Kerze (Silvana De Maris "Der letzte Zauber")

von Xanokah
GeschichteAbenteuer / P12
16.06.2010
16.06.2010
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Anmerkung: Teil meiner 100 Themes Challenge.


017: Kerze

Silvana De Maris "Der letzte Zauber"


Der Gaukler zündete die Kerze an. Sie war noch neu, er hatte sie heute morgen erst zusammen mit einem einzigen Streichholz durch die Luke der Zelltür geworfen bekommen. Seitdem Inskay aus der Zelle gezerrt und vermutlich erfolgreich gehängt (vielleicht sogar mit einer frischen Kapuze?)  wurde, war es erheblich ruhiger in seiner Zelle geworden. Allein seine Stimme, die manchmal ganz von selbst zu summen begann – und nun auch das lebendige Schattenspiel der Flamme – boten ihm noch Unterhaltung. Dabei war er als Gaukler bekannt – Unterhaltung bestimmte praktisch sein Leben. Genau wie der Verrat sein Leben bestimmte. Verrat durchzog das Leben des Gauklers wie ein roter Faden, der mittlerweile zu dick zum Durchschneiden war.

Weil er sein Volk in den Bergwerken verraten hatte, war er in dieser Zelle gelandet.

Weil er seine Freunde und Familie verraten hatte, waren diese hingerichtet worden.

Weil er Inskays Vertrauen gewonnen und er ihn dann an die Henker verraten hatte, war dieser...

Der Zwerg erinnerte sich an Inskays Bruder. Sein Name fiel ihm nicht mehr ein, aber seine Worten hallten Nacht für Nacht in seinem Kopf wieder.

     „Du bist zwar nur ein verdammter Gaukler, aber ich vertraue dir.“

Und so hatte er ihm alles erzählt. Und so hatte der Gaukler es den Henkern erzählt.

Im Austausch für dieses hinterhältige Geschäft wurde er am Leben gelassen. Seine Lieben waren tot, was hatte er da also noch zu verlieren?
Aber auch der Gaukler hatte von den Folterungen der Verließe der Falkenstadt Alyil tiefe Wunden davongetragen, denn sein Herz stellte sich bei den Verhören immer wieder gegen den Verrat. Jedoch ist das Herz auch nur ein Klumpen Fleisch, der ihn notgedrungen am Leben hält – der Gaukler war immerhin nur ein guter Gaukler, wenn er auch gut schau spielen konnte. Und genau dieses Schauspiel hatte er mit seiner Familie, seinen Freunden, ja, seinem ganzen Volk, getrieben. Er würde immer weiter spielen. Besser halbtot in einer Zelle, als tot in den Gräben der Stadtmauern.  

Ein Gaukler benutzt seinen Verstand. Nicht mehr und nicht weniger.

Verloren in seinen Gedanken hatte sich der Zwerg auf den kalten Stein gelegt, der so etwas ähnliches wie ein Bett darstellen sollte. Die Kerze neben ihm brannte immer und immer weiter mit einem Schein, der dem lebensmüden Gaukler ein sanftes Glänzen in den alten Augen verlieh. Ob sein nächster Zuschauer wohl Lylin sein wird? Der Gaukler fragte sich, wer Lylin wohl sein mochte, Inskay erwähnte sie in seinen Fieberträumen nach den Folterungen. Ob es seine Frau war oder vielleicht seine Tochter? Und würden sie Frauen überhaupt mit Kerlen wie ihm in eine Zelle sperren?
Endlose Stunden verstrichen, die Kerze war bereits bis zum Grund abgebrannt, doch die Flamme kämpfte weiter, sie wollte nicht ausgehen.

Eine einzelne Flamme in einer einsamen Zelle.

Ob sie mich wohl auch umbringen, wenn die Zwerge ausgerottet sind?

Der Gaukler spendierte dem Feuer ein zahnloses Lächeln und schloss die Augen.


Die Flamme erlosch.
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