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Angekettet

von MariLuna
GeschichteAbenteuer / P18 / MaleSlash
Brave Starr Handlebar J.B. McBride Tex Hex
03.05.2010
03.06.2010
28
88.923
1
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03.05.2010 4.252
 
Disclaimer: alles gehört L. Sheimer & Co und ich leih mir nur aus *g*

Ich wollte das hier eigentlich erst hochladen, wenn ich schon 20 DinA-4 Seiten (also genug Vorlauf) habe, und jetzt bin ich schon bei 18 - oh wow *g*, also, bitte - viel Spaß!
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ANGEKETTET


1. KAPITEL

- Marshall Brave Starr -

Ein lautes Zischen, der scharfe, durchdringende Gestank von Ozon, und dann folgt ein lauter, ohrenbetäubender Knall.
Mir dröhnen die Ohren.
Ich blinzele, schüttele kurz den Kopf und rappele mich dann von der Main Street auf, greife rein automatisch nach meinem weißen Hut, der neben mich gefallen ist und klopfe ihn an meiner Hose sauber. Ich versuche noch immer zu begreifen, was eigentlich geschehen ist. Neben mir höre ich ein dumpfes Stöhnen, achte jedoch nicht weiter darauf.
Mein Blick fällt auf meinen Deputy Thirty-Thirty, der schon bis auf zwei Meter an mich herangekommen ist, zweifellos um mir zu helfen, doch jetzt bleibt er stehen und grinst mich einigermaßen erleichtert an.
Und dann erinnere ich mich wieder, meine Lippen verziehen sich ebenfalls zu einem Grinsen, und ich drehe mich herum.

„Ha!“ meine ich triumphierend zu dem dort sitzenden und mich ziemlich verdattert von unten her anschielenden Desperado.
Irgendwie sieht er aus wie eine zerzauste Straßenkatze, die gerade von einem Hund angefallen wurde.  

„Du bist verhaftet, Tex Hex! Und diesmal entkommst du nicht deiner gerechten Strafe! Dafür sorgen schon-“ vielsagend hebe ich die rechte Hand, es klirrt leise, als das andere Ende der Handschelle dafür sorgt, daß Tex Hex’ Handgelenk ebenfalls in die Höhe gerissen wird, „- diese von Shaman mit einem Zauber belegten Handschellen. Tut mir leid, aber heute helfen dir deine kleinen Zaubertricks nicht weiter!“

Tex Hex stöhnt nur ein weiteres Mal und hält sich mit der anderen Hand den Kopf.

„Verdammter Plattfußindianer!“ flucht er aus tiefsten Herzen.

Er macht keine Anstalten, heute noch einmal aufzustehen, bleibt einfach sitzen wo er ist und starrt zu Boden.
Gerade als ich ihn entschlossen in die Höhe ziehen will, um ihn in eine schöne, ungemütliche Zelle zu verfrachten, schnieft der Anführer der Carrion Bunch einmal.

„Is’ mir schlecht“, meint er plötzlich und ehe ich richtig verstehe, was los ist, beugt sich mein Gefangener zu mir herüber und zeigt allen höchst eindrucksvoll, was er heute zum Frühstück gegessen hatte.

Angeekelt starre ich auf meine eingesauten Stiefel.

„Die bezahlst du mir“, grollend zerre ich Tex Hex auf die Füße.

„Selbst schuld“, meint dieser nur mit einem gehässigen Grinsen, „manchmal hat Magie eben Nebenwirkungen. Hat dir der alte Zausel das nicht gesagt?“

Ich gehe auf diese Provokation nicht ein, und gebe Thirty mit einem Wink zu verstehen, daß er mir helfen soll. Das macht dieser zu allzu gern. Mit dem breitesten Grinsen dies- und jenseits der Galaxis tritt er an Tex Hex’ andere Seite heran und dreht ihm den rechten Arm auf den Rücken, wobei sich seine Finger alles andere als sanft im Fleisch des anderen vergraben.

Unter den Jubelrufen der braven Bürger von Fort Kerium nehmen wir Tex Hex, Anführer der gefürchteten Carrion Bunch und Stampedes Gefolgsmann, noch auf der Main Street alle Waffen ab – nicht zu glauben, wie viele Messer der neben seinem obligatorischen Hexmaker mit sich herumschleppt! – bevor er endgültig von mir und meinem Deputy Thirty-Thirty ins Marshall’s Office gebracht wird.

Ich gebe zu, ich bin wirklich ziemlich stolz auf unseren Fang.

Deputy Fuzz erwartet uns schon aufgeregt und springt fröhlich auf und ab.

„Du ihn haben, Marshall! Du ihn endlich haben!“

„Füttert ihr den immer noch durch?“ verspottet Tex Hex das kleine Wesen boshaft und versucht, ihm einen Tritt zu geben.

Das ist doch wohl nicht wahr!

Ein gezielter Tritt ans Schienbein des Halunken durch meine Wenigkeit läßt diesen den arglosen Fuzz verfehlen. Und stolpern.

„Oh, vorsichtig“, meint Thirty-Thirty süffisant und gibt ihm noch einen kleinen Stoß, nur ganz sachte, aber es genügt, daß die Leiste des Mannes unsanft Bekanntschaft mit einer Schreibtischkante macht.

Sein schmerzerfülltes und rein instinktives Aufkeuchen ist Balsam für unsere Ohren.
Aber leider sollte jetzt wirklich Schluß mit lustig sein.

„Lädieren wir ihn nicht allzu sehr“, sage ich, und die Enttäuschung ist mir deutlich anzuhören.

Aber schließlich gibt es Regeln und Dienstvorschriften einzuhalten, und wenn Tex Hex noch auf die Idee kommt, uns wegen unnötiger Brutalität während der Festnahme anzuzeigen, können wir ihn gleich wieder laufen lassen.

Schnell steuern wir die Zelle an, und während Thirty-Thirty die vergitterte Tür aufsperrt, zücke ich schon mal den Schlüssel für die Handschellen.

„Willkommen in deinem neuen Ein-Zimmer-Appartment“, spöttisch deutet mein Deputy eine Verbeugung an. „Immerhin mit eingebautem Klo und fließend Wasser und mit eigener Security“, damit meint er die Überwachungskamera, „und eine warme Mahlzeit am Tag gibt es hier auch. Im Angebot ist heute Eintopf. Morgen auch. Und übermorgen auch. Und all die Wochen, die du hier bis zu deiner Überstellung auf einen Gefängnisasteroiden verbringen wirst.“

„Ich werde nicht lange bleiben“, gibt Tex Hex blasiert wie immer zurück und streckt mir auffordernd seine linke Hand hin.

„Nee“, grinse ich, „die Schelle bleibt um.“

Etwas ungeschickt nestele ich mit meiner freien Hand und dem Schlüssel herum, um die Schelle von MEINEM Handgelenk an das meines Gefangenen zu binden, doch so sehr ich auch suche: ich finde das kleine Schloß nicht mehr.

„Was zum Teufel-“ entfährt es mir unwillkürlich.

***


Das Schloß ist tatsächlich verschwunden, dort, wo es war, befindet sich nur noch ein zerschmolzener Klumpen Metall.
Tex kann sich vor hämischen Gelächter gar nicht mehr halten, und ihm fallen immer neue Beleidigungen ein, mit denen er uns betiteln kann. Er ist wie immer sehr kreativ, aber wir ignorieren ihn geflissentlich. Doch die alte Spottdrossel verstummt bald, als alle Versuche, uns von den Handschellen zu befreien, erfolglos bleiben.

Zuerst versuchen wir es mit Seife. Als das nichts bringt – außer zwei aufgeschürften Handgelenken - kommt Thirty mit einer Säge an.
Danach mit einem Schraubenzieher.
Als das alles keinen Erfolg hat, schlägt Fuzz vor, zum Schmied zu gehen.

Der seinerseits staunt nicht schlecht, als wir drei mit Tex Hex im Schlepptau bei ihm hereinschneien, besieht sich das Dilemma und verspricht, für Abhilfe zu sorgen.
Eine Stunde später muß er zugeben, daß er am Ende seines Lateins ist.
Hammer, Meißel, Beil, Kettensäge, Kältespray, Säure, Laser, ja, nicht einmal der Versuch, die Kette einzuschmelzen, wollen gelingen. Einige der Versuche verursachten mir wirklich ein flaues Gefühl im Magen, und irgendwie bin ich ganz froh, als der Schmied sein Handwerkszeug wieder forträumt.

Trotzdem wird meine Miene immer verdrießlicher, während Tex Hex immer breiter zu grinsen beginnt.

„Damit, Marshall“, stellt er trocken fest, „stellt sich die kleine, aber nicht unwesentliche Frage: wenn ich verknackt werde, leistest du mir dann in der Zelle Gesellschaft?“

„Ganz gewiß nicht“, schnaube ich, werfe ihm einen verächtlichen Blick zu und wende mich dann an Thirty-Thirty.

„Versuchen wir es nochmal mit roher Gewalt. Mal sehen, ob meine Bärenkräfte damit nicht klarkommen.“

Mein Deputy nickt, grinst, und ehe es sich Tex Hex versieht, findet er sich in einem wahren Klammergriff wieder, während ich mit meiner linken Hand die Kette, nah an Tex’ Handgelenk, umfasse.

„Kräfte des Bären!“

Ich spüre, wie mich die Stärke meines beschworenen Tiergeistes durchströmt, ignoriere das leise Aufkeuchen aus der Richtung des Desperados und reiße dann mit aller Macht meinen rechten Arm nach hinten.
Für den Bruchteil einer Sekunde spüre ich einen gewissen Widerstand, und ich frohlocke schon, doch da rutscht mir diese vermaledeite  Kette durch die andere Hand.
Thirty-Thirty flucht unterdrückt und hält den Desperado, den er immer noch umklammert hält, instinktiv noch sehr viel fester, als dessen Arm plötzlich durch die Bärenkräfte nach vorne gerissen wird.
Es gibt ein seltsam knackendes Geräusch, und im ersten Moment denke ich, es ist tatsächlich die Kette, doch ein Blick verrät mir, daß die noch immer unversehrt ist.

Tex allerdings schreit auf, wird von einer Sekunde auf die andere totenblaß und sinkt ohnmächtig in sich zusammen.

Stille breitet sich aus.
Verdutzt, erstaunt und erschüttert zugleich starren ich, meine Deputies und der Schmied geschlagene fünf Sekunden auf den Bewußtlosen in Thirtys Armen, dann grollt Thirty auf und schüttelt Tex unsanft.

„Hey, simulier hier nicht rum, ja?“

„Hör auf, ihn zu schütteln“, befehle ich ihm hastig und  betaste Tex Hex’ Schulter.
Als ich die leere Gelenkpfanne spüre, zerquetsche ich einen Fluch zwischen meinen Zähnen.

„Ausgerenkt“, stelle ich fest. „Bringen wir ihn zum Doc.“

***


Ich fühle mich schuldig.
Ich fühle mich tatsächlich schuldig.
Und der liebe Doc Clayton macht es mit seinen Vorwürfen auch nicht gerade besser.
Tex Hex mag ja ein Verbrecher sein, aber der Doc macht bei seinen Patienten keine Unterschiede - ja, sicher, ich weiß, das gehört sich auch so, der hippokratische Eid und so, aber MUSS er mich die ganze Behandlung über so anschnauzen?
Er hört ja nicht einmal damit auf, als Tex aus seiner Ohnmacht erwacht. Es wundert mich nur, daß der Schurke nicht bis über beide Ohren grinst und mich stattdessen einfach nur anstarrt.
Es wirkt nicht einmal böse oder verärgert, nur nachdenklich.
Sein Blick wandert kurz hinunter zu den Handschellen, doch letztendlich landet er wieder in meinem Gesicht und das Anstarren beginnt von Neuem.
Natürlich starre ich mit unbewegter Miene zurück.

Clayton verschwindet mal kurz, aber ich bin viel zu sehr in unserem Augenduell gefangen, ich bemerke erst, daß er weg war, als er plötzlich mit einem Laserskalpell neben uns steht.

Ohne große Hoffnung sehe ich zu, wie unser lieber Doc versucht, die Kette mit seinem Instrument zu durchschneiden. Er versucht es an mehreren Stellen, sogar an einer Schelle – an der an MEINEM Handgelenk – aber diese Dinger zeigen sich genauso unbeeindruckt wie zuvor.

Clayton brummt vor sich hin, wirft mir einen funkelnden Blick zu und weist mich – mal wieder – zurecht.

„Wieso fragst du nicht Shaman um Rat? Das ist doch schließlich SEIN Zauber, oder?“

Oje, wie peinlich. Ich muß ein ziemlich betretenes Gesicht machen, so breit, wie Tex plötzlich feixt.

„DAS ist die beste Idee, die ich heute gehört habe“, lobt er den Doc.

Ich schnaube nur, ziehe mir einen Stuhl heran und setze mich, damit ich nicht umkippe, während ich meinen Ziehvater auf telepathischen Wege um Rat bitte.
Wenn Tex Hex dachte, ich würde dafür persönlich nach Starr Peak reiten, hat er sich geschnitten. Oh nein, ich gebe dem Schurken keine Gelegenheit, meinem Ziehvater zu schaden. Ganz egal, wie sehr ich es hasse, auf DIESE Art mit Shaman in Verbindung zu treten.
Ich habe kaum an ihn gedacht, da spüre ich auch schon seinen Geist in meinem.

„Das ist mir unverständlich, mein Sohn“, erklärt er, nachdem ich ihm alles geschildert habe. „Ich kann mir das nur so erklären, daß es wohl zu einer Rückkopplung mit Tex Hex’ Magie gekommen ist. Aber keine Sorge, es dürfte sich nur um ein temporäres Problem handeln.“

Ich kann mir erleichtertes Aufseufzen genauso wenig verkneifen wie meine folgenden spöttischen Worte an den Anführer der Carrion Bunch, der mich noch immer so merkwürdig anstarrt:

„Keine Sorge. Noch etwas Geduld und dann wanderst du in dein neues Ein-Raum-Appartement.“

„Meine Schulter und ich würden das sehr begrüßen“, kommt es eisig zurück, und prompt überfällt mich wieder mein schlechtes Gewissen.

Anmerken lasse ich mir das aber nicht – im Gegenteil.

„Auf mich wartet noch eine Menge Arbeit. Also genug gefaulenzt, steh auf, laß uns gehen.“

„Marshall, nein!“ entschieden fällt mir Doc Clayton in den Arm.

Aber ich bin nicht bereit, jetzt klein beizugeben.

„Doc, ist sein Arm wieder hergestellt? Ja? Na, dann ist ja alles klar.“

Vielsagend zerre ich an der Kette, ignoriere Tex Hex’ mörderischen Blick und registriere zufrieden, daß sich der Gauner widerwillig aufrichtet. Natürlich, jeder Zug an der lädierten Schulter schmerzt tierisch, das weiß ich aus eigener, leidvoller Erfahrung. Damals war es SEINE Schuld, daß ich tagelang mit Schulterschmerzen herumlief, also nutze ich diese Gelegenheit, mich dafür jetzt bei ihm zu revanchieren.

Clayton stellt sich plötzlich schnaubend vor mich und funkelt mich aufgebracht an.

„Marshall, ich habe ihn nicht entlassen!“

„Schon gut“, Tex ist inzwischen aufgestanden und mustert mich hochmütig.
„Ich entlasse mich selbst. Danke, Doc.“

Claytons Blicke wandern prüfend zwischen uns hin und her, und ich bin sicher, ihm entgeht weder meine wild entschlossene Miene, noch Tex Hex’ stolze Haltung.

„Die werde ich wohl brauchen“, mit diesen Worten nimmt Tex dem Arzt die Schachtel Schmerztabletten aus der Hand und läßt sie blitzschnell in seiner Hosentasche verschwinden.

Clayton nickt nur, spart sich aber jeden weiteren Einwand, denn inzwischen geht Tex Hex schon an mir vorbei auf die Tür zu, und diesmal bleibt MIR nichts anderes übrig, als dem Zug der Kette zu folgen.

„Ich will unseren ach so pflichtbewußten Marshall ja nicht von seiner Arbeit abhalten“, spottet Tex.

Meine nonverbale Antwort auf diesen Spruch besteht in einem kurzen Ruck an der Kette. Zufrieden bemerke ich, wie er zusammenzuckt und wieder etwas blasser wird, aber der Blick, den er mir zuwirft, ist so kalt wie der benachbarte Eisplanet.

Bei meinen Vorfahren, ich hoffe, dieser Spuk hier ist bald vorbei, denn in Momenten wie diesen will ich ihm einfach nur weh tun. Weiß der Kuckuck warum, aber er treibt mich allein durch seine Anwesenheit zur Weißglut.

***


Berichte müssen geschrieben, Formulare ausgefüllt und sonstige verwaltungstechnische Dinge erledigt werden, die ich normalerweise herauszögere wo ich nur kann, aber jetzt bleibt mir ja gar nichts anderes mehr übrig.
Oder soll ich etwa mit dem Anführer der Carrion Bunch im Schlepptau auf Verbrecherjagd gehen?
Der würde mir doch dazwischenfunken wo er nur kann. Nein, das müssen jetzt meine beiden treuen Deputies allein auf die Reihe kriegen. Im Augenblick sind sie gerade auf Patrouille.

Tex Hex sitzt auf einem Stuhl mit mir an meinem Schreibtisch, so weit entfernt, wie es diese vermaledeite Kette eben zuläßt. Er sagt kein Wort und durchbohrt mich nur mit seinen Blicken, während er eine Schmerztablette nach der anderen in sich hineinschüttet. Ich bereue es inzwischen, ihm ein Glas Wasser hingestellt zu haben, denn er schlürft. Mit Absicht natürlich.

Ich versuche, ihn zu ignorieren, meinen Tee zu trinken und mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, was gar nicht so leicht ist, denn es ist verdammt anstrengend, Berichte zu tippen, wenn die Haupthand nur eingeschränkt bewegungsfähig ist.
Er muß seine linke Hand ja so fest an seine Stuhllehne klammern, daß ich – egal wie viel ich ziehe oder zerre – meine Rechte kaum an die Tasten heranbekomme.

Irgendwann wird es mir zu bunt.

„Laß locker“, knurre ich ihn an, „sonst ziehe ich einmal WIRKLICH kräftig.“

„Versuch’s doch“, schnarrt er zurück. „Kugel mir noch einmal die Schulter aus, dann verklag ich dich, Marshall.“

Schwungvoll drehe ich mich auf meinem Drehstuhl zu ihm herum und beuge mich so nah zu ihm vor, bis mir sein Aftershave in die Nase steigt. Ich kenne diesen Duft, er heißt „Oasis“, ist sehr würzig-exotisch und wenn ER ihn nicht benutzen würde, hätte ich ihn mir auch schon längst zugelegt.

„Tex Hex, ich schwöre dir, wenn wir erst einmal wieder voneinander getrennt sind, stecke ich dich in Isolationshaft.“

„Wenn ich dich dann nur endlich los bin“, zischt er gehässig zurück, und starrt mich herablassend an. „Stampede holt mich sowieso bald hier heraus.“

Ich schnaube nur verächtlich und wende mich wieder meinen Unterlagen zu.
Für zwei Minuten herrscht zwischen uns eine eisige Stille, geprägt von gegenseitiger Verachtung und Haß.
Und dann meine ich betont ruhig und lasse mir dabei jedes Wort auf der Zunge zergehen:

„Wenn du Stampede so wichtig wärst, hätte er dich doch schon längst geholt.“

Tex murmelt etwas vor sich hin, das ich nur Dank der Tatsache auffange, daß ich heimlich mein Wolfsgehör aktiviere.
Er sagt doch tatsächlich:
„Na, glücklicherweise.“

Aber dann blinzelt er verdutzt, schüttelt den Kopf und drückt mit beiden Händen an seinen Ohren herum, als wären sie voller Wasser. Ich bin so irritiert darüber, daß ich es sogar zulasse, daß meine rechte Hand, durch die Schelle an ihn gefesselt, die Bewegung mitmacht.
Für einen klitzekleinen Moment sehe ich Furcht in seinen Augen aufblitzen, aber bevor ich mich weiter damit beschäftigen kann, wird auf einmal lautstark die Bürotür aufgerissen.
Ich erhasche noch einen Blick auf seine Miene, die aus irgend welchen mir unbekannten Gründen tatsächlich Erleichterung ausdrückt, doch da habe ich mich schon meinem Besucher zugewendet.

Es ist J.B. McBride.
Mit blitzenden blauen Augen und zerzausten Haaren – sie scheint mal wieder gerannt zu sein, man sollte nicht glauben, wie EILIG sie es manchmal hat – betritt sie das Büro, entdeckt Tex Hex und grinst plötzlich bis über beide Ohren.

„Oh, dann stimmt es also, was ich gehört habe. Du hast ihn endlich geschnappt.“

„Ja“, knurrt Tex Hex zurück und hält vielsagend seine linke Hand in die Höhe. „Und er mag mich gar nicht mehr hergeben.“

Um meine Lippen zuckt ein ungewolltes Lächeln, doch ich wandle es schnell in ein Strahlen Richtung J.B. um. Okay, sein Spruch eben war gut, aber eher würde hier die Sintflut ausbrechen als daß ich DAS zugebe.

„Ist nur eine temporäre Nebenwirkung der magischen Handschellen“, erkläre ich J.B., erhebe mich, beuge mich über den Tisch und hauche ihr, als sie ebenso verfährt, einen sanften Kuß auf die Lippen.
Und wie immer färben sich ihre Wangen in einem adretten Rosaton.

„Nein, wie süß“, spottet Tex mal wieder ungebeten.

Wir ignorieren ihn geflissentlich.
J.B. parkt ihren hübschen Po auf meinem Schreibtisch, streicht mir meine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn und schenkt mir einen Augenaufschlag, bei dem ein Schwarm Schmetterlinge in meinem Magen erwacht.

„Kommst du heute trotzdem zu mir rüber zum Essen? Ich wollte doch für dich kochen. Aber wenn der da-“ sie wirft Tex Hex einen mißbilligenden Blick zu, „bis dahin immer noch an dir hängt…“

„Oh ja, wir sind unzertrennlich“, grinst Tex.

Sie beachtet ihn nicht und redet ungerührt weiter.

„… können wir es auch verschieben.“

„Bah“, erkläre ich spontan, ergreife ihre Hand und gebe ihr einen Handkuß, wobei ich ihr meinerseits meinen patentierten Augenaufschlag schenke, der sie nur noch mehr erröten läßt, „von dem lasse ich mir doch nicht meine Freizeit verderben. Wenn er nervt, können wir ihn immer noch fesseln und knebeln.“

„Gebt mir einfach ein paar Roofies* und dann könnt ihr sogar ungestört poppen“, Tex’ Grinsen bekommt etwas ausgesprochen Anzügliches.

Nun werfen wir ihm doch den einen oder anderen schiefen Blick zu. Ich stelle mir im Moment nur eine einzige Frage: sollte es mich beunruhigen, daß er den Slang-Ausdruck für diese gemeingefährliche Partydroge kennt?
Bisher hatte er – laut seinem Strafregister und so viel ich weiß – nie etwas mit Drogen zu tun.

J.B. mustert ihn noch einmal scharf, schüttelt dann abfällig den Kopf und strahlt mich wieder an.

„Gut, dann sehen wir uns heute um sieben.“

Wir geben uns noch einen zärtlichen Kuß, dann eilt sie wieder davon. Ich starre ihr sinnend nach, bis mich Tex’ dunkle Stimme aus meinen schönen Gedanken reißt.

„Ich hoffe, deine Richterin kocht so scharf wie sie aussieht.“

„Was bringt dich auf die Idee, daß du was abkriegst?“ gebe ich zurück.

„Ist doch wohl das mindeste, wenn ich euer Geturtele ertragen muß“, entgegnet er schnippisch.

„Neidisch?“ erkundige ich mich mit hochgezogenen Augenbrauen.

Er stößt ein kurzes, hämisches Gelächter aus.

„Seid nur vorsichtig. Es kann gefährlich werden, wenn der Marshall und die Richterin eine Familie gründen. Gefährlich für die kleinen Kinderchen.“

Mir stockt fast der Atem. War das etwa eine Drohung?
Ich versuche, mir meine Wut nicht anmerken zu lassen, setze mich wieder und ordne meine Papiere.

„Kindesentführung ist selbst unter DEINEM Niveau“, erkläre ich spitz.

Tex schnaubt nur. „Was weißt DU schon von MEINEM Niveau?“

Ich beschließe, mich nicht länger von ihm provozieren zu lassen.

Eine halbe Stunde geht das wirklich ziemlich gut, er hält die Klappe, gibt mir mit der Kette sogar etwas mehr Spielraum – es reicht zum Tippen – und scheint ganz allgemein etwas gelassener zu werden. Ich glaube, die Tabletten wirken langsam.

Und bei mir macht sich mein Tee bemerkbar.
Verdammt.
Ich gebe mir Mühe, so lange es geht, aber irgendwann gestehe ich es mir ein, daß mir wohl keine Wahl mehr bleibt. Innerlich seufzend und diese Handschellen verfluchend, stehe ich auf.
Auf seinen verwirrten Blick hin erkläre ich nur, daß ich mal die Waschräume aufsuchen müßte und ziehe probehalber auffordernd an der Kette.
Tex folgt mir ohne Protest, aber er sieht nicht sehr glücklich aus. Mir geht es genauso. Ich glaube, uns beiden ist eben klar geworden, WAS genau die Tatsache, daß wir aneinander gekettet sind, wirklich bedeutet. Wir müssen ALLES gemeinsam machen.

Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie unangenehm mir das wirklich ist, versuche cool und lässig zu wirken, als ich vor das Urinal trete und meine Hose öffne.

„Nutze die Gelegenheit“, schnarre ich betont kühl, „denn für DICH stehe ich bestimmt nicht noch mal auf. Entweder du schließt dich mir an oder du kannst sehen, wo du bleibst.“

Das ist unfair und gemein, aber wenn ICH mir zukünftig diese Blöße ständig geben muß – und dabei denke ich besonders an meinen Verdauungsapparat, der sich auch irgendwann einmal melden wird – dann ganz bestimmt nicht alleine.

Wortlos stellt er sich an das Urinal neben mir.

Beinahe hätte ich aus lauter Gewohnheit meine rechte Hand benutzt, doch ich erinnere mich gerade noch rechtzeitig daran, daß ich mit dieser ja an ihn gefesselt bin, und so lege ich sie nur betont lässig auf der schmalen Sichtschutzwand ab.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, normalerweise macht es mir nichts aus, zusammen mit einem anderen Mann hier zu stehen, aber zwischen uns hängt eine sonderbare, fast peinliche Stille.
Wir starren beide so angestrengt an die Wand vor uns, daß es richtig krampfhaft wirkt.
Und ich wünschte, ich müßte die Geräusche nicht hören.

Und ich weiß wirklich nicht, wieso ich plötzlich von dieser teenagerartigen Neugier gepackt werde, meine Falkenaugen aktiviere und einen heimlichen Blick wage.

Ich weiß nicht, wieso Tex neben mir plötzlich schwankt und leise aufkeucht, aber meine Aufmerksamkeit wird sowieso von etwas ganz anderem gefesselt. Denn der Anblick von dem, was der Kerl da gerade zwischen seinen Fingern hält, verursacht mir einen ganz trockenen Mund. Keine Ahnung, warum, aus ähnlichen Gelegenheiten kenne ich auch Thirtys edelstes Körperteil und DAS ist wirklich beeindruckend groß – na ja, er ist ja zur Hälfte auch ein Hengst - dagegen ist das hier langweilig normal.

Irritiert über meine eigenen Gefühle, wechsle ich wieder in den normalen Sichtmodus und packe mich wieder ein.
Und als ich meine Gürtelschnalle zuschnappen lasse, fällt mir auf, daß Tex neben mir ziemlich stoßweise atmet. Er ist blaß, hält die Augen krampfhaft geschlossen und sieht ganz allgemein aus, als wäre er einem Geist begegnet.

„Fertig?“ knurre ich ihn ungnädig an.

Denn eines fehlt mir noch: daß der hier umfällt, ich ihm womöglich noch die Hose wieder hochziehen muß und mir dann wieder eine Standpauke vom Doc abholen kann.

Tex öffnet wieder die Augen, starrt an die Wand vor sich und blinzelt einige Male.

„Ja, sicher“, erklärt er dann gewohnt schnippisch.

Das ist eine faustdicke Lüge, denn als er sich eine halbe Minute später die Hände wäscht, zittern seine Finger. Mir gefällt das nicht, also schreibe ich das dem naheliegendsten zu.

„Gib mir die Tabletten“, auffordernd strecke ich ihm meine Hand entgegen.

Natürlich sträubt er sich. „Nein. Wieso? Falls du es vergessen hast: ich hab eine kaputte Schulter, und das ist DEINE Schuld.“

„Her damit!“

Ich will nicht mit ihm diskutieren, und so aktiviere ich meine Pumageschwindigkeit und ziehe sie ihm kurzerhand aus der hinteren Hosentasche.

Seine Augen weiten sich, helles Entsetzen flackert in ihnen und sein nächster Atemzug klingt unglaublich gequält. Seine rechte Hand verkrallt sich in seinem Hemd auf Höhe der Bronchien, doch dann entspannt er sich wieder.

Er starrt auf die Schmerztabletten in meiner Hand, und ich kann regelrecht zusehen, wie es hinter seiner Stirn zu rattern beginnt.

Plötzlich funkelt er mich aufgebracht an.

„Hör auf deine Geisterkräfte zu benutzen!“ Und dann verzerrt sich sein Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. „Igitt, sag mir nicht, daß du mich eben bespannt hast! Das ist ja … das ist einfach nur … pfui! Bah!“ Unvermittelt tritt ein heimtückischer Glanz in seine Augen. „Na, was würde deine Richterin wohl sagen, wenn sie davon wüßte?“ Und dann, fast im selben Atemzug: „Hat’s dir wenigstens gefallen, was du gesehen hast?“

Ich stehe nur da wie vom Donner gerührt und versuche den Sinn hinter seinen Worten zu begreifen. Aber das einzige, was mir einfällt, ist:

„Ich hätte nicht gedacht, daß dein Schwanz genauso lila ist wie alles an dir.“

Ihm stockt sichtbar der Atem. Er weicht tatsächlich einen kleinen Schritt zurück, und sekundenlang ist da pure Panik, doch er hat sich schnell wieder im Griff und sein Pokerface aufgesetzt.

„Was dachtest du denn?“ gibt er schnaubend zurück. „Rot-weiß gestreift?“

Bei dieser Vorstellung verbeiße ich mir ein Grinsen. Ich hätte jetzt hunderttausend Antworten auf diese Frage und jede davon witziger als die vorherige, aber ich will mich nicht auf ein Wortgefecht mit ihm einlassen.

„Wieso soll ich meine Geisterkräfte nicht benutzen? Was geht es dich überhaupt an?“

„Viel!“ schnappt er zurück und beginnt dann an seinen Fingern aufzuzählen. „Bei deinen Bärenkräften kippe ich um, dein Wolfgehör macht mich taub, deine Falkenaugen blind und deine Pumageschwindigkeit nimmt mir die Luft zum Atmen.“

Sekundenlang starre ich ihn nur fassungslos an.

„Oh“, mache ich dann betroffen.

„Ja, oh“, bestätigt er kühl und zerrt wütend an den Handschellen. „Du und dein bekloppter Ziehvater! Ehrlich, wenn man keine Ahnung von Magie hat, sollte man die Finger davon lassen! Aber vielleicht wird er ja auch nur langsam alt und vergeßlich!“

„Das ist kein Grund, beleidigend zu werden!“

„Oh, ich finde schon! ICH habe hier nämlich keinen Mist gebaut!“

„Jaja, schon gut.“

Ich habe keine Lust, mich mit ihm zu streiten, daher gehe ich zurück ins Büro, wobei er mir notgedrungen folgen muß, und dann schalte ich mein Radio ein, setze mich wieder an meine Berichte und ignoriere ihn wieder so gut ich kann.

***



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*Flunitrazepam (k.o.-Tropfen)
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