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Versucht

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Mystery / P16 / Gen
29.04.2010
28.04.2011
7
21.765
 
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13 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
29.04.2010 2.892
 
Hallo, liebe LeserInnen!
So, es hat verdammt lange gedauert, aber jetzt ist es da- das erste Kapitel. Nun ja, vielleicht nicht ganz. Da es sonst zu lang geworden wäre, werde ich es nämlich in zwei Teile aufspalten. Außerdem wollte ich euch nicht noch länger warten lassen.
In diesem Kapitel werden wir uns endlich den Sünden zuwenden. Zu viel Unschuld ist auf Dauer ja nicht aushaltbar. ;)
Über Kommentare freue ich mich immer, und sie dürfen gern auch kritischer Natur sein.
Viel Spaß!
Lg
Dem

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Eins: Verderbtheit

Elf Uhr achtunddreißig. Ein sonniger Tag, relativ warm, aber noch nicht zu heiß. Vereinzelte weiße Wolken standen am Himmel, ein leichter Wind wehte.
Dennoch gut, dass ihm ein Baum Schatten spendete.
Er saß auf einer Holzbank, umgeben von Kinderstimmen, wie ein Gestrandeter auf einer einsamen Insel. Niemand wollte neben ihm Platz nehmen. Die Kinder saßen lieber in der sonnenwarmen Wiese, warfen ihm ab und an skeptische Blicke zu und tuschelten und kicherten dann fröhlich weiter.
Er beobachtet die Kleinen, wie sie dasaßen, redeten, lachten. Wenn er sie so sah, wollte er nicht für möglich halten, dass sie tatsächlich in zwei Minuten, kurz nach dem Läuten der Glocke, wieder in ihren Schulklassen sein würden.
Pausen waren einfach viel zu kurz. Das waren sie schon immer gewesen. Auch, als er selbst noch gezwungenermaßen die Schulbank hatte drücken müssen.
Augenblicklich ertappte er sich bei der Idee, die Kinder irgendwie daran zu hindern, in ihre Klassen zu gehen. Sie dazu zu verführen, noch ein bisschen draußen zu bleiben, die warme Frühlingsluft zu genießen, das Vogelgezwitscher und die Sonnenstrahlen in sich aufzunehmen und sich daran zu erfreuen.
Das war schließlich seine Aufgabe.
Viel zu lange hatte er keine Gelegenheit mehr gehabt, ihr nachzukommen, und ehrlich gesagt hatte ihm auch oftmals die Motivation gefehlt.
Er schreckte aus seinen Gedanken hoch, als er das schrille Läuten der Glocke vernahm. Das Signal für die Kinder, ihre Pause zu beenden und sich wieder respektvoll und motiviert dem Ernst des Lebens zuzuwenden.
Unruhig wartete er ab, was sie taten. Ob sie reagierten. Ob sie aufstanden und gingen. Wenn sie das täten, müsste er das irgendwie vermeiden. Müsste er aufstehen und sie ansprechen, sich etwas einfallen lassen, das sie ihr Vorhaben aufgeben ließ.
Ein Moment verging. Ein zweiter. Eine ganze Reihe Momente. Und-
Sie gingen nicht.
Nur vereinzelt kamen die Schüler missmutig ihrer Pflicht nach. Die meisten taten so, als hätten sie die Pausenglocke nicht gehört, als würde sie sie nichts angehen.
Er wurde hier nicht gebraucht. Das wurde ihm schmerzlich bewusst, jetzt, wo er keine Veränderung sah, obwohl da eigentlich eine hätte sein sollen. Wieder einmal kam er nicht zum Zug. Dabei hatte er tage-, wenn nicht sogar wochenlang gewartet. Oder womöglich noch länger.
Die Kinder lachten. Die Sonne schien. Der Baum spendete Schatten. Er stützte den Kopf in die Hände und seufzte lange. Sein stattlicher Bauch bebte dabei.
Alles auf Anfang. Dann musste er eben weiter warten.
Sein Name war Acedia, und in einer Welt, in die die Trägheit fast schon zum Inventar gehört, gab es keinen Platz mehr für ihn.


Zwölf Uhr siebenundzwanzig. Die Sonne schien, aber es gab keinen Schatten. Eine lange Schlange Hungriger hatte sich vor einem Imbissstand gebildet. Sie alle warteten, verschränkten die Arme, klopften unruhig mit den Fingern oder wechselten von einem Bein auf das andere. Die Hitze drückte ihnen aufs Gemüt, und ein schattiges Plätzchen wäre ihnen ein kleines Königreich wert gewesen.
Sie stand ebenfalls in der Schlange, war minutenlang Teil dieses komplexen Mechanismus. Eigentlich wollte sie gar nicht hier stehen, aber der vertraute Geruch von altem Fett und süßen, klebrigen Getränken hatte sie doch dazu veranlasst, zu bleiben und nicht, wie geplant, in einem vornehmeren Lokal einzukehren. Dann gab es eben heute keinen Wein. Auch kein Problem. Eine Cola mit einer großen Tüte salziger Pommes und einem fetttriefenden Hamburger taten es auch. In diesen Dingen war sie nicht allzu wählerisch.
Vorsichtig, um die anderen Leute nicht zu stören, ließ sie ihren Blick über die Umstehenden schweifen. Sie war von nach Schweiß riechenden, hauptsächlich dicken Menschen umgeben, die sich wohl ebenso sehr auf ihr Mittagsmahl freuten wie sie selbst. Gleichzeitig wurde ihr etwas bewusst.
Die Menschen hier brauchten sie nicht.
Genauso wenig, wie sie das Essen hier brauchte.
Sie schluckte und zwang sich, an etwas anderes, Aufbauendes zu denken. Positiv zu bleiben, vielleicht geschah ein Wunder. Unwahrscheinlich, aber egal. Nur nicht aufhören zu hoffen…
Aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass sich hinter ihr jemand anstellte. Und dieser Jemand schien sich absolut nicht sicher zu sein, ob das, was er im Begriff war, zu tun, eine gute Idee war.
„Meinst du echt, dass ich das fette Zeug hier essen soll? Ist doch Gift für die Figur.“ Die Stimme einer Frau, wahrscheinlich Mitte zwanzig, spindeldürr, aber dennoch besorgt, dass ein einziges Gramm Fett ihre Hüften für immer zu entstellen vermochte. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass sie mit dieser Einschätzung richtig gelegen hatte. Sofort spürte sie, wie sich ihr Puls beschleunigte und ihre Handflächen feucht wurden.
Jetzt bloß keinen Fehler machen!
„Ach komm, du kannst es dir ja erlauben. Gönnst dir ja sonst nie was. Und am Nachmittag gehen wir zusammen laufen, da wirst du die paar Kalorien schon wieder los.“
Verdammt. Sie hatte nicht bemerkt, dass jemand die Frau begleitete. Im Nachhinein erschien es ihr dumm und unlogisch, dass sie gar nicht daran gedacht hatte. Und nun schnappte ihr dieser Jemand, eine andere, fast ebenso dünne Frau, einfach so ihre einmalige Chance weg.
Obwohl… Noch war die Freundin nicht überzeugt. Sie hoffte, sie würde sich noch ein wenig bitten lassen.
„Na gut, das geht in Ordnung. Einmal darf man ja essen, was man mag, oder? Ich lasse eben die Pommes weg, dann geht das klar.“ Beide Frauen kicherten wie kleine Mädchen. Es war beschlossene Sache.
„Scheiße!“ Obwohl sie es nur gezischt hatte, war ihr dieser Fluch unglaublich laut und aufdringlich vorgekommen. Bestimmt hatten sie alle Umstehenden gehört. Sie ballte die Hände zu Fäusten und unterdrückte einen verärgerten Aufschrei.
Mit einem Mal war ihr der Appetit vergangen. Die Pommes, der Hamburger und die Cola konnten ihr gestohlen bleiben. Zitternd drehte sie sich um, warf den beiden Frauen hinter ihr einen hoffentlich tödlichen Blick zu, und machte sich daran, schnell zu verschwinden.
Ihr Name war Gula, und in einer Welt, in der Völlerei alltäglich praktiziert wird, gab es keinen Platz mehr für sie.


Vierzehn Uhr fünfunddreißig. Die Straße war voll von Menschen jeder Altersgruppe, ein pulsierender Organismus, der mal fröhlich, mal traurig in den unterschiedlichsten Tonlagen vor sich hinsummte. Ein typisches Bild, wenn man sich in der Stadt befand und so schönes Wetter herrschte wie heute. Immer noch stand die Sonne hoch am Himmel und bedachte die Leute im Freien mit einem wohlwollenden Lachen.
Sie befand sich auch hier, und ihr kam das Lachen eher wie ein höhnisches vor.
