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Blakharaz Ruf

von Ishajida
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
27.04.2010
28.06.2010
2
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27.04.2010 4.736
 
Leise klickend fiel die Tür ins Schloss. Über das prunkvoll eingerichtete Zimmer legte sich eine angenehme Stille, die nur durch das Prasseln des Kamins unterbrochen wurde. Der Schein des Feuers warf lange Schatten an die hellen Wände und brach sich gelegentlich an einigen metallenen Gegenständen oder kristallenen Karaffen. Auf einer Kommode aus Mohagoni-Holz standen zierliche, bunt bemalte Figürchen aus Porzellan, die eine maskierte Festgesellschaft darstellten. Die weitausladenden Kleider der winzigen Männer und Frauen waren dekadent mit Blattgold verziert.
Ein wuchtiges Himmelbett füllte gut die Hälfte des Raumes aus. Über und über mit Seidenkissen beladen und drei dicken Matratzen bot es wohl eine vergnügliche Spielwiese für den Herrn des Hauses, einen Granden aus Vinsalt. Der Baldachin des Bettes bestand aus dunkelblauen Seidenbahnen und war mit kleinen Diamantsplittern besetzt. Vermutlich sollte es Phexens Schatzkammer darstellen.
Gegenüber umstanden zwei schwere Sessel einen zierlichen Tisch. Die Sitzgelegenheiten waren mit dunkelblauem Samt bezogen und dick gepolstert, der Tisch aus Mohagoni gefertigt. Feine Drechselarbeiten überzogen die vier schlanken Beine. Drei edle Kristallgläser und eine Karaffe standen auf einem Silbertablett auf der bemalten Tischplatte. Der Geruch eines schweren Weines drang aus der Karaffe und erfüllte seine Umgebung mit einem angenehm blumigen Duft.
Ein tiefes Seufzen unterbrach plötzlich die Stille des Raumes. Das Geräusch genagelter Stiefel auf weißem Marmorboden erklang, als der Urheber des wehmütigen Lautes sich von der Tür abwandte und zum Fenster schritt. Knisternd loderte das Feuer auf, so als wolle es sich wütend über den Störenfried empören.
Schwaches Sternenlicht und der Schein des halbvollen Madamals erhellten nur geringfügig die lange Fensterbank aus weißem Marmor. Einige dicke Kissen und ein schmuckloses, in Leder gebundenes Buch lagen darauf. Mit einem Stirnrunzeln griff er nach dem Octavo und blätterte gedankenverloren darin herum. Er nahm nicht wirklich wahr was auf den Seiten geschrieben stand, benötigte er doch nur etwas um sich zu beschäftigen und so die lange Zeit des Wartens zu überbrücken.
Das Knistern des Feuers riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf und betrachtete die im silbrigen Schein des Madamals leuchtende Landschaft vor dem Fenster, das aufgeschlagene Buch noch immer in Händen. Die Sterne spiegelten sich auf dem dunklen Wasser eines gepflegten Teiches wieder, während die Weizenähren der Felder rund um das große Anwesen sanft im Wind hin und her wogten. Ein heller Kiesweg schlängelte sich durch dunkle Flächen kurzgeschnittenen Grases zu einem gusseisernen, reich verzierten Tor hin. Auch wenn er in der Dunkelheit mit bloßem Auge nicht zu entdecken war, so verbarg sich ein Wächter in der Nähe des Durchganges um unerwünschtes Gesindel am Eindringen zu hindern.
Gesindel, schoss es ihm durch den Kopf. Bis vor einem halben Götterlauf war auch er nichts anderes gewesen. Ein Gesetzloser, der sich mit Mühe und Not durchs Leben geschlagen hatte. Es erschreckte ihn, mit welch abfälligen Worten er sein vergangenes Leben nun titulierte. War sein Verhalten nicht falsch, geradezu heuchlerisch? Er hatte immer mit Abscheu auf die fetten Granden und ihre kriecherischen Höflinge hinabgesehen. Die feinen Damen unter der Last ihrer Schminke und Korsagen, mit fettgefütterten Schoßhündchen auf den Armen spöttisch belächelt. Bei Phex, sein altes Leben war nicht immer leicht gewesen, doch auf den Straßen und Wäldern der Lande hatte er sich besser zurechtgefunden als in den Kreisen der Granden und Comtessen.
