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Pax Tecum

von Maline
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P6 / Gen
26.05.2010
26.05.2010
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2.066
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Pax Tecum



Saladin hatte Balduin seit Montgisard nicht mehr persönlich zu Gesicht bekommen.
Er hatte Diplomaten empfangen, hatte Nachrichten und Gerüchte gehört. Aber nie persönlich mit dem König gesprochen.

Es waren beinahe 10 Jahre vergangen. 10 Jahre, in denen fünf Mal das Gerücht eingegangen war, der König von Jerusalem sei gestoben. Und immer wenn die Nachricht eingegangen war, hatte Saladin sich die jungen blauen Augen in Erinnerung gerufen, die sich damals bei Montgisard in sein Gedächtnis gebrannt hatten.
Doch nie hatte sich das Gerücht des Todes bewahrheitet.

Als Saladin Balduin jedoch vor Kerak gesehen hatte, hatte er sich über die Entstehung dieser Gerüchte nicht mehr gewundert.
Der junge und doch so gebrechliche König der Christenheit hatte im Sattel seines mächtigen Schlachtrosses geschwankt, wie ein verlorenes Schiff in einem unendlichen Meer aus tosenden Wellen und wütenden Gezeiten. Trotz allem hatte er sich aufrecht gehalten, den Kopf erhoben, wie es sich eines Königs gebührte.
Dass die linke Hand form- und leblos in des Königs Schoß ruhte, sein Atem schleppend ging wie der eines alten Mannes und die schweren Ringglieder seines Kettenhemdes seine Schultern gen Boden zu zerren schienen, hatte Saladin nicht sehen oder hören wollen.
Mitleid war in Zeiten des Krieges vollkommen unangebracht.

Doch die Maske hatte er nicht ignorieren können.
Während des gesamten Gesprächs hatte Saladin versucht, das junge Gesicht von damals in den silbernen Zügen wieder zu finden.
Doch er hatte sie unter all den eingeprägten Zierranken auf der Eisenhaut nicht erkennen können.
Die blauen Augen hingegen waren noch immer die selben gewesen.
Aber etwas war in ihnen gelegen. Etwas, was dem damaligen Kindskönig gefehlt hatte. Eine Erschöpfung, die kein Schlaf kurieren würde. Eine Weisheit, die Jahre nicht bringen konnten und eine stumme Bitte, die nie ausgesprochen worden war.

Als Saladin Nasir befohlen hatte, seine Leibärzte zum Zelt des Königs zu schicken, hatte dieser nickend und mit einer gewissen Erleichterung dem Befehl Folge geleistet. Als Saladin ihm jedoch unterbreitet hatte, dass er selber gedachte, dem vergehenden Monarchen einen Besuch abzustatten, hatte Nasir vehement abgelehnt.

Doch Saladin wusste, dass dies die letzte Gelegenheit sein würde, ein letztes Wort mit Balduin zu wechseln.

Die Sonne tauchte die staubtrockene Erde bereits in ein blutiges Rot, als Saladin gegen alle Ratschläge und Einwende endlich aufbrach.
Die Armee des Christenkönigs hatte ihre Zelte teilweise innerhalb der Burgmauern von Kerak aufgeschlagen, so dass die Zeltstadt, die sich außen an die Festungsanlage schmiegte, viel zu klein und unbedeutend für das Gefolge eines Königs schien.

Mit einem Lächeln hinter dem schwarzen Schleier seines Turbans, musste Saladin an die Schmach denken, die Balduin dem Herrn von Kerak damit aussprach.
Ein König, der ein Zelt und rauen Wüstensand Rainald de Chatillion’s weichen Federbetten und Gästezimmern vorzog…

Anscheinend hatte man bereits auf Saladins Ankunft gewartet, denn der Herr von Tiberias wartete außerhalb des buntbemalten Königszelts.
Seine Miene glich einer steinernen Maske, in die man all die Müdigkeit und Erschöpfung von Jahren gemeißelt hatte.
Selbst als er sich Auge in Auge mit Saladin fand, regte sich im Gesicht des anderen nichts. Allein der mürrische Zug um seine Mundwinkel schien eine Spur bitterer zu werden.

