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Wer bist du, der mich liebt?

GeschichteLiebesgeschichte / P12
Iceman / Roberto "Bobby" Drake Pyro / St. John Allerdyce Rogue / Mary D'Arcanto Shadowcat / Kathrin "Kitty" Pryde
12.06.2010
12.06.2010
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John zog die Augenbrauen hoch und sah sich um. „Ist tatsächlich n' nettes Plätzchen hier. Hat Storm ausnahmsweise nicht zu viel versprochen.“ Gelangweilt zuckte er die Schultern und biss in seinen mitgebrachten Apfel.
Bobby schüttelte grinsend den Kopf. Sein Freund untertrieb gewaltig und tat nur so desinteressiert, um sich nicht anmerken zu lassen, dass er die Lichtung genauso wunderschön wie alle anderen Schüler fand.
Bobby verstand nicht ganz, wieso John das so oft tat, aber Pyro war nunmal Pyro.
- Sie befanden sich mitten auf einem der seltenen Schulausflüge, die Professor Xaviers „School for Gifted Youngsters“ ab und an veranstaltete. So gut wie alle Schüler waren mitgefahren; jetzt standen sie nach zwei Stunden Busfahrt und fast einer halben Stunde Fußmarsch zusammen mit ihren Lehrern Scott, Jean, Storm und Logan unter den Bäumen eines alten Mischwaldes am Rand einer großen, wunderschön anzusehenden Lichtung. Blumenteppiche in allen Farben bedeckten große Flecken der Wiese und die ganze Szene lag ausgesprochen friedlich da.
Verdammtes Glück mit dem Wetter hatten sie auch noch gehabt. Was wollte man mehr?
Die Kinder und Jugendlichen legten ihre Taschen und Rucksäcke ab und verstreuten sie lärmend im Umkreis von fünfzig Metern um ihren Standpunkt, an dem einige umgestürzte Baumstämme lagen.
Bobby wusste, dass sich als nächstes die Gruppen abspalten würden, die sich den Unternehmungs-Angeboten der Lehrer anschließen würden. Er hatte die Notizen dazu, die in der Schule ausgehangen waren, nur kurz überflogen und beschlossen, sich keiner Gruppe anzuschließen, sondern schlicht und einfach das Nichtstun an einem unbekannten Ort in der freien Natur zu genießen.

„Diejenigen, die mit uns die Höhle besichtigen wollen, kommen jetzt mal zu uns!“, rief Storm und schnell versammelte sich über die Hälfte der Anwesenden Kinder und Jugendlichen um sie und Jean herum. Auch Rogue sprang auf.
„Kommst du auch mit, Bobby? Ist bestimmt spannend!“
Bobby lächelte und schüttelte den Kopf.
„Eigentlich würde ich mich lieber auf die Wiese legen und die Sonne genießen.“
„John?“ Rogue sah zu dem anderen Jungen, der wieder einmal mit seinem Feuerzeug spielte.
„Nö, ich bleib auch hier.“
Rogue seufzte, lächelte dann aber auch. „Okay. Dann bis später!“
Damit verschwand sie zu Storm und Jean.
Als die Gruppe sich auf den Weg machte, erhob Scott sich und rief:
„Alle, die sich für die Wanderung eingetragen haben kommen jetzt mit mir!“
Fast der ganze Rest an Schülern sammelte sich bei ihm, nur ungefähr fünfzehn Leute blieben übrig. John und Bobby waren offensichtlich die Ältesten von ihnen.
Scott zählte hastig durch, dann verschwand auch er mit seiner Gruppe im Wald.
Logan starrte ihm missmutig nach und blickte dann mit wenig Begeisterung in die Runde der verbliebenen jungen Mutanten.
„Schön. Der Rest bleibt mit mir hier. Ihr könnt machen was ihr wollt, solange ihr euch nicht zu weit entfernt und euch nicht in Gefahr bringt. Ich hab keine Lust, jemanden irgendwo rausholen zu müssen!“ Er blickte jeden Einzelnen von ihnen kurz an.
Dann kramte er in seinen Taschen und holte eine Zigarre heraus. „Ach ja, und zündet den Wald nicht an, ja?“
Er sah John direkt an.
Der klappte mit unschuldiger Miene den Deckel seines Feuerzeugs zu.
Logan brummte noch etwas Unverständliches, entzündete seine Zigarre, legte sich unter den Baum neben dem er stand und fing an zu dösen.

Die jungen Mutanten starrten alle stumm für eine Weile auf ihren „Aufpasser“.
Bobby sah zu John. Ein spöttisches, provokantes Lächeln huschte über dessen Gesicht und er begann wieder, mit seinem Feuerzeug zu spielen.
„Is ihm wohl so ziemlich egal, was wir so treiben...“, meinte er und stand auf.
„Kommt, gehen wir auf die Wiese spielen!“ Der Junge, der nie schlief – Bobby konnte sich seinen Namen einfach nicht merken – sprang auf und fast alle anderen Kinder folgten mit freudigem Lachen seiner Aufforderung. Die Kleinen rannten auf die blumenübersäte Wiese, offenbar wollten sie weiter fort von Logan und den zwei großen, langweiligen Jungen.
Die drei Kinder die dageblieben waren, verschwanden im nächsten Moment ebenfalls hinter Bäumen, Wurzelgeflechten und moosbewachsenen Buckeln im Waldboden.
„Tja, sind nur noch wir zwei übrig, was?“, sagte Pyro unbeteiligt und blickte Bobby nachdenklich an. „Du wolltest die Sonne genießen?“
Booby nickte und erhob sich auch. „Und wo gehst du hin, John?“
Sein Kumpel zuckte die Schultern. „Die Gegend erkunden. Den Wald anzünden!“ Seine Augen blitzten.
Er lachte, klopfte Bobby einmal auf die Schulter und wandte sich zum Gehen „Bis später! Ich bleib nich allzu lang weg. Find' dich schon irgendwie.“
Bobby sah ihm noch nach, bis John den nächsten baumbestandenen, mannshohen Felsen erklettert hatte und verschwunden war, dann erhob auch er sich und trat aus dem Schatten der Bäume auf die Lichtung hinaus.