Er schloss den Octavo mit einem übertrieben lauten Geräusch und legte ihn an seinen abgestammten Platz zurück. Die Sterne ließen einen schmalen, silbernen Ring an seinem Finger aufblitzen, als er sich müde über Augen und Bart fuhr. Er verharrte mitten in der Bewegung und starrte lange auf das Kleinod. Ein Gefühl unbändiger Trauer stieg in ihm auf und drohte ihn zu übermannen. Mit einem energischen Kopfschütteln vertrieb er die aufkommenden Erinnerungen. Gerade jetzt sollte er sich nicht mit der Vergangenheit belasten.
Erneut erklangen die schweren Stiefelschritte, doch diesmal in einem ungleich schwerfälligeren Ton. Ein mannsgroßer Spiegel aus Kristall, der sich elegant in eine Nische des Zimmers schmiegte, war sein Ziel. Mit kritischem Blick maß er seine eigene Gestalt. Er hatte sich verändert.
Aus dem ehemals ungewaschenen, verwegenen Gauner war ein gepflegter, stattlicher Mann geworden. Der kurz gestutzte Bart und die schwarzen, ebenfalls kurzen Haare trugen neben seiner eleganten Kleidung, aus feinstem Stoff und in schwarz gehalten, und den fein geschnittenen, jedoch männlichen Gesichtszügen zu einem edlen Äußeren bei. An einem verstärkten Gürtel aus Iryanleder waren eine verzierte Schwertscheide und eine weitere, leere Halterung angebracht. Der schmucklose Griff des Langschwertes warf durch den Feuerschein helle Punkte an die Wände. Wie schnell Reichtum einen Menschen doch verändern konnte. Einzig seine dunklen Augen erstrahlten noch immer in einem geradezu füchsischen Glanz.
Er fuhr sich erschöpft durchs Haar. Die Strapazen der letzten Tage hatten sich mittlerweile an seinem Äußeren bemerkbar gemacht. Tiefe, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen und ließen ihn deutlich älter als fünfundzwanzig Götterläufe wirken. Er hatte in den letzten Nächten nicht sonderlich viel geschlafen.
„Vermutlich dreht sich Raul ob deines fantastischen Werdegangs gerade im Grab um.“ Die Worte waren nur gemurmelt, doch klangen sie unendlich laut in der Stille des Raumes. Ein letztes Mal maß er sich selbst mit einem starren Blick, bevor er sich schnaubend abwandte. Gedankenverloren drehte er den kleinen, silbernen Ring.
Sein Bruder war einige Götterläufe älter gewesen. Nach dem Tod ihrer Eltern waren sie in den Gassen Vinsalts als Diebe aufgewachsen. Stets hatte er zu seinem Bruder aufgesehen, der doch so viel mehr Erfahrung zu besitzen schien und auch in schlechten Zeiten Kraft und Durchhaltevermögen bewies. Bis Raul eines Tages eine moralische Grenze überschritt, hinter die er ihm nicht folgen wollte und konnte. Sein Bruder schloss sich einer Bande an, die das Blut Unschuldiger vergoss und den Armen ihr letztes Hab und Gut nahm. Es dauerte nur wenige Madaläufe, bis Raul selbst mit durchgeschnittener Kehle in einer Abflussrinne lag, von seinen sogenannten Freunden verraten und ermordet. Gerade einmal fünfzehn Götterläufe alt, hatte er mit bitteren Tränen von seinem letzten Verwandten Abschied genommen. Einzig ein kleiner, silberner Ring war ihm geblieben, der ihn auch heute noch daran erinnerte durch welch falsche Hoffnungen sein Bruder in Borons Hallen eingegangen war.
Mürrisch schüttelte er den Kopf. Nun hatte die Vergangenheit ihn doch wieder heimtückisch überwältigt, obwohl er sich schon vor langer Zeit geschworen hatte sie endgültig ruhen zu lassen. Er atmete tief ein und schüttelte erneut den Kopf um die Erinnerungen an das blutverschmierte Gesicht seines Bruders zu vertreiben. Auch die Trauer, die sich für einen kurzen Moment seiner bemannt hatte, verschwand vollkommen. Er war wieder der beherrschte, junge Mann, den der Seniore so schätze.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn aufschauen. Sofort stieg die Anspannung der letzten Tage wieder in ihm auf und er durchquerte eiligen Schrittes den Raum. Ein kleiner Funken Hoffnung loderte in ihm hoch, die Verstrickungen der letzten Tage könnten endlich ein Ende finden.
Energisch griff er nach dem Knauf und riss die Tür mit mehr Schwung als nötig auf. Quietschend protestierten die Angeln, doch er ignorierte es einfach. Für solche Banalitäten hatte er keine Zeit. Als er die Person vor sich erkannte, fiel die Anspannung sofort von ihm ab und Enttäuschung machte sich breit.