Schon seit mehreren Stunden spazierte sie unermüdlich auf und ab, besah sich die Läden und Boutiquen, drückte sich regelrecht die Nase an den Schaufensterscheiben platt, nur um sich nach kurzer Zeit betreten abzuwenden und sich selbst zu bemitleiden. Dann wandte sie sich stets den ahnungslos Vorbeigehenden zu, musterte sie neidvoll und verwünschte sie insgeheim für das, was sie waren, darstellten oder besaßen.
Es war ein elendes Leben, das sie lebte. Und es war nur ihres. Ihr eigenes.
Grund genug, um erneut Missgunst zu fühlen, die heißkalt durch ihre Adern strömte wie Gift. Das süße Gift, das sie am Leben erhielt.
Sie schrak aus ihren Gedanken auf, als sie eine Gruppe junger Frauen an sich vorbeigehen sah. Instinktiv wusste sie, dass sie bei diesen Mädchen ihre geringe Chance nutzen konnte. Es war an ihr, etwas daraus zu machen, die Gelegenheit nicht einfach verstreichen zu lassen, sondern zu beweisen, dass sie es immer noch konnte. Dass sie nicht so nutzlos war, wie sie sich oft fühlte und wie sie von den anderen zweifelsfrei angesehen wurde.
Zielstrebig, aber auch ein wenig eingeschüchtert näherte sie sich ihren Opfern. Sie strengte sich an, um das Gespräch mit anhören zu können, und tatsächlich trug der sanfte Wind ihr einige Wortfetzen zu.
„… hat ja echt bescheuert ausgesehen, in ihrem Kleid.“
„Aber … teuer, oder?“
„Verdammte neureiche Kuh! … hässlich wie die Nacht.“
Sie schluckte, als ihr bewusst wurde, dass die Frauen vor ihr offensichtlich über eine Freundin oder Bekannte lästerten. Und ihr war klar, dass es nur noch ein kleiner Schritt war, den ihre Opfer zu gehen hatten, ehe sie zum Zug kam. Bald schon war der günstige Moment da; er schien bereits zum Greifen nah zu sein.
Die Frauen blieben jäh vor einem hell erleuchteten Schaufenster stehen, in dem einige pompöse, sündhaft kostspielige Kleider ausgestellt waren. Kleider, wie sie sich keine Normalverdienerin jemals würde leisten können.
Ihr Mund war trocken, dafür standen ihr Schweißperlen auf der Stirn. Nur noch wenige Sekunden… Sie durfte ihren Einsatz auf keinen Fall verpassen.
„Jetzt sieh dir das Ding hier an! Genial, oder? So müsste man auf einen Ball gehen, oder auf ein Fest. Den Leuten würden die Augen aus dem Kopf fallen!“ Die erste Frau ging gleich in die Vollen. Sie steigerte sich richtiggehend in die Situation hinein, sah sich vermutlich schon in männlicher Begleitung und mit glücklichem Lächeln auf einer Veranstaltung tanzen, in besagtem Kleid, während die bewundernden Blicke der übrigen Gäste auf ihr ruhten.
Fast war es so weit. Sie schluckte, stellte sich dann möglichst nahe neben die Frauen, holte noch einmal tief Luft. Was sollte sie sagen?
Sie zögerte, zauderte. Einen Moment zu lange.
Die zweite Frau sprach, hatte der ersten beinahe das Wort abgeschnitten. „Klar würden die blöd gucken, aber dir ist doch wohl klar, was das Kleid hier kostet, oder? Das könnte sich nicht einmal Nadine, die neureiche Zicke, leisten. Wie willst du das erst schaffen? Reich heiraten, oder was? Mit deiner Figur? Ist ja wirklich reizend.“ Sie lachte, aber das Lachen war kein freudiges.
Die erste Frau runzelte die Stirn. In ihrem Gehirn arbeitete es, drehten sich die Rädchen auf Hochtouren.
Sie wusste mit einem Mal, dass es zu spät war. Dass es wieder nicht klappen würde. Dass ihre minimale Chance endgültig verspielt war.
Die erste Frau sprach aus, womit sie bereits gerechnet hatte. „Ich wünschte, ich wäre reich. Reich und hübsch. Mit einem Mann, der mir alles kauft, was ich haben möchte. Ach, ich beneide solche Frauen. Auch, wenn sie meistens dumm wie Brot sind. Aber sogar das würde ich dafür in Kauf nehmen, wenn ich dafür nur ein schönes Leben im Luxus führen könnte.“
Sie stand da, als hätte ihr jemand eine schmerzhafte Ohrfeige verpasst. So fühlte sich also die Niederlage an, die bittere, aber unvermeidbare. Ein übler Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus, und ihr wurde schlecht.
