FATUM - Schicksal

GeschichteDrama, Romanze / P16
Amelia Filia Gourry Lina Inverse Xellos Zelgadis
10.04.2010
08.02.2012
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Halli-Hallo liebe Freunde!

Es freut und ehrt mich hier zum ersten Mal beii ff.de was zu posten und ich wollte gleich mal mit einer Story beginnen an der ich wirklich sehr lange arbeite und sie mir sehr am Herzen liegt. Ich hatte einige Schwierigkeiten sie niederzuschreiben, deshalb werde ich euch Leser leider nur selten mit einem Kapitel "beglücken" können. Aber ich werde mein Bestes geben und arbeite fleißig dran. Zwar hab ich nicht so viele Kapitel in der Hinterhand wie erhofft, aber das werde ich schon irgendwie bügeln können. Auf jeden Fall wollte ich euch bitten etwas nachsichtig zu sein mit mir, da ich hier auf ff.de das erste Mal poste und um ehrlich zu sein: Die Reaktionen der Leser machen mich etwas nervös. Aber ich freue mich über jeden Kommentar ^^

Nun gut, genug gelabert. Hier habt ihr erst Mal das übliche Prozedere, bevor es mit der Story losgeht. Viel Spaß wünsche ich euch allen beim Lesen *winke*

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Disclaimer: Slayers gehört mir nicht und ich verdiene auch kein Geld damit, die Charaktere habe ich mir bloß ausgeborgt und sie werden wieder (zumindest teilweise :P) unversehrt zurückgegeben.
Pairings: Lina/Gourry; Filia/Xellos; Amelia/Zelgadis
Genre: Romantik, Drama, vielleicht Lemon
Altersbