Soulgaze

von Rune
GeschichteAbenteuer / P16
Harry Dresden Michael Carpenter
21.06.2010
25.06.2010
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***


"Michael's soul had made me weep. I wished that my soul would look like his had to be. But I was pretty damned sure that it didn't."  
- The Dresden Files, Grave Peril


***


"Ich bin enttäuscht von Ihnen, Mister Dresden!" Die alte Dame musterte mich mit einem Blick, der mich trotz der mehr als drei Haupteslängen, die ich sie überragte vorkommen ließ wie ein Erstklässler, der beim Abschreiben erwischt worden war. "Offensichtlich sind sie nicht weiter als ein Schwindler. Guten Tag!"

Als ich zu einer Entgegnung ansetzte, schlug das Türblatt nur eine handbreit von meiner Nase entfernt ins Schloss. Ich klappte den Mund wieder zu, überlegte, ob ich klingeln sollte um meine Anzahlung  einzufordern, die mir unabhängig vom Erfolg des Auftrages zustand.
Ach, zum Teufel damit!
Frustriert stopfte ich die Hände tief in die Taschen meines Mantels und stampfte die Auffahrt zurück zu meinem Auto. Geschlagene zwei Stunden hatte ich im Wohnzimmer meiner Klientin - meiner Ex-Klientin! - gesessen, um mir Photos von ihrem heißgeliebten Jingles anzusehen, da ich es einfach nicht über mich gebracht hatte, ihren Redefluss zu unterbrechen. Und dann hatte ich mich, anstatt zu verlangen, dass sie mir die Kohle sofort gab, damit einverstanden erklärt, dass sie das Geld von der Bank holte, während ich nach dem Spaniel suchte.
Was eine meiner leichtesten Übungen war. Verlorengegangenes zu finden ist meine Spezialität. So stand es in meiner Anzeige in den Gelben Seiten:

HARRY DRESEN - MAGIER
Suche verlorene Gegenständen.
Paranormale Ermittlungen.
Beratung und Ratschläge.
Erschwingliche Honorare.

Ich hatte mir nicht nur die Anzahlung, sondern das volle Honorar verdient: Die Spur aufzunehmen war so leicht gewesen, wie einem Baby den Lollie zu klauen. Der Ärger kam erst am Ende.
Die Fährte des Spaniels hatte in den Hinterhof einer Fleischerei, nur zwei Blocks vom Haus entfernt, geführt. Doch nicht nur Jingles war vom Geruch der Schlachtabfälle dorthin gelockt worden. Der Tod so vieler Wesen auf einen Ort konzentriert, das Leid, das Blut, zog auch andere, üble Wesen an. Jingels musste einem von diesen in die Quere gekommen sein. Das größte Stück, was von ihm übriggeblieben war, war das zerrissene Strasshalsband mit seinem Namen.
Hätte ich diese blutbefleckte Trophäe als Zeichen, dass ich meinen Auftrag erfüllt hatte, zu der alten Dame zurückbringen sollen? War es nicht besser, ihr die Hoffnung zu lassen, dass der Hund, den sie offensichtlich wie einen Kindersatz liebte, noch irgendwo fröhlich in der Stadt herumstreunerte anstatt ihr die Gewissheit zu geben, dass er nicht nur tot, sondern zu einem Haufen Hackfleisch verarbeitet worden war?

Der Schnee hatte den Azurkäfer, meinen zerbeulten, ehemals blauen Volkswagen in ein riesiges Baisers verwandelt. Die Assoziation ließ meinen leeren Magen knurren.
Ich fuhr langsam, nicht nur wegen der schlechten Straßen- und Sichtverhältnisse sondern eher weil ich kein Ziel hatte, zu dem eiliges Fahren sich gelohnt hätte. Alles, was mich erwartete war eine leere Kellerwohnung, in der es nicht wärmer war, als im Inneren meines Autos dessen Heizung seit letztem Herbst streikte. Von dem Honorar hatte ich gehofft, meinen Kohlevorrat wieder auffüllen zu können, und meinen Kühlschrank. Ich knirschte mit den Zähnen. Wenigstens auf die Anzahlung hätte ich bestehen sollen!
Erst an der nächsten Kreuzung wurde mir die volle Tragweite dessen, was ich getan hatte, bewusst: Ich hatte nicht nur auf das Geld verzichtet, ich hatte mir selbst meine Reputation versaut! Leute wie ich lebten von Mund-zu-Mund Propaganda und Empfehlungen zufriedener Kunden. Meine erste eigene Kundin, und ich hatte nichts besseres zu tun, als mich als unfähigen Trottel und vermeintlichen Scharlatan zu präsentieren!

"Idiot, Idiot, Idiot!"

