubt hätte. Das war wahrlich große Lügenkunst! Eine perfekte Mischung aus skrupelloser Berechnung und emotionaler Gefangennahme, die jeden täuschte, der sich der Wahrheit nicht vollkommen sicher war.  
"Nachtigaller ist wie ein Vater für mich", fuhr der Bär unbeirrt fort. "Er hat mir alles beigebracht, was ich weiß und mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ich verdanke ihm so viel." Sein Blick wurde merklich härter. "Und ich lasse mir ganz sicher nicht unterstellen, seinen Namen für so etwas wie eine Lüge zu missbrauchen."
Mythenmetz musterte ihn von von oben bis unten, als versuche er geradewegs in sein Innerstes zu blicken und so zu erkennen, ob man ihm gerade waschechtes Anglerlatein auftischte oder ob diese geflügelte Rede tatsächlich der Wahrheit entsprach. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, wandte er seinen Reptilienblick ab, schnaubte dabei verächtlich und stich sich über das samtene Halstuch. "Nun gut, ich will dir glauben", sagte er gedehnt und nicht ohne eine deutliche Spur Abfälligkeit in der Stimme. "Was für eine andere Wahl hätte ich schon?" Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. "Aber ich will eine Sache von Anfang an klarstellen: Wenn ich jetzt sage, dass ich euch weiterhin helfe, geht es mir dabei einzig und allein um mein Buch. Was aus euch wird, ist mir, gelinde gesprochen, egal."
"Nichts Anderes hätten wir erwartet", gab Rumo kühl zurück. Er war einfach nur unendlich erleichtert, noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Nicht auszudenken, was es nach sich gezogen hätte, wäre die ganze Wahrheit in diesen Sekunden an diesem Tisch aufgeflogen!    
Echo war unterdessen auf der Tischplatte zu einem sprichwörtlichen Häuflein Elend zusammengeschrumpft. "Herrscht bei euch immer eine solche Stimmung?", fragte er kleinlaut, als sich die Gemüter wieder etwas abgekühlt hatten.
"Meistens ja", seufzte Blaubär. "Leider, muss man sagen. Wir sind keine sehr harmonische Truppe."
Rumo und Mythenmetz schwiegen. Sie wussten beide nur zu gut, dass die Reibereien eindeutig auf ihr Konto gingen.
Die kleine Kratze ließ den Kopf hängen, eine Bewegung, die dem aufmerksamen Buntbären nicht entging. "Jetzt bist du aber dran!", sagte er daher munter, um das ungleiche Quartett auf andere Gedanken zu bringen. "Du hast dich noch gar nicht vorgestellt, Kleiner."
Echos Gesicht hellte sich merklich auf. "Okay!", miaute er und schien schon wieder guten Mutes zu sein. "Also: Mein Name ist Echo, ich bin sechs Jahre alt und ein Alchimeister vierten Grades, aber das sagte ich ja bereits. Ich wurde zunächst privat und dann an der Akademie von Florinth ausgebildet. Dort habe ich dann auch meine Meistergrade abgelegt. Allerdings habe ich danach nie praktiziert, sondern mich nach einigen Monaten der Planlosigkeit dazu entschlossen, meine Kenntnisse einzusetzen, um zu begeistern. Ich mag es, wenn die Leute bestaunen, was ich tue. Das ist viel angenehmer, als sie vor Angst flüchten zu sehen. Tja, und das begründet grob gesagt alles, was ich hier und heute bin." Er verneigte sich lächelnd.
Blaubär lächelte zurück und Rumo schloss sich ihm gerne an. Der kleine Kater war ihm sympathisch.
"Schön, so viel also zur allgemeinen Vorstellungsrunde", sagte Mythenmetz unterkühlt, als arbeite er eine Liste mit Tagesordnungspunkten ab. "Kommen wir nun zum eigentlichen Problem." Ein prüfender Blick in Echos Richtung, dem dieser nur wiederwillig standhielt, dann fragte er gerade heraus: "Kennst du die Formel? Die Prima Zateria?"
Der junge Alchimist nickte. "Ja, ich denke schon. Im Grunde..."
Rumo übermannte die Euphorie. Konnte das wirklich sein? Konnte es sein, dass er seinem Ziel nun zum ersten Mal zu Greifen nahe war? Vielleicht - ganz vielleicht - konnte er es doch noch innerhalb der Frist schaffen. Vielleicht war noch nichts verloren. "Kannst du die Formel aufschreiben? Sag schon!", drängelte er und rutschte Unruhig auf seinem Platz hin und her. Er konnte und wollte nicht verbergen, dass er es kaum erwarten konnte, die Rezeptur endlich in seinen Pfoten zu halten.  
Echo schlug unruhig mit dem Schweif. "Na ja…"
"Na ja was?"  
Der Gestaltenwandler kratzte nervös mit einer Vorderpfote über das raue Holz des Tisches. "Nun… es ist so: Die Formel ist nicht vollständig. Mein Meister konnte sie - leider oder glücklicherweise, das kann man sehen, wie man möchte - zu Lebzeiten nicht mehr vollenden. Und ich habe schlichtweg nie das Bedürfnis verspürt, es zu versuchen."
Rumos Gehirn war noch nicht bereit, einen erneuten Rückschlag einfach so hinzunehmen. "Aber könntest du es denn?", fragte er eilig. "Könntest du die Formel vervollständigen?"
"Ich müsste damit experimentieren…"
"Worauf warten wir dann noch?" Rumo sprang auf. "Finden wir ein Labor und dann nichts wie los!"
"Dafür wäre ich allerdings auch", stimmte Mythenmetz zu.
Echo wirkte nun deutlich zerknirscht. "So einfach ist das, fürchte ich, nicht."
"Warum denn das nun wieder?"
"Es ist folgendes", begann der Alchimist und wich Rumos durchdringend fragendem Blick aus. "Mein Meister besaß eine der größten, wenn nicht sogar die größte Sammlung alchimistischer Substanzen des gesamten Kontinents. Nur deshalb und auf der Grundlage jahrzehntelanger Studien konnte er überhaupt so nahe an das Geheimnis des ewigen Lebens gelangen. Ich besitze zwar sein Wissen, aber ich fürchte fast, dass alle nötigen Materialien zusammen mit dem Schloss niedergebrannt und somit wertlos geworden sind. Und mir wäre kein Einrichtung bekannt, die sie uns alle ersetzten könnte. Einige Destillate waren geradezu einzigartig."
