Neverwinter Nights: Kreuzwege

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
11.06.2010
03.09.2014
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Die Graumäntel lachten, und selbst Avad, der Grünschnabel, der erst vor wenigen Tagen zu ihnen gestoßen war, grinste verlegen.
„Das war ein Hochgenuss, Hauptmann. Noch eins!“, forderte Khelgar lautstark und rammte seinen halbvollen Bierkrug zum Takt des gerade verklungenen Liedes in die zerschrammte Tischplatte.
„Die sieben Jungfrauen von Eralwyn, bitte!“
„Das Waldbiest und der Waffenschmied!“
„Der wilde Ritt nach Greifenhain!“

„Ihr wollt einen wilden Ritt?! Den könnt Ihr haben! Gleich morgen früh auf dem Exerzierplatz!!!“
In der weit geöffneten Tavernentür stand Sergeant Kana, schön und schlank, wie die Klinge ihres Schwertes und unnahbar, wie der ferne Osten, aus dem sie stammte. Ihre mandelförmigen Augen schienen Funken zu sprühen.
Das fröhliche Lärmen im „Schwanz des Phönix“ verstummte abrupt. Die Soldaten, Sal, der Wirt und selbst der Hauptmann der Kreuzweg-Feste zogen die Köpfe ein.
„Kana, autsch!“, flüsterte Torias. „Damit ist der Abend wohl gelaufen.“
Er legte mit sichtlichem Bedauern seine Laute zur Seite und erhob sich, um seinen Sergeanten zu begrüßen. Die junge Frau erwiderte seinen Gruß mit einem knappen Nicken. Dann musterte sie finster die in betretenem Schweigen erstarrte Runde und schnaubte verärgert.
„Auf ein Wort, Hauptmann“, bat sie ihn kurz angebunden, „draußen - nicht hier vor den Männern!“
Dann wandte sie sich um und verließ mit wehendem Umhang die Taverne.

„Autsch“, kicherte Neeshka und prostete dem Halbling zu. „Viel Glück, Torias. Ich glaube, diesmal kannst Du es wirklich gebrauchen. Sie ist echt sauer!“
Khelgar folgte ihrem Beispiel.
„Du hast mein Mitgefühl, Kleiner“, brummte der Zwerg.
Torias zuckte lächelnd die Achseln.
„Früher oder später musste es ja so kommen“, meinte er leichthin, bevor er den Soldaten aufmunternd zuzwinkerte: „Keine Sorge, ich regele das für Euch. Aber richtet Euch morgen trotzdem auf einen harten Tag ein. Ihr kennt sie ja ...“
Dann zog er die Tür hinter sich ins Schloss und folgte Kana in die Nacht.


Sie erwartete ihn unter der nächsten Laterne.
„Hauptmann, ich kann dieses Verhalten nicht länger dulden“, platzte sie ungehalten heraus.
Torias lächelte.
„Ich freue mich auch, Euch zu sehen, Sergeant. Was ist es, das Euch auf der Seele liegt und das nicht bei einem Glas guten Weins besprochen werden könnte?“
Die kleine, durchtrainierte Frau sah ihn mit gerunzelter Stirn an.
„Genau das: ein gutes Glas Wein, zwei schäumende Humpen Bier, drei fröhliche Balladen … Wir haben Krieg, Hauptmann. Und Ihr lasst die Männer feiern!“
„Oh!“ Für einen Augenblick war es still auf dem Hof der Festung. Torias fuhr sich nachdenklich mit der Hand über das stoppelige Kinn.
„Hmmm ...“, dann nickte er. Die Schatten der sich im Nachtwind wiegenden Zweige des alten Nussbaums verbargen sein Schmunzeln. „Ihr habt recht, darüber kann man natürlich nicht bei einem Krug Wein reden. Lasst uns ein paar Schritte gehen.“
Er wandte sich in Richtung des großen Tores und lud Kana mit ausgebreitetem Arm ein, ihm zu folgen.


