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GeschichteRomanze / P12
Wisperwind
27.04.2010
27.04.2010
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„Wenn ihr Feiqing seht, dann richtet ihm aus, dass ich mich immer an ihn erinnern werde, wenn es donnert und blitzt. Er wird das verstehen.“

Damit drehte Wisperwind sich um und flog im Federflug in die Staubwolken. Der Wind ließ ihre Haare hinter ihr her flattern. Leicht wie ein Blatt sprang sie von Stein zu Stein.

Nachdenklich richtete sie ihren Blick auf die Berggipfel im Süden. Es würde nicht einmal eine halbe Stunde dauern, dann wäre sie oben. Aber was dann? Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, so wusste Wisperwind doch genau, warum sie von den Gipfeln wie magisch angezogen wurde.

Es hatte nichts mit der kolossalen Größe des Gebirges zu tun. Nichts mit der Tatsache, dass seit wenigen Tagen Pangu für immer hier ruhte. Nein. Der Grund war ein ganz anderer. Und er war stärker als Wisperwinds stahlharter Wille.

Kangan. Gildenmeister und Hauptmann der Geheimen Händler.

Wütend gab Wisperwind nach. Sie ging in die Hocke und federte leicht empor. Wie ein Pfeil schoss sie zwanzig Meter durch die Luft. Leichtfüßig kam sie wieder auf. Die losen Felsbrocken, die noch von Pangus Erwachen zeugten, boten ihr für den Federflug genügend Widerstand.

Nach einem Dutzend Sprüngen erreichte sie den Gipfel. Hunderte Menschenlängen unter ihr lagen die Abendstern und ein weiteres Luftschiff vor Anker. Nur wenige Luftschlitten nutzten die Aufwinde der Steilhänge. Der Rest der Besatzung war mit Reparaturarbeiten beschäftigt.

Wisperwind schirmte die Augen vor der Sonne ab, die gerade durch die Wolkendecke brach. Das Licht wurde vielfach von den Waben reflektiert und erhellte den ganzen Bergeinschnitt.

Gebannt starrte die Kriegerin zu den Konstruktionen aus Holz und Papier. Plötzlich begann das Schwert Jadestachel auf ihrem Rücken zu pulsieren. Sie kniff die Augen zusammen und starrte die Felswand hinab. Erleichtert atmete sie aus, als sie sah das es nur ein Luftschlitten war. Schwerelos glitt er auf sie zu und Jadestachel beruhigte sich.

Wenige Augenblick später setzte die kleine Flugmaschine neben ihr auf. Es war Kangan. Mit geübten Griffen befreite er sich aus den Lederschlaufen, die ihm Halt gegeben hatten, und stand auf.

„Wisperwind“, grüßte er.

Die Kriegerin nickte ihm zu, wandte den Blick jedoch wieder dem Flaggschiff zu. Der Gildenmeister stellte sich neben sie. Schweigend beobachteten sie das Treiben der Händler.

Schließlich durchbrach Kangan die Stille. „Wir ziehen bald weiter.“

„Ich weiß.“  Langsam drehte sie sich zu ihm. Ihr Blick ruhte auf seinem Gesicht, das noch von der Schlacht gezeichnet war. Ein lange Narbe zog sich von der linken Schläfe bis zum Kinn.

Wieder schwiegen beide für einen Augenblick, versunken in den Gesichtszügen des anderen. Dann durchbrach Kangan erneut die Stille. „Wisperwind…“, begann er, verstummte jedoch. „Wenn wir erst einmal weg sind, wird es Jahre dauern bis wir wieder hierher kommen werden. Vielleicht auch nie mehr.“  Seine unergründlichen Eulenaugen suchten den Blick der jungen Frau.

„Wenn ihr weiterzieht, werden wir uns nie wiedersehen.“ Stockend sprach Wisperwind aus was von Anfang an klar war. Sie kämpfte gegen den Drang an, sich die Haare zu raufen.

Ihr ganzes Leben lang war sie ein Mitglied des Clans der Stillen Wipfel gewesen. Nie hatte sie etwas anderes gemacht, als durch Chinas Weiten zu ziehen. Immer auf dem Weg des Tao. Immer auf der Suche nach neuen Kämpfen und Abenteuern. Wie konnte sie das alles aufgeben? Konnte sie das überhaupt? Ein normales Leben führen?

„Bitte zieh mit uns“, flüsterte der Hauptmann und trat einen Schritt auf sie zu. „Sei Gast an Bord unserer Flotte solange du möchtest.“ Seine kreisrunden Augen verdunkelten sich. „Du kannst gehen wann immer du willst. Aber bitte bleib eine Zeit lang bei den Geheimen Händlern. Bleib bei mir…“

Ich kann nicht, dachte Wisperwind. Wie könnte ich mein Leben und meine Bestimmung aufgeben? Es ist vollkommen unmöglich.

Mehrere Minuten rang sie mit sich selbst. Ihr Verstand sagte ihr unmissverständlich, sich umzudrehen und weiterzuziehen. Stattdessen ließ sie sich von ihren Gefühlen leiten und nickte stumm. Etwas in ihr regte sich, wie nach einem sehr langen Schlaf. Etwas, das ihr einst fast zum Verhängnis geworden war. Diesmal schwor sie sich, die Kontrolle zu behalten.

Kangans Gesichtszüge wurden von einem der seltenen Lächeln erhellt. „Ich nehme an, du ziehst den Federflug meinem Luftschlitten vor?“, fragte er und machte sich bereits an den Lederschlaufen zu schaffen.

Mit einem Schnauben dreht Wisperwind sich um. Blitzschnell lief sie die Steilwand hinunter und stieß sich plötzlich ab. Während sie die fünfzig Meter bis zu den ersten Waben überwand, hörte sie über sich Kangans unterdrücktes Lachen.

Dir wird das Lachen noch vergehen, schoss es ihr durch den Kopf. Noch in der Luft vollführte sie eine Drehung um sich selbst und kam mit den Füßen auf einer der Holzstreben auf. Ein Blick die Segel entlang versicherte ihr, dass der Gildenmeister sich direkt unter ihr befand. Dann schnellte sie in die Tiefe.

Leicht wie eine Feder kam sie breitbeinig über Kangan auf. Der Luftschlitten geriet für einen Moment ins Trudeln, als der Hauptmann aus dem Takt kam. Wenige Sekunden später schlug er wieder gleichmäßig mit den Flügeln.

„Versuchst du, uns beide umzubringen?“, rief er, ohne den Kopf zu drehen. In einem weiten Bogen steuerte er auf die Lücke im Heck des Schiffs zu.

„Wer fühlt sich jetzt unwohl in seiner Haut?“ Selbst durch das Rauschen des Windes war in Wisperwinds Stimme das Grinsen zu hören. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, ihren Spaß zu verbergen.

Ein letztes Mal ging sie in die Hocke. Bevor sie durch die Öffnung ins Innere des Hecks flog, strich sie dem Hauptmann sanft über die Wange. Einen Atemzug später landete sie auf den Holzplanken. Die Wachen die bei ihrem Manöver in der Luft die Waffen gezogen hatten, steckten diese nun wieder weg. Beruhigt, dass dem Gildenmeister keine Gefahr drohte, bezogen sie wieder ihre Posten.

„Du solltest besser vermeiden, mit unserer beider Leben zu spielen, solange du hier an Bord bist.“ Die Strenge die in Kangans Worten mitschwang wurde durch den Umstand vernichtet, dass auch er ganz offensichtlich mit einem Lächeln kämpfte.

„Nun denn Hauptmann“, sagte Wisperwind und deutete eine Verbeugung an. „Verzeiht mir mein ungebührliches Verhalten.“

Der Gildenmeister winkte ab und rief einen der Wachtposten herbei. In der abgehackten Sprache, die die Geheimen Händler für Befehl benutzten, redete er kurz auf den Mann ein. Dessen Stirn legte sich kaum erkennbar in Falten. Er setzte zu einer Erwiderung an, wandte sich dann aber schulterzuckend ab.

„Ich muss noch zur Brücke und der Kapitän wartet auf mein Einverständnis. Er traut dem neuen Spürer nicht ganz.“

Abrupt drehte er sich um. Wisperwind folgte ihm nach kurzem Zögern. „Was hast du dem Wächter gesagt, dass ihm so missfallen hat?“, fragte sie nach einigen Minuten.

„Es war mir klar, dass du es bemerken musst.“ Er sah sie nachdenklich aus seinen finsteren Eulenaugen an. „Deine Unterbringung missfällt ihm. Die Reparaturen in den Luftschiffen sind noch nicht sehr weit fortgeschritten. Die einzige freie Kabine liegt gegenüber der meinen. Es missfällt ihm, dass eine Schwertkämpferin so nah bei seinem Gildenmeister einquartiert ist.“

Verständnis überzog Wisperwinds Züge. „Er hat keine Ahnung wozu ich fähig bin“, widersprach sie düster. „Innerhalb einer Stunde könnte ich die ganze Besatzung umgebracht haben, ohne dass es jemand mitbekäme.“

„Und trotzdem vertraue ich dir“, antwortete Kangan und öffnete die Tür zur Brücke.