Eine junge Frau in der konservativen Kleidung einer Zofe stand vor der Tür. Artig senkte sie den Blick als sie seiner gewahr wurde und knickste höflich. Auch wenn er nun schon seit etlichen Monden auf dem Anwesen lebte, ihr war er noch nie begegnet. Sie konnte kaum älter als sechzehn Götterläufe sein, denn ihr Gesicht war noch von kindlichen Zügen geprägt. Das braune Haar hatte sie zu einem festen Knoten nach hinten gebunden. Erst jetzt fiel ihm das silberne Tablett in ihren Händen auf. Ein wohlbekannter Gegenstand und ein kleiner Beutel lagen darauf. Er sagte nichts und überließ ihr so das erste Wort.
Noch immer hatte sie den Kopf gesenkt und er musste sich anstrengen ihre leise gesprochenen Worte zu verstehen. „Herr Delany, ich bringe Euch auf Geheiß des Signore Amandi Eure Waffe.“ Ihre klare, helle Stimme zitterte leicht als sie sprach. Zögernd hob sie das Tablett an und bot es ihm so dar.
Ohne zu zögern umfasste er den Griff der Waffe und nahm sie auf. Die Balestrina war nicht sonderlich schwer oder furchteinflößend wie eine Streitaxt, aber unglaublich durchschlagskräftig wenn man sie zu führen wusste. Ein beeindruckendes Werk mechanischer Handwerkskunst, das er nun Imstande war sich zu leisten. Bewundernd streiften seine Augen über den geraden Lauf der Waffe und die geradezu filigranen Metallarbeiten. Der Griff war mit schmalen, dunklen Lederstreifen umwickelt und lag angenehm in der Hand. Vorsichtig strich er mit den Fingerkuppen über den Geißfuß der Waffe und spannte ihn. Ein leises Klicken ließ ihn zufrieden schmunzeln. Der ansässige Mechanikus hatte hervorragende Arbeit geleistet und die Balestrina wieder repariert.
Die junge Frau hatte den Kopf etwas angehoben und musterte ihn verstohlen. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Scheinbar hatte er wieder diesen verträumten Ausdruck im Gesicht getragen, für den sein langjähriger Begleiter und Freund Jierdan ihn immer schalt.
Ärgerlich ließ er die Waffe sinken und verstaute sie in der Halterung an seinem Gürtel, nachdem er sie entspannt hatte. Die Frau senkte sofort den Blick und zuckte zusammen, dabei galt sein Ärger doch ihm selbst und nicht ihr. Nach all den Götterläufen sollte man meinen, er habe seine Mimik besser unter Kontrolle.
Mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen griff er nach dem Beutel und befestigte ihn neben der Balestrina. Nachzählen war nicht nötig, denn der Signore stellte ihm regelmäßig die gleiche Menge kostenloser Munition zur Verfügung, ohne seinen Sold dafür zu belasten.
Es vergingen einige Herzschläge, bis sein Ärger verflogen war und er sich ihr zuwandte. „Wie ist dein Name Mädchen?“
Die junge Frau zuckte erneut zusammen und wollte den Kopf heben, besann sich jedoch eines besseren und nestelte stattdessen mit gesenktem Blick nervös am Saum ihres Obergewandes. „Felicia, mein Herr.“
Unwillkürlich musste er schmunzeln. Sie hatte keinen Grund ihm gegenüber die Etikette zu wahren. Er war nur ein Söldner im Dienste des Signore Covello Amandi. „Wie lange bist du schon im Dienst des Signore?“
Verwirrung spiegelte sich auf ihren Zügen wieder, doch sie beantwortete die Frage ohne zu zögern. „Seit drei Wochen, mein Herr.“
„Ich bin weder adlig noch diene ich einem der Götter. Du kannst mich also ruhig ansehen während du mit mir sprichst. Alles andere wäre unhöflich.“ Ihm entfuhr ein kurzes Lachen, als er ihren erschrockenen Blick bemerkte. Sofort hob sie den Kopf, sah ihm aber nicht in die Augen. Trotz der Umstände, dass sie erst wenige Wochen im Dienst eines Adligen stand, war ihr Verhalten lobenswert. Er selbst hatte noch nie viel Wert auf die höflichen Verhaltensformen gelegt, schließlich war es in seinem früheren Leben nie nötig gewesen. Doch das Leben in den Kreisen der Adligen erforderte einen gewissen Umgang, sodass auch er sich schließlich hatte beugen müssen.