Mit beiden Fäusten hämmerte ich auf das Lenkrad ein, obwohl ich lieber noch mit der Stirn dagegen geschlagen hätte. Der Fahrer im Wagen neben mir bedachte mich mit einem Blick, den man normaler Weise tobenden Irren entgegenbringt, und als es grün wurde, schien er es eilig zu haben, davon zu kommen.
Ich fuhr ebenfalls an, und nahm den Fuß zu schnell von der Kupplung. Der Käfer machte einen Satz. Bei seiner Landung ertönte ein fieses Knirschen aus seinem Hinterteil, auf das ein Scheppern und ein heftiger Ruck folgte, dem ich gerade noch gegensteuern konnte. Ich riss das Lenkrad herum, ohne auf das erboste Hupen hinter mir zu achten, um in die nächste Parklücke zu gelangen. Dann stieg ich aus um den Draht aufzuknoten, der die Heckklappe untenhielt, und sah mir die Bescherung an.
Der gesamte Motorblock hatte deutliche Schräglage - eine der Aufhängungen war gebrochen. Mein Mechaniker hatte mich schon bei der letzten Reparatur gewarnt, dass das geschehen könnte, aber ich hatte kein Geld für ein Ersatzteil gehabt. Und das hatte ich auch jetzt nicht. Großartig.
Aber wie der Zufall es wollte, lag nur etwa zwanzig Minuten zu Fuß von hier entfernt zwischen dem Güterbahnhof und dem Garfield Park einer der größten Schrottplätze der Stadt. Dort würde ich mir das Teil besorgen, beschloss ich, als es wieder zu schneien begann und große, feuchte Flocken in meinem Nacken landeten. Ich warf die Motorhaube zu, klappte den Kragen meines Dusters nach oben und marschierte zurück nach Westen.

Mein Entschluss stand fest, auch wenn mir nicht so ganz behaglich dabei zumute war. Es war nicht so, dass ich Probleme damit hätte, eine Wohnung ohne das Wissen des Besitzers zu betreten, und das eine oder andere verschlossene Eigentum zu öffnen, oder gewisse Dinge ... auszuborgen. Wer Wert darauf legte, in allen Lebenslagen den Buchstaben des Gesetzes zu folgen, war in der Privatdetektiv-Branche eindeutig Fehl am Platz. Es machte jedoch einen Unterschied, ob man so etwas aus selbstsüchtigen Motiven tat, oder um einen Fall zu lösen. Mein Seufzer kondensierte zu einer großen Wolke vor meinem Gesicht. Es war nur eine spezielle Art anzuschreiben, redete ich mir ein. Wenn ich das Geld irgendwann hatte, würde ich es dem Besitzer des Schrottplatzes zukommen lassen, irgendwie.

Ich nahm die Abkürzung durch den Park. Es wurde bereits dunkel, und die wenigen anderen Passanten, die von ihren Hunden gezwungen waren trotz der Minusgrade Gassi zu gehen, strebten mir entgegen Richtung Ausgang. Ein Maronenverkäufer war dabei die letzten Tüten verbilligt unter die Leute zu bringen. Ich war in Versuchung mir eine zu kaufen, blieb aber standhaft. Die paar Dollar, die ich noch hatte, beschloss ich, waren für ein Bier und ein Steak-Sandwich heute Abend bei McAnally's bestimmt. Der heutige Tag musste wenigstens einen Lichtblick haben. Macs Bier war das Beste der gesamten Westküste - wenn auch die wenigsten das ahnten, denn der Pub war in keinem Gastronomie-Reiseführer oder Hochglanzprospekt der Schickeria zu finden. Nach McAnally's verirrte sich nur das magische Völkchen Chicagos.

Die Kiesel knirschten unter meinen Stiefeln, die Straßenlaternen gingen an und der Schnee begann so dicht zu werden, dass man keine fünf Meter weit sehen konnte. In Gedanken war ich bereits bei McAnally's. Wenn man an der Theke saß, bekam man etwas von der Wärme des Holzkohlegrills ab, vielleicht auch das eine oder andere "Hmpf" oder "Hm-hm" das einen Großteil der Erwiderungen und Kommentare Macs ausmachte. Mit ausführlicheren Unterhaltungen konnte ich nicht rechnen. Mac redete grundsätzlich nur das Allernötigste und die anderen Gäste sprachen nicht mit mir. Dass sie mich mieden, hatte mehrere Gründe: Erstens war ihnen suspekt, da ich es gewagt hatte mit meinen Fähigkeiten an die Öffentlichkeit zu gehen. Zweitens war ich unter diesem Grüppchen Begabter der einzige echte Vollblutmagier. Zudem ein verurteilter Vollblutmagier, der unter dem Bann des Damokles stand.

