Verlangen

GeschichteAllgemein / P16
11.04.2010
11.04.2010
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"Warte!"
Sie blieb stehen. Warum hatte er das jetzt getan?
"Was?", ihre Stimme klang hart, kalt, so wie sie es nun immer tat. Nicht so wie damals, als sie noch jünger war. Damals hatte sie etwas Fröhliches an sich, etwas Warmes, Freundliches. Er wusste nicht, was er nun sagen sollte. Keiner der Gründe, die ihm einfallen wollten, schienen irgendwie nachvollziehbar, sie waren dumm, schon fast kindisch kamen sie ihm vor.
Nun wandte sie den Kopf leicht zu ihm, betrachtete ihn mit einem missbilligenden Blick, den, mit dem sie alle, die sie traf, ansah. Kalt. Abweisend. Ein Blick, der direkt sagte: „Zieh Leine, ich will nicht reden, und du willst es auch nicht, wenn du deine Zähne behalten willst.“. Es war ihm unangenehm. Er warf manchen zwar einen ähnlichen Blick zu, doch ihn selbst zu spüren war einfach nur unangenehm.
Ihr Blick wandte sich dem Boden zu. Sie hob die Augenbrauen leicht an, atmete hörbar aus. Eigentlich etwas, was man als „genervtes Stöhnen“ bezeichnen würde, es war aber nicht so eines, mehr eines, was bedeutete, dass man das tun würde, wonach gefragt wurde, auch wenn es einem nicht gefiel.
Sie ging die paar Schritte zurück zu dem leise knisternden Feuer und ließ sich wieder neben dem Blonden nieder, abermals mit einem tiefen Seufzen. Er sah sie an, wenn auch immer noch etwas unwohl dabei, doch dies hatte sich nun zu einem angenehmeren Unwohlsein verändert. Es wurde erst einmal kein Wort gewechselt, das Feuer, ein paar Vögel hier und da und der Windzug durch die zerbrochenen Fenster durch den riesig hohen Raum waren die einzigen Geräusche, die die Stille, wenn auch nur minimal, füllten.
Er dachte nach. Nach darüber, was er sagen sollte, oder eher was nicht. Es schien ihm fast lächerlich schwierig. Nun atmete er deutlich hörbar aus. Es gab ihm nicht die erhoffte Erleichterung, ganz und gar nicht, es kam ihm sogar vor, als hatte eben dieses Atmen alles verschlimmert. Sie schien es gar nicht bemerkt zu haben. Oder sie ignorierte es. Ihr Gesicht war dem Feuer zugewandt, sie starrte mit leerem Blick hinein, die Flammen spiegelten sich in ihren Augen. Oder besser gesagt in dem, welches nicht mit einem Verband verborgen wurde. Er erinnerte sich noch an die Zeit, in der sie ihr rechtes Auge noch offen zeigte. Er wusste, was passiert war, weshalb dieses Auge anders war, und er war wahrscheinlich auch der Einzige.
Er lockerte kurz seine Haltung.
„Warum trägst du den Verband?“ Seine Stimme war bei der Frage leise, doch es war ein, für ihn zumindest, angenehmes Leise. Ihr Kopf wandte sich leicht in seine Richtung. Sie saß links von ihm, deshalb war das nur verständlich. Sie betrachtete ihn einmal von oben bis unten, immernoch ohne Antwort auf seine Frage. Sie schien über ihre Antwort nachzudenken, vielleicht wollte sie aber auch nicht reden. Bei dieser Frau war er sie nie sicher, auch wenn er sie einmal sehr gut gekannt hatte.
„Es ist schlimmer geworden.“, sagte sie, fast genauso leise wie er, und den Blick nun auf den Boden vor ihm gerichtet, ihm komplett zugewandt. Er sah sie leicht, sogar nur minimal, erstaunt an. Ihr Ausdruck änderte sich nicht. Er konnte sich denken, was „schlimmer geworden“ ist. Er wusste sogar, was „schlimmer geworden“ war. Doch trotzdem, er wollte wissen, wie sehr es sich verschlimmert hatte, so schlimm, dass sie es verstecken musste, anscheinend so schlimm, dass sie dachte, es würde andere abstoßen, sie würden es ekelig finden, böse.
Er hob langsam die Hand, streckte sie nach ihrem Gesicht aus. Sie schien es wahrzunehmen, reagierte jedoch nicht. Er griff nach dem Verband. Immernoch keine Reaktion von ihrer Seite. Vorsichtig riss er den Verband an. Er gab nach, ließ sich leicht entfernen, obwohl er stramm angebracht worden war. Sie verzog nur minimal das Gesicht, aber genug, um ihm klarzumachen, dass es ihr missfiel. Er ignorierte es einfach. Das Unwohlsein kam dadurch zwar wieder zurück, doch er versuchte es, soweit dies für ihn möglich war, zu ignorieren.
Was unter dem Verband hervorkam, hatte sich teilweise verändert. Es war auch teilweise „Schlimmer geworden“. Durch ihre teilweise Nähe zu dem Schwert hatte sich dessen Macht ausgebreitet. Mittlerweile war es wieder abgeklungen, doch es hatte deutlich sichtbare Narben geworfen. Ihre Netzhaut war leicht gerötet, und die Iris hatte den vom Splitter erzeugten Rotstich beibehalten.
Sie hatte den Blick weiterhin auf den Boden gerichtet. Er selbst sah immernoch auf den anderen Teil ihres Gesichts. Für ihn war das nichts besonders schockierendes, nein, er selbst hatte von dem Schwert auch nicht gerade wenige Narben davongetragen. Eine sogar, ironischerweise, an der gleichen Stelle wie sie.
Jetzt richtete sie den Blick auf ihn. Diesmal ein fordernder Blick, das konnte er deutlich sagen. Und dieser Blick war fast genauso unangenehm wie der Vorherige. Sie deutete auf seine Brust, wobei ihm das nur so vorkam, eigentlich zeigte sie bloß allgemein auf ihn.
„Jetzt du.“ Diesmal klang sie nicht mehr so hart, hatte aber immernoch das kalte und zusätzlich etwas strenges an sich. Wieder ein Moment der Stille. Sie sah ihn gebannt an. Darin war sie gut. Sehr gut sogar. Leider.
Er seufzte nun ebenfalls tief. Und schnallte daraufhin seine Rüstung los. Er fragte sich erneut, warum er das tat. Wäre es damals, damals, als er noch dachte, sie sei ein Junge, hätte er es wahrscheinlich verstanden. Damals war es anders. Ganz anders. Damals war er noch nicht gestorben und durch ein Schwert wieder am Leben. Doch in dem Moment dachte er nicht daran.
Langsam offenbarte er seinen Oberkörper. Und somit auch die riesige Narbe auf der linken Seite seiner Brust, genau über der Stelle, an der tiefer unter seinem Fleisch sein Herz lag.  Nun sah auch er ernster drein. Er hasste die Narbe. Er hasste jede einzelne dieser gottverdammten Narben, jede einzelne hatte geschmerzt, und jede einzelne schmerzte auch heute noch. Zwar nicht mehr körperlich aber seelisch, seelisch brannte jede einzelne unendlich. Sie erinnerten ihn, erinnerten ihn daran, was er getan hatte, daran, was er nun tun musste. Sie war die Erste, die sie zu Gesicht bekam, und würde auch die Einzige bleiben, das schwor er sich. Doch, das bewies die jetzige Situation, neigte er dazu, das nicht einzuhalten, was er sich selbst versprach. Und meistens konnte er sich dies noch nicht einmal erklären. Er hatte sich damals, noch bevor er Cain kannte, geschworen, keinem Menschen mehr etwas anzutun. Und doch hatte das Schwert mehr Macht gehabt, ihn, ja ihn benutzt um Menschen zu töten. Und vor nicht allzu langer Zeit hatte er sich geschworen, niemanden mehr in seien Nähe zu lassen. Was tat er dann hier? Warum?
Sie hatten Ähnlichkeit. Wahrscheinlich war auch das der Grund gewesen, weshalb er damals eingewilligt hatte, sie zu lehren. Sie hatten Ähnlichkeit, er sah sich selbst, wie er verwirrt war, und auch nun sah er sich selbst. Genarbt von dem, was getan worden war, und genarbt von dem, was getan werden musste. Genarbt von dem, was man tun wollte.
Sie rückte näher an ihn heran. Manche hätten es ihr nicht angesehen, aber er wusste, dass sie nicht damit gerechnet hatte. Sie musterte die Narbe, stumm, kalt, so wie sie nun immer war. Nun hob sie ihre Hand. Die Rechte unweigerlich, mit der anderen stützte sie sich auf dem ebenso kaltem Steinboden ab. Langsam kam sie der Narbe näher. Er ließ sie, so wie sie ihn gelassen hatte. Er atmete ruhig, sagte nichts, was wahrscheinlich auch gut war, da er wahrscheinlich wieder nicht die passenden Worte gefunden hätte. Langsam berührten ihre Fingerspitzen seinen vernarbten Oberkörper. Erstaunlich warm waren sie, entgegen ihrer so kalten Art, es folgte die Handfläche, so als wolle sie feststellen, ob diese Narbe wirklich echt war, ob sie wirklich existierte, um sicher zu gehen, dass sie sich diese nicht einbildete. Es war ein angenehmes, zugleich aber auch unangenehmes Gefühl, ihre Hand auf dem Brustkorb zu haben. Es war Jahre, Jahre her seitdem er sich das letzte Mal hatte von irgendwem hat berühren lassen.
Sie fuhr leicht, sanft, mit den Fingern darüber, und richtete dann ihren Blick hoch zu ihm. Er sah sie auch an, so, wie er es eigentlich die ganze Zeit getan hatte, diesmal jedoch leicht wütend. Nein, nicht wütend, er wusste selbst nicht, wie er sich gerade fühlte. Wut schien etwas davon zu sein. Wut darüber, dass sie ihn erinnert hatte. Wut darüber, dass sie hier war, darüber, dass sie ihn seine eigenen Versprechen brechen ließ. Aber etwas davon schien auch Erleichterung zu sein. Erleichterung darüber, nicht allein zu sein. Alleine sein. Er war die letzten Jahre nur allein gewesen. Freiwillig. Jemanden jetzt an sich heran zu lassen war ungewohnt, neu, anders. Positiv anders. Die anderen Gefühle konnte er nicht wirklich zuordnen. Er hatte keinen Kopf mehr, darüber nachzudenken, wollte nicht nachdenken. Sich zu viele Gedanken zu machen war schlecht, sehr schlecht. Das wusste er, wusste er nur zu gut. Leider.
Er hob wieder seine Hand. Sie zitterte, er sah das, sie nicht wie es schien, führte sie langsam zu ihrem Gesicht. Er wusste nicht, ob es Neugierde war, er war sich im Moment bei gar nichts sicher, außer vielleicht bei seinem Namen.
Genauso langsam berührte nun auch er ihre Narbe. Er spürte, wie ihr Gesicht kurz unter seiner Handfläche zuckte, wie sich ihre Gesichtszüge etwas lockerten. Er fuhr mit dem Daumen leicht über ihren Wangenknochen, über die Narbe, die dort verlief, die, die kürzer war als die Seine an der gleichen Stelle, kürzer, aber dennoch gefährlicher, vielleicht auch schmerzhafter, aber das konnte er nicht sagen. Manche hätten jetzt wahrscheinlich erwartet, dass sie weine, dass sie zusammenbreche, aber das tat sie nicht. Nein, keine Träne verließ weder das „kranke“ noch das gesunde Auge. Sie sah ihn weiter an, ohne ein Wort, mit dieser kalten Allüre, die ihr Körper jedoch nicht ausstrahlte, nein, der zeigte Wärme, ihre Hände, die eine zumindest, bei dem war er sich sicher, die zeigten das. Wärme. Unerwartete Wärme. In dem Moment fragte er sich, ob auch er kalt war, kalt, ob sein Körper kalt war, oder warm, er wusste es nicht, sowas konnte man selbst nicht wahrnehmen. Er fragte sich, ob ihn das jetzt schwach erscheinen ließ. Unsicherheit, war es das, was einen schwach macht?
Er spürte immernoch, wie er zitterte. Da war sie, die erwähnte Unsicherheit, hier, ob sie seine Schwäche spürte, ob sie mitbekam, wie Unsicher er war. Die Unsicherheit rief Unsicherheit hervor, und diese Unsicherheit machte ihn schwach. Er hörte, wie seine Atmung zitterte, wie alles in ihm zitterte, er hasste Unsicherheit. Ihr Blick ruhte immernoch auf ihm, seinem Gesicht, um genau zu sein, auch das spürte er, in diesem Moment schien er vieles zu spüren. Oder?
