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Das Glückskind II - Lektionen

von Saakje
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
OC (Own Character)
01.06.2010
01.06.2010
7
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01.06.2010 3.727
 
Das Äußere des Hauses vor uns unterschied sich in nichts von den anderen. Das Erdgeschoss bestand aus Mauerwerk, darüber noch ein Stock aus Fachwerk. Ich wusste nicht, was mich drinnen erwartete. Zwar war ich schon lange unterwegs, aber ich war immer nur in Gaststuben gewesen, nie in einem Bürgerhaus. Sie öffnete die Tür. Sie hatte die Tür noch nicht einmal ganz geöffnet, da lugte ich schon an ihr vorbei ins Dunkel, lachend bemerke sie meine Neugier. Ein enger Flur, eine Treppe nach oben und eine Tür zur Rechten. "Komm herein. Sei mein Gast", sagte sie fast etwas förmlich. Ich dankte ihr auf die gleiche Weise.

Sie ging voran; kaum schloss sie etwas lauter die Tür, hörte ich Bewegung im Haus. Am Ende des Flures sah ich eine offene Feuerstelle mit einem Rauchfang. Ein Licht wurde dort entzündet, dann eilte eine Gestalt herbei. Spitze Ohren lugten zwischen langen blonden Haaren hervor, aber er war zu stämmig für einen Elfen; das musste der angekündigte Halbelf sein. Ich musterte ihn kurz: wache Augen mit einigen kleinen Fältchen, sorgfältig rasiert, sein halb geöffnetes Hemd war aus gutem Tuch. Gepflegt - und Malou hatte mit ihrer Ankündigung recht: Er war im besten Mannesalter. Und gut gepflegt, es war noch ein Hauch von Seife an ihm zu riechen.

Sie führte mich in die Stube. "Willst du dich erst frisch machen? Er könnte sich solange um etwas zu essen für uns kümmern." Ich nickte ihr dankbar zu. "Gut, wenn du fertig bist, kommst du einfach wieder her." Sie drehte sich um: "Reo, du hast es gehört. Sie bekommt meine Kammer."
Er nickte und führte mich nach oben, zwei Türen gab es hier. Gleich die erste Kammer betrat er und deutete schweigend auf die Waschschüssel mit dem Wasserkrug. Dann verließ er mich, ging wieder hinunter. Ich legte meinen Beutel ab und meine Laute, schaute mich um. Ein Waschtisch, es lag Seife bereit, dann ein großes Bett mit Nachttopf darunter; zwei Truhen, dazu ein Stuhl und eine bequeme Bank beim Fenster. Recht gemütlich und mehr Möbel als in den Gasthöfen üblich.

Von unten hörte ich Stimmen. Da ich die Tür nicht geschlossen hatte, konnte ich jedes Wort verstehen. "Reo? Beim Essen, wärst du bereit ihr zur Verfügung zu stehen?"
"Selbstverständlich, Herrin."
"Ich meine direkt von der Quelle, nicht nur aus dem Kelch."
Stille, nur für einen Augenblick, doch deutlich spürbar. "Ja Herrin, wenn sie es wünscht, auch das."
"Du scheinst ihr jetzt schon zu trauen, wie ich merke."
"Ich vertraue nur eurem Urteil, Herrin."
Malou lachte leise, es klang erfreut. "Nun denn, ich hoffe wir haben noch etwas im Haus, das ich anbieten kann."
"Natürlich, Herrin, ich kümmere mich gleich darum."
Ich hörte seine Schritte, dann hantierte er bei der Feuerstelle. Jetzt beeilte ich mich. Im Krug auf dem Waschtisch war frisches Wasser. Während ich über ihre Worte grübelte, wusch ich mir rasch das Gesicht und die Hände. Ich ließ das gebrauchte Wasser in der Schüssel stehen, verließ eilig das Zimmer.

Als ich die Stube betrat, war ich überrascht. Der Raum war durch eine kleine Lampe bei der Tür spärlich beleuchtet. Zwei gepolsterte Bänke mit einer seitlichen Lehne standen dort. Sie waren über Eck angeordnet, zwischen ihnen stand ein Tisch mit einer Schale voll Obst, leeren Kelchen und kleinen Tüchern. Das Obst war von beiden Bänken gut erreichbar. Es sah bequem aus, Malou hatte dort Platz genommen und griff gerade nach einigen Weintrauben. Sie lag eigentlich mehr als dass sie saß - seitlich gegen die Lehne gestützt, hatte sie ihre Beine neben sich auf der Bank hochgelegt. Ich tat es ihr gleich, und es war tatsächlich angenehm, so zu sitzen.

"Und? Deine Laute nicht dabei ...? Glaube nur nicht, ich hätte es vergessen!" Malou lachte wieder, ihre heitere Fröhlichkeit war ansteckend. Reo brachte eine Platte mit kaltem Braten, Schinken, Wurst und Käse, dazu frisches Brot; es sah appetitlich aus. Er stellte es auf dem Tisch ab, blieb direkt zwischen Malou und mir stehen. Wartend und völlig ruhig lächelte er mich etwas zaghaft an. "Bedien dich." Malou winkte großzügig mit dem Arm, griff selbst zu.

Ich tat es ihr gleich, es schmeckte gut. Aber ich hatte keinen großen Appetit, hatte ich doch bereits nach meiner Ankunft am frühen Abend im Gasthof gespeist. So reinigte ich meine Hände an einem der Tücher. Malou sah mich an, grinste vielversprechend: "Bin gleich wieder da!" Und schon eilte sie fast lautlos hinaus, die Stufen hoch zu ihrem Zimmer.

Reo stand immer noch direkt beim Tisch. "Kann ich euch etwas zu trinken anbieten, Herrin?" Ich unterdrückte ein Grinsen. Eigentlich war ich nicht wie eine hochgestellte Person gekleidet. Diese wurden vom einfachen Volk immer so förmlich angeredet. Aber scheinbar verdiente ich als Gast seiner Herrin den gleichen Respekt. Vermutlich würde er sogar die meisten meiner Befehle befolgen, solange sie im Rahmen blieben und Malous Anordnungen nicht widersprachen. Ich sah ihn an, nickte langsam. Er hatte keinen Krug mitgebracht, vielleicht wollte er erst wissen, was ich bevorzugte. "Kelch oder von der Quelle?"

Die Begriffe hatte Malou und er vorhin bei ihrem Gespräch auch verwendet, doch ich war immer noch nicht hinter deren Bedeutung gekommen. Ich zögerte, warf einen Blick zur Tür, doch Malou war noch nicht zurück. Als ich nicht antwortete, kniete Reo vor mir nieder. Mit einer fließenden Bewegung strich er sein Haar nach hinten, drehte seinen Kopf zur Seite und bot mir seinen Hals dar. Er drückte seinen Kopf leicht nach hinten, so dass sich die Muskeln deutlich abzeichneten. Und ich sah seine Schlagader, ahnte das Pulsieren darin.

Ich erstarrte, plötzlich fühlte ich mich unbehaglich und fehl am Platz. Ich sah die verheilten Narben dicht neben der Ader, Bissspuren, viele kleine Bissspuren unterschiedlichen Alters. Reo war völlig ruhig - als ob es ganz normal wäre so vor mir zu knien, vor einem von Malous Gästen. Malou ... ich blickte wieder zur Tür, sie stand dort mit meiner Laute in der Hand, sah Reo und mir lächelnd zu. "Trink ruhig", sagte Malou, "ich habe nichts dagegen."

Mein Blick wanderte wieder zu seinem Hals, den er so gelassen präsentierte. Ich hörte das ruhige Pochen seines Herzens, hörte selbst das Rauschen in seinen Adern. Sein Geruch stieg in meine Nase, ganz leicht nach Moschus. Ich schluckte, zitterte plötzlich vor Nervosität. Malou bemerkte es, natürlich bemerkte sie es: "Du bist abstinent?" Ich sah sie wieder an, ihr fragender Blick war freundlich.

Ich wich etwas zurück, atmete tief ein. Reo stand auf und trat einen Schritt zurück. "Verzeiht Herrin, ich hatte angenommen ..." Unsicher verstummte er. Malou betrachtete mich immer noch.

Plötzlich blitzte es in ihren Augen: "Sag nur ... Du hast noch nie getrunken?" Langsam nickte ich, fast verschämt schlug ich die Augen nieder. So wie sie es fragte, fühlte ich mich beinahe entblößt. Sie legte achtlos die Laute zur Seite und setzte sich zu mir. Sie nahm meine Hände und sah mir in die Augen. "Feli, von Felicitas, hat dir denn niemand etwas darüber beigebracht? Allein das Angebot war doch eindeutig." Wieder schüttelte ich den Kopf.