Ich schaffte es gerade noch durch das rückwärtige Tor des Parks zu schlüpfen, bevor ein griesgrämiger Angestellter es zuschloss. Das Gelände des Schrottplatzes lag einen Block weiter am Ende einer Straße, an der hauptsächlich Büros verschiedener Firmen untergebracht waren. Die Straße war menschenleer. Durch den Schneefall gedämpft hörte man die Züge des Güterbahnhofs hinter dem Gelände entlangrattern. Ich blieb am Zaun stehen, um die Lage zu sondieren. Das schwere Rolltor vor dem Eingang war geschlossen, laut des Schildes daneben hatte die Leute hier seit zwei Stunden Feierabend. Die handgeschriebene Notiz daneben teilte mit, dass der Schrottplatz bis nach Neujahr geschlossen bleiben würde. Kameras waren nirgendwo zu erkennen.
Ich folgte dem Zaun einige hundert Meter bis ich auf den verwaisten Parkplatz eines Bürokomplexes kam. Eine der Laternen war ausgefallen. Okay, jetzt oder nie.
Entschlossen zog ich mich dort an dem Drahtgeflecht empor, wo das Licht der nächststehenden Laternen nicht hinreichte. Dabei musste ich feststellen, dass meine Militärstiefel das denkbar ungeeignetste Schuhwerk für dieses Unternehmen waren: Die Kappen waren zu klobig um wirklich in die Maschen des Drahtzauns zu passen, und ich war gezwungen, mich weitgehend mit den Fingern allein hochzuziehen. Wäre der Zaun neu gewesen, hätte ich mir wohl etwas anderes ausdenken müssen, so jedoch boten mir gelegentliche Risse und Dellen in dem Geflecht genügend Halt. Irgendwie gelang es mir, die Stacheldrahtspiralen am obersten Ende weit genug auseinander zu biegen, um mich mit dem Oberkörper über den Zaun zu schieben. Dort hing ich einige Atemzüge lang um zu verschnaufen, bevor ich mit den Füßen wieder etwas suchte, an dem ich mich abstoßen konnte. Da war jedoch nichts, was genug Widerstand bot. Ich rutschte hin und her, etwas Spitzes bohrte sich oberhalb meines Gürtels durch Mantel und Pullover und verriet mir, dass ich den einen Strang Stacheldraht übersehen hatte, der durch die Abschlussreihe des Zauns gewoben worden war.
Es ging weder vor noch zurück.
Ich hörte mich ein kurzes, hilfloses Lachen ausstoßen. Hier würde ich jetzt hängen, bis die nächste patrouillierende Streife mich herunterpflückte. Die Weihnachtstage verbrächte ich dann im Knast, da Nick, mein ehemaliger Partner, nicht die Kohle hatte, um mich rauszuhauen, und ich lieber bis Ostern in einer Zelle versauern würde, als den einzigen anderen Menschen auf der Welt anzurufen, der für mich die Kaution zahlen würde. Der alte Mann in Missouri hatte mich nicht zum Dieb erzogen.

Bevor meine Muskeln völlig steif werden konnten, beugte ich mich so weit vor wie möglich, fasste den Zaun von der Innenseite und zog mit aller Kraft. Irgendetwas riss, ich bekam Übergewicht und stürzte kopfüber auf den Hof. Das ich mir nicht den Hals brach, verdankte ich zwei Umständen: Die Stacheln, die sich in meinem Hosenbein verfangen hatten, bremsten meinen Fall und ich landete in der Schneewehe am Fuße des Zauns. Spuckend schüttelte ich mir Schneematsch aus Haaren und Ohren, als ich ein Hecheln und Schnaufen hörte. Zwei dunkle, schlanke Schatten sprangen auf mich zu, und ich brachte im letzten Moment einen Schild zwischen sie und mich. Die beiden Dobermänner prallten japsend gegen die Barriere. Ihre weit aufgerissenen Augen und ihre gefletschten Zähne schimmerten bläulich im schwache Leuchten des Energiefeldes. Ihr wütendes Bellen wurde von einem anderen Hund in der Nachbarschaft aufgenommen.

"Hooohoo, ruhig! Ruhig, Jungs!"

Ich presste mich mit dem Rücken gegen den Zaun, versuchte mich zu konzentrieren, und genug Aufmerksamkeit abzuzweigen ohne den Schild schwächer werden zu lassen.
Die Hunde liefen kläffend die Breite des Schildes auf und ab, um eine Lücke zu finden. Doch dann wurde ihr Bellen endlich zu einem Knurren, und schließlich verstummte sogar das. Ich schloss die Augen.

"Ruhig ...", murmelte ich, sowohl an ihre, als auch an meine Adresse gewandt, "Alles in Ordnung, alles okay."

Es war nicht schwer, den beiden Tieren den Eindruck zu vermitteln, dass ich kein Eindringling war, und dass es seine Richtigkeit hatte, dass ich mich hier aufhielt. Diesen Trick hatte ich schon beherrscht, solange ich zurückdenken konnte. Diese Art der Kommunikation kam mir kaum wie Magie vor. Aber das war sie, und wenn mich ein Wächter des Weißen Rates in diesem Moment sähe, würde das ausreichen, mich einen Kopf kürzer zu machen, denn mit böswilliger Intention ließ sich das als Verstoß gegen das vierte Gesetz der Magie auslegen, dass verbot, ein anderes Wesen dem eigenen Willen zu unterwerfen.
Der Gedanke ließ mich heftig schlucken. Mein Schild war für magische Sinne ein Leuchtfeuer.
Ich ließ ihn abrupt erlöschen, beobachtete die Hunde, ohne ihnen direkt in die Augen zu sehen. Einer der beiden beschnüffelte meine ausgestreckte Hand, der andere war mehr an meinem schmerzenden Bein interessiert. Verdammt, ich hatte nicht nur meine beste Jeans ruiniert, der Riss war so tief, dass er blutete. War zu hoffen, dass meine letzte Tetanusimpfung noch wirksam war. Ich wagte es, das nächste Tier hinter den Ohren zu kraulen und der Dobermann ließ es sich gefallen.