Die unendliche Wüste erstreckte sich unter den Luftschiffen. Wisperwind hockte auf dem Rahmen einer der höchsten Papierwaben. Die Luft wurde merklich kühler, als die Sonne gemächlich hinter dem Horizont versank.

In Gedanken war sie weit weg. Bei Niccolo und Nugua. Bei den Drachen, die sich zum Sterben zurückgezogen hatten. Bei Feiqing, der wieder seine menschliche Gestalt haben musste. Bei ihrem Clan, den sie vor so langer Zeit verlassen hatte. Bei den Abenteuern, die vor ihr lagen. Und beim Aether, der nun endlich besiegte war und keine Gefahr mehr darstellte.

Urplötzlich fuhr sie herum, als hinter ihr ein leises Knarzen zu hören war. Ihre Hand schnellte zu Jadestachels Griff, den sie wie gewöhnlich auf dem Rücken trug. Im letzten Licht des Tages erkannte sie, dass Kangan über die Holzrahmen nähergekommen war. Jetzt stand er still und hielt beide Handflächen empor.

„Verzeih mir“, flüsterte Wisperwind und ließ den Arm wieder sinken. „Ich bin es nicht gewohnt, dass mir nicht bei jedem noch so leisen Geräusch Gefahr droht.“

„Nein, ich hätte mich nicht anschleichen sollen“, entgegnete der Kangan. Geschickt sprang er über eine der dünnen Papierwände und landete neben der Schwertkämpferin.

Mein einer Geste erlaubte die Kriegerin ihm, sich ebenfalls zu setzten. Sie wandte ihren Blick nicht von seinem Gesicht. Zögernd hob sie eine Hand und berührte die noch nicht verheilte Narbe im Gesicht des Hauptmanns. Langsam fuhr sie mit den Fingerspitzen von seiner Schläfe bis zu den Mundwinkeln. Jäh zog sie die Hand wieder zurück und starrte in die andere Richtung.

„Es tut mir Leid“, murmelte sie. Entschlossen atmete sie tief durch und drehte ihren Kopf wieder zurück. „Das hätte ich nicht tun sollen. Das war…“

Kangan legte einen Finger an ihre Lippen und erstickte so ihre Einwände. „Schhh“, machte er und beugte sich vor.

Ein Dutzend Gefühle durchfuhren Wisperwind, als sich ihre Lippen berührten. Schließlich siegte das, mit dem sie am wenigsten gerechnet hatte. Sie schlang beide Arme um den Hals des Hauptmanns und Tränen liefen ihr über die Wangen. Verwirrt spürte sie, wie Kangan sie auf seinen Schoß hob und ihr zärtlich über den Rücken strich.

Die Anspannung der vergangenen Tage fiel von ihr ab. Nie im Leben hatte sie so große Angst gehabt wie während der letzten Kämpfe. Es war nicht ihr eigener Tod der ihr graute. Vielmehr hatte sie sich um Niccolo, Nugua, Guo Lao und Feiqing gesorgt. Um die ganze Menschheit. Vor allem aber um Kangan, dass sie ihn nie wieder sehen würde. Sie weinte um die Drachen, Riesen und Geheimen Händler, die hatten sterben müssen.

„Entschuldigung“, schluchzte sie und verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter.

Sein Lachen ließ sie wieder aufblicken. „Du hast dich heute schon für so viele Sachen unnötig entschuldigt. Ich befürchte falls du es noch einmal tust, schmeiß ich dich über Bord.“

„Dann wird es dir leidtun“, antwortete Wisperwind durch ihre Tränen.

„Da wirst du vermutlich Recht haben.“ Kangan küsste sie sanft auf die Stirn und zog sie noch enger an sich.





Die Sterne waren lange am Himmel erschienen, als Kangan und Wisperwind zurück ins Innere des Luftschiffs kletterten. Wie lange sie dort oben gesessen hatten, vermochte keiner von ihnen zu sagen. Sicher waren es mehrere Stunden gewesen. Stunden, in denen sie nicht gesprochen und sich nicht bewegt hatten. Dennoch waren sie einander jetzt vertrauter, als jemals zuvor.

Leise wie ein Atemzug sprang Kangan durch eine Luke in der Decke auf den Flur. Er vergewisserte sich mit einem Blick über die Schulter, dass der Gang verlassen war. Dann winkte er Wisperwind zu sich. Geschickt schwang sie sich durch die Öffnung. Kangan fing sie auf, bevor ihre Füße den Boden berührten.

Leise protestierte sie doch der Hauptmann lächelte nur und schritt auf eine der schmalen Holztüren zu. Die Kabine des Gildenmeisters sah aus wie jede andere. Etwa vier Meter lang und drei Meter breit. Im vorderen Bereich stand ein Tisch, der als Arbeitsplatz diente. An der Wand darüber hingen drei der unterarmlangen Messer mit denen die Geheimen Händler kämpften.