"Ach komm schon!", rief Rumo und warf trotzig die Arme in die Luft. "Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wie oft soll ich denn bitte schön noch vertröstet werden? Ich will endlich einmal vorankommen!" Blaubär fuhr sich mit den Pfoten über den pelzigen Schädel. "Das ist wirklich frustrierend! Gibt es denn gar keine Möglichkeit?"
"Nicht, dass ich wüsste", gab Echo kleinlaut zu. "Tut mir Leid, wenn ich euch falsche Hoffnungen gemacht habe. Es ist mir auch gerade eben erst aufgefallen, dass uns wohl beinahe sämtliche Zutaten fehlen würden. Sonst hätte ich anders gehandelt."
"Na, na, na!" Überraschenderweise war es Mythenmetz, der dem enttäuschten Krätzchen nun aufmunternd zusprach. "Noch ist es doch wohl etwas zu früh, um den Kopf in den Sand zu stecken."
Echo sah auf. Und auch Blaubär und Rumo starrten den Schriftsteller gebannt an. "Was meinst du?"
"Du sagst, du brauchst ein gut ausgestattetes Labor?" Der junge Alchimist nickte schnell. "Gut…." Der Lindwurm machte eine selbstzufriedene Pause und sah in die Runde, um sich vergewissern, dass ihm allgemeine Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
"Also… es ist gut möglich, dass ich einen Ort kenne, an dem wir nahezu alles finden müssten, was du für deine Experimente brauchst."
Rumo glitt zurück in die Sitzbank und beugte sich gespannt vor.
"Ich bin als junger Schreiberling ein paar Mal dort gewesen, es ist also schon eine ganze Weile her. Dennoch glaube ich, dass es noch existieren könnte."
"Nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!"
Mythenmetz sah missbilligend auf den ungeduldigen Wolpertinger herab. "Schon gut, du ungehobelter Hund. Lass mich ausreden." Er holte tief Luft und massierte sich die Schläfen. "Ich kann nicht glauben, dass ich kurz davor bin, euch eines meiner wohl gehütetsten Geheimnisse zu verraten." Dann schien er sich mit einem Mal wieder gefangen zu haben. "Nun denn, was soll's. Ich schätze, ich muss ein paar Opfer bringen, um an meine Sensationsgeschichte zu kommen. Also: Ich hoffe, ihr alle seit bereit, mit einer weiteren Legende aufzuräumen."
Und wie sie das waren. Rumo konnte vor Aufregung kaum noch still sitzen. Er nickte eifrig und Blaubär und Echo taten es ihm gleich.
"Sehr gut." Mythenmetz erhob sich von seinem Platz und stich sich in einer obligatorischen Geste das Gewandt glatt. "Dann lasst uns keine Zeit verlieren. Nächster Halt: Schloss Schattenhall."

“Es existiert also absolut wirklich und ehrlich und in echt?“, fragte Echo zum gefühlt zehntausendsten Mal, als sie Buchhaim durch den imposanten Haupteingang  betraten. Schon längst waren sie vom einmaligen Parfum der Stadt – diese eigentümliche Mischung aus Druckerschwärze, altem und neuen Leder und staubigem Pergament – empfangen worden, es hatte sie umhüllt, als sie durch die Felder zur Stadtmauer hinab gestiegen waren und begleitete sie auch jetzt, während sie an den unzähligen Literaturcafes und Antiquariaten, Druckereien und Verlagsgebäuden vorbei schlenderten.
Mythenmetz seufzte. „Ich gebe ja zu, dass ich in meiner Jugend häufiger Mal aufgrund diverser Substanzen, die ich hier lieber nicht erwähnen möchte, nicht ganz bei mir war. Aber ja, ich kann dir versichern, dass es existiert. Und gleichzeitig möchte ich dich darauf hinweisen, dass ich dir sehr dankbar wäre, würdest dieses Wissen nicht an die allzu große Glocke hängen.“
„Uaahh, das ist ja unglaublich!“ Echo sprang vor dem Schriftsteller herum, wie ein aufgeregtes Kind vor den Toren eines riesigen Vergnügungsparks. „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich tatsächlich das sagenumwobene Schloss Schattenhall sehen werde! Einige Alchimisten würden allein für ein Bild der Fassade ihre eigene Großmutter verkaufen!“
„Einige Alchimisten würden ihre eigene Großmutter für ein Käsebrot verkaufen“, murmelte Rumo zu sich selbst und grinste. Er hatte während seiner Karriere im Rumotron bereits mit einigen, allerdings eher zweitklassigen Exemplaren zu tun gehabt, und die Meisten von ihnen hatten Haus und Hof verspielt, sobald eine seltene Substanz auf dem Tisch gelandet war, was durchaus vorkam, da man in dem Kasino jeglichen Wertgegenstand als Einsatz akzeptierte.
Das erhöht den Gewinn für uns, hatte Smeik gesagt.
Echo hatte seinen leisen Kommentar gehört und verzog das Gesicht. „Nicht alle Alchimisten sind böse oder habgierig, weist du?“
„Das hat auch keiner gesagt“, beschwichtigte Blaubär schnell. „Aber du musst zugeben, dass diese Berufsgruppe dazu neigt, eine kleine Schraube locker zu haben.“
Zu Rumos Überraschung grinste Echo. „Das ist allerdings richtig.“
Der Buntbär packte das zierliche Krätzchen um den Bauch, hob es hoch und setzte es Mythenmetz auf die breiten Schultern, der daran offenbar ausnahmsweise Mal nichts auszusetzen hatte. Denn statt sich zu beschweren, blickte er eher nachdenklich drein. „Eins verstehe ich nicht ganz…“
Echo war sichtlich erfreut über die Übersicht, die er nun über die Dinge hatte,  und machte es sich auf der Echsenschulter bequem. „Und das wäre?“
„Man müsste meinen, dass du, aufgrund deiner Vergangenheit, die Alchimie nicht gerade lieben gelernt hast. Trotzdem bist du an die Akademie von Flortinth gegangen und hast dort sogar noch vier Meistergrade abgelegt, womit du nun den zweithöchsten Rang unter den Alchimisten innehast.“ Der Schriftsteller drehte seinen Kopf zur Seite und versuchte, dem Krätzchen auf seiner Schulter so gut wie möglich in die Augen zu sehen. „Warum?“
Echo blickte eine Weile schweigend vor sich hin, bevor er antwortete. Als er schließlich zu sprechen begann, schien er mit den Gedanken sehr weit entfernt. „Ich kann verstehen, dass es dir seltsam vorkommen muss“, sagte er langsam und mit ernstem Gesicht. „Manchmal erscheint es mir ja selbst absurd, immerhin waren es nur knapp dreißig Tage, die ich mit meinem ehemaligen Meister verbracht habe. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich noch sehr jung war, als mein Frauchen starb und in diese neue, völlig fremde Welt geschubst wurde, genau weiß ich es allerdings nicht. Alles, was ich sagen kann, ist, dass mich diese kurze Zeit geprägt hat, wie nichts anderes in meinem Leben. Die Alchimie ist ein Teil von mir, ob ich will oder nicht.“
Rumo fand es faszinierend. Dieses junge Wesen schien wie zwei Personen in einem einzigen, blau getigerten Kratzenkörper, auf der einen Seite fröhlich, neugierig, auf der anderen sehr nachdenklich und geradezu verschlossen. Es war, als versuche er um jeden Preis zu verstecken, was ihn wirklich bewegte – ob vor sich selbst oder vor seinen Gefährten, das war dem Wolpertinger dabei noch nicht wirklich klar.  