Die Sonne schien jetzt mit voller Intensität und blendete den Mutanten kurz, denn im Wald war es doch etwas lichtgeschützter gewesen.
Er ging am Waldrand entlang, doch schon nach hundert Metern blieb er stehen und drehte sich um, weil es im Wald parallel zu seiner Bewegungsrichtung mehrfach raschelte, so als ob jemand ihm folgte. Er runzelte die Stirn und starrte in die Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren. Es blieb still.
Schulterzuckend setzte Bobby seinen Weg fort. Wahrscheinlich war es ein Tier gewesen, und falls nicht, war es ihm auch egal. Er überschritt beinahe die komplette Lichtung, bis er fast fünfhundert Meter von Logan entfernt eine schöne Stelle unter einem einzeln stehenden Baum mit spärlichem Laubwerk fand. Auf der anderen Seite der Wiese konnte er die Gruppe von Kinder erkennen und gedämpft hören, wie sie zusammen irgendetwas spielten.
Wie friedlich es hier ist. Die Sonne scheint, die Blumen duften und Kinder spielen... Fast schon kitschig, dachte er und ließ sich am Fuß des kleinen Baumes im Halbschatten nieder. Hier unten roch man die Blumen noch stärker.
Der Blumenduft und die Sonne ließen ihn schläfrig werden und die Augen schließen.

Leise Schritte wenig später rissen ihn aus seinem Dösen.
Bobby hörte, wie sich jemand neben ihn kniete und wollte die Augen öffnen, doch im selben Moment spürte er weichen Stoff, der sich auf seine Augen legte.
„Was...?“ Verwirrt hob er den Kopf und griff nach dem Ding, das ihm die Sicht versperrte. Doch bevor er das Tuch, wie er feststellte das es war, wegziehen konnte, war es schon fest um seinen Kopf gebunden worden.
Bobby betastete seine Augenbinde. Egal was es ist, weg damit!
Im Aufsetzen griff er nach hinten zu dem Knoten.
„Was soll der Blödsinn? Ich möchte nicht mit euch blinde Kuh spielen!“, mahnte er, weil er glaubte, es wäre eines der Kinder, die ihn ärgern wollten.
Bevor er den Knoten lösen konnte, schlossen sich hastig zwei Hände um seine Handgelenke und zogen sie wieder nach vorne.
Bobby war überrascht über die Größe und Kraft der Hände, sodass er kaum Widerstand leistete.
Das konnte kein Kind sein!
„Hey, hey“, sagte er nun mit etwas mehr Nachdruck und kaum ließen die Hände seine Handgelenke los, begann er, nach seinem Gegenüber zu tasten. Die Dunkelheit irritierte ihn und er drehte den Kopf leicht hin und her.
„Lass den Scheiß, ja? Ich finde das nicht lustig!“ Aber seine Hände bekamen den Unbekannten oder die Unbekannte nicht zu fassen, denn sofort wurden sie wieder gepackt und entschieden auf Distanz gehalten.
Bobby atmete tief durch und ließ die Hände sinken; zögernd wurden sie losgelassen. Er startete vorerst keinen erneuten Versuch, sich von der Augenbinde zu befreien oder nach dem Gesicht des Fremden zu tasten, sondern legte seine Hände in den Schoß.
„Okay. Ich mach jetzt nichts mehr. Aber was willst du und warum musst du mir deswegen die Augen verbinden, mh? Wer bist du überhaupt?!“
Schweigen. Leises, nicht ganz gleichmäßiges Atmen war zu hören.
Dann merkte er mehrmals hintereinander einen schwachen Luftzug vor seinem Gesicht, darauf vernahm er ein leises, schnelles Klatschen vor seiner Nase.
Er begriff und verdrehte die Augen. „Nein, Mann, ich seh nichts!“, teilte er seinem Gast gereizt mit.
Der verlagerte sein Gewicht ein paar Mal, Bobby hörte es am leisen Rascheln der Kleidung.
Ihm dauerte das Schweigen zu lange, und er fragte: „Soll ich raten wer du bist? ... Okay, also, mh, Ro-?“
Ein Finger wurde auf seine Lippen gelegt und er verstummte schlagartig. Er hörte, wie der Körper neben ihm sich hinter ihm platzierte.
Im nächsten Moment spürte er schlanke Finger über seinen Nacken und Hals streichen und ihn kraulen.
Seine Überraschung ging in seinem leisen Seufzer unter, der von selbst über seine Lippen kam, weil das sanfte Kribbeln auf seiner Haut so angenehm war. „Das fühlt sich gut an.“, flüsterte er.
Kurz wunderten ihn seine sanften Worte, eigentlich sollte er ja immer noch verärgert wegen der Kühnheit mit der Augenbinde und auf der Hut wegen der Eigenartigkeit der Situation sein. Aber das Kraulen, dass nun langsam, ermutigt durch seinen Zuspruch, von seinem Nacken nach vorne zu seinen Schlüsselbeinen und bis hoch zu seinen Kieferknochen wanderte, fühlte sich nun mal einfach wundervoll an. Er wusste nicht mehr, wann ihn jemand das letzte Mal so lieb gekrault hatte.
Die Finger waren schlank und die Hände waren nicht rau oder klobig, deshalb verstärkte sich Bobbys Verdacht nun, dass es sich bei dem Unbekannten um ein Mädchen handelte. Allerdings strug Rogue stets Handschuhe, wie ihm jetzt wieder einfiel, die Person neben ihm jedoch nicht. Fast war er ein wenig enttäuscht.
Nachdem er noch ein paar Sekunden weiter gekrault worden war, spürte er, wie sich zwei Arme von hinten um seine Schultern legten und sein Gast den Kopf an seinen Nacken legte. Das unbekannte Gesicht war sehr warm, sogar durch den Stoff seines T-Shirts hindurch. Bobby wurde an einen schlanken Körper gezogen und hörte einen leisen, wehmütig klingenden Atemzug.