"Alles in Ordnung", wiederholte ich mein Mantra, "Habt ihr einen trockenen Ort, an dem ihr unterkommen könnte? Dann zurück dahin mit euch. Husch! Los, haut schon ab!"

Sie verschwanden nach einigem letztem interessierem Schnüffeln tatsächlich wieder im Schneegestöber, und es tat mir fast Leid. Es wäre nett, Gesellschaft zu haben, überlegte ich mir - andere als die des besserwisserischen, sexbesessenen Luftgeistes, der bei mir im Keller in seinem Schädel hauste. Vielleicht sollte ich mir einen eigenen Hund anschaffen. Oder eine Katze. Jemanden, der auf mich wartete, wenn ich nach Hause kam.
Ich richtete mich ächzend auf, und nahm eine Bestandsaufnahme vor. Der Riss reichte vom Stiefelschaft bis zur Mitte des Oberschenkels, fiel aber noch in die Kategorie "tiefer Kratzer". Mein Nacken schmerzte, aber das waren wohl nur überdehnte Muskeln und Sehnen. Zudem hatte die Portion Schnee, die mir im Mund gelandet war, den Geschmack nach Rost und Schmieröl hinterlassen.
Urgh. Zwei Bier, heute Abend. Mindestens. Und wenn ich wieder anschreiben lassen musste.

Ich humpelte aufs Geratewohl vom Zaun fort ins Dunkle. Jetzt begann der interessante Teil des Plans - Wo sollte ich hier das Ersatzteil für meinen Azurkäfer finden?
Wenn ich mich nicht zwischen den Schrotthügeln verirren wollte, war es wohl das Beste an der Innenseite des Zauns zurück bis zum Tor zu gehen und von da aus der Auffahrt zu folgen - der Weg würde zu Verkaufshallen, Lagerhallen und Werkstätten führen.

So war es tatsächlich. Knapp fünfhundert Meter vom Werktor entfernt reihten sich lückenlos mehrere Hallen aneinander wie überdimensionale Gewächshäuser. Ohne die Lampe über dem besagten Tor wäre ich wohl trotzdem im Dunkeln und Schneegestöber herum geirrt.
Ich schlich zur nächstliegenden Halle, versicherte mich, dass im Inneren kein Licht brannte und probierte rein pro forma die Klinke. Um so größer war meine Verwunderung, dass die Tür sich tatsächlich öffnen ließ. Hoppla, da legte aber jemand großes Vertrauen in die Hunde - oder rechnete einfach nicht damit, dass jemand irre genug war, für ein lumpiges Stück Altmetall sich die Mühe zu machen, hier einzusteigen.

Ich schloss die Tür hinter mir und kramte in einer der Innentaschen meines Dusters. Dort bewahrte ich solch grundlegendes Equipment wie einige Stücke Kreide, Salz, und eine Phiole geweihtes Wasser auf, zudem einen Kerzenstumpen. Es kostete mich nicht mehr als einen Gedanken, um den Docht zu entzünden. In seinem Licht stellte ich fest, dass mein Mantel einige dicke Flecken abbekommen hatte, die nicht nach bloßer Feuchtigkeit aussahen. Na, großartig.

Ich hielt die Kerze in die Höhe um meine Umgebung zu beleuchten. Die Halle war riesig, große Schrottteile, scheinbar grob sortiert, waren teilweise bis hoch unter die Decke aufgestapelt. Rechts neben dem Eingang führte eine schmale Metalltreppe zu einer Art Kabine, die abgesehen von der Rückwand rundum verglast war. Das musste das Büro sein. Ich ging die Treppe hinauf und drückte die Klinke. Diesmal war die Tür abgeschlossen.
Während ich an meinem Bund mit Dietrichen und Schlagschlüsseln den passenden suchte, betete ich, dass sich auf der anderen Seite der Tür ein altmodischer Zettelkasten anstatt eines Computers befand. Denn selbst wenn ich wüsste, wie man so einen Rechner bedient, würde die Elektronik spätestens nach zwei Minuten wegen meiner bloßen Anwesenheit den Geist aufgeben. Magier und Elektronik - nix gut.
Ein Schwall abgestandenen Zigarettenrauchs schlug mir entgegen, als ich die Tür öffnete.
Unter den Fenstern standen eine Reihe vollgepackter Schreibtische, die Rückwand des Büros wurde von mehreren grauen Metallschränken eingenommen.

Ich klebte die Kerze mit ein wenig Wachs auf den Schrank dessen Schubladen mit Autofabrikaten beschriftet waren. Buick, Chrysler, Dodge, Ford, GMC - ich fürchtete schon, nur einheimische Fabrikate zu finden, als ich entdeckte dass die ausländischen Wagen ihr eigenes Alphabet bekommen hatten - idiotensicher nach Marken und Teilen sortiert. Der gesamte Bereich "Volkswagen" war gerade mal dreifingerdick, und unter "Käfer" gab es nur ganze zwei Karteikarten. Doch dafür schienen beide Autos bis auf die letzte Schraube ausgeschlachtet worden zu sein. So gut wie jedes Teil war aufgelistet. Bingo!

"Motoraufhängung: H4/R4/R28/B698", las ich laut vor.

