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Neverwinter Nights: Kreuzwege

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Bishop Casavir Grobnar Gnomhand Neeshka Qara Schwarzer Garius
11.06.2010
03.09.2014
15
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11.06.2010 1.600
 
Die Kreuzweg Festung - endlich! Torias freute sich darauf, die staubige, verschwitzte Kleidung erst gegen ein heißes Bad und dann gegen eine weiche Bettdecke eintauschen zu können. Die Patrouille mit den neuen Rekruten hatte ihm eine vage Vorstellung davon beschert, wie sich Meister Idrah und Meister Ginadh gefühlt haben mussten, als Kesh und Shan noch Grünschäbel waren. Er seufzte. Die Erinnerung an die drei einsamen Tage mit  Kesh in der Anauroch war fast so alt wie er selbst. (*)
Aber nach dem ersten Reinigungsritual, durch das Zjaeve ihn gescheucht hatte, fühlte sie sich so jung an wie Mim, das kleinste Mitglied aus Wolfs Straßenkinderbande, das sich - kaum dass er den Innenhof betrat - wie eine Klette an seinen Umhang klammerte.

„Onkel Taaaaahvi!“
In ihrem dünnen Stimmchen schwang etwas Dringliches mit. Sie zerrte den Halbling energisch in Richtung des zweiten Tores mit sich.
„Du musst unbedingt gleich mitkommen“, drängte die Kleine. „Tante Neeshka schickt mich. Sie ist ganz traurig. Sie sagt, es geht um lebendig oder tot ... oder so. Und sie sagt, nur Du kannst dem ... dem Wolf den Po retten. Kommst Du bitte ganz ganz schnell?“

Torias ließ - alarmiert vom kindlichen Ernst, mit dem sie ihre Nachricht überbrachte - das Marschgepäck und die Waffen fallen. Aus dem Augenwinkel registrierte er erfreut, dass sich einer der jungen Männer wortlos seiner Ausrüstung annahm.
„Wohin, Mim?“, fragt er.
„Da wo der Wauwau wohnt, schnell!“

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„Torias! Tymora sei Dank, Du bist zurück!“ Neeshka kam ihm über den Flur förmlich entgegen geflogen. Ihr Gesicht war blass und ließ das braune Fleckenmuster, das Stirn und Hals der Tiefling bedeckte, noch filigraner erscheinen.
„Bitte … ich … Bish … Es war nicht meine Schuld, weißt Du ...“
Besorgt stellte Torias fest, dass Neeshka Wams über und über mit Blut befleckt war. Ihr Augen waren gerötet, so als hätte sie geweint.
„Was ist passiert? Bist Du verletzt?“
„Nein“, schluchzte das Mädchen, „nicht ich, sondern Bish! Aber Karnwyr, er lässt uns nicht hinein.“

Sie wies verzweifelt auf die Tür zum Zimmer des Waldläufers. Karnwyr hockte davor. Und in sicherer Entfernung vor dem Wolf hockte Elanee. Sie redete freundlich auf ihn ein. Aber Bish's Begleiter ließ sich anscheinend auch von der Druidin nicht beruhigen. Er hatte die Ohren angelegt und knurrte die Elfe drohend an. Kein Zweifel, dass sein Herr ihn angewiesen hatte, jedem Besucher den Zutritt zu seinem Zimmer zu verwehren.

„Nicht einmal Elanee's Magie dringt zu ihm durch!“, klagte die Tiefling.
„Habt Ihr es auch mit etwas anderem als Magie versucht?“, wollte Torias wissen.
„Ähm, etwas anderes?“ Neeshka blinzelte ihn verwirrt an. „Torias, das ist Bish's Wolf!  Eine gefährliche, wilde Bestie!“
„Wau wau!“, kicherte Mim, die Torias inzwischen eingeholt hatte und zwischen seinen Beinen hindurch aus respektvoller Entfernung den Wolf musterte.
Der Barde nickte. „Genau, Mim! Und wie lenkt man einen Wachhund ab, wenn er an ihm vorbei schleichen möchte?“
Mim bohrte sich versonnen grübelnd in der Nase. Dann hellte sich ihr schmuddeliges Gesichtchen auf.
„Mim weiß es! Mim weiß es! Soll ich, darf ich ...“, fragte sie begierig.
„Natürlich, aber lass' Dich nicht von Onkel Sal erwischen!“
„Keiner erwischt Mim, Onkel Taaaaahvi“, entgegnete die kleine Straßenräuberin stolz und zog die Nase hoch. Dann huschte sie davon.