Die Frauen wandten sich vom Schaufenster ab, schon in eine neue Diskussion versunken, deren Thema wohl ein komplett anderes war. Sie konnten nicht wissen, was sie angerichtet hatten.
Ein letztes Mal warf sie dem Kleid in der Auslage einen neidvollen Blick zu. Würde es ihr gehören, es würde ihr auch nichts nützen. Sie hatte nicht das richtige Aussehen, das richtige Alter, die richtige Figur, um darin umwerfend zu wirken.
Die Missgunst fraß sie fast auf. Seufzend zwang sie sich, zu gehen und anderswo nach einem neuen Opfer Ausschau zu halten, auch wenn das vermutlich ein vergebliches Unterfangen werden würde. Trotzdem, sie musste es zumindest probieren.
Mit schweren, trägen Schritten ging sie vorwärts. Ihre Laune war schlecht, der Kopf voll mit hässlichen Gedanken.
Ihr Name war Invidia, und in einer Welt, in der jeder jeden für irgendetwas beneidet, gab es keinen Platz mehr für sie.


Sechzehn Uhr zweiundzwanzig. Die Sonne hatte sich mittlerweile hinter eine dichte Wolkendecke zurückgezogen, doch immer noch war es angenehm warm. In den Läden und Geschäften waren die Klimaanlangen auf volle Leistung gestellt, weswegen einem ein eisiger Windhauch entgegenwehte, sobald man eines der Häuser betrat.
Sie hatte sich eine besonders teure Nobelboutique ausgesucht, hatte neben einem Ständer mit luxuriösen Kleidern Position bezogen und fröstelte wegen der Temperatur im Geschäft. Schnell zog sie ihr Kostümjäckchen enger um ihre Taille und unterdrückte einen entnervten Seufzer.
Es war langweilig hier, furchtbar langweilig. Bestimmt schon seit Stunden stand sie herum, wachsam, wartend, und ließ den Eingang nie länger als ein paar Sekunden aus den Augen. Sie war ganz die geschmeidige Jägerin, die auf ihre Beute wartete, sie nicht entkommen lassen wollte. Um keinen Preis würde sie verlieren.
Doch bislang hatte sie kein Glück gehabt. Es gab zu viele Jäger und zu wenig Beute.
Mehrmals hatte sich ihr die Verkäuferin bereits genähert, sie unsicher gemustert und sie gefragt, ob sie Hilfe benötige. Jedes Mal hatte sie die lästige Frau eilig abgewimmelt, mit dem knappen Kommentar, sie würde auf eine Freundin warten. Leider wurde diese Ausrede allmählich unglaubwürdig. Wenn nicht bald etwas geschah, sah sie sich gezwungen, unverrichteter Dinge wieder zu gehen. Geschlagen und ohne erlegte Beute. Dieser Gedanke behagte ihr gar nicht, denn wenn sie etwas hasste, dann die Niederlage.
Als sie ihren Blick kurz schweifen ließ, stellte sie fest, dass die Verkäuferin schon wieder zu ihr herüberlugte. Allmählich wurde sie wütend, zwang sich aber, den Zorn zu zügeln. Es hatte keinen Sinn, unnötig Energie auf die ebenfalls unterbeschäftigte Boutiquenbesitzerin zu verschwenden. Bestimmt konnte sie diese Energie noch viel besser gebrauchen.
Ihre stummen Gebete, endlich ein Opfer erscheinen zu lassen, schienen von einem Gott erhört worden zu sein, denn wenige Augenblicke später betraten zwei Frauen den Laden. Offensichtlich Mutter und Tochter, auch wenn die ältere dank der Errungenschaften der plastischen Chirurgie kaum älter aussah als die jüngere. Beide staksten sie auf Zehn- Zentimeter- Absätzen herum, trugen Pelzmäntel und waren üppig geschminkt.
Sie lächelte. Da waren sie also, ihre Opfer. Na bitte, Geduld musste man haben!
Vorsichtig schlich sie sich näher an die beiden Frauen heran. Auch die Verkäuferin hatte beschlossen, die Gunst der Stunde zu nutzen und sich die Chance auf ein Geschäft nicht entgehen zu lassen. Sie musste sie irgendwie loswerden, das war ihr klar. Nur: wie sollte sie das anstellen?