Wer war diese Kratze? Und was war ihre Geschichte, über die Mythenmetz so viel und er so wenig wusste?

Man mied sie, während sie in der Schriftstellerstadt eine Straßenecke nach der anderen hinter sich brachten. Dieses Mal war daran allerdings weniger ihre seltsame Gruppenkonstellation, als viel mehr Hildegunst von Mythenmetz ganz allein Schuld, der ein etwas zweischneidiges Verhältnis zu seinen Verlegern pflegte. Zwar bedeutete das Herausgeben eines echten Mythenmetz nach aktuellen Verkaufszahlen für den Begünstigten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass er bis an sein Lebensende ausgesorgt hatte, wovon die meisten allerdings recht wenig hatten, da die bemitleidenswerten Kreaturen sich, nach einem Geschäftsgespräch mit der divenhaften Echse, zumeist auf direktem Wege selbst in die Nervenheilanstalt einlieferten. Hier kannte man die Launen des Erfolgsschriftstellers zu genüge und wusste auch, wie er mit jenen umsprang, die es wagten, sein unzweifelhaftes Können in irgendeiner Weise zu kritisieren. Ergo ging man ihnen aus dem Weg.  
Mythenmetz schien das nicht im Geringsten zu stören. „Wir müssen uns rüsten, bevor wir in die Katakomben hinabsteigen“, erklärte er sachlich und betrachtete im Vorbeigehen die Auslagen eines Antiquariats. „Die Bücherjäger waren gefährlich, als ich vor sechshundert Jahren hier war, und sind es garantiert auch jetzt noch. Ich bin ihnen bereits ein paar Mal begegnet und nur um Haaresbreite einem grausamen Schicksal entronnen. Hätten sie mich in ihre schmutzigen Klauen bekommen, ich hätte nie auch nur ein einziges Buch veröffentlicht. Und wir wissen alle, was das für einen Verlust für die zamonische Kultur bedeutet hätte!“
„Grauenvoll!“, rief Rumo theatralisch und erntete prompt den bitterbösen Blick eines pikierten Lindwurms.
Echo und Blaubär kicherten ungeniert.
„Wie auch immer“, knurrte Mythenmetz in Richtung des vergnügt vor sich hin grinsenden Wolpertingers. „Jeder von uns braucht etwas, womit er kämpfen und sich verteidigen kann. Andernfalls können wir uns jetzt schon mal unseren Sarg bestellen.
Rumo blieb ungerührt. „Ich habe mein Schwert. Mehr brauche ich nicht und mehr will ich nicht“, erklärte er selbstbewusst und hielt dem abschätzenden Blick des Schriftstellers ohne mit der Wimper zu zucken stand. Er hatte mit Löwenzahn und Grinzold ganz Untenwelt bezwungen, sie jetzt auszutauschen erschien ihm beinahe gleich eines Verrats.
„Wie du meinst“, sagte Mythenmetz gedehnt und wandte sich, nach einigen Sekunden der abfälligen Betrachtung, Blaubär zu. „Und du? Was ist mit dir? Mit welcher Waffe kannst du umgehen?“
Blaubär sahr an sich herunter und betrachtete seine ausgesteckten Handflächen. „Na ja, normalerweise kämpfe ich, wenn überhaupt, mit den blanken Pfoten. Aber ich denke, wenn es wirklich dermaßen wichtig ist, könnte ich mich damit anfreunden, ein kleines Messer oder etwas in der Art bei mir zu tragen.“
Der Lindwurm nickte. „Dazu hätte ich dir ebenfalls geraten. Du bist verhältnismäßig klein und wendig, große Waffen würden dich folglich in deinem Bewegungsradius einschränken.“
Etwas Ähnliches hätte Smeik auch gesagt, schoss es Rumo durch den Kopf, doch er schob den Gedanken an seinen besten Freund schnell beiseite. Er verursachte ein unangenehmes Stechen in seiner Brust, genau dort, wo er sein Herz vermutete.
„Jetzt zu dir“, fuhr Mythenmetz in der Reihenfolge fort und hatte dabei Echo ins Auge gefasst. „Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass es wohl das Beste währe, wenn du dich bei drohender Gefahr möglichst schnell aus dem Staub machst. Nimm es nicht persönlich, aber ich glaube kaum, dass du es mit einer ausgewachsenen Spinxxxxe aufnehmen könntest, wenn es darauf ankäme.“
Echo nickte lächelnd. „Das ist schon in Ordnung so. Ich denke selbst, dass ich euch in solchen Dingen keine große Hilfe wäre. Und wenn ich ehrlich bin…“ Er sah betreten zu Boden. „Ich kann mich mit körperlicher Gewalt nicht wirklich anfreunden. Zwar bin ich kein Vegetarier, aber allein das Jagen für meinen eigenen Bedarf fällt mir häufig sehr schwer. Ich hasse es, etwas töten zu müssen, mit dem ich mich unterhalten kann.“
„Urgh!“, machte Rumo, der sich diesen Zustand soeben bildlich vorgestellt hatte. Da wurde aus einer lebensnotwendigen Jagd schnell ausgewachsenes Morden.
