Confinement

OneshotHumor / P12
17.05.2010
17.05.2010
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Disclaimer:
Die Handlung und die Charaktere des FF VII Universums gehören nicht mir, sondern Square Enix, und ich mache mit dieser Geschichte kein Geld.

Kommentar:
Da meine erste FF-VII-Fanfic so gut angekommen ist, dachte ich, ich lade gleich mal die nächste hoch. :)
Diese Geschichte ist schon etwas älter und war meine erste FF über die Turks. Geschrieben wurde sie als Wichtelgeschichte für Naboru Narluin bei LiveJournal.
Es ist KEIN Shônen-Ai (zumindest kein geplantes ;P) - aber wer möchte, kann das natürlich gerne reininterpretieren. ;)

Ausgangssituation / Zusammenfassung:
Nach dem Reaktor-Vorfall in Corel wird Rufus Shinra wegen Korruption unter Hausarrest gestellt und von den Turks in Gewahrsam genommen. Obwohl er für die Menschheit im Allgemeinen - und die Turks im Speziellen - keine große Liebe empfindet, fällt es Rufus schwer, sich auf Dauer von ihr abzugrenzen, zumal viereinhalb Jahre doch eine verdammt lange Zeit sind...



Confinement


He hasn't an enemy in the world – but all his friends hate him.
(Eddie Cantor)



"Hey, was guckst'n so grimmig?"
Und es begann schon wieder. Schon seit Tagen ging ihm dieser Typ auf die Nerven.
Rufus schloss die Augen und zählte innerlich bis zehn, bevor er den Rotschopf und seinen Kameraden auf der anderen Seite der Panzerglasscheibe musterte und kühl entgegnete:
"Ich werde gegen meinen Willen hier gefangen gehalten – welchen Grund hätte ich, nicht schlecht gelaunt zu sein?"
Der andere grinste.
"Da is' was dran", drang seine Stimme aus dem Lautsprecher über Rufus' Kopf.
Er steckte lässig die Hände in die Hosentaschen. "Aber du kannst nich' ständig böse gucken und alle Leute hier angiften. Vielleicht bist du ja noch länger hier, wer weiß das schon? Bei dem Mist, den du verbockt hast, würd' mich das nich' wundern..."
Rufus spürte, wie seine Wangen vor Wut heiß wurden und wollte gerade etwas erwidern, als der schweigsame Begleiter des rothaarigen Turk ihm zuvorkam: er sah seinen Kameraden an und schüttelte dabei warnend den Kopf.
Seltsamerweise schien die stumme Geste zu genügen, denn der andere zuckte nur mit den Schultern und ging nicht weiter auf dieses Thema ein.
Stattdessen erschien wieder dieses unglaublich süffisante Grinsen auf seinem Gesicht, das in Rufus stets das Bedürfnis erweckte, es eigenhändig wegzuprügeln.
"Wie auch immer", fuhr der Rotschopf fort. "Jedenfalls dachte ich, wir leisten dir mal 'n bisschen Gesellschaft, damit du nich' ganz allein bist und 'n noch größerer Soziopath wirst, als du eh schon bist."
"Danke, kein Bedarf."
Die eisige Bemerkung prallte jedoch einfach an dem anderen ab, denn er fuhr fröhlich fort:
"Vielleicht stell ich mich einfach mal vor..."
"Es interessiert mich einen Scheißdreck, wie du heißt", unterbrach ihn Rufus genervt.
Doch der andere Mann ignorierte ihn erneut.
"Mein Name is' Reno und das hier-" Er deutete auf seinen Begleiter. "- is' mein Hetero-Lebenspartner Rude."
".....?!"
"Komm schon, Rude, sag auch mal was."
"....."
"Na ja, besonders gesprächig ist er nich' drauf, wie du siehst..."
Rufus verschränkte die Arme vor der Brust, während er versuchte, die beiden Turks mit Blicken zu töten. Leider erfolglos.
Dann wandte er sich ab und blickte aus dem Fenster seines Gefängnisses, das ihm einen atemberaubenden Blick auf Midgar gewährte. Durch die dicke Glasscheibe, die ihn von der Außenwelt trennte, war die Stadt für ihn jedoch leider ebenso atemberaubend wie unerreichbar.
"Hey, jetzt ignorier mich nicht!", rief Reno ihm nach. "Ich versuch hier, nett mit dir zu reden-"
"Primär gehst du mir auf die Nerven", entgegnete Rufus, während er für einen Moment frustriert die Stirn an die Fensterscheibe lehnte. Dann sah er wieder zu den beiden Turks hinüber.
"Ich brauch deine Gesellschaft nicht, und dein Mitleid schon gar nicht, also verschwinde!", sagte er. "Und nimm deinen komischen Freund mit, es macht mich wahnsinnig, wie er mich die ganze Zeit anstarrt!"
".....!"
"Aber-"
"Ich sagte, ihr sollt abhauen!", wiederholte Rufus und genoss es für einen Moment regelrecht, den verletzten Ausdruck auf Renos Gesicht zu sehen, bis der Turk es schließlich schaffte, seine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen und hinter dem üblichen selbstsicheren Lächeln zu verbergen.
"Wie du willst, Boss." Reno nickte. "Wir gehen..."
"Fein! Na endlich!"
"... aber ich komme wieder."
Er und Rude wandten sich zum Gehen, als Rufus noch etwas einfiel.
"Hey, Turk, warte!", rief er, und Reno blieb stehen und wandte sich um, ein siegessicheres Grinsen auf dem Gesicht.
"Hast du es dir doch noch anders überlegt?", fragte er.
"Nein", erwiderte Rufus. "Du gehst mir immer noch auf den Sack. Aber ich will, dass ihr eurem Chef sagt, dass ich einen Fernseher in meinem Zimmer wünsche. Und einen PC mit Zugriff auf die Datenbank von ShinRa, damit ich auch weiterhin erfahre, was für Spielchen mein Alter mit der Firma treibt."
"Ganz schön viele Forderungen für 'nen Gefangenen, eh?", erwiderte Reno nur. Dann zuckte er gelangweilt mit den Schultern. "Und was, wenn ich mich weigere, dem Boss Bescheid zu sagen?"
"Dann trete ich in einen Hungerstreik", sagte Rufus ruhig. "Und glaub mir, das halte ich durch. Deshalb macht besser, was ich euch sage, sonst wird euer Boss womöglich sehr, sehr sauer."
Er trat näher an die Scheibe heran, die ihn von den beiden Turks trennte.
"Also, wie sieht's aus?"
Reno schien einen Moment lang ernsthaft die Konsequenzen abzuwägen, doch Rufus wusste, dass er schon so gut wie gewonnen hatte.
"Ich würd' sagen, dass du 'ne ganz und gar widerliche und berechnende Person bist, Boss", sagte der Turk schließlich zerknirscht.
Jetzt war es an Rufus, überlegen zu lächeln.
"Das höre ich nicht zum ersten Mal", entgegnete er und wandte sich wieder ab. "Ihr dürft euch jetzt entfernen."
Das leise gemurmelte "Arschloch!" hörte er trotzdem, als die beiden Männer den Raum verließen, und es ließ ihn nur noch breiter grinsen.
Wenn er erstmal hatte, was er brauchte, konnten ihm die Turks gestohlen bleiben.

*~*~*

Okay, es war auf Dauer vielleicht ein wenig einsam... auch wenn Rufus sich eher die Zunge abgebissen hätte, als das vor irgendeinem der Turks zuzugeben.
Mittlerweile befand er sich schon seit mehreren Monaten in ihrer Obhut, doch sein Vater schien kein Interesse daran zu haben, ihn wieder in die Freiheit zu entlassen. Oder – und der Gedanke behagte ihm noch weniger – der Präsident hatte keinen Einfluss auf die Gefangenschaft seines Sohnes bei den Turks, was bedeutete, dass er eine politische Geisel war und nicht auf eine baldige Freilassung hoffen konnte.
Je mehr Rufus darüber nachdachte, desto logischer erschien ihm die zweite Option. Immerhin hatte es schon vor dem Vorfall in Corel zwischen Präsident Shinra und dem Chef der Turks mächtig gekriselt... woran Rufus selbst auch nicht ganz unschuldig gewesen war.
Na schön.
Gehen wir die Sache logisch an.
Die Turks brauchten ihn offenbar als Druckmittel, sonst wäre er längst nicht mehr am Leben. Und er kannte sie mittlerweile gut genug, um sich in dieser Beziehung keine Illusion zu machen.
Reno, der sein Versprechen gehalten hatte und Rufus beinahe täglich mit seiner Anwesenheit "beglückte", mochte zwar wie ein Einfaltspinsel wirken, aber er überspielte damit geschickt die Tatsache, dass er zu einem erbarmungslosen Killer werden konnte, wenn die Umstände – oder sein Boss – es verlangten.
Was das betraf, hatte Rufus den Turk anfangs mächtig unterschätzt. Doch auch jetzt, wo er schon mehrmals einen Blick auf den Menschen hinter der Fassade geworfen hatte, behandelte er Reno nicht weniger herablassend, als bei ihrem ersten Gespräch. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit stieß er ihn vor den Kopf und unterband jeden Annäherungsversuch – denn Rufus wollte keine Freundschaft mit ihm schließen, mit keinem von ihnen. Er war eine Geisel in den Händen von erbarmungslosen Killern, er konnte und wollte ihnen nicht noch diesen Triumph gönnen!
Abgesehen von Tseng, ihrem Boss, für den er einen schon fast widerwilligen Respekt empfand, gab es niemanden unter ihnen, mit dem er auch nur ansatzweise reden wollte, und er scheute sich auch nicht, die Turks dies regelmäßig spüren zu lassen.

Besonders Reno, der ihm fast täglich einen Besuch abstattete.

*~*~*

"Hey, Boss."
"Hau ab."
Reno zog sich einen Stuhl heran und betrachtete ihn lächelnd durch die Scheibe.
"Nich' gut drauf heute, was?"
"Bis zu deiner Ankunft schon", entgegnete Rufus bissig und wandte sich wieder seinem Bildschirm zu.
Er hatte von Tseng alles bekommen, was er wollte. Das erstaunte ihn nicht, schließlich bekam er früher oder später – und mit den richtigen Druckmitteln – immer alles, was er wollte... abgesehen vielleicht von der ShinRa Company, aber selbst das war nur noch eine Frage der Zeit.
"Sei froh, dass du mich hast", meinte Reno fröhlich. "Außer mir will nämlich keiner hier mit dir reden, weil sie dich alle für'n Arschloch halten."
"Damit kann ich leben", sagte Rufus. "Und ohne dich und dein penetrantes Grinsen übrigens auch."
Doch anstatt Reno mit dieser Bemerkung zu vertreiben, brachte er ihn nur zum Lachen.
"Was ist?", fragte er gereizt.
"Dir macht dieses Spiel mächtig Spaß, eh?", entgegnete Reno und grinste breit. "Einen auf großen, bösen Vizepräsidenten zu machen... als ob wir dir was tun würden."
Aus irgendeinem Grund regte Rufus diese Aussage mehr auf als alles andere, was der Turk bisher an Unsinn von sich gegeben hatte, und er erwiderte scharf:
"Du würdest ein 'Verpiss dich' auch dann nicht erkennen, wenn man es dir spiegelverkehrt auf die Stirn tätowieren würde, oder?"
"Autsch", sagte Reno und verzog das Gesicht. "Das war aber nich' nett."
Mit Reno zu streiten war nicht nur frustrierend, sondern auch ebenso effektiv, wie eine Wand anzuschreien.
Rufus platzte der Kragen.
"Hör zu, ich will deine Gesellschaft nicht!", rief er. "Ich will keine Freunde und ich brauche auch keine, schon gar nicht hier! Ich komme allein gut klar, das habe ich schon immer getan, also verschwinde und bringe irgendjemanden um oder was auch immer dein trauriger Job ist, aber hör endlich auf, mir weiter auf die Nerven zu gehen!"
Endlich war es raus. Und obwohl es wahrscheinlich das Dümmste war, was Rufus in seiner Situation hätte sagen könnte, fühlte er sich mit einem Mal wie befreit.
Reno starrte ihn lange an und es schien eine ganze Weile zu dauern, bis er Rufus' Wutausbruch verarbeitet hatte.
Schließlich räusperte er sich leise.
"Hast du Angst vor mir, Boss?", fragte er.
"Ich traue dir nicht, das ist alles", entgegnete Rufus nur kalt. "Und wenn Tseng denkt, er kann mich klein kriegen, indem er dich ständig zu mir schickt, dann hat er sich geirrt."
Reno sah ihn einen Moment lang verdutzt an, dann schüttelte er den Kopf.
"Der Chef schickt mich nich' zu dir", entgegnete er. "Ob du's glaubst oder nicht – ich komme freiwillig."
"Das glaube ich dir tatsächlich nicht." Misstrauisch sah Rufus den anderen an. "Wieso solltest du das tun?"
"Weil du einsam bist, Boss", entgegnete Reno und lächelte. "Vielleicht bist du der Meinung, du kommst auch allein klar, aber glaub mir... das tust du nicht."
Und mit diesen Worten erhob er sich und ging.

*~*~*

Reno blieb hartnäckig, wie sich herausstellen sollte.
"Wieso hängst du eigentlich ständig so lange bei mir rum? Hast du nichts Besseres zu tun?"
"Doch, Morden und Spionieren", erwiderte Reno. "Aber das mach' ich nur nachts, damit es nich' so vielen Leuten auffällt."
Rufus warf dem Turk einen abschätzigen Blick zu.
"Du willst mich auf den Arm nehmen, oder?", fragte er dann.
"Das waren deine eigenen Worte, Boss", sagte Reno schulterzuckend.
"Es war eine Vermutung, Himmel noch mal!", entgegnete Rufus. "Woher soll ich denn auch wissen, was du den ganzen Tag über treibst? Ich habe diesen Ort seit fast einem Jahr nicht mehr verlassen!"
"Das is' komisch...", meinte der andere und grinste dann.
"Ich finde es überhaupt nicht komisch!"
"Nein, ich meinte, es is' komisch, dass du mich mal was Persönliches fragst... das hast du noch nie getan."
"..."
Rufus starrte den rothaarigen Turk an – und ihm wurde plötzlich klar, dass der andere Recht hatte.
Während er die Arme vor der Brust verschränkte um seine Verlegenheit zu überspielen, warf er Reno einen finsteren Blick zu.
"Betrachte es als Ausnahme", erwiderte er kühl. "Also, was tust du nun?"
"Morden und Spionieren."
"Das ist nicht witzig, Turk."
"Es is' aber die Wahrheit", entgegnete Reno amüsiert. "Was glaubst du denn, auf was für 'nem Fundament ShinRa gebaut ist, hm? Unterdrückung, Waffengewalt, Erpressung... und das sind noch die harmloseren Dinge."
"Mir ist bewusst, dass die Firma etliche Leichen im Keller hat", erwiderte Rufus. "Ich will nur wissen, welche Rolle du darin spielst."
Reno schüttelte den Kopf.
"Glaub mir, Boss, wenn ich dir das erzähle, kannst selbst DU nachts nicht mehr ruhig schlafen."
Rufus wollte etwas erwidern, doch der Ausdruck in Renos Augen und sein Tonfall brachten ihn zu der Erkenntnis, dass der andere möglicherweise Recht hatte – er wollte es tatsächlich nicht so genau wissen.
Und zum ersten Mal bohrte Rufus nicht weiter nach.

*~*~*

"Jetzt stell dich nich' so an!"
"Bevor ich irgendwelche Pillen von dir schlucke, bringe ich mich lieber selbst um! Und hör auf mich anzufassen!"
"Wenn du dich weiter so sträubst, bleibt mir aber nichts anderes übrig, Boss", entgegnete Reno und packte Rufus unsanft am Kinn, um ihm eine der Tabletten in den Mund zu zwingen.
"Du hast Fieber, also hör' auf rumzuzicken und schluck das Zeug. Wenn wir dich hätten umbringen wollen, hätten wir das schon vor langer Zeit getan, glaub mir."
Mit angewidertem Gesichtsausdruck würgte Rufus die Tablette hinunter und trank anschließend einen Schluck Wasser aus dem Glas, das der andere ihm an den Mund hielt.
"Na also, geht doch", meinte Reno zufrieden.
"Ich hasse dich, Turk", sagte Rufus leise, bevor er wieder auf sein Bett sank.
Er zitterte am ganzen Körper, während ihm der Schweiß über die Stirn lief, und fühlte sich so schwach wie ein neugeborenes Kind. So elend war es ihm schon seit Jahren nicht mehr gegangen.
Noch mehr als die Grippe ärgerte ihn allerdings die damit verbundene Hilflosigkeit, die ihn dazu zwang, sich den Turks vollkommen auszuliefern. Rufus hasste es, wenn andere Menschen ihm vorschrieben, was er zu machen hatte - erst recht, wenn sie Reno hießen.
"Soll ich abhau'n?", fragte der Turk plötzlich und stand auf. "Jetzt, wo du deine Medikamente bekommen hast, willst du sicher schlafen..."
"Seit wann nimmst du Rücksicht auf das, was ich will?", stieß Rufus spöttisch hervor.
"Das tu ich nicht", entgegnete Reno ehrlich. "Ich nehm nur Rücksicht auf das, was du brauchst."
Rufus schwieg für einen Moment.
Ihm war immer noch heiß, das Denken strengte ihn an und er war zu müde, um sich zu streiten. Und auch, wenn er es Reno gegenüber nie zugegeben hätte – in diesem Augenblick wollte er nicht allein sein.
"Du kannst bleiben", sagte er schließlich leise. "Aber nur, wenn du nicht ständig quatschst."
Reno zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder neben ihn, wobei er die Füße auf den Stuhl neben sich schwang.
"Sag, wenn ich die Klappe halten soll...", erwiderte er.
"Ich wünschte, du würdest mir das öfter anbieten", murmelte Rufus, dem langsam die Augen zufielen.
"Aber dann würdest du dich langweilen, oder?"
Rufus konnte ein schwaches Grinsen nicht unterdrücken.
"Damit könntest du sogar Recht haben."
Er hörte den anderen leise lachen.
"Ist das etwa 'n verstecktes Kompliment, Boss?"
"Halte es, für was auch immer du willst..."
"Oi, also doch ein Kompliment!"
"... und sei endlich still, Turk."
Erstaunlicherweise kam Reno dieser Aufforderung nach, und nur wenige Minuten später war Rufus eingeschlafen.

*~*~*

Zu behaupten, dass er den anderen mochte, war eine maßlose Übertreibung.
Doch irgendwann zwischen dem zwölften und fünfzehnten Monat seiner Gefangenschaft fing Rufus an, sich an Renos Besuche zu gewöhnen, ja, sie manchmal fast schon herbeizusehnen.
An Tagen, an denen der Turk ihm mal keine Gesellschaft leistete, war seine Laune noch schlechter, als sonst immer, und sie besserte sich erst dann wieder, nachdem er seinen angestauten Frust bei ihrer nächsten Begegnung an dem anderen abgelassen hatte.
In dieser Beziehung war Reno fast wie ein schwarzes Loch: er schluckte jede noch so gehässige Bemerkung von Rufus' Seite, ohne jedoch selbst jemals allzu ausfallend zu werden.
Rufus hatte mit seinen Worten schon Menschen zum Weinen gebracht – und es sogar genossen – doch der Turk ließ sich einfach nicht aus der Reserve locken. Das forderte Rufus' Kreativität heraus, so dass er sich immer wieder neue Gemeinheiten ausdachte, die er dem anderen an den Kopf werfen konnte. Es war eine Beschäftigung, die ihn bei Laune hielt und ein wenig Abwechslung in die Eintönigkeit seiner Gefangenschaft brachte.

Und irgendwo tief, tief in ihm drin war Rufus dankbar, dass er Reno hatte.

*~*~*

"Wieso bist du eigentlich so unausstehlich?", fragte der Turk eines Tages, nachdem Rufus wieder eine ganz besonders verletzende Bemerkung von sich gegeben hatte. "Hat deine Mutter dich denn nich' erzogen?"
"Wir haben Tag 514 und du stellst mir immer noch hartnäckig die gleichen Fragen? Respekt!", erwiderte Rufus spöttisch. "Du bist entweder stur – oder ein Idiot."
Doch vielleicht war es gerade diese Tatsache, die ihn an diesem Tag dazu brachte, sich nicht lange an seine übliche Distanz zu klammern... oder möglicherweise lag es auch einfach nur daran, dass er Kopfschmerzen hatte und seit fast eineinhalb Jahren nicht mehr draußen gewesen war. Aber was auch immer der Grund war, für einen Augenblick wurde Rufus schwach und gab seine Deckung auf.
"Meine Mutter hat mich nicht großgezogen", sagte er dann müde. "Um genau zu sein, habe ich sie nie kennen gelernt."
Seltsamerweise machte Reno diese Antwort sprachloser als alle Beleidigungen, die Rufus ihm bisher an den Kopf geworfen hatte, zusammengenommen.
Er räusperte sich.
"Das tut mir Leid", sagte er leise und ohne jeglichen Spott.
Rufus zuckte nur mit den Schultern. "Ich hab's überlebt."
Dann sah er den Ausdruck auf Renos Gesicht und verdrehte die Augen. "Oh Gott, ist das jetzt etwa die Stelle, an der ich anfangen muss zu weinen?"
"Vielleicht...? Wenn's dir dann besser geht..."
Renos Gesichtsausdruck war noch immer unergründlich, und langsam fing Rufus an, sich unter seinem Blick unwohl zu fühlen. Also reagierte er, wie er es immer tat, wenn jemand seine sonst so geordnete Gefühlswelt durcheinander brachte.
"Danke, aber ich verzichte", entgegnete er kühl. "Und deinem geheucheltem Mitleid könnte ich eh nichts abgewinnen."
Reno nickte bloß.
Lange sagte er nichts, während Rufus derweil an seinem PC in der Datenbank des ShinRa-Netzwerks herumstöberte, doch schließlich stand er ruckartig auf.
"Ich hab' immer versucht, mich zurückzuhalten und dir das nie so direkt zu sagen, aber..."
Er wandte sich ab.
"Rufus, du bist 'n miserabler Menschenkenner. Und nebenbei ein Idiot."
Dann ging er und ließ den anderen Mann sprachlos zurück.

Und von diesem Tag an kam Reno nicht mehr vorbei.

*~*~*

".....!"
Es war kein Geräusch, das Rufus am Morgen weckte, sondern vielmehr das Gefühl, durchdringend angestarrt zu werden.
Er blickte auf und warf der Kamera über seinem Bett einen finsteren Blick zu. Dann wühlte er sich verschlafen aus seiner Decke und tappte im Morgenmantel zur Glasscheibe, oder seinem "Fenster zur Außenwelt", wie er es mittlerweile nur noch nannte.
"Ah", machte er, als er den morgendlichen Besucher sah. "Rude. Hab dich gleich am penetranten Schweigen erkannt."
".....?"
Rufus gähnte.
"Also, was verschafft mir die Ehre deines Besuches?"
"....."
"Da du ohne Reno hier bist vermute ich, dass es um ihn geht."
"....."
"Aha, ich verstehe. Aber wenn du jetzt erwartest, dass ich mich bei ihm entschuldige, hast du dich geirrt."
"...-"
"Nein, es tut mir nicht Leid! Ich habe ihm von Anfang an gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll, und wenn er nicht darauf hört, ist das nicht mein Problem! Ich habe ihn nicht gebeten, mir Gesellschaft zu leisten!"
"....."
"Und nein, mich böse anzugucken ändert daran auch nichts! Also versuch es erst gar nicht!"
"....."
"Gaia, du gehst mir auf die Nerven."
Rufus wandte sich ab und trabte zurück ins Schlafzimmer und zu seinem Bett, wo er sich auf die Matratze fallen ließ. Doch er spürte durch die Kamera weiterhin Rudes Blick auf sich ruhen, und auf einmal ertönte ein leises Räuspern aus dem Lautsprecher über ihm.
"Es geht mir nicht nur um Reno."
Rufus sah erstaunt auf. Das war das erste Mal, dass er den Turk sprechen hörte.
"Rude...?"
"Reno kommt darüber hinweg, dass sie ihn so vor den Kopf gestoßen haben. Er braucht Sie nicht."
Rufus setzte sich auf und ließ die nackten Füße von der Bettkante baumeln, während er Rudes Stimme lauschte.
"Sie jedoch brauchen ihn, Sir", fuhr der Turk fort.
Rufus begann zu lachen.
"Was für ein Schwachsinn! Wieso sollte ich ihn brauchen?"
"Weil Sie einsam sind", entgegnete Rude mit ruhiger, tiefer Stimme.
"Aber ich kann ihn nicht mal ausstehen!", rief Rufus.
"Das spielt keine Rolle. Es reicht Ihnen doch schon, dass er da ist... oder nicht?"
Rufus schwieg.
"Überlegen Sie es sich noch einmal."
Ein kurzes Knacken drang aus dem Lautsprecher, dann war die Leitung wieder tot.
Rufus sank zurück auf sein Bett und starrte noch lange Zeit an die Zimmerdecke, bis er schließlich endlich aufstand.

*~*~*

"Wie geht es Ihnen, Sir?"
Rufus sah von seinem PC auf, als er die leise, stets höfliche Stimme vernahm.
"Oh, hallo Tseng... schön, Sie auch mal wieder zu sehen."
Er tippte kurz etwas ein, dann lehnte er sich zurück und widmete seine Aufmerksamkeit seinem Besucher.
"Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit", sagte Tseng.
"Abgesehen davon, dass ich seit fast zwei Jahren schon an diesem Ort gefangen gehalten werde, meinen Sie...?", fragte Rufus bissig.
"An Ihrer Situation lässt sich momentan bedauerlicherweise nichts ändern", erwiderte der Chef der Turks. "Es tut mir Leid, dass wir Sie unter Arrest stellen mussten, Sir, aber glauben Sie mir – es ist zu Ihrem Besten."
Rufus stieß ein humorloses Lachen aus. "Sicher doch... Wenn ich schon am Anfang gewusst hätte, dass ich Jahre hier festsitzen würde, hätte ich um eine sofortige Erschießung gebeten."
"Das wäre in der Tat eine Option gewesen, wäre es nach dem Großteil meiner Leute gegangen", sagte Tseng ruhig. "Sie waren von Ihrem Verrat nicht sehr angetan."
"Pff", machte Rufus. "Und wieso haben Sie es nicht gemacht?"
"Weil ich hier das Sagen habe", entgegnete der Turk. "Und solange das der Fall ist, werden keine hilflosen Gefangenen erschossen."
"Für einen Turk haben Sie erstaunlich viele Skrupel", spottete Rufus.
"Ich bin nur der Ansicht, dass Sie uns lebendig mehr nützen, als tot", meinte Tseng. "Davon abgesehen sind Sie immer noch der Sohn des Präsidenten – und der Vizepräsident von ShinRa."
"Nur bis der Alte abkratzt", sagte Rufus gelangweilt. "Danach bin ich der Boss hier, und dann werden die Dinge ganz anders laufen."
"Davon bin ich überzeugt", erwiderte Tseng trocken. "Aber bis dahin befinden Sie sich in unserem Gewahrsam."
Beide Männer schwiegen für einen Moment, dann erhob sich der Turk wieder von seinem Stuhl.
"Nun, wie es aussieht, gibt es momentan nichts, womit ich Ihnen behilflich sein kann... bitte verzeihen Sie die Unterbrechung."
Rufus erhob sich ebenfalls.
"Tseng, eine Frage noch..."
"Ja, Sir?"
"Wieso haben Sie Reno zu mir geschickt?", stellte Rufus die Frage, die schon seit langem an ihm nagte. "Doch nicht nur zu meiner Unterhaltung, oder? Sie wollten mich ausspionieren, nicht wahr?"
Tseng sah ihn nachdenklich an.
"Ich habe ihn nicht zu Ihnen geschickt, Mr. Vice President", sagte er. "Meine Turks haben schon genug Arbeit am Hals, als dass ich ihnen eine so – bitte entschuldigen Sie den Ausdruck – verhältnismäßig sinnlose Aufgabe übertragen würde."
Er wandte sich ab.
"Vielleicht sollten Sie diese Frage mit Reno persönlich klären", fuhr er fort. "Ich jedenfalls habe damit nichts zu schaffen. – Und jetzt möchte ich Sie bitten, mich zu entschuldigen, Sir."
Rufus starrte die Tür immer noch an, als Tseng den Raum schon längst verlassen hatte.
Und er hatte zum ersten Mal in seinem Leben ein wirklich schlechtes Gewissen.

*~*~*

"....."
Anders als Reno war Rude, der in den letzten Monaten die Aufgabe seines Partners übernommen hatte, kein sonderlich gesprächiger Zeitgenosse, und nach einer Weile in seiner Gegenwart sehnte sich Rufus nahezu nach dem fröhlichen Geplapper des rothaarigen Turks.
"Verdammt, Rude, dein Schweigen macht mich noch irre!", rief er eines Tages schließlich aus, als er gerade am PC saß, und warf dem kahlköpfigen Mann durch die Scheibe einen eisigen Blick zu.
".....!"
"Wieso bist du überhaupt hier?", fuhr Rufus fort. "Du verschwendest hier nur deine Zeit! Und da Tseng dich offenbar ebenfalls nicht gebeten hat, nach mir zu sehen, verstehe ich nicht, was du überhaupt von mir willst!"
"....."
"Ist es etwa wegen Reno? Hast du eine Wette gegen ihn verloren und musst jetzt eine Runde Aufpasser spielen, oder was?"
".....!?"
"Himmel noch mal, Rude, jetzt sag endlich was!"
Der Turk seufzte.
"Es war tatsächlich Reno", erklärte er. "Er hat mich gebeten, Ihnen Gesellschaft zu leisten, Sir."
"Tatsächlich?" Rufus schnaubte. "Und wieso schickt er dich vor und tut es nicht selbst?"
"Weil er Sie nicht sehen will, Sir."
"Ach, und warum hat er nicht die Eier, mir das persönlich zu sagen? Oder ist er so ein Feigling, dass er lieber dich ausnutzt, um für ihn die unangenehme Arbeit zu machen?"
Rude schien einen Moment darüber nachzudenken. Dann begann er plötzlich zu lächeln, was Rufus, der nicht gedacht hätte, dass der andere überhaupt zu dieser Mimik fähig war, erstaunt die Augenbrauen heben ließ.
"Sie haben Recht, Sir", sagte der Turk. "Ich sollte das wirklich nicht tun."
Er trat von der Glasscheibe zurück.
"Ich werde Reno sagen, dass er sich selbst um seine Probleme kümmern soll."
"Hmpf", machte Rufus und verschränkte die Arme vor der Brust, während er zusah, wie der andere Mann den Raum verließ.
"Nur Idioten in diesem Verein...", murmelte er, bevor er sich wieder an seinen PC setzte.

*~*~*

Es war schon spät in der Nacht, als Rufus endlich den PC herunterfuhr und den Bildschirm ausschaltete, um sich anschließend auf den Weg zum Schlafzimmer zu machen.
Seine Augen waren noch so geblendet von dem hellen Licht des Displays, dass er die schlanke Gestalt jenseits der Glasscheibe fast übersehen hätte.
"... Reno?", fragte er leise und blieb verwundert stehen.
"Sie wollten mich sehen, Sir?", entgegnete der Turk steif.
Die ungewohnt distanzierte Ausdrucksweise überraschte Rufus. Langsam trat er an die Glasscheibe heran.
Es war mittlerweile mehr als ein halbes Jahr her, dass er Reno das letzte Mal gesehen hatte, darum war das erste, was er tat, den anderen Mann zu mustern.
Die roten Haare des Turk waren länger geworden und fielen in noch unbändigeren Strähnen auf seine Schultern. Auch schien Reno kräftiger geworden zu sein und wirkte nun nicht mehr so schlaksig, sondern hatte vielmehr Ähnlichkeit mit einem sprungbereiten Raubtier. Um seine Mundwinkel und Augen herum hatten sich hingegen die ersten Fältchen eingegraben – Rufus fragte sich, was der andere im letzten halben Jahr erlebt hatte, dass es ihn so hatte altern lassen – die zum ersten Mal Renos wahres Alter erahnen ließen.
Doch die kalten, blaugrünen Augen leuchteten Rufus noch genauso intensiv entgegen, wie bei ihrem letzten Treffen. Und sie musterten ihn ebenso gründlich, wie er den Turk.
Nach einer Weile unterbrach Reno schließlich die Stille.
"Sie haben sich nicht verändert, Sir."
"Du dich aber schon", entgegnete Rufus. "Wo hast du dich in den letzten Monaten herumgetrieben?"
"Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass mein Job Sie nichts angeht, Sir", sagte Reno kühl.
Rufus verstand den Wink und ging nicht weiter darauf ein. Stattdessen zuckte er nur mit den Schultern.
"Wann bist du das nächste Mal in Midgar?", fragte er.
"Warum kümmert Sie das?", erwiderte Reno.
Rufus hielt einen Moment lang inne und gab sich dann seufzend einen Ruck.
"Weil ich dich bitten möchte, mir Gesellschaft zu leisten."
Lange sagte der Turk nichts, sondern starrte Rufus nur an, bis es diesem beinahe schon körperlich unangenehm wurde.
"Wieso sollte ich?", fragte Reno schließlich.
"Weil Rude eine Niete darin ist, Tseng zu beschäftigt und weil ich von keinem anderen als dir will, dass er mir auf die Nerven geht."
Es war ein Schuss ins Blaue und Rufus hatte wenig Hoffnung, dass er traf.
Doch irgendwas an dieser Bemerkung schien genau das zu sein, was Reno hatte hören wollen, denn sie entlockte dem Turk ein schwaches Grinsen.
"Sie bestehen also auf meine Gesellschaft?"
Rufus verdrehte die Augen. Der so lange "vermisste" Klugscheißer-Tonfall war in Renos Stimme zurückgekehrt.
"Verdammt noch mal, Turk – ja!", entgegnete er. "Und wenn du mich noch ein weiteres Mal mit 'Sir' anredest schwöre ich, dass ich diese Scheibe mit bloßen Fäusten einschlagen werde, um dich eigenhändig zu erwürgen!"
Jetzt konnte Reno das Grinsen nicht mehr unterdrücken.
"Ich nehm' dich beim Wort, Boss", sagte er und zog sich dann einen Stuhl heran, um es sich vor dem Fenster gemütlich zu machen.
Für einen kurzen Moment war Rufus so glücklich, dass er es nicht mal schaffte, seinem natürlichen Zynismus treu zu bleiben. Und in diesem Augenblick rutschte ihm etwas heraus, was ihm noch Jahre danach peinlich sein sollte:
"Danke, Reno."

Aber vielleicht war das Leuchten in den Augen des anderen Mannes diese zwei Worte ja doch wert gewesen.


~ Ende ~
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