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Jerusalems Rache

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Gen
04.06.2010
04.06.2010
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882
 
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04.06.2010 882
 
Die Wut die in mir aufschäumte, als ich in den Innenhof des Schlosses ritt, war nicht zu beschreiben.
Mir war heiß, ich konnte mich kaum mehr auf dem Pferd halten und mein Atem ging flach und langsam.
Sandkörner wehten mir in die Augen und mein eh schon beeinträchtigtes Sehen, wurde noch weiter geschwächt.
Der Himmel war wolkenlos und die Sonne brannte erbarmungslos auf mich hinunter. Doch ich nahm sie glücklicherweise weniger stark war,
als die restlichen Männer die mich umgaben.

Meine Ritter bildeten ein Spalier und ich ritt langsam durch den Torbogen. Ich hörte einen lauten und eindeutigen Ausruf:
„ Ich bin Reinald de Chaitillon!“

Was nahm sich dieser Hund heraus, seinen Namen so laut herauszuposaunen?!
Er hatte ihn schon befleckt, doch durch diese Tat war seine Schande unbeschreiblich geworden.
Wie konnte er noch so arrogant und herrisch sein, im Angesicht des nahenden Unheils? Ich wusste es nicht.  
Aber ich wusste, dass es ihn zu strafen galt. Er hatte mein Land, mein Volk, meine Männer und meine Familie in  Gefahr gebracht.
Er hatte Jerusalem in Gefahr gebracht. Und dafür würde er nun bestraft werden.

Es war nur Salah ah-Dins Großmut zu verdanken, dass er überlebte, dass wir überlebten.
Allein in Damaskus hatte Salah ah-Din ein Heer, mit dem er Jerusalem niederschmettern könnte.
Doch er tat es nicht. War das Solidarität gegenüber seinem Feind? Wollte er mich in meinen letzten Tagen schonen?
Diese Frage war  müßig, denn seine Gedanken waren genauso undurchdringlich wie seine schwarzen Augen.

Da stand er nun, Reinald de Chaitillon, dieser Teufel! Ich wünschte mir ich hätte zu gelassen, dass Salah ah-Din ihn zermalmt.
Doch ich wusste, dass er auch mein Volk und Land nicht verschont hätte. Und so würde ich Reinald nun selbst bestrafen.
Als ich einritt verneigte er sich vor mir.

Dies war eine Geste der Ehrfurcht, der Loyalität. Doch Reinald war mir gegenüber niemals ehrfürchtig, niemals Loyal gewesen.
 Immer hatte er darauf geharrt, dass die Krankheit mich bezwingen möge. Ich wusste wie er mich hinter meinem Rücken bezeichnete.
Als schwach, als krank, als Gefahr für Jerusalem. Doch nun würde ich ihm zeigen, dass ich nicht nur der schwache Leprose war,
den er in mir sah. Nein, ich war König, König von Jerusalem, und nun würde ich diesen Mörder in die Knie zwingen.

Wie viele Muslime er getötet hatte wusste niemand. Doch ich wusste, dass es viele waren, zu viele. Er hatte unschuldige Karawanen
befallen und sich an ihnen bereichert.

Mein Pferd ging in die Knie, um mir das absteigen zu erleichtern. Mein Bein, das beweglicher war schwang ich über den Rücken des Tiers
und setzte es am Boden auf. Würden Blicke töten können so hätte ich Reinald längst damit getötet.  Er war noch immer in einer tiefen Verbeugung. Wutentbrannt schritt ich auf ihn zu und zog meine Reitgerte aus dem Gürtel.

Ich sah meine Schwester weiter hinten stehen. Erleichtert lächelte sie. Ich wusste, dass sie nicht nur wegen mir so lächelte.
Sie hatte ein Auge auf Balian von Ibelin geworfen. Und ich war froh darum. Guy de Lusignan war ein schlechter Ehemann und
ich hatte mir schon Gedanken darüber gemacht wie ich meine Schwester von ihm erlösen konnte.

Doch nun musste ich mich zuerst um den Herrn von Kerak kümmern. Ich blieb wenige Schritte vor ihm stehen und er erhob sich.
„Auf die Knie!“  
fuhr ich ihn an und deutete mit der Gerte auf den Boden und prompt ging er zu Boden.
"Tiefer!“  befahl ich erneut. Reinald sank tiefer auf die Knie.
Ich baute mich so gut es ging vor ihm auf und meine gesamte Wut entlud sich auf ihn.
„ICH bin Jerusalem“,
fauchte ich und sah den abfälligen Blick Guys der neben mir stand, als ich das sagte, „  und ihr, Reinald, werdet mir nun den Friedenskuss geben!“ gebot ich ihm mit höhnischem Lächeln, dass jedoch unter meiner Maske verborgen blieb.
Ich zog den Handschuh meiner linken Hand aus und offenbarte das Grauen meiner Krankheit. Die gesamte Hand war von Flecken,
Geschwüren und Rissen übersäht. An allen Fingern war das oberste Glied abgefault und ein entsetzlicher Gestank nach faulem Fleisch
ging von der Hand aus.
Ich sah jeden in meiner Umgebung zusammenzucken. Außer meinem Onkel Raimund. Er kannte die Male meiner Krankheit und blieb standhaft.
Auch meine Schwester weitete entsetzt die Augen. Ich erkannte was sie dachte und fühlte. Immer hatte ich ihr diesen Anblick ersparen wollen.
Ich wollte sie nicht erschrecken, oder sie verletzten aber nun war es schon geschehen.
Ich streckte Reinald meine lepröse Hand hin. Einen Moment lang sah ich Schrecken und Ekel in seinen Augen. Er zögerte.
Doch dann bedeckte er die Hand mit Küssen. Ich schwang die Gerte mit der Rechten Hand und ließ sie ein paar Mal mit voller Wucht auf Reinald niedersausen. Er zuckte vor Schmerz. Aber in diesem Moment kannte ich kein Mitleid.
Ich wandte mich schließlich um. Doch mein Bein gab nach, ich stürzte. Als ich so lag sah ich nur das entsetze Gesicht meiner Schwester.
Sie ekelte sich vor mir. Ich konnte nie mehr einfach ihr Bruder sein, ohne das Bild meiner zerfressenen Hand in ihr Gedächtniss zu rufen.
Das brach mir das Herz. Raimund lief heran und half mir auf. Zwei Wachen geleiteten mich zu meiner Sänfte.
Ich ließ mich nieder und schloss die Augen. Jerusalem war gerächt. Doch zu welchem Preis?
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