Mythenmetz schenke Echo ein verständnisvolles Lächeln, das den Wolpertinger aus irrsinnigen Gründen neidisch machte. „Schon gut“, sagte er sanft. „Keiner von uns wird dich zwingen.“
Nach einigem Umherlaufen in diversen kleinen Gässchen und zwielichtigen Seitenstraßen fand der leicht orientierungslose Lindwurm schließlich, wonach er gesucht hatte. Schnurstracks und ohne zu zögern rauschte er über die Schwelle eines vollkommen verdreckten Lädchens, über dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift „Waffen und Rüstungen“ bedrohlich an einem einzigen, rostigen Nagel baumelte. Im Inneren des heruntergekommenen Hauses war es eng und stickig, überall standen die unterschiedlichsten, gefährlich aussehenden Dinge in wirren, unübersichtlichen Stapeln herum und spitze Metallenden ragten alle paar Zentimeter ungeschützt aus dem Waffendickicht, um jedem, der nicht aufpasste, in Arme und Beine zu schneiden. An den Wänden prangten riesige Lanzen und Keulen, Schilde und Rüstungsteile, teilweise eben so schlecht befestigt wie das wurmstichige Brett über dem Eingang und vom ersten Eindruck her keinesfalls stabiler. Rumo beäugte sie argwöhnisch.
Um nicht mehr Zeit als unbedingt notwendig in dem obskuren Laden verbringen zu müssen, kauften sie eilig ein mittelgroßes Jagdmesser für Blaubär und einen reichlich verzierten Säbel für Mythenmetz, welchen dieser unter seiner Robe verbarg. Natürlich nur zur Sicherheit, hatte er gesagt. Grundsätzlich sei er als Lindwurm sehr pazifistisch eingestellt.
Rumo überlegte, wie das mit der Tatsache zusammenpasste, dass er noch vor wenigen Tagen damit gedroht hatte, sie zu fressen, kam aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Schließlich beschloss er, solche Gedanken demnächst Blaubär zu überlassen, und stattdessen ein paar Pyras in einen kleinen, goldenen Schild zu investieren, den man am linken Oberarm trug.
Grinzold war beleidigt. „Was soll das denn bitte?“, beschwerte er sich entrüstet. „Wozu brauchen wir das? Wir haben im Alleingang ganz Untenwelt bezwungen und jetzt kommst du mir mit so etwas? Das ist doch lächerlich!“
„Ich denke, es kann nicht schaden“, erwiderte Rumo in Gedanken. „Mich hat es in letzter Zeit ziemlich häufig beinahe zerlegt, findest du nicht?“
„Allerdings!“, quietschte Löwenzahn dazwischen, wurde jedoch umgehend von einem Stöhnen Grinzolds abgewürgt.
„Ach, sei doch still, du Memme! Wir sind Krieger!“
„Ihr seit Krieger!“, entrüstete sich der Stollentroll. „Ich wollte nie einer sein! Ihr habt mich gezwungen! Ich werde immer noch ohnmächtig, wenn ich Blut sehe!“
„Wo er Recht hat…“, seufzte Rumo und grinste still in sich hinein, während er den Schild über seine Jacke streifte und festzurrte.
Blaubär trat neben ihn und klopfte probeweise gegen das schimmernde Metall. „Schickes Teil“, sagte er und pfiff anerkennend. „Nimmst du es mit?“
„Schätze schon“, antwortete Rumo und ließ kurz seinen Arm kreisen. „Ich muss in Zukunft etwas besser aufpassen, so wie es mich in letzter Zeit erwischt hat.“ Er lachte.
Echo war derweil durch die wackeligen Regale gestromert und hatte interessiert sämtliche Schwerter, Degen und Äxte, Wurfsterne, Keulen und Lanzen bis ins kleinste Detail beäugt und beschnuppert. Als er sah, dass seine drei Gefährten zur Kasse vorgerückt waren, sprang er neben ihnen auf den Tresen. „Ganz schön übles Zeug steht hier herum“, miaute er und sah sich furchtsam um.
Mythenmetz reichte dem Verkäufer einen Beutel Pyras herüber, den der zwielichtige Dämon gierig an sich riss. „Das ist noch gar nichts“ erklärte er. „Die meisten Bücherjäger basteln sich ihre Waffen und Fallen selbst aus Dingen, die sie in den Katakomben finden oder sich in blutigen Zweikämpfen aneignen. Einer, der dort unten eine wertvolle Waffe besitzt, ist entweder ein guter Kämpfer oder nicht lange am Leben.“
Echo schüttelte sich. „Und wir müssen wirklich an denen vorbei, wenn wir nach Schattenhall wollen?“
„Ich kenne zwar einige relativ sichere Abkürzungen, aber ganz werden wir wohl kaum um eine Konfrontation herum kommen“, seufzte der Lindwurm und schien ernstlich bestürzt. „Glaub mir, ich würde es auch vorziehen, hier oben in einem netten kleinen Cafe zu sitzen. Aber unser Buntbär hier hat es sich nun mal in den Kopf gesetzt, dass er diese Formel für seinen Professor finden möchte, und wir alle waren idiotisch genug, sein Vorhaben zu unterstützen. Ergo werden wir wohl oder übel da herunter müssen.“
Echo zog das Köpfchen zwischen die spitzen Schultern. „Ich hoffe, das ganze geht gut.“
Und mit diesem Wunsch war er nicht alleine.

Als sie den Laden verließen, hatte es über Buchhaim zu regnen begonnen. Schwere Sturmwolken türmten sich über der Stadt auf und ein scharfer Wind pfiff erbarmungslos durch die Gassen. Die Antiquare waren aus ihren Geschäften gestürmt und zogen hektisch Planen über ihre wertvollen Auslagen oder versuchten gleich die schweren Rollwagen im Alleingang durch die viel zu schmalen Türen zu quetschen. Sie jammerten und fluchten, schimpften und zeterten mit den bemitleidenswerten Regalen, die jedoch genau so wenig für den Wolkenbruch konnten, wie die blassen Gestalten, denen sie gehörten.
