Geralt-Saga - Man kann nicht immer gewinnen

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Geralt von Riva
19.04.2010
19.04.2010
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Es handelt sich um eine Nebengeschichte zur Geralt-Saga von Andrzej Sapkowski. Mein aller-allererstes Fanfiction! Vielleicht ringt es euch ja ein bis zwei Schmunzler ab, was ich mir über Geralt so ausgedacht habe... ;)

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Man kann nicht immer gewinnen
von DiamondDove

Der Sand gab knirschend wie Pulverschnee unter seinen Füßen nach. Mühsam kämpfte er sich die nächste Düne empor, das Pferd am Zügel nachziehend. Die Wüste, tagsüber ein brütend heißer Backofen, nachts mit empfindlicher Kälte aufwartend, war ein ungewohntes Terrain für ihn. Lieber wäre er jetzt in den Urwäldern des Brokilon oder den grünen Weiten des Blumentals. Aber schließlich war er ein Hexer, ein gedungener Monsterjäger, durch Mutation immun gegen Krankheiten und unempfindlich gegen das Wetter. Sein milchweißes Haar – neben der künstlich verbesserten Konstitution, dem kontrollierbaren Reflex seiner Augen und dem auf Schwertkampf trainierten Körper nur einer der Nebeneffekte seiner von Menschen abweichenden Physiologie – leuchtete beinahe in der von einem vollen Mond erhellten sternenklaren Nacht. Wo er jetzt lieber weilen würde war gleich; er ging dahin, wo es bezahlte Arbeit für ihn gab. Arbeit für einen Hexer.

Er wanderte hin zur nächsten Oase, zu der ihn sein letzter Auftraggeber den Weg beschrieben hatte. Es war heute Morgen eine vergleichsweise leichte Mission gewesen, ohne Einsatz des Schwertes, nur Magie: Ein Skolopendomorphe, zwar ungewöhnlich groß für seine Art und von außen schier unangreifbar gepanzert, doch innen empfindlich wie ein Soufflé. 'Im ganzen' und 'in Reichweite des Lagers' sollte er ihn zur Strecke bringen, das waren die Bedingungen. Also brauchte er das Untier nur an der Stelle aufzulauern, wo es sich gewöhnlich sein Frühstück aus der mageren Herde der hiesigen Nomaden holte, und auf den Moment zu warten, in dem das Rieseninsekt sein klauenbewehrtes Maul aufriss. Dann einige sorgsam, aber schnell nacheinander kraftvoll gewirkte Zeichen ins Zentrum des geifernden Rachens geschleudert – und das Ungetüm brach, innerlich verbrannt und zerrissen, leblos zusammen.

Erschöpft von der kräftezehrenden Magie aber dennoch zufrieden mit dem Ergebnis, wandte er sich zum Gehen, als sich plötzlich der Sand unter seinen Füßen langsam abwärts in Bewegung setzte. Gerade noch konnte er sicheren Abstand gewinnen. Zähneknirschend musste er mit ansehen, wie das massige Biest – und damit auch seine Bezahlung – unaufhaltsam und mit einem letzten schweren Stöhnen im Treibsand versank.
Obwohl es keine Lieferung eines für die Wüstenbewohner verwertbaren Kadavers gab, gewährte man ihm das halbe Kopfgeld für die Beseitigung der gefräßigen Kreatur. Er nahm es achselzuckend in Empfang. Die spärlich gefüllte Geldkatze in seiner Hand wog kaum schwer genug, um ihm für die nächsten Tage ein Auskommen zu sichern. Hätte schlimmer kommen können, dachte er noch bei sich, aber besser das als gar nichts.

Abgekämpft kam er ins angegebene Oasenlager, sein Pferd weiter am Zügel führend. „Na, Plötze, dann wollen wir uns mal ein lauschiges Plätzchen suchen.“ Er führte das Reittier zur Tränke, versorgte es und schleppte anschließend den Sattel und seine überschaubare Ausrüstung zu einer der Feuerstellen. Von diesen gab es ein halbes Dutzend, jede umringt von mehr oder weniger großen Gruppen anderer Reisender. Es war ein offener Platz neben einer ausgedehnten Lehmruine, die wohl zu besseren Zeiten ein Handelsposten gewesen sein mochte. Er wählte ein Feuer, das zwar still vor sich hin brannte, aber verlassen schien. Menschen mochten im Allgemeinen keine Hexer um sich. Deren wortkarge Natur, die kalte Präzision, mit der sie Ungeheuer für Geld töteten, und ihr von Narben gezeichnetes Äußeres waren den einfachen Menschen meist unheimlich und führten nicht selten zu unverhohlener Ablehnung oder gar offener Aggression gegenüber seiner Art. Er wollte keinen unnötigen Ärger oder Unruhe stiften.