Neeshka war dem Gespräch fassungslos gefolgt.
„Ein saftiges Stück Fleisch ...“, stöhnte sie frustriert.
Torias stemmte herausfordernd die Fäuste in die Hüfte und sah zu ihr auf. „Und Du bezeichnest Dich als den besten Dieb von Niewinter, so so!"
Der sanfte Spott in seiner Stimme verschwand sofort wieder, als der Barde sah, dass das Tiefling Mädchen erneut den Tränen nahe war.
„Was ist passiert, Neeshka?“

„Es war langweilig ohne Dich und Khelgar. Sand und Qara haben sich wie immer in der Bibliothek gestritten, Elanee war mit Casavir bei den Bauern auf den Feldern und Grobnar im Keller, um an seinem Blechmann zu basteln. Also haben wir uns amüsiert, Bish und ich.“
Torias nickte ihr aufmunternd zu.
„Der alte verfallene Turm, den Meister Veedle noch nicht wieder aufgebaut hat - wir haben gewettet … wer zuerst oben ist ... Bish wollte innen entlang über die alte Wendeltreppe, ich außen an der Wand.“
„Und?“
„Die Treppe war morsch.“
Neeshka schloss die Augen und erneut rannen ihr Tränen über die Wangen.
„Dieser sture Bock!“, schluchzte sie. „Warum musste er trotzdem weiter rennen? Er hatte es fast bis ganz nach oben geschafft, bevor das Ding unter ihm zusammenbrach und ihn mit sich riss!“

Sie schnäuzte sich verlegen in den Ärmel.
„Entschuldige“, murmelte sie und versuchte ein Lächeln, „ich habe sonst nicht so nah am Wasser gebaut, aber der griesgrämige Wolf würde mir wirklich fehlen, weißt Du?“ Dann fuhr sie fort:
„Zusammen mit zwei von Veedles Arbeitern habe ich ihn aus dem Schutthaufen gezogen. Einer der zersplitterten Balken hat ihn fast aufgespießt. Da war so viel Blut ...“ Erneut zitterte ihre Unterlippe.
„Die Männer haben ihn nach oben getragen und ich bin gerannt wie der Teufel, um Elanee zu holen. Und jetzt lässt uns dieser verdammte Bastard nicht hinein!“
Sie stampfte wütend mit dem Fuß auf.

Kurz darauf kam Mim mit fröhlichem Lachen den Flur entlang geflitzt. Im Arm hielt sie ein Päckchen, das beinahe halb so groß war wie sie selbst.
„Wauwau!“, krähte sie vergnügt, während sie an den Erwachsenen und an Karnwyr vorbei sauste. „Happi-Happi!“
Dann ließ sie den Leckerbissen, der eigentlich für das Nachtmahl des Hauptmann der Kreuzweg-Festung bestimmt war, in einiger Entfernung von Bish's Zimmertür fallen.
Torias hatte das Gefühl, den alten Wolf grinsen zu sehen, als er seinen Platz vor der Tür räumte und sich genüsslich über das Filetstück hermachte.

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Die Balken ächzten besorgniserregend und der immer stärker von den Wänden herab rieselnde Putz war ein untrüglichen Zeichen dafür, dass sich die alte Treppe aus ihren Halterungen löste. Sie würde wie eine müde, alte Schlange in sich zusammensinken, wusste er. Aber zu diesem Zeitpunkt würde er schon längst oben auf dem Mauersims in Sicherheit sein. Noch drei Windungen, zwei … da trat sein Fuß plötzlich ins Leere. Er strauchelte und ging fluchend in die Knie, riss sich beim Abstützen auf der nächsten,  wie  brüchiges Eis zersplitternde Treppenstufe die Hände auf. Und die Erschütterung bewirkte, dass sich die letzte, das schwankende Konstrukt haltende Verankerung aus der Wand löste.
„Mist!!“
Danach kam nicht mehr viel, an das er sich erinnern konnte. Himmel, Mauerwerk und Holz, sich in immer schnellerem Wechsel um ihn drehend; Steine und Staub und eine dunkelrote Woge aus Schmerz, die die Wirklichkeit davon wusch.