„Na toll“, murrte Rumo, während sie schnellen Schrittes durch die nassen Straßen eilten. „Ich hasse es, wenn mein Fell nass wird!“
„Wo liegt überhaupt der Zugang zu diesen ominösen Katakomben?“, wollte Blaubär wissen und schüttelte sich, ebenfalls nicht sonderlich glücklich drein blickend, den Regen aus dem Pelz. „Müssen wir in irgendeine Höhle und ein geheimes Passwort aufsagen oder so etwas?“
Mythenmetz schüttelte den Kopf. „Viel einfacher. Und dann auch wieder nicht.“
Seine Gefährten sahen den Schriftsteller fragend an. „Was meinst du?“
„Lasst es mich so erklären: Im Grunde befindet sich in jedem Antiquariat, das ihr hier seht, ein Zugang. Das ist auch notwendig, denn die Antiquare nutzen die trockene Luft dort unten und erweitern ihre Lagerräume in die obersten, leicht zugänglichen Stollen. Hunterte, tausende Regale voller mehr oder weniger wertvoller Bücher lagern dort. Und genau das ist unser Problem. Zu seinem eigenen Schutz und um für genügend Nachschub an Raritäten zu sorgen, beschäftigt nahezu jeder Antiquar einen oder mehrere Bücherjäger, die in ihrem Auftrag die Katakomben nach Schätzen durchkämmen. Auf dem Schwarzmarkt würden sie die wertvollen Werke niemals loswerden, so aber springen dabei saftige Prozente für sie heraus. Für uns bedeutet das, dass wir Schwierigkeiten haben werden, jemanden aufzutreiben, der uns, bei unserem Auftreten, abnimmt, dass wir keine Jäger sind, und uns hinunter lässt. Denn natürlich lässt jedes Antiquariat aus eigenem Interesse nur die eigenen Jäger hinein. Soweit verstanden?“
„Schon…“, antwortete Rumo. „Aber wenn wir sie überzeugen, dass wir keine Bücherjäger sind? Es kann ihnen doch egal sein, ob irgendwelche Fremden sich dort unten herumtreiben, wenn wir es doch ohnehin nicht auf ihre Bücher abgesehen haben.“
Mythenmetz schien nun beinahe ziellos durch die Straßen zu irren, ganz so als wisse er selbst nicht wirklich, wohin er seine Weggefährten als nächstes führen sollte. Immer wieder sah er sich um, las Namensschilder über Antiquariaten und Buchläden, Verlagshäusern und Cafes, nur um dann den Kopf zu schütteln und weiter zu eilen. „Sicher könnte ihnen das egal sein. Und wenn ich alleine unterwegs wäre, gäbe es auch wohl kaum ein Problem. Aber sieh uns doch einmal an. Du bist ein Wolpertinger und der da“ – er deutete auf Blaubär – „ist ein Buntbär. Wir sehen aus wie das Killerkommando vom Dienst. Ich zumindest denke nicht, dass man uns abnehmen wird, dass wir dort unten Urlaub machen wollen.“
Echo huschte zwischen ihren Beinen über den aufgeweichten Boden. „Wie bist du denn damals herunter gekommen?“, fragte er neugierig. „Können wir nicht einfach denselben Weg nehmen?“  
Der Lindwurm seufzte. „Das geht leider nicht. Der Antiquar, der mich damals in die Katakomben ließ, ist lange tot, sein Laden geschlossen. Er hatte keinen Nachfolger und wollte wohl auch keinen. Diese Möglichkeit fällt also aus.“
„Ach Mist!“ Rumo wischte sich den Regen aus den Augen. Die Welt um sie herum wurde zusehends nasser und matschiger und den vier Reisenden ging es keinen Deut besser. Sie versuchten sich so gut es eben ging vor dem Wolkenbruch zu schützen und gaben dennoch ein erbärmliches Bild ab, wie sie so völlig durchweicht, triefend und tropfend tiefer in die Stadt hinein spurteten. „Und jetzt? Fragen wir uns einfach durch und hoffen auf unser Glück?“
„Uns wird kaum etwas anderes übrig bleiben. Mir will leider beim besten Willen keine andere Möglichkeit….“
Mythenmetz erstarrte inmitten seiner Bewegung und stierte mit entsetztem Blick die vom Regen verzerrte Straße hinunter. „Oh nein…“
Rumo vollführte ein geradezu kunstvolles Ausweichmanöver, um den plötzlich stehen gebliebenen Lindwurm nicht über den Haufen zu rennen. Echo, der ein wenig verträumt in der Gegend umher gesehen hatte, hatte da weniger Glück.
Blaubär blieb als einziger mehr oder weniger eigenmächtig stehen. „Was ist los? Was ist da hinten?“ Er reckte den Hals und hob die Pfote über die Augen, um besser durch den milchigen Vorhang aus Regen sehen zu können. Rumo tat es ihm gleich.
Unweit von ihnen, vor einem kleinen Laden für Schriftstellerbedarf, stand eine Lindwurmdame mit auffällig roter Robe und einem farblich schrecklich unpassenden, pinken Regenschirm, und studierte offenbar interessiert die Schaufensterauslagen. So wie es aussah, hatte sie die Gruppe Reisender noch nicht bemerkt.
Mythenmetz hatte angefangen nervös von einem Fuß auf den anderen zu tänzeln. „Könnten wir uns bitte möglichst schnell und unauffällig aus dem Staub machen?“, bat er. „Danke!“
Rumo rührte sich keinen Millimeter. „Warum?“
Der Schriftsteller warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Das erkläre ich dir, sobald wir von hier verschwunden sind.“
„Nichts da! Wir hatten uns darauf geeinigt, dass Erklärungen, von nun an, an Ort und Stelle abgegeben werden. Also raus mit der Sprache!“
In dieser Sekunde drehte sich das Lindwurmweibchen um und erblickte das seltsame Grüppchen einige Meter weiter. Zunächst wirkte sie etwas verwirrt, dann jedoch hellten sich ihre Züge auf und sie kam munter auf die Gefährten zugestapft.
Mythenmetz verzog das Gesicht. „Bitte nicht…“
„Hildegunst? Bist du das etwa?“
Der Schriftsteller setzte sein gezwungenstes Lächeln auf. „Yette“, rief er mit deutlichem Sarkasmus in der Stimme aus und trat auf die geschmacklos gekleidete Lindwurmdame älteren Semesters zu, um sie zum Umarmen. Allerdings mit deutlichem Widerwillen. „Was für eine Überraschung dich hier zu treffen!“ Dann drehte er sich zu seinen Begleitern um. „Darf ich vorstellen: Yette von Stanzenmacher. Ihres Zeichens Autorin etlicher erstaunlich erfolgloser Liebesromane und – wahrscheinlich ihre bedeutendste Errungenschaft im Leben – meine Ex-Frau.“
Von Nahem betrachtet wirkte das Lächeln im Gesicht des weiblichen Lindwurms eben so falsch wie das ihres vormaligen Ehegatten. „Charmant wie immer, nicht wahr, Hildegunst?“
„Man tut, was man kann.“
Rumo blickte argwöhnisch zwischen den beiden Echsen hin und her, die ihn beide um mindestens dreißig Zentimeter Körpergröße überragten, und hoffte inständig, dass sie nicht vorhatten, sich auf offener Straße anzufallen. Andererseits – was hätten sie schon groß tun sollen? Sich mit ihren Schreibfedern kitzeln? Oder wollten sie sich gegenseitig zu Tode Zitieren? Jedenfalls schien es, falls sie sich tatsächlich einmal geliebt hatten, schon eine ganze Weile her zu sein.