Er erschrak zunächst, dann ließ er es sich gefallen, auch, weil er hoffte, so die Person identifizieren zu können.
Doch er stellte sehr schnell fest, dass der Körper ihm unbekannt war – zumindest war es eine Person, die er noch nie umarmt hatte. Und wenn, dann nicht auf diese Weise.
Aber ihm fiel auf, dass der Körper hinter ihm keine starken typisch weiblichen Rundungen aufzuweisen schien. Er konnte sich jedoch auch irren...
Als die Finger wieder über seine Schlüsselbeine zu wandern begannen, wurde ihm die Situation leicht unangenehm.
Nein, das geht jetzt doch zu weit, sah er ein. Bobby, du kannst dich hier nicht von jemanden, den du nicht kennst...! Entschlossen griff er wieder nach der Augenbinde.
Blitzschnell war der Körper hinter ihm verschwunden und wieder umklammerten zwei starke Hände seine Handgelenke, kurz bevor er die Binde zu fassen bekam. Zwar waren die Hände nicht gerade männlich, aber die Kraft, die sie hatten und die Bestimmtheit, mit der diese eingesetzt wurde, eine Bestimmtheit, die fast schon an Bedrohung grenzte, waren doch mehr männlicher Natur. Allerdings konnte es sich dabei auch um die Mutanten-Kraft seines Gastes handeln.
Aber wer...?
Die meisten waren doch mit Scott oder Storm und Jean gegangen, oder? Hatte jemand sich nur zum Schein einer Gruppe angeschlossen und war dann umgedreht? Nur wegen ihm? Das kam ihm irrational vor.
Sollte er seine Kräfte einsetzen? Das kam ihm wiederum unfair gegenüber der Person neben ihm vor, er wusste schließlich nicht, wie der andere Mutant auf sein Eis reagieren würde. Verletzen wollte er niemanden.
Langsam löste sich der feste Griff um seine Handgelenke wieder.
„Hör mal“, setzte Bobby wieder an und merkte, dass seine Stimme leicht nervös klang, „Ich möchte jetzt nicht unfreundlich werden – ich find's nett, dass du mich so... umarmst – aber ich weiß nicht mal, wer du überhaupt bist. Vielleicht verstehst du, dass ich dann nicht ganz einverstanden -“
Er spürte ein Gesicht nah neben seinem und kurz darauf zwei Lippen, die sein Ohr streiften.
„Schhhhh“, hauchte eine Stimme leise und Bobby vergaß, was er eben hatte zu bedenken geben wollen, weil er nervös und ihm zudem warm wurde. Er startete noch einmal einen Versuch, die unbekannte Person wegzudrücken, aber wieder vergeblich.
Er registrierte, dass die Hände, die seine Handgelenke, diesmal sanfter, umfassten leicht zitterten und auch der Atem neben seinem Ohr ging nicht ganz gleichmäßig.
Steckte Nervosität dahinter? Offenbar war der andere Mutant sich seiner Sache nicht ganz sicher...
So saßen sie ein paar Augenblicke lang da – Bobby blieb wachsam, regte sich jedoch nicht und hörte auf den unregelmäßigen Atem hinter ihm, der ihm viel zu nah war.
Was hast du jetzt genau vor?, fragte er sich im Stillen und merkte, dass er vor lauter Anspannung nicht bemerkt hatte, dass seine Hände wieder frei waren und er sie ins Gras hatte sinken lassen.
Sein Herz machte einen erschrockenen Sprung, als die schlanken Hände plötzlich aus dem Nichts mit unverhohlenem Begehren über seinen Oberkörper fuhren und ihm langsam die Hitze ins Gesicht wanderte. Anscheinend hatte sein Gast seine Nervosität in den Griff bekommen.
Jetzt war irgendwie klar, dass sein Besuch nicht gekommen war, um ihn lediglich zu kraulen.
Sollte er sich darauf einlassen? Oder sollte er sich jetzt entschieden zur Wehr setzen? Es könnte immerhin jeder sein, auch jemand, dem er nicht mal die Hand geben würde...
Auf der anderen Seite: Was sprach dagegen? Er würde wohl nicht so bald die Identität des anderen Mutanten erfahren, wenn überhaupt. Es wäre wohl so ziemlich unverbindlich. Außerdem war die Person einigermaßen sanft und zeigte Anzeichen von Nervosität, was sie trotz seiner Augenbinde nicht allzu überlegen ihm gegenüber erschienen ließ.
Zusätzlich übte dieses Spiel mit der Augenbinde doch einen gewissen Reiz auf ihn aus: Er wusste nicht, wer der Andere war und was er als nächstes mit ihm anstellen würde.
Und wenn es ihm zu bunt würde, konnte er sich immer noch befreien, davon war Bobby halbwegs überzeugt.
Das einzige, was ihm gerade wirklich gegen den Strich ging, war das ständige Festhalten seiner Hände – doch er war heute durchaus gut genug gelaunt, um es vorerst zu akzeptieren.

Als könnte die oder der Unbekannte seine Gedanken lesen, drückten die Hände Bobby sanft, aber bestimmt zurück ins Gras. Der Eismutant spürte, wie der andere Mutant sich zu ihm beugte, er fühlte dessen Körperwärme nur wenige Zentimeter über seinem Oberkörper abstrahlen. Einen Augenblick später fühlte er einen warmen Atem in seinem Gesicht.
Wollte er das wirklich? Bobby, du weißt nicht mal, wer das ist!
Zweifel kamen auf, aber bevor diese sich durchsetzen konnten, wurden sie von einem Schwall von Gefühlen weggefegt, als zwei weiche Lippen sich vorsichtig auf seinen Mund legten.
Obwohl er damit gerechnet hatte, erschrak der junge X-Man und seine Hände zuckten zu dem fremden Gesicht auf seinem. Für einen kurzen Moment berührten seine Fingerspitzen weiche, heiße Haut, ungefähr an den Kieferknochen; doch sofort verschwanden die Lippen, seine Hände wurden wieder festgehalten und augenblicklich von dem Gesicht weggezogen.
„Das ist unfair!“, rief Bobby.
Die Person drückte seine Hände neben seinem Hals ins Gras und fixierte sie dort.
So leicht gab Bobby diesmal jedoch nicht auf. Mit größerer Kraftanstrengung lehnte er sich gegen den festen Griff auf.
Er wollte sein Gegenüber wenigstens von sich aus berühren dürfen, wenn er es schon nicht sehen konnte!
Überraschtes Einatmen war zu hören, als Bobby es schaffte, seine Hände zurück vor seinen Oberkörper zu heben.
„Tsss...“, machte eine angespannte Stimme, der Tonfall klang beinahe nach 'willst du mich verarschen?'.
Ein großes Gewicht saß plötzlich auf seinem Unterkörper und unter Bobbys erschrockenem Keuchen wurden seine Hände langsam, mit vervielfachter Kraft, zurück ins Gras gedrückt. Er hielt zwar mit aller Kraft dagegen, aber sein Gegenüber war im Positonsvorteil – und zudem offenbar auch körperlich stärker als er.
Erschöpft gab Bobby nach ein paar Sekunden des Kräftemessens seinen Widerstand auf und seine Hände wurden die letzten Zentimeter hinunter auf die Erde gedrückt. Sein Atem hatte sich vor Anstrengung beschleunigt.
Verrückt... Welches Mädchen an der Schule ist körperlich stärker als ein Junge?, schoss es ihm durch den Kopf.
Oder war er selber einfach nur körperlich schwach?
Für einen Moment dachte er an seinen Freund John – wenn sie beide früher zum Spaß gerauft hatten, hatte meistens der Pyromane gewonnen, obwohl der schon immer kleiner als er gewesen war.
Ja, vielleicht war er für einen Jungen wirklich nicht sonderlich stark...
Bobbys Hände blieben diesmal festgenagelt, doch auch die Person über ihm atmete schwerer, auch wenn er oder sie hörbar darum bemüht war, dies nicht zu laut zu tun.
Sobald sie beide wieder Atem geschöpft hatten, hob das Gewicht sich von Bobbys Hüfte, aber die Beine seines Gastes blieben wo sie waren: angewinkelt links und rechts von seinem Körper; Bobby spürte, wie sie sich bei der Gewichtsverlagerung bewegten.
Offenbar hatte das kurze Kräftemessen die Nervosität oder Schüchternheit der Unbekannten endgültig beseitigt, denn dieses Mal waren die Lippen nicht mehr ganz so zurückhaltend.
Immer noch überrascht über die Kraft der Person über ihm und seine unerwartete Unterlegenheit, ließ Bobby es zunächst geschehen, ohne irgendeine Reaktion zu zeigen. Zudem empfand er so etwas wie Trotz dagegen, dass er nicht aktiv sein durfte.
So verdrängte er das verführerische Kribbeln in seinem Körper, dass die zärtlichen Berührungen der fremden Lippen auf den seinen auslösten.
Der Kuss wurde gelöst, anscheinend merkte der Andere Bobbys Widerwillen.
Genau, dachte Bobby sich, was machst du, wenn ich nicht mehr mitmache, mh?
Ihm wurde spielerisch übers Gesicht gepustet und diese neckende Geste hatte tatsächlich etwas Besänftigendes – Bobby musste lächeln und war sofort versöhnt. Als Antwort blies er seinen kalten Atem zurück in das Gesicht, das er wohl nicht mehr zu sehen bekommen würde.
Eine fremde Zunge leckte sacht über seine Lippen und Bobby ließ es diesmal zu, dass sein Körper sich elektrisierte und begann, Adrenalin auszuschütten als er zurückküsste.
Der gemeinsame Kuss war zärtlich und intensivierte sich langsam. Bobby spürte, wie er errötete und seine Gedanken ins Stocken gerieten, seine Umgebung an Bedeutung verlor.
Selbst als er mitbekam, wie sich der harte Griff um seine Handgelenk lockerte und die unbekannte Person seine Finger mit ihren verschränkte, dachte er nicht daran, den Widerstand wieder aufzunehmen.
Wozu auch? Er würde nur den sinnlichen Moment zerstören.
Bobby spürte, wie der andere Mutant ein wenig den Mund öffnete und vorsichtig mit seiner Zunge gegen seine verschlossenen Lippen stieß.
Ohne zu zögern, öffnete er ihm den Mund.
Die Zunge des Anderen war warm, weich und feucht in seinem Mund und Bobby keuchte leise, als sich ihre Zungenspitzen berührten. Ein gewaltiges Kribbeln raste seinen ganzen Körper auf und ab wie ein aufgescheuchter Schwarm Hornissen. Er hörte seinen Gast ebenfalls kurz nach Luft schnappen, dann streichelte die andere Zunge zaghaft die seine.
In Bobbys Kopf gab es einen Kurzschluss, alle restlichen Zweifel verschwanden endgültig von einer Sekunde auf die andere, zusammen mit allen rationalen Gedanken und seine Zunge begann von wie von selber zu arbeiten. Er hatte die Augen unter dem Tuch geschlossen, um ihn herum war sowieso nichts als Dunkelheit, in seinen Ohren rauschte das Blut so laut, dass er seine Umwelt nicht mehr hörte und seine verbliebenen Sinne waren ganz auf den Körper über ihm und ihren gemeinsamen, leidenschaftlichen Kuss gerichtet.
Er spürte die warmen Hände verschränkt mit seinen eigenen neben seinem Kopf im Gras liegen, merkte, dass der andere Mutant nun nicht mehr richtig über ihm hockte, sondern, dass dessen gesamter Oberkörper sich immer mehr auf seinen hinabsinken lassen wollte. Bobby fühlte das Glühen seines eigenen Körpers, die Hitze, die das Gesicht des Anderen nur zwei Zentimeter von seinem eigenen entfernt abstrahlte und vor allem wie die unbekannten Lippen immer wieder die gegenseitigen Liebkosungen ihrer Zungen unterbrachen um ihn einfach auf den Mund zu küssen.
