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Rudels Selfinsert

von Das Rudel
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Albus Dumbledore Fred Weasley Harry Potter Hermine Granger Luna Lovegood Severus Snape
30.04.2010
01.06.2010
32
94.362
2
Alle Kapitel
527 Reviews
Dieses Kapitel
12 Reviews
 
30.04.2010 9.295
 
Willkommen im Rudel-Wochenende, Freunde der guten Unterhaltung! Wir hoffen, ihr habt genug Zeit mitgebracht, denn heute und morgen gibt es einen Zweiteiler unserer Schreibqueen WatchersGoddess. Ihr Totem steht für Langsamkeit und Weisheit, doch bei Reek trifft wohl nur Letzteres zu.


Natürlich kennt ihr auch ihren account: http://www.fanfiktion.de/u/WatchersGoddess.


Und noch ganz wichtig: Heute ist der letzte Tag, an dem ihr eure Liebling-FFs für den Fanfiction General Award nominieren könnt: http://www.ff-general-award.de.



Leser des Tages: nacht-iris!


Das Rudel – Das Rudel – Das Rudel – Das Rudel



Altersfreigabe: ab 12
Spoiler:
keine
Inhalt:
Professor Snape verschwindet während Hermines Schuljahr für eine Woche. Spurlos. Dann kehrt er zurück und alles ist wie vorher. Abgesehen von ein paar Details, die Hermines Neugier wecken.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Hermine/Severus
Disclaimer:
Nichts gehört mir, alles ist Eigentum von J..
Kommentar:
Da meine Muse momentan den Großteil ihrer Zeit auf Arruba verbringt, hab ich mich durch ein paar Vorgaben meines Teufelchens inspirieren lassen. Sie wollte etwas Klassisches mit Hermine und Severus, eine Reise ins Mittelalter und einen Kreuzzug. Es sollte lustig und romantisch sein und – natürlich – mit Happy End. Daneben gab es noch ein paar weitere Vorgaben, aber die begannen alle mit einem ‚vielleicht‘ oder ‚eventuell‘ und da es mir überhaupt nicht in den Plot passte, habe ich sie großzügig übersehen.

Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, Teufelchen!
Gequälte Beta war mal wieder Anja.


- - -


Tempus gratiae von WatchersGoddess

Part I – Hermine


 „Wie spät ist es?“ Hermines Stimme klang gedämpft über den Stapel Bücher hinweg, den sie auf ihren Armen balancierte. Sie schaffte es nur eben so, darüber hinwegzuschielen, damit sie in niemanden hineinlief.

 „Zehn vor acht“, antwortete Harry, der neben ihr herlief. Er trug nur zwei Bücher – und die befanden sich in seiner Tasche. „Bist du dir sicher, dass ich dir nichts abnehmen soll, Mine?“ Er betrachtete den Balanceakt seiner Freundin mit scheelen Blicken.

 „Ganz sicher. Ich kann meine Bücher auch selbst fallen lassen“, war die leise Antwort.

 „Davon bin ich überzeugt...“

 Hermine sparte sich eine Antwort auf Harrys Bemerkung. Ihre Arme wurden zunehmend schwerer, von den Büchern selbst ganz zu schweigen. Zum Glück kamen sie der Bibliothek immer näher; die Gemälde an den Wänden deuteten darauf hin.

 „Warum musst du die Bücher nochmal unbedingt jetzt zurückbringen?“

 Hermine verdrehte die Augen. „Harry, die Antwort verändert sich nicht, nur weil du die Frage zum fünften Mal stellst.“ Sie warf ihm einen scharfen Blick zu.

 „Erklär's mir trotzdem nochmal.“

 Sie seufzte. „Ich war gestern Abend noch nicht fertig mit dem Durcharbeiten und die Warteliste für diese Bücher ist so lang, dass ich sie vor den Prüfungen nicht noch einmal in die Finger bekommen hätte. Und da ich sie innerhalb von zwei Wochen nach dem Ausleihen zurückbringen muss...“ Hermine stockte und wuchtete den Bücherstapel auf ein Fensterbrett gegenüber der Flügeltür, die in die Bibliothek führte. Sie atmete einmal tief durch und schüttelte ihre Arme aus. „... blieb mir keine Zeit mehr, es nach dem Unterricht zu machen“, beendete sie dann. „Jetzt ist es exakt dreizehn Tage, dreiundzwanzig Stunden und...“ Sie griff nach Harrys Handgelenk und studierte das Ziffernblatt seiner Uhr. „...achtundfünfzig Minuten her. Also los, bevor ich doch noch Strafgebühr zahlen muss.“

 Harry seufzte ergeben, während er sich umwandte und die gewaltige Halle des Wissens betrat. Hermine hatte ihm angeboten, genauso wie Ron noch am Frühstückstisch zu bleiben und sie später vor den Kerkern zu treffen, doch er hatte darauf bestanden, sie zu begleiten. Und Hermine wusste auch warum; er konnte die stechenden Blicke, die Ginny ihm über ihren Porridge zugeworfen hatte, einfach nicht mehr ertragen. Und Hermine wollte es nicht riskieren, ein Revival des letzten Abends zu  erleben. Immerhin war sie es gewesen, die Ginnys Lamentieren über Harrys fehlendes Feingefühl hatte zuhören müssen (deswegen hatte sie es auch nicht – wie geplant – gestern geschafft, die Bücher abzuliefern).

 Mit einem lauten Knallen ließ sie den Stapel kurz darauf auf den Tisch von Madame Pince fallen und musste rasch zugreifen, damit die oberen Bücher nicht zur Seite wegrutschten. Mit einem zufriedenen Nicken wischte sie sich die feuchten Hände an ihrem Umhang ab und trat einen Schritt zur Seite, so dass die Bibliothekarin sie sehen konnte, ohne sich mit ihrem Adlerblick über die Werke lehnen zu müssen.

 „Sie sind zu spät!“, stellte die ältere Frau fest.

 „Falsch! Es ist jetzt exakt dreizehn Tage, dreiundzwanzig Stunden und...“ Wieder griff sie nach Harrys Handgelenk. „...neunundfünfzig Minuten her, dass ich mir die Bücher ausgeliehen habe. Ich liege voll in der Zwei-Wochen-Frist.“ Sie schloss mit einem siegessicheren Lächeln.

 Madame Pince sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Sie ließ Hermine einen bitterbösen Blick zukommen, schnappte sich die Lektüre, als wöge sie keine einhundert Gramm, und entschwand damit in die geheimen Räume hinter ihrem Tisch.

 „Lass uns bloß verschwinden“, murmelte Harry und zupfte Hermine am Umhang, um sie zum Gehen zu bewegen.

 „Ohh, aber schau mal! Auf das Buch bin ich schon seit Monaten scharf...“ Jeder Gedanke an den Unterricht, der in wenigen Minuten begann, verblasste für einen Moment und Hermine strebte intuitiv auf besagtes Werk zu.

 „Nicht jetzt!“, riss Harry sie brutal wieder in die Realität zurück und zerrte nachdrücklich an ihrem Arm.

 Widerwillig folgte sie ihrem Freund zurück in die Gänge der Schule. Hätte in der ersten Stunde nicht Verteidigung gegen die Dunklen Künste auf dem Plan gestanden, wäre sie direkt in Versuchung gekommen, eine Verspätung inkauf zu nehmen.

 Harry seinerseits war von einer Versuchung dieser Art soweit entfernt wie der Marianengraben vom Mond, denn seine Schritte wurden schneller, je näher sie dem Klassenraum kamen. „Willst du einen neuen Rekord aufstellen?“, keuchte Hermine, als er die letzten Stufen einer Treppe heruntersprang.

 „Mir würde es reichen, pünktlich zu kommen!“, erwiderte der andere und klang zu ihrer grenzenlosen Frustration so erholt, als wäre er gerade erst aus dem Bett gestiegen.

 „Wie spät ist es denn?“

 Harry hielt inne, so dass Hermine aufholen konnte. „Vier Minuten vor.“ Und es lagen noch ebenso viele Stockwerke vor ihnen. Nun ließ Hermine sich viel bereitwilliger von Harry mitziehen. Ihre Beine bewegten sich in einem Rhythmus, über den sie nicht nachzudenken wagte, denn dann wäre sie mit Sicherheit ins Stolpern geraten.

 Eine gefühlte Ewigkeit später kam die Gruppe ihrer Mitschüler in Sicht und Hermine hätte ihnen am liebsten aus lauter Dankbarkeit ein Denkmal errichtet; sie glaubte, ihre Lunge würde gleich in Flammen aufgehen. „Ist er... schon... da?“

 „Nein“, erwiderte Ron gelangweilt, der neben Neville an der Wand lehnte und seine Büchertasche achtlos auf den Boden geworfen hatte.

 Harry atmete erleichtert auf und tat es seinem Freund gleich. Hermine ihrerseits schüttelte den Kopf und stützte die Arme auf den Knien ab. „So viel... Theater... völlig... umsonst...“, flüsterte sie erschöpft. Ihr zitterten die Knie.

 „Lieber so als andersherum“, stellte Harry fest. Sein Atem ging nur wenig schwerer als in Binns' langweiligstem Unterricht.

 Als Hermine es schließlich schaffte, sich wieder aufrecht hinzustellen, schürzte sie die Lippen. „Wie spät ist es jetzt?“

 „Fünf Minuten später als das letzte Mal, als du gefragt hast“, murrte Harry genervt.

 „Das heißt?“

 Er warf einen Blick auf sein Handgelenk – und zog überrascht die Stirn kraus. „Drei Minuten nach acht.“

 „Kann nicht sein“, wiegelte Ron sofort ab. „Die Fledermaus kommt nie zu spät. Deine Uhr geht bestimmt falsch.“

 „Tut sie nicht“, wandte Hermine ein, „Ich hab sie mit einem Funkuhrzauber belegt.“

 „Dann ist er w-wirklich zu spät?“ Neville hauchte die Worte nur, so als würde er etwas Unerhörtes in Betracht ziehen.

 „Anscheinend“, murmelte Harry. Er sah den Gang hinunter und Hermine folgte seinem Blick.  Doch der Flur bog um eine Kurve, ohne das Geheimnis preiszugeben.

 „Merkwürdig.“

 „Nein, nein...“, sagte Ron. Seine vorher missgelaunte Miene wich einem Strahlen. „Das ist nicht merkwürdig, das ist absolut wundervoll!“

 Und ihre Klassenkameraden stimmten diesem Urteil uneingeschränkt zu.

- - -


 Hermine schämte sich. Sehr sogar. Doch sie konnte es nicht richtig bedauern, dass Snape an diesem Montagmorgen nicht auftauchte. Nachdem sie eine Viertelstunde lang ratlos auf dem Korridor gestanden hatten, war Professor Sinistra zu ihnen gekommen und hatte sie in das leere Klassenzimmer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste gelassen. Sie hatten eine Doppelstunde lang theoretische Astronomie durchgenommen, anstatt zu lernen, wie sie sich gegen die drohende Gefahr des Dunklen Lords wehren konnten.

 Da Hermines Kenntnisse in diesem Bereich unfreiwillig wesentlich ausgereifter waren als die ihrer Klassenkameraden, hatte sie begeistert den Details gelauscht, von denen Professor Sinistra ihnen erzählte; erholsamer als dieselbe Zeit mit Snape war es allemal gewesen.

 Doch als der Tränkemeister die gesamte Woche verschwunden blieb, beschlich sie ein zunehmendes schlechtes Gewissen – von einer bohrenden Neugier ganz zu schweigen.

 „Professor Snape hat einige wichtige Dinge in London zu erledigen“, wiederholte Harry am Donnerstagabend die Erklärung des Schulleiters im verblüffend naturgetreuen Tonfall des alten Mannes, „er wird bald wieder zurück sein.

 „Verdammt“, murmelte Ron und zog eine Schnute.

 „Mehr hat er nicht gesagt?“, hakte Hermine skeptisch nach.

 „Nicht ein Wort.“ Harry seufzte und ließ sich in den freien Sessel vor dem Kamin fallen.

 „Irgendetwas stimmt da nicht“, sinnierte sie und kaute auf ihrer Unterlippe. „Wenn er etwas Wichtiges zu erledigen hatte, warum haben wir dann nicht beim Frühstück am Montag Bescheid bekommen? So unvorbereitet, wie selbst Professor Sinistra war...“ Hermine schnalzte mit der Zunge. „Da hat doch niemand etwas gewusst.“

 „Wahrscheinlich hat er sich dazu entschieden, wieder ein Vollzeittodesser zu werden und hat Hogwarts verlassen.“ Harrys Stimme klang düster.

 „Dann würde Professor Dumbledore dir sicherlich nicht sagen, dass er bald zurück sein wird“, erinnerte Hermine ihn.

 „Bist du dir da sicher?“

 Diese Frage konnte sie nicht mit voller Überzeugung bejahen und so schwieg Hermine.

- - -


 Die ganze Sache war ein Rätsel, das – Hermine getraute sich nicht, es vor Harry und Ron zu sagen – so absonderlich wie interessant war. Und es wurde noch absonderlicher und noch interessanter, als Snape am nächsten Montag wie gewohnt wieder zum Unterricht erschien.

 Nichts an ihm deutete darauf hin, dass er überhaupt fort gewesen war. Er erschien pünktlich am Klassenraum, brachte sie alle mit einem Blick zum Schweigen und ließ sie mit grimmiger Miene hinein, während er selbst an der Tür stehen blieb und sie durchzählte – vermutlich in der Hoffnung, sich auf einen oder gar mehrere Verspätete freuen zu können.

 Hermine, die ihre Nase mal wieder in ein Buch gesteckt hatte, räumte eilig ihre Sachen zusammen, war aber dennoch die letzte, die den Klassenraum betrat. Sie warf dem dunklen Mann einen vorsichtigen Blick zu, während sie versuchte, alle Unterlagen unter ihren Armen festzuklemmen. Zuerst erwiderte er ihren Blick mit derselben beißenden Abscheu, die sie von ihm gewohnt war. Doch gerade, als sie wegsehen wollte, um es sich nicht schon vor Unterrichtbeginn mit ihm zu verscherzen, veränderte sich etwas.

 Hermine bekam es nur noch beinahe mit, das rasche Zwinkern und das dezente Rucken seines Kopfes, so als hätte er sich gerade noch davon abhalten können, sie anzustarren. Als sie ihn noch einmal ansah, unsicher, ob sie sich das Ganze nicht nur eingebildet hatte, trug er wieder seine übliche kalte Miene.

 „Wollen Sie hier Wurzeln schlagen?“, schnarrte er und drängte sie rücksichtslos in den Raum.

 Hermine ging auf den einzigen noch freien Platz in der ersten Reihe zu und lud ihre Bücher auf dem kleinen Tisch ab. Mit gerunzelter Stirn zog sie den Stuhl vor und setzte sich.

 „Kapitel 4, 5 und 6“, donnerte Snapes Stimme über ihre Köpfe hinweg, „lesen, zusammenfassen, anwenden. Sie haben eine Dreiviertelstunde Zeit!“

 Ein leises, wirklich sehr leises Raunen ging durch die Klasse; anscheinend hatte er es sich in den Kopf gesetzt, den Stoff von zwei Wochen in einer durchzunehmen. Doch niemand konnte sich so leise beklagen, dass ein Severus Snape es nicht bemerkte.

 „Und wer meint, sich beschweren zu müssen, darf gerne noch Kapitel 7 hinzufügen“, erklärte er deswegen mit einer Stimme, die so sanft wie gefährlich war. „Los jetzt!“

- - -


 „Er hat gesagt, dass es mich nichts angeht.“ Über Harrys Kopf hatten sich unsichtbare Gewitterwolken versammelt, als er am Mittwochabend von einem seiner Termine bei Professor Dumbledore zurückkehrte.

 „Das hat Professor McGonagall auch gesagt“, berichtete Hermine verstimmt.

 „Aber es geht uns etwas an!“, wandte Ron ein. „Wir sollten es wissen, wenn Snape versucht, dich im Auftrag von Du-weißt-schon-wem zu töten.“

 „Dumbledore hat auch gesagt“, fuhr Harry fort, „dass mir keinerlei Gefahr von Snapes Seite droht.“ Er klang nicht, als hätte ihn diese Versicherung übermäßig zufrieden gestellt.

 „Vielleicht ist das ja auch so“, sinnierte Hermine.

 „Weil...“, versuchte Ron sie zum Weitersprechen zu animieren.

 „Weil Snape...“ Sie stockte und biss sich auf die Unterlippe. Das Ganze klang selbst in ihren Ohren sonderbar. Dennoch straffte sie ihre Haltung. „Weil Snape mich so merkwürdig angesehen hat, als er uns letztens in den Klassenraum gelassen hat.“

 Für einen Moment kam weder von Ron noch von Harry eine Antwort. Dann lachte der Rotschopf kurz auf und wechselte einen Blick mit seinem besten Freund. „Hermine, das ist Snape! Er guckt immer merkwürdig.“

 Eine Steile Falte bildete sich zwischen Hermines Augenbrauen „Etwas, das immer so ist, ist nicht merkwürdig, sondern normal, Ron. Und Snape hat mich definitiv nicht normal angesehen!“

 „Das musst du dir eingebildet haben. Warum sollte die Fledermaus dich komisch ansehen? Harry ist doch derjenige, der Du-weißt-schon-wem die Stirn bieten soll.“

 „Ich hab es mir nicht eingebildet“, beharrte Hermine, doch gleichzeitig tat sie es ab, die beiden überzeugen zu wollen. Sie konnte ja nicht einmal sich selbst überzeugen.

 „Selbst wenn er dich komisch angesehen hat“, versuchte es nun Harry mit einem Kompromiss, „warum sollte das bedeuten, dass er nicht wieder auf Voldemorts Seite steht?“

 Für einen Moment überlegte sie, ob sie ihm sagen sollte, dass Snape sie nicht auf diese Art komisch angesehen hatte, doch Hermine schluckte den Einwand. „Vielleicht hast du Recht“, murmelte sie mit einem Schulterzucken und wandte den Blick ins Feuer des Kamins, das jetzt, im Sommer, nur brannte, damit die Räume im Schloss eine gewisse Grundtemperatur hielten. Sie sollte einem flüchtigen Blick des Tränkemeisters nicht so viel Bedeutung beimessen – selbst wenn ein Teil von ihr es so unbedingt wollte.

- - -


 „Wenn Sie jetzt nicht augenblicklich verschwinden, werde ich Sie in eines dieser Bücher hineinzaubern!“

 Hermine sah widerwillig von ihrer Lektüre auf und blinzelte Madame Pince gelangweilt an. „Das würden Sie Ihren Büchern niemals antun“, erwiderte sie trocken. Dennoch hielt sie es für schlauer, ihre Sachen zusammenzuräumen und die Bibliothek zu verlassen.

 Vorher machte sie allerdings einen Halt bei der Rezeption und wartete geduldig, bis die Bibliothekarin, die sich schon als Gewinner des kleinen Duells gesehen hatte, sie bemerkte. „Was denn nun noch?“, fragte sie scharf und blitzte die Schülerin böse an.

 „Ich möchte mir das Buch gerne ausleihen. Es ist äußerst spannend.“ Sie schob ein Exemplar von Das obskure Paarungsverhalten der Flubberwürmer über den Tresen und musste sich angesichts von Madame Pinces entrüstetem Blick ein Grinsen verkneifen. „Im Ernst, Madame Pince, ich werde Sie vermissen, wenn meine Schulzeit hier vorbei ist“, sagte Hermine, während sie das Buch entgegennahm und unter ihren Arm klemmte.

 „Machen Sie, dass Sie wegkommen!“, war die charmante Antwort.

 Hermine schüttelte belustigt den Kopf, als die Türen der Bibliothek mit einem lauten Knall hinter ihr geschlossen und verriegelt wurden. Dann ging sie zum Fensterbrett auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges und sortierte in Ruhe ihre Sachen. Erst als sie das Kribbeln der aktivierten Banne für die Sperrstunde spürte, machte sie sich auf den Weg zurück in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors.

 Wenn man es darauf anlegen wollte, einem Severus Snape zu begegnen, dann musste man lediglich auf den Beginn der Ausgangssperre warten. Hermine feixte in sich hinein. Sie machte mehrere Umwege und unterhielt sich mit diversen Portraitbewohnern. Es kostete sie mit jeder verstreichenden Minute mehr Kraft, nicht doch einzuknicken und aufzugeben.

 Erst eine halbe Stunde nach Beginn der Sperre hatte sie endlich Glück – wenn man es denn als solches bezeichnen wollte.

 „Miss Granger!“ Snapes Stimme klang eher zufrieden als zurechtweisend, während er wie ein Racheengel durch den Gang im dritten Stock auf sie zuschritt. „Man sollte meinen, eine talentierte Hexe wie Sie wären in der Lage, den Beginn der Ausgangssperre auf einer Uhr zu bestimmen.“

 „Das bin ich tatsächlich, Sir“, erwiderte Hermine höflich und umklammerte die Bücher in ihrem Arm fester.

 „Und dennoch treffe ich Sie danach auf den Gängen des Schlosses an.“ Er war zwei Schritte vor ihr stehen geblieben, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.

 „Dass ich den Beginn theoretisch bestimmen kann, bedeutet doch nicht, dass ich auch das entsprechende Werkzeug bei mir habe. Meine Uhr ist kaputt. Sir!“ Um Merlins Willen, ihre Beine zitterten so sehr, dass sie glaubte, er müsse es durch den Boden spüren. Warum bloß musste man so extreme Dinge tun, um einen Mann wie Snape aus der Reserve zu locken?

 „Passen Sie auf, was Sie sagen!“, grollte der schwarze Mann und sah sich nach rechts um, als ein Pferd durch eines der Portraits galoppierte. Er kniff die Augen zusammen und beobachtete die danach wieder verlassene Landschaft einige Sekunden lang.

 Hermine ihrerseits beobachtete ihren Lehrer. Er schien nervös. In seinem sonst kontrollierten Körper steckte Bewegung, die sie bisher niemals an ihm beobachtet hatte. Nur kleine Dinge; er wippte auf seinen Füßen, er zog die Schultern ein Stück in die Höhe, er kräuselte immer wieder seine Nase...

 „Irgendetwas wird heute Nacht passieren“, murmelte sie gedankenverloren und Snapes Kopf zuckte zu ihr zurück.

 „Stuss!“, erwiderte er scharf. „Fünfzig Punkte Abzug von Gryffindor wegen unerlaubten Aufenthalts im Schloss nach Beginn der Ausgangssperre und wegen respektlosem Verhalten gegenüber eines Lehrers. Und nun machen Sie, dass Sie wegkommen!“

 Hermine trat vorsichtig einen Schritt zurück, doch die Worte, die Snape gesagt hatte, erreichten ihren Verstand nur beschwerlich. „Hat es mit Voldemort zu tun? Es ist Ende des Schuljahres, es würde ins Muster passen“, überlegte sie laut.

 Snape kam urplötzlich ganz dicht an sie heran. „Ich empfehle Ihnen, diesen Gedanken nicht weiter fortzuführen. Gehen Sie endlich! Gehen Sie in Ihren Turm und verlassen Sie ihn nicht vor dem Morgengrauen!“

 Seine scharfe Stimme und der böse Blick der schwarzen Augen ließen Hermine kapitulieren. Sie mochte eine Löwin sein, doch sie mochte auch ihr Leben. Instinktiv wirbelte sie herum und steuerte im Laufschritt die Treppe an, die sie ins richtige Stockwerk führen würde.

 Hinter sich jedoch glaubte sie noch einmal die Stimme des Tränkemeisters zu hören und die Worte, die er sagte, blieben in ihrem Verstand, selbst nachdem er in dieser Nacht den Schulleiter tötete und mit den Todessern aus Hogwarts floh: „Pass auf dich auf, Hermine.“

- - -


 Nicht ganz ein Jahr später saß Hermine in einem Sessel im Fuchsbau und starrte den zerschlissenen Teppich an, der auf den kalten Dielen lag. Sie war so unendlich müde und erschöpft, absolut ausgelaugt. Und dabei hatte sie schon zwanzig Stunden geschlafen, seitdem es geendet hatte.

 Mühsam hob sie den Blick vom Boden und sah aus dem Fenster. Die Sonne ging gerade auf, durch die dunstigen Schleier des Morgens nur als scharf begrenzte, hellgelbe Scheibe zu erkennen. Hermine holte tief Luft und stieß sie dann leise wieder aus ihren Lungen.

 Im nächsten Moment schob sich eine Tasse in ihr Sichtfeld und sie blinzelte mehrmals. Träge folgte sie dem Arm, der die Tasse hielt, und fand am anderen Ende das Gesicht von Minerva McGonagall – ebenso müde, doch mit mehr Entschlossenheit im Gesicht. „Trinken Sie!“, forderte die alte Frau sie auf.

 Hermine grub sich einen Weg durch die Decken, die sie um ihren fröstelnden Körper geschlungen hatte, und nahm den Tee entgegen. „Danke“, sagte sie mit heiserer Stimme. Sie hatte so viel geschrien im Kampf auf Hogwarts, ihre Stimmbänder hatten sich davon noch nicht erholt. „Haben Sie ihn gefunden?“, fragte sie dennoch und bezog sich damit auf Professor Snape.

 Unwillkürlich sah sie ihn wieder in der Heulenden Hütte. Sah sein Blut, das sich langsam über den alten Holzboden ausbreitete und die Angst, die in seinen ehemals starken Augen gestanden hatte. Sie wurde sie nicht los, die Bilder von Tod und Zerstörung.

 Minerva seufzte. „Nein, haben wir nicht.“ Ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch den Sessel, als die neue Schulleiterin sich mit der Hüfte dagegenlehnte und nun ihrerseits die aufgehende Sonne beobachtete. „Man sieht die Spuren... Aber er ist nicht dort.“

 Hermine blickte mit großen Augen zu ihr auf. „Das ist nicht möglich“, hauchte sie entsetzt. „Ich habe gesehen, wie er gestorben ist! Er muss dort sein.“

 Die Ältere sah mit einem gequälten Blick auf sie herab. „Ich befürchte nicht, Hermine. Es lagen Stunden zwischen seinem Tod und unserem Auftauchen. Und es sind einige Todesser entkommen. Sie hatten mit Sicherheit ihre Gründe, sich an ihm rächen zu wollen. Auch nach seinem Tod.“

 Hermine schluckte mühevoll an etwas Großem, das ihr die Kehle zuschnürte. Dann senkte sie abrupt den Blick und starrte die bebende Oberfläche des Tees an.

- - -


 Ein Jahr. Hermine schüttelte langsam den Kopf und blätterte durch die Seiten des kleinen Notizbuches.

 Ein Jahr lang hatte sie versucht herauszufinden, was mit Professor Snape passiert war. Nicht nur nach seinem Tod, sondern auch in der einen Woche, die er während ihres sechsten Schuljahres verschwunden gewesen war. Doch bis heute, einen Tag bevor sie Hogwarts mit einem der besten Abschlüsse aller Zeiten verlassen würde, hatte sie kaum etwas Brauchbares herausgefunden.

 Dafür viele, viele Kleinigkeiten, mit denen sie niemals gerechnet hatte. Und die sie schützte wie einen Schatz. Zärtlich strich sie über den ledernen Einband des Notizbuches, in dem die Geheimnisse des Professor Severus Snape ruhten.

 Wenn sie an all die Dinge dachte, die Professor McGonagall und Professor Sprout ihr erzählt hatten, Professor Dumbledore in seinem Portrait und Madame Pomfrey während der ruhigen Stunden im Krankenflügel, sogar Madame Pince, wenn auch erst, nachdem Hermine ihr versprochen hatte, niemals wieder in der Bibliothek aufzutauchen. All diese Menschen hatten einen völlig fremden Severus Snape für Hermine kreiert, einen Mann, der einen ganz eigenen Humor hatte, der half, wenn man ihn brauchte und der seine Brummigkeit trug wie andere ihr Lächeln. Der eine Tasse starken Kaffees jedem Tee vorziehen würde – außer der Tee war richtig zubereitet (Professor Sprout hatte ihr jeden einzelnen Schritt erklärt).

 In ihrem letzten Schuljahr, das Hermine einsamer verbracht hatte als alle anderen zuvor, da Harry und Ron bereits ihre Ausbildung im Ministerium begonnen hatten, hatte sie Severus Snape kennen gelernt. Und nun war es an der Zeit, ihn gehen zu lassen.

 „Sie waren ein Mensch voller Geheimnisse, Sir. Und Sie werden diese Geheimnisse mit ins Grab nehmen. Ich kann das akzeptieren.“

 Noch einmal strich Hermine über den Einband des Buches, dann legte sie es in die Holzschachtel, die sie eigens für diesen Zweck aus einem Stück Treibholz erschaffen hatte. Sie schob den Deckel darauf und versiegelte ihn mit einem Zauber, der den für sie so wertvollen Inhalt für die Ewigkeit bewahren würde. Dann verstaute sie die Schachtel tief unten in ihrem Koffer.

 Es klopfte an ihrer Tür. „Ja?“ Hermine stand auf und strich ihr Kleid glatt.

 „Kommst du?“ Rons Augen wurden größer, als er sie sah. „Wow...“

 Hermine lächelte verlegen und biss sich auf die Unterlippe. Er war extra für ihre Abschlussfeier hergekommen, sie hatte ihn seit Wochen nicht gesehen. Nicht nur, weil er sich mit Leidenschaft in seine Ausbildung stürzte, sondern vor allem, weil sie verbissen versucht hatte, die Geheimnisse des Severus Snape noch vor ihrer selbst gesetzten Deadline zu lösen. Vergeblich. Es wurde Zeit, dass sie in ihr eigenes Leben zurückkehrte.

 „Lass uns gehen, Ron.“ Sie ging zu ihm und hakte sich bei ihm ein. Gemeinsam verließen sie den Schlafsaal der Mädchen und gingen hinunter in die Große Halle.

- - -


 Hermine erwachte mit einem hellen Schrei und stand von einer Sekunde auf die andere neben ihrem Sessel. Ihr Herz raste und ihre Augen waren weit aufgerissen, entsetzt blickte sie sich um.

 Eine Eule flatterte mindestens ebenso entsetzt durch ihr Wohnzimmer und konnte dabei nur knapp der Deckenleuchte ausweichen. Dafür flog sie direkt in die Gardinen und rutschte an dem Stoff hinunter, bis sie böse kreischend hinter der Couch liegen blieb.

 „Bei Merlins Unterhosen...“, murmelte Hermine und schloss kurz die Augen, um sich wieder zu beruhigen. Vom offenen Fenster her wehte der erste warme Frühlingswind ins Zimmer. Sie musste eingeschlafen sein, obwohl sie sich nur kurz hatte setzen wollen nach der anstrengenden Nachtschicht im Sankt Mungo-Hospital.

 Das offene Fenster war auch der Grund dafür, dass die Eule ungehindert hereinkommen und sich auf Hermines Kopf hatte niederlassen können. Und das wiederum war der Grund gewesen für den Beinahe-Herzanfall, mit dem sie aus ihrem kleinen Schläfchen erwacht war.

 Im nächsten Moment erklang ein weiteres empörtes Kreischen und Hermine erinnerte sich daran, dass ihr Gast ein Problem hatte. Mit geröteten Wangen schlängelte sie sich zwischen Sessel und Wohnzimmertisch hindurch und kniete sich auf die Couch. Sie schielte hinter eben jenes Möbelstück und lief noch dunkler an.

 „Tut mir leid“, hauchte sie verlegen und streckte die Hand nach dem magischen Postboten aus. Prompt wurde sie in den kleinen Finger gezwickt und zuckte zurück. „Hey! Nicht beißen! Sonst lass ich dich für immer da unten.“

 Diese Drohung schien das Federvieh zwar nicht zu beruhigen, doch das versöhnliche Pfeifen ließ Hermine vermuten, dass es sich auf den Deal einlassen würde. Ein weiteres Mal streckte sie ihre Hand aus und dieses Mal ließ die Eule sich anstandslos packen und nach oben heben. Kaum war sie mit dem Fensterbrett auf Augenhöhe, wand sie sich allerdings flatternd aus Hermines Griff, warf ihr Päckchen ab und verschwand so unerwartet, wie sie gekommen war.

 „Ich hab doch noch... Eulenkekse...“, rief Hermine ihr mit entschuldigendem Blick hinterher. Es hielt die Eule nicht auf.

 Seufzend sank Hermine auf ihre Füße zurück und blickte ziemlich schuldbewusst drein. Zumindest bis ihr Blick auf das Päckchen fiel, das die Eule ihr gebracht hatte. Es war in einfaches braunes Packpapier gewickelt und hatte keinen Absender. Neugierig nahm sie es in die Hand, drehte und wendete es und löste dann die Schnüre, die es zusammenhielten.

 Ein schlichtes, in schwarzes Leder gebundenes Buch kam zum Vorschein. Hermine zog die Augenbrauen zusammen und biss sich auf die Unterlippe. Die Wachsamkeit des Krieges war in den letzten sechs Jahren immer weiter verschwunden, denn neue Angriffe hatte es auch von den entkommenen Todessern nie gegeben und die gesamte magische Welt hüllte sich mittlerweile in ein beruhigendes Tuch aus Frieden und Vertrauen. Ob dieses Tuch stabil war, würde sich noch zeigen.

 In diesem Fall allerdings entschied sie, dass eine genauere Prüfung nicht verkehrt sein konnte, und griff nach ihrem Zauberstab. Erst als sämtliche gängige Prüfzauber negativ ausfielen, wagte sie es, das Buch zu öffnen.

 Und wurde von einem Schlag der besonderen Art getroffen.

- - -


 Ohne darauf zu achten, wohin die Sachen flogen, warf Hermine alles hinter sich, was ihr in die Finger kam. Schuhe, Taschen, von Bügeln gerutschte Kleidungsstücke, noch mehr Schuhe – alles bunt verstreut auf ihrem Schlafzimmerboden. Bis sie endlich das fand, was sie gesucht hatte. Eine kleine Holzschachtel, die sie bei ihrem Einzug vor drei Jahren in die hinterste Ecke ihres Schrankes verbannt hatte.

 Ihr Herz raste, als sie sich auf den Hintern fallen ließ und mit dem Rücken gegen die Schranktür lehnte. Sie hob den Zauber auf, der auf der Schachtel lag, und riss den Deckel herunter. Das Notizbuch, das sie in ihrem siebten Schuljahr begonnen hatte, lag noch immer darin, so unversehrt, als hätte sie es gerade erst hineingelegt.

 Hermine nahm es in die Hand und kämpfte sich auf die Füße. Dann lief sie ins Wohnzimmer zurück und ließ sich auf die Couch fallen. Während sie ihre eigenen Notizen durchblätterte, flogen ihre Blicke immer wieder zu dem Buch, das sie vorhin bekommen hatte. Zu Severus Snapes Notizbuch.

 Sie hatte die Handschrift ihres früheren Lehrers selbst nach all den Jahren sofort wieder erkannt. Doch wie konnte es jetzt hier sein? Adressiert an sie. Mit genau dieser Adresse. Wer mochte ihr das Buch geschickt haben? Konnte es sein, dass Snape noch lebte?

 Diesen letzten Gedanken tat sie mit einem Schnauben ab. Selbst wenn Snape noch leben sollte, warum sollte er ausgerechnet ihr sein Notizbuch zukommen lassen? Zwar standen nur Abläufe von Tränkeversuchen darin, doch nicht einmal die würde er hergeben.

 Hermine blätterte wild durch ihre Notizen, dann warf sie das Buch neben sich auf die Couch und griff wieder nach dem Buch von Snape. Sechs Jahre lang hatte sie es mehr oder weniger erfolgreich geschafft, nicht an die Mysterien zu denken, die diesen dunklen Mann umgaben. Und jetzt war er plötzlich wieder da und drängte sich mit einer nie gekannten Vehemenz in ihren Verstand.

 „Was ist nun?“, murmelte Hermine. „Wollen Sie, dass ich das Rätsel löse, oder wollen Sie es nicht?“ Sie schürzte ratlos die Lippen. Und dann entschied sie, dass sie in den letzten achtundvierzig Stunden viel zu wenig Schlaf bekommen hatte, um jetzt eine Entscheidung übers Knie zu brechen.

- - -


 Am nächsten Tag hatte Hermine frei und nutzt die Zeit, um mit dem Frühstück und beiden Notizbüchern in ihr Bett zurückzukriechen und sich die Lage einmal genauer anzuschauen. Zuerst überflog sie ihre eigenen Aufzeichnungen, denn auch wenn sie damals behauptet hätte, sie so oft gelesen zu haben, dass sie nichts davon jemals vergessen würde, musste sie nun doch zugeben, dass ihr einige Details abhanden gekommen waren.

 Danach nahm sie sich Snapes Aufzeichnungen vor und war bald in der ihr fremd gewordenen Welt der Zaubertränke versunken. Begeistert las sie eine Seite nach der anderen, kaute auf ihrer Unterlippe und nahm das Buch sogar mit auf die Toilette. Sie verließ den ganzen Tag über das Bett nicht und erst, als es draußen schon wieder zu dämmern begann, schaffte sie es, aus ihrer Lektüre wieder aufzutauchen – was einzig und allein an dem Eintrag lag, der mit dem Datum von Snapes Verschwinden gekennzeichnet war.

 Er bestand nur aus einem Wort: Brora.

 Hermine ließ das Buch sinken und alle Tränke waren von einem Moment auf den anderen aus ihrem Gedächtnis verschwunden. Sie starrte an die Zimmerdecke und versuchte, ihre rasenden Gedanken zu beruhigen. Brora... Sie hatte dieses Wort noch nie zuvor gehört.

 Kurz entschlossen kämpfte sie sich aus ihrer Decke und brachte sich mit Hilfe ihres Zauberstabes in einen alltagstauglichen Zustand. Dann schnappte sie sich Snapes Buch und apparierte in die magische Zentralbibliothek.

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 Fünf Tage später hatte Hermine sich kurzfristig frei genommen, ihren Koffer gepackt und einen Portschlüssel beim Ministerium beantragt, der sie direkt nach Schottland bringen würde – in ein kleines, verschlafenes Dorf namens Brora. Sie wusste nicht, was sie dort suchte, nur, dass sie nicht nicht suchen konnte. Das geheimnisvolle Auftauchen des Notizbuches hatte ihr Verlangen nach Antworten höher auflodern lassen als jedes Detail, das sie während ihrer Schulzeit über ihren Tränkelehrer und sein Verschwinden herausgefunden hatte.

 Bevor sie sich die zerschlissene Feder schnappte und ihrem Forscherdrang nachging, schrieb sie noch einen knappen Brief an Ginny und rief eine Eule herbei. Danach verriegelte sie alle Fenster, prüfte, ob der Kamin verschlossen war und vergewisserte sich, dass sie keine verderblichen Lebensmittel mehr in der Küche hatte. Um kurz vor elf stand sie dann mit ihrem Koffer in der Hand vor dem Wohnzimmertisch und starrte die Feder an, die sie nach Schottland bringen sollte.

 Das war so ziemlich das Verrückteste, was sie jemals veranstaltet hatte – von der Suche nach den Horkruxen abgesehen.

 Sie atmete einmal tief durch. „Hoffentlich bringt mich diese Aktion weiter“, murmelte sie zu sich selbst, dann nahm sie die Feder in die Hand und gab dem Reißen hinter ihrem Bauchnabel nach.

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 Brora war... nun ja, ein Dorf.

 Hermine sah sich mit hochgezogenen Augenbrauen um und nachdem sie sich einmal um sich selbst gedreht hatte, musste sie erkennen, dass es hier noch ereignisloser war als in Hogsmeade. Und selbst das war spätestens nach dem zweiten Besuch langweilig gewesen.

 Erst verzögert wurde ihr bewusst, dass ein dermaßen unspektakuläres Dorf vermutlich auch nicht viele Ecken haben würde, die für einen Severus Snape von Interesse waren. Mit diesem Gedanken kehrte ein Teil ihres Optimismus zurück und sie machte sich auf den Weg, ein Quartier für die Nacht zu suchen.

 Nachdem sie die Hauptstraße einmal auf und ab gegangen war, stellte sie fest, dass es hier nur eine Pension gab, die auch als solche gekennzeichnet war. Das alte Haus war aus grauem Stein gemauert und von wildem Efeu bewachsen. Es strahlte einen sonderbaren Charme aus, der Hermine fremd war. Doch sie spürte schon nach wenigen Momenten, dass sie ihm erliegen könnte. Glücklicherweise plante sie keinen allzu langen Aufenthalt.

 Sie ging zur Tür und klopfte dreimal an. Lange Zeit geschah gar nichts und sie sah sich schon zwischen irgendwelchen Mülltonnen nächtigen. Dann wurde die Tür endlich geöffnet und sie fand sich einem kleinen, gebückt stehenden Muggel mit weißen, spärlichen Haaren und dicker Hornbrille gegenüber. „Ja?“, fragte er mit bräsiger Stimme und schon in dem einen Wort machte sich der breite, schottische Akzent bemerkbar.

 „Guten Tag“, begann Hermine vorsichtig. „Ich... uhm... wollte fragen, ob bei Ihnen noch ein Zimmer frei ist.“ Sie warf einen flüchtigen Blick über ihre Schulter und vergewisserte sich, dass sie auch an der richtigen Tür geklopft hatte. Der Mann sah sie so seltsam an.

 „Kostet 25 Pfund die Nacht“, war seine knappe Antwort.

 Hermine keuchte entsetzt auf. Für ein verschlafenes Dörfchen waren das ziemlich stolze Preise. Dann setzte sie eine entschlossene Miene auf. „Machen Sie 15 draus, und ich bleibe für drei Nächte.“

 Ihr Gegenüber kniff die Augen zusammen und musterte sie abschätzend. „20.“

 „17,50.“

 Nach einigen Sekunden ruckte er mit dem Kopf, was wohl eine schottische Art der Zustimmung sein sollte, und trat einen Schritt zurück. Hermine betrat an ihm vorbei das Haus und sah sich neugierig um. An den Wänden hingen zahlreiche Familienbilder, der Flur war mit einem Teppich ausgelegt und nur wenige Schritte hinter der Eingangstür führte eine schmale Treppe hinauf ins Obergeschoss.

 „Wir haben nur zwei Zimmer. Beide im Dachgeschoss.“ Er verzog seine Lippen. „Sie dürfen sich eines aussuchen, ma'am.“

 „Ich bin keine ma'am“, verbesserte Hermine ihn, nachdem sie sich wieder ihm zugewandt hatte. „Und ich nehme das rechte.“

 „Fein. Ist das kleinere. Meine Frau ist im Moment unterwegs. Sie wird es nachher vorbereiten. Solange können Sie Ihr Gepäck hier abstellen und sich das Dorf anschauen.“ Er deutete auf eine Nische neben der Tür.

 Hermine, die angesichts dieses doch fast noch freundlichen Rauswurfs lächeln musste, stellte ihren Koffer an besagter Stelle ab und ging zur Tür zurück. Sie wollte es sich mit ihrem Gastgeber nicht schon nach den ersten Minuten verderben.

 „Wie heißen Sie?“, fragte der alte Mann, als sie gerade die Tür geöffnet hatte.

 „Hermine Granger. Und Sie?“

 „Cahal McCollum. Ab zwei Uhr ist das Zimmer bezugsfertig.“

 „Gut. Vielen Dank“, erwiderte sie höflich und kehrte in die Wärme des Frühlings zurück.

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 Hermine nutzte die Zeit bis zum frühen Nachmittag, um sich einen groben Überblick über das Dorf zu verschaffen. Es lag in der Nähe der Küste, so dass ihr ständig ein frischer, salziger Wind um die Nase wehte. Das Meer konnte nur wenige Meilen entfernt sein. Wenn sie ihrem Rätsel rechtzeitig auf die Spur kam, würde sie vielleicht einmal dorthin gehen.

 Vorerst allerdings beschränkte sie sich auf die wenigen Straßen, die sich aneinander reihten wie die Gänge in einem Labyrinth. Hermine war froh, dass Brora nicht größer war; sonst hätte sie sich mit Sicherheit früher oder später verirrt.

 Sie genoss es, mit ihrer naturgegebenen Neugier die Häuser zu betrachten, die nahezu allesamt aus grauem Stein gemauert waren und im Grün von Pflanzen zu versinken drohten. Der Ort hatte etwas Magisches an sich, etwas, das nichts mit der Kraft zu tun hatte, die auch in ihrem Körper ruhte.

 Doch es gab einen Ort in diesem Dörfchen, der wirklich Magie ausstrahlte. Und das war die Kirche, die etwas höher gelegen vor dem Dorfeingang stand. Hermine spürte das Prickeln, noch bevor sie auf das Gebäude aufmerksam geworden war. Nun ging sie zielstrebig darauf zu und sah sich mit gerunzelter Stirn um.

 An der großen zweiflügligen Holztür hing ein Schild mit den Worten 'Achtung! Betreten verboten! Einsturzgefahr!'. Hermine trat die zwei Stufen wieder nach unten und umrundete die Kirche. Als die magische Energie an einer Stelle so stark wurde, dass ihre Hände zu zittern begannen und sie sich kaum davon abhalten konnte, ein paar sinnlose Sprüche zu wirken, zückte sie ihren Zauberstab und schluckte schwer.

 Warum waren es eigentlich immer die unscheinbaren Dörfer, die etwas zu verbergen hatten? Sie schnalzte gedankenverloren mit der Zunge und watete durch hohes Gras, wilde Büsche und niedrig wachsende Bäume.

 Nach einer Viertelstunde war sie wieder am Eingang der Kirche angekommen und hatte nichts Neues herausgefunden. Wie es aussah, führte kein Weg daran vorbei, sie musste in dieses verfallene Haus Gottes.

 „Alohomora!“, flüsterte sie, den Zauberstab auf das Schloss der Türen gerichtet, und hörte es vielversprechend klicken. Sie zog an dem schmiedeeisernen Ring und die Tür öffnete sich schwerfällig, knarrend, wie ein alter Mann, den man aus dem Schlaf gerissen hatte. Mit einem letzten Blick über ihre Schulter vergewisserte sie sich, dass niemand sie beobachtete, dann schlüpfte sie durch den schmalen Spalt ins Innere der Kirche.

 Verglichen mit den angenehmen Temperaturen des Frühlings war es hier drinnen so frisch wie in einem Kühlschrank. Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an die diffuse Dunkelheit zu gewöhnen. Dann konnte sie den breiten Gang und die Bänke an den Seiten erkennen. Überall lagen Gesteinsbrocken und ein Blick in die Höhe zeigte ihr das Kirchendach, durchbrochen von Löchern, durch die der hellblaue Himmel über ihr zu sehen war. Die Einsturzgefahr schien keine Ausrede zu sein.

 Hermine pirschte sich vorsichtig vorwärts, folgte der stärker werdenden Energie, die ihr die Haare zu Berge stehen ließ. Sie setzte ihre Schritte mit äußerster Vorsicht, lauschte auf jedes Geräusch und glaubte, über die Stille hinweg taub zu werden.

 Am Altar fand sie schließlich die Quelle der magischen Energie: eine ovale, schimmernde Fläche, die Antworten verhieß.

 Im Abstand von etwa einem Meter ging sie um das sonderbare Objekt herum, während ihr das Herz bis zum Hals schlug. Nichtsdestotrotz spielte ein zartes Lächeln um ihre Lippen. Wenn sie ganz ehrlich war, dann hatte sie das Gefühl des Adrenalins in ihren Adern vermisst.

 Eine direkte Gefahr schien von ihrem Fund nicht auszugehen. Und wenn es das war, was sie vermutete, dann war es auch nicht gefährlich. Zumindest nicht von Natur aus. Mit geschürzten Lippen blieb sie schließlich direkt vor der schimmernden Wand stehen und stemmte die Arme in die Hüften. Ohne genauere Recherche konnte sie hier nichts weiter tun; sie würde nicht so dumm sein, ein unbekanntes Objekt anzufassen, ohne es vorher analysiert zu haben. So viel hatten der Krieg und ihre beiden besten Freunde sie gelehrt.

 Dennoch konnte sie diesen Ort nicht wieder verlassen, ohne ihre Theorie zumindest einem kleinen Test zu unterziehen. Mit dem unschuldigen Blick eines George Weasleys hob sie einen kleineren Stein vom Boden auf, sah nach links und nach rechts und warf das unregelmäßige Ding direkt auf das Oval.

 Der Stein verschwand und Hermines Augen wurden eine Nuance größer.

 „Einhundert Punkte für die Streberin aus Gryffindor“, murmelte sie zu sich selbst, grinste zufrieden und trat vorerst den Rückzug an. Wenn es nicht das war, das Professor Snape hier in Brora interessiert hatte, dann wusste sie auch nicht mehr.

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 Es war bereits nach vier Uhr am Nachmittag, als Hermine zur Pension zurückkehrte. Sie vergewisserte sich, dass ihr Zauberstab gut verborgen war, und klopfte an. Dieses Mal dauerte es keine zehn Sekunden, ehe die Tür mit einem überraschenden Enthusiasmus geöffnet wurde.

 Eine füllige Frau mit grauem Lockenkopf und wettergegerbter Haut strahlte sie so breit an, dass ihre etwas abstehenden Ohren Besuch bekamen. Hermine ging unbewusst in Deckung; die Frau erinnerte sie an all die lästigen Seiten von Molly Weasley.

 „Sie müssen Miss Granger sein!“, wurde Hermine begrüßt und ins Haus gezogen. „Mein Mann hat mir schon von Ihnen erzählt. Aber er ist so wortkarg, der sture Bock. Da kann man sich gar kein richtiges Bild machen. Oh, verzeihen Sie, wie unhöflich von mir! Ich heiße Eilidh, Sie dürfen mich gerne beim Vornamen nennen.“

 „Oh... ähm... Hermine“, erwiderte die Jüngere in einer der seltenen Pausen, die Eilidh beim Sprechen einschob. Die Frau musste durch eine bisher unentdeckte Körperöffnung Luft holen, dachte Hermine verwundert und schüttelte unmerklich den Kopf.

 „Hermine...“ Die andere ließ den Namen über ihre Zunge rollen, wie nur Schotten es konnten. „Ein wundervoller Name. Stark und tiefgründig. Möchten Sie einen Tee, Hermine?“

 Sie hatte nicht einmal Zeit, zuzustimmen – wobei ihr eigentlich eher eine Ablehnung vorgeschwebt hatte. Sie wollte unbedingt eine Eule nach London schicken. Sie brauchte Literatur über Risse in der Zeit.

 Vorerst schob Eilidh sie allerdings quer durch das kleine Häuschen bis in die Küche und bugsierte sie so resolut auf einen Stuhl, dass Hermine keuchte. Wie es schien, musste sie das jetzt aussitzen.

 „Ich freue mich ja so, endlich mal wieder einen jungen Gast im Haus zu haben. Cahal ist davon immer gar nicht begeistert. Aber ich sage immer, Cahal, sage ich, ohne junge Leute, die Brora besuchen und das wundervolle Dorf kennen lernen, werden wir hier irgendwann aussterben. Und das wäre doch schade, nicht wahr?“ Eilidh stellte eine Tasse Tee vor Hermine auf dem Tisch ab und schenkte sich dann selbst ein, ehe sie ihr gegenüber Platz nahm. „Also, was führt Sie her, Hermine?“

 Diese hatte gerade vorsichtig an ihrem Tee genippt und war von den erwartungsvollen Blicken ihrer Gastgeberin völlig überfordert. Verlegen wischte sie sich über den Mund und räusperte sich. „Ich... ähm... Urlaub!“ Sie lächelte unverbindlich. „Ich wollte mal raus, frische Luft schnappen, den Kopf frei bekommen, nachdenken...“ Das letzte Wort zog sie so bedeutungsschwer in die Länge, dass Eilidh den Zaunpfahl einfach bemerken musste.

 „Eine wunderbare Idee! Cahal kann Ihnen ganz herrliche Orte zeigen, die nicht weit weg liegen. Cahal!“ Sie rief so laut nach ihren Ehemann, dass Hermine entsetzt den Kopf einzog. Als auch nach geschlagenen drei Sekunden noch keine Antwort gekommen war – Hermine war überrascht, dass Eilidh tatsächlich so lange still geblieben war – sprudelte der Wasserfall an Worten einfach weiter aus dem mit Falten umgebenen Mund, so als gäbe es kein Morgen mehr.

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 „So gerne ich Ihren Geschichten noch weiter zuhören würde“, begann Hermine zwei Stunden später und schob einen Stapel Babybilder von Eilihs Kindern Eoin und Caitriona von sich, „aber ich muss jetzt wirklich ins Bett. Der Spaziergang vorhin hat mich sehr ermüdet. Die frische Luft und so...“ Sie schielte zum Ziffernblatt der Uhr, die hinter Eilidh an der Wand hing. Es war noch nicht mal halb sieben, doch müde war sie allemal. Ob die frische Luft daran schuld war, bezweifelte Hermine allerdings.

 „Natürlich. Wenn man das Leben auf dem Land nicht gewohnt ist, haut es einen aus den Latschen.“ Die Ältere kicherte leise und machte eine entsprechende Bewegung mit der Hand. „Aber bevor Sie sich zurückziehen...“ Sie stand so flink von ihrem Stuhl auf, dass Hermine nicht wusste, ob sie beeindruckt oder neidisch sein sollte. Jedenfalls seufzte sie schwer, nachdem Eilidh die Küche verlassen hatte.

 Für ganze zehn Sekunden legte sich eine wohltuende Stille auf Hermines Ohren, die sofort einen Großteil der Kopfschmerzen mit sich nahm. Sie hatte sich immer für einen geduldigen, liebenswürdigen Menschen gehalten, doch im Laufe der letzten zwei Stunden hatte sie diverse ausgeklügelte Mordpläne gesponnen und es juckte sie in den Fingern, wenigstens einen davon auszuprobieren – vor allem nachdem Cahal mit einem schadenfrohen Grinsen an der Küchentür vorbeigeschlichen war.

 Wie war sie nur auf die dumme Idee gekommen, dem Geheimnis eines sadistischen, brummigen Mannes nachgehen zu wollen? Vermutlich hatte Snape es darauf abgesehen, sie in dieses Haus zu treiben, nur damit sie lernte, ihre Nase nicht in fremder Leute Angelegenheiten zu stecken. Dieser Gedanke weckte in ihr den Wunsch, noch einen zweiten Mordplan zu testen.

 Natürlich war es Eilidh, die sie aus ihren Überlegungen riss. Munter vor sich hin murmelnd, balancierte die alte Frau einen Stapel Bücher, den sie vorsichtig auf dem Küchentisch ablud, als sie wieder bei Hermine angekommen war. „Es war vor über sieben Jahren“, erklärte die Ältere und wischte sich ihre Finger an der Schürze ab, die sie sich um ihre Taille gebunden hatte. „Ein unheimlicher Kerl. Ich war froh, dass Cahal da war.“

 „Ein unheimlicher Kerl?“, warf Hermine dazwischen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass ihr Gegenüber bereits Luft holte, um weitere unwichtige Details zum Besten zu geben. Anders kam man bei Eilidh nicht vorwärts.

 „Ja, sehr unheimlich. Ganz in schwarz gekleidet. Und dieser Blick...“ Sie schnalzte mit der Zunge. „Er blieb zum Glück nicht lange. Hat nur die Bücher hier gebracht und gesagt, ich solle sie an Hermine Granger weitergeben, sobald sie hier auftaucht.“

 Hermine riss die Augen auf. „Er hat meinen Namen genannt?“

 „Ja ja! Kennen Sie ihn denn nicht?“ Die grauen Augen der Alten weiteten sich entsetzt, so als wäre ihr erst jetzt aufgefallen, dass etwas an dieser ganzen Geschichte doch reichlich sonderbar war.

 „Doch...“, murmelte Hermine abwesend. „Doch, ich kenne ihn.“ Hermine schwieg für einen kleinen Moment, dann riss sie sich räuspernd aus ihren Gedanken. „Ich danke Ihnen, dass Sie die Bücher aufgehoben haben. Wenn es in Ordnung ist, würde ich mich jetzt gerne auf mein Zimmer zurückziehen.“

 „Oh, ja, natürlich. Soll ich Ihnen Bescheid sagen, wenn das Essen fertig ist?“

 Hermine schüttelte den Kopf, während sie bereits aufstand und die Bücher aufhob. „Nein, das ist nicht nötig. Ich habe keinen Hunger. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nacht, Eilidh. Ihnen und Ihrem Mann.“

 Sie wartete die Antwort ihrer Gastgeberin nicht ab, sondern stieg mit ihrer unerwarteten Ausbeute die Stufen ins obere Stockwerk hinauf. Ihr Koffer stand vor einer der vier Türen, die vom Flur abgingen, und Hermine vermutete, dass hinter dieser Tür das Zimmer lag, das sie sich ausgesucht hatte. Sie brachte erst die Bücher hinein, dann holte sie ihren Koffer hinterher.

 Als sie ihn vor dem Kleiderschrank abstellte, fielen ihr die kleinen Brandspuren an den Schnallen auf und sie grinste schelmisch. Also hatte sie Cahal doch richtig eingeschätzt, den alten Schnüffler. Es war richtig gewesen, ihren Koffer mit einem Zauber zu schützen.

 Doch ihre Schadenfreude über Cahals mit Sicherheit verbrannte Finger währte nicht lange. Die Neugierde über das, was Professor Snape ihr dagelassen hatte, überwog alle anderen Regungen ihres Verstandes.

 „Sie wollen also doch, dass ich Ihr Rätsel löse“, stellte sie zufrieden fest, nachdem sie die Titel überflogen hatte. Jedes einzelne der Werke behandelte die Theorie der Zeitreise.

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 In dieser Nacht schlief Hermine nicht. Sie las sich durch jedes einzelne der Bücher, sie inhalierte sie quasi. Und als vor ihrem Fenster der Morgen graute, kämpfte sie sich aus ihrem Bett, in dem sie es sich bequem gemacht hatte, und machte sich so schnell es ihr möglich war vorzeigbar.

 Eines der Bücher, ein eher dünnes, gut zusammengefasstes Exemplar, steckte sie sich in ihre Tasche. Dann schlich sie die Treppe hinunter und verließ die Pension, bevor Eilidh sie ein weiteres Mal festnageln konnte.

 Beim Bäcker im Dorf versorgte sie sich mit zwei Brötchen und einer Tasse Kaffee, danach steuerte sie zielstrebig die alte Kirche an. Sie spürte es ganz genau, heute würde sie dem Geheimnis ein großes Stück näher kommen. Und sie würde den Teufel tun und einen Rückzieher machen!

 Von neugierigen Blicken unbemerkt schlüpfte Hermine in das alte Gebäude und streifte sich den von der Decke rieselnden Staub aus den Haaren. So früh am Morgen schien die Sonne durch einige der noch intakten Buntglasscheiben und zauberte ein atemberaubendes Spiel aus Licht auf das verfallene Innere der Kirche. Nichtsdestotrotz hoffte sie, dass die Decke nicht gerade jetzt ihre letzte Stabilität aufgeben würde.

 Am Altar angekommen, nahm Hermine ihre Tasche ab und zog das Buch hervor. Sie kniete sich mit ihrem Zauberstab und der Lektüre bewaffnet vor den Zeitriss und probierte einige der Zauber aus, die sie in diesem praktisch orientierten Werk gefunden hatte.

 Eine halbe Stunde später sank sie mit großen Augen auf ihre Füße zurück und pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Beeindruckend“, murmelte sie.

 Wie es aussah, war dieser Zeitriss stabil. Es gab ihn schon seit einiger Zeit und er war schon mehrmals durchquert worden. Die Vermutung, dass Snape während seiner Abwesenheit in ihrem sechsten Schuljahr also eine kleine Zeitreise unternommen hatte, lag nahe.

 Davon abgesehen hatten die Zauber ihr geflüstert, dass der Riss noch genug Energie in sich barg, um problemlos noch Jahre offen zu bleiben. Hermine fragte sich unwillkürlich, ob die Kirche von Muggeln oder von Magiern geschlossen worden war.

 Das einzige, was die Zauber ihr nicht verraten konnten, war, wohin dieser Riss führte. Entstanden war er durch zwei kraftvolle magische Ereignisse im Laufe der Zeit. Sie hatten einander angezogen wie die zwei Pole eines Magneten und waren mächtig genug, um die Zeitlinie eine Schleife bilden zu lassen. An den Stellen, an denen sie sich überschnitt, hatte sich der Riss geöffnet. Man konnte hindurch gehen wie durch eine Tür.

 Hermine war überzeugt, dass das Ereignis ihrer Zeit die Vernichtung Voldemorts gewesen war. Zwar lag diese schon Jahre zurück, doch was waren im Angesicht der Ewigkeit schon ein paar Jahre? Zweifellos musste der Riss sich über einen Zeitraum von mindestens fünfzig Jahren erstrecken.

 In der Vergangenheit allerdings gab es einige Ereignisse von magischer Intensität, denen sie eine Verknüpfung mit der heutigen Zeit zutrauen würde. Und es gab nur eines, das ihr eine klare Antwort auf ihre Frage geben würde: Ein Durchtritt ihrerseits.

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 Hermine nutzte die beiden verbleibenden Tage, für die sie in der Pension bezahlt hatte, um sich weiter in die Theorie der Zeitlinien einzulesen und vor allem, um eine Entscheidung zu treffen. Sie hätte ohnehin nicht einfach hindurchgehen können; Eilidh hätte vermutlich eine Hundertschaft losgeschickt, um nach ihr zu suchen (sie traute es der alten Frau absolut zu, eine solche Suchaktion ins Leben zu rufen).

 Davon abgesehen musste sie wenigstens Harry und Ginny Bescheid geben, dass sie noch einige weitere Tage in Schottland bleiben würde. Die Gründe dafür kamen spontan, als sie einen entsprechenden Brief verfasste und eulenwendend nach London zurückschickte.

 Sie gab sich also als durchschnittliche Touristin, bis sie am vierten Tag nach ihrer Ankunft ihre Koffer packte und verlegen Eilidh winkend in Richtung Bahnhof davon trottete. Kaum war sie aus der Sichtweite der mütterlichen Frau verschwunden, schlug sie sich jedoch in ein Gebüsch und apparierte direkt ins Innere der Kirche.

 „Sie wollen, dass ich durchgehe“, murmelte sie wild entschlossen und warf ihren Koffer unachtsam in eine Ecke. „Das können Sie haben, Professor!“

 Hermine reckte ihr Kinn vor, straffte ihre Haltung und umklammerte ihren Zauberstab mit kalten, feuchten Fingern. Dann setzte sie sich in Bewegung und schaffte es, ihre Beine in eine Art sonderbaren Automatismus zu versetzen; selbst wenn sie hätte stehen bleiben wollen, hätte sie es nicht gekonnt.

 Die flimmernde Oberfläche des Zeitrisses kam unaufhaltsam näher und erst im letzten Augenblick kniff sie die Augen zu und stieß ein leises Wimmern aus. Sie hatte Angst, absolut tief empfundene Angst vor dem, was nun passieren würde. Sie bereitete sich vor auf Schmerzen, auf Schwindel, auf Übelkeit und spürte – nichts.

 Nach gut zehn Schritten blieb Hermine stehen und wagte es zu blinzeln. Es fühlte sich so an, als wäre sie durch die flimmernde Oberfläche hindurch gegangen, ohne dass etwas geschehen war. Doch dieses Gefühl relativierte sich, als sie sich in einem Wald wieder fand.

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 „Ich würde dir ja sagen, dass du dich nicht erschrecken sollst...“

 Hermine schrie leise auf und wirbelte auf dem Absatz herum. Ihre Blicke flogen hektisch zwischen den Bäumen umher, bis sie schließlich die Gestalt einer Frau entdecke, die gegen einen Baumstumpf gelehnt saß und den Panzer einer Schildkröte streichelte, die in ihrem Schoß hockte.

 „...aber das hat ohnehin keinen Sinn, wenn man von hinten angesprochen wird.“ Die junge Frau zuckte bedauernd mit den Schultern. „Ein Versuch war es dennoch wert.“

 Hermine stolperte einen Schritt nach hinten. „Wer bist du?“, fragte sie verwirrt und sah sich um. Sie war tatsächlich in einem Wald. Ihre Turnschuhe sanken ein bisschen in den weichen Boden und um sie herum sangen ganze Schwärme von Vögeln. Der Wind rauschte durch das dichte Blattwerk und Sonnenstrahlen fanden nur vereinzelt ihren Weg hinunter bis zu ihnen. Einen solchen Wald, so dicht bewachsen, so lebhaft, so umwerfend, hatte Hermine niemals zuvor gesehen.

 „Abgesehen davon, dass ich es reichlich unhöflich finde, sich als Besucher nicht vorzustellen, ehe man anfängt, Fragen zu stellen...“ Die andere stand etwas ungelenk auf und kam zu Hermine. „Ich bin Wendeline. Und das ist Saoirse.“ Sie deutete mit einem begeisterten Lächeln auf die Schildkröte, die gerade ihren Kopf einzog.

 Hermines Augen weiteten sich etwas, auch wenn sich ihre anfängliche Panik allmählich legte. „Freut mich, euch kennen zu lernen.“

 „Verrätst du mir jetzt auch, wie du heißt, oder muss ich noch ein paar Mal fragen?“

 „Oh... Hermine.“

 „Freut mich, Hermine.“

 „Das... ähm... mag jetzt vielleicht merkwürdig klingen, aber... welches Jahr haben wir gerade?“ Unter ihren Füßen knackte ein Ast und Hermine schrak zusammen.

 „Das klingt ganz und gar nicht seltsam. Ich meine, du bist aus einem Zeitloch gekommen. Da kann man schon verwirrt sein.“ Wendeline lachte kurz auf.

 „Jaah, sehr verwirrt...“ Und es wird mit jeder Sekunde schlimmer, fügte sie in Gedanken hinzu.

 „Wir schreiben das Jahr 1256 nach Christus.“

 „Wow, wir sind vierstellig“, murmelte Hermine. Und als Wendeline von ihrer Bemerkung nicht übermäßig irritiert schien, fuhr sie fort: „Bist du eine...“ Sie würgte am letzten Wort. „...Hexe?“

 „Ich bevorzuge den Ausdruck magisch begabt, aber ich denke, das ist dasselbe.“ Wendeline kräuselte die Nase, während sie über den Sachverhalt nachdachte.

 „Und... kommst du auch aus einer anderen Zeit?“ Allmählich beruhigte sich Hermines Herzschlag; von Wendeline schien keine Gefahr auszugehen.

 „Nein. Aber man könnte sagen, ich bin meiner Zeit voraus.“ Sie grinste breit. „Aber jetzt erzähl du mal. Was treibt dich her?“ Sie wandte sich um und bedeutete Hermine mit einem Kopfnicken, ihr zu folgen.

 Hermine zögerte und sah zurück zum Zeitriss.

 „Oh, keine Angst, der ist stabil. Ich beobachte ihn seit fünf Jahren.“

 Sie wirbelte herum. „Erst seit fünf Jahren?“

 Zum ersten Mal schien Wendeline verwirrt. „Jaah. Reicht das nicht?“

 „Doch, natürlich. Aber... ist schon mal jemand hindurchgekommen?“

 „Nicht, dass ich wüsste.“

 Hermines Gedanken rasten. Wenn sie als erstes durch den Riss gekommen war – zumindest auf dieser Seite des Risses – dann bedeutete das, dass... Snape erst noch kommen würde? Wenn es den Riss erst seit fünf Jahren gab, musste es wohl so sein. Oder...

 Oder er war niemals hier gewesen. Ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter.

 „Kommst du trotzdem mit, oder willst du gleich wieder zurückgehen?“ Wendeline legte den Kopf schief, während sie Hermines Gedankenspiel beobachtete.

 Im Grunde, so dachte diese, hatte sie nichts zu verlieren. Der Riss war stabil, Wendeline hatte diesen Luna-Charme, mit dem sie umzugehen wusste, und diese Zeit war mehr als faszinierend – auch wenn Hexen hier vermutlich kein allzu gutes Los hatten. Doch sie hatte gelernt, sich bedeckt zu halten. In jedem Sommer, den sie bei ihren Eltern verbracht hatte.

 Davon abgesehen wollte sie dieses Rätsel lösen; mehr als alles andere auf der Welt wollte sie herausfinden, was die Lösung war.

 „Ja, ich komme mit.“ Hermine lächelte zum ersten Mal, seitdem sie in dieser fremden Zeit angekommen war, und folgte Wendeline über den moosbedeckten Waldboden.
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