„Nun, wie auch immer… hallo allerseits“, grüßte Yette, nachdem sie das Blickduell mit ihrem Ex-Mann ganz offensichtlich gewonnen hatte. „Hildegunst, möchtest du mir deine Begleitung nicht vorstellen? Weißt du, es überrascht mich ein wenig dich in einer Gruppe reisen zu sehen, normalerweise meidet dich doch jedes halbwegs vernünftige Lebewesen.“
Das Lächeln verschwand von Mythenmetz’ dünnen Reptilienlippen. „Nun, ich kann mich an eine Zeit erinnern, zu der du mich ganz und gar nicht meiden wolltest, werte Yette.“
„Jeder macht beizeiten Fehler, Liebster.“
„Ähm… ich bin Blaubär, das ist Rumo und der da unten heißt Echo“, sagte der Buntbär schnell, um einer Entgegnung des mittlerweile etwas in Rage geratenen Erfolgsschriftstellers zuvor zu kommen. „Wir sind auf der Suche nach einem Weg hinunter in die Katakomben von Buchhaim, um dort im Auftrag von Nachtigaller nach alten Alchimie-Büchern und Aufzeichnungen zu suchen, die er für seine Forschungen verwenden kann.“
Yette musterte ihn von oben bis unten. „Na, da habt ihr euch ja einiges vorgenommen. Ich frage lieber erst gar nicht, wie ihr meinen geschätzten Ex-Mann dazu bewegen konntet, bei einer solchen Aktion mitzumachen, wahrscheinlich geht es ohnehin nur um seinen eigenen Profit.“
Mythenmetz schnappte hörbar nach Luft und setzte zu einer bissigen Antwort an, doch Yette kam ihm zuvor. „Lasst mich raten: Er hat euch versprochen euch hinunter zu bringen?“
„Im Grunde ja“, gab Rumo zu.
Der weibliche Lindwurm lachte hölzern. „Dann muss ich euch leider kurz desillusionieren. Ich würde mein neuestes Manuskript darauf verwetten, dass er keine Ahnung hat, wie genau es für euch weiter gehen soll. Das war schon von je her so. Seine Geschichten strotzen nur so vor unvorhergesehenen Wendungen und ausgeklügelten Plots, aber wenn es daran geht, im wahren Leben etwas zu planen, kommt er keine fünf Meter weit. Und nebenbei spielt er gerne den großen Abenteurer. Ist es nicht so, Schatz?“
„Bitte! Ich wüsste nicht, was du über mich…“
„Also kennst du einen Weg hinunter? Gut, ich bin mit vielen Antiquariaten hier vertraut. Nur so aus Interesse: Wo steigt ihr ein?“
Mythenmetz bewegte einige Sekunden lang tonlos die Lippen, schnaubte dann verächtlich und wandte sich demonstrativ ab.
Yette grinste selbstsicher. „Ich wusste es. Er hat keine Ahnung.“
Darauf wusste keiner der Reisenden eine rechte Erwiderung. Zwar war diese Erkenntnis nichts Neues für sie – Mythenmetz hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie sich würden durchfragen müssen – doch eine Niederlage vor jemandem zuzugeben, war noch einmal eine ganz andere Geschichte.
Rumo tropfte der Regen in die Augen und er zog sich seine durchweichte Lederjacke enger um den Körper. Was für ein Sauwetter.
„Wie wichtig ist es euch, da runter zu kommen?“
Sogar der pikierte Schriftsteller ließ sich dazu hinreißen sich umzudrehen und seine Ex-Frau argwöhnisch aus dem Augenwinkel zu beobachten. „Was meinst du damit?“
„Ich wüsste gerne, was du, mein lieber Hildegunst, bereit wärst für den Erfolg eurer so genannten Mission zu tun.“
Mythenmetz zog misstrauisch eine Augenbraue hoch. „Worauf willst du hinaus?“
Yette schüttelte ihren Regenschirm und bespritzte dabei ihr schuppiges Gegenüber mit einer gehörigen Ladung Regenwasser. Natürlich ganz aus Versehen. „Ich hätte euch spontan ein Angebot zu machen“, erklärte sie mit siegessicherer Miene, ganz so als wisse sie, dass sie bei dem nun Folgenden nur gewinnen konnte. „Es gibt da diesen kleinen Verlag – Von Hachingen Drucke heißt er – mit dessen Besitzer ich recht gut befreundet bin. Leider läuft sein Laden mit Angeschlossenem Antiquariat zurzeit mehr als schlecht, wenn sich nicht bald etwas ändert, wird er wohl oder übel Konkurs gehen.“
„Nicht einmal deine Freunde haben Erfolg“, giftete Mythenmetz dazwischen. „Merkst du was?“
„Also unter diesen Bedingungen bin ich kaum bereit, mein Angebot zu formulieren.“
„Klappe, Lindwurm!“, zischte Rumo in einem Anfall ungekannten Selbstbewusstseins gegenüber der Echse. „Ich will das hören!“
Mythenmetz schien so perplex von der plötzlichen Auflehnung, dass er augenblicklich verstummte.