Felicia stand still vor ihm und hatte die Hände ineinander verschränkt. Zum ersten Mal fielen ihm ihre Augen auf. Ein unbeständiges helles grün, das sich nach außen hin immer mehr verdunkelte. Sie versprühten eine gewisse Intelligenz, ohne jedoch die traviagefällige Wärme zu verlieren die ihnen innewohnte und arrogant zu wirken. Sofort kam ihm die Frage in den Sinn, wieso eine junge Frau mit diesen außergewöhnlichen Augen ihm als Zofe gegenüberstand und nicht als Hesinde- oder Travia-Novizin.
Wie lange er sie wortlos angestarrt hatte, wurde ihm erst bewusst als die junge Frau den Kopf wieder senkte und so den Blickkontakt abbrach. Erneut schalt er sich für sein Verhalten. Er sollte sich dringend zur Ruhe begeben um wieder einen einigermaßen klaren Kopf zu bekommen.
Nach einem Räuspern wollte er sie entlassen, als ihm noch etwas durch den Kopf schoss. „Ist Questadore Jierdan schon zurück?“
Die junge Frau schüttelte den Kopf und sah ihn verwirrt an. „Mein Herr, er …“
Sie konnte den Satz nicht vollenden, denn eilige Schritte und eine aufgeregte Stimme erklangen am Ende des Ganges. „Felicia, ist Herr Delany da?“
Noch bevor sie antworten konnte trat er an ihr vorbei auf den Gang, um den Neuankömmling zu mustern. Der tulamidische Läufer vor der Tür verschluckte das Geräusch seiner Stiefel vollkommen und auch die eiligen Schritte des Pagen, der mit wehenden Haaren auf sie zu gerannt kam, drangen nur gedämpft zu ihnen. Die an den Wänden befestigten Lampen aus bemaltem Papier tauchten den langen Gang in ein gedämpftes Licht und machten die teuren Gemälde an den Wänden zu nichts mehr als grauen Schemen.
Als der Page ihn erkannte, beschleunigte er seinen Schritt und stand nach wenigen Herzschlägen vor ihm. Er verbeugte sich kurz und stützte sich danach um Atem ringend, doch trotzdem Haltung bewahrend, auf seine Knie. „Herr… Delany. Die Signorina… Sajalana möchte… Euch sofort in ihren… Gemächern sehen.“
Überrascht hob er eine Augenbraue. „Hat sie erwähnt wieso?“
Der Page schüttelte den Kopf. „Nein. Die Dame sagte nur, das es von äußerster Dringlichkeit wäre Euch zu sehen.“
Es überraschte ihn sehr, dass die Signorina nach ihm verlangte. Seit Amandi ihn und Jierdan unter Sold genommen hatte, war er ihr höchstens ein paar Mal begegnet und dann auch zu kurz, um mehr als eine Begrüßung und wenige Worte mit ihr zu wechseln. Sie war das Vorbild einer jeden jungen Grandessa: Arrogant, intrigant und unglaublich eitel, doch von rahjagleicher Schönheit und Anmut. Eine einflussreiche Signorina, vor der man sich besser in Acht nehmen sollte.
Das sie ihn gerade in dieser Nacht sehen wollte, war mehr als ungewöhnlich und stimmte ihn nachdenklich. Was mochte sie nur wollen? Er richtete seinen Blick auf den Pagen und nickte ernst. „Nun gut, dann wollen wir die Dame des Hauses nicht warten lassen.“
Gerade als er dem jungen Mann folgen wollte, hielt er in der Bewegung inne und wandte sich ein letztes Mal um. Er schenkte Felicia ein kurzes Lächeln, worauf die junge Frau den Kopf senkte und höflich knickste. Mit einem Kopfschütteln wandte er sich vollends ab und bedeutete dem Pagen voraus zu gehen. Noch lange konnte er ihren Blick in seinem Rücken spüren.

Es dauerte zwar nur wenige Minuten bis sie die Räumlichkeiten der Signorina erreichten, doch kam ihm der Weg dorthin wie eine Ewigkeit vor. Die Frage warum sie ihn zu sich rief, schwebte noch immer wie eine unheilvolle Wolke über ihm und drückte auf sein Gemüt. Es bereitete ihm arges Kopfzerbrechen, als er nach schier endlosen Überlegungen zu keinem logischen Schluss gekommen war. Schließlich schüttelte er ärgerlich den Kopf und ließ es einfach auf sich zukommen. Vermutlich waren seine Bedenken vollkommen haltlos.