Abermals kam ihr ein Zufall zu Hilfe, denn irgendwo im hinteren Bereich des Ladens begann ein Telefon, schrill und entnervend zu klingeln. Die Verkäuferin versprach den beiden Frauen, sofort bei ihnen zu sein, und eilte dann davon.
Sie wusste, dass sie nicht viel Zeit hatte. Sie musste sich anstrengen, ins Zeug legen, alles geben, was sie hatte.
Mit einem freundlichen und offenen Lächeln trat sie auf die beiden Kundinnen zu und gab sich kurzerhand als Angestellte aus. Nicht, dass sich die Frauen sonderlich dafür interessiert hätten, mit wem sie es zu tun hatten, aber ein bisschen Höflichkeit schien ihr doch angebracht.
„Was hätten Sie denn gerne?“, fragte sie also, bemüht kompetent.
Die Mutter betrachtete ihre Tochter kurz, dann entgegnete sie: „Meine Leila wird morgen achtzehn, und zu ihrem Geburtstag darf sie sich etwas Schönes aussuchen.“ Die nächsten Worte galten ihrer Tochter. „Was willst du denn haben, Mäuschen? Nur zu, du kannst dir alles aussuchen, was du willst.“
Sie schluckte schwer, hatte plötzlich einen harten Kloß im Hals. Ihr Plan schien nicht aufgehen zu wollen. Sie hatte auf das falsche Opfer gesetzt. Diese beiden hier würden sie nicht brauchen.
Noch bevor sie etwas sagen, die Bemerkung der Mutter womöglich etwas abschwächen konnte, ergriff schon die Tochter das Wort. „Ich habe mich schon entschieden. Ich weiß genau, was ich will. Kaufst du mir die Kleider, die da an der Wand hängen, Mamilein?“
Die Mutter versuchte, ihre geglättete Stirn in Falten zu legen, was ihr aber nicht gelang. Der Chirurg hatte ganze Arbeit geleistet, dachte sie, und ein bisschen half ihr dieser gedachte bissige Kommentar über den Frust hinweg.
„Mäuschen, das ist aber ziemlich viel. Bist du sicher, dass du die alle willst? Du hast sie noch nicht einmal probiert“, gab die Mutter zu bedenken, aber die Tochter wollte diese Einwände nicht hören. „Die passen mir, das seh ich schon von hier aus. Bitte, Mamilein, bitte!“
Der gekünstelte Augenaufschlag des Mädchens bereitete ihr Übelkeit. Die Mutter hingegen schien überzeugt zu sein. „Na gut, wenn du unbedingt möchtest…“, erklärte sie seufzend.
Sie stand daneben wie eine Idiotin. Wie eine verdammte Idiotin. Jetzt wurde sie doch wütend. Na toll, Ira würde sich freuen.
Vor Ärger und Bestürzung brachte sie keinen Ton hervor. Sie bemerkte auch nicht, dass die Ladeninhaberin zurückkam und ihr Glück kaum fassen konnte, als sie erfuhr, dass sie soeben elf Kleider auf einen Schlag und innerhalb von wenigen Minuten verkauft hatte.
„Ihre Kollegin hat uns sehr freundlich beraten und Sie gut vertreten. Das war ausgesprochen liebenswürdig von ihr“, meinte die Mutter gerade, und sie spürte plötzlich drei Augenpaare auf sich ruhen. Diese Art der Aufmerksamkeit war ihr gar nicht recht.
Die Verkäuferin legte den Kopf leicht schief. „Wissen Sie, diese Frau arbeitet gar nicht…“
Endlich hatte sie es geschafft, sich loszureißen. Sie floh so schnell sie konnte, in der Hoffnung, entkommen zu können, bevor noch jemand unangenehme Fragen stellte. Heute war einfach nicht ihr Tag. Sie hatte auf ganzer Linie versagt und musste sich jetzt auch noch aus dem Staub machen, als wäre sie eine Verbrecherin.
Das hatte sie nicht verdient. Insgeheim hatte sie sich ihr Dasein ganz anders vorgestellt. Anders und besser. Aber wieder einmal wurde ihr schmerzhaft klar, dass das nur dumme Träume gewesen waren.
Sie musste noch viel lernen, um dauerhaft bestehen zu können und an ihrer schwierigen Aufgabe nicht zu zerbrechen. Ein bisschen musste sie sich noch steigern, noch besser werden, am besten perfekt,
Ihr Name war Avaritia, und in einer Welt, in der Habsucht und Materialismus regieren, gab es keinen Platz mehr für sie.
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