Yette strich sich mit ihrer freien Hand die Robe glatt, eine Geste, die den Wolpertinger stark an Mythenmetz selbst erinnerte. „Gut, wo war ich… Also, wie ich bereits sagte, wird mein Freund wohl sehr bald seinen Laden schließen müssen. Bedauerlicherweise hegt er, neben seinem Misserfolg im Verlagswesen, eine ausgewachsene Panik vor Bücherjägern, weshalb er als so ziemlich einziges Geschäft in der ganzen Stadt niemanden unter Vertrag hat. Folglich steht auch sein Antiquariat eher bescheiden da. Ich denke, er wäre mit Freuden bereit euch in die Katakomben zu lassen – gegen eine entsprechende Gegenleistung, versteht sich.“
„Und woran hatten Sie da gedacht, Madam?“, fragte Blaubär höflich und blickte die Lindwurmdame gemeinsam mit Rumo erwartungsvoll an. „Ich bin sicher, wir könnten uns einig werden. Uns liegt in der Tat einiges daran, dort hin zu gelangen.“
„Hat euch schon mal jemand gesagt, dass ihr wirklich außerordentlich schlecht im Verhandeln seid?“, stöhnte Mythenmetz hinter ihnen. „Man gibt doch nicht gleich zu Anfang zu, wie sehr man etwas haben will!“
„Keine Angst, Hildegunst. Es wird bei meiner Forderung ohnehin ausschließlich auf dich ankommen.“ Yette trat einen Schritt auf ihren Ex-Mann zu, bis sie schließlich nur wenige Zentimeter von ihm entfernt stand. „Machen wir uns nichts vor“, sagte sie ruhig. „Du bist erfolgreicher als jeder andere Schreiberling auf diesem verrückten Kontinent. Aus irgendeinem Grund, den ich nicht verstehe, reißen dir die Leute deine Werke förmlich aus den zittrigen Klauen, so schlecht sie auch sein mögen. Wenn du etwas in den Druck gibst, ist es ein beinahe vorprogrammierter Bestseller.“
„Danke, ich weiß, dass ich ein Genie bin.“
„Still jetzt! Hör zu, alles, was ich will, ist, dass du dein nächstes Werk im Von Hachingen Verlag heraus bringst, nicht mehr und nicht weniger. Wenn du das tust, dann überrede ich meinen Freund, euch durch sein Antiquariat in die Katakomben zu lassen. Es ist deine Entscheidung.“
Mythenmetz schob die resolute Lindwurmdame mit sanfter Gewalt von sich weg. „Völlig ausgeschlossen! Dieser Verlag ist vollkommen unbekannt! Vermutlich hat er nicht mal die Voraussetzungen, um eine Auflage zu drucken, die meiner würdig ist!“
„Für die nötigen Druckereien kann man sorgen!“
„Trotzdem!“, rief der Lindwurm aus. „Wo kämen wir denn da hin, wenn jetzt plötzlich jeder nichtige Möchtegern-Verleger einen Mythenmetz herausgeben dürfte. Die Leute verlangen nach einem aufwendigen Druck, einem optisch ansprechenden Einband, einer hochwertige Bindung! Sie vertrauen auf den Verlagsnamen ebenso wie auf den meinen. Bestimmte Verlage stehen für Qualität, andere nicht. Dieser nicht! Also nein! Ich weigere mich!“
„Schön“, sagte Yette reserviert und raffte ihren Umhang zusammen. „Damit wäre das ja geklärt.“
Das war es für Rumo allerdings noch lange nicht. Der Lindwurm wollte Zicken machen? Nicht mehr mit ihm. Er packte die Echse an der aufwändig in Falten gelegten Halskrause und zog den Kopf des Schriftstellers zu sich auf Augenhöhe. „Jetzt hör mir mal zu, du Möchtegern-Dino. Du hast eine ganze Bibliothek voll von eigenen Büchern, die dir sicherlich alle einen Haufen Kohle eingebracht haben. Offenbar bist du sogar so berühmt, dass du dir ein solches Verhalten uns gegenüber heraus nehmen kannst, was weiß ich. Also wird dir wohl kaum ein Zacken aus der Krone brechen, wenn du einem kleinen Fhernhachen einen Gefallen tust. Und ganz nebenbei: Keine Formel, keine Infos von Echo. Ist das soweit bei dir angekommen?“
Rumo war selbst überrascht und gleichzeitig direkt begeistert von seiner neuen, forschen Vorgehensweise. Tatsächlich schien er damit einigen Eindruck auf den launigen Schriftsteller zu machen, der krampfhaft versuchte, sich den wütend knurrenden Wolpertinger vom Hals zu halten.
„Himmel“, brachte er hervor und zog seine Halskrause mit aller Macht aus Rumos kräftigen Pfoten. „Weiche von mir, du verrücktes Tier!“ Er taumelte einige Schritte zurück und sortierte hektisch sein kostbares Gewand. „Ist ja gut, ist ja gut. Ich habe verstanden. Meinetwegen soll es so geschehen. Ich gebe mich geschlagen.“
„Mehr wollte ich nicht hören“, grinste Yette. „Folgt mir.“

„Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin, Herr von Mythenmetz“, erklärte der fhernhachische Verlagsbesitzer nun schon zum siebenundzwanzigsten Mal mit einer bodentiefen Verbeugung. „Sie retten mir damit das Leben!“
„Und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das die richtige Entscheidung war“, gab Mythenmetz genervt zurück und versuchte den kleinen Wicht wie eine lästige Fliege aus seinem Bewegungsradius zu wedeln. „Nun zeigen Sie uns schon ihren Zugang zu den Katakomben. Hier drinnen hält man es ja keine zwei Minuten aus.“
In der Tat herrschten im winzigen Antiquariat Goldletter denkbar schlechte klimatische Bedingungen sowohl für Lebewesen als auch für Bücher. Es war stickig warm und die Luft viel zu feucht, penetranter Schimmelgeruch stieg Rumo in die empfindliche Nase und bereits mit bloßem Auge war der Moder zwischen den unordentlichen Stapeln wertloser Folianten zu erkennen. Was den Wolpertinger aber am meisten schockte, war die kleine Pritsche, die in einer dunklen Ecke des Raumes aufgebaut stand, nur bedeckt von einer zerwühlten Flickendecke und einer ausgeblichenen Jacke als Kopfkissen. Der Fhernhache sah schlecht aus, sein Gesicht war verquollen, seine Augen tränten und er hustete am laufenden Band. Seine Lebensumstände machten kein Geheimnis daraus, warum dem so war.
So lebt es sich also am Abgrund der Gesellschaft, dachte Rumo erschüttert. Schrecklich!
Der erfolglose Verleger und Antiquar war hinter seinen aus Kisten bestehenden Verkaufstresen getreten und zog nun mit einiger Mühe eine Falltür auf, die den Blick auf ein schwarzes, scheinbar bodenloses Loch frei gab. „Bitte sehr, die Herren. Dort ist es.“
Echo trat an den Rand des quadratischen Loches und sah besorgt hinunter. „Und da sollen wir wirklich rein?“, fragte er vorsichtig. „Sieht ziemlich… finster aus.“
„Das tut es tatsächlich“, fügte Blaubär nicht minder misstrauisch hinzu. „Wie dringend war die ganze Angelegenheit noch gleich?“
Mythenmetz trat neben sie. „Ich darf darauf hinweisen, dass ihr selbst es so gewollt habt. Jetzt ist beim besten Willen kein Rückzieher mehr drin. Wir werden da herunter steigen und nicht ohne diese verfluchte Formel zurückkehren. Was auch immer das für uns bedeutet.“
Rumo ertappte sich dabei, wie er nervös schluckte. War es wirklich erst drei Jahre her, seit er in Untenwelt gewesen war? Es erschien ihm plötzlich mindestens doppelt so lange zu sein. Vielleicht hätte er in den letzten Jahren etwas mehr trainieren sollen…. Und etwas weniger Sumpfschweinebraten wäre sicherlich auch keine schlechte Idee gewesen…
„Tja, zu spät für solche Erkenntnisse, Kleiner“, sagte Grinzold gelassen. „Jetzt mach dir mal nicht gleich ins Fell. Wir haben einen Vrahok zerlegt. Und General Ticktack, wenn ich dich daran erinnern darf. Was sollte uns bitteschön aufhalten können?“
„Richtig so!“, stimmte Löwenzahn ihm ausnahmsweise einmal zu. „Wir sind unschlagbar, Rumo. Du bist der größte Held Zamoniens, vergiss das nicht! Und wir sind stets an deiner Seite, wenn es hart auf hart kommt.“
Nach diesen aufmunternden Worten seiner beiden engsten Vertrauten fühlte sich Rumo tatsächlich schon etwas besser. Es stimmte, er war ein Held, ein geborener Abenteurer. Er hatte sich für seine große Liebe bis nach Hel gekämpft und er würde sich für seinen besten Freund bis nach Schattenhall schlagen. Wenn nötig auch noch weiter.
