Das Glückskind III - Neue Bekanntschaften

von Saakje
GeschichteRomanze, Fantasy / P16
OC (Own Character)
16.06.2010
30.06.2010
18
40987
6
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
mit Dank an meine Beta http://www.fanfiktion.de/u/DiamondDove

***************

Irgendetwas stimmte nicht.
Ich wurde wach, und wusste es sofort. Allerdings dauerte es noch einen Moment, um festzustellen, was es war. Ich schlief seit Wochen in dieser Höhle, hatte mich an jedes Geräusch hier gewöhnt. Das leise Schnauben eines Pferdes gehörte nicht dazu.

Rasch war ich auf den Beinen, leise zog ich meine Kleidung über. Mein Lager lag tief unter der Erde. Kein Sonnenlicht drang jemals hier ein, hier war es stockfinster. Von daher war dies ein geeigneter Ort für mich, schließlich brauchte ich kein Licht zum Sehen. Aber ich konnte spüren, dass es draußen noch hell war - viel zu früh für mich. Ich war noch müde, doch jetzt war nicht der Moment, um weiter zu schlafen. Ich legte kurz meine Hand auf die Reste meines Lagerfeuers. Wie immer hatte ich es morgens gelöscht, schließlich wollte ich nicht, dass mich der Rauch verriet. Die Asche war kalt, also musste es schon ziemlich spät am Tag sein.

Ohne selbst ein Geräusch zu verursachen, schlich ich in Richtung des großen Eingangs der Höhle. Eigentlich war dieser tiefe Teil eher ein Bergwerk, die natürliche Höhle war erweitert und Stollen in den Berg getrieben worden. Viele dieser Stollen führten zum Eingang, von dem das Geräusch kam. Es gab noch eine weitere Öffnung, die allerdings deutlich schwieriger zu erreichen war. Das war der Grund, warum ich diese Höhle gewählt hatte - ein Hinterausgang konnte nützlich sein.

Leichtfüßig kletterte ich einen Felsvorsprung hinauf, von dort hatte ich einen guten Blick auf den Eingangsbereich der Höhle: Eine große Öffnung, direkt danach ein breiter Spalt, der durch eine alte Hängebrücke überspannt wurde. Ich selbst mied diese Brücke, der Spalt war nicht so breit, als dass ich ihn nicht mit etwas Anlauf und einem Sprung hätte überwinden können. Die Hängebrücke sah nicht sehr vertrauenerweckend aus. Außerdem gab es genügend andere Eingänge.

Ich lugte über den Felsen. Von draußen fiel noch Sonnenlicht in den Eingangsbereich, für einen Moment wurde ich von der Helligkeit geblendet. Aber trotzdem konnte ich eine Bewegung dort erkennen. Vor dem Eingang war ein Mann auf einem Pferd. Aufmerksam spähte er herein. Dann saß er ab und zog ein Schwert.

Zuerst roch ich sein Pferd, aromatisch wie alle Säugetiere. Doch dann erstarrte ich. Sein Geruch, es war nicht der normale Geruch eines Menschen. Ein Hexer, er roch wie ein Hexer! Ich duckte mich. Auch Hexer waren in der Lage im Dunkeln zu sehen. Vielleicht nicht so gut wie ich, in dem Punkt war ich mir nicht sicher, aber gut genug. So hielt ich es für keine gute Idee mich zu zeigen. Schließlich waren Hexer Monsterjäger, sie töteten Wesen wie mich. Wobei sie es vorzogen dafür bezahlt zu werden. Der eine damals hatte jedenfalls gewartet, bis sich jemand fand, der seinen Preis zahlen wollte.

So drückte ich mich gegen den Felsen und hoffte, er würde mich nicht sehen. Ich dachte an mein Lager keine fünfzig Schritt tief im Berg und schloss für einen Moment die Augen. Wenn er das Lager fand, würde er wissen, dass hier jemand - etwas war. Die Vorstellung behagte mir überhaupt nicht.

Die Zeit schien zu kriechen, ich hörte das Pferd mit den Hufen scharren. Dann ein leises Knarzen, vermutlich von der Hängebrücke. Ich wagte es nicht mich zu bewegen, wusste ich doch nicht, wie gut seine Ohren waren. Wieder ein Knarzen, jetzt schien er auf der Brücke zu sein. Und dann - Krachen, ein unterdrückter Schrei, ein Aufprall, etwas schepperte ... Ich fuhr hoch, spähte über den Felsen zur Brücke - die nicht mehr da war. Ein Halteseil lief noch über die Felskante, der Rest war mit dem Hexer in die Tiefe verschwunden. Einen Moment später wurde mir klar, dass der Hexer nicht abgestürzt sein konnte, der Schrei bis zum Aufprall war zu kurz gewesen, der Spalt war deutlich tiefer. Aber das Scheppern, das könnte sein Schwert gewesen sein.

Ich vernahm ein unterdrücktes Stöhnen - ebenfalls zu nah, um vom Boden der Felsspalte zu kommen. Viel zu nah. Ich zögerte, der Hexer konnte mir gefährlich werden. Ich wusste nicht, ob er einen Auftrag hatte, der meinen Tod einschloss. Aus meiner ersten Begegnung wusste ich immerhin etwas über sie. Ich kannte ihren Geruch. Und ich wusste, dass sie mich wahrnehmen konnten, wenn ich mich unsichtbar machte. Vielleicht sogar immer, wenn ich meine Fähigkeiten einsetzte. Aber ich wusste nicht, ob sie andere Monster auch nur erkannten, wenn sie bestimmte Dinge taten.

Ich war mir nicht sicher, ob sie normalerweise jedes Monster auf Anhieb als solches erkennen konnten. Vielleicht wäre es besser ihm nicht zu zeigen, wie leicht er mich mit einem Menschen verwechseln konnte. Ich richtete mich auf, lenkte meine Aufmerksamkeit ganz auf die Stelle, an der vor wenigen Momenten die Brücke gewesen war: Ich zögerte, der Hexer lebte noch. Wenn er sah, dass ich mich sicher in der Dunkelheit bewegte, würde er wissen, dass ich kein Mensch bin. Und er würde wissen, dass er mich trotzdem nicht spürte.

Wieder ein leises Stöhnen. Allmählich breitete sich ein leichter Blutgeruch aus. Lange nicht so aromatisch wie von einem Menschen, aber deutlich wahrnehmbar - jedenfalls für mich. Er musste verletzt sein. Meine Ziehmutter hatte mich zu sehr als Heilerin ausgebildet, um es ignorieren zu können. Zu großen Respekt hatte ich vor dem Leben anderer, egal ob Mensch, Nicht-Mensch - oder Hexer. Ich zögerte noch einen Moment. Wenn er mich schon als Monster erkannte, dann sollte er mich auch als Monster spüren. Das war vermutlich das, was er erwartete. Vielleicht konnte er meine Anwesenheit schon spüren, wenn ich nur meine Zähne veränderte. Vielleicht würde er so nicht erfahren, dass Hexer mich nicht immer als Monster erkannten - sondern nur wenn ich es zuließ.

Ich fuhr mit meiner Zunge über meine Zähne, meine jetzt spitz hervorstehenden Eckzähne. Ich ging zur Felskante, sah hinunter. Ich achtete nicht auf sein Pferd, das gut zehn Schritt entfernt auf der anderen Seite des Spalts unruhig hin und her trampelte. Stattdessen blickte ich hinunter zum Hexer. Er hing dort, das Halteseil war um sein linkes Handgelenk geschlungen. Mit seiner rechten Hand versuchte er den Fels zu greifen, aber ich bemerkte das Blut an seinen Fingern. Er sah zu mir empor, regungslos starrte er mich an. Seine Pupillen waren weit geöffnet, es war dunkel hier und trotzdem konnte er auch mich sehen. In seinem Gesicht konnte ich keinerlei Emotionen erkennen, aber ich roch das Adrenalin in seinem Blut.

Ich kniete mich an den Rand, streckte ihm die Hand entgegen. "Wenn du deine Waffe fallen lässt, zieh ich dich hoch." Natürlich wusste ich nicht, ob er noch eine Waffe hatte. Doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass er kein Messer besaß. Ich hatte versucht, beim Sprechen meine Zähne nicht sichtbar werden zu lassen, aber ich war mir nicht sicher, wie gut mir das gelungen war. Er starrte mich weiter an, warf dann einen Blick nach unten. Es ging ziemlich tief hinunter, vielleicht dreißig Schritt. Und er war sowieso schon verletzt.