Sie hatten gerade die letzte Abzweigung genommen und folgten dem kurzen, luxuriös ausgestatteten Gang, als sich an dessen Ende die schwere Tür öffnete und ein großer, schlaksiger Mann heraustrat. Seine braunen, schulterlangen Haare hingen ihm fransig vom Kopf und verdeckten so gut die Hälfte seines Gesichts. Als er der beiden Neuankömmlinge gewahr wurde, blieb er stehen und strich die störenden Strähnen nach hinten. Mit einem spöttischen Ausdruck im schmalen, bartlosen Gesicht erwartete er ihre Ankunft.
Ludovigo, der Hauptmann der Wachen des Anwesens. Ein hochmütiger und großmäuliger Mann, der den Großteil seines Dienstes damit verbrachte den Mägden und Zofen hinterher zustellen. Doch auch wenn er all diese schlechten Eigenschaften sein eigen nannte, war er doch ein kompetenter Anführer und Kämpfer. Vermutlich wusste er, dass der Signore ihn nur aus diesem Grund duldete und deshalb über seine gelegentlichen Eskapaden hinweg sah. Außerdem schien er in der Gunst der Signorina zu stehen.
„Wen haben wir denn da.“ Ludovigo sah ihm aus seinen braunen Augen hämisch entgegen. „Bequemt sich der edle und tapfere Herr Delany doch tatsächlich zum Fußvolk?“ Seine Worte troffen geradezu vor Spott.
Ohne Zweifel, sie hassten sich. Der Hauptmann hatte es wohl nie wirklich verkraftet, dass Signore Amandi Jierdan und ihn zu seinen persönlichen Wachen erklärt hatte und er somit übergangen worden war. Da er seinen Zorn nicht gegen seinen Lohnherrn richten konnte, ließ er ihn dafür an den beiden, seiner Meinung nach Verantwortlichen, aus.
Und gerade deshalb ignorierte er Ludovigo und wandte sich dem Pagen zu. Er wusste sehr wohl, dass er den Hauptmann damit reizte. „Den Rest des Weges finde ich allein. Du kannst dich zurückziehen.“
Sichtlich erleichtert verbeugte sich der Junge und lief im Eilschritt den Gang zurück. Erst als seine Schritte verklungen waren, wandte er sich wieder Ludovigo zu.
Dessen Gesicht war ob seiner Respektlosigkeit vor Wut verzerrt. Er hatte einen Pagen über einen Hauptmann gestellt. Ein gravierender Fauxpas in Sachen Höflichkeit. Doch das war ihm egal. Innerlich erlaubte er sich ein kurzes Auflachen für diesen kleinen Sieg.
Mit möglichst gleichgültiger Miene hob er die Schultern. „Was auch immer dich glauben lässt, ich könnte zu dir wollen…“ Er machte eine wegwerfende Geste und setzte neu an. Es hatte keinen Sinn sich mit Ludovigo zu streiten. „Ich will zur Signorina.“
Häme schlich sich wieder in das Gesicht des Hauptmanns und er verschränkte die Arme vor der Brust. „Wieso sollte ich dich zu ihr lassen? Du bist der Wachhund ihres Vaters. Was willst du also?“
Er seufzte innerlich auf und warf seinem Gegenüber einen finsteren Blick zu. „Sie hat mich herbestellt. Jetzt geh mir aus dem Weg!“
Ludovigo´s Miene geriet für einen kurzen Moment vollkommen durcheinander. Überraschung, Neugier und Hass standen in seinem Gesicht. Scheinbar war er ebenso verblüfft über den Befehl der Signorina, denn er trat wortlos beiseite. Ohne ihn weiter zu beachten, lief er auf die Tür zu und öffnete sie.
Urplötzlich betrat er eine andere Welt, die seine ganze Aufmerksamkeit erforderte und ihn die Begegnung mit dem Hauptmann sofort vergessen ließ. Während sich der Rest des Anwesens durch Geradlinigkeit und geradezu rondrianische Ästhetik auszeichnete, herrschte hier genau das Gegenteil. Der Vorraum in dem er sich befand war groß, doch wirkte er durch die von der Decke hängenden, bunten Seidenbahnen um einiges kleiner. Ein dicker tulamidischer Läufer erstreckte sich über den Großteil des marmornen Bodens und dämpfte seine Schritte. Die einzige Lichtquelle befand sich hinter einer halb geöffneten Tür ihm gegenüber. Der helle Schein tauchte den Vorraum in ein Meer aus Farben und ließ ihn unwillkürlich lächeln.
Zumindest ein kurzer Augenblick der Ruhe war ihm gegönnt. Müde fuhr er sich über Augen und Gesicht und starrte einige Herzschläge einfach nur geradeaus, bevor er widerwillig seinen Blick von der tsagefälligen Farbenpracht löste. Er hatte schließlich einer Bitte nachzukommen.
„Ich bin hier.“
Die glockenhelle, weibliche Stimme ließ ihn innehalten. Sie hatte sein Kommen also bemerkt. Mit wenigen, großen Schritten durchquerte er den Vorraum und trat auf die geöffnete Tür zu und hindurch.
Das helle Licht der Kerzen, die vielfach den Raum erhellten, blendete ihn für einen kurzen Moment. Erst nach mehrmaligem Blinzeln gewöhnten sich seine Augen an die plötzliche Helligkeit und er begann seine Umgebung wahrzunehmen.
Dominiert wurde der Raum von einem großen Schreibtisch aus Mohagoni, der über und über mit beschriebenen und leeren Pergamentblättern, aufgeschlagenen Folianten und Papierstapeln bedeckt war. Vor den getäfelten Wänden standen etliche vollgestopfte Regale und ein schmaler Schrank mit Glasfront. An den freien Plätzen, die der überfüllte Raum nur selten bot, standen weiße Kerzen deren Flammen sanft im milden Abendwind wogten, der durch das geöffnete Fenster den Geruch des Sommers mit sich trug.
In einem schweren Sessel mit hoher Lehne saß eine zierliche, schlanke Person von Ende Zwanzig dieihm aus dunkelblauen Augen neugierig entgegen sah. Die vollen, schwarzen Haare fielen ihr bis auf die Schultern und umrahmten das rahjagleiche Antlitz. Ebenmäßige Züge, volle Lippen und fein geschwungene Augenbrauen rundeten den Eindruck der Perfektion ab. Gewandet war sie in ein weitgeschnittenes Kleid aus dunkelroter Seide. Hätte er es nicht besser gewusst, so würde er behaupten die Göttin selbst säße vor ihm.
Er verbeugte sich tief und senkte den Blick, um ihr den nötigen Respekt entgegen zu bringen. „Ihr habt mich rufen lassen Signorina?“
Als er sich wieder erhob bedeutete sie ihm mit einer knappen Geste näher zu treten. „In der Tat.“ Sie musterte ihn ausgiebig und ganz offen, bevor sie weiter sprach. „Ich habe etwas mit Euch zu besprechen.“
Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihm aus, doch er gehorchte und trat näher an den Tisch. Ihre Augen schienen über jeden Halbfinger seines Körpers zu gleiten. Der Vergleich mit Rahja war wirklich treffend. Allein ein Blick aus ihren schwarz umrandeten Augen brachte willensschwache Männer vermutlich schnell um den Verstand und unter ihren Befehl. Doch auch wenn ihn das Aussehen der Signorina nicht unberührt ließ, hatte er seine Sinne gut genug unter Kontrolle sich davon nicht täuschen zu lassen. Unter dem sanften, betörenden Äußeren versteckte sich immerhin eine Katze mit ausgefahrenen Krallen.
Es vergingen etliche Herzschläge bis sie ihn wieder direkt ansah. „Wie lange dient Ihr meinem Vater nun schon?“
Die Frage überraschte ihn, denn er hatte einen Auftrag oder dergleichen erwartet. Ohne zu zögern und mit fester Stimme antwortete er. „Seit sieben Monden, Signorina.“
Sajalana nickte und erhob sich mit einer anmutigen Bewegung aus dem Sessel. Ihr Kleid knisterte leise als sie zum Fenster trat und ihre dunklen Augen über die Felder vor dem Anwesen schweifen ließ. Das schwache Licht der Sterne tauchte ihren Körper in einen silbernen Schein, der ihm beinahe den Atem raubte. Erst ihre Stimme riss ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Innerlich schalt er sich. Soviel dazu, er habe seine Sinne unter Kontrolle. „Ihr seid ein Mann voller Ehre und mit Prinzipien. Ein loyaler Söldner, der in einer Schlacht die Namen der Götter auf den Lippen trägt. Mein Vater schätzt Euch deshalb. Sehr sogar.“ Sie unterbrach sich kurz, nur um anschließend mit leicht veränderter Stimme fortzufahren. „Ich denke, er erkennt sich selbst in Euch wieder. So wie er früher war, als er noch mit dem Abschlachten unschuldiger Menschen seinen Sold verdiente und den blutsaufenden Kor anbetete. Es muss ein erbärmliches Leben gewesen sein das er damals führte.“ Der Nachtwind spielte sanft mit ihren Haaren, während ihr Blick in die Ferne glitt.
Obwohl er über diesen Seitenhieb empört war, konnte er die zornige Antwort die ihm auf der Zunge lag doch nicht aussprechen. Etwas tief in ihm regte sich bei ihrem Anblick und ließ ihn seine Wut vergessen.
Ärgerlich runzelte er die Stirn und räusperte sich. Sie wusste genau was sie tat. Eine innere Stimme ermahnte ihn deshalb konzentriert zu bleiben und nicht darauf einzugehen. „Verzeiht wenn ich Eure Worte korrigiere, aber in meinem ganzen Leben habe ich noch nie das Blut eines Unschuldigen vergossen. Die Götter sind meine Zeugen.“
Die Signorina drehte sich mit einer eleganten Bewegung zum ihm und hob spöttisch eine Augenbraue. „Tatsächlich?“
Er war verwirrt und mehr als verärgert. Hatte sie ihn herbestellt um sich über ihn lustig zu machen oder ihn zu beleidigen? Wenn ja, dann würde sich das weitere Gespräch sehr einseitig gestalten. „Wärt Ihr keine Signorina, hätte ich Euch jetzt aufs zweite Blut gefordert.“ Er verlieh seiner Stimme einen bedrohlichen Klang um die Bedeutung seiner Worte zu untermauern.
Sajalana lachte auf. „War das eine Drohung?“
„Nein.“ Er schüttelte müde den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. Mit Mühe rang er die aufkeimende Wut nieder. „Ihr hattet mich hergebeten um mit mir zu reden, nicht um meine Ehre in Frage zu stellen.“
Die Gesichtszüge der Signorina glätteten sich und sie sah ihn ernst an. Es dauerte einige Herzschläge bis sie wieder zu sprechen begann, diesmal ohne die geringste Spur von Spott. „Ihr habt recht. Jierdan sagte bereits, das Euch Eure Ehre alles bedeutet.“
Verblüfft sah er sie an und ließ die Arme wieder sinken. Seine Wut war augenblicklich verflogen. „Er war hier?“
Sie nickte. „Ja. Ich hatte ihn ebenso hergebeten wie Euch. Mein… Anliegen betrifft euch beide.“
Dieses kurze Zögern ließ ihn aufhorchen. Er traute seinen Augen kaum als für einen kurzen Augenblick der Anflug von Unsicherheit im Gesicht der Signorina erschien. Doch so schnell wie er gekommen war, verschwand er auch wieder und er konnte nicht sicher sagen ob es vielleicht nur Einbildung gewesen war.
Aufgrund dieser ungewöhnlichen Regung der sonst so beherrschten Frau, ermahnte er sich erneut dazu misstrauisch zu bleiben. Was auch immer ihr Begehr war, schien weitaus wichtiger und komplexer zu sein als er bisher vermutet hatte. Ihm drängte sich die Frage auf, weshalb sie ihn und Jierdan dafür ausgesucht hatte und nicht Ludovigo. Doch erst einmal sollte er sich anhören was sie wollte. Abwartend sah er sie an.
Sajalana fuhr sich aufreizend durch das dichte Haar, bevor sie ihn wieder ansah. „Die Loyalität eines Söldners gehört dem, der am meisten zu bieten hat, nicht wahr?“
Auch wenn ihre Worte erneut Fragen in ihm aufwarfen, unterdrückte er den Drang einfach damit herauszuplatzen. Um eine möglichst gleichgültige Miene bemüht, antwortete er. „Nicht unbedingt. Es ist von Söldling zu Söldling unterschiedlich. Während viele nach dem Prinzip leben, das Ihr gerade erwähntet, ziehe ich einen anderen Weg vor. Mein Leben wird von Ehre und Verantwortung geprägt, davon Loyalität zu beweißen und würdevoll zu dienen. Ich stehe treu zu meinem Wort und würde es niemals brechen.“
„Geradezu rondrianische Ideale nach denen Ihr lebt. Ich scheine Euch unterschätzt zu haben.“ Sie durchquerte den Raum und machte vor dem schmalen Schrank halt. Geräuschlos öffnete die Signorina die Glastür und holte einen kleinen Samtbeutel heraus. Prüfend wog sie ihn in Händen bevor sie zufrieden nickte. „Ich möchte Euch ein Angebot machen.“
Misstrauisch zog er die Augenbrauen zusammen, bedeutete ihr jedoch fortzufahren.