Neuer Mut überkam ihn. „Mythenmetz hat Recht! Jetzt ist es zu spät, um umzukehren. Wir gehen. Und wir tun es jetzt!“
„Na, deinen Tatendrang möchte ich haben“, lachte Blaubär nervös.
Rumo grinste ihn an. „Wir schaffen das, da bin ich mir sicher. Zu viel hängt davon ab, als das wir es uns erlauben könnten zu scheitern.“
„Wenn wir also die allgemeinen Ermutigungsreden hinter uns gebracht haben, würde ich vorschlagen, dass wir Taten folgen lassen und unsere Pfoten auf diese Treppe dort setzten“, sagte Mythenmetz trocken und wies auf die schmale, ziemlich morsch aussehende Holzleiter, die in die Katakomben hinab führte. „Ich mache den Anfang, wenn es keinen stört. Ich dürfte ohnehin der Einzige sein, der sich halbwegs dort unten auskennt.“ Er trat auf die Falltür zu und setzte seine Klaue auf die erste hölzerne Sprosse, die schon jetzt bedrohlich zu knacken begann.
In dieser Sekunde trat der zierliche Verleger vor, der sich bis dahin vorsichtshalber hinter der schweigenden, allerdings süffisant grinsenden Yette versteckt hatte. Er räusperte sich zaghaft und tänzelte unruhig auf der  Stelle. „Wenn ich die Herren noch auf etwas hinweisen dürfte…“
Rumo, der die Anwesenheit des Fhernhachen schon beinahe wieder vergessen hatte, wirbelte zu ihm herum, ebenso wie Blaubär und Echo. Mythenmetz verdrehte die Augen. „Was denn noch?“
„Ich sehe es als meine Pflicht an Sie darauf hinzuweisen, dass sie sich vor dem Schattentod in Acht nehmen sollten, werte Herren. Ich hörte grausame Dinge über ihn.“
„Schattentod?“, echote Rumo. „Wer oder was ist das denn?“
Doch bevor der Kleine antworten konnte, schnitt ihm der Lindwurm das Wort ab. „Lächerlich!“, schnaubte er ungeniert. „So etwas wie einen Schattentod, was auch immer das sein soll, gibt es nicht! Seit Jahrhunderten versuchen die Bücherjäger mit solchen Geschichten die Angst vor den Katakomben zu verbreiten, das ist alles. Und der Name ist nichts weiter als eine billige Kopie vom einstigen Schattenkönig. Eine Beleidigung für diese erwürdige Kreatur. Ich habe schon dutzende von diesen Geschichten gehört. Bücherschatten, Schattenherrscher und wie sie alle hießen. Tut mir Leid, aber ich kann diesen Ammenmärchen keine große Bedeutung zumessen.“
Der Fhernhache war unter diesen unerwartet harschen Worten mehr und mehr in sich zusammen geschrumpft. „Nun, mein Herr, ich…“
„Ich bitte Sie! Verschwenden Sie nicht unsere Zeit mit diesen Hirngespinsten! Und ihr anderen: Lasst uns endlich gehen!“
Rumo musterte Mythenmetz eindringlich. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Lindwurm. Seine Reaktion war vollkommen überzogen, dazu wanderten seine Augen angespannt im Raum umher und er zupfte sich immer wieder am bereits mehr als akkurat sitzenden Kragen herum. Und warum hatte er es plötzlich so eilig? Noch eiliger, als ohnehin schon?
Rumo wusste, dass es wohl kaum etwas bringen würde, ihn gerade heraus zu fragen. Nein, dazu war der Lindwurm eindeutig zu geheimniskrämerisch veranlagt. Also begnügte er sich damit, ihm fürs erste zu zu stimmen. „Er hat Recht, was auch immer dort unten lauern mag, wir können uns davon nicht aufhalten lassen. Wir müssen uns endlich auf den Weg machen.“
Der Fhernhache sah sie mit großen, wässrigen Augen an. „Bitte, werte Herren, nehmen Sie meine Warnung ernst. Der Schattentod ist keines der Märchen, die sonst in der Stadt kursieren. Er ist real. Und er tötet.“
Er klingt ziemlich überzeugt, schoss es Rumo durch den Kopf und ein ungutes Gefühl beschlich ihn in Form eines kalten Schauers, der wie eine Spinne langsam seinen Rücken empor kroch.
Wobei – mehr wie ein ganzes Rudel Spinnen.
Lebten Spinnen in Rudeln?
Gab es in dieser Sekunde etwas Unwichtigeres?
„A… alles Schwachsinn!“, reif Mythenmetz, der schon halb in der Luke verschwunden war. „Seemannsgarn! Anglerlatein!“
Rumo spürte, wie sein Unterbewusstsein zu rebellieren begann und seine sämtlichen Raubtiersinne gegen ein Voranschreiten protestierten. Irgendetwas war hier faul, schrecklich faul. Konnte es sein, dass der Lindwurm sie geradewegs ins Verderben führte?
Machte das Sinn?
Würde er sich selbst wissentlich und willentlich in Gefahr begeben?
Vermutlich eher nicht.
Aber warum hatte er dann so vehement auf Waffen und Rüstungen bestanden?
Rumo schüttelte sich, um mit eisernem Willen sämtliche Zweifel zu verbannen. Er wollte und konnte sich jetzt kein Zögern und Zaudern leisten. Man verließ sich auf ihn! Es stimmte: Was auch immer sich dort unten in den Katakomben verbarg, er würde es wohl oder übel mit ihm aufnehmen müssen.
Schattentod, überlegte er.
Klang das gefährlich?
Dann folgte er Mythenmetz’ Beispiel und stieg ohne noch einmal aufzusehen die Treppe hinab in die Finsternis.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast