Reparations

GeschichteDrama / P18 Slash
Draco Malfoy Ginevra Molly "Ginny" Weasley Harry Potter Hermine Granger Ronald "Ron" Weasley
01.05.2010
25.09.2010
10
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Reparations

Autor: Sara's Girl
Link: http://www.fanfiction.net/u/1550773/Saras_Girl

Übersetzer: James-Black

Genre: Drama/ Romance,
Warnung: Pre-Slash / Slash, Lemon (zum Ende hin)
Pairing: Draco/Harry

Disclaimer: Harry Potter gehört JKR. Die Fanfiktion Sara's Girl. Ich übersetze nur.

Summary: Harry ist kurz davor zu erfahren, dass die steilste Lernkurve nach der Heilerausbildung stattfindet und dass man eine zweite Chance an unerwarteten Orten findet. Die FF spielt nach Hogwarts in St. Mungo. Dort trifft Harry in der Abteilung für Entzugskuren unerwartet auf Draco Malfoy.

A/N: Diese Fanfiktion beinhaltet ein paar Originale Charaktere. Ich hoffe, ihr gebt diesen eine Chance. Es war notwendig, da die Geschichte außerhalb von Hogwarts spielt. Schließlich wäre es komplett unrealistisch mein St.Mungo mit Leuten zu bevölkern, die Harry alle schon kennt.

Der Epilog aus Band 7 wird vollständig ignoriert, ansonsten ist die FF mit Heiligtümer des Todes übereinstimmend, auch wenn keines der Vorkommnisse daraus eine große Rolle spielen wird.

Ü/N: Hier ist also die nächste Übersetzung meinerseits. Ich kann nur sagen, dass diese FF unbeschreiblich genial ist. Von Plot und von Schreibweise. Und ich hoffe, dass meine Übersetzung dem Original gerecht wird.

Viel Spaß


Kapitel 1

Erwartet das Unerwartete.

Das war es, dass ihnen der Ausbilder gleich am ersten Tag der Heilerausbildung gesagt hatte, zusammen mit der wenig aufbauenden Vorrausage, dass egal wie viel man las, probte und prüfte, sie nichts auf den eigentlichen Umgang mit realen Patienten vorbereiten könne. Nach nur sechs Tagen als qualifizierter Lehrling im St Mungo, ist Harry überzeugt, dass der Ausbilder etwas untertrieben hatte.

Sicherlich hatte er nie erwartet, einen Großteil seines Tages damit zu verbringen, die gewitzte, alte Hexe in Bett Vier davon abzuhalten, den Schokoladenkuchen ihrer schlafenden Zimmergenossin vom Tablett zu stehlen.

"Mrs Derrida.", rief er. Die ausgestreckte Hand der plumpen Hexe erstarrte. "Was habe ihn Ihnen über den Kuchen gesagt?"

"Ähm… dass er lecker ist und ich unbedingt ein Stück probieren solle?", versuchte sie und blinzelte Harry hoffnungsvoll an. "Dass Rosemary ihn nicht essen wird und er nicht im Müll landen solle?"

Harry seufzte und unterdrückte ein Lächeln. Er durchquerte den Raum in drei großen Schritten und ließ Rosemarys Kuchen mit einem  flüchtigen Wink seines Zauberstabes auf deren Nachttisch schweben, und somit außer Reichweite von Mrs Derrida.

"Das klingt ganz nach mir. Glauben Sie wirklich, dass Schwester Midgen gerade zwanzig Minuten damit verbracht hat, Ihr Blut zu reinigen, nur damit Sie gleich wieder Zucker essen?", wies er sie zurecht.

"Hmph.", murmelte Mrs Derrida und sah angemessen eingeschüchtert drein.

"Genau.", sagte er, nahm ihre Krankenakte auf und studierte sie. "Wenn Sie sich benehmen, sollten Sie in ein paar Tagen wieder nach Hause können."

"Und was soll ich dann ohne Sie tun, Heiler Potter?", fragte die alte Dame und blinzelte ihre spinnengleichen Wimpern gegen die faltigen Wangen.

Die Neuartigkeit dieser Anrede war noch nicht verklungen, und unwillkürlich lächelte Harry, als das warme Gefühl der Erfüllung seine Venen durchflutete.

"Ich bin sicher, Sie werden das schaffen, Mrs Derrida."

Mit achtzigjährigen Patienten zu flirten war kinderleicht; er wünschte sich nur, dass er diese Fähigkeit auf Personen seines Alters erweitern könnte. Nicht, dass Harry dafür Zeit hätte. Heilen war mehr Lebensstil, als eine Beschäftigung, und es gab keine Anzeichen, dass dies nachlassen würde, auch wenn der theoretische Teil seiner Ausbildung beendet war. Es hatte ihn nicht wirklich überrascht, als er feststellte, dass die meisten Beziehungen innerhalb des Hospitals entstanden.