Und plötzlich, ganz plötzlich, überfiel es ihn: Verlangen. Verlangen, jemandem nahe zu sein, jemandem, der einen verstand. Doch das war für jemanden wie ihm gefährlich, sehr gefährlich, zu gefährlich. Nicht für ihn, nein, er wusste, wie man mit Gefahr umging, aber für den „Jemand“. Auch das hatte er erlebt. Viele, zu viele, denen er sich anvertraut hatte, waren gestorben. Und solch ein Schmerz war fast noch größer als der Schmerz des Alleinseins.
Doch er wurde schwach. Vielleicht würde nach dieser Schwäche Erleichterung kommen, er wusste es nicht, gerade wollte er es auch nicht wissen, nicht denken, nicht ahnen, nichts.
Er beugte sich zu ihr herunter, küsste sie. Kein Einwand ihrer Seite, keiner, nein, sogar Erwiderung, verwirrende Erwiderung, positiv verwirrend. Es atmete stark aus, erleichtert, spürte ihren warmen, nicht kalten, Atem auf seiner Haut, seinem Gesicht. Er hörte, wie Seiner zitterte, doch auch dies ignorierte er nun, so wie er ihren Blick ignoriert hatte, der jetzt auf nichts gerichtet war, auf das Schwarz, das Nichts ihrer Augenlider. Er zog sie vorsichtig zu sich, vorsichtig, und die Unsicherheit kam wieder, ließ ihn wieder Zittern, doch das Verlangen war größer als die Schwäche.
Ihre kalte Rüstung berührte seine nackte Haut, jagte ihm einen kalten Schauer über den Körper, gefolgt von einem angenehm Warmen, ausgelöst von ihre Händen, ihren warmen Händen, wie sie von seiner Brust auf seinen Rücken wanderten. Wieder das unangenehm angenehme Gefühl, beides gleichzeitig. Es verwirrte ihn, verwirrte ihn aufs Neue, er konnte nicht mehr klar denken, wollte nicht mehr klar denken.
Er legte eine Hand um ihre Hüften, traf auf kaltes Metall, das Metall ihrer Rüstung, unangenehm kalt, er tastete nach den Schnallen. Sie schien dies zu bemerken, löste sich für einen kurzen Augenblick von ihm, er begann, die Schnallen zu lösen, sie half ihm, der Brustpanzer traf scheppernd auf den ebenso kalten Stein. Nach und nach fanden auch die anderen Rüstungsteile ihren Weg zum Boden, ihre wie auch seine, die Kleidung blieb ungewürdigt, ihrer wurde sich auch entledigt. Ihr gesamter Körper war warm, unerwartet warm, fast heiß, es brannte beinahe, ihre Haut auf Seiner zu spüren. Ihr Körper war wohlgeformt, gesund, jedoch ebenfalls von Narben übersät, kalte Narben, taube Narben, Narben, die wahrscheinlich geschmerzt hatten, er wusste es nicht, wollte es gerade nicht wissen, nicht denken, konnte es nicht.
Ihre Hände fuhren durch seine Haare, lange, ungeschnittene, blonde Haare, er richtete sich auf, drückte ihren Leib an sich, küsste sie immer und immer wieder, er versuchte das, was er fühlte, einzuordnen. Es war Hass, Hass auf der einen Seite, Hass, sich irgendwo selbst zu sehen, es war aber auch Erleichterung, jemandem näher zu kommen, und es war auch irgendwo Liebe. Liebe? Bei jemandem all das wieder zu erkennen, sich jemandem anzuvertrauen, sich körperlich vereinen, war es das, was andere Liebe nannten?
Es kam ihm wie ein Rausch vor, ein Fiebertraum, er hörte sich selbst stark und stoßartig atmen, hörte sie atmen, nahm ihren Geruch wahr, ein angenehmer Geruch, benebelnd, vielleicht kam es daher, er nahm wahr, wie sie etwas zu sagen schien, doch es war kaum mehr als ein Flüstern, ein Murmeln in  seinem Ohr. Er gab sich ihr hin, so wie sie sich ihm hingab. War dies wirklich Liebe?
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