Ohne eine Regung in seinem Gesicht schien er eine Entscheidung gefällt zu haben: Mit seiner Rechten zog er einen Dolch hervor, klirrend fiel dieser in die Tiefe. Dann griff er nach meinem ausgestreckten Arm - ohne Zeige- und Mittelfinger zu benutzen. Kein Wunder, dass er es noch nicht geschafft hatte alleine hochzuklettern. Ich griff seinen Unterarm, zog ihn mühelos hoch, obwohl er etwas größer als ich war. Sofort setzte ich ihn neben mir ab.

Jetzt erst fiel mir auf, dass sein linker Arm in einem unnatürlichen Winkel zu seinem Körper stand. Um nicht abzustürzen hatte er einen hohen Preis gezahlt: Offensichtlich war die Schulter ausgerenkt. Ich musterte ihn. Sein Geruch hatte sich geändert, Angst hatte sich zum Adrenalin gesellt, breitete sich langsam in ihm aus. Unter dem Hemd sah ich eine Silberkette, auf die musste ich achten, die sollte ich besser nicht berühren. Ich beugte mich über ihn, seine Schulter musste so bald als möglich gerichtet werden. "Das wird jetzt etwas weh tun."

Mit starrem Gesicht drehte er den Kopf zur Seite, präsentierte mir so seinen Hals. Er hatte also erkannt, was ich war. Oder dachte zumindest in die richtige Richtung. Allerdings war es nicht das, was ich wollte. Ich versuchte es zu ignorieren, setzte mit geübten Griff an seiner Schulter und seinem Arm an - und mit einer Bewegung renkte ich die Schulter wieder ein. Er war sehr kräftig, ich hatte die vielen Muskeln deutlich gespürt. So angespannt wie er war, musste es ziemlich schmerzhaft gewesen sein. Aber er zeigte den Schmerz nicht.

Für einen Moment wirkte er verblüfft, doch dann wurde sein Gesicht wieder starr, der Geruch nach Angst wurde stärker, das Adrenalin war schon fast aus seinem Blut verschwunden. Ein kurzes Zittern lief durch seinen Körper. "Tu's einfach." Seine Stimme war rau und hart.

Ich versuchte ihn zu beruhigen. "Ich habe nicht vor dich zu töten."
Er zog einen Mundwinkel schief, stieß schnaubend die Luft aus, sagte aber kein weiteres Wort. Doch es war klar, was er gemeint hatte: 'Wer's glaubt ...'
Wieder lief ein Schaudern durch seinen Körper, er war so angespannt, dass jeder Halsmuskel deutlich hervortrat, ich roch sein Blut, das langsam über seine Hand rann.
Ich unternahm ein erneuten Versuch: "Wenn ich dich hätte töten wollen, wärst du schließlich schon tot."
Sein Blick war so finster, finsterer als es hier in der Höhle war. "Ich kenne die Spielchen, die deinesgleichen spielt."

Das war es also. Er dachte, ich würde mit ihm spielen, wie eine Katze mit der Maus. Und er wollte nicht die Maus sein. Für einen Moment wurde ich unsicher und schluckte. Ich hatte einst so ein Monster in Aktion gesehen - damals als Malou ... Ich aber war nicht so, wollte niemals so sein. Aber ich konnte nicht riskieren, dass er mich plötzlich angriff, nur weil er eine Gelegenheit zu erkennen glaubte. Ich musterte ihn grübelnd: Er war jung, jünger als ich erwartet hatte. Kräftige Wangenknochen, ein kantiges Kinn mit Grübchen, die paar Kratzer in seinem glatt rasierten Gesicht änderten nichts daran, dass er attraktiv aussah. Ich war für einen Moment von mir selbst irritiert, dass ich es überhaupt bemerkte.

Ich zögerte. Ihn zu untersuchen und mich um seine Wunden zu kümmern, schien mir im Moment nicht ratsam. Nicht solange er überzeugt war, dass ich nichts sehnlicher wollte, als von ihm zu trinken. So stand ich auf, trat an den Rand des Spalts. Ich kannte jeden Vorsprung, jeden Griff. Mit einem Blick prüfte ich, ob die herabstürzende Brücke etwas Wesentliches geändert hatte - und dann machte ich einfach einen Schritt nach vorn.