'Wenn er nicht hier arbeiten würde, dann würden wir uns nie sehen.', hatte die ruhige, aber nette Schwester Midgen an Harrys erstem Tag zugegeben, als sie ihm ihren Heilerfreund gezeigt hatte. Er kannte sie vage aus Hogwarts, und musste eingestehen, dass er in der letzten Woche ein wenig an ihr drangehangen hatte. Er schätzte, es war die Erleichterung jemanden zu finden, der nicht auf seine Narbe starrte oder wie auf Eierschalen um ihn herumschlich, als ob er jeden Moment spontan in Flammen aufgehen würde.

Er lehnte sich einen Moment gegen den beruhigend soliden Tresen des Schwesterzimmers und nahm sich einen Moment Zeit, um die geschäftige Menschenmasse zu beobachten; Patienten, Besucher und Belegschaft. Die lindgrünen Umhänge der Heiler und die hellblauen der Krankenschwestern waren ein erfrischender Kontrast gegen die sterile, klinische Kulisse. Es war die zehnte Stunde seiner Sechzehnstundenschicht, doch trotz seiner Erschöpfung, kann Harry die warme Genugtuung nicht unterdrücken, die zusammen mit dem Gefühl, genau da zu sein, wo er hingehörte, aufkam. Endlich.

Es war fünf Jahre her, seit der Krieg geendet hatte, doch manchmal erschien es ihm viel länger. Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, war die Zeit ohne Harrys Erlaubnis zunehmend an ihm vorbeigerauscht. Da er sein halbes Leben damit verbracht hatte, dem eigenen, schrecklichen Tod nur knapp zu entgehen und gleichzeitig darauf zu warten, jemand anderem zu eben diesem zu verhelfen, hatte Voldemorts Fall ihn ein wenig Verloren zurückgelassen. Er war nicht, wie manche ihm unterstellen wollten, depressiv gewesen, sondern nur ziellos.

Er war in Grimmauld Platz Nummer 12 eingezogen. Entrümpelt und gestrichen und geschrubbt und poliert, sah es nun mehr nach einem Zuhause aus, als nach einer Gruft. Er hatte etliche Angebote professionell Quidditch zu spielen abgelehnt, mit der Begründung, dass es seit Hogwarts einfach nicht dasselbe war, und war Ron in die Aurorenausbildung gefolgt, da er nichts Besseres wusste.

Nach zwei Wochen hatte er Ron dort zurückgelassen, auch wenn er immer noch nichts Besseres hatte. Auch wenn er sich gewünscht hätte, einen besseren Grund zu haben, als dass er einfach die Schnauze voll vom Kampf gegen Dunkle Magier hatte, so hatte er keinen gefunden. Der vernünftigere Teil seiner Freunde hatte gefragt, was er sich dann dabei gedacht habe, mit der Aurorenausbildung überhaupt anzufangen. Harry hatte sich entschieden, ihnen die Wahrheit vorzuenthalten, welche implizierte, dass er überhaupt nicht nachgedacht hatte.

Am Ende war es Hermines Idee gewesen. Das alles hier.

'Es gibt keine Möglichkeit, vor Dunkler Magie zu fliehen, Harry. Du kannst dich nicht vor der Welt verschließen.', hatte sie gesagt.

'Es muss doch etwas Nützliches geben, mit dem ich Menschen helfen kann, ohne dass sich alles darum dreht, dass ich Harry bloody Potter bin.', hatte er gebrummt.

Das Informationsblatt zu 'Heilerkarrieren' der Curatio Schule hatte am nächsten Morgen beim Frühstück auf seinem Teller gelegen. Harry hatte sich ein Lächeln gegönnt aufgrund Hermines fehlende Raffinesse und hatte mit schläfrigen Augen und butterigen Fingern durch die Texte und sich bewegenden Fotos von kleinen, in grün gekleideten Hexen und Zauberern geblättert. Die simple Richtigkeit dieser Idee hatte ihn wie ein Blitz getroffen.

Und nie war Harry Hermine Granger dankbarer gewesen, dass sie ihm beigebracht hatte, wie man richtig lernte, als in diesen vier zermürbenden Jahren der theoretischen Ausbildung. Und nun hatte dies alles hierzu geführt –

" – Harry.", kam die verärgerte Stimme von seiner Rechten. Blinzelnd rieb er sich die müden Augen hinter seinen Brillengläsern. Langsam, aber sicher erkannte er die kleinste und zäheste seiner Lehrlingskolleginnen.