Ich spürte, dass sie die Wahrheit sagte, wusste, dass sie ehrlich zu mir war. Sie winkte Reo herbei, rasch kniete er bei ihr. Und sie beugte sich zu ihm, über ihn - und biss ihm sanft und vorsichtig in den Hals. Er seufzte und doch hielt er still. Sein Herz schlug nur ein wenig schneller. Sie leckte die Tropfen mehr, als dass sie trank. Als sie sich aufrichtete, sah ich ihre Zähne, Vampirzähne, spitz und scharf. Ihre Hand lag auf dem Rücken des Halbelfen und sanft schob sie ihn in meine Richtung: "Koste, was dir freiwillig geboten wird."

Ich sah ihn an, der Geruch nach Blut hing schwer in der Luft. Ich sog die Luft ein, der Duft allein war verheißungsvoll. Ich wollte wissen, wie es schmeckt, wollte wissen, wie es ist. Ich beugte mich zu ihm und tat es Malou gleich. Mit meiner Zunge fuhr ich sacht über seinen Hals, nahm die Tropfen von seiner Haut auf. Ich schmeckte ihn, schmeckte sein Blut - und es schmeckte gut, schmeckte nach mehr. Weitere Tropfen quollen hervor, wieder nahm ich sie auf. Allmählich wurde der Geschmack in meinem Mund intensiver. Eine leichte Erregung breitete sich in mir aus, ich sah Malou an. Als ich mir mit der Zunge über meine Lippen leckte, spürte ich, dass meine Eckzähne sich verändert hatten: Sie standen genauso hervor wie Malous.

"Das erste Mal ist immer etwas besonderes." Malous Stimme war so sanft wie ihr Lächeln. "Du kannst noch etwas tiefer beißen. Du siehst die Spuren, dort ist es ungefährlich. Wenn du direkt die Ader treffen würdest, wäre es wohl sein Tod. Aber daneben ist es sicher."

Reo zitterte leicht, ich hörte, wie sein Atem etwas schneller wurde. Aber er roch nicht nach Angst. Er mochte nervös sein, aber offensichtlich vertraute er Malou - und mir - tatsächlich. Vorsichtig biss ich zu, achtete darauf, die richtige Stelle zu treffen. Wieder seufzte er. Sein Blut floss jetzt schneller, ich leckte nicht mehr die einzelnen Tropfen, stattdessen legte ich meinen Mund auf die Wunde und fing an zu saugen.

Der Geschmack füllte meinen ganzen Mund aus. Ich schloss die Augen, gab mich meinen Sinnen hin. Es war, als ob sich sein Blut durch meinen Körper ausbreitete, ganz langsam. Sein Geruch, männlich und etwas herb, erfüllte meine Nase - erfüllte mich. Ich spürte nur noch ihn, schmeckte nur noch ihn. Sein Geschmack und sein Geruch durchdrangen allmählich jede Faser meines Körpers ... Ich fühlte mich leicht. Dies schmeckte besser als alles, was ich bisher getrunken hatte. Dies fühlte sich besser an als alles, was ich jemals empfunden hatte. Ich kannte nichts, was damit vergleichbar war ...

Dann spürte ich Malous Hand auf meinem Rücken. "Du solltest langsam aufhören, du bist die Wirkung nicht gewöhnt ..." Ich zögerte für einen Moment, doch dann richtete ich mich auf, sah sie an. Sie lächelte immer noch, fast zärtlich sah sie zu Reo hinab. Dann beugte sie sich zu ihm, und  während sie ihre Lippen auf seinen Hals presste, griff sie zu einer kleinen Tasche an seinem Gürtel.

Ein kleiner Flakon, sie öffnete ihn, leckte dann ein letztes Mal über Reos Hals und nahm das letzte langsam herabtropfende Blut auf. Dann presste sie kurz die Finger auf die Wunde, rieb dann einige Tropfen aus dem Flakon darauf. Sie küsste Reo auf die verletzte Stelle. "Danke Reo. Danke für dein Geschenk. Wenn du willst, kannst du jetzt gehen." Er stand auf, während ich die Augen kaum von seinem Hals lösen konnte. Malou setzte sich auf ihre Bank, bemerkte dann meinen Blick, der immer noch an seinem Hals klebte: "So heilt es am schnellsten. Wenn du willst, gebe ich dir das Rezept von dem Elixier."