„Guten Abend, Hauptmann … Sergeant!“, begrüßte die Torwache die nächtlichen Spaziergänger.
„Guten Abend … Silas, richtig?“
„Aye!“
„Wie … ?“
„Alles ruhig Hauptmann, keine Vorkommnisse!“
Torias schüttelte lachend den Kopf.
„Nein, Silas. Das wollte ich gar nicht wissen. Ich wollte wissen, wie es Narami geht. Wann ist es so weit?“
Das Grinsen auf dem Gesicht des Wachpostens wuchs in die Breite.
„Es geht ihr gut. Sie ist dick und rund - und sie strahlt vor Glück. Die Kräuterfrau meint, noch ein halber Mond. Höchstens. Und wenn es ein Junge wird, nennen wir ihn ...“
„Schschscht, Soldat! Da, wo ich herkomme, erfährt zuerst das Kind seinen Namen - und erst dann der Hauptmann seines Vaters!“


Auf dem neu gepflasterten Weg in die nahen Felder, und damit außerhalb der Hörweite des Postens angelangt, schüttelte Kana erneut missbilligend den Kopf.
„Verdammt,Torias, Ihr tut es schon wieder!“
„Was tue ich?“
„Ihr verhätschelt die Männer!“
Mondlicht floss über die Ländereien und der Wind ließ Wellem auf den mit Hafer und Gerste bestellten Äcker tanzen wie auf silbrig-grün schimmernden Seen. Torias erklomm den obersten Balken des Holzzaunes von Orlens Gehöft. Er sah sich kurz um und ließ dann - in Kanas Augen seines Ranges als Herr der Kreuzweg-Feste überaus unwürdig - die Beine baumeln.
„Oh!“, sagte er noch einmal und klang dabei betrübt, wie ein Kind, das von seiner Mutter bei einer Dummheit ertappt worden ist. Dann hellte sich seine Miene auf. „Hallo Squeak!“

Über den grob behauenen Eschenstamm, auf dem er saß, kam ihm ein grauweiß gestreifter Kater entgegen balanciert. Er rieb seinen Kopf ungestüm an der Hüfte des Halblings und genoss es mit lautem Schnurren, zwischen den Ohren und im Nacken ausgiebig gekrault zu werden.
„Nein, sagt nichts!“, kam Torias Kana zuvor, „ich verhätschele auch den Kater, nicht wahr?“
Kana brummte verärgert.
„Ihr weicht mir aus!“
„Ganz im Gegenteil. Ich bin hier. Und es ist weit und breit kein Platz, wohin ich fliehen könnte. Wisst Ihr, warum dieser kleine Tiger hier Squeak heißt?“

Das Tier musterte den Sergeanten eine Weile unverwandt aus leuchtend grünen Augen, die Pupillen groß und rund wie zwei schwarze Monde. Dann fesselte etwas anderes seine Aufmerksamkeit, ein Geräusch, das nur für seine feinen Ohren bestimmt schien. Er blinzelte kurz, fast so als würde er sich für seinen überstürzten Aufbruch entschuldigen wollen, und verschwand mit einem Satz lautlos in den nächtlichen Schatten. Kurz darauf ertönte aus den Feldern ein trauriges Quieken.

„Deswegen“, erklärte der Halbling. „Er ist der beste Mauser Faerûns, glaubt mir.“
Die nächsten Worte sprach er mit einer Ernsthaftigkeit, die Kana ihm niemals zugetraut hätte. „So, wie Ihr der beste Lehrer Faerûns seid, den die Männer jemals haben werden. Bei allen Göttern, an die Ihr wunderschönen Frauen aus Shou-Lung nicht glauben wollt, - ich würde Euch gegen niemanden eintauschen wollen, nicht gegen Nevalle oder gegen einen anderen der Neun!“

So wie vorher der getigerte Kater, sah ihr der Hauptmann offen ins Gesicht. Und Kana stellte erstaunt fest, dass sie sich auf Augenhöhe befanden; nicht nur, weil der Halbling sich seinen Sitzplatz oben auf dem Zaun gewählt hatte.
Vor ihr saß nicht mehr der sorglose, grauhaarige Barde, der für die Männer zotige Lieder sang und den Frauen frech hinterher pfiff. Vor ihr saß der Hauptmann der Kreuzweg-Festung; der Mann, von dem die Soldaten munkelten, er könnte einen Dämon sowohl mit einem Schwert als auch mit einem Lied töten; der Mann, von dem Schuppensänger, der Händler, zu berichten wusste, dass er eine seiner wertvollsten Lauten verkauft hatte, um den Wiederaufbau der arg in Mitleidenschaft gezogenen Festungsmauern zu finanzieren; der Mann, vor dem Nevalle sie halb im Ernst, halb im Scherz gewarnt hatte: Ihr solltet ihn niemals unterschätzen. Meister Tahvi … Torias … ist ein alter Fuchs. Er lässt sich gern unterschätzen. Es ist seine Art, Kämpfe zu gewinnen ...

„Ihr lehrt die Männer den Umgang mit Schwert und Schild, wie es kein anderer kann. Sie sind stark und ausdauernd, zäh und gewandt. Die besten unter ihnen kämpfen inzwischen sogar besser als ich“, fuhr Torias fort. „Nein, es gibt nichts, was ich an Eurer Arbeit auszusetzen hätte. Ihr bringt den Männern bei, wie sie zu kämpfen haben.“
„Aber?“ Kana hob fragend eine Augenbraue. Es war ihr nicht entgangen, dass der Hauptmann den Satz offen gelassen hatte.
„Was glaubt Ihr, wofür sie kämpfen?“
„Was für eine Frage! Für Niewinter, für Fürst Nasher, für die Ehre!“
Der Barde schüttelte leicht den Kopf.
„Nein, Kana - das ist, wofür Ihr kämpft. Mit allem, was Euch ausmacht. Es ist Euer 'Weg'. Denkt Ihr, dass auch Leute wie Avad oder Silas ihn verstünden?“
„Natürlich nicht! Es hat mich selbst Jahre gekostet, ihn zu erkennen und weitere Jahre, ihm auch zu folgen! Die Lehre des 'Weges' ist eine Art, das Leben zu betrachten, die selbst Eure westlichen Gelehrten nur schwer begreifen. Wie sollten dann einfache Bauern ...“
Sie biss sich verlegen auf die Zunge.
„Entschuldigt, ich wollte Euch und die Männer nicht beleidigen.“

Aber Torias schien nicht gekränkt.
„Das tut Ihr nicht. Wie könnte die Wahrheit eine Beleidigung sein? Ihr habt Recht: es sind einfache Leute; Bauern, Korbflechter, Leinenweber. Und das werden sie tief in ihrem Inneren stets bleiben, auch wenn wir sie 'Soldaten' oder 'Graumäntel' nennen.“
„Sie brauchen andere Dinge, für die sie kämpfen“, setzte Kana seinen Gedankengang fort, „einfache Gründe, wie … wie ...“
Der Hauptmann schmunzelte, als er sah, wie die junge Frau grübelnd die Stirn in Falten legte.
„...einen Krug Ale am Abend eines schweren Tages; das Leben eines ungeborenen Kindes, die Ernte dieses Sommers?“, schlug er vor.
Kanas Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Ja“, flüsterte sie überrascht. „Ja, jetzt verstehe ich, was Ihr tut. Ihr erinnert sie daran, wofür sie kämpfen."
Sie verneigte sich respektvoll nach Art der Ostvölker vor ihm. "Und ich beginne zu verstehen, warum manch einer Euch 'Meister' nennt.“

Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie, dass der Hauptmann die Hände in Richtung der Festung ausgestreckt hatte und über seine Fingerspitzen hinweg versonnen das Mauerwerk musterte.
„Was tut Ihr da?“, fragte sie verblüfft.
„Es war ein langer warmer Sommertag, und obwohl die Sonne längst gesunken ist, wärmen die Mauern das Land noch immer. Spürt Ihr es auch?“
Torias wies einladend auf den leeren Platz neben sich.

Kana seufzte resigniert. Sie sah sich um, sich vergewissernd, dass niemand sie beobachten würde. Dann schwang sie sich zu ihm auf den Zaun und streckte seinem Beispiel folgend die Handflächen in Richtung der gewaltigen Mauern aus. Der Hauptmann hatte recht. Das Ki, das ihr von dort entgegen strömte, atmete Sommer, Sonne und Licht.
„Und wofür kämpft Ihr, Torias?“, fragte sie nach einer Weile.
Der Halbling schloss lächelnd die Augen.
„Für Momente wie diesen“, erwiderte er leise.

Die junge Frau nickte. Dann fielen ihr erneut Nevalles Worte ein: Meister Tahvi ist ein alter Fuchs. Er lässt sich gern unterschätzen. Es ist seine Art, Kämpfe zu gewinnen. Und Herzen.
Nein, so leicht würde sie sich nicht geschlagen zu geben! Mit verärgertem Brummen glitt sie vom Zaun und stapfte in Richtung des Haupttores davon.
„Morgen bei Sonnenaufgang will ich die Männer auf dem Übungsplatz sehen!“, knurrte sie. „Die Männer und auch Euch, Meister Tahvi!“

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Wer von Euch Lust hat, die englische Version "Crossroads" zu lesen (ich hinke zwar ein paar Kapitel mit der Übersetzung hinterher), die manchmal im Zuge der heißen Diskussionen mit meinem Beta eine völlig andere "Färbung" bekommen haben, die gibt es sowohl auf Fanfiction.net: http://www.fanfiction.net/s/6257533/1/Crossroads
als auch bei DeviantArt: http://shoughad.deviantart.com/gallery/9429724#/d2wg6ox
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