Doch Saladin übersah diesen bitteren Zug, wie so vieles am heutigen Tag. Nach all den endlosen Jahren des Krieges, war man über solche Dinge hinaus.

„Wie steht es um Euren König?“ fragte er ohne viel Gehabe und postierte sich an Tiberias Seite.

Ein Ruck schien durch den anderen Mann zu gehen, ehe er sich mit einer erschöpften Geste durch das Haar strich, das vor seiner Zeit ergraut war.

„Alle Kraft, die noch irgendwo in ihm steckte, hat er gegen Rainald de Chatillion verbraucht“, gestand Tiberias mit grimmiger Miene. „Ich bezweifle, dass er sich von diesen Strapazen je wieder erholen wird.“

„Wenn er stirbt, wird es Krieg geben.“

„Ich weiß.“ Tiberias Lippen pressten sich ein wenig fester aufeinander. „Ganz Jerusalem weiß es.“

Darauf wusste Saladin nichts zu antworten. Er bedachte Raimund, den Herrn von Tiberias und Galiläa und den Fürsten Tripolis, mit einem Nicken und machte Anstalten, das Zelt des Königs zu betreten.

Im letzten Augenblick fiel ihm Tiberias in den Arm. „Er wünscht, stets alleine zu sein, während man ihn behandelt.“

Saladin schwieg. Er sah in die Augen seines Gegenübers, dass sie eine ebensolche Erschöpfung inne hatten, wie die des jungen Königs nur Stunden zuvor.
Und plötzlich, als habe Tiberias in Saladins Augen ebenso etwas gelesen, ließ er die Hand fallen und gab Saladin frei.
Mit einem letzten Nicken wandte dieser sich von Tiberias ab, schlug die Zeltplane zurück und trat ein.

Flackernde Kerzen versuchten vergeblich ein wenig Licht in die heraufziehende Nacht, die in das Zelt drang, zu bringen.
Saladin musste einen Moment inne halten, bis seine Augen sich an das schwummrige Zwielicht gewöhnt hatten.

Seidene Tücher unterteilen das Zelt in kleinere Abschnitte. Teppiche bedeckten den harten Boden und hielten die Kälte ab, die mit der Dunkelheit herauf kriechen würde.
Ein eigenartiger Geruch stieg Saladin in die Nase und ließ ihn unweigerlich die Nase krausen. Der schwere Geruch nach Krankheit und Verfall hing in der Luft und machte das Atmen schwer.
Der Duft des Todes schien einem auf die Brust zu drücken.
Die duftenden Öle und Rosenblätter, die die Ärzte und Diener in Wasserschüsseln und in anderen Gefäßen verteilt hatten, überlagerten den Gestank nur gering.

Der König saß an der gegenüberliegenden Zeltseite in einem schwer gepolsterten Sessel, während um ihn herum Saladins Leibärzte mit einer geradezu unnatürlich ruhigen Geschäftigkeit ihrer Arbeit nachgingen.
Mit bedachten und doch präzisen Bewegungen wickelten sie Verbände ab und säuberten freigelegte Hautpartien und wunde Stellen mit nassen Tüchern, die verdächtig stark nach Minze duftete.

Der König schien von all den Männern jedoch kaum etwas mitzubekommen. Er war mit geschlossenen Augen tief in die schweren Polster seines Sessels gesunken und schien beinahe zu schlafen.
Neben ihm, beinahe in griffweite, lag die silberne Maske auf einem Kissen. Geradewegs so, als wäre sie ein Körperteil des Königs, welches man ebenso umsichtig behandeln musste, wie seine übrigen kranken und verfallenden Glieder.

Balduin hingegen schien gesamte Behandlung mit einer eigenartigen Erschöpftheit über sich ergehen zu lassen und doch hinderte ihn dies nicht daran, ein Auge zu öffnen, als er Saladin kommen hörte.

„Saladin.“ Sein Atem wirkte noch immer mühsam und angestrengt und doch lag ein Lächeln in seinen entstellten Mundwinkeln.
Der gesamte Rest seines Antlitzes wurde von Bandagen bedeckt, die Saladins Ärzte wohl noch nicht abgenommen hatten. Trotzdem schauderte Saladin bei dem Gedanken, dass dort, wo doch eigentlich eine Nase hätte sitzen sollen, in des Königs Gesicht die Bandagen flach am Kopf auflagen.
Doch Saladin war zu lange der Anführer seines Volkes, als dass er sich diese Gefühlsregung hätte anmerken lassen.

Er nickte dem König knapp zu, ohne eine Miene zu verziehen: „Balduin.“

Auch seine Leibärzte hatten mittlerweile ihren Herren erkannt und hatten in ihrer Arbeit inne gehalten, um in ehrfurchtsvolle Verneigungen zu gleiten.
Mit einem Wink bedeutete Saladin ihnen, ihre Arbeit fortzusetzen. Dem Befehl Folge leistend, kniete sich einer der Männer zu Balduins Füßen und begann dort mit ebenso langsamen wie bedachten Bewegungen die Verbände von den wunden, teils grausam geschwollenen und verfärbten Zehen zu wickeln.

„Ich sehe, Ihr könnt Eure Gefühle nicht immer so gut verschleiern, wie Ihr es früher tatet“, riss Balduins beinahe belustigte Stimme Saladin aus den Gedanken.
Überrascht stellte dieser fest, dass die Arbeit seiner Ärzte ihn doch mehr gefesselt haben musste, als er bemerkt hatte.

Anstatt sich zu einer Entschuldigung hinreißen zu lassen, reckte er das Kinn ein Stück empor. „Sicherlich müsst Ihr große Schmerzen haben“, sagte er, während er die Augen seines Gegenübers nicht aus dem Blick ließ.
Abermals schienen sich Balduins nichtvorhandene Lippen zu einer Art Lächeln zu verziehen. Mühselig zuckte er die Schultern: „Ich spüre nichts. Ich rieche nichts. Und ich sehe kaum etwas. Die beiden ersten Dinge haben zweifelsohne Vorteile, doch mit dem Letzteren werde ich wohl bis an das Ende meines Lebens hadern. Und das wird wiederum nicht mehr lange auf sich warten lassen.”

Saladin trat einen Schritt weiter auf den König zu, obwohl Balduins Augen auf ihm ruhten, als wäre die Sicht des Monarchen tadellos.

„Ich denke nicht, dass wir uns nochmals begegnen werden.“ Saladins Stimme war so leise, dass sie die geschäftige Stille des Zeltes kaum durchbrach.

„Nein“, stimmte Balduin beeindruckend ruhig zu. Noch immer hafteten seine Augen auf Saladin und in ihnen stand ein eigenartiger Glanz. Doch ehe Saladin mit seinen Worten fortfahren konnte, trat einer der Ärzte an Balduins Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Euer Gesicht, Majestät“, murmelte er beinahe lautlos, während seine Augen demütig gen Boden blickten.

„Fahrt fort…“, erwiderte Balduin, ohne Saladin aus den Augen zu lassen. „Er kann es ruhig sehen.“

Wäre Balduins Stimme nicht noch immer verdächtig ruhig gewesen, hätten der Satz und das eigenartige Glänzen in Balduins Augen eher wie eine trotzige Herausforderung gewirkt.

Doch Saladin rührte sich nicht.  Seine Augen hingen an den Händen des Arztes, der nun das Ende des Verbandes gefunden hatte und langsam Stück für Stück des zerstörten Gesichtes frei legte.
Innerlich stockte Saladin der Atem, doch er kämpfte hartnäckig gegen den Zwang an, seinen Blick abzuwenden.
Soviel war er Balduin schuldig. Hier und heute, bei ihrem wohl letzten Treffen auf Erden.

