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Das Glückskind II - Lektionen

von Saakje
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
OC (Own Character)
01.06.2010
01.06.2010
7
13.553
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01.06.2010 3.199
 
Als ich wach wurde, war es draußen noch hell. Ich stand in aller Ruhe auf, ging zum Waschtisch. Das gebrauchte Wasser war aus der Schüssel verschwunden und der Krug mit frischem gefüllt. Ich hatte nicht gemerkt, dass jemand hereingekommen war. Aber als ich mich schlafen legte, hatte ich nicht darauf geachtet, ob es nicht doch so war. Im Erdgeschoss hörte ich Bewegung. Rasch wusch ich mich, suchte für meinen Tee einige Kräuter aus meinem Gepäck und ging dann hinunter.

Die Luft war erfüllt vom Seife; Reo stand vornübergebeugt in der Tür zum Hof neben der Feuerstelle. Er hatte nur ein Tuch um seine Hüfte gewickelt, spülte gerade die Seife aus seinem Haar. Seine Haut schimmerte feucht. Er hatte mich nicht bemerkt, zu leise war mein Schritt. Ich betrachtete ihn, die Narben auf seinen Rücken erzählten die gleiche Geschichte wie Malou: von Schmerz und knapp entronnenem Tod.

Ich ließ mein Blick durch den Raum wandern: auf dem Feuer stand ein dampfender Kessel mit Wasser, daneben eine leere Eisenpfanne. An der Wand bei der Tür war eine kleine Bank. Brot, Eier und andere Lebensmittel warteten schon auf der Anrichte an der anderen Wand neben der Feuerstelle auf das Frühstück. Daneben offensichtlich die Tür zur Speisekammer. Das Geschirr befand sich griffbereit gegenüber der Feuerstelle in einem Regal. Ganz im Eck aber lag ein Strohsack und seine Kleidung, offenbar schlief er hier auch.

Als er sich umdrehte, um nach einem weiteren Tuch zu greifen, bemerkte er mich. Er erschrak beinahe. "So früh schon auf, Herrin?" Ich lächelte, nickte schweigend. Er wirkte plötzlich sehr unruhig. "Herrin, wollt ihr etwas zu Essen? Frühstück? Was soll ich euch bringen?"
Sein nasses Haar klebte an seinem Rücken, an seinem Hals, sein Hals ... Ich sah die Wunde vom vorherigen Abend, sie heilte gut. Das Elixier musste sehr kräftig sein ... Ich löste meinen Blick von der Wunde. "Keine Eile, ich wollte zuerst nur einen Tee. Das Essen kann noch warten."
Er nahm eine Kanne und spülte sie kurz mit dem heißen Wasser aus. "Welchen Tee wollt ihr?" Ich gab ihm wortlos meine Kräuter, er zerkleinerte sie, warf einen Teil davon ins Wasser und fühlte dann die Kanne.

Ich sah ihm zu, ich versuchte ihn nicht anzustarren, aber immer wieder wanderte mein Blick zu seinem Hals. Ich war mir sicher, dass er es bemerkte, doch er ignorierte es völlig. Als er einen Moment nichts zu tun hatte, griff er nach seiner Hose. Ich grinste und ging auf den Hof, gab ihm etwas Privatsphäre, um sich anzukleiden.

Ich sah mich um, tat so als ob es wirklich interessant wäre, was es hier zu entdecken gab: Ein kleiner ummauerter Hof, gegenüber vom Haus ein Tor. Zu dem Tor führte ein gepflasterter Weg, wobei direkt beim Haus auch ein kleiner Teil des Hofes kunstvoll mit Steinen auslegt war. Auf der anderen Seite, rechts von dem Tor, war ein kleiner Dungplatz mit einem Bretterverschlag als Abort. Ich lehnte mich gegen den Türrahmen, sah hinaus und wartete. Ich bemerkte gerade einen kleinen Käfig mit einem Huhn, als ich Reo mit Geschirr hantieren hörte. Ich ging wieder hinein, es gab wirklich nichts zu sehen. Er nickte mir zu. "Danke Herrin." Ich lächelte, offensichtlich war es für ihn nicht selbstverständlich mit Respekt behandelt zu werden.

