Tanz der Schmetterlinge - Geboren um zu Leben

GeschichteDrama / P12
25.05.2010
01.08.2010
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25.05.2010 4.308
 
Brenda Leigh Johnson saß auf der Veranda des Hauses ihrer Eltern und starrte mit leerem Blick in den Garten hinaus. Neben ihr auf einem Tisch stand ein Teller mit einem großen Stück Schokoladenkuchen, den ihre Mutter ihr gebracht hatte. Doch Brenda mochte nichts essen. Sie wollte am Liebsten gar nichts tun, außer hier auf der Veranda zu sitzen. Es war Sommer und die Natur schien vor Wonne zu strahlen.

Ich wäre so gern eine Blume, dachte sie. Eine Blume, die sich im Wind wiegt, zusammen mit vielen anderen schönen Blumen. Vielleicht würde sie ab und zu ein Bienchen mit ihrem Besuch beehren, oder ein Käfer, oder eine Hummel.
Sie seufzte. Atlanta war soviel schöner als LA. Wie hatte sie nur je nach LA ziehen können? Doch hätte sie es nicht getan, wäre sie niemals Fritz begegnet und hätte nie eine Familie gegründet. Das Leben mit Fritz und ihrer Tochter Melinda war die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Nun war Fritz fort und sie wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Wie sollte sie Melinda beibringen, dass ihr Daddy fort war und zwar für immer? Bis jetzt hatte sie ihr gegenüber behauptet, Fritz sei auf einer Geschäftsreise. Es war nicht gut gewesen, das Unvermeidbare hinauszuzögern. Doch sie brauchte Zeit. Zeit, um zu verstehen, was passiert war.

Und so hatte sich Brenda, die sich in LA nie wirklich heimisch gefühlt hatte, dazu entschlossen ihren Job bei Major Crimes aufzugeben, hatte ihre Koffer gepackt und war ohne nachzudenken mit Melinda zu ihren Eltern nach Atlanta geflogen. Es war nichts als eine Flucht gewesen. Eine Flucht vor den schrecklichen Geschehnissen. Sie wollte vergessen. Denn sie fühlte sich schuldig am Tod ihres Mannes. Hätte sie ihn in diesem Fall doch nur nicht um Hilfe gebeten... Dann wäre er niemals an diesem Einsatz beteiligt gewesen. Und wäre niemals ums Leben gekommen, bei dem Versuch ihr Leben zu retten.

Melinda hatte in ihrem Vater immer so etwas wie einen Helden gesehen. Und sie hatte recht gehabt...

Seit jenem Tag waren vier Wochen vergangen, in welchen Brenda versucht hatte Melinda die Zeit so schön wie nur möglich zu gestalten. In der letzten Woche hatten sie ihren achten Geburtstag gefeiert und ihre Mutter Willie Rae hatte alle Kinder aus der Nachbarschaft eingeladen. Melinda war begeistert gewesen! Sie schien den Aufenthalt in Atlanta sehr zu genießen. Das war ja auch nur zu verständlich. Für ein Kind, das in LA zur Welt gekommen war, musste Atlanta ein wahres Paradies sein.
Brenda bedauerte ein wenig, dass sie die Schönheit ihrer Heimat nie richtig zu schätzen gewusst hatte.

Für sie war immer nur die Karriere wichtig gewesen. Dass sie dafür ständig den Wohnsitz hatte wechseln müssen, war ein Preis gewesen, den zu zahlen sie jederzeit bereit gewesen war. Was machte es schon, von Atlanta nach Washington D.C. zu ziehen, um schon wenige Jahre später nach LA umzuziehen, einer Stadt, die am anderen Ende der USA lag? Für einen Workaholic wie Brenda hatte das keinen Unterschied gemacht.

Dass dabei ihr Verhältnis zu ihrer Familie auf der Strecke blieb, hatte sie gar nicht richtig wahrgenommen. Nur manchmal, in ihren schwachen Momenten hatte sie ein wenig Sehnsucht nach ihren Eltern verspürt.
Doch jetzt in diesem Augenblick war sie froh, endlich wieder in ihrer Heimat zu sein.

Im Haus ihrer Eltern.

Dem Haus, in dem sie mit ihren drei Brüdern zusammen aufgewachsen war.

In den letzten Wochen hatte sie oft an ihre Kindheit gedacht. Und an ihre Jugend. Sie hatte sich gefragt, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie sich nicht dazu entschlossen hätte, Polizistin zu werden. Wenn sie nicht zu der CIA gegangen wäre.

Vielleicht wäre sie Lehrerin geworden, oder Journalistin.

Vielleicht hätte sie ein ganz einfaches bürgerliches Leben geführt.

Wer weiß?

Dann hatte sie an ihre kleine Tochter gedacht und sich gefragt, welchen Weg sie wohl einschlagen würde.  Zur großen Freude ihrer Großeltern liebte Melinda die Musik und war sehr talentiert. Sie spielte Klavier und Violine. Aber auch Sport mochte Melinda sehr gern. Fechten war ihre Lieblingssportart.
Brenda war sehr stolz auf Melinda und unterstützte sie in allem, was sie tat. Insgeheim war sie sehr froh, dass ihre Tochter scheinbar kein großes Interesse daran hatte, einmal in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten.

Und sie wünschte sich sehnlichst, dass es auch dabei bleiben würde.

Ich möchte nicht, dass meine Kleine tagtäglich mit skrupellosen Verbrechern, Mördern, oder Kinderschändern zu tun hat, dachte Brenda. Natürlich könnte sie es Melinda nicht verbieten, aber versuchen würde sie es wahrscheinlich schon.
Verflixt und zugenäht, sie war ihre Mutter, natürlich wollte sie nicht, dass Melinda einen solch gefährlichen Beruf ausübte! Keine Mutter dieser Welt wollte das!
Aber, Brenda schluckte, aber verhindern konnte sie es trotzdem nicht.

Ihre Eltern hatten auch nicht verhindern können, dass sie zur CIA ging.

Sie hatte ihren eigenen Kopf gehabt.

Ihre eigenen Vorstellungen vom Leben. Nein, ihre Eltern hätten sie niemals davon abbringen können...

Wenn Melinda genauso ein Dickkopf war wie sie, dann würde auch sie ihren Willen durchsetzen. Sei doch mal ehrlich, Brenda, dachte Brenda, du hast es doch nie bereut, dich für diesen Weg entschieden zu haben. Das stimmte. Sie hatte ihren Job immer gern gemacht. Und sie hatte ihn gut gemacht.
Im Laufe der Jahre hatte sie dank ihres Jobs so viele Erfahrungen im Umgang mit Menschen gemacht. Erfahrungen, die sie in einem anderen Beruf nicht gemacht hätte. Jedenfalls nicht in dieser Art und Weise.

Denn ein Verhör zu führen, das war eine Kunst.

Man musste sich in den Gegenüber hineinversetzen können, seine Gedanken lesen und sich innerhalb von Sekunden für eine bestimmte Vorgehensweise entscheiden, die , je nach Person,  individuell ausfiel.

Und das war noch nicht alles: Ihr Job war es, zu lügen, um die Wahrheit finden zu können.

Eine bizarre Logik.

Und manchmal geriet man in einen Gewissenskonflikt, wenn es darum ging, die richtige Entscheidung zu treffen.

Das war nicht jedermanns Sache. Aber sie konnte es.

Und hatte damit so manch kniffligen Fall lösen können.

Und sich den Respekt der Mitarbeiter von Major Crimes verdient.

Die Arbeit mit ihrem Team war etwas ganz Besonderes gewesen: Mit Provenza, der ziemlich bequem war, aber trotzdem sehr viel Gutes zur Lösung eines Falls beitragen konnte.

Mit Andy Flynn, der sehr charmant und intelligent war.

Mit Sanchez, der ein sehr aufbrausendes Temperament hatte.

Mit Michael Tao, dem größten Spezialist in Sachen Technik, den Brenda je getroffen hatte.

Und natürlich mit David Gabriel, einem jungen Mann, der es mit seiner Intelligenz sehr weit bringen würde.

Ja selbst Taylor, diesen Idioten, hatte sie im Laufe der Zeit mögen und schätzen gelernt.

Und nicht zu vergessen Will Pope, der ihr Vertrauter und Freund beim LAPD gewesen war.

Sie alle waren ihr ans Herz gewachsen.
Es hatte sie sehr berührt, dass sie ihren Entschluss, Los Angeles zu verlassen, mit tiefer Bestürzung aufgenommen hatten. Sie hatten wirklich alles versucht, um sie umzustimmen, aber...

Aber sie konnte nicht bleiben.
Es ging einfach nicht.

Die Erinnerungen waren zu schmerzhaft. Brenda hatte das Gefühl seit dem Tod von Fritz alles nur noch halbherzig zu machen.

Sie funktionierte nur noch, oder auch nicht.

Ihre Arbeit bedeutete ihr nichts mehr.

Sie hatte nur noch an einem letzten Fall gearbeitet.

Sie hatte sogar eine Nachtschicht eingelegt, um diesen Fall aufzuklären. So schnell wie nur irgend möglich.

Denn sie hatte nur einen Wunsch gehabt:

Sie hatte ihn finden wollen!

Den Mörder ihres Mannes.

Den Mörder, der ihr den Ehemann und Melinda den Vater genommen hatte.

Sie hatte ihn fassen, überführen und zur Rechenschaft ziehen lassen wollen.
Und sie hatte es geschafft!

Das entscheidende Verhör allerdings hatte dann Will Pope geführt, was Brenda beinahe um den Verstand gebracht hätte.

„ Nein Will, das muss ich tun. Verstehst du, ich muss dem Mann in die Augen sehen, der mich zur Witwe und meine Tochter zur Halbwaise gemacht hat!“, hatte sie ihn angeschrien.

Doch er hatte sich nicht aus der Fassung bringen lassen und erwidert.

„ Tut mir leid, Brenda, aber das kann ich nicht erlauben. Ich habe bereits meine Befugnisse überschritten, als ich dich die Ermittlungen führen ließ. Eigentlich ist das verboten, da du in diesem Fall als Zeugin auftrittst. Aber...“

Sie hatte ihn mit schriller Stimme unterbrochen:

„ Genau! Ja, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie dieser Bastard Fritz umgebracht hat.

Ich habe gesehen, wie Fritz zusammenbrach.

Er ist in meinen Armen gestorben!

Vor meinen Augen und ich konnte nichts tun!“

Tränen waren ihre Wangen hinab gelaufen und sie hatte bitterlich zu weinen begonnen. Will hatte sie in die Arme genommen und ihr übers Haar gestrichen. Schweigend. Denn er hatte nichts sagen können, was Brenda in diesem Moment getröstet hätte.

„ Will?“,

hatte er sie plötzlich mit leiser Stimme sagen hören,

„ Bitte sorge dafür, dass er für Fritzy’s Tod bezahlt. Bitte.“

Sie hatte sich aus seiner Umarmung gelöst und ihn mit festem Blick angeschaut. Will hatte genickt und ihre Hand genommen.

„ Ich verspreche es dir!“

Dann hatte er sich auf den Weg zum Verhörraum begeben. Langsam hatte sich Brenda vor die Monitore im Elektronikraum gesetzt und den gleichgültig dasitzenden Mann angestarrt. Jetzt wirst du büßen, du Schwein, hatte sie gedacht und bitter gelächelt. Gespannt hatte sie beobachtet, wie Will den Verhörraum betrat und dem Täter seine Rechte zu erklären begann.

„ Sie haben das Recht zu schweigen, denn alles, was Sie sagen kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Wenn Sie sich keinen leisten können, wird Ihnen vom Staat einer gestellt.“...

Selbstverständlich hatte er gestanden – die Beweislast gegen ihn war erdrückend gewesen – und selbstverständlich würde er verurteilt werden.
Dennoch hatte es Brenda nicht die Befriedigung gegeben, die sie sich erhofft hatte.

Denn es änderte rein gar nichts.

Fritz Howard war tot und würde nie wieder kommen.

Niemals.

Brenda spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen zu füllen begannen. Sie war gerade verzweifelt darum bemüht, sich die Tränen wegzuwischen, als sie eine warme Hand auf ihrer Schulter spürte.

„ Es ist so ein wunderschöner Sommertag.“,

stellte Willie Rae mit sanfter Stimme fest und setzte sich zu ihr.

Das hatte sie immer so gemacht, wenn Brenda als Kind traurig gewesen war.
Sie hatte sich zu ihr gesetzt und ihr Gesellschaft geleistet.
Ohne ein Wort, ohne eine Frage.
Sie hatte ihr einfach durch ihre bloße Anwesenheit Trost gespendet. So tat sie es auch jetzt und Brenda war ihr sehr dankbar dafür.

Still rückte sie näher zu ihrer Mutter heran, ließ sich von ihr in den Arm nehmen und kuschelte sich an ihre Schulter.

„ Wie geht es Melinda?“,

fragte sie leise.

„ Oh, sie erkundet gerade den Dachboden. Zusammen mit deinem Vater. Ich bin wirklich gespannt, was sie dabei alles finden.“,

erwiderte ihre Mutter schmunzelnd.
Brenda lächelte, als sie sich vorstellte, wie ihre Kleine den Dachboden unsicher machte und ihr Großvater ihr alle möglichen Geschichten aus Brendas Kindheit erzählte.
Manche Dinge schmückte er wahrscheinlich aus, damit sie spannender und witziger klangen.
Nein, um Melinda musste sie sich vorerst keine Sorgen machen. Sie war hier gut aufgehoben.

Und was war mit ihr selbst? Wie sollte es weitergehen mit ihrem Leben?

Immerhin konnte sie nicht ewig stundenlang auf der Veranda ihrer Eltern verweilen und darauf hoffen, dass die Zeit verstrich.
Dass wieder ein Tag vorüberging.
Wieder ein Tag ohne Fritz.
Sie hatte die absurde Hoffnung, eines Tages aufzuwachen und alles würde wieder so wie früher sein....

Als ob Willie Rae die Gedanken ihrer Tochter lesen konnte – also, vielleicht tat sie das ja wirklich! – strich sie Brenda durchs Haar.

„ Du kannst mit Melinda solange bei uns bleiben, wie du magst, Brenda Leigh. Das weißt du doch, nicht wahr?“,

sagte sie leise. Brenda nickte:

„ Ja, Momma, das weiß ich.“

Das wusste sie wirklich und sie wusste auch, dass dieses Angebot nicht ganz uneigennützig war.
Willie Rae und Clay Johnson waren überglücklich, ihre Tochter und ihre Enkelin bei sich zu haben. Die Distanz zwischen Atlanta und Los Angeles war einfach zu groß für regelmäßige Besuche, worüber die beiden sehr unglücklich gewesen waren.

Erst jetzt wurde Brenda wirklich bewusst, wie sehr ihre Eltern sie vermisst hatten.
Und erst jetzt begann sie zu begreifen, wie wichtig die Familie war.
Wie wichtig es war, Rückhalt zu bekommen von Menschen, die einen bedingungslos liebten.
Die einem jeden Fehler verziehen.

Und Brenda wurde von ihren Eltern geliebt.

Und sie schämte sich dafür, dass sie sie so oft vernachlässigt hatte.

Sie schämte sich, dass ihre Arbeit ihr immer wichtiger gewesen war, als ein Besuch bei ihren Eltern.

Das hatten die beiden nicht verdient.

Sie hatten immer alles für Brenda getan, wirklich alles.

Es war an der Zeit, ihnen etwas davon zurückzugeben. Sie wollte die beiden nie wieder enttäuschen.

Wie viele Menschen konnten von der bedingungslosen Liebe ihrer Eltern nur träumen...

Aus Erfahrung wusste Brenda nämlich, dass die Liebe der Eltern heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr war. Im Rahmen ihrer Ermittlungen hatte Brenda unzählige Male Eltern getroffen, denen alles andere wichtiger zu sein schien, als ihre eigenen Kinder.

Drogen.

Sex.

Alkohol.

Was auch immer, die Liste schien endlos zu sein. #

Das war so traurig und absurd!

Brenda wäre nichts auf der Welt eingefallen, das ihr wichtiger gewesen wäre, als ihre Tochter. Bis zum Tag von Melindas Geburt hatte sie nur für ihre Arbeit gelebt.
Tag und Nacht hatte sie über ihren Fällen gebrütet. Nichts hatte sie bremsen können.
Im Nachhinein kam es Brenda vor, als wäre sie förmlich besessen von ihrer Arbeit gewesen. Sie hatte ihr das Gefühl gegeben wichtig und nützlich zu sein. Dass sie etwas zum Wohle der Gesellschaft beitragen konnte. Denn trotz ihrer selbstsicheren Fassade, war sie in ihrem Innern eine sehr ängstliche Frau gewesen.

Voller Selbstzweifel.

Wann immer in ihrem Leben etwas aus dem Ruder gelaufen war, hatte sie als erstes bei sich die Schuld gesucht.
Und da hatte es genug Dinge gegeben, die gründlich schiefgelaufen waren:

eine gescheiterte Ehe,

die Affäre mit Will Pope (für dessen Existenz sie noch heute manchmal bezahlen musste)

und zahlreiche andere unglückliche Beziehungen.

Dann ihr desaströses Essverhalten, verbunden mit ihrer unbesiegbaren Sucht nach Schokolade.

Ihr unmöglicher Fahrstil, der ihr schon unendlich viele Strafzettel eingehandelt hatte.

Die alte Brenda hatte diese Probleme für unüberwindbar gehalten.

Einfachste Lösung:

Arbeiten gehen.

Keine Zeit zum Nachdenken.

Verdrängen.

Die neue-alte Brenda sah das jetzt etwas anders. Ihrer Meinung nach waren viele Probleme zwar unüberwindbar (oder zumindest war es schwierig), aber über sie zu reden half, um besser mit ihnen leben zu können.
Das hatte sie Fritz gelehrt: Offenheit und Vertrauen als bestes Rezept gegen Sorgen und Ängste.

„Wenn du traurig bist und nicht mehr weiter weißt, komme zu mir und erzähle, was dich bedrückt. Schäme dich nicht für deine Probleme. Glaub mir, ich werde dich für das, was du fühlst niemals verurteilen. Niemals, Brenda. Du bist meine Frau und ich wünsche mir, dass du glücklich bist. Hab Vertrauen. In mich. In uns. Denn, wenn man sich nicht dem Menschen anvertrauen kann, den man liebt, wem dann?“,

hatte er in seinem Ehegelübde gesagt – und er hatte dieses Versprechen nie gebrochen...

Brenda war keine Träumerin, sondern in ihrer Denkweise eher rational.
Aber dieser Satz hatte etwas ganz tief in ihr berührt.

Vielleicht war es ja doch gar nicht so übel, über seine Probleme zu sprechen.

Ab und zu.

Als dann Melinda zur Welt gekommen war und Brenda sie das erste Mal im Arm gehalten hatte, ihre winzigen Hände gesehen und ihre weiche, zarte Haut gespürt hatte, war ihr bewusst geworden, dass es mehr gab, als nur Arbeit.

Dieses winzige, zerbrechliche Wesen brauchte sie.

Brauchte ihre Liebe und Fürsorge.

Und Brenda brauchte sie.

Sie hatte eine neue Aufgabe bekommen: die Rolle der Mutter. Und sie hatte sich geschworen, dieses Kind – ihr Kind – zu beschützen.
Seine Bedürfnisse über ihre zu stellen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte ihr Beruf keinen Vorrang mehr, was nicht hieß, dass sie ihn nicht trotzdem genauso sorgfältig und engagiert ausübte, wie früher. Doch ihr Privatleben nahm nun einen wesentlich größeren Teil ihres Lebens ein und Melinda stand für Brenda an erster Stelle.
Ihre Mutter hatte einmal gesagt, es gäbe nichts Schlimmeres, als den Schmerz des Vermissens. Und der Schmerz, den man fühlte, wenn man das eigene Kind vermisste, war besonders schlimm.
Es bereitete ihr noch immer ein schlechtes Gewissen, wenn sie an jenes Weihnachten vor zehn Jahren dachte.

Um einem Bankräuber auf der Spur zu bleiben, der nach Atlanta geflüchtet war, hatte Brenda so getan, als wolle sie mit Fritz ihre Eltern besuchen und mit ihnen zusammen Weihnachten feiern. Als ihr Vater ihre Lüge aufgedeckt hatte, war er sehr enttäuscht und traurig gewesen.

Noch heute schämte sich Brenda dafür, ihre Eltern damals benutzt und hintergegangen zu haben.

Und damals hatte ihre Mutter etwas zu ihr gesagt, was sie bis heute nicht vergessen hatte:

Vielleicht wirst du es eines Tages auch erfahren:
Das Kind, dass am seltensten zu Besuch nach Hause kommt, ist das Kind,
was du am meisten sehen möchtest.

Du hattest Recht, Momma, dachte Brenda, du hattest ja so recht.

Wenn sie sich vorstellte, ihr könnte später mit Melinda genau dasselbe passieren, wurde ihr das Herz schwer.

Sie konnte sich nicht vorstellen, einmal so weit von ihrer Tochter entfernt zu sein.

Sie konnte es jetzt schon kaum ertragen, wenn sie auch nur wenige Stunden von Melinda getrennt war.

Die Liebe, die man für sein Kind verspürte, war unermesslich und einzigartig. Wer auch immer ihr dieses Geschenk gemacht hatte, Brenda dankte ihm von Herzen. Doch nun schien dieser Jemand es sich anders überlegt zu haben.
Er hatte ihr Glück von einem Moment auf den anderen zerstört und ihre kleine Familie auseinandergerissen.

Vielleicht war das Schicksal aus irgendeinem Grund böse auf sie.

Vielleicht hatte sie ja irgendetwas falsch gemacht.

Vielleicht...vielleicht war das alles allein ihre Schuld...?

Aber, warum hatte dann Fritz sterben müssen? Er hatte ganz sicher nichts falsch gemacht. Er war ihr ein wundervoller Ehemann gewesen. Er war Melinda ein wundervoller Vater gewesen. Also warum hatte man ihn für ihre Fehler bestraft? Warum?

Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen und dieses Mal versuchte Brenda gar nicht erst, sie zu unterdrücken.
Nein, das Schicksal hatte nicht Fritz bestrafen wollen, sondern sie.

Indem es ihr das Liebste nahm, was sie hatte.

Aber zum Glück gab es da jemanden, für den Brenda stark sein musste und wollte:

die kleine Melinda Howard – ihre Tochter.

Die würde ihr nichts und niemand wegnehmen, nicht so lange sie lebte! Sie hätte für ihre Tochter einfach alles getan. Doch momentan fühlte sich Brenda dieser Aufgabe nicht gewachsen. Sie fühlte sich schwach und klein und hilflos. Doch sie musste kämpfen. Für sich, aber vor allem für Melinda.

Sie war so froh, dieses kleine Mädchen zu haben.
Die Kleine war das einzige, was ihr von Fritz blieb.
Sie hatte seine Augen.
Sein warmherziges Lächeln.
Seine Ernsthaftigkeit.
Sie war der ganze Stolz ihres Vaters gewesen.

Kurz bevor er in ihren Armen gestorben war, hatte Fritz noch mit schwacher Stimme gesagt:

„ Versprich mir, dass du auf dich und Melinda aufpasst. Dass du, nein ihr, einen Weg findet, glücklich zu sein.

Mehr wünsche ich mir nicht...
Du...du bist...die Liebe meines Lebens...Brenda.“

Das war das schönste, was er je zu ihr gesagt hatte.
Das war verrückt:
Wie konnte der schlimmste Moment ihres Lebens gleichzeitig auch der schönste und innigste Moment sein?
So paradox es auch klang, doch Brenda hatte sich Fritz nie näher gefühlt, als in jenem Augenblick...
Ihr war bewusst geworden, dass das, was sie für diesen Mann empfand, stärker war, als der Tod.

Die tiefe Liebe, die sie füreinander empfanden, würde niemals sterben.

Fritz würde immer in ihrem Herzen weiterleben.

In ihrem und auch in Melindas Herzen.

Und genau deshalb würde sie kämpfen.

Für sich.

Für Melinda.

Und für Fritz.

Doch um ein neues Leben beginnen zu können, musste sie zu allererst Melinda reinen Wein einschenken. Musste ihr von den schrecklichen Geschehnissen erzählen...eine schwierige Aufgabe.
Dann galt es für sich und Melinda ein neues Zuhause zu finden.

Aber nicht in Los Angeles, denn dorthin wollte Brenda auf keinen Fall mehr zurück.

Dort gäbe es mit Sicherheit sehr viele liebe Menschen, die sie willkommen heißen würden. Die ihr den Rücken stärken und sie unterstützen würden, wo sie nur konnten.
Es war schon merkwürdig: als sie damals nach LA gezogen war, hatte sie dort niemanden gehabt. Nur ihre Arbeit.
Doch jetzt hatte sie dort viele Freunde und würde nicht allein dastehen.

Doch auch wenn ihr Verstand Brenda riet wieder nach Los Angeles zurück zu kehren, sie konnte es nicht tun.
Im Laufe der Jahre hatte sie sich in dieser Stadt ein neues Leben aufgebaut.

Ein Leben mit Fritz.

Das war ja gerade das Problem.

Und jetzt, da Fritz tot war, gab es in LA nichts mehr, woran ihr Herz hing.

Glück und Unglück lagen manchmal sehr nahe beieinander.

Eigentlich, dachte Brenda, eigentlich gibt es nur einen Ort, an dem ich mir mit Melinda zusammen ein neues Leben aufbauen könnte. Sie war schon in vielen Großstädten der USA gewesen, hatte sich jedoch nirgendwo wirklich heimisch gefühlt.
Sie hatte sich immer gefragt, woran das lag.

Vielleicht daran, dass Veränderungen für sie ein Graus waren, was zur Konsequenz hatte, dass sie so gut wie gesellschaftsunfähig war?

Oder vielleicht daran, dass sie es einfach zu anstrengend fand, ständig neue Kontakte knüpfen zu müssen, um nicht gänzlich zu vereinsamen?

Oder war es ihr mangelnder Orientierungssinn?

Dabei war die Erklärung doch so naheliegend und simpel:
sie vermisste ihre Heimat und die befand sich im Bundestaat Georgia und hieß Atlanta!

Es hatte Brenda immer geärgert, wenn man sich über ihren - ach so lustigen -Südstaatenakzent  amüsiert hatte. Spitznamen, wie Scarlett O’Hara, oder Miss Atlanta waren noch die harmlosesten Sticheleien gewesen. Immer diese dämlichen Klischees...
Im Grunde genommen aber war sie stolz darauf, aus Georgia zu stammen, denn sie liebte die Mentalität, die man in den Südstaaten pflegte.
In Städten wie Washington,  New York oder Los Angeles waren die Menschen, mit denen Brenda zutun gehabt hatte oftmals sehr versnobt, unglaublich gut darin, an Menschen, die nicht ihrem Ideal entsprachen, herumzumäkeln und vergaßen dabei oft selbst ihre ach so guten Manieren.
Natürlich konnte sie nicht für alle Südstaaten sprechen, aber da wo Brenda aufgewachsen war, waren die Menschen wesentlich umgänglicher und...nun ja, irgendwie menschlicher.

„ Brenda, was hältst du davon, mit Melinda zu uns nach Atlanta zu ziehen? Dann wärst du wieder in vertrauter Umgebung und wir könnten uns öfter sehen.“,

hörte Brenda ihre Mutter plötzlich sagen und schreckte aus ihren Gedanken hoch.

„ Ist das dein Ernst?“,

fragte sie leise und setzte sich auf. Willie Rae nickte und lächelte verschmitzt:

„ Nun, ich gebe zu, der Gedanke ist nicht ganz uneigennützig. Es ist nur so, dass...“

Doch sie kam nicht dazu, ihren Satz zu beenden, denn Brenda umarmte sie stürmisch und küsste sie auf die Wange. Dann blickte sie ihre Mutter voller Wärme und Sehnsucht an.

„ Nein, Momma, du brauchst nichts zu erklären. Ich verstehe dich ja!“,

sie lächelte,

„ Ich fände es schön, wieder in Atlanta zu wohnen. So wie früher. Für Melinda wäre es bestimmt auch gut. Aber...“

Sie stockte und ihre Mutter nickte verständnisvoll.

„ Ich weiß, du brauchst noch ein bisschen Zeit. Aber es ist schön, dass du es in Erwägung ziehst.“

Brenda senkte den Kopf und kämpfte wieder mit den Tränen. Willie Rae seufzte und nahm ihre Tochter in die Arme:

„ Ach Engelchen, es tut mir so unendlich leid.“

Brenda tat die Fürsorge ihrer Mutter gut und sie bekannte leise:
„ Ich vermisse ihn so sehr. Immer, wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn, wie er in meinen Armen liegt. Das schmerzverzerrte Gesicht. Und überall ist Blut und...oh Gott.“

Sie verstummte und schluchzte.

Nacht für Nacht hatte sie diese schrecklichen Albträume und wachte schweißgebadet auf.

Am ganzen Körper zitternd.

Voller Angst wieder einzuschlafen und wieder diese Bilder sehen zu müssen.

Wieder und wieder diesen Tag durchleben zu müssen.

Diesen Schmerz zu spüren.

Sie hatte versagt. Als Polizistin.

Sie hatte einen Fehler gemacht. Einen fatalen Fehler, der ihrem Mann, der Liebe ihres Lebens, zum Verhängnis geworden war.

Brenda hatte keine Ahnung, wie sie sich das jemals verzeihen sollte. Sie hatte versagt. Und das war nicht zu entschuldigen. Genau deshalb hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie war zu Will Pope gegangen und hatte ihm schweigend ihre Waffe und ihr Dienstabzeichen ausgehändigt.
Dieser war vollkommen entsetzt gewesen und hatte sie gebeten, noch einmal darüber nachzudenken.
Doch Brenda hatte den Kopf geschüttelt und mit fester Stimme erwidert:

„ Nein Will, ich habe mich entschieden. Ich verdiene es einfach nicht, weiterhin die Waffe und das Abzeichen zu tragen. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.“

Will hatte genickt.

„Ist das jetzt ein Abschied für immer?“,

hatte er sie mit ernstem Gesicht gefragt.

„ Bitte Will, mach es mir nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist. Du kennst doch die Antwort.“, hatte sie erwidert.

Will hatte verstanden und ihr sanft über die Hand gestrichen. Sie hatten einander schon immer blind verstanden.
Das war einer der Gründe, weshalb Brenda so gern mit Will Pope zusammengearbeitet hatte. Er würde ihr fehlen, genau wie all die anderen ihr fehlen würden.

Sie hatte eine wirklich gute Zeit bei Major Crimes gehabt.

Sie hatte immer dort bleiben wollen, denn ihr Team war ihre zweite Familie gewesen.

Sie hatte ja auch bleiben wollen.

Sie hatte es versucht, doch es hatte sich nur noch falsch angefühlt.

Es hatte sie gequält, in ihrem Büro zu sitzen.

Über einem Fall zu brüten.

So, als wäre nichts passiert.

Alles war einem Albtraum gleich gekommen und irgendwann hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Ihr war schlagartig klar geworden, dass sie jetzt schnell handeln musste.

Denn hätte sie gezögert – das war Brenda bewusst geworden – hätte sie früher oder später Major Crimes zu hassen begonnen.

Sie hätte ihren Beruf, den sie über so viele Jahre hinweg geliebt hatte, mit einem Mal gehasst.

Und das hatte sie nicht zu lassen können und wollen. Deshalb hatte sie einen sauberen Schnitt gemacht. Auch wenn dies ein Stich ins Herz gewesen war. Aber besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende...

Wie sagte man immer so schön? Jedem Ende wohnte ein Anfang inne.

Ein Neuanfang.
Ein neues Leben.

Ein Leben ohne Fritz

...oh Gott, Fritzi...