"Ja?"

Cecile verdrehte ihre trübgrünen Augen und stach ihm mit dem Zauberstab in die Rippen. Ein eiskalter Schauer jagte über Harrys Haut, nicht unähnlich dem, als hätte man ihm einen nassen Fisch ins Gesicht geschlagen. So stellte er sich das zumindest vor.

"Dafür bestand kein Grund.", murmelte er.

"Und ob.", behauptete sie und strich sich eine widerspenstige, blonde Haarsträhne hinters Ohr. "Du siehst aus, als ob du gleich einschläfst. Offenbar gab es gerade einen Überfall oder so. Auroren haben gegen ein paar übrig gebliebene Todesser kämpfen müssen. Sie flohen jetzt rein."

Harrys Ohren spitzten sich. Ob er sich aufgrund Ceciles Worten, oder ihres Nassen-Fisch-Fluchs wacher fühlte, wusste er nicht, aber es war auch nicht wichtig. "Wie ist ihr Zustand?"

"Ein paar schwerwiegende Fluchschäden.", antwortete Cecile. Das Blitzen in ihren Augen machte es klar, dass auch sie unbedingt miteinbezogen werden wollte. Er wusste, dass es unwahrscheinlich war, dass sie diesmal an vorderster Front dabei sein würden, schließlich waren sie Lehrlinge, aber es bestand immer die Chance auf eine Alle-Mann-an-Deck Situation.

"Worauf warten wir dann?" Er warf Cecile ein kleines Lächeln zu, stieß sich von der Schwesternstation ab und folgte ihr runter in die Aufnahme.

*

Der Anblick der sie dort erwartete war laut, chaotisch und hektisch. Adrenalin schoss durch Harrys Venen und verdrängte erfolgreich die letzten Spuren seiner Müdigkeit. Der Rausch ist schärfer, süßer und stärker als bei vorherigen Siegen auf dem Schlacht- oder Quidditchfeld.

Ein rauschender See aus Grün und Blau umgab die verletzten, schwebenden Körper von drei bewusstlosen Auroren. Als er und Cecile sich in das Getümmel stürzten, erblickte Harry Ron, welcher angespannt mit einem der Heiler sprach, der gerade Diagnosezauber über seinen gefallenen Kollegen anwandte. Sein Haar und seine rostbraune Robe waren zerzaust, aber er stellte eine imposante, professionelle Figur in der Mitte dieses Chaos dar. Harry konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

"Potter, Mackenzie!", brüllte Harrys Boss und Mentor, Augustus Tremellen, hinter ihnen. Er und Cecile wandten sich um, Zauberstäbe bereits in der Hand. "Ich brauche euch, um die Patienten per Seite-an-Seite hinauf in den vierten Stock zu befördern. Und steht danach verdammt noch mal nicht im Weg rum!"

Bei der Erwähnung von Harrys Namen, blickte Ron auf und sah ihm in die Augen. Der Blick, den er ihm durch die roten Strähnen zuwarf, war zu gleichen Teilen mitleidig, amüsiert und grimmig.

"Soviel zum Thema bei diesem Notfall mitzuhelfen.", grummelte Harrys leise, während er einen Arm um den nahesten Patienten schlang und mit ihm in den vierten Stock apparierte. Das leise Ploppen, das er hörte, verriet ihm, dass Cecile das Gleiche tat.

*

"Sie könnten uns wenigstens irgendwas tun lassen", beschwerte sich Terry Boot.

"Wir tun etwas.", murmelte Cecile mit Sarkasmus in der Stimme. "Wir beobachten."

Harry schnaubte. Sie starrten nun seit einer geschlagenen halben Stunde durch eine Scheibe in den Raum der fluchgeschädigten Auroren und er verlor bald jegliche Geduld. Nicht, dass er jemals gut auf "Halte dich zurück und schau zu" reagiert hätte.

"Tremellen kommt raus.", flüsterte ein weiterer Lehrling hinter Harry.

Endlich. Die Gruppe wandte sich geschlossen zu Tremellen um.
Hlat
"Küken.", dröhnte seine Stimme und das dazugehörige Lächeln ließ die Enden seines dunklen Schnauzbartes zucken. Harry umschloss seinen Zauberstab stärker und verdrehte die Augen. Tremellen mochte zwar ein großartiger Heiler sein, aber dieser Mann war ein bevormundender, schleimiger Depp. Cecile, welche neben Harry stand, lächelte, doch ihre Augen blieben kalt.

"Wie ihr sehen könnt, sind alle drei Patienten in stabilem Zustand, aber sie brauchen genauste Beobachtung und regelmäßige Kontrollen, bevor sie entlassen werden können.", sagte Tremellen. "Und daher werde ich dem besten Lehrling erlauben, mir dabei zu assistieren, diese… äußerst wichtigen Patienten zu behandeln."

Tremellen lächelte schmierig und ließ die Augen über die versammelte Gruppe schweifen, das kollektive Stocken des Atems offenbar genießend. Harry sackte ein wenig zusammen und seine Augen blickten zu seiner Rechten. Er wusste, dass er nicht der Beste war. Kompetent – sicher; gut im Umgang mit den Patienten – absolut; aber er war nicht der Star. Die meiste Zeit war er froh darüber, nicht im Mittelpunkt zu stehen, aber es war schon schade, dass…

"Heiler Potter", sagte Tremellen. Harrys Kopf fuhr ruckartig hoch.

"Ja?", fragte er. "Ich meine, ähm, ja, Heiler Tremellen?"

"Sie werden mir natürlich assistieren. Seien Sie in einer Stunde wieder hier." Der Mann winkte der Gruppe abweisend zu, wandte sich um und disapparierte.

Harry starrte überrascht auf die Stelle, an der sein Boss eben noch gestanden hatte.

"Was zum Teufel war das gerade?", fragte er niemanden bestimmtes. Wie er erwartet hatte, bekam er auch keine Antwort, doch ein dumpfes Flüstern breitete sich in der Gruppe aus. Er rieb sich die Augen und seufzte. Soviel zur nicht-bevorzugten Behandlung, die er geglaubt hatte zu genießen.

"Es tut mir Leid, Cecile.", sagte er, als er sich schließlich zu ihr umdrehte. Sie biss sich auf die Unterlippe und zuckte mit den Schultern.

"Nicht schlimm", antwortete sie und warf ihm ein mattes Lächeln zu, das ihre Augen nicht erreichte. Sich schuldig fühlend, fuhr Harry sich durch seine bereits verzausten Haare.

"Im Ernst, das ist nicht fair. Du hast diesen Fall verdient."

"Glaubst du?"

"Japp.", bekräftigte er ehrlich. Er wusste es, und er wusste auch, dass sie es wusste.

"Tja… scheiße. Wenn du so verdammt realistisch denken musst…" Cecile blickte kurz auf den Boden, und als sie den Kopf wieder hob, hatte sich ihr Gesicht aufgehellt und ihr Lächeln wurde authentisch. "Harry bloody Potter."

"Man hat mich schon schlimmer beschimpft.", gab er erleichtert zurück. Er wusste, dass er Cecile keinen Vorwurf machen könnte, wenn diese ihn aus Prinzip hassen würde, doch auf solch ein Niveau begab sie sich nicht, und er war froh darüber. "Ich gebe eine Runde Kaffee aus, kommst du mit in die Kantine?"

Als er sich umsah, stellte er dankbar fest, dass die Gruppe missmutiger Schaulustiger verschwunden war, und er und Cecile praktisch allein im Korridor standen.

"Okay. 'Kaffee'", sagte sie und kräuselte angeekelt die Nase, während ihre dramatisch inszenierten Gänsefüßchen beinahe Harrys Nase trafen. Er duckte sich.

"Wir sehen uns dann unten."

*

"Heiler Tremellen?", rief Harry. Seine Schuhe quietschten laut auf dem polierten Boden, als er hinter dem Mann zum Stehen kam. Dieser wandte sich um.

"Ja, Heiler Potter, was kann ich für Sie tun?"

"Es ist wegen dem Fall… die Auroren?", begann er. Tremellen zog eine dunkle Augenbraue hoch und Harry verstummte, sich plötzlich unsicher fühlend. "Es ist nur, dass, nun, ich habe mich gefragt, ob ich unter den Lehrlingen wirklich der bin, der es am meisten verdient."

Er schluckte hart und atmete tief durch die Nase ein. Er vernahm den Geruch von Pinienbodenreiniger, die Art die auch Muggle benutzen, und den unverwechselbaren Duft von Lavender, der bei bestimmten Diagnosezaubern freigesetzt wurde.

"Wie bitte?"

"Ich bin dankbar, dass sie mich ausgesucht haben, aber Terry war in jeder Prüfung besser als ich, und Cecile ist bei Weitem die Stärkste der Gruppe und ich habe mich gefragt…", er verstummte allmählich, und sein Mund wurde plötzlich trocken, als er den Ausdruck auf Tremellens sich verdunkelndem Gesicht wahrnahm.

"Mister Potter.", sagte er kalt, und erinnerte Harry damit an einen seiner früheren Lehrer. "Stellen Sie mein Beurteilungsvermögen in dieser Sache in Frage?"

Der ältere Mann war gut zehn Zentimeter größer als Harry, aber dies war das erste Mal, dass er sich von ihm eingeschüchtert fühlte. Ruckartig rieb er seine feuchten Handflächen an seinem Unhang ab. Er hielt den Augenkontakt. Er wollte diskutieren. Für die Gerechtigkeit. Für Cecile. Für das Verlangen, durch Leistung Annerkennung zu erhalten, und nicht nur weil er Der Junge Der Lebt war.

Bevor er jedoch den Mund aufmachen konnte, redete sein Gewissen mit einer Stimmlage auf ihn ein, die stark nach Hermines klang.

'Es ist ein schmaler Grad zwischen Heldentum und sinnloser Selbstsabotage.', flüsterte die Stimme, und Harry biss sich auf die Zunge

"Nun? Soll ich davon ausgehen, dass der große Harry Potter kein Interesse daran hat, mir zu assistieren?"

"Nein, Heiler Tremellen, ich meine, Ich möchte Ihnen immer noch assistieren.", sagte er. Der Schnauzbart zitterte, und Tremellen neigte den Kopf leicht zur Seite.

"Ausgezeichnet."

Er schritt eilig davon, den grünen Umhang hinter sich wehend. Harry lehnte sich gegen die kalte, gestrichene Wand und blickte mürrisch drein. Es war nicht das erste Mal in seinem Leben, dass er sich wünschte, er hätte einfach seine große Klappe gehalten.

*

"Es tut mir wirklich leid", wiederholte Harry. "Ich habe versucht mit Tremellen zu reden, aber es stellte sich heraus, dass er ein noch viel größerer Wichser ist, als ich bisher annahm."

Cecile hielt ihre Kaffeetasse dicht vors Gesicht, während sie ihre dünnen Ellenbogen auf den schimmernden Plastiktisch stützte.

"Ich bin es ja gewohnt.", sagte sie seufzend. Sie zog einen winzigen, silbernen Schlangenanhänger an einer dünnen Kette unter ihrer Robe hervor. "Ex Slytherin."

Harry lächelte. "Da ist doch nichts falsch dran.", behauptete er, doch Cecile lachte.

"Da gehörst du aber zu einer verschwindet geringen Minderheit, wenn du so denkst.", sagte sie und lehnte sich über den Tisch, um einen der fettigen Pommes von Harrys Teller zu klauen.

Trotz dessen er es besser wusste, stieg die Wut in Harry auf und er krallte die Fingernägel in die Tischplatte.

"Lass das."

"Was?" Cecile blickte auf und leckte das Salz von ihren Fingern.

"Essen von meinem Teller zu nehmen."

"So hungrig?", fragte sie, neigte den Kopf zur Seite und sah ihn verwundert an.

"Nein. Es ist nur… es ist…" Harry verstummte, fühlte wie er errötete und wusste nicht, wie er es erklären sollte.

"Magst du es nicht, zu teilen?", stichelte Cecile lächelnd.
 
"Nein!" Frustriert schüttete er die Hälfte seiner Pommes auf eine saubere Serviette und schob sie zu Cecile hinüber. "Ich mag es nur nicht, wenn Leute von meinem Teller nehmen."

Er zuckte peinlich berührt die Schultern. Es schien egal zu sein, wie viele Jahre ausreichender Ernährung er hinter sich hatte, er hatte die tief verankerte Gewohnheit sein Essen beschützen zu wollen, nicht abschütteln können. Dudley hatte natürlich seit Jahren keinen Zugang zu Harrys Tellern gehabt, aber das Unwohlsein war nie wirklich verschwunden.

"Danke.", sagte Cecile leise, nahm einen Pommes von der Serviette und kaute nachdenklich. "Du bist seltsam, weißt du das?"

"Hat man mir gesagt.", räumte er lächelnd ein.

Sich wieder wohl fühlend, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und ließ den Blick durch die Kantine schweifen. Er beobachtete das umherwuselnde Kantinenpersonal, welches in ihren hellroten Uniformen leicht von den Heilern und Besuchern, die in kleinen Grüppchen an den Tischen saßen, zu unterscheiden war. Eine kleine, grauhaarige Hexe hinter der Theke lachte rau und zog damit Harrys Aufmerksamkeit auf sich. Sie blickte mit klimpernden Wimpern einen großen, blonden Mann an, der mit langen, eleganten Fingern ein paar silberne Sickle in ihre ausgestreckte Hand fallen ließ.

Zwar konnte Harry ihn nur von hinten sehen, aber die Haltung des Mannes hatte etwas schmerzlich Bekanntes an sich. Der hellgraue Pullover und die dunkle Hose waren zwar simpel, aber dennoch stilvoll und Harry wollte ihn von vorne sehen. Nicht, dass die Person, an die er dachte, jemals Mugglekleidung tragen würde. Es war nur Einbildung. Schließlich saß er einer blonden Slytherin gegenüber, da war es nur natürlich an einen anderen Slytherin zu denken.

"Hörst du mir zu, oh Auserwählter?" Cecile stupste ihn an.

"Was? Nenn mich nicht so.", beschwerte er sich, während er weiterhin abgelenkt über Ceciles Schulter starrte. Wenn der Mann sich umdrehen würde, dann könnte er endlich weggucken.

"Du hast nicht zugehört. Was ist los?"

Harry zögerte. Seine Augen blieben unverändert auf den blonden Hinterkopf gerichtet. Er hielt den Atem an, auch wenn es lächerlich war, er wusste das. Es konnte nicht möglich sein…

Der Mann drehte sich leicht, als er den dampfenden Pappbecher von der grauhaarigen Kantinenmitarbeiterin annahm; und das zierliche Gesicht war nun im Profil. Harry biss sich schmerzhaft auf die Zunge.

"Meine Fresse." Er blinzelte wiederholt, aber jedes Mal ist das Bild unverändert.

"Sehr eloquent.", schnaubte Cecile. In seinem peripheren Blickfeld sah Harry, wie sie über die Schulter schaute, um seinem Blick zu folgen. "So, so. Kein geringerer als Draco Malfoy."

Der leicht überraschte Tonfall in ihrer Stimme wiederholte sich in Harrys Kopf immer und immer wieder, bis es schien, dass sein Hirn explodieren wollte.

"Draco Malfoy", wiederholte er.

Während er weiterhin lächelte, nickte Malfoy der alten Hexe zu und verließ die Kantine, ohne nochmals zurück zublicken.

"Was macht er hier?", fragte er, die Augen endlich wieder auf Cecile richtend.

"Woher soll ich das wissen?" Sie zuckte mit den Schultern und wischte sich die fettigen Finger an der nun leeren Serviette ab. "Isst du die noch?"

Harry blickte auf seinen Teller hinunter. Plötzlich war er nicht mehr hungrig. "Nimm sie dir.", sagte er und schüttete die restlichen Pommes auf Ceciles Serviette. "Ich muss… schnell was erledigen."

Die plötzliche Wiederkehr des Mannes, welcher scheinbar von der Erdoberfläche verschwunden war, und das ausgerechnet an Harrys Arbeitsplatz, erforderte Nachforschung.

*

Zum Glück schien Malfoy nicht in Eile zu sein. Innerhalb weniger Sekunde hatte Harry ihn eingeholt. Danach musste er in einer Nische nur noch einen Disillusionierungszauber auf sich sprechen und Malfoy verfolgen. Es war beinahe sechs Jahre her, dass Harry den Slytherin regelmäßig verfolgt hatte, aber die Vertrautheit ist seltsam beruhigend.

Zuerst war er sich sicher, dass Malfoy ein Besucher des Hospitals war, es war die einzig sinnvolle Erklärung. Doch als er einen abgelegenen Korridor nach dem nächsten entlangging, sank Harrys Glaube daran rapide. Als die Korridore allmählich menschenleer wurden, bemerkte Harry, dass er diesen Teil des Hospitals noch nie gesehen hatte. Der übliche, alles durchdringende Geruch von Lavendel war beinahe nichtexistent, und dessen Abwesenheit fiel Harry unangenehm auf.

Nach einer weiteren Abbiegung blieb Malfoy stehen. Auch Harry blieb stehen und versuchte zu Atem zu kommen. Der Blonde schwang seinen Zauberstab nachlässig über eine Doppeltür und verschwand hindurch. Harry blickte auf das glänzende, weiße Schild, welches über den Türen angebracht war.

Das konnte nicht wahr sein.

-

"Malfoy ist im Entzug.", wiederholte Harry zum dritten Mal ein paar Stunden später. Er musste beinahe Schreien, um den Bass zu übertönen, aber das Augenverdrehen seiner Begleiter sagte ihm, dass die Worte angekommen waren.

Wieder.

"Harry, ich glaube nicht… können wir über etwas anderes reden?", bat Hermine, oder zumindest tat dies das blasse, dunkelhaarige Mädchen, welches sie vorgab zu sein. Die Stimme und das Gesicht waren falsch, aber der gereizte Gesichtsausdruck war definitiv Hermine.

Ron rutschte unbequem in dem Körper eines leicht übergewichtigen Mannes hin und her. Seine Stimme, als er sprach, war unerwartet harsch. "Wie läuft's sonst so eigentlich?", versuchte er das Thema zu wechseln. "Dieser Tremellen Kerl scheint ein Arschloch zu sein."

Harry seufzte und starrte auf seine stämmigen Finger, die sein Glas Feuerwhiskey festhielten. Sie benutzten Vielsafttrank, um unerkannt ausgehen zu können, seit er sich erinnern kann, aber er hatte sich nie daran gewöhnen können im Körper eines anderen zu stecken.

"Er ist ein Arschloch.", sagte er schließlich, trank sein Glas aus und zuckte zusammen, als die scharfe Flüssigkeit seine Kehle hinunter brannte. "Und Malfoy ist. Im. Entzug. Ich habe ihn geggesehen."

Er starrte zu Hermine und diese atmete langsam aus, vorsichtig, ihre Augen wurden sanfter. "Ich schätze, es ist eine Weile her.", sagte sie.

Der Meinung sich verteidigen zu müssen, erwiderte Harry gereizt, "Was meinst du damit?"

"Es ist eine Weile her", begann sie und schob ihr Glas zwischen ihren nervösen Händen hin und her. "Seit du über Malfoy geredet hast. Monate, wenn du es genau wissen willst. Ich dachte, dass wäre gut für dich, dass du ihn endlich vergisst. Loslässt."

Ihr Gesichtsausdruck ist entschuldigend, aber unnachgiebig, und Harry musste wegsehen. Sein Herz raste unregelmäßig gegen den Bass der Musik, welchen er durch den Boden fühlen konnte. Neben Hermine sitzend, verzerrte Ron sein pummeliges Gesicht, während er eulengleich in sein leeres Glas starrte.

"Was loslassen? Du sagst das, als wäre er mein Ex oder so.", murmelte Harry schließlich.

Hermine zuckte verlegen mit den Schultern. "Wenn du die Wahrheit wissen willst, so benimmst du dich manchmal. Es schien mir immer, wie eine gefährliche Besessenheit."

Ein Kribbeln durchfuhr ihn und er leckte die letzten Spuren des Alkohols von seinen Lippen. "Ich weiß nicht, wovon du redest."

Hermine schnaubte. "Natürlich nicht."

"Schau, ich gebe zu, dass er nicht komplett böse ist. Er hat uns nicht verraten, als wir im Manor waren. Ich habe ein gutes Wort bei seiner Verhandlung, die mehr einer Familienverhöhnung glich, für ihn eingelegt. Damit sind wir quitt." Harry knallte sein Glas mit ein wenig mehr Wucht auf den Tisch, als er beabsichtigt hatte und wischte mit seiner Hand über die klebrige Oberfläche in einer Geste der Endgültigkeit.

"Was stört dich daran eigentlich?", fragte sie, wischte sich das dunkle Haar aus dem Augen und lehnte sich über den Tisch, um besser verstanden zu werden.

"Ich weiß nicht.", gab er zu. Er drückte seine Finger gegen die Nasenflügel, und es brauchte einen Moment, bis er sich erinnerte warum er keine Brille trug; in seiner temporären Form brauchte er sie nicht. "Ich muss einfach wissen, was er tut, und doch will ich es gar nicht wissen. Es ergibt keinen Sinn."

"Denkst du, dass…", begann Hermine Gedankenversunken, bevor sie unterbrochen wurde.

"Harry, rate wer ich bin.", beharrte Ron, während er sich weit über den Tisch lehnte und seinen alkoholischen Atem in Harrys Gesicht blies. Trotz seiner trüben Augen, ist da etwas in seinem Gesichtsausdruck, das dafür sorgte, dass Harry sich fragte, ob diese Unterbrechung eher ein Rettungsversuch war als nur alkoholbedingtes Geplapper.

"Red weiter.", ermunterte ihn Harry und versteckte sein dankbares Lächeln hinter seinem Glass.

"Könnte ich ein hässlicherer Muggle sein?", witzelte Ron, ohne zu lachen und fuchtelte mit den Armen.

Der uncharakteristische, sardonische Ausdruck auf seinem Gesicht hielt für ganze drei Sekunden an, bevor er in haltloses Gelächter ausbrach. Hermine zog die Lippen kraus und die Augenbrauen zusammen, als ob sie um jeden Preis versuchte nicht zu lächeln.

"Er hat mal wieder zu viele amerikanische Sitcoms gesehen.", seufzte sie.

"Wäre ich nie drauf gekommen.", meinte Harry. Sich ein Grinsen erlaubend, zwang er sich dazu, sich zu entspannen und die letzten Gedanken an Malfoy in die dunklen Nischen seines Hirns zu schieben. Es war Freitagabend. Er hatte die ganze Woche hart gearbeitet, und er hatte die letzten vier Jahre  geschuftet, um dort anzukommen. Er verdiente es, sich zu entspannen.

"Dieses VT Ding ist echt der Hammer, Harry.", schwärmte Ron "Du musst dir auch einen kaufen."

"TV", korrigierte er abwesend. "Ich kenne so was, glaub es oder nicht."

"Brilliant. Mine hat es geschafft, dass er mit Magie läuft. Sie ist so klug."

Die verhangenen Augen, die auf Hermine gerichtet waren, strahlten vor grenzenloser Bewunderung, und Harry war gefangen in einer angenehmen Flut aus Wärme und Amüsement, als er seine zwei besten Freunde beobachtete.

Er wunderte sich jedes Mal darüber, was für ein Leichtgewicht Ron war. Trotz seiner hundertfünfundachtzig Zentimeter Körpergröße und seiner sichtbaren Hingabe zum Trinksport, vertrug Harrys bester Freund einfach nichts. Wenn sein Blick glasig und er selbst emotional wurde, dann wussten Harry und Hermine, dass es Zeit war den Abend zu beenden.

"So klug, und so hübsch", lallte Ron, und das blasse Gesicht Hermines errötete leicht. "Ich habe solch ein Glück… Harry, du musst dir auch eine liebe Freundin suchen. Aber nicht die hier. Die gehört mir."

"Alles zu seiner Zeit.", antwortete Harry matt und drehte sich von Hermine weg, bevor er zugeben musste, den wissenden Ausdruck in ihren ungewohnten, blauen Augen bemerkt zu haben.

Sie beide wussten, dass er seit Ginny keine wirkliche Beziehung geführt hatte. Ein paar erfolglose Dates waren alles, was sein Liebesleben seitdem ausgemacht hatte. Die Wahrheit war, dass er nicht wusste, wie er mit Frauen reden sollte, oder ob er das überhaupt wollte. Dies jedoch war ein kleines, leises, sich windendes Gefühl, dass er gut verschlossen hielt, sich selbst versichernd, dass er es herauslassen und betrachten würde, sobald er dafür Zeit hatte.

"Ich glaube, ich bringe ihn besser nach Hause.", sagte Hermine und nickte schwach.

Sie zählte nicht. Hermine war einfach… HHermine. So leicht war es.

"Du solltest die Trankwirkung erneuern, wenn du noch ausbleiben willst.", schlug sie vor. "Deine Augen werden langsam wieder grün."

Er schüttelte den Kopf. "Danke, aber ich werde auch nach Hause gehen."

"Bye, Harry.", sagte Ron und schlug ihm freundschaftlich auf den Rücken.

Harry schlug zurück und umarmte dann kurz Hermine, sich erlaubend die Wärme ihrer Umarmung zu genießen und ihren gewohnt frischen, blumigen Duft einzuatmen. Das seidige, schwarze Haar streifte sein Gesicht und erschrak ihn.

"Bis bald. Du riechst immer noch nach Hermine.", fügte er abwesend hinzu.

Sie lachte warm, als sie einen Schritt zurücktrat. "Natürlich tu ich das, du Dummkopf. Vielsafttrank verändert zwar Aussehen und Stimme, aber nicht die Kernessenz einer Person. Das weißt du doch.", belehrte sie ihn.

"Scheinbar.", murmelte er, ungewollt beeindruckt darüber, dass seine Freundin noch Lektionen erteilen konnte, obwohl sie angetrunken war. Er schätze, dass sich manche Dinge nie ändern, und es war ein kleiner Trost.

Mit einem Rauschen in den Ohren und leicht pochendem Kopf stolperte er in eine dunkle Hintergasse, um zurück zum Grimmauld Platz zu apparieren, und wäre beinahe eingeschlafen bevor sein Kopf das Kissen berührte. Auch wenn er versuchte sie zu verdrängen, waren Hermines Kommentare über seinen ehemaligen Feind, das letzte, was sein waches Bewusstsein wahrnahm, und die folgenden Träume waren zerstückelt und verwirrend.

***

Dies war das erste Kapitel. Es folgen weitere neun Kapitel und eine Fortsetzung mit zwölf Kapiteln.

Updates gibt es immer Samstag oder Sonntag. Wenn ich es zeitlich schaffe im Wochentakt, ansonsten jede zweite Woche.

Würde mich über Reviews freuen.
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