Nachdem Kangan vorsichtig die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, trug er Wisperwind in den hinteren Bereich. Vorsichtig setzte er die Schwertkämpferin auf den Fellen ab, die ihm als Schlafstätte dienten.

Wisperwind zog den Hauptmann zu sich herunter und öffnete seinen Umhang. Ihre ganze Konzentration war notwendig, damit ihre Finger nicht zitterten. Mit einem leisen Rascheln fiel das Kleidungsstück auf den Boden. Noch zögernder begann die junge Frau Kangan das weite Hemd über den Kopf zu ziehen. Im schwachen Licht einer Öllampe erkannte sie plötzlich unzählige Narben. Die meisten waren schon lange verheilt, doch die Wunden, die von den Juru stammten traten deutlich hervor. Sie fuhr mit der Hand über seine Brust und folgte den Formen seiner Muskeln. Als sie eine besonders lange Narbe nachzeichnete, ergriff Kangan ihre Finger.

Erschrocken blickte Wisperwind auf, doch seine Eulenaugen waren unergründlich wie immer. Langsam ließ er seine Hand ihren Körper hinuntergleiten, hielt ihre Finger dabei mit seinen verschränkt.

„Irgendwann musst du mir erzählen, woher die ganzen Wunden stammen“, murmelte Wisperwind.

„Ich glaube, da hast du deutlich spannendere Geschichte“, lachte Kangan leise und küsste sie auf den Hals, wo eine außergewöhnlich gezackte Narbe verlief.

Die Kriegerin entwand ihre Hand und stand auf. Kangan sah sie fragend an und seine Gesicht verdüsterte sich erkennbar. Ohne auf ihn zu achten, öffnete Wisperwind ihr gewickeltes Oberteil und ließ es gleichzeitig mit der Hose hinuntergleiten. Sie drehte sich um und nahm ihre Haare nach vorne. Auch wenn sie so nicht Kangans Gesicht sehen konnte, so wusste sie doch, dass sich seine Augen vor Schreck weiten mussten.

Quer über ihren Rücken verliefen zahllose schlecht verheilte Narben. Ganz anders als die, die sich überall an ihrem Körper befanden und augenscheinlich von Kämpfen kamen. Die Male, die von den Schultern bis zu den Hüften reichten, stammte von den Schlägen einer Weidenrute.

„Vielleicht erzähle ich dir irgendwann die Geschichte dazu“, sagte sie und ihr Haar fiel wieder über den Rücken. Langsam wandte sie sich dem Hauptmann zu. Dieser hatte seine Züge von wieder erstaunlich gut unter Kontrolle und streckte einen Arm aus. Die Geste wirkte jedoch nicht abwehrend, sondern vielmehr erwartend.

Sie legte ihre Hand in seine. Mit mehr Kraft als sie erwartet hatte, zog Kangan sie an sich.





Durch die Ritzen in den Holzwänden drang das immer heller werdende Tageslicht. Kangan lauschte den gleichmäßigen Atemzügen von Wisperwind. Ihr Kopf ruhte auf seiner nackten Brust und ein Lichtstrahl spielte mit ihren Haaren. Vorsichtig strich der Hauptmann ihre Haare zur Seite und betrachtete ihren Rücken. Im schwachen Dämmerlicht sahen die Narben auf ihrem Rücken noch schlimmer aus. Jede war mindestens zwei Finger breit und eine Elle lang. Bei dem Gedanken wie stark die Schläge gewesen sein mussten, die solche Wunde zufügten, schauderte er. Wisperwind musste halb tot gewesen sein.

Schritte eilten durch den Flur und rissen Kangan aus seinen düsteren Gedanken.

„Wisperwind“, flüsterte er. „Es ist Zeit zum Aufstehen.“

Plötzlich schlug die Kriegerin ihr Augen auf und die linke Hand schoss auf Kangans Hals zu. Noch bevor ihre Finger ihn berührten, erkannte sie ihren Fehler. Deutlich langsamer bewegte sie die Hand weiter und strich im über die Wange. Dann sprang sie auf und zog ihr Gewand wieder an.

„Ich sollte besser nicht bei dir in der Kabine sein, wenn die Wachtposten kommen. Nicht, dass sie denken ich hätte ihren Gildenmeister getötet.“ Sie drehte sich um und öffnete die Tür, ohne noch einmal zurückzublicken.

Schneller als das menschliche Augen erkennen konnte, betrat sie ihre eigene Kabine. Sie lehnte sich gegen das Holz der Tür und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.



Ende