Er stellte gerade die Kanne zusammen mit einer Tasse auf ein Tablett, trug es in die Stube. Ich folgte ihm, er stellte das Tablett auf den Tisch. "Wollt ihr Frühstück? Rührei vielleicht mit Schinken und Brot? Oder bevorzugt ihr Speck?"
"Mit Speck klingt gut." Er ging und ich hörte ihn wieder am Feuer hantieren. Hier lag noch meine Laute, ich griff danach. Der Tee musste noch ziehen und so hatte ich etwas Zeit für einige Fingerübungen. Als ich meine Laute zur Seite legte und nach dem Tee griff, kam er bereits mit meinem Frühstück.

Ich ließ es mir schmecken. Am liebsten hätte ich mich mit ihm unterhalten, doch ich war mir nicht sicher, ob sich das ziemte. Als ich fertig mit Essen war, war der Himmel mittlerweile rot geworden - Sonnenuntergang. Ich nahm den Teller und brachte ihn zurück in die offene Küche. Reo putzte gerade Gemüse, schien einen Eintopf vorzubereiten. Er sah auf als ich ankam. Er lächelte unsicher: "Ich hätte den Teller auch geholt, wenn ihr nach mir gerufen hättet."
"Ach, ich wollte sowieso sehen, was es später noch zu Essen gibt." Es schien ihm nicht so ganz zu behagen, dass ich hier in seinem Reich war. Doch bereitwillig gab er mir Auskunft. Es stellte sich heraus, dass er vielleicht kein so begnadeter Koch war, aber Malou legte darauf auch nicht übermäßig viel Wert. Ab und an holte er fertige Speisen aus einem der besseren Lokale, doch oft aß sie die einfachen Gerichte, die er beherrschte.

Ich deutete auf den Strohsack: "Du schläfst hier ...?" Er nickt. "Im Moment, ja." Neugierig sah ich ihn an, er zuckte mit den Schultern, erzählte dann, dass er in der zweiten Kammer im ersten Stock schlafen durfte, wenn Malou keine Gäste hat. Aber er war zufrieden damit, in der vorherigen Anstellung hat er auf dem Dachboden geschlafen, und da war es im Winter bitterkalt. Das kam mir bekannt vor, denn auf vielen Höfen schliefen die Knechte auch über dem Stall, allerdings war es dort durch die Tiere normalerweise nicht ganz so eisig.

Ich hörte die Tür von oben, Malou war aufgestanden. Als sie näher kam, roch ich sie wieder, und plötzlich wusste ich, woher mir der Geruch bekannt vorkam. Ich roch ähnlich. Natürlich nahm ich normalerweise, wie die meisten Wesen, meinen eigenen Geruch nicht wahr. Aber wenn ich nach einem langen Lauf oder etwas ähnlich anstrengendem in einem Teich oder Fluss baden war und danach wieder zu meiner Kleidung griff - da konnte ich den Duft wittern, der noch in meiner Kleidung hing. Einfach, weil ich durch das Wasser anders roch als vorher.

Und es gab noch etwas, das mir wieder einfiel: Der Mörder meiner Mutter, der Geruch erinnerte mich ebenfalls an Malous. Er war nicht so nah an meinem wie Malou, aber deutlich ähnlicher als Mensch, Elf, Zwerg - oder ein Hexer. Damals hatte ich ihn nicht einordnen können. Jetzt konnte ich es - und es gefiel mir nicht ...