Für einen kurzen Moment hatte er einen Geschmack auf der Zunge, leicht fruchtig-säuerlich und unwillkürlich erschien eine Schale frischen Obstes vor seinem inneren Auge; doch Bobby nahm die Assoziation kaum wahr - hingebungsvoll leckte er über die fremden und doch mittlerweile so vertrauten Lippen.
Er registrierte den Geruch des anderen Mutanten – er war ihm bekannt, doch er konnte und wollte ihn im Moment nicht einordnen; um sie herum roch es intensiv nach Blumen, Gras und Erde und auf angenehme Weise nach ihrer beider Schweiß.
Zwischen den Liebkosungen drang ein leiser Seufzer über die Lippen der unbekannten Person, es war der einzige Laut seit dem Beginn ihres Zungenkusses, der an Bobbys Bewusstsein drang.
Der Atem des Anderen wehte stoßweise über sein Gesicht und erst jetzt merkte er, wie schnell sein eigener Atem geworden war und dass sein Herz sehr schnell schlug.
Sanft strichen die Daumen seines Besuchers über ihre miteinander verschränkten Hände, die sie beide bis jetzt vergessen hatten.
„Warum...?“, murmelte Bobby, ohne genau zu wissen, wie er seine Frage überhaupt formulieren sollte.
Sein Gast schien dennoch zu verstehen; als Antwort bekam er seinen zärtlichen Kuss auf den Mund.
Dann merkte er, wie das Gewicht von ihm herunterging und die Verschränkung ihrer Hände löste.
Eine Hand fuhr ihm vorsichtig durch die Haare und verstrubbelte sie. Bobby blieb regungslos liegen, hatte die Augen unter seiner Augenbinde immer noch geschlossen und lauschte seinem sich beruhigenden Atem, während er darauf wartete, was als Nächstes geschehen würde. Er hätte gerne weitergeküsst...
Schließlich kam sein Herzschlag wieder zu Ruhe, sein Besucher verhielt sich jedoch weiterhin ruhig.
Oder war er gar nicht mehr da? Bobby setzte sich auf und sah sich um, obwohl er gar nichts sah. E
r streckte probehalber die Hände aus, aber niemand packte ihn. Langsam griff er nach dem Tuch um seinen Kopf – er wurde nicht aufgehalten – und zog es von seinen Augen.
Nach der Dunkelheit unter dem Tuch stach ihm die Sonne grell in die Augen.
„Ah!“
Sofort schloss er sie reflexartig wieder. Doch nur für einen Augenblick, dann blinzelte er und stellte fest, dass er tatsächlich alleine war. Er spürte eine leichte Enttäuschung.
„Seltsam...“ Er hatte nicht mal mitbekommen, wie sein Besucher verschwunden war. So sehr waren seine Sinne verwirrt worden...! Nur das schwarze Halstuch in seinen Händen war der Beweis dafür, dass er alles nicht nur geträumt hatte.
Bobby stand auf und sah mit zusammengekniffenen Augen zum Himmel. Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit genau vergangen war, seit die Gruppe der Schüler sich gespalten hatte und er hierhergekommen war. Aber es war unwahrscheinlich, dass es sich um mehr als eine Stunde handelte. Er fuhr sich kurz mit der Zunge über die Lippen. Würde er jemals herauskriegen, wer es gewesen war?
Er könnte alle Jugendlichen in seinem Alter fragen, ob dieser schwarze Schal einem von ihnen gehöre... - allerdings bezweifelte er, dass der Besitzer sich melden würde – nicht, wenn er die ganze Zeit so darauf bedacht gewesen war, seine Identität geheimzuhalten.
Sollte er den Schal dann einfach behalten...?
Unschlüssig blickte Bobby auf der Wiese umher. Er bemerkte ein schmale Spur, wo die Blumen frisch heruntergetreten waren. Sie führte zurück in den Wald, zu der Stelle, an der er vom Waldrand aus diese beiden Bäume hier aufgesucht hatte Er folgte ihr aus einem Impuls heraus, obwohl er wusste, dass der andere Mutant schon längst über alle Berge sein musste.
Tatsächlich gab es auf dem weichen Waldboden keine umgeknickten Blumen mehr, die den Weg des Anderen hätten verraten können und die Spur verlor sich.
Bobby seufzte und beschloss zum Sammelpunkt zurückzugehen.
Er vermutete, dass dieser dort war, wo sich Logan niedergelassen hatte und machte sich auf den Weg.
Schon von Weitem sah er, dass Logan nicht mehr alleine war: Die Kinder, die zuvor auf der anderen Seite der Lichtung gespielt hatten, saßen auf den umgefallenen Baumstämmen oder auf Baumstümpfen und aßen ihre mitgebrachten Brotzeiten. Logan, ganz der verantwortungsvolle Aufpasser, saß unter ihnen und aß einen Apfel.
Er hob den Kopf, als er Bobby sah.
„Na, Iceman, wieder da?“
Als Bobby nur nickte, fügte er hinzu: „Siehst etwas mitgenommen aus...“, sagte jedoch nichts weiter.
Bobby zuckte mit den Schultern, ließ sich neben seinem Lehrer auf den Stamm fallen und fuhr sich durch die verstrubbelten Haare.
Die beiden anderen Schülergruppen schienen noch nicht wieder da zu sein und auch John trieb sich offenbar noch im Wald herum. Er hatte keine Lust, Logan nach seinem Verbleiben zu fragen.
Sollte er John erzählen, was ihm passiert war? Bobby war sich nicht ganz sicher; sein Freund wurde leicht eifersüchtig... und womöglich würde er ihn auslachen und annehmen, Bobby wäre zu lange in der Sonne gelegen.
Er stand wieder auf und holte seinen Rucksack, den er bei ihrer Ankunft achtlos auf den Boden hatte fallen lassen.