Am Feuer angekommen nahm er den Gurt, den er quer über der Schulter trug, mitsamt dem Schwert von seinem Rücken ab und legte ihn sorgfältig neben seinen anderen Habseligkeiten ab. Aus einem Augenwinkel heraus bemerkte er, dass er doch nicht ganz allein war. Im Windschatten eines nahe beim Feuer stehenden Lehmwandrestes lag ein kleines, nasses Pelzbündel. Hätte es nicht wie Espenlaub gezittert, kaum hätte es der Hexer als etwas Lebendiges wahrgenommen. Von der Ankunft des Mannes aufgeschreckt blickte das Häuflein Elend mit müden Augen auf. „Setz dich ... Beiße nicht ...“, sagte es halb abwesend. Ein wenig verwundert über den sprechenden Balg schaute der Hexer näher hin. Mit hochgezogener Augenbraue musterte er das Wesen. Sprechende Tiere waren an sich nichts ungewöhnliches in seiner Branche, aber meist war Magie mit im Spiel und dann musste man schon etwas aufpassen.

Das Häufchen nass-schwarzen, struppigen Fells hielt mit Anstrengung den Kopf erhoben und blickte ihn unverwandt aus großen, bernsteingelben Augen an. Erkennen machte sich auf dem Gesicht des Hexers breit und der Anflug eines Lächelns stahl sich um einen Mundwinkel: „Grüß dich, Kater! Hätte dich beinahe nicht erkannt, so mitgenommen wie du aussiehst. Unfreiwilliges Bad, nehme ich an?“ Die senkrechten Pupillen des kleinen Tieres verengten sich zu schmalen Schlitzen, der Körper straffte sich etwas, blieb aber immer noch merklich frierend liegen.
„Ah, der Hexer aus Rivien ... Grüß dich, Geralt ... Lang nich mehr gesehn ...“, sagte das Wesen schwach. Sein Kopf sank erschöpft zurück auf die halb unter den Körper gezogenen Pfoten.
„Stimmt, ist ein ganzes Weilchen her“, meinte der Weißhaarige, zog aus seinen Satteltaschen ein kleines Fläschchen mit einer undefinierbaren Flüssigkeit und half dem Katzentier, einige Tropfen davon einzunehmen. „Ein Hexertrank? Danke Geralt ...“ Kurze Zeit darauf fing der Kater an spürbar lebendiger zu werden, sich nach Katzenart zu strecken und ausgiebig sein Fell zu glätten. Der Hexer schürte das Feuer auf und machte es sich auf seiner ausgebreiteten Schlafstatt bequem, den Rücken an den Sattel gelehnt, den Blick auf den vom flackernden Licht beschienenen Katzling gerichtet. „Was ist passiert, Kater, seitdem sich unsere Wege zuletzt kreuzten?“

„Konnte ja keiner ahnen, dass ich daneben greife und die Maus nich erwische – und sich dieser vermaledeite Zauberer zum vierten Mal und dann gleich in diese grausige Bestie verwandelt!“
„Ja, so ein Basilisk ist schon nicht ganz ohne - wenn er auch nicht besonders groß war ...“
„Nich besonders groß! Dass ich nich lache! Bloß gut, dass du zufällig in der Nähe warst und unsere Schreie gehört hast, Hexer. Ohne deine Hilfe wäre alles aus gewesen.“
„Ich war nur neugierig und hatte gerade nichts besseres vor ... Was ist eigentlich aus deinem Müllerssohn und seiner Prinzessin geworden?“