Ich stürzte in die Tiefe, nur einige Schritt, landete dann auf einem kleinen Vorsprung. Doch sofort ging es weiter hinab. Ich war fast so schnell unten, als wenn ich direkt gesprungen wäre, aber deutlich sicherer. Ich hatte schließlich nicht vor, mir bei der Landung irgendwelche Brückenteile in den Leib zu rammen. Als ich unten war, sah ich mich suchend um, rasch fand ich, was ich wollte: sein Schwert. Ich nahm ein Tuch, schützte damit meine Haut vor dem Silber des Schwertes. Als ich es aufhob, war ich überrascht: Es war viel leichter als ich erwartet hatte - knapp drei Pfund, vielleicht sogar noch weniger. Dann suchte ich den Dolch. Ich sah ihn nicht, doch als ich mich konzentrierte roch ich das Blut des Hexers. Ich folgte dem Geruch und fand den Dolch am Boden liegend. Als ich ihn aufhob und betrachtete, stellte ich überrascht fest, dass auch er aus Silber war. Wenn der Hexer den gehabt hätte, als ich mich über ihn beugte ... Mir schauderte kurz, er wäre möglicherweise da schon auf eine dumme Idee gekommen.

So packte ich beide Silberwaffen und kletterte rasch nach oben. Es war für mich ein Leichtes, eine Gämse hätte es nicht besser gekonnt. Der Hexer lag noch unverändert da als ich zurückkehrte. Er war auf der falschen Seite des Spalts: Der Eingang, und damit sein Pferd, waren auf der anderen Seite - unerreichbar weit weg. Hier auf dieser Seite hatte er keine offensichtliche Fluchtmöglichkeit. Nur Stollen, die weiter in den Berg und in die Dunkelheit führten.

Ich legte seine Waffen neben ihm hin. "Deine Waffen. Ich hoffe, du nimmst sie nicht. Ich will dich nicht töten. Du hast die Wahl: Du lässt dir von mir helfen, oder du zwingst mich zu einem Kampf. Aber ich hoffe wirklich, dass du das für eine genauso törichte Idee hältst wie ich." Ich stand vor ihm und streckte wieder die Hand aus. "Kannst du aufstehen?"

Er zögerte, blickte von seinen Waffen zu mir und zurück. Offensichtlich wusste er nicht, was er davon halten sollte. Dann schluckte er, nickte und griff erneut nach meinem Arm. Ich half ihm auf, und er stand vor mir. Der Geruch der Angst war immer noch präsent, doch scheinbar war er überzeugt, dass er so die besseren Chancen hatte. Zumindest war er sich nicht mehr sicher, dass er für mich nur eine Maus zum Spielen war.

Ich führte ihn in Richtung meines Lager, er humpelte etwas. Ich achtete auf seinen Gang, es war immer bei der gleichen Bewegung, so erkannte ich, welches Gelenk betroffen war - und dass es nicht gespielt war. Es hatte ihn ziemlich erwischt, er muss mit voller Wucht gegen den Fels geprallt sein. Als wir die große Höhle am Eingang verließen, wurde sein Schritt etwas unsicherer. Es schien mir fast, als ob er hier nicht so gut sehen konnte wie ich. Ich grinste, es war gut zu wissen, dass totale Finsternis ein Problem für Hexer sein konnte. Oder zumindest für diesen Hexer.

Endlich angekommen entzündete ich das Lagerfeuer. Es spendete Wärme und Licht, er sollte sich sicher fühlen können, soweit das in meiner Nähe möglich war. Ich stellte die Eisenkanne ans Feuer, warf einige Kräuter ins Wasser. Ich hatte noch nichts getrunken und langsam bekam ich Durst. Auch den Rest des Eintopfs und das halbe gebratene Kaninchen vom Vortag schob ich näher an die Flammen.

Doch erst würde ich den Hexer versorgen. Ich nahm meinen Beutel, suchte den Schnaps heraus. Ich hatte ein Leinenhemd, das ich jetzt mit Hilfe meines Dolchs zu Verbandsmaterial zerschnitt. Jede meiner Bewegungen beobachtete er argwöhnisch. Seine Augen, die Pupillen, sie waren im Schein des Feuers nicht kleiner geworden, sondern - schmaler. Wie bei Katzenaugen standen seine Pupillen aufrecht. Jetzt konnte ich auch seine Augenfarbe erkennen: tiefblau. Es war irritierend, solche Katzenaugen in einem menschlichen Gesicht zu sehen. Ich wusste, dass viele Leute sie eher als Schlangenaugen beschrieben. Aber dieses Blau - das war eher wie bei einer schneeweißen Katze. Nur dass sein Haar nicht weiß war, sondern hellbraun.