Jemand hatte sein Zimmer betreten, hatte sich an Karnwyr vorbei geschlichen. Elanee, die Baumanbeterin? Sie und der vorwurfsvolle Blick, mit dem sie ihn stets zu bedenken schien - beides hatte ihm gerade noch gefehlt!
„Raus“, murmelte er und klang dabei wenig überzeugend.

Bish bemühte sich, um die vom Staub verklebten Augen zu öffnen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hatten sie sich an das schummerige Dämmerlicht im Raum gewohnt. Auf dem Stuhl neben seinem Lager saß - Torias. Er hatte es sich im Schneidersitz bequem gemacht. Die Ellenbogen auf die Knie und das Kinn auf die verschränkten Hände gestützt musterte der Halbling ihn wortlos.

„Bish“, sagte er schließlich, „Du bist ein Hornochse! Wenn Du wissen wolltest, wie es sich mit einem Splitter in der Brust lebt, warum hast Du nicht einfach mich gefragt?“ Er schüttelte seufzend den Kopf.

Eine Zeitlang war nur das Knistern des Kaminfeuers zu hören. Dann gesellte sich ein seltsam kratzendes Geräusch dazu. Bish lachte, keuchend und hustend. Aber er lachte. Und der rote Fleck auf dem Leinenstreifen, den Neeshka ihm - recht und schlecht einen Verband improvisierend - um den Oberkörper gewickelt hatte, wuchs um einiges schneller an. Der Waldläufer hob die Hand, die er bis jetzt auf die Wunde gepresst hatte. Er sah finster auf das Blut, das an ihr klebte und ihm nun in den Hemdsärmel rann.

„Du bist ein Trottel,Torias“, röchelte er. „Du weißt, dass Neeshka's Heilkünste genau so weit reichen wie ihr Schwanz … und sorgst dafür, dass ich mich tot lache!“
Er hustete erneut und spuckte Blut. „Verdammt! Willst Du nicht endlich etwas unternehmen?“
„An was dachtest Du, Bish?“
„Ein Heilzauber wäre prima!“

Torias hob das Tuch an und warf einen prüfenden Blick auf die Wunde. Dann schüttelte er betrübt den Kopf.
„Bei dem Loch?! Vergiss es, Junge! Vielleicht, wenn Du nicht auf die selten dämliche Idee gekommen wärst, Dir das Stück Holz aus der Brust zu ziehen, bevor sich ein Heiler um Dich kümmern konnte!“
„Torias ...“
Aber der Barde ließ sich nicht erweichen.
„Bish, ich war zwei Tage lang mit den Soldaten auf Patrouille und habe in dieser Zeit mindestens die Hälfte von ihnen dreimal wieder zusammengeflickt! Ich bin so fertig, dass ich nicht einmal mehr weiß, ob ich Männlein oder Weiblein bin!“, erklärte er. Aber er nahm das rotgolden schimmernde Amulett ab, das er um den Hals trug und drückte es dem Waldläufer in die Hand, bevor er dessen Zimmer verließ.
„Da - nimm das, damit solltest Du noch ein Weilchen durchhalten können, bis Dir etwas gescheites einfällt.“

Bishop starrte entgeistert abwechselnd auf die sich schließende Tür und das glänzende Schmuckstück, das ihm zwar spärlich, aber doch hinreichend Kraft spendete, um am Leben zu bleiben.
„Verdammt ...“, murmelte er. „Verdammt, verdammt, verdammt!“
Dann holte er tief Luft.
„Elanee!!!!“, brüllte er so laut er konnte.

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(*) fiese Eigenwerbung für „Sand und Seide“, sorry!

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Wer von Euch Lust hat, die englische Version "Crossroads" zu lesen (ich hinke zwar ein paar Kapitel mit der Übersetzung hinterher), die manchmal im Zuge der heißen Diskussionen mit meinem Beta eine völlig andere "Färbung" bekommen haben, die gibt es sowohl auf Fanfiction.net: http://www.fanfiction.net/s/6257533/2/Crossroads
als auch bei DeviantArt: http://shoughad.deviantart.com/art/Taming-the-wolf-182519135
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