„Ach, dieser Elende!“ Der Kater schüttelte sich angewidert und begann zu erzählen: „Natürlich hat er die Frau gekriegt, und das halbe Königreich dazu! Ein Thronfolger stellte sich auch recht bald ein. Am Anfang war mein Leben im Schloss perfekt: leichter Beraterposten, gutes Essen, ein warmer Schlafplatz, seltene Bücher zum Schmökern, und die Kätzinnen erst, Geralt, rrrrh ...“ Wohlig schnurrend hielt der Kater angesichts der vergangenen Wonnen inne - nur um im nächsten Augenblick aufzuspringen und völlig außer sich fortzufahren: „Aber kaum hat sich dieser Schwachkopf in seinem neuen, königlichen Zuhause eingelebt, fängt er an, neue, königliche Manieren anzunehmen! Er wurde launisch, anmaßend, machtbesessen. Er sah in mir keinen Nutzen mehr, hören wollte er schon gar nich mehr auf mich. Im Gegenteil, er fühlte sich von mir bedroht! Pah! Bedroht!!!“
Die plötzliche Anstrengung ließ den noch nicht ganz wiederhergestellten Kater schwanken. Resigniert legte er sich wieder nieder, ein Stück näher an die wärmespendende Lohe.
„Vermutlich hab ich ihm ein Mal zu viel die Meinung gegeigt. Sein Fräulein ließ ihm freie Hand, war ja mit dem kleinen Stinker und ihren Figurproblemchen hinreichend beschäftigt. Und er, dieser undankbare, bornierte, hirnlose ... Ach, lassen wir das.“ Wütend stierte der Kater ins Feuer. „Er verbannte mich kurzerhand aus seinem Reich und ließ mich, um auf Nummer sicher zu gehen, von einem seiner neuen Haus- und Hofzauberer in diese trostlose Einöde teleportieren. Oah, wenn ich nur daran denke, sträubt sich mir das Fell! Katzen mögen keine Magie, weißte ja.“
Sagt ein aufrecht gehender, sprechender Kater, amüsierte sich Geralt innerlich.

„Aber hier haben sie es auch nich so mit Katzen“, sprach der Schwarze weiter zu ihm, „zumindest wenn sie wie ich keine sonderlich ambitionierten Mäusefänger sind. Na ja, gut, hab wohl wieder mal das Maul zu weit aufgerissen, als ich sie 'dumm wie Brot' nannte, nachdem ich ihnen auf die Frage nach meinem Woher und Wohin das Prinzip der 'Teleportation' kurz umriss und keiner was kapierte. Also wollte man mich mit den so gar nich netten Worten 'Klugscheißer' und 'stinkendfaules Katzenvieh' einfach ersäufen. Ist sicher noch keine Stunde her! Wäre denen auch beinahe gelungen. Einer von den Kerlen da drüben schnappte mich unvermittelt an der Gurgel und hielt mich in der Zisterne unter Wasser. Ziemlich kräftig war der, mit Pranken wie Schraubstöcke, sag ich dir ... Konnte mich aber seinem Griff entwinden – ja, meine Krallen sind immer noch scharf!“
Der Kater vollführte fauchend einige, schnelle Tatzenhiebe in die Luft.
„Der hat jetzt ein paar ordentliche Andenken an mich auf seinem Unterarm, hihi!“
Wieder zögerte er kurz bei der Fortführung seiner Erzählung und richtete seine Augen zurück auf die Flammen.
„Aber meine Stiefel, Geralt! Meine Stiefel! Die schönen, roten, weißt du noch? Sie zogen mich unerbittlich nach unten. Ich hab gestrampelt wie verrückt, keine Chance. Dann lösten sie sich endlich von meinen Beinen – oh Geralt, wie sie so nach unten sanken ...“
Der Kater litt sichtlich bei dem Gedanken an seinen Verlust, riss sich dann aber mit einem Ruck wieder zurück in die Gegenwart.
„Konnte mich kaum nach oben kämpfen. Ein Anderer zog mich dann raus, mehr tot als lebendig, vermutlich, weil ein aufgedunsener Katzenlumpen nur unnötig das ach so kostbare Wasser verpestet hätte. Denn als wahrer Tierfreund hätte er mich wohl kaum wie'n Stück Dreck in eine Ecke geschmissen und halb benommen liegen lassen! Hab mich dann zum nächstbesten Feuer geschleppt. Hatte nich mal mehr die Kraft, mir das Fell trocken zu lecken ... Die zwei Vögel, die hier vorher saßen, waren auch nich besonders hilfsbereit. Haben sich gleichgültig einen anderen Schlafplatz gesucht, diese Mistkerle. Dachte, ich sterbe ...“