Zuerst untersuchte ich ihn gründlich. Er zog sein Hemd aus als ich ihn darum bat. Ein gut trainierter Oberkörper mit breiten Schultern wurde sichtbar. Nur wenig Haare auf der Brust. Einige Narben, doch das schadete seinem Aussehen nicht. An seiner Silberkette hing ein Amulett - ein Wolfskopf. Die linke Schulter schien schon wieder gut beweglich zu sein. Doch die Verfärbung an seiner linken Seite gefiel mir nicht. Ich tastete ihn ab, achtete dabei sorgfältig darauf nicht in die Nähe seiner Kette zu kommen. Das Silber würde auf meiner Haut brennen. Sorgsam untersuchte ich seine Rippen. Sie könnten gebrochen sein, da war ich mir nicht absolut sicher. Aber zumindest waren sie noch an Ort und Stelle, es musste genügen, wenn er sich schonen würde.

An seiner rechten Hand waren Zeige- und Mittelfinger verstaucht, aber das Blut von der aufgeschlagenen Haut trocknete bereits. Ich reinigte die Wunde vorsichtig mit dem Schnaps und verband sie dann. Nachdem Hexer so anders rochen, war ich mir nicht sicher, ob alle Kräuter normal bei ihnen wirkten. Daher wollte ich lieber keine Experimente machen. Er konnte sich später selbst darum kümmern.

Nun war das Bein an der Reihe, auch hier war es die linke Seite. Er hatte Glück: Es war nichts gebrochen. Nichts ernstes also, nur eine leichte Verstauchung und Prellungen. Er zeigte kaum eine Reaktion, aber ich konnte trotzdem eine Änderung wahrnehmen: sein Angstgeruch wurde langsam aber sicher schwächer. Scheinbar beruhigte ihn meine professionelle Art, ihn zu behandeln. Als ich fertig war, wollte ich bereits alles wieder einpacken. Einen Moment zögerte ich, dann hielt ich ihm den Schnaps hin. "Mein Name ist Felicitas."
Er war überrascht, nahm dann schweigend mein Angebot an. Er nahm zwei tiefe Schluck, gab mir die Flasche dann zurück. "Kelvran."

Ich verstaute die Flasche sorgfältig, nahm den Eintopf vom Feuer und fing an zu essen. Es war ungewohnt mit ausgefahrenen Eckzähnen zu essen, aber es klappte besser als erwartet. Ich musterte ihn kurz, deutete dann auf das Kaninchen: "Auch Hunger?" Er wirkte irritiert, es schien fast, als ob er kaum glauben konnte, dass ich normales Essen zu mir nahm. Dann langte auch er zu. Ich nahm meinen Becher und goss mir Tee ein. "Wenn Du auch Tee willst, wirst du den Becher mit mir teilen müssen, ich habe nur diesen einen." Er schüttelte den Kopf, ich grinste ohne meine Zähne zu zeigen. Es hätte mich schon sehr überrascht, wenn er dazu bereit gewesen wäre.

Ich musterte ihn erneut. Sein Gesicht war immer noch starr, aber ich roch nicht mehr diese überwältigende Angst. Ich wusste, dass die meisten Leute glaubten, wir würden uns ausschließlich von Blut ernährten. Offensichtlich stärkte es sein Vertrauen zu erfahren, dass dies ein Irrtum war. Wenn ich es nur erzählt hätte, wäre die einzige Reaktion wohl ein ungläubiges Lachen gewesen. Jetzt aber hatte er gesehen, dass ich esse und trinke wie jedes andere Wesen. Und ich tat nicht nur so: Es war offensichtlich mein Proviant am Lager ...

