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Nicht tot, bloß gestorben

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Geister & Gespenster
09.05.2010
06.02.2011
11
50.597
 
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09.05.2010 4.479
 
1. Kapitel: Zusatzinformationen

Tick, tock, tick, tock … Unermüdlich umkreiste der Sekundenzeiger das Ziffernblatt der Küchenuhr. Henry betrachtete ihn aufmerksam und wartete darauf, dass er seine Runde beendete. Noch drei, zwei, eins – das Gehäuse öffnete sich und machte Platz für eine kleine Kuckucksfigur, die im wohlvertrauten Ton ankündigte, dass es halb acht war. Er hatte nur darauf gewartet. Noch bevor Sara den Blick von ihrer Müslischale heben und etwas sagen konnte, stand er auf.

Moritz machte jedoch keinerlei Anstalten diesem vorbildlichen Beispiel zu folgen. Kopfschüttelnd betrachtete Henry seinen kleinen Bruder, der störrisch seinen Löffel umklammerte und die Lippen aufeinander presste. Als Sara ihm die Schale wegziehen wollte, hielt er sie hastig fest. „Sara, ich mag nicht.“

„Du musst aber.“ Sie seufzte. „Bitte.“

Doch Moritz dachte gar nicht daran aufzustehen. Mit einer Mischung aus Provokation und Unwohlsein spähte er zu Sara herüber, die den Blick ungerührt erwiderte. Dieses Duell trugen die beiden jeden Morgen aus – grüne Augen gegen braune, Entschlossenheit gegen trotziges Flehen. Wie immer gewann Grün die Oberhand: Moritz stieß einen unwirschen Laut aus und gab sich geschlagen. Er wandte den Kopf ab und marschierte aus der Küche, wobei er Schwester und Müslischale gekonnt mit Missachtung strafte.

„Nimm’s ihm nicht übel.“ Henry grinste Sara entschuldigend an und folgte seinem Bruder hinaus auf den Flur.

Moritz ließ sich viel Zeit. Schuhschrank aufklappen, Sandalen herausnehmen, Schuhschrank wieder zuklappen – all dies in einem derart aufreizenden Schneckentempo, dass es Sara sofort wieder auf den Plan rief. „Du wirst zu spät kommen.“

Indem er sich auf den Boden setzte und mit Hingabe den Klettverschluss seiner linken Sandale öffnete, machte Moritz deutlich, dass es kaum Dinge gab, die ihn momentan weniger interessierten. Er antwortete nicht einmal, sondern nestelte am zweiten Verschluss herum – an dem, den man eigentlich gar nicht mehr öffnen musste, um in den Schuh zu kommen. Mit einer unguten Vorahnung blickte Henry zu Sara. Tatsächlich: Sie stand mittlerweile im Türrahmen und kämpfte sichtlich um ihre Beherrschung. Moritz nahm das nicht wahr – schließlich hatte er ihr ja den Rücken zugewandt. Kurz erwog Henry, ihn zu warnen, doch es war bereits zu spät. Das dreimalige Schließen und Wiederöffnen des Klettverschlusses war zu viel des Guten. Sara trat vor und zog ihn grob auf die Füße. „Jetzt mach es mir nicht so verdammt schwer!“

„Dann lass mich einfach hierbleiben!“

„Das geht nicht. Du musst in die Schule.“

„Ich will aber nicht!“

Resigniert lehnte Henry sich gegen die Haustür. Wie in den letzten Tagen auch schon … Unruhig trommelte er mit den Fingern auf den Schuhschrank, während die beiden ihre allmorgendlichen Streitigkeiten austrugen. Es hatte bald schon Ritualcharakter. Henry hörte kaum noch hin, bis Moritz plötzlich laut vernehmlich schniefte. „Aber ich will nicht ohne Henry gehen …“

Er schluckte. Das war neu. Auch Sara wirkte mit einem Mal überfordert. Alle Wut war verflogen und die Röte aus ihren Wangen gewichen. Dafür standen jetzt Tränen in ihren Augen und sie fuhr sich hilflos mit der Hand durch das lange blonde Haar. Henry wandte sich ab. Das konnte er noch immer genauso wenig ertragen wie beim ersten Mal.

Also trat er rasch durch die Haustür in ihren von ersten Sonnenstrahlen beleuchteten Vorgarten. Es war erst eine Woche vergangen, doch bereits jetzt konnte man sehen, dass die fürsorgliche Pflege seines Vaters fehlte. Die Sommerhitze tat wahrscheinlich ihr übriges und was sich dem Auge bot, war welk und kurz vorm Sterben. Kurz überlegte er, sich die Gießkanne zu nehmen und Abhilfe zu schaffen, doch da hörte er in seinem Rücken auch schon die Haustür und wandte sich um. Gut, morgens zu gießen war ohnehin keine so empfehlenswerte Maßnahme. Das hatte sein Vater ihnen wieder und wieder gepredigt.

„Na, hat sie dich doch wieder überzeugen können?“

Moritz antwortete ihm nicht – natürlich nicht – sondern stapfte mit seiner beschlagenen Brille in der Hand und geröteten Augen über den Kiesweg aufs Gartentor zu. Kurz erwog Henry, ihm zu folgen, doch dann entschied er sich dagegen. Nachdem seine morgendliche Scharade derart in die Hose gegangen war, hatte er keine Lust mehr, sie aufrechtzuerhalten. Die Hände in den Taschen seiner Shorts vergraben schlich er vom Grundstück und beschloss, mit sämtlichen Traditionen zu brechen. Er würde Timo besuchen.

Sobald er den Gedanken einmal gefasst hatte, war die Idee beinahe aufregend. Immerhin schwänzte er die Schule. Und jetzt, da ihm niemand mehr einen Vorwurf deswegen machen konnte, war es ohnehin noch viel verlockender als zuvor. Trotzdem hatte er der Versuchung in den letzten Tagen tapfer widerstanden und war vorbildlich und pünktlich erschienen. Nur zu Sport war er nicht mehr gegangen. Basketball war scheiße, wenn man nie den Ball zugepasst bekam. In den anderen Fächern war es ganz angenehm gewesen, nicht gesehen zu werden. In Mathe brauchte er sich beispielsweise keine Sorgen mehr machen, an die Tafel gerufen zu werden und sich dort einen abstottern zu müssen. Das war gut. Ja … voll gut …

Missmutig steuerte er auf die nächstgelegene Bahnhaltestelle zu. Noch vier Minuten … Er schielte kurz zum Automaten, verwarf den Gedanken, ein Ticket zu lösen, jedoch schnell wieder. Selbst wenn er es geschafft hätte - es war inzwischen nicht mehr so einfach materielle Dinge zu berühren - wären die meisten Menschen von einem aus dem Nichts Fahrkarten ausspuckenden Automaten wohl irritiert gewesen. Schwarz fahren … Das hatte er zuvor erst ein Mal getan. Noch deutlich stand ihm die Nervosität vor Augen, die ihn damals befallen hatte, das ständige Schielen auf die Schiebetüren der Bahn, die Befürchtung, einer der Gäste könnte ein getarnter Kontrolleur sein. Denn manchmal taten sie das – betraten die Bahnen völlig in Zivil, unauffällig, und warteten darauf, dass die Türen sich schlossen. Und dann – zack! Ein schneller Griff unter die Jacke, das Kartenerkennungsgerät hervorgezogen und sich mit süffisantem Grinsen an die Fahrgäste gewandt: „Die Fahrscheine bitte!“ Er hatte das immer gehasst. Trotzdem konnte er nicht wirklich glücklich darüber sein, dass er ihnen heute garantiert durch die Lappen gehen würde.

Mit einem hellen Bimmeln fuhr die Straßenbahn ein und Henry verzog das Gesicht, als der Klang in seinem Kopf nachhallte. Nie zuvor war ihm der Ton so durchdringend erschienen – was durchaus seine Begründung in seinen plötzlich geänderten Lebensumständen finden konnte. Schließlich hatte der Torwächter es ihm gesagt: Einige Dinge werden sich von nun an grundlegend verändern.

Und das nachdem er ihn fortgeschleift, in eine andere Dimension gezerrt und dort auf einen Stuhl gedrückt hatte. Perplex hatte Henry ihn angestarrt, all seine komplexen Ausführungen gehört und trotzdem immer nur eins verstanden: Du bist tot. Aus die Maus. Ein Hammerschmidt weniger auf dieser Welt.

Unwirsch schüttelte er die Gedanken daran ab und stieg in die Bahn. Sie war ziemlich überfüllt und er wagte es nicht, einen der wenigen freien Plätze in Beschlag zu nehmen. Nachher kam noch jemand auf die dumme Idee, sich auf ihn draufzusetzen – durch ihn hindurch. Wie sich das anfühlte, mochte er sich nicht vorstellen. Der Gedanke war auch viel zu deprimierend.

Also blieb er stehen und lehnte sich an eine der Seitenwände. Dann war er also tot. Er fragte sich, warum die besagten grundlegenden Veränderungen dann nicht eingetreten waren. Es war ja nichts passiert – wenn man davon absah, dass ihn keiner mehr sehen konnte, dass er neuerdings durch Wände fiel und sich auch jetzt sehr konzentrieren musste, um nicht aus der fahrenden Straßenbahn auf die Schienen zu plumpsen. Nein, wahrscheinlich war er gar nicht tot. Ein Teil von ihm glaubte immer noch daran, dass das nicht mehr als ein übler, bestechend gut gespielter Streich war. Oder ein Traum. In Träumen konnte man schließlich auch durch Türen und Wände gehen.

Denn er konnte nicht tot sein. Wenn es so wäre, warum war er dann noch hier? Und warum hatte er nicht einen Haufen anderer halbtoter Gemüter getroffen? Die Welt müsste doch voll von ihnen sein.

Du hast noch nicht abgeschlossen. Es gibt da noch etwas, das du erledigen musst.

So ein Schwachsinn! Da war nichts. Sogar sein Geschi-Referat, vor dem er richtiggehend Schiss gehabt hatte, hatte er noch gehalten, bevor er mit seinen Eltern von der Straße abgekommen und ihr VW ungebremst in einen parkenden, mit Chemikalien beladenen Laster gerast war. Doch der Torwächter schien überzeugt davon zu sein und hatte ihn zurück in sein altes Leben geschickt, damit er herausfand, was er fertig stellen musste. So war er hier gelandet – in der Beobachterposition und kein Stück klüger als vor einer Woche.

Er hatte keine Lust mehr dazu. Er fragte sich, ob er so enden würde, wie einer dieser rachsüchtigen Geister in den Horrorfilmen, die auf der Suche nach dem Sinn ihres – nicht mehr wirklich vorhandenen – Lebens jeden zur Rechenschaft zogen, der ihnen unglücklicherweise über den Weg lief. „Zur Rechenschaft ziehen“ war hier natürlich gleichzusetzen mit „einen grausamen Tod sterben lassen“. Töten … Ob er wirklich jemanden töten könnte? Er wusste nicht einmal, ob er dazu in der Lage war, jemanden anzufassen. Bisher hatte er sich nicht getraut, das auszuprobieren und jeglichen Körperkontakt tunlichst vermieden. Sollte er …?

Zaghaft musterte er den Jungen, der nur zwei Schritte entfernt stand, mitten im Gang, die Finger fest um eine der Haltestangen geschlossen. Er war etwa zehn Jahre alt und starrte mit großen dunklen Augen aus dem Fenster, das sich hinter Henry befand – nein, wahrscheinlich starrte er durch Henry hindurch aus diesem Fenster. Er schien ganz gebannt zu sein von dem, was er dort draußen sah.

Henry betrachtete ihn nachdenklich. Er trug ein T-Shirt mit sehr dünnen weißen und blauen Streifen und dazu eine helle Jeans-Latzhose. Das dunkelbraune Haar war zu einer Frisur geschnitten, die Sarah immer als Pilzschnitt und "grottenhässlich" bezeichnet hatte. Henry fand den Anblick gar nicht so schlimm.

Er zögerte noch, dann gab er sich einen Ruck. Es würde kaum schaden, wenn er den Jungen leicht an der Schulter berührte. Kurz entschlossen streckte er die Hand nach dem Kleinen aus, der prompt mit den Schultern zuckte und ihn angrinste. „Ich weiß ja nicht, was du damit beweisen willst, aber nur zu!“

Erschrocken zuckte Henry zurück, spürte mit einem Mal kalten Fahrtwind an seinem linken Arm und klammerte sich mit dem rechten hastig an der Straßenbahn fest. Mit einem Ächzen zog er sich zurück ins Innere und starrte den sichtlich amüsierten Jungen an. „Du … Kannst du mich sehen?“

„Wolltest du mich grad angrabschen?“, schoss der Kleine zurück und kehrte ihm den Rücken zu. Als die Bahn kurz darauf hielt, trat er mit einigen anderen Fahrgästen zusammen nach draußen. Perplex sah Henry, wie sich die Türen hinter dem dunkelbraunen Haarschopf schlossen. Ein Ruck ging durch die Bahn, sie fuhr wieder an. Er konnte den Kerl doch jetzt nicht einfach aussteigen lassen!

Hastig stürzte er vor, zögerte kaum noch, sondern sprang geradewegs durch die Tür. Unbeholfen kam er auf dem Bahnsteig auf,  stolperte und landete auf allen Vieren. Als er den Kopf wandte und den Jungen entdeckte, weiteten sich seine Augen entsetzt. Die Hände in den Hosentaschen vergraben stand der Kleine da, als hätte er mit nichts anderem als Henrys Sprung aus der Bahn gerechnet. Sein Grinsen war breit und ein … ein Beil steckte in seiner Stirn! Sauber in der Mitte, genau zwischen den Augen. Fassungslos starrte Henry auf das Blut, das am Griff entlanglief und von dort aus langsam auf den Bahnsteig tropfte.


--


Das lief mal wieder echt beschissen. Er wusste, dass es nicht funktionieren würde, als er die letzte Kerze anzündete. Er spürte, dass es falsch war. Natürlich tat er es trotzdem.

Schmerz schoss augenblicklich durch seinen Körper, schickte ihn auf einen irren Wahnsinnstrip von Farbexplosionen, die sich in seinem Kopf ein Gefecht um die eindrucksvollste Komposition lieferten. Unglaublich, wie bunt Schmerz sein konnte.

Dann war es auch schon wieder vorbei. Mit einem Keuchen kippte Marvin nach vorn und konnte erst im letzten Moment verhindern, dass sein Gesicht frontal und ungebremst Bekanntschaft mit dem Boden schloss. Ein Stechen jagte durch sein linkes Handgelenk, als er sich abfing, und er verzog das Gesicht. Aber es war immer noch besser als eine gebrochene Nase …

Schwer atmend blieb er liegen und starrte auf die dünnen Rauchfäden, die sich von einer der erloschenen Kerzen emporschlängelten. Sie verloren sich in der Düsternis des Kellerraums und er gab es auf, sie weiter verfolgen zu wollen. Stattdessen schloss er die Augen und stellte mit vorsichtigen Bewegungen sicher, dass ihm bei dieser waghalsigen Aktion keines seiner Körperteile abhanden gekommen war. Nein, alles noch da – dafür aber nachdrücklich protestierend.

Er unterdrückte ein Stöhnen. „Sag jetzt einfach nichts.“

Wie erwartet, ließ sie es sich jedoch nicht nehmen: Ich hab gewusst, dass es eine dumme Idee ist.

Das half ihm jetzt auch nicht mehr weiter, doch sie schien sich daran nicht zu stören und meckerte weiter: Ich hab dir gesagt, du sollst es lassen. Du bringst dich noch mal um mit dem Scheiß.

„Sorry, wollte dir nicht den Spaß verderben.“

Darauf reagierte sie beleidigt. Wie erhofft stieß sie bloß einen verächtlichen Laut aus und überließ ihn dann der Herausforderung wieder auf die Beine zu kommen. Er setzte sich auf und bewegte prüfend sein Handgelenk. Nichts gebrochen, höchstens gestaucht. Glück gehabt. Mit einem beherzten Versuch ging er in die Hocke und verfluchte den Schmerz, den die ruckartige Bewegung durch seinen Kopf jagte. Er brauchte Aspirin. Dringend.

Zuerst klopfte er sich jedoch den Kreidestaub von der Kleidung und verwischte die Symbole auf dem Boden. Wo war denn das übrige Stück? Er entdeckte es gerade außerhalb des Schutzkreises und steckte es in die Brusttasche seines Hemdes. Dann sammelte er die Kerzen ein. Das war’s auch schon. Lächerlich, wie wenig für diesen Zauber nötig gewesen war – ein paar Symbole, ein paar Kerzen und mysteriöse Worte. Kein Wunder, dass es nicht funktioniert hatte. Es wäre auch zu einfach gewesen.

Er ließ die Kerzen in seinem Rucksack verschwinden, bevor er die Tür aufschloss und den Keller verließ. Schließlich waren sie schwarz und das würde nur wieder den falschen Eindruck hervorrufen. Mit dem Satanisten, als der er bereits mehrfach beschimpft worden war, hatte er genauso wenig gemein wie ein Knoblauch-Fetischist mit Dracula. Wahrhaben wollte das jedoch niemand.

Auf dem Weg zurück in seine Wohnung passierte er Frau Kutriss, die ihn einmal mehr misstrauisch beäugte. Er schenkte ihr ein freundliches Grinsen, das nur mit einem finsteren Blick und dem schleunigen Rückzug in die Sicherheit ihrer Wohnung erwidert wurde. Es war doch immer das gleiche. Neugierig kam die alte Dame ins Treppenhaus geschlichen, wenn sie wieder einmal vermutete, dass er rituelle Zeremonien im gemeinsamen Keller abhielt – womit sie zugegebenermaßen gar nicht mal so falsch lag – und sobald er verrichteter Dinge den Rückweg antrat, gab sie sich die größte Mühe, ihn hinterrücks mit Blicken zu erdolchen. Nicht gerade die feine Art, aber was sollte man erwarten, wenn man sich ein Türschild mit der Aufschrift Spezialist für Okkultes gebastelt hatte? Die Hälfte seiner Nachbarn hielt ihn für verrückt, der Rest hatte Angst vor ihm. Wenigstens hatte noch niemand versucht, ihn umzubringen.

Das schaffst du ja auch selbst ganz gut.

„Du sollst dich aus meinen Gedanken raushalten!“, zischte er wütend. Frau Kutriss, die gerade wieder hinter ihrer Wohnungstür hervorgespäht hatte, zog hastig den Kopf zurück und drückte die Tür endgültig zu. Augenblicklich senkte er die Stimme. „Abmachung ist Abmachung. Halt dich gefälligst dran!“

Ariana schnaubte nur abschätzig und er schwor sich, dass der nächste Versuch funktionieren würde. Wenn er es nicht bald schaffte, die blöde Kuh loszuwerden, würde es ihn in den Wahnsinn treiben. Und ja, das solltest du hören, fügte er noch an, ehe er die Tür zu seiner eigenen Bleibe aufschloss und das überwachte Treppenhaus hinter sich ließ. Während er sich die Schuhe auszog, glitt sein Blick zum Anrufbeantworter auf dem Schreibtisch. Tatsächlich, das Lämpchen leuchtete. Jemand hatte ihm eine Nachricht hinterlassen und das konnte nur Gutes bedeuten. Entweder bahnte sich irgendwo eine Katastrophe an, die er verhindern und dafür Geld kassieren konnte, oder einer seiner Kollegen hatte sich auf seine Anfrage gemeldet. Letzteres war der Fall und bereits nach wenigen Worten wurde Marvin klar, dass er sich geirrt hatte: Das war nichts Gutes. Das war einfach nur ein weiterer Tiefschlag.

„… haben uns ausführlich mit dem Thema befasst, müssen Ihnen aber leider mitteilen, dass es uns nicht gelungen ist, eine Lösung für Ihr Problem zu finden. Wir wünschen Ihnen trotzdem viel Glück bei Ihrer weiteren Suche! Auf Wiederhören.“

Er löschte die Nachricht und ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl sinken. Das war doch dämlich. Warum hatte er sich eigentlich die Mühe gemacht und diese ganzen Anschreiben verfasst? Er hätte wissen müssen, dass sein Problem ein wenig zu speziell war, um auf diese Weise gelöst zu werden. Wie um seine Gedanken Lüge zu strafen, klingelte das Telefon. Schnell nahm er ab. „Marvin Kimmen.“

„Ich … Sie …“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang unsicher und nervös – yay! „Beschäftigen Sie sich wirklich mit übernatürlichen Phänomenen?“

Das war ein Job! Seine Stimmung hob sich augenblicklich und er nickte. „Ja, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Echt jetzt?“ Ein Kichern ertönte. Dann wurden ein paar geflüsterte Worte ausgetauscht und Marvins Griff um den Hörer festigte sich unwillkürlich. „Sie glauben da echt dran! Haha, Spinner!“

Noch ein paar Sekunden drang Gelächter an sein Ohr, dann knackte es und die Verbindung war tot. Mit eisiger Miene legte Marvin den Hörer neben das Telefon und stand auf. Ja, er glaubte daran. Echt. Und das nicht zuletzt, weil er nun bereits seit Wochen versuchte, sich selbst einen Dämon auszutreiben – einen Dämon, der sogar eingewilligt hatte freiwillig zu verschwinden – und trotzdem mit Regelmäßigkeit dabei scheiterte.


--


Hastig kam Henry wieder auf die Beine und stolperte zurück. Der Junge zog sich inzwischen mit einem schmatzenden Geräusch das Beil aus der Stirn und schwang es grinsend hin und her, während er auf Henry zutrat.

„Bleib weg!“ Abwehrend streckte er die Hände aus. „Wer zum Teufel bist du?“

„Hast du Schiss?“ Der Junge lachte. „Warum? Du bist doch schon tot.“

Die Worte drangen kaum zu Henry durch. Wie gebannt starrte er auf das Blut, das sich aus der klaffenden Wunde seinen Weg über Nase und Wange des Jungen suchte. Auch das gestreifte T-Shirt war bereits von dunkelroten Flecken benetzt, doch er schien sich nicht weiter darum zu kümmern. Seelenruhig kam er auf Henry zu und holte mit seinem Beil zum Schlag aus.

„Finley, es reicht!“

Mit genervter Miene ließ der Junge die Waffe sinken und wandte sich dem Mann zu, der in einiger Entfernung auf dem Bahnsteig stand und mahnend den Kopf schüttelte. Trotz der Sommerhitze trug er einen dicken, viel zu weiten Kapuzenpulli und eine lange Jeans. Auch das hellbraune schulterlange Haar trug er offen. Dabei hatte Sara Henry oft erzählt, dass sie im Sommer immer einen Pferdeschwanz trug, weil es sonst viel zu warm war. Den Mann schien es nicht zu stören. Er legte kurz die Hände aneinander und machte dann mit der rechten eine wegwischende Bewegung – fast so wie Henry es früher immer getan hatte, wenn der Badezimmerspiegel nach zu langem Duschen beschlagen gewesen war.

„Mann!“, protestierte Finley und als Henry ihn wieder anblickte, waren das Beil und das Blut verschwunden. „Spielverderber!“

Der Mann kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern trat auf Henry zu. „Hallo. Ich bin Marlon. Das ist Finley. Wir befinden uns wohl in einer ähnlichen Lage wie du.“

Er hielt Henry die Hand hin. Konnte das wirklich sein? Stand er tatsächlich zwei weiteren Geistern gegenüber? Zögerlich ergriff Henry die ausgestreckte Hand. Sie war warm und weich. Er musste sich nicht einmal darauf konzentrieren, sie berühren zu können. Es war natürlich. Es war fest. Und es trieb ihm Tränen der Erleichterung in die Augen. Mit einem Lachen schlang er die Arme um Marlon und vergrub das Gesicht in seinem Pullover. Er spürte, wie eine Hand unbeholfen seinen Hinterkopf tätschelte und schloss die Augen. Er war nicht ganz allein.

„Willst du uns nicht verraten, wie du heißt?“

Henry löste sich von ihm und jetzt, da Marlon ihn mit leicht skeptischer Miene ansah, war ihm sein Verhalten ziemlich peinlich. „Henry“, murmelte er deswegen nur leise und sah Marlon unsicher an.

Der Blick des Mannes ruhte mit einem traurigen, beinahe schon mitleidigen Ausdruck auf ihm und er kam nicht umhin, an sich herabzublicken. Da war nichts Ungewöhnliches. Die Schnürsenkel waren zu, der Hosenstall geschlossen, auf links hatte er sein T-Shirt auch nicht an. Warum also der seltsame Blick?

„Es muss furchtbar gewesen sein.“ Marlon verzog die Lippen zu einem entschuldigenden Lächeln. „Es tut mir leid.“

„Ähm …“ Er wusste bei bestem Willen nicht, was er sagen sollte. Danke? Aber was genau meinte …?

„Er redet von deinem Tod. Echt mal, besonders schnell bist du nicht, oder?“

Sein Tod. Henry überging Finleys spitzen Kommentar und zuckte mit den Schultern. „Eigentlich ging es ziemlich schnell, glaub ich. Ich hab nicht viel davon mitbekommen. Ich dachte eigentlich, ich hätte … überlebt.“

Marlon nickte. „Das ging uns wohl allen erst mal so. Mir ist auch nicht ganz klar, wann ich die Grenze überschritten habe.“

„Wie alt bist du?“, warf Finley dazwischen. Ohne Beil und Blut sah er schon fast nett aus. Wenn man seine patzige, unfreundliche Art ignorierte und nur sein Gesicht betrachtete, wirkte das Grinsen beinahe schon einladend.

„Sechzehn. Ich …“

„Wow, da hast du sieben Jahre mehr gekriegt als ich. Mir haben se schon mit neun den Schädel gespalten.“

Die Offenheit und die gleichgültige Art, mit der Finley von seinem eigenen, derart grausamen Tod sprach, ließen Henry zurückzucken. Befremdet blickte er den Jungen an.

„Jetzt guck nicht so verstört. Das ist schon fast zwanzig Jahre her.“

„Zwanzig?“ Henrys Augen weiteten sich. „Und du … bist immer noch hier? Wieso?“

Finleys Miene verdüsterte sich. Er zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht immer so einfach, rauszukriegen, was man machen muss, um endlich wegzukommen. Ich schätze mal, ich bin ziemlich scharf drauf, rauszukriegen, wer mir die Axt in den Kopf gerammt hat. Bisher hab ich aber leider nicht den geringsten Schimmer. Also bleib ich wohl noch eine Weile hier.“

Nun sprach eindeutig Frust aus seiner Stimme und Henry wagte es nicht, weiter nachzuhorchen. Was ihn auch viel mehr interessierte, war die Frage, wie es um ihn selbst stand. Zwanzig Jahre? Das war furchtbar! Und er hatte nicht einmal den blassesten Schimmer, warum er überhaupt noch hier war. Wenn er keinen Anhaltspunkt fand, würde er dieses Rätsel nicht lösen können.

Es war seltsam. Wenn man lebte, strebte man im Regelfall danach, sich dieses Leben so lange wie möglich zu erhalten. Ihm war nie auch nur der Gedanke gekommen, es frühzeitig beenden zu wollen. Aber das hier … Das war nichts Halbes und nichts Ganzes. Es war einfach nicht schön. Falsch fühlte es sich auch noch an. Und nun, da ihm Finleys Schicksal so deutlich vor Augen gehalten wurde, spürte er ein dumpfes Drängen in seinem Inneren, den Willen, das Rätsel zu lösen und die Sache zu beenden. Die Vorstellung, noch zwanzig weitere Jahre so zu verbringen, vermittelte ihm ein drückendes Übelkeitsgefühl. Das wollte er nicht.

„Ist es bei dir genauso?“ Fragend blickte er Marlon an. Bitte nicht. Bitte sag mir, dass du nicht auch schon so lange vergeblich suchst!

„Ich bin vor zwei Jahren gestorben.“

Zwei. Jahre. Mehr schien Marlon nicht dazu sagen zu wollen und Henry ließ sich mit einem Kopfschütteln auf den Bahnsteig sinken. Zwei Jahre. Selbst das war noch zu viel. Niedergeschlagen sah er zu Marlon auf. „Dauert das immer so lange?“

„Das kommt ganz darauf an. Manche finden auch ganz schnell die Lösung für ihr Problem.“ Er lächelte. „Ich würde das für dich nicht ausschließen.“

„Aber ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll.“

„Wie wär’s mit den Todesumständen?“ Finley warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „Das kann ne echte Goldgrube sein.“

„Es war ein Autounfall. Zusammen mit meinen Eltern.“

„Kann es sein, dass du dir die Schuld daran gibst?“

„Ich … nein.“

Und das tat er wirklich nicht. Es war so schnell passiert, dass er es nicht einmal richtig verstanden hatte. Die genauen Umstände und auch der Unfall selbst verschwammen in seinem Kopf zu einem undurchsichtigen Strudel von Erinnerungsbruchstücken. Da einen Aspekt herauszupicken, wegen dem er eventuell ein schlechtes Gewissen haben könnte, war einfach unmöglich. Und man sollte wohl merken, wenn man sich selbst etwas vorwarf.

Finley schien das nicht so zu sehen: „Bist du sicher?“

„Ja. Ich kann mich nicht mal genau daran erinnern.“

„Aha!“ Mit erhobenem Zeigefinger stolzierte Finley auf und ab. „Das macht die Sache natürlich extrem interessant. Gedächtnislücken füllen ist immer ein Schritt in die richtige Richtung. Ich würd’ sagen, du haust mal die Cops an, recherchierst den Unfallhergang ein bisschen.“

„Und wie soll ich das machen?“

Sich an einen Polizisten zu wenden, würde nicht gerade ein Kinderspiel werden, wenn der ihn nicht sehen oder hören konnte. Und selbst wenn, konnte er wohl kaum aufs Revier marschieren und nach seinem Fall fragen. Hi, ich bin da letztens mit meinen Eltern in einem Autounfall ums Leben gekommen und hätte gern noch ein paar Zusatzinformationen. Können Sie mir vielleicht weiterhelfen? Er wollte kein Spielverderber sein, aber das stellte er sich schwierig vor.

Finleys Lösungsvorschlag war jedoch weitaus unkomplizierter. „Na … Aufs Revier gehen und die Akte lesen?“ Skeptisch musterte er ihn. „Du hast da doch keine Komplexe von wegen Einbruch und Vertraulichkeit und so, oder?“

„Nein.“ Henry beeilte sich, den Kopf zu schütteln. Zumindest nicht wirklich.

Doch der Gedanke, sich in ein Polizeirevier zu schleichen, behagte ihm nicht. Nachher lungerte da noch irgendwo der Geist eines alten Beamten rum, der seinem letzten ungelösten Fall hinterher trauerte und ihn für unbefugtes Eindringen zur Schnecke machte.

„Du hast Komplexe“, stellte Finley fest. „Vielleicht motiviert es dich ja, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass das ganze gar kein Unfall war. Vielleicht wollte euch da einfach jemand an den Arsch.“

„Schwachsinn.“ Sein erster Impuls war, das abzustreiten. Warum sollte jemand so was tun? Sein Vater war einer der wenigen Lehrer gewesen, der von seinen Schülern nicht nur respektiert, sondern sogar fast gemocht worden war. Seine Mutter hatte sich in den vielen Jahren der Kindeserziehung und Hausfrauentätigkeit sicher auch keine Feinde gemacht. Und er selbst? Er hatte doch nur versucht, sein Abi zu machen. „Und außerdem hab ich kein Beil in der Stirn stecken.“

„Das nicht“, sagte Marlon. „Aber dafür eine große Anzahl hässlicher Brandwunden. So leicht fängt ein Unfallwagen nun auch wieder nicht Feuer.“

Verbündeten die beiden sich jetzt gegen ihn? Hatten sie das nicht schon die ganze Zeit getan? „Da stand nun mal ein mit Chemikalien beladener Laster.“

„Ja, ist ja auch völlig normal, dass die überall in der Gegend rumstehen.“

Wütend funkelte er Finley an. „Was wollt ihr eigentlich von mir?“

„Hey.“ Beschwichtigend hob Marlon die Hände. „Wir wollen dir nur helfen.“

„Denk einfach mal drüber nach.“ Finley wandte sich zum Gehen. „Und jetzt lasst uns nicht noch länger hier rumhängen. Gleich kommt die nächste Bahn und ich hab keine Lust schon wieder halb tot getrampelt zu werden – ha! Genialer Wortwitz!“

Zögernd blickte Henry ihm hinterher, bis ihm bewusst wurde, dass Marlon auf ihn wartete.

„Kommst du?“

Eigentlich blieb ihm keine Wahl. Denn schräge Gesellschaft war immer noch besser als gar keine. Wenn er allein blieb mit den neu erworbenen Zweifeln und diesem unnatürlichen Gefühl, hier fehl am Platz zu sein, würde ihn das verrückt machen, ganz sicher. Also rappelte er sich auf und folgte den beiden vom Bahnsteig.
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