„Ja, man kann eben nicht immer gewinnen“, sinnierte der Hexer, an das Schicksal des Gestiefelten und seinen eigenen vergangenen Tag zurückdenkend. „Man sollte aber trotzdem immer sein Bestes geben. Schlaf jetzt, morgen sieht die Welt schon anders aus. Ich helfe dir, wenn du magst.“

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Hier ist die Story eigentlich zu Ende. Habe den Status aber auf "nicht fertiggestellt" gelassen, da ich mir noch einige Anregungen von den Lesern erhoffe. Bei der ersten Fanfiction, die man schreibt, ist man ja noch etwas unsicher, ob die beabsichtigte Wirkung bei anderen tatsächlich eintritt - oder man einfach nur "was nettes" für sich selbst geschrieben hat. Manche Formulierungen sind daher vielleicht noch nicht so "rund" (im ersten Teil sind mMn einige Sätze zu lang), aber wie gesagt, mein allererstes, bei dem ich für jeden Tipp dankbar bin ;)

Wer noch etwas über den Hintergrund der Geschichte wissen will: Nach Lektüre von "Zeit der Verachtung" und "Feuertaufe" sowie anschließendem nächtelangen Durchzockens von "The Witcher" bin ich durch verschiedene Foren gegeistert auf der Suche nach Mehr zu diesem Thema. Das fand ich dann auch - in Form von Fanfictions. Diese haben mich so bewegt, so mitgerissen, dass ich das auch mal ausprobieren wollte.
Ausgangspunkt war für mich ein Spruch, den ich absolut toll finde. Und dass sich Sapkowski's KGs gern Anleihen aus der Märchen-, Sagen- und Legendenwelt nehmen. Für diesen Spruch wollte ich eine Geschichte entstehen lassen, die sich auf eine bei Sapkowski noch nicht erwähnte Märchengestalt bezieht. Und eines Nachts hatte ich dann tatsächlich diesen Traum: Geralt im Gespräch mit dem Gestiefelten Kater - was prompt im zweiten Teil der Story mündete. Die Herleitung, sprich den ersten Teil, musste ich dann jedoch mühsam dazuerfinden. Hier half mir meine damalige Lektüre "Dune - Der Wüstenplanet" aus; das Wesen, das Geralt eingangs ursprünglich bekämpft hat, war somit ein Sandwurm, was ich aber später in eine Figur aus der Hexer-Welt geändert habe. Ich glaube, ein Skolopendomorphe passt etwas besser, oder? ;)

27.03.2010: Da schon einige nachgefragt haben, ob die Geschichte eine Fortsetzung findet wird, habe ich mich entschlossen, zwei weitere Kapitel entstehen zu lassen:
- 'Menschen ändern sich', so der Arbeitstitel für Kapitel 2, eine KG, die ich auf speziellen Wunsch einer Freundin schreiben werde. Sie wird sich an 1001-Nacht anlehnen und stellt eine lose Fortsetzung zu "Man kann nicht immer gewinnen" dar.
- 'Alles bleibt anders' ist der derzeitige Arbeitstitel für das dritte Kapitel, wo es wieder um den Kater gehen wird.
Beides ist aber noch nicht veröffentlichungsreif, so dass ich euch noch um etwas (viel) Geduld mit mir bitten muss :)

30.06.2010: Habe die Geschichte leicht überarbeitet, aber eigentlich nur formal (ein paar Kommas hier, ein Wort da), der Inhalt an sich ist gleich geblieben. Dank an Dandelion von the-witcher.de für die hilfreichen Tipps! ;)
06.07.2010: Noch etwas an den Formulierungen geschraubt.
27.09.2010: Hey, irgendwann heute Nacht gab's den 100. Aufruf der Geschichte. Danke Leute, für euer Interesse! :D Wie fandet ihr die Story? Über ein, zwei Worte, auch kritische, würde ich mich freuen :)
29.03.2011: Da sich die beiden Nachfolgegeschichten nicht so recht aus mir rauswinden wollen, werde ich diese Story vorerst auf "abgeschlossen" setzen. Aber: aufgeschoben ist nicht aufgehoben ;)
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