Halle 4? Reihe vier? Für irgendetwas in der Art stand H4 und R4 wohl. Das würde sich vor Ort klären. Und das Rest des Kürzels hoffentlich auch. Ich stopfte die Karteikarte in meine Manteltasche, nahm die Kerze, und ging wieder hinunter.
In dem freien Raum zwischen Büro und Fuhrpark waren Schienen in den Hallenboden eingelassen worden. Vermutlich fuhr auf ihnen ein Kran entlang, mit denen die schweren Teile aufgestapelt werden konnten, deren Gewicht für Gabelstapler und ähnliche Maschinen zu hoch waren. An einem Schaltkasten - einer metergroßen Tafel mit Knöpfen, Hebeln und Kontrollleuchten - blieb ich kurz stehen. Meine Kerze spendete nicht all zu viel Licht, auch wenn ihr Schein tausendfach von blankem Metall und Glas reflektiert wurde. Aber mehr Licht zu machen war wohl keine gute Idee. Selbst wenn das Schneegestöber verhinderte, dass man die erleuchteten Fester oben unter dem Dach sah, wusste ich nicht, was ich alles auslöste, wenn ich hier an den Schaltern herumspielte.

Ich ging auf das nächstbeste Regal zu. H1, R1 war auf einer vergilbten Papptafel zu lesen. H1, R2 auf seinem Nachbarn. Meine Vermutung war also wohl richtig gewesen. Dann also auf nach Halle Vier. Ich folgte den Schienen, da ich annahm, dass es eine Verbindung zwischen den Hallen gab, und man sie nicht nur durch die Pforten von außen betreten und befahren konnte. Die Schienen führten weiter ins Innere der Halle, vorbei an haushohen Regalen in denen kleinere Schrottteile gelagert waren - klein hieß dabei alles, was einen geringeren Umfang als Motorblöcke und Kotflügel hatte. Größeres schien einfach grob sortiert, aufgehäuft und gestapelt worden zu sein. Metallnetze hielten die abenteuerlichen Konstruktionen an Ort und Stelle. Das Lager beherbergte nicht nur Fahrzeugteile sondern auch Dinge wie Tankzapfsäulen, Hydranten, blecherne Straßen- und Reklameschilder, Heizkörper und Öltanks. Dazu kam Bauschrott wie Moniereisen und Stahlträger in allen möglichen Größen und Formen.

Meine Schritte hallten in der Stille, und ich versuchte unwillkürlich leiser aufzutreten. Irgendwo klapperte etwas draußen im Schneesturm, doch der Laut schien von weit herzukommen; selbst die Geräusche vom nahen Güterbahnhof konnte man eher als sachte Erschütterungen über die Fußsohlen spüren, denn hören.
Als ich durch das Tor in die angrenzende Halle trat, ließ ein Luftzug meine Kerze flackern, und ich musste sie mit der freien Hand abschirmen. Ein Schaudern durchlief mich, und das nicht nur wegen der Kälte. Selbst im Hellen war es sicher kein angenehmes Gefühl, in einem Canyon aus Schrott spazieren zu gehen, dessen Bestandteile teilweise aussahen, als würden sie allein von zusammengebackenen Rostpartikeln davon abgehalten werden herabzustürzen. Aber auch die aufkeimende Klaustrophobie war es nicht. Irgendetwas hier erinnerte mich an den Schlachthof heute Morgen. In Halle 3 angelangt ertappte ich mich dabei, wie ich aus den Augenwinkeln nach rotglühenden Augen in einem grinsenden Stahlschädel und den rostigen Überresten eines weißen 58er Plymouth und Ausschau hielt.
Okay, Harry, halte deine überschäumende Phantasie im Zaum. Vor sonnenbebrillten Cyborgs oder rachsüchtigen Geistern besessenen Autos musste ich sicherlich keine Angst haben - und Ghoule oder ähnliche üble Gesellen trieben sich auf Müllhalden herum, aber nicht auf Schrottplätzen. Hier gab es nichts Organisches, wovon sie sich hätten ernähren können.
Trotzdem wäre mir wohler gewesen wenn ich meinen Sprengstock nicht im Azurkäfer hätte zurücklassen müssen. Ich tastete die Front meines Mantels ab um mich zu vergewissern, dass mein Stab noch in der eingenähten Schlaufe hing.

In Halle 4 angekommen sah ich noch einmal auf das Buchstabenkürzel der Karteikarte: H4/R4/R28/B698.
Halle vier, Reihe vier - okay, so weit klar. Ich suchte nach einer "R"-Markierung, und fand sie auf Plastikplaketten an den Längsseiten der Regale. "R" wie Regal.
Huh, Harry Dresden, Superbrain - Der geheimnisvolle Code war fast geknackt.

