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Zwei Leben - Zwei Welten

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Atemu Bakura - König der Grabräuber
06.06.2010
05.08.2022
11
35.867
1
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05.08.2022 3.782
 
Hallo,

Ohje...es sind schon wieder 2,5 Jahre vergangen...Schande auf mein Haupt. Dieses Mal lag es an keiner generellen Schreibblockade (vielleicht haben einige von euch gesehen, dass ich in der Zwischenzeit noch eine andere Geschichte veröffentlicht und abgeschlossen habe), sondern einfach daran, dass ich hier nicht weitergekommen bin.

Ich hatte mehrere Ansätze, aber es fügte sich einfach nicht zusammen. Ich habe diese Geschichte in Meilensteinen ja schon seit dem Anfang im Kopf, aber die Brücke, wie ich vom letzten Kapitel (ein Meilenstein) zu meinem nächsten komme, wollte einfach nicht aufs Papier. Dann habe ich allerdings auf AO3 QueenOfPlotTwists entdeckt und ihre wundervollen Dark- und Casteshipping Stories, die mein Feuer von das Shipping wieder voll entfacht haben!! *.* Wer gerne auf englisch liest, dem kann ich die Geschichten nur empfehlen!

Jedenfalls haben sie mich inspiriert, endlich weiterzuschreiben und ich hab die Blockade fürs erste auch endlich überwunden. Herausgekommen ist dieses Kapitel, das vollkommen anders geworden ist, als ich es ursprünlich erwartet hätte. Manches daran mag ich. Mnaches hätte ich vielleicht auch noch etwas anders gestalten können. Aber ich möchte nicht noch länger mit dem Upload warten.

Ich hoffe, es gibt noch Leser hier, die das hier interessiert. Ich würde mich jedenfalls sehr über Rückmeldungen freuen, gerade, weil dieses Kapitel so schwierig für mich war.

LG
Moe




Atemus Engagement während des Vorfalls mit dem Grabräuber Akim hatte seinem Vater bewiesen, dass er kein kleiner Junge mehr war, sondern langsam das Mannesalter erreicht hatte und somit auch mehr Verantwortung übernehmen konnte. Nun wurden ihm immer wieder Aufgaben zugeteilt und er durfte nach und nach auch an einigen Audienzen mit den Beratern teilnehmen, auch wenn er zunächst nur zuhören durfte.

Dies hatte natürlich zur Folge, dass er weniger Zeit und Möglichkeiten hatte, sich aus dem Palast zu schleichen und Bakura zu sehen. Doch auch Bakura hatte nun eine viel größere Verantwortung - wenn auch Atemu nicht gern daran dachte. Sich in Erinnerung zu rufen, dass Bakura nun eine Diebesbande anführte, war für ihn jedes Mal schmerzhaft. Es zeigte sich dadurch nur umso deutlicher, dass sie mittlerweile nicht mehr nur sehr gegensätzliche Leben führten, sondern dass sie - sollten sich ihre Leben jemals öffentlich kreuzen - auf gegensätzlichen Seiten stehen würden. Und dieses Szenario wollte er sich nicht einmal vorstellen…!

Wie immer, wenn er an Bakura dachte, ging seine Hand automatisch nach oben und begann wie von selbst mit einem der Ohrringe zu spielen, der er ihm geschenkt hatte. Atemu selbst nahm diese Angewohnheit kaum noch wahr, aber es beruhigte ihn, versicherte ihm, dass Bakura ihn wirklich liebte und alles gut werden würde…

Er wurde aus seinen Grübeleien zurück in die Realität geholt, als ein Diener eintrat und sich vor ihm niederkniete.

“Eure Hoheit, der Göttliche Pharao wünscht Eure Anwesenheit bei einer außerordentlichen Sitzung der städtischen Rates”, erklärte er ohne den Kopf zu heben.

Atemu war überrascht, denn eigentlich war er bei diesen Zusammenkünften noch nicht dabei, sondern las nur die Abschriften wichtiger Entscheidungen. Es musste etwas vorgefallen sein und sein Vater wollte, dass er nun dabei war. Ein weiter Schritt zur Vorbereitung auf den Thron…! Atemu konnte förmlich fühlen, wie sich ein weiteres Gewicht auf seine Schultern legte. Ob er je dafür bereit sein würde…?

Dennoch zögerte er nicht. “Natürlich. Ich gehe sofort”
Atemu machte eine kurze Handbewegung, damit der Diener wusste, dass er entlassen war und machte sofort auf den Weg zu den Gemächern seines Vaters, in welchen sich auf der Sitzungssaal befand.

“Ah, da bist du ja, mein Sohn”, begrüßte ihn der Pharao als Atemu eintrat und deutete auf einen Stuhl neben sich. Die städtischen Beraten sowie der Anführer der Stadtwache und auch der ‘Herr der Spitzel’, wie dieser besondere Berater genannt wurde und welcher nach dem kürzlichen Tod seines Onkels Akunadin das Milleniumsauge erhalten hatte, war ebenfalls anwesend. Alle verneigten sich huldvoll vor Atemu mit einem gemurmelten “Hoheit…”

Er nickte den Männern zu und setzte sich auf den ihm zugewiesenen Platz. Es musste also um eine Angelegenheit der Sicherheit der Stadt gehen, schloss Atemu und kräuselte leicht die Stirn, während ein Sklave ihm etwas zu trinken eingoss.

“Horemheb”, sprach der Pharao nun den Herrn der Spitzel an. “Erzählt noch einmal, welche Neuigkeiten Euch zu Ohren gekommen sind”
Der angesprochene, unscheinbare Mann mittleren Alters neigte den Kopf und erhob sich dann. “Nun, in der ganzen Stadt gibt es seit dem gestrigen Abend kein anderes Gesprächsthema als das eine. Denn gestern Nacht ist der Bandenanführer Gahiji verstorben. Der Gahiji, der sich in frevelhafter Weise ‘König der Diebe’ schimpfte und es wagte, sich so auf eine Stufe mit Euch, oh Göttlicher Pharao, zu stellen…”

Atemu zeigte nach außen hin keine Regung, zuckte aber innerlich zusammen. Dies waren sicherlich auch für Bakura wichtige Neuigkeiten und er war sich sicher, dass dieser längst davon wusste.
“Was meint Ihr mit verstorben…?”, hakte ein anderer Berater nach. “Wurde er ermordet? Gibt es vielleicht sogar eine Fehde unter den Räuberbanden?”

“Nein, wenn ich meinen Quellen glauben kann - und sie irren fast nie - ist er, so unwahrscheinlich es auch anmuten mag, eines natürlichen Todes gestorben. Dennoch ist Eure Einschätzung nicht ganz falsch. Denn er hat ein Machtvakuum unter den Verbrechern hinterlassen. Fast alle seine Vorgänger wurden von einem Rivalen getötet, der dann wiederum seinen Platz einnahm. Deshalb wird gemunkelt, dass es eine Reihe an Duellen geben wird, um einen neuen Anführer zu küren”, erklärte Horemheb.

“Und wann sollen diese Duelle stattfinden?”, fragte Atemu mit weiterhin gerunzelter Stirn.
“Schon in vier Tagen, Hoheit”, antwortete Horemheb. “Die Banden haben sich bewusst das Min-Fest* ausgesucht, da sie wissen, dass die Stadt- und Palastwache an diesem Tag verstärkt für Sicherheit rund um die Tempel sorgen und sie dadurch ungestört sind”

Verdammt, dachte Atemu und sein Magen zog sich zusammen. Mit den anstehenden Feierlichkeiten, würde er keine Zeit haben, sich aus dem Palast zu schleichen, um mit Bakura über diese Sache zu reden. Atemu presste kurz die Kiefer aufeinander, ließ sich aber sonst nicht anmerken, dass ihn diese Nachricht mehr beunruhigte, als es sollte.

“Nun, ich denke, es ist ausreichend, wenn du uns weiterhin Bericht erstattest. Das Fest ist um einiges wichtiger, als ein Ränkespiel zwischen Diebesbanden. Trotzdem ist es gut, deren Treiben weiterhin genau zu beobachten.”, erklärte der Pharao und sah zu Atemu. “Wie ist deine Einschätzung, mein Sohn?”