Auf dem Weg zurück zu seinem Platz fiel ihm ein, dass eigentlich alle Mädchen in seinem Alter in der Gruppe von Storm und Jean gewesen waren, welche früher zurückkehren sollte als die von Scott, da die Höhle angeblich nicht allzuweit entfernt lag. Es wäre bestimmt nicht schwer, sich solange im Wald zu verbergen, bis die Gruppe zurückkam, sich dann unter die Gruppe zu mischen und so zu tun als wäre man bei der Höhlenbesichtigung gewesen...
Er hatte den Schal eben verstauen wollen, doch entschied sich aus diesem Grund dagegen. Vielleicht erkannte jemand aus der Gruppe ihn ja wieder und verriet sich...
Er holte sein Lunchpaket aus dem Rucksack und biss in einen Apfel.
Der Geschmack erinnerte ihn entfernt an die Küsse, die er bekommen hatte.
Eine geschätzte halbe Stunde später kam eine der beiden Gruppen zurück. Schon aus der Ferne erkannte Bobby, dass es sich um die Höhlenleute handelte. In das Grüppchen um ihn herum kam Leben, einige der Kinder sprangen auf und gingen ihren Freunden entgegen.
Bobby blieb sitzen und fragte sich, wo John blieb.
Eigentlich hatte er ja nicht „allzu lange“ wegbleiben wollen... Aber anscheinend hatte sein Freund mal wieder seine Pläne geändert.
Als die Gruppe näherkam, entdeckte Bobby zu seiner Freude Rogue anhand ihrer weißen Strähne darin. Mit ihr würde ihm nicht mehr ganz so langweilig sein. Überrascht registrierte Bobby dass es John war, mit dem Rogue sich gerade unterhielt.
Ach... läuft durch den Wald und quatscht sich mit den Mädchen fest, während ich mich hier langweile, weil ich auf ihn warte!
Als nächstes stach ihm ein kleines, zierliches Mädchen ins Auge, dass auf Rogues anderer Seite ging.
Wie war ihr Name? Kitty?
Als das Mädchen sah, dass John und Rogue ihn ansteuerten, sagte sie etwas zu den beiden und verschwand dann zwischen den anderen Jugendlichen. Nachdenklich beobachtete Bobby die Schülermenge.
Pyro und Rogue kamen direkt zu ihm. Rogue lächelte als sie bei Bobby stehenblieben und sah kurz zu Logan, der aufstand und zu Storm und Jean hinüberging.
Bobby warf John einen bösen Blick zu.
Der verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln, das immer breiter wurde.
„'Tschuldige, Bobby. Echt, ich war gerade dabei, dich zu suchen! Aber ich bin der Gruppe eben zufällig über den Weg gelaufen und hab mich ihr gleich angeschlossen.“ Er sah nicht gerade schuldbewusst aus, eher ziemlich glücklich.
Bobby verzog das Gesicht. Ihm fiel auf, dass Johns Gesicht gerötet war und er leicht außer Atem zu sein schien. Offenbar hatte er versucht, einen neuen Rekord im Waldlauf aufzustellen. Oder er hatte nur wieder mal was angestellt und war dann weggelaufen...
Aber er nickte nur und wandte sich dann an Rogue. „Und, wie wars unter der Erde?“
Das Mädchen nahm ihren Rucksack vom Rücken und setzte sich neben ihn.
„Oh, ganz schön interessant. Wir haben uns einige verrückte Felsengebilde angeschaut und ein Führer hat uns erzählt, wie sie entstehen. War aber auch etwas beklemmend da drin. Ich meine, manchmal braucht man nur die Hand auszustrecken um die Decke zu berühren...! Ich hab versucht ein paar Fotos zu machen. Weiß nicht, ob sie was geworden sind. Ach ja, und wir hätten beinahe ein paar Leute verloren. Die sind erst zurückgeblieben und dann beinahe falsch abgebogen... Aber ansonsten nichts Spektakuläres.“
John hatte wieder sein Feuerzeug in der Hand und klappte es auf und zu, während er stumm zuhörte.
Rogues Blick fiel auf den schwarzen Schal der in Bobbys Schoß lag. „War dir kalt?“, fragte sie ungläubig.
„Ach, nein, der Schal ist nur... Natürlich war mir nicht kalt.“ Bobby verdrehte die Augen und beschloss, den Schal doch lieber wegzustecken.
Als er von seinem Rucksack wieder aufsah bemerkte er, dass Pyro ihn forschend musterte.
„Stimmt was nicht?“, fragte Bobby, leicht verunsichert durch den seltsamen Blick seines Kumpels.
Mit einem Klicken schnappte das Feuerzeug zu und John schüttelte den Kopf. „Du hast da nur was...“ Er deutete vage auf Bobbys Gesicht.
„Hä? Wo...?“ Bobby hob die Hand, doch schon hatte er Rogues Gesicht vor der Nase. Sie musterte ihn kurz und fragte dann an John gewandt: „Das da neben seiner Unterlippe? Stimmt, ist ganz rot da...“
Bobby rieb sich mit dem Handrücken über Mund und Kinn.
„Sieht aus wie... mh...“, fuhr Rogue fort.
Wieder klackte Johns Feuerzeug.
„N' Knutschfleck.“, stellte der Pyromane nüchtern fest. „So sieht's aus.“
Ein breites, süffisantes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht.
Bobby lief rot an und versuchte sich zu verteidigen. „Ach was, überhaupt nicht! Vielleicht hab ich...“
Rogue überging ihn und nickte. „Doch, doch, du hast Recht, John!“
Sie sah Bobby direkt in die Augen.
„Du hast uns gar nicht erzählt, dass du eine Freundin hast!“ Ihr Ton war vorwurfsvoll.
Bobby geriet ins Stottern, wie sollte er ihnen jetzt erklären, was ihm in Wahrheit widerfahren war?
„Ähm, nein, ich hab keine Freundin-“
John setzte sich auf den freigewordenen Platz neben Bobby auf dem Baumstamm, unablässig mit seinem Feuerzeug spielend und blickte Bobby permanent an. „Dass du's nicht mal mir erzählt hast... Ich mein - irgendwoher muss der Fleck ja kommen, oder?“
„Nein, Mann, jetzt hört doch mal zu!“, rief Bobby verärgert und die beiden blickten ihn aufmerksam an.
Für einen kurzen Augenblick irritierten ihn die gegensätzlichen Gerüche seiner Freunde links und rechts von ihm:
John roch nach Gras, Holz und leicht blumig, Rogue nach Erde, Feuchtigkeit und muffig von ihrem Aufenthalt in der Höhle.
„Ihr werdet's nicht glauben“, fing er nach kurzem Zögern an, „aber... Ich hab mich ganz normal auf die Wiese gelegt, dort hinten bei den zwei Bäumen“, er deutete in die Richtung, „und dann... Und dann kam irgendjemand, hat mir die Augen verbunden und hat“ er spürte, dass er wieder rot wurde und beschloss, das Geschehene etwas zu verkürzen, „mir diesen Knutschfleck verpasst.“
Die anderen beiden sagten nichts.
John klappte sein Feuerzeug zu.
Schließlich verzog Rogue teils stark zweifelnd, teils mitleidig das Gesicht, aber sie sagte nichts.
Aber Johns Grinsen wurde immer breiter und ging schnell in eine leises Lachen über.
„Nette Story. Hahaha! Da hast du ja ziemlich realistisch geträumt, was?... Tsss.“
Bobby sah ihn gereizt an und John wandte den Blick kopfschüttelnd nach vorne.
Ok, der Ich-erzähl-ihnen-ungefähr-was-passiert-ist-um-zu-sehen-ob-sie-auffällig-reagieren-Test ist wegen eigenem Versagen fehlgeschlagen., stellte der Eismutant nüchtern fest. Peinlich...
In diesem Moment erklang Jeans Stimme: „Alle mal herhören! Wir treffen uns mit Scotts Gruppe etwas weiter weg von hier, er hat gerade angerufen! Es geht um...“
Bobby verstand den Grund nicht, denn ein Mädchen in seiner Nähe bekam einen hysterischen Lachanfall und das Klicken von Pyros Feuerzeug hinderte ihn daran, sich auf Jeans Stimme konzentrieren zu können.
„...Wir gehen jetzt gleich los!“, hörte er seine Lehrerin weitersprechen, sobald das Mädchen endlich die Klappe hielt. Doktor Jean löste sich aus der Gruppe und verstaute ihr Handy.
Träge setzten die Schüler sich in Bewegung.
Als Bobby sich mit dem zunächst lahm dahinschleichenden, noch ungeordneten Gedränge der Schüler langsam in Richtung Jean bewegte, strich ihm jemand hinter ihm über die Hand. Er drehte sich um, aber da war niemand hinter ihm außer unbeteiligt quatschenden Schülergruppen. Stirnrunzelnd drehte er sich wieder nach vorne und begann, sich mit der Gruppe irgendwie zu einer überschaubareren Kolonne zu ordnen.
John lief, wieder einen Apfel essend, an ihm vorbei. Offenbar hatte er auf die Mitnahme von Broten oder Ähnlichem weitestgehend verzichtet. Er drehte sich kurz nach Bobby um, doch als dieser keine Anstalten machte ihm zu folgen, ging er weiter nach vorne zu Rogue, zu der er sich gesellte.
Als sie durch den Wald wanderten, ging Bobby als einer der Letzten, nur Logan, der das Schlusslicht bildete, war noch hinter ihm.
Er grübelte erneut über seine Begegnung nach. Es ließ einen nun mal nicht so leicht kalt, wenn man von jemandem verwöhnt worden war, ohne erfahren zu haben, wer dieser jemand war.
Die Hand gerade eben... War das wieder...? Die Berührung war zu kurz gewesen, seine Frage hallte unbeantwortet in seinem Kopf nach.
Ich könnte allen einmal die Hand geben... Vielleicht erkenne ich jene Hände ja wieder...
Doch dann verwarf er den Gedanken, da er sich dadurch wohl nur lächerlich machen würde.
Er sah Rogue und John ein paar Reihen vor sich gehen; die beiden sprachen gedämpft miteinander.
Fast gleichzeitig sahen sie zu ihm nach hinten.
Bobby legte den Kopf schief. Sprachen sie über ihn?
John tauchte kurz darauf an seiner Seite auf. „Hey Bobby."
„Hi, John."
„Über was grübelst du nach? Oder hast du einfach keinen Bock bei uns rumzuhängen?", fragte John.
Bobby schwieg kurz. Hinter ihnen ging nur noch Logan mit einigen Schritten Abstand. Vor ihnen ging die Gruppe kichernder Mädchen und davor lief Rogue, die sich jetzt, da John zu ihm gekommen war, mit dem kleinen, zierlichen Mädchen von vorhin unterhielt.
Der Eismutant richtete seine Aufmerksamkeit wieder zurück auf seinen Freund.
„Ich grüble über meine Begegnung von vorhin nach. Auch, wenn du mir nicht glaubst, sie hat tatsächlich stattgefunden!" Er merkte, dass seine Stimme einen leicht eingeschnappten Ton angenommen hatte und korrigierte ihn schnell wieder: „Die Frage, wer das nun war, beschäftigt mich einfach noch, verstehst du?"
John machte nur „Mhmh.“ und holte statt einer ausführlichereren Antwort wieder sein Feuerzeug aus der Tasche; das Schnappen des Deckels erklang zum wiederholten Male.
Bobby betrachtete das kleine, metallene Feuerzeug mit dem Haifischgesicht in Johns schlanken Händen, mit dessen Hilfe sein Freund gewaltigen Schaden anrichten konnte. Das permanente "Klick-Klack" konnte allerdings auch manchmal sogar ihn nerven.
Sie gingen schweigend nebeneinander her, Pyro den Blick irgendwo in Richtung Boden geheftet, Bobbys Blick ruhte wie hypnotisiert auf dem Feuerzeug.
Erst, als er fast über einen Ast stolperte, riss er seinen Blick von Johns Spielzeug los und starrte stattdessen seinen Freund an.