Die 20er-Regalreihen befanden sich am hinteren Ende der Halle. In den Regalen links und rechts von mir reihten sich die Einzelteile der Volkswagen.
Polo. Warm, Golf. Wärmer. Käfer. Heiß!
Nach den letzten Ziffern musste ich nicht lange suchen - sie waren auf die Klebeetiketten durchsichtiger Plastikboxen gedruckt. Ein dreifaches Hoch auf den Ordnungsfanatiker, der sich dieses System ausgedacht hatte! Ich ging in die Hocke und zog die Box heraus: Auf ihrem Grund lagen zwei Motoraufhängungen, sauber, frisch geölt und mit den passenden Schrauben und Muttern, alles in einen Plastikbeutel eingeschweißt. War das wie Weihnachten, oder was? Ich steckte beide ein, mit dem feierlichen Schwur, irgendwann dafür zu bezahlen. Ein Stöhnen erschreckte mich so sehr, dass mir fast die Kerze aus den Fingern fiel. Den Zauberspruch zur Verteidigung schon auf den Lippen sprang ich auf und wirbelte herum. Nichts. Nichts, außer den zuckenden Schatten der flackernden Kerzenflamme und meinem schlechten Gewissen. Der Laut wiederholte sich nicht, aber ich bemerkte, was mein Unterbewusstsein schon die ganze Zeit gefunkt hatte: Es stank. Und zwar nicht nach Rost und Schmieröl, sondern nach einem vertrauten Geruch, den ich wohl so spät erkannt hatte, da ich ihn an so einem Ort wie diesem einfach nicht vermutet hätte.
Asafötida. Was zum Henker ... ?

Das VW-Käfer-Regal war das letzte in seiner Reihe, dahinter erstreckten sich ein weiterer unförmiger Schrotthügel. Die Ausläufer des Hügels bildeten einen Halbkreis, auf der freien Fläche davor lag eine einsame Kühltruhe, in deren gebürstetem Stahl sich die Flamme meiner Kerze spiegelte. Ich trat zwischen den Regalreihen hinaus ins Freie. Auf der Tür der Truhe war eine Felge platziert worden, aus der der gelbliche Rauch des verbrannten Teufelsdreck träge emporstieg.
Ein weiteres, röchelndes Stöhnen erklang,
Ich hob meine Kerze.
Der Anblick ließ mein Finger so heftig zittern, das mir das flüssige Wachs über die Hand lief.
Vor mir erhob sich ein Kruzifix.
Ein Kreuz. Mit einem Gekreuzigtem. Und er lebte noch.


Ein T-förmiger Stahlträger war aufrecht gestellt und irgendwie in dieser Position befestigt worden. Die ausgebreiteten Arme des Mannes daran waren mit Draht an den Querbalken gefesselt. Sein Kopf hing ihm auf die mit blutenden Striemen bedeckte Brust und das Licht meiner Kerze brach sich glitzernd in der Krone aus Stacheldraht, die man ihm aufgesetzt hatte.
Heißer Zorn jagte durch meine Adern, die Kerze in meiner Hand bröckelte unter meinen Klammergriff zu klebrigen Stücken. Ich hatte von dem, was man Menschen antun konnte, bereits zu viel gesehen, als dass ich noch leicht zu schockieren gewesen wäre, und ich war sicherlich auch kein passionierter Kirchengänger, aber trotzdem traf dieser Anblick einen Nerv, der mich heftiger reagieren ließ als eine blutigere, grausamere Szene es vielleicht vermocht hätte. Wenn derjenige, der dafür verantwortlich war, in diesem Moment vor mir gestanden hätte, ich schwöre, ich hätte ihn ohne zu zögern ins Jenseits befördert.

Zitternd vor Wut handelte ich ohne groß zu denken. Ich warf die Überreste der Kerze in das improvisierte Kohlebecken und sah mich, als das Wachs zu brennen begann, genauer um. Der Fuß des Stahlträgers war auf eine rostige Schiene geschraubt worden. Ich brauchte irgendetwas zum Draufsteigen. Das im wahrsten Sinne des Wortes Nächstliegendste wäre die Kühltruhe. Natürlich konnte ich die nicht mit Muskelkraft die Gegend schieben, aber ich war ein verdammter Magier, nur ein Schubs- ... Und sie würde zusammen mit dem Stahlträger irgendwo ein paar hundert Meter weiter die Hallenwand durchbrechen wie eine viereckige Kanonenkugel. Keine gute Idee, in meinem Gemütszustand irgendetwas bewerkstelligen zu wollen, was nicht mit einem befreienden "Kabumm!" endete.
Was immer ich tat, ich musste mich beeilen, das Wachs war fast verbrannt und bald würde es keine andere Lichtquelle mehr geben als die glühenden Kohlen. Ja, ich weiß was Sie jetzt denken: Ich bin ein Magier, und ja, ich kann Feuer durch Magie entstehen lassen - aber haben Sie schon mal was vom Energieerhaltungssatz gehört? Feuer oder eine andere Art von Energie entsteht nicht aus dem Nichts. Entweder bin ich selbst die Kraftquelle oder ich nutze Energie aus meiner Umgebung. Beides ist anstrengend. Und unnötig. Etwas mittels Magie zu tun, was auf herkömmlichem Wege ebenso oder gar leichter funktioniert, machen nur Anfänger und Angeber.