Malou kam herein, winkte mit einer Schriftrolle. "Ich habe dir doch gestern das Rezept des Elixiers versprochen. Hier ist es!"
Sofort griff ich neugierig nach der Rolle. "Zeig her." Ihre Fröhlichkeit war ansteckend und vertrieb meine dunklen Gedanken. Rasch überflog ich das Stück Pergament. Im Prinzip handelte es sich um einen eingedickten Alkoholextrakt. Die meisten der verwendeten Substanzen waren mir wohl vertraute Kräuter. Ein, zwei Zutaten waren selten und daher deutlich teurer. Und dann stand da noch etwas, was mich überraschte: Vampirblut.

Ich schaute überrascht zu Malou. Sie grinste. "Wusstest du nicht, dass Alchemisten gutes Geld für unser Blut zahlen? Und das nur wegen Rezepten wie diesem hier. Übrigens nicht aus Aberglauben, sondern weil es wirkt."
"Ich darf mir das Rezept abschreiben?"
Sie lachte wieder ihr glockenhelles Lachen. "Das ist deine Übersetzung, Kleines. Komm, lass uns erst etwas Essen."
Ich hatte schon gefrühstückt, aber ich leistete ihr gerne Gesellschaft. Es dauerte nicht lang und ich zupfte auf meiner Laute, während wir uns leise unterhielten. Wieder bestand sie darauf, dass ich ihre Sprache lernte. Sie lachte meine Unsicherheit weg, sprach mir geduldig einzelne Worte vor, bis sie mit meiner Aussprache zufrieden war.

Als sie fertig gespeist und Reo den Tisch abgeräumt hatte, eilte sie nach oben und holte mehrere Schriftrollen sowie eine Wachstafel. Sie zeigte mir die Rollen, fing dann an zu übersetzen. Ich war überrascht: sie besaß nicht nur eine Anleitung für dieses heilende Elixier, sie hatte auch weitere interessante Rezepte.

Das zweite Mittel war ein Öl, das unterhalb der Augen aufgetragen wurde. Es wäre fast das gleiche, welches die Zauberinnen verwenden, um alle Welt von ihrer Schönheit zu überzeugen und zu verführen, so erklärte Malou. Nur dass Zauberinnen noch zusätzlich Magie einsetzen könnten. Wir konnten das nicht, aber auch so hätte es eine umwerfende Wirkung auf andere.

Als drittes eine Tinktur, die uns noch schneller und stärker macht, als wir ohnehin waren. Allerdings hinterließ sie uns am Ende der Wirkzeit leicht geschwächt. Wenn sie zu oft eingesetzt wurde, würde diese Schwächung immer länger andauern, bis diese Tinktur fast das einzige wäre, was uns wieder zu Kräften kommen lässt. Es klang nicht sehr beruhigend, aber für Notfälle war es vielleicht doch recht nützlich.

Als viertes eine Salbe. Dünn aufgetragen überdeckte sie teilweise unseren Geruch. Pferde und Hunde reagierten so weniger stark auf uns. Allerdings wirke es nicht sehr lange, vielleicht eine knappe Stunde.

Als fünftes ein weiteres Öl, auch das beeinflusste Hund und Pferd. Es musste ihnen ins Maul gerieben werden und nahm ihnen die Angst. Genauer genommen behinderte es ihren Geruchssinn für einen Tag, so dass sie nicht mehr auf uns reagierten. Es wäre sogar möglich, ein auf diese Weise behandeltes Pferd zu reiten ...

Als sechstes noch ein Puder, das die Haut seidiger und schöner machte. Wir konnten unser Spiegelbild nicht sehen, es war uns daher kaum möglich uns richtig zu schminken, erläuterte mir Malou. Nun war mir das bisher nicht sehr wichtig gewesen, aber ihr offensichtlich schon. Und dieses Puder war damit so ziemlich die einzige Art Kosmetik, die wirklich gut funktionierte. Zudem roch es gut - besonders für die Nasen der unsrigen. Ich grinste, ich hatte eigentlich nicht vor, einen anderen Vampir zu verführen.