„Du hast Zeug in den Haaren.", bemerkte er nüchtern.
„Echt?“ Johns nachdenklicher Blick schnellte vom Boden hoch.
„Immer noch? Rogue hat mir vorhin eigentlich schon was rausgepflückt... Wo...?" Etwas hilflos fuhr er sich durch die Haare.
„Oh, Mann." Bobby beugte sich zu seinem Freund und fuhr ihm fest durch die Haare. Blattreste und Moos segelten zu Boden.
„Bist du über den Waldboden gerobbt?" Bobby grinste und schüttelte den Kopf über die Unachtsamkeit seines Freundes, wenn er daran dachte, dass John doch sonst eigentlich größeren Wert auf seine Haare legte. Dank ihm waren sie jetzt jedenfalls zerzaust.
Pyro antwortete nicht, sondern fuhr sich gedankenverloren über den Schopf, um ihn nach Bobbys grober Behandlung wieder einigermaßen zu glätten.
„Willst du's echt wissen?“, fragte er nach ein paar Momenten unvermittelt.
Bobby hob überrascht den Kopf und sah in die blauen Augen des Pyromanen.
„Ich meine wer bei dir war.“, sagte Pyro hastig, der offenbar Bobbys Blick falsch auffasste.
Bobby runzelte die Stirn. „Ich dachte, du glaubst mir nicht.“
„Ja, zuerst nicht. Aber von irgendwem musst du den Knutschfleck ja haben...“
Der Eismutant zögerte. „Ja, irgendwie möchte ich's schon wissen. Ist ja auch irgendwo natürlich...“
„Und, hast du keine Anhaltspunkte? Ich meine... ihr habt euch doch bestimmt berührt.“ John fing an zu grinsen. „Hast du da nicht gemerkt, wer es war?“
„Nein, meine Augen waren die ganze Zeit verbunden und außerdem hat sie verhindert, dass ich sie richtig anfasse. Wir haben uns nur geküsst... und die Hände gegeben.“
„Und weiter?“, drängte sein Freund ihn plötzlich mit Nachdruck. „Komm, denk mal nach! Was hast du alles wahrgenommen? Vielleicht kommen wir gemeinsam drauf?“
Auf einmal schien das Erlebnis, über das er zunächst gelacht hatte, ihn doch zu interessieren. Pyro schien sogar begierig darauf, Antworten auf seine Fragen zu finden.
Bobby warf John einen Blick zu und fragte sich, woher der plötzliche Sinneswandel kam.
Er überlegte für ein paar Sekunden.
„Also... Ihre Hände waren glatt und eigentlich relativ schlank... Der Körper hatte keine ausgeprägten weiblichen Rundungen und sie war ziemlich stark.“
Er erinnerte sich, wie seine eigenen Hände gewaltsam weggedrückt worden waren. „Stärker als ich, um genau zu sein.“, fügte er etwas kleinlaut hinzu. „Gerochen hat sie nach... mh, keine Ahnung. Aber der Geruch kam mir bekannt vor. Und die Küsse haben irgendwie... fruchtig geschmeckt... und das war's auch schon an Wahrnehmung. Ich konnte mich nicht auf sowas konzentrieren, ich war beschäftigt – wenn du verstehst.“
John, der während seiner Beschreibung konzentriert nach vorne geschaut hatte, wandte sich ihm nun wieder zu.
„Also war es wohl ein guter Küsser?“, er lächelte. „Es war jemand schlankes, kräftiges, dessen Geruch dir bekannt vorkam.“, fuhr er mit ernster Miene fort. „Das ist nicht gerade viel.“
Ein leichtes Grinsen umspielte seinen Mund.
„Du bist dir also nicht mal sicher, ob es überhaupt ein Mädchen war? Deiner Beschreibung nach könnte es theoretisch auch ein Junge gewesen sein.“
Bobby wusste nicht, was er von dieser Theorie hielt. Ein Junge sollte ihn geküsst haben?
Seine erste Reaktion war Ablehnung dieses Gedankens.
Aber anderseits hatte er zugelassen, dass er abgeknutscht wurde, von wem auch immer.
Er musste zugeben, dass ihm die Sache mit der Augenbinde irgendwo gefallen hatte und außerdem hatte Pyro recht- der Andere hatte tatsächlich sehr gut geküsst, wie er fand. Wenn es jetzt ein Junge gewesen wäre... war es eben ein gut küssender Junge gewesen. Nicht schlimm, aber dennoch war er sich nicht mehr so sicher, ob er dann noch herausfinden wollte, wer ihn so verwöhnt hatte.
Er sah zu John.
„Ja, aber welcher Junge würde...?“, fragte er ungläubig und ging gedanklich alle Jungen seines Jahrgangs durch, ob sich einer von ihnen in letzter Zeit ihm gegenüber komisch verhalten hatte. Kurz dachte er auch über John nach. Aber den Gedanken verwarf er rasch wieder – es war einfach absurd. Soweit er vermutete, hatte sein Freund entweder ein Auge auf Rogue geworfen oder auf niemanden. Es war ihm beinahe peinlich, in Pyros Gegenwart darüber nachgedacht zu haben, ob er es gewesen war.
John erwiderte seinen Blick. „Tja, wer...?“
Er hob die Augenbrauen und sah Bobby aufmerksam an.
Der schüttelte den Kopf.
„Ich weiß auch nicht.“, sagte John. „Ich glaub, das kannst allein du herausfinden.“
Er warf Bobby einen nachdenklichen Blick zu, dann ging er ohne ein weiteres Wort zurück zu Rogue.
Überrascht sah Bobby ihm nach.
Ein Windhauch blies durch den Wald und wirbelte für einen Moment Gerüche nach Waldboden und Erde auf.
Und auch noch einen anderen Geruch. Bobby hob wie vom Blitz getroffen den Kopf.
Es roch nach Blumen, Gras und Schweiß. Es war der Geruch der Person, die ihn geküsst hatte.
Diesmal erkannte Bobby den Geruch wieder: Er glaubte zu wissen, woher er ihn kannte.
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