Sajalana hob den Beutel in die Höhe. „Hierin befinden sich geschliffene Edelsteine im Wert von etwa vierhundert Horasdur. Ich übergebe Euch diesen Beutel, wenn Ihr mir dafür gefällig seid.“
Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Es gab nur wenige Gefallen, die eine solche Summe rechtfertigten. „Was wollt Ihr als Gegenleistung?“ Mit Schrecken bemerkte er wie heißer seine Stimme klang. Lag es an dem dumpfen Gefühl der Vorahnung, das in seinem Innersten tobte?
„Ich möchte, dass Ihr die Augen verschließt wenn mein Vater heute Nacht die Pforte zu Borons Reich überschreitet.“ Die Signorina sah ihn ernst an.
Ihre Worte trafen ihn mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Überrascht riss er die Augen auf und wollte etwas sagen, doch kein Laut kam ihm über die Lippen. Er hatte viel erwartet, aber das nicht.
Noch bevor sein Verstand eine rationale Erklärung für ihre Worte finden konnte, wallte Zorn in ihm hoch. Wie konnte sie es wagen ihm einen Vorschlag solcher Art zu machen? Erneut zweifelte sie seine Ehre an und schlug ihm einen Eidbruch vor. Wut und Empörung lagen in seiner Stimme. „Niemals! Ich habe Eurem Vater einen Eid geschworen, sein Leben zu schützen. Niemals werde ich ihn brechen,“ spie er ihr entgegen.
Mit einer schnellen Bewegung legte sich seine Hand auf den Schwertgriff und er zwang sich zu Ruhe. Sein Blick glitt über ihre ebenmäßigen Züge, doch konnte er keine Spur von Humor darauf erkennen. „Ich hoffe für Euch, das Eure Worte nicht ernst gemeint waren.“ Doch der leise Hoffnungsschimmer, ihre Worte wären nur im Scherz gesprochen, wurde sofort zunichte gemacht, als die Signorina ernst den Kopf schüttelte.
Unbeeindruckt stand Sajalana vor ihm und verzog bedauernd die vollen Lippen. „Wirklich zu schade. Euer Gefährte war um einiges kooperativer.“ Sie schritt langsam auf den schweren Sessel zu und legte dabei, gespielt wie er fand, nachdenklich einen Finger ans Kinn. Den schweren Samtbeutel ließ sie auf die dunkle Tischplatte fallen.
„Was?“ Eine kalte Hand umklammerte sein Herz und schwemmte seine Wut augenblicklich fort. Zurück blieben nur Fassungslosigkeit und ein plötzliche Leere in seinem Inneren. Jierdan ein Verräter? Das konnte und wollte er nicht glauben. Verwirrt schüttelte er den Kopf. „Ihr lügt. Er würde nie…“
Die Signorina sah ihn emotionslos an. „Er hat Euch und meinen Vater verraten. Ab heute steht er in meinen Diensten.“
Mühsam kämpfte er um Beherrschung. Ihre Worte waren wie ein Dolchstoß mitten ins Herz. Doch so sehr ihm der Gedanke auch zusetzte und alles in den Hintergrund zu drängen drohte, zwang er sich erneut zur Ruhe. Er konnte später darüber nachdenken und Jierdan zur Rede stellen. Wichtiger war der Verbleib des Granden.
„Was hat es für einen Sinn Euren Plan in meiner Gegenwart zu erwähnen? Ihr hättet wissen müssen, das ich ablehne.“ Kalt sah er ihr in die Augen.
Sajalana nickte zustimmend. „Natürlich. Aber wäre ich eine gute Signorina, wenn ich diese Möglichkeit nicht in Betracht gezogen hätte?“ Sie seufzte und nahm auf dem dicken Polster des Sessels Platz. „Vermutlich nicht. Auch dafür habe ich eine äußerst amüsante Lösung gefunden.“
Eigentlich hatte er angenommen das Gespräch könnte nicht noch schlimmer verlaufen, aber leider belehrte ihn die Signorina eines besseren.
„Wo ist der Dolch, den Euch mein Vater zu Beginn Eures Dienstes überreichte?“ Ihre Lippen formten sich zu einem bösen Lächeln als ihn die Erkenntnis traf.
Er hatte sich gefragt, wie sie den Mord ausführen wollte, ohne den Verdacht auf sich zu lenken. Nun wusste er es. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden wandte er sich um und eilte durch die Tür. Bei Rondra, vielleicht konnte er das Unvermeidliche verhindern.
Begleitet wurden seine hastigen Schritte vom freudlosen Lachen der Signorina.
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