Aber ihre Bemerkung machte mich neugierig. Es war mir fast etwas unangenehm, doch der Gedanke ließ mich nicht los. Schüchtern fragte ich: "Malou? Wie ist das eigentlich bei uns? Ich meine zwischen Mann und Frau."
Sie sah mich an, ihr Blick wurde schelmisch: "Also da gibt es die Bienen und die Blumen ..."
Als sie mich ansah, meinen beleidigten Blick bemerkte, musste sie lachen und wurde dann wieder etwas ernster. "Du weißt also, wie es bei den Menschen funktioniert? Bei uns ist es nicht viel anders." Sie grinste wieder.
"Aber wie ... ich meine, wenn wir nichts anderes wollen als das Blut des anderen ..."
Plötzlich wurde sie ernst. "Willst du denn von mir trinken?"
Ich schüttelte nachdrücklich den Kopf. "Ich will eigentlich von niemand trinken." Dann wurde mir plötzlich etwas bewusst: Sie roch so anders wie ich - nicht wie Beute.
Sie bemerkte meinen Blick und lächelte mich an. Sie streichelte kurz meine Wange. "Denke einen Moment darüber nach. Ein Teil von dir möchte wieder von Reo trinken, nicht wahr? Das ist dein Instinkt. Aber ich bin nicht Reo, ich rieche nicht wie Reo. Kein Vampir tut das. Und auch du riechst für mich nicht appetitlich. Daher brauchst du dir darüber keine Sorgen zu machen. Wenn du irgendwann einmal einen netten Vampir triffst, der zu dir passt, dann ist das kein Thema ..."

Ich glaube, ich errötete etwas, wandte mich wieder den Schriftrollen zu. Mein eigenes Leben wollte ich jetzt eigentlich nicht näher erörtern. Ich übersetzte die Rezepte mit ihrer Hilfe. Immer wieder musste ich einzelne Wörter korrigieren - nur gut, dass wir dazu die Wachstafel nutzten. Als die Übersetzung fertig war, übertrug ich das jeweilige Rezept in mein Büchlein und wir fingen gleich mit dem nächsten an. Es war schon kurz vor Mitternacht, als wir endlich fertig waren.

Malou blätterte neugierig durch meine Sammlung. Es waren alles Menschenrezepte, wie sie rasch bemerkte. Aber meine Ziehmutter war Mensch, es war ihr Wissen, was hier stand. Und auch so konnte es nützlich sein. "Für Menschen", sagte Malou, und es klang fast etwas abfällig. Diesen Tonfall mochte ich nicht. Doch immerhin waren ein, zwei Rezepte interessant genug für sie, um sie ebenfalls abzuschreiben. Schließlich lebte sie oft unter Menschen.

Dann rief sie Reo herbei, trug ihm auf, sich jetzt um das Huhn zu kümmern. Er nickte und verschwand wieder nach draußen. Obwohl die Tür geschlossen war, konnte ich hören, wie er dem Huhn den Kopf abschlug. Kurz darauf erschien er mit einer Glaskaraffe, der Geruch von frischen Blut hing in der Stube, Hühnerblut. Er schenkte uns ein.

"Besser als nichts", erklärte Malou. "Mensch oder Nicht-Mensch, beides schmeckt besser, viel besser. Aber manchmal ist es einfacher und unauffälliger auf so etwas zurückzugreifen." Ich nickte, kostete vorsichtig. Ich bemerkte plötzlich, dass meine Eckzähne ausgefahren waren, Malous ebenfalls, wie ich mit einem Seitenblick feststellte. Sie lachte, als ich sie darauf ansprach. "Es ist leicht zu steuern, nach einiger Zeit. Aber solange wir unter uns sind, gilt es als normal. Und vor einem Menschen solltest du nicht trinken, von daher brauchst du dir keine Gedanken machen. Es sei denn, du tötest ihn sowieso ..."