Im angrenzenden Schrotthaufen fand ich einen verbeulten Überseekoffer. Ich öffnete ihn, um zu sicher zu stellen, dass er leer war. Er war es, abgesehen von der schimmligen Polsterung. Sie hing nur noch an einigen Nägeln, ich riss sie ganz heraus und warf sie auf die Kohlenpfanne.
Unter dem Kreuz lag etwas Unförmiges, was sich bei näherer Untersuchung als großer Jutesack herausstellte, groß genug, um einen Menschen darin transportieren zu können. Hätte ich Zweifel daran gehabt, dass er genau zu diesem Zweck benutzt worden war, hätten mich die nassen Flecken und die zerschnittenen Seile, die herausfielen als ich ihn hochhob, eines Besseren belehrt. Die ersten Flammen leckten an der Polsterung und der Gestank nach Asafötida wurde durch den nach brennendem Leder und Holzwolle abgelöst, dafür hatte ich wieder ausreichend Licht, als ich die Kiste die letzten Meter unter das Kreuz zog und draufstieg.

Zuallererst nahm ich die eiserne Dornenkrone vom Kopf des Mannes und warf das verfluchte Ding so weit fort wie möglich. Seine Beine und Arme waren ebenfalls mit Stacheldraht gefesselt worden. Die Enden waren verdreht und ließen sich Gott sei Dank ohne Zange entknoten, auch wenn das sicherlich wesentlich schneller gegangen wäre.
Über was zum Teufel war ich hier gestolpert? Wer schleppte einen Menschen auf einen Schrottplatz um ihn dort zu kreuzigen? Chicagos Gangsterbosse entledigen sich ihrer Feinde sicher nicht nur auf die klassische Art, indem sie sie mit Betonschuhen im Lake Michigan versenkten, aber das hier sah einfach nicht nach Unterwelt aus. Die blasphemische Szenerie, der Teufelsdreck in der Felge, die auf der Kühltruhe verdächtig wie eine Schale auf einem Altar platziert worden war, sprachen eine andere Sprache.
Wie lange der Mann auch immer hier gehangen hatte - Die glühenden Kohlen zeigten, dass seine Peiniger sich hier vor nicht all zu langer Zeit noch herumgetrieben hatten.

Ich löste die Fesseln von seinen Fußgelenken, anschließend vom rechten Arm. Danach wurde es wirklich tricky. Um ihn in seiner Position zu halten drängte ich mich gegen den Mann, meinen linken Arm wie in der Parodie einer Umarmung um seinen von Schweiß und Blut schlüpfrigen Oberkörper und den senkrechten Träger geschlungen. Während ich meine linke Hand an seinen Gürtel krallte, streckte ich mich so weit wie möglich empor und fummelte mit der Rechten an dem Draht über unseren Köpfen, der ihn noch am Kreuz hielt. Manchmal war es durchaus von Vorteil, so groß zu sein wie ich. Der Bewusstlose war zwar einen halben Kopf kleiner, dafür aber um einiges schwerer, wie ich deutlich zu spüren bekam. Als ich mit ihm halb über der Schulter rückwärts die Kiste herabtaumelte, beulte deren Deckel unter unserem gemeinsamen Gewicht ein, mit einem Geräusch, das klang, als hätte jemand eine Autotür mit voller Wucht zugeworfen.

Ich schälte mich aus meinem Mantel und breitete ihn auf dem Boden aus, bevor ich den Mann nach weiteren Wunden untersuchte und dabei auf das Kleidungsstück rollte. Nicht, dass das wirklich effektiv etwas gegen die Kälte geholfen hätte, aber ich konnte ihn nicht einfach auf den nackten Betonboden legen. Sein Puls war schwach, aber regelmäßig. Abgesehen von den durch den Stacheldraht hervorgerufenen Wunden und den Striemen auf Rücken und Brust zeigte sein Körper deutliche Spuren von Schlägen, aber so weit ich das beurteilen konnte, war er nicht lebensbedrohlich verletzt. Keine gebrochenen Knochen, und keine Anzeichen innerer Verletzungen.
Er konnte wohl von Glück sagen, dass man in Stahl keine Nägel schlagen konnte.

Ich weiß nicht, wie lange er dort schon gehangene hatte. Ein Gekreuzigter konnte mehrere Tage überleben, bis er endlich an Blutverlust, Kreislaufkollaps oder Herzversagen starb.
Blutverlust war hier wohl kein Problem, eher Unterkühlung. Er hatte vor Schmerz geschwitzt, doch unter der dünnen Schweißschicht war seine Haut eiskalt. Kein Wunder, er war nackt bis auf die Jeans, und als ich das letzte Mal aufs Thermometer gesehen hatte, waren es fünfzehn Grad unter Null gewesen. Zum Glück sah der Mann aus, als besäße er eine Bärenkondition. Sein kurzgeschorenes Haar war zwar schon teilweise grau, aber er konnte nicht mehr als zehn Jahre älter sein als ich, allenfalls Mitte, Ende dreißig, und sein Gewicht stammte nicht von zu vielen Pfunden, im Gegenteil: Sein bloßer Oberkörper enthüllte beeindruckende Muskeln, keine dieser aufgeblasenen Art, wie man sie durch Krafttraining und künstliche Steroide züchtet, sondern solche, die als Nebenprodukte harter körperlicher Arbeit entstanden.
Genau das, harte körperliche Arbeit, würde es jedenfalls werden, ihn von hier fortzuschaffen, aber mit einem Feuerwehrgriff würde ich das schon schaffen. Notfalls reichte es ja, wenn ich ihn zum Hauptgang trug und dann zusah, ob ich nicht irgendetwas fand, womit ich ihn weitertransportieren konnte. In der ersten Halle stand ein ganzer Fahrzeugpark, und ich meinte mich erinnern zu können, die Schlüssel dazu an einem Bord im Büro gesehen zu haben. Ganz sicher war ich jedenfalls, das dort ein Telefon gestanden hatte. Am liebsten wäre mir ja, wenn der Mann so lange ohnmächtig bleiben würde, bis die Sanitäter eintrafen, das würde mir jede Menge Erklärungen zu meiner Anwesenheit hier ersparen. Ich würde so lange warten bis sie ihn gefunden hatte ohne mich zu zeigen und dann, solange alles noch frisch war, auf die Suche nach denen machen, die dem Mann das angetan hatten. Denn wenn eines klar war, dann wohl dies: Das hier war kein Fall für die Cops.