Ich nickte ohne Reos Hals aus den Augen zu lassen, fühlte mich immer noch unwirklich. Der Halbelf ging rückwärts zur Tür, verbeugte sich noch einmal leicht und verließ dann den Raum. Für einen Moment blieb mein Blick noch an der geschlossenen Tür hängen. Es war wie in einem Traum - ich hatte gerade Blut getrunken. Und statt dass mir schlecht wurde, fühlte ich mich leicht und beschwingt. Draußen hörte ich noch seine Schritte, er ging die Treppe hoch, ich hörte ihn über uns umhergehen. Immer noch sagte niemand von uns ein Wort.

Malou lächelte mich an, ich fühlte mich plötzlich beobachtet. "Fühlt sich gut an, nicht wahr?", fragte sie sacht. Ihre Stimme war viel leiser, nun da Reo den Raum verlassen hatte. Ich war mir sicher, er würde uns nicht hören können.
Fast automatisch senkte auch ich meine Stimme. Ich nickte. "Ja, ich ..."
Malou lachte leise. "Jaja, die ersten Tropfen. Du wirst sie nie vergessen. Meine Mutter hatte damals für mich einen Menschen gefunden. Er dachte wohl, sie würde ihn verwandeln, ihn zu einem der unsrigen machen." Sie kicherte. "Das ist manchmal richtig nützlich, dass die Menschen so viel Unsinn über uns glauben. Nichts ist vergleichbar mit Blut von Mensch, Elf oder Zwerg. Kein anderes Tier schmeckt vergleichbar ..."

Ich sah sie an, die ganze Situation war wie ein Traum. Vielleicht dadurch kam es, dass ich nicht entsetzt reagierte. Ich nickte nur.
"Du solltest, besonders wenn du nicht daran gewöhnt bist, aufpassen wie viel du trinkst. Schon mal einen betrunkenen Menschen erlebt?"
"Ja, mehr als genug." Ich schüttelte mich, ich mochte Betrunkene nicht.
"Nun, Alkohol scheint auf andere Wesen eine ähnliche Wirkung zu haben, wie ihr Blut auf uns."
Langsam drangen ihre Worte in mein Bewusstsein.
"Fühle ich mich deshalb so - leicht ...?"
"... beschwipst." Sie lachte. "Ja, genau das. Ich sage doch, du musst etwas auf die Menge achten. Wenn du zu viel trinkst, könntest du auf sehr törichte Ideen kommen."

Plötzlich wurde sie ernst: "Feli, von Felicitas, sag: Hast du wirklich nichts hierüber gewusst?"
"Nein, ich ... ich weiß nichts über diese Dinge."
"Welche Mutter zieht ihr Kind groß ohne auch nur etwas über die Welt zu erzählen ...?" Sie sah mich grübelnd an.
"Meine Ma hat mir vieles erklärt, alles was sie wusste." Ich zog fast entschuldigend die Schulter hoch, ich wusste nicht, wie ich erzählen sollte, von wo ich kam.
"Alles, was sie wusste ...? Das kann nicht ..." Sie stockte, sah mich plötzlich mit großen Augen an. "Du hast keinen richtigen Namen, sprichst nur Gemeinsprache, du hast nicht geahnt, was ich bin. Du hast offensichtlich nicht einmal gewusst, was du bist ... Wo kommst du her, Kleines? Wer hat dich großgezogen?"

Ich zögerte, ich wusste kaum, wo ich anfangen sollte. Aber endlich war jemand da, den ich alles fragen konnte, was ich vorher nicht einmal auszusprechen wagte. "Ma ... sie war Kräuterfrau in einem Dorf. Sie hat mich gefunden. Als kleines Kind. Kurz nachdem in der Nähe Vampire getötet worden waren."
"Und sie hat dich aufgenommen? Sie muss gemerkt haben, dass du kein Mensch bist."
"Hat sie, aber sie war sich nicht sicher, was ich bin. 'Bei denen war auch ein schlafendes Menschenkind. Nur weil du also bei ihnen warst, musst du keiner von ihnen sein', hat sie immer gesagt." Ich ahmte Mas Tonfall automatisch nach.
Malou schmunzelte für einen Moment, wurde dann wieder ernst. "Vielleicht wollte sie es auch nicht wissen."
Ich nickte. "Mag sein, sie kannte fast alle meine Fähigkeiten und meine Schwächen. Dass ich keine direkte Sonne vertrage, dass ich kein Spiegelbild habe, Silber nicht gerade mag ... Naja, und dass ich mich unsichtbar machen kann. Oder von dem offensichtlichen ganz zu schweigen, dass ich auch im Dunkeln sehe und nachts munterer bin als tagsüber und so ..."
"Das wusste sie - und hat dich trotzdem großgezogen?" Ich nickte stumm. "Und die anderen im Dorf?"
"Sie hat mich lange versteckt, bis ich so groß war, dass ich verstand, was ich sagen und zeigen darf - und was nicht."
"Und warum hast du sie verlassen?"
"Sie ist tot." Definitiv ein Thema über das ich nicht sprechen wollte. Besonders nicht mit Malou.