Ich warf einen Blick zu Reo, der Halbelf reagierte nicht auf ihre Worte. Er vertraute ihr vollkommen. Ich nahm noch einen Schluck und sie hatte Recht: Reo hatte mir besser geschmeckt; aromatischer, voller im Geschmack; ich hätte nicht sagen können was genau es war. Aber trotzdem war mir dies lieber, es wurde keine Person verletzt hierfür. Tiere zu töten war etwas natürliches für mich. Obwohl, wenn ich an den Geschmack von Reos Blut dachte, lief mir das Wasser im Munde zusammen.

Doch jetzt wechselte Malou das Thema. Sie kam wieder auf unsere Fähigkeiten zu sprechen. Vermutlich sollte es mir möglich sein, einen Menschen einschlafen zu lassen. Wenn ich stark genug war und mich konzentrieren konnte, sogar mehrere gleichzeitig. Sie wollte, dass ich es an Reo versuchte, doch ich verstand nicht, wie ich es anstellen sollte.

Malou versuchte es mir geduldig zu erklären. "Stelle dir vor, wie du ganz müde bist, wie du gähnst und beinahe einschläfst. Du weißt, dass Gähnen oft ansteckend ist? Stell dir vor, dass du ganz müde bist und dann konzentriere dich auf dein Ziel. Konzentriere dich auf Reo. Gähne und konzentriere dich darauf, wie es ihn ansteckt, wie er auch gähnt. Lasse die Müdigkeit auf ihn übergehen, die Schwere der Glieder, die wohlige Wärme, gähne und konzentriere dich, wie er auch gähnt ..."

Leise und flüsternd sprach sie, ich konnte es selbst kaum hören, nur meinen scharfen Sinnen war es zu verdanken, dass ich jedes ihrer Worte verstand. Reo würde sie nicht verstehen können. Und doch - als ich mich eine Weile auf ihn konzentrierte und ihren Worten gehorchte, fing er an zu gähnen, und dann schlief er ein. Mit einem Sprung war sie bei ihm, noch bevor er auf dem Boden aufschlug.

Sie lachte leise: "Siehst du? Ist doch gar nicht so schwer. Wobei es bei einem entspannten und willigen Opfer immer einfacher ist. Mit etwas Übung schaffst du es viel schneller und bei jedem, da bin ich sicher. Und merke dir: Du musst den anderen sehen. Egal wie weit er weg ist. Du musst ihn sehen können, umgekehrt gilt das aber nicht."

Ich nickte unsicher. Ich hatte nicht geglaubt, dass es mir gelingt, und doch erschien es mir ganz einfach. Es fühlte sich ähnlich unwirklich an, wie anfangs meine Fähigkeit zu verschwinden. Auch die hatte ich recht rasch gemeistert. Grübelnd sah ich Reo an, dieses Talent konnte nützlich sein. Wie Malou schon gesagt hatte: Irgendwann würden Menschen mich verfolgen, mich jagen. Da konnte diese Fähigkeit dafür sorgen, dass ich leicht davonkam ohne jemanden zu verletzen - oder selbst verletzt zu werden.

"Wecke ihn wieder", sagte Malou. "Für dich ist es einfach ihn zu wecken. Allen anderen wird es aber schwerfallen. So ist es immer: Wer jemanden einschlafen lässt, kann ihn leicht wecken. Alle anderen müssen gegen die Kraft des anderen kämpfen."
Ich berührte Reo sanft an der Schulter. Verwirrt sah er zu mir empor, doch Malous Lächeln beruhigte ihn sofort. Malou dankte ihm und schickte ihn hinaus. Dann bestand sie auf einen Spaziergang. "Es ist genau die richtige Zeit dafür."