Wir saßen jetzt beide beim Essen, genau die richtige Zeit für ein kleines klärendes Gespräch. "Bist du zufällig hier?"
Er zögerte, schüttelte dann den Kopf. "Nein."
"Ein Auftrag also. Darf ich fragen, welcher?"
"Ich ... Einige dachten, hier in der Höhle würde es spuken und daher sollte ich mich hier umsehen. Ich wollte nur den Eingangsbereich sichern, prüfen, ob ich mein Pferd hier unterstellen kann, während ich mich in Ruhe umsehe."
Also kein Tötungsauftrag, immerhin. "Du sollst dafür sorgen, dass die Höhle leer und verlassen ist? Das ist der gesamte Auftrag? Die wissen also nicht, dass ich hier bin? Und du sollst nicht meinen Kopf bringen?"
Er schüttelte den Kopf. "Wenn ich etwas derartiges vermutet hätte, wäre ich nicht einen Schritt weit unvorbereitet in diese Höhle gegangen. Noch nicht einmal tagsüber."
Ich nickte, tagsüber schliefen Wesen meiner Art zwar meistens, aber das hieß nicht, dass wir nicht wach werden konnten. Schweigend aßen wir weiter. Ich trödelte etwas, wollte sicherstellen, dass die Sonne untergegangen war, wenn wir aus dem Berg herauskamen.

Ich beendete meine Mahlzeit und nahm das Gespräch wieder auf. "Wenn ich verschwinde ist also dein Auftrag erfüllt. Und die werden keinen weiteren Hexer holen."
Er nickte: "Vermutlich."
"Gut, dann weiß ich ja, was ich tun sollte. Und du hast dir den Lohn der Mühen verdient. Wenn auch anders, als die Dörfler vielleicht erwartet haben. Ich kann dir versichern, dass hier außer einigen Fledermäusen und anderem Kleinzeugs nichts lebt."

Ich fing an meine Sachen zu packen. Wie immer war das meiste bereits verstaut und so war ich rasch damit fertig. Er beobachtete mich, aber sein Blick war nicht mehr so argwöhnisch. Nach wie vor versuchte er keine Gefühlsregung zu zeigen. Aber ich spürte, der Hexer war, verglichen mit vorhin, fast entspannt. Ich suchte eine Lampe hervor. Natürlich brauchte ich kein Licht, aber ich mochte das warme Leuchten, wenn ich las. Nur dafür hatte ich sie. Unterwegs benutze ich nie eine Lampe. Doch jetzt konnte Kelvran das Licht gebrauchen. Und wenn es nur war, um ihm Sicherheit zu geben. So entzündete ich die Lampe, benutze dann den Rest aus der Teekanne zum Löschen des Feuers.

Ich stand auf, wandte mich wieder dem Hexer zu. "Ich zeige dir einen anderen Ausgang und wie du von dort zu deinem Pferd kommst. Einverstanden?"
Er nickte zögernd. "Meine ... meine Waffen?"
"Werden dort sein."
Wieder für einen Moment Überraschung auf seinem Gesicht. Ich war mir ziemlich sicher, dass er noch kein längeres Gespräch mit einem Wesen meiner Art geführt hatte. Ich kannte eine, die ihn tatsächlich lieber getötet hätte ...

Ich ging schweigend voran und er folgte mir humpelnd. Es waren nur einige hundert Schritt, es führte ein Stollen fast direkt nach draußen. Nur an einer Stelle musste eine Klippe von gut zwei Metern überwunden werden. Doch mit meiner Hilfe war auch das für ihn kein Problem. Etwas weiter wurde bereits Mondlicht sichtbar. Eine sternenklare Nacht.

Am Stollenmund drehte ich mich noch einmal um, sah hinein ins Dunkle. Ich wusste nicht, was hier unten gesucht worden war, und es interessierte mich auch nicht wirklich. Für mich waren die Fluchtwege und Verstecke interessant; 'interessant gewesen', korrigierte ich mich in Gedanken. Jetzt aber trug ich alle Habseligkeiten bei mir. Ich zeigte dem Hexer, wie er zu seinem Pferd kam. Kaum außer Sicht machte ich mich unsichtbar und eilte voraus. Wie versprochen legte ich seine Waffen auf den Boden direkt am Höhleneingang.

Dann machte ich mich auf und davon. Wieder einmal würde ich nicht zurückkehren. Ich hoffte, ich würde es nie bereuen, den Hexer nicht getötet zu haben. Aber es wäre Mord gewesen. Ich hatte noch nie gemordet und wollte auch nicht damit anfangen ...
Review schreiben