Malou betrachtete mich verwundert und neugierig. "Nun, dann denke ich, ist es ein Glück für dich, dass ich dich gesehen habe und Lust auf etwas Gesellschaft hatte."
Zaghaft lächelte ich; zwar war ich nervös, aber trotzdem fühlte ich mich bei Malou sicher.
Malou lächelte fürsorglich. "Ich denke, ich sollte dir vielleicht einige Dinge beibringen. Du weißt um deine Empfindlichkeit gegenüber Silber. Das ist gut. Du kannst dich unsichtbar machen. Noch besser. Wenn ich das richtig verstehe, sagst du, dass du direkte Sonne nicht verträgst. Das bedeutet, du kannst tatsächlich tagsüber draußen sein?"
Ich nickte. "Bei bedecktem Himmel oder im Schatten. Aber behaglich fühle ich mich dabei nicht. Habe mir dazu einmal einen zu gründlichen Sonnenbrand eingehandelt."
"Du warst in der direkten Sonne und hast es überlebt ...?" Ich nickte schweigend. Malou wirkte überrascht. "Es gibt nicht viele, die dazu in der Lage sind. Ich selbst kann tagsüber nicht hinaus, selbst bei bedecktem Himmel ist es mir zu grell. Abgesehen davon, dass ich dann auch viel zu müde bin ..."

Sie musterte mich grübelnd. "Was weißt du über die Getöteten?"
"Die Vampire? Nicht viel. Einer der beiden, ein Mann, ist von einigen Menschen erwischt worden. Er soll wie betrunken gewirkt ..." Ich stutze. "Er soll wie betrunken gewirkt haben. Hatte er etwa zu viel ..."
"... zu viel Blut, möglich, ja. Es gibt richtige Säufer. Einige von denen sind nicht in der Lage sich zu beherrschen. Das war etwas von dem, was ich mit törichte Ideen meinte. Und der zweite?"
"... soll eine Frau gewesen sein. Sie wurde von einem Hexer gestellt. Bei ihr ein schlafendes Kind. Dort in der Nähe wurde ich gefunden."
"Vielleicht hat sie den Hexer kommen gespürt und wollte dich beim Kampf nicht in der Nähe haben, dich außer Gefahr wissen."

Malou schwieg, sie schien zu überlegen. "Das Kind, ein Menschenkind? Es schlief?"
Wieder nickte ich. "Ma erzählte, dass es schwierig zu wecken war."
Malou grinste. "Das war kein gewöhnlicher Schlaf. Das hast du noch nicht gelernt, oder? Einen Menschen einschlafen zu lassen? Funktioniert übrigens auch bei Nicht-Menschen..."
Ich schüttelte den Kopf. "Ich bin noch nicht einmal auf die Idee gekommen so etwas zu versuchen."
"Nun, wenn Deine Mutter diese Fähigkeit hatte - und ich vermute einmal es war deine Mutter - dann ist die Wahrscheinlichkeit doch recht hoch, dass du es auch lernen kannst. Das werden wir später einmal testen. Nun denn, ich glaube, das war schon fast zu viel für eine Nacht, nicht wahr?"

Ich nickte, wir schwiegen für einen Moment, doch es war nicht unangenehm. Oben hörte ich immer noch Reo, er war wohl noch ziemlich beschäftigt. Ich sah Malou an, sie hatte ihre Neugier befriedigen können, ich jedoch meine nicht. "Reo, er ... Wieso lässt er dich ... uns ... trinken? Er müsste doch wie alle anderen Angst vor uns haben?"
Malou lachte. Amüsiert, fast belustigt erzählte sie: "Er verdankt mir sein Leben. Ich war draußen unterwegs, im Wald, kurz nach der Dämmerung, als ich ihn bemerkte. Ihn und den Bären, der ihm folgte. Der Bär war nicht sehr freundlich zu ihm, hat ihn niedergeworfen und den Rücken zerfetzt. Ich schätze, er hatte nicht mehr sehr lange zu leben, als ich dazwischen gegangen bin. Es wäre Verschwendung gewesen, sein Blut einfach in der Erde versickern zu lassen ..."