„Meine Schwester…“ Balduins Augen schlossen sich für den Bruchteil eines Herzschlages. Mit einem Mal wirkte er wieder unheimlich müde. „Sie erträgt meinen Anblick nicht. Nicht einmal den Anblick meiner Maske. Sie sagt es niemals offen, aber man sieht es ihr an. Jeder Geste, jedem noch so kleinem Augenblinzeln.“ Abermals schlossen sich seine Augen, ehe er beinahe abwesend seufzte. „Aber ich würde ihr niemals etwas vorwerfen. Ich kann meinen eigenen Anblick ja selbst kaum ertragen.“

Endlich gab Saladin dem unbändigen Drang nach, etwas zu sagen.

„Ihr seid…“ Er zögerte, wusste nicht mehr was er sagen wollte. Oder gar sollte. Welche Worte angemessen waren. Aber gab es überhaupt Worte, die in einem solchen Moment angemessen wären? Was sagte man schon zu einer lebenden Leiche?

„Abscheulich? Schön?” Balduin hustete unterdrückt auf. „Meine Schwester meint das Letztere. Früher habe ich in ihren Augen die Lüge sehen können, aber heute bin ich froh, dass ich ihr Gesicht nicht mehr richtig erkennen kann, wenn sie mir all die schönen Lügen auftischt. Ich nehme sie einfach nur noch hin, ohne mich zu beklagen. Niemand außer ihr nennt mich mehr schön.”

„Nein.“ Saladin schüttelte den Kopf und trat abermals näher. „Ihr seid nicht schön. Vielleicht wart ihr es einst, aber nun nicht mehr.“

Balduin seufzte, als habe man ihm eine Last abgenommen. Als wären diese Worte genau das, was er schon seit Ewigkeiten zu Hören gewünscht hatte und als hätte man ihm endlich eine Tatsache bestätigt, von der er doch schon längst wusste.

„Ihr seid ein König. Mein ärgster Feind. Aber ebenso seid Ihr ein guter Mann, ein großer Heerführer und Taktiker. Diese Dinge sind es, die mich interessieren. Nicht die vergängliche Schale eines Menschen.“

Balduins Atem stockte. Abermals wartete Saladin darauf, dass der König aufhusten würde, doch der Hustenanfall blieb aus. Stattdessen beugte Balduin sich vorn über, als wolle er die Distanz zwischen sich und Saladin überbrücken.

Tränen schienen in seinen Augen zu schimmern.

„Saladin.“ Die Stimme des Königs klang heiser, als er eine beinahe unkenntliche Hand ausstreckte.

Instinktiv trat Saladin einen Schritt vor und war nun nur noch eine Armlänge von Balduin entfernt.

„Wenn Ihr Jerusalem nehmt - und das werdet Ihr - dann bitte ich Euch darum: Schont meinen Neffen. Meine Schwester. Sie sind meine Familie und das Einzige, was mich überleben wird. Ich werde verfallen und vergessen werden, aber sie werden leben und sich an mich erinnern.“

„Ich schwöre es.“ Für einen winzigen Moment ergriff Saladin Balduins Hand.

Doch ebenso schnelle entzog Balduin sie ihm auch wieder, als habe er Angst vor Saladins Zurückweisung. Seinem Ekel.
Er lehnte sich erneut in seinem Sessel zurück, seufzte und nickte kurz. „Ihr ward mein größter Feind, Saladin. Und einer meiner einzig wahren Freunde. Friede sei mit Euch.“

„Wa alaikumu s-salām.“ Saladin nickte seinem Gegenüber zu. „Aber ob Ihr es nun glauben wollt oder nicht, der Friede hat Euch bereits euer ganzes Leben begleitet. Ihr musstet nur bis zu diesem Punkt gelangen, um es zu begreifen.“

Hinter den entstellten Gesichtszügen und der Müdigkeit in Balduins Augen zeigte sich nun endgültig ein letztes Lächeln.

Saladin verneigte sich knapp, ehe er den Blick hob und ebenfalls lächelte: „Gute Reise, Balduin. Und Allah möge Euch gnädig sein.“


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Edit: Titel bedeutet: Friede sei mit dir

und das weiß ich nur, weil ich in Latein immer so gut aufgepasst hab ... *husthust*

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