Langsam nickte Atemu. “Ich gebe Euch Recht. Es besteht kein akuter Handlungsbedarf, doch es kann jetzt zu einer Änderung der Machtverhältnisse in den Reihen der Diebe und Gesetzlosen kommen, die im schlimmsten Fall zu größeren Gewaltausbrüchen führen kann. Das sollten wir im Auge behalten, um die Stadtbevölkerung notfalls schützen zu können”
“Gut.” Der Pharao wandte sich an den Herrn der Spitzel. “Ihr wisst, was Ihr zu tun habt”
“Ja, Majestät. Habt Dank für Euren weisen Rat. Mögen die Götter Euch ewig schützen”

Atemu blieb auch für die restliche Sitzung des Stadtrates anwesend und versuchte sich auf die besprochenen Themen zu konzentrieren. Dennoch rasten seine Gedanken und er konnte sein ungutes Bauchgefühl einfach nicht abschütteln. Dafür kannte er Bakura einfach zu gut…


***


Die folgenden Tage war Atemu jedoch so mit den Vorbereitungen für die Feierlichkeiten und ständigen Treffen und Begrüßungen hoher Amts- und Würdenträger aus dem dem ganzen Reich beschäftigt, dass seine Unruhe bezüglich der Duelle zum neuen “König der Diebe” in den Hintergrund rückte.

Am Morgen des Min-Festes wurde Atemu schon vor dem Morgengrauen von Dienern geweckt und zeremoniell gereinigt und in die feierlichen Gewänder gehüllt. Dann wurde er, begleitet von der Leibwache zum Palasteingang gebracht, wo die restlichen Mitglieder der Familie und die eingeladenen Gäste zusammen mit der Schar an Priestern bereits warteten. Kurz darauf erschien sein Vater und alle verneigten sich ehrfurchtsvoll.

“Der König möge wegen der Schönheit seines Vaters an seinem schönen Fest der Treppe zu ihm getragen werden, um seinem Ka zu opfern”, sprach der Pharao nun die rituellen Worte, eher er in seine Sänfte stieg.
Atemu, als sein Nachfolger, tat es ihm daraufhin gleich und bestieg ebenfalls die Sänfte. Dann setzte sich der Prozessionszug in Bewegung: Die Leibwache vorne weg, gefolgt von den beiden Sänften, dahinter die Nebenfrauen und weitere Familienangehörige sowie die geladenen Beamten und Würdenträger. Den Abschluss bildeten die Priester, die zwei Anubis-Schakale als „Öffner der Wege“ und die Statuen der königlichen Ahnen trugen. Sie alle würden der Erneuerung der Königswürde beiwohnen.

Da es sich um eine kleine, nicht öffentliche Zeremonie handelte, gab es keinen großen Prozessionsweg durch die Stadt, sondern sie gingen auf direktem Wege zum Tempel des Amun-Min, den Gott der Neubildung sowie des Wachstums des Pflanzenreiches.
Am Tempel angekommen, wurden sie bereits von weiteren Priestern erwartet und in Empfang genommen. Sein Vater stieg aus der Sänfte und schritt zu den heiligen Götterschreinen. Atemu und alle anderen folgten ihm in strikter Hierarchie. Unmittelbar vor diesen Räumen, dem „Allerheiligsten“, stand die auf einem Tragegestell befestigte Statue des Min. Während der Pharao nun mit dem Hohepriester und der Statue zum Götterschrein ging, ging Atemu zusammen mit den anderen in den Sonnenhof, der mittlerweile von der Morgensonne durchflutet wurde.

Zusammen mit den anderen wurde er nun Zeuge, wie die Trank- und Brandopfer frisch zubereitet wurden. Immer wieder musste er als Kronprinz die rituellen Worte sprechen, während der Priester neben ihm unablässig Weihrauch schwenkte, sodass ihm beinah schwindelig wurde, denn sie alle mussten während der gesamten Zeremonie nüchtern sein.
Schließlich kamen sein Vater und der Hohepriester mitsamt der hölzernen Götterstatue in den Hof, wo diese zeremoniell gereinigt und geweiht wurde. Als schließlich der heilige weiße Stier in den Sonnenhof gebracht wurde, wusste Atemu, dass sich das Ritual langsam dem Ende neigte. Sein Vater persönlich ging zum Stier, legte ihm eine Hand auf Stirn, sprach die rituellen Worte und nahm dann ein Bündel Kornähren, welches er mit einem geweihten Messer abschnitt. Dann hielt er diese dem Stier hin, welcher auch sofort zu fressen begann. Das Wohlwollen des Gottes Min für die bevorstehende Ernte und die Erneuerung der Königsherrschaft war also gesichert, dachte Atemu erleichtert.