Sie lachte wieder. "Also habe ich ihn mitgenommen. Ich hatte zum Glück etwas von dem Elixier dabei. In dieser Nacht hatte ich schon etwas getrunken, mehr wäre nicht gut für mich gewesen. Mit dem Elixier und einigen Verbänden hat er überlebt - und ist mir jetzt unendlich dankbar. Er findet, sein Leben gehört mir." Sie grinste frech. "Er war hauptsächlich Knecht bei irgendwelchen Bauern, war aber auch einige Zeit in den Diensten bei Bürgern in der Stadt. Von daher habe ich nicht vor, mir sein Leben so schnell zu nehmen. Es ist zu praktisch, dass er hier ist. Ich finde es sogar angenehm, ihn in meiner Nähe zu haben. Deswegen nehme ich nie sehr viel, und auch nicht jeden Tag."

Ich mochte es nicht, wie sie darüber redete. Zwar fühlte ich mich immer noch leicht und beschwingt - beschwipst, korrigierte ich mich in Gedanken - aber sie benahm sich, als ob er weniger wert wäre. "Du redest über ihn, als ob er oder sein Leben nicht wirklich Bedeutung haben ..."
Sie blickte mich aufmerksam an: "Warum sollte es? Menschen, Elfen, Zwerge, alle haben Blut, was verdammt gut schmeckt. Natürlich ist es schön, wenn einer es freiwillig gibt, doch die Regel ist es nicht. Aber wir leben so viel länger als sie ... Alle Menschen, die auf der Welt waren, als ich das erste Mal getrunken habe, sind jetzt tot. Unabhängig davon, ob sie einer der unsrigen erbeutet hat oder nicht. Welchen Unterschied macht es also?"
"Es sind denkende Wesen so wie du und ich ..."
Sie zog fast gleichgültig die Schultern hoch: "Es werden deutlich mehr Menschen von anderen Menschen getötet als durch unsereins. Weißt du, ich sehe das so: Ein Bauer hat auch seine Lieblingskuh. Aber wenn sie keine Milch mehr gibt, schlachtet er sie doch. Und du? Du isst Fleisch, trägst Leder ... Scheinbar ist es doch in Ordnung für dich, wenn andere Wesen für dich sterben ..."
"Das ist etwas anderes ..."
"Ist es das? Ist es nicht die natürliche Ordnung ...?"

Stille, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Vampire trinken von Menschen, jeder wusste das. Vielleicht wussten die Menschen nicht, warum. Aber dass es so war - das wurde von niemanden bezweifelt.

"Komm Feli, vertragen wir uns wieder. Ich sollte dir auch unsere Sprache beibringen. Zumindest etwas ... Und ich will dir zeigen, wie du einen Menschen einschlafen lassen kannst. Das kannst du auch brauchen, wenn dich welche verfolgen. Und das werden sie vielleicht schneller als es dir lieb ist." Sie nahm meine Laute, reichte sie mir. "Komm, spiele etwas, du hattest es versprochen." Und sie fing auch gleich mit dem Sprachunterricht an, sagte das Gleiche noch einmal in ihrer Sprache. Ihr Blick war so flehend, und ich fühlte mich immer noch leicht beschwipst, so dass ich nach kurzem Zögern die Laute stimmte.

Zaghaft fing ich an zu spielen, doch bald schon wurde ich sicherer. Ich beherrschte die Laute, das wusste ich. Dass ich nicht damit mein Geld verdiente lag eher daran, dass ich nicht zu aufmerksam betrachtet werden wollte. Aber Malou kannte mein Geheimnis, vor ihr musste ich mich nicht verbergen.

So spielte ich und sang - und Malou lauschte. Sie lobte meine Stimme und kommentierte immer wieder meine Stücke. Und immer wieder tat sie es zuerst in ihrer Sprache und übersetzte dann. Irgendwann fing es draußen an zu dämmern. Es wurde Zeit an Schlaf zu denken. Ich ging hoch in Malous Kammer, sie ging in die Kammer nebenan. Mir fiel auf, dass eine der Truhen fehlte. Vermutlich hatte Reo sie nach nebenan gebracht, da Malou mir ja ihre Kammer überlassen hatte.  Es dauerte nicht lange, bis ich tief und fest schlief.
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