Das Polster war fast gänzlich verbrannt und auch die letzten kleinen Flämmchen erstarben. Das war's dann wohl mit Energiesparen. Ich dachte kurz darüber nach mir eine Fackel zu basteln: Ich könnte den Sack und die längsten Stücke der Fesseln nehmen. Im Schrotthaufen hatte ich etwas Längliches gesehen, irgendein Werkzeugstiel oder Tischbein, um das ich das Gewebe wickeln könnte. Ich verwarf die Idee gleich wieder. Unpraktisch. Das Metall würde heiß werden, und den Mann mit nur einer Hand auf meinem Rücken zu halten, musste auch nicht unbedingt sein. Feuer ist zwar das Element, dass ich am leichtesten beherrsche, jedoch nicht, es ohne irgendeinen Fokus als Lichtquelle zu nutzen. Und mein üblicher Fokus dafür, der zerkratzte Pentagrammanhänger den ich von meiner Mutter geerbt hatte, lag in meinem Labor und wartete darauf, dass ich die abgebrochene Öse wieder anlötete.

"Flickum bicus!"

Eine etwa handballgroße Sphäre gelblich-weißen Lichts flackerte über meinem Kopf auf.
So bedächtig, als würde ich, anstatt einen Leuchtball über mir brennen zu lassen, mit einem halben Dutzend Glaskugeln jonglieren, kniete ich mich vor den Bewusstlosen und zog ihn in eine sitzende Position um seinen rechten Arm und sein rechtes Bein über meine Schultern zu ziehen.
Multitasking, pfff! Ich stieß mich ab und wankte schon allein deshalb einige Schritte vor, um mein Gleichgewicht halten zu können.

Der Rückweg in die erste Halle kam mir drei Mal so lang vor wie der Hinweg. Im Fuhrpark standen zwischen Hubwagen, Gabelstaplern und Radladern einige kniehohe Anhänger, mit Gittern hinten und vorne. Ich trat rückwärts an die Seite des nächsten. Ein Ausfallschritt, vorsichtig in die Knie gehen, Griff lockern... Die verflixte Leuchtkugel am brennen zu halten und gleichzeitig meine Bewegungen zu koordinieren, kostete mich meine gesamte Konzentration. Was sicherlich erklärte, warum es mich völlig überraschte, als sich plötzlich ein paar Hände um meinen Hals schlossen und zudrückten.

Das Licht erlosch. Ich fiel rückwärts auf meinen Angreifer und wir kamen beide auf der Plattform des Anhängers zu liegen. Instinktiv packte ich seine Handgelenke und versuchte seinen Griff zu sprengen. Als das nichts nutzte, versuchte ich jeden anderen Trick, aber er hatte mich so weit an sich herangezogen, dass ich nicht nach hinten schlagen, treten, oder ihm meinen Hinterkopf gegen die Nase rammen konnte - Er wusste was er tat. Oder auch nicht. Sterne und Steine, er musste mich für einen seiner Peiniger halten!
Dann bekam ich das Gitter des Anhängers über unseren Köpfen zu packen und rollte mich mit Hilfe der Hebelwirkung ruckartig herum. Ein unbeteiligter, rationaler Teil meines Verstandes fragte sich, wie der Mann noch so viel Kraft in den Händen und Armen haben konnte, wo er doch bis vor kurzem noch mit potenziertem Eigengewicht an ihnen gehangen hatte. Ich bäumte mich auf, als er versuchte meinen Kopf gegen den Anhänger zu schlagen, schaffte eine weitere Rolle. Wir fielen zusammen vom Anhänger auf den Boden. Ich landete auf meinem Angreifer, sein Atem strich als schmerzerfülltes Keuchen an meiner Schläfe vorbei und sein Griff lockerte sich. Weit genug, dass ich ihn gänzlich sprengen konnte. Ich rang keuchend nach Atem, rollte mich aus seiner Reichweite und stieß ein "Aurg!" hervor, das eigentlich ein "Stop!" sein sollte.

"Halt, Mann!", krächzte ich, setzte mich auf und rutschte hastig noch ein Stück weiter zurück, "Ich habe dir deinen verdammten A-...."

Ich verstummte mitten im Wort. Auf meinem Sweatshirt, genau zwischen den beiden Zeilen des Aufdrucks: >Ich bin schizophren - Ich auch! leuchtete ein roter Punkt.

Mist.
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