Sofort ließen die Priester Vögel in alle vier Himmelsrichtungen frei, dass diese die frohe Kunde und den Segen des Gottes im ganzen Land verteilen konnten. Danach wurde der Stier geopfert, ehe sich die Prozession, gemeinsam mit dem aufgebahrten toten Tier, auf den Rückweg machte.
Im Palast angekommen, wurden sie alle mit vielen kleinen Speisen und Getränken empfangen um die Zeit bis zum großen Bankett zu überbrücken. Atemu ließ sich Wein einschenken und entdeckte dann Seth, der auf ihn zukam.

“Du hast dich heute gut gemacht, Cousin”, lobte Seth ihn. Atemu, den so ein seltenes Lob von seinem Cousin immer freute, reagierte dennoch mit einem schiefen Lächeln.

“Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie du das tagtäglich aushältst. All der Weihrauch und das auch noch auf nüchternem Magen. Zwischendurch dachte ich wirklich, dass ich nie wieder einen klaren Gedanken werde fassen können”

Seth schmunzelte. “Alles eine Sache der Übung. Außerdem, was wäre sonst das Ritual und das Opfer an die Götter wert, wenn es uns Sterbliche nicht etwas abverlangt?” Er sah Atemu an. “Wenn du Pharao bist und direkt mit den Göttern verbunden bist, kannst du aber dennoch versuchen, sie für alternative Formen der Besänftigung zu begeistern”

“Haha, sehr witzig, Seth.” Atemu wollte noch etwas sagen, als sein Vater zusammen mit einem jungen, groß gewachsenen auf ihn zukam. Seth verneigte sich und auch Atemu kreuzte einen Arm vor seiner Brust, legte die Faust auf sein Herz und neigte den Kopf als Geste des Respekts vor dem Pharao.

“Atemu, ich möchte dir Mahado vorstellen. Wie du weißt, ist er einer der Hofmagier. Er hat sich in den letzten zwei Jahren sehr verdient gemacht und jetzt, nachdem Shimon vor einigen Tagen verstorben ist - Anubis und Osiris mögen seiner Seele gnädig sein - habe ich beschlossen, ihm den Milleniumsschlüssel anzuvertrauen und ihn somit in den Reichsrat aufzunehmen.”

Er sah es nur ganz subtil aus den Augenwinkeln, aber Atemu bemerkte dennoch, wie sich Seth neben ihm kurz versteifte und seine Miene versteinerte. Offenbar hatte er diese Neuigkeiten auch noch nicht gewusst und Atemu wusste, dass Seth sich Hoffnungen gemacht hatte, selbst zum neuen Träger des Milleniumsgegenstands ernannt zu werden. Verdient hätte er es jedenfalls, dachte Atemu und nahm sich vor, demnächst einmal mit seinem Vater zu sprechen. Seth hatte in den letzten Jahren so viel für ihn getan, stand ihm immer loyal zur Seite. Das sollte nicht erst entlohnt werden, wenn er irgendwann in vielen Jahren selbst Pharao werden würde.

Mahado war indes auf ein Knie herabgesunken. “Tjet*, wie auch dem ehrwürdigen und göttlichen Pharao, so schwöre ich auch Euch die Treue. Es wird mir eine Ehre sein, erst Eurem göttlichen Vater und eventuell auch später Euch als Magier und Träger des Millieniumsschlüssels zu dienen”

“Ich nehme Euren Treueschwur an. Mein Vater hat mit Übergabe des Schlüssels großes Vertrauen in Euch gelegt. Ich bin mir sicher, Ihr werdet Euch des Vertrauens und der Verantwortung als würdig erweisen.”, erwiderte Atemu und machte eine kleine Handbewegung, dass Mahado sich wieder erheben konnte. Damit war die formelle Vorstellung beendet und sie gingen in eine etwas weniger formelle Unterhaltung über, der sich sogar Seth anschloss, auch wenn er sehr einsilbig blieb.