Achselzuckend kam ich mit. Sie ging mit mir durch die dunklen Straßen, bis wir vor uns einen Betrunkenen entdeckten. Er taumelte mehr als dass er ging. Malou stieß mich an: "Versuch es. Der Schnaps hat ihn schon müde gemacht, du wirst leichtes Spiel haben."
Ich sah sie skeptisch an. Doch ich verstand die Nützlichkeit und so tat ich wie mir geheißen. Ich war überrascht, es ging genauso leicht wie bei Reo, sogar leichter. Vielleicht, weil der Betrunkene tatsächlich schon schläfrig war, vielleicht weil ich jetzt wusste, was ich tat. Ich weckte ihn, allerdings machte ich mich vorher unsichtbar. Er wurde wach, sah sich verwirrt um, kämpfte sich mühsam hoch und taumelte dann weiter. Wir folgten ihm leise. Als er sich an einer Tür zu schaffen machte, ließ ich ihn wieder einschlafen. Es ging diesmal noch leichter, noch schneller.

Malou entfernte sich leise lachend: "Lass ihn schlafen, er ist schließlich schon daheim", flüsterte sie in die Nacht, so leise, dass kein menschliches Ohr es wahrnehmen würde. Ich grinste, irgendwie war es wie ein kleiner dummer Streich. Ich war zu alt für Lausbubengeschichten, aber manchmal waren sie trotzdem witzig.

Und so zogen wir weiter. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis wir ein neues Opfer fanden. "Diesmal solltest du versuchen, nicht selbst zu gähnen. Mach es nur in Gedanken, bewege nicht deinen Körper." Ich nickte - und trotz der kleinen Änderung klappte es auf Anhieb. Ich war stolz auf mich. Stolz es so rasch zu meistern.
Malou grinste frech über meinen Übermut. "Der schwierige Teil kommt noch: Ein waches munteres Opfer." Sie winkte mir, zusammen eilten wir schattengleich durch die Straße und näherten uns dann dem Stadttor. Dort deutete sie auf eine Wache. Und sie hatte Recht. Es war deutlich schwerer. Ich musste mehrfach abbrechen, weil ich Schwierigkeiten hatte mich ausreichend lange zu konzentrieren. Doch endlich, viele Minuten später, schlief auch er.

Malou musterte mich: "So, genug für heute. Lass uns heimkehren." Unterwegs deutete sie immer wieder auf verschiedene Dinge, nannte mir den Namen in ihrer Sprache. Es war anstrengend, aber gleichzeitig machte es mir Freude. Ihre Sprache war melodischer, es fühlte sich fast an wie Singen. Sie lachte, als ich das feststellte. "Dann solltest du mal mit der alten Sprache der Elfen anfangen, die wird dir erst recht gefallen."

Wir waren über drei Stunden in der Stadt unterwegs gewesen. Reo hatte bereits das Essen vorbereitet, wartete nur auf uns. Wir machten es uns in der Stube bequem, während er sich schlafen legte. Der Eintopf war schmackhaft, aber meine Gedanken waren woanders. Ich ging immer wieder durch, wie ich diese Fähigkeit einsetzte. Ich wollte es so rasch wie möglich beherrschen.

Später dann, in den frühen Morgenstunden, hatte ich wieder meine Laute in der Hand. Malou lehrte mich einige alte Lieder in ihrer Sprache. Sie fand meine Stimme schöner, aber immer wieder musste sie meine Aussprache korrigieren. Doch ich merkte wie leicht es mir viel, die Worte zu bilden. Beim Singen war es viel einfacher als beim Sprechen.

Langsam wurde Malou müde. Sobald die Sonne aufging war sie verschwunden. Sie war auf ihre Art viel abhängiger von der Nacht als ich. Ich wusste nicht, ob das angeboren war, oder ob es an meiner Kindheit lag. Doch es war mir auch nicht so wichtig. Ich übte noch Malous Lieder, irgendwann wurde auch ich dazu zu müde, ging hoch in die Kammer und legte mich zur Ruhe.
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