Einige Zeit später wurde schließlich das Festmahl serviert und wenig später zogen sich die Frauen in ihre separaten Gemächer zurück, was seit jeher das offizielle Zeichen war, dass nun der inoffizielle und ‘vergnügliche’ Teil des Abends begann.
Fackeln und Kerzen wurden entzündet, es wurde noch ausgiebiger Wein und Met nachgeschenkt und die Musiker begannen rhythmische Klänge anzuspielen. Wenige Augenblicke später kamen mehrere Tänzerinnen herein, welche in kostbare, jedoch auch sehr offenherzige Gewänder gehüllt, und begannen sich gekonnt zur Musik zu bewegen.

Während viele der Männer zu jubeln begannen und den Damen zuprotesten, erkannte Atemu unter den Tänzerinnen tatsächlich Amneris. Sie hatten sich schon eine Weile nicht mehr gesehen und unwillkürlich lächelte er. Als ihr Blick zufällig seinen traf, wurde auch ihr professionelles Lächeln kurz eine Spur breiter und sie neigte leicht den Kopf, als Zeichen des Erkennens und der Ehrerbietung.
Dennoch zögerte Atemu sie zu sich zu winken. Es war eine Sache, Amneris im Freudenhaus aufzusuchen und sich im geschützten Raum fallen zu lassen. Doch hier, bei einem öffentlichen Bankett, das war eine ganz andere Sache. Hier würden alle Augen auf ihn gerichtet sein und er würde sich eben nicht nur einfach mit ihr unterhalten können, sondern musste, wenn dann, körperlicher werden. Sofort hatte er Bakuras Gesicht vor Augen. Nein, das konnte er nicht. Nicht, solange er nicht wirklich musste.

Zufällig sah Atemu, wie Seth gerade den Festsaal in Richtung des Innenhofs verließ und entschied sich, sich ihm anzuschließen. Er stand auf und schloss zu Seth auf.
“Cousin! Gehst du etwas an die frische Luft? Warte, ich begleite dich”

Leicht überrascht, sah Seth ihn an, wartete aber auf ihn. “Hast du etwa schon genug von der Feier? Dabei hat der ‘wirkliche’ Teil doch gerade erst begonnen…”, meinte er sarkastisch und lehnte sich mit seinem Kelch Wein gegen eine Säule, während er das bunte Treiben im Saal beobachtete. Atemu lehnte sich daneben und folgte seinem Blick.

“Du weißt doch genau, dass ich an sowas eher wenig Interesse habe und warum…”, entgegnete er trotz seiner Worte gelassen. “Mal abgesehen davon ist ein solcher Anlass auch immer ein Ränkespiel. Sie wollen mit mir trinken, um sich die Gunst des Thronfolgers zu erschleichen oder um etwas herauszufinden, mit dem sie sich die Gunst erpressen können…Bei so einem es einem Korb voller Schlangen, ist es töricht keine Vorsicht walten zu lassen…”

“Ah ich verstehe.” Seth nickt leicht. “Ich habe gehört, der Trick darin, die Schlangen im Glauben zu lassen, man betrinkt mit ihnen die Freundschaft und sie dann mit dem eigenen Gift auszuschalten…”

“Manchmal möchte ich wirklich daran zweifeln, dass du ein gottesfürchtiger Priester bist, Cousin…”, neckte Atemu Seth. “Apropos Priester, ich wollte mit dir-”
Mitten im Satz brach Atemu ab, denn sein Blick war zufällig auf das Treiben am anderen Ende des Festsaales gefallen. Der Sohn des Vorstehers von Memphis konnte zwar ob des Alkohol kaum noch gerade stehen, dennoch schien er fest entschlossen, sich eine der Tänzerinnen für die Nacht zu sichern. Er hielt sie fest und schien auf sie einzureden, jedoch dabei zunehmend verärgert zu sein. Schließlich begann der Trunkenbold an ihrer Kleidung zu zerren, während die junge Frau versuchte, sich ihm zu entwinden.

Das ging für Atemu zu weit. Selbst wenn die Tänzerin käuflich war, hatte der Mann kein Recht, sich ihr aufzuzwingen. Ohne ein weiteres Wort ließ er Seth stehen und stürmte wieder in den Saal, direkt auf die beiden zu. Erst auf dem Weg erkannte er, dass die Tänzerin Amneris war, was Atemu noch wütender werden ließ. In seiner Anwesenheit würde sich niemand gegen ihren Willen an ihr vergehen!

Dass ihm viele Blicke folgten, als er so entschieden durch den Raum rauschte, bekam Atemu nicht mit. Schon hatte er Amneris und den Sohn des Vorstehers erreicht.
“Lasst sie sofort los!”, befahl er ungehaltener als er es eigentlich hatte zeigen wollen und baute sich vor dem anderen Mann auf. Zwar war Atemu nicht sonderlich hoch gewachsen, wenn überhaupt durchschnittlich, aber er wusste, dass er eine ähnliche Präsenz ausstrahlen konnte, wie sein Vater, wenn er wollte.

Überrascht hielt der Mann inne und versuchte seinen trunkenen Blick auf Atemu zu fokussieren. “Hoheit…Sie ist aber doch ne Hure..dafür ist sie doch da”, nuschelte er ehrlich verwirrt.

“Nur weil sie käuflich ist, bedeutet das nicht, dass Ihr sie einfach gegen ihren Willen nehmen könnt! Jedenfalls nicht in meiner Anwesenheit”  Falls dieser trunkene Lustmolch überhaupt in der Lage gewesen wäre…, dachte Atemu abfällig, behielt dies aber für sich. Er wollte die Lage nicht weiter eskalieren indem er die Manneskraft dieses Ekels in Frage zog.

“Und jetzt lasst sie los. Das ist ein Befehl!”, wiederholte Atemu mit Nachdruck und sah den Mann unnachgiebig an. Ihm war sehr wohl bewusst, dass mittlerweile der ganze Saal sie beobachtete. Dieser zögerte kurz, ließ dann aber Amneris los, die sofort an Atemus Seite zurückwich. Atemu sah sie daraufhin sanft an. “Geht es dir gut, Amneris?”

Sie nickte leicht. “Ja, ich denke schon…Danke, Hoheit…”, murmelte sie, hatte aber dennoch die Arme schützend um sich geschlungen. Sofort nahm Atemu seinen Umhang ab und legte ihn behutsam um Amneris Schultern.

“Oho…daher weht also der Wind…Hättet doch gleich sagen können, dass ihr die Kleine für Euch wollt…Ich hätte sie natürlich an Euch abgetreten, Hoheit”, höhnte der Mann dann, was manche der umstehenden Männer zum lachen brachte.

“Hütet Eure Zunge”, zischte Atemu nun und konnte nur mit Mühe die Ruhe bewahren. “Selbst wenn ich sie nicht gekannt hätte, wäre ich eingeschritten. So ein Verhalten dulde ich nicht am Hof” Er sah wieder Amneris an. “Komm, ich bringe dich in meine Gemächer”

Dann wandte er sich ein letztes Mal an den Trunkenbold. “Und wenn Ihr wisst, was gut für Euch ist, solltet Ihr Euch besser ebenfalls in Eure Gemächer zurückziehen und Euren Rausch ausschlafen”

Dann führte Atemu Amneris hinaus die Blicke der anderen Gäste gekonnt ignorierend. In seinen Gemächern angekommen, schloss er die Tür hinter ihnen beiden.

“Hoheit, das hättet Ihr nicht für mich tun müssen…man wird sich jetzt sicher die Mäuler über Euch und Eure Beziehung zu mir zerreißen…”, meinte Amneris unsicher.

“Was für ein Mensch wäre ich, wenn ich es nicht getan hätte?”, entgegnete Atemu sofort und legte sanft die Hände auf ihre Schultern. “Ich meinte meine Worte vorhin ehrlich. Selbst wenn ich dich nicht gekannt hätte, hätte ich eingegriffen. Aber ich kenne dich und selbst, wenn wir uns in letzter Zeit nicht oft gesehen haben, kennst du mich besser, als irgendeiner von denen dort… Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich zugelassen hätte, dass er dir wehtut”

Sie lächelte gerührt, ein ehrliches Lächeln, was Atemu aufgrund ihrer professionellen Fassade sehr selten zu Gesicht bekam. “Vielen Dank, Hoheit…” Dann senkte sie den Blick. “Ich möchte Eure Gastfreundschaft trotzdem nicht überstrapazieren. Dürfte ich…mich vielleicht noch kurz waschen, bevor ich gehe?”

“Aber natürlich. Ich lasse dir gleich warmes Wasser, Tücher und ein frisches Gewand geben. Aber du wirst nicht gehen, nicht mehr heute Abend.”, erwiderte Atemu bestimmt.
“Aber…”
“Nichts aber. Ich sehe dir an, dass dich der Vorfall mitgenommen hat und ich möchte dich heute Nacht sicher wissen. Außerdem denken doch eh alle, dass wir heute Nacht das Bett teilen.” Atemu zuckte mit den Schultern. Jetzt war das alles eh egal. Die Gerüchteküche würde eh brodeln.

“Seid Ihr sicher?”
“Amneris, muss ich es dir erst befehlen, hier zu bleiben…?”, fragte Atemu nun halb im Scherz, was sie zum schmunzeln brachte und sie schüttelte den Kopf.
“Gut. Dann wäre das ja geklärt” Atemu lächelte und ließ dann einen Diener rufen, der sogleich alles für Amneris im Badezimmer nebenan bereit legte.

Während Amneris sich dort wusch und umkleidete, zog Atemu sich bis auf seinen Lendenschurz aus und legte sich in sein Bett. Der Abend hatte eine wirklich überraschende Wendung genommen, dachte er. Aber letztendlich freute er sich über Amneris Gesellschaft. Er hatte sie und ihre Gespräche tatsächlich in letzter Zeit vermisst.

Schließlich kam Amneris wieder und stieg zu ihm ins Bett. Plötzlich fing sie leise an zu lachen.
“Was ist denn so komisch?”, fragte Atemu leicht verwirrt.
“Ich hätte mir einfach nie träumen lassen, mal im Bett des Kronprinzen zu landen…und dabei zu wissen, dass dies eine der keuscheste Nächte meines Lebens wird…”
Das brachte auch Atemu zum lachen. “Wenn man es so betrachtet… Tut mir leid, dass ich dir nicht mehr bieten kann… aber, wenn ich ehrlich bin, hat es in diesem Bett tatsächlich noch nie nicht-keusche Aktivitäten gegeben…”

Überrascht sah sie ihn an. “Aber, was ist mit Bakura…? Ist er nicht mehr Euer Liebhaber…?”
Atemu errötete leicht. “Doch, doch…aber wir treffen uns nie hier…du weißt ja, was er ist…wenn er hier im Palast erwischt würde, wäre das sein Todesurteil…außerdem…weiß er immer noch nicht, wer ich bin…”, rutschte es ihm unwillkürlich heraus.

“Ihr habt ihm nach all dieser Zeit immer noch nicht die Wahrheit gesagt…?”

“Es gab einfach keinen richtigen Zeitpunkt…Aber darüber möchte ich jetzt auch gar nicht reden. Es ist spät und du bist sicherlich auch erschöpft. Lass uns schlafen” Atemu drehte sich abrupt um und pustete die Kerze auf dem Tisch neben seinem Bett aus.

“Bitte verzeiht, ich wollte Euch nicht zu nahe treten…”, flüsterte Amneris in die Dunkelheit. “Aber ich hoffe, Ihr wisst, dass ich immer ein offenes Ohr für Euch habe, wenn Ihr es wünscht…”

Atemu legte sich auf den Rücken und zog die Decke etwas höher. Amneris Worte berührten und beruhigten ihn, auch er spürte, dass sie davor etwas verborgenes aufgewühlt hatte. “Ja, das weiß ich…”
“Gute Nacht, Hoheit”
“Gute Nacht, Amneris… Und Danke…”

Wenig später hörte Atemu, wie Amneris Atem tief und gleichmäßig ging und es half ihm selbst irgendwann in den Schlaf zu finden.


*Tjet ist ein Ehrentitel, der dem Königssohn vorbehalten ist, siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Alt%C3%A4gyptische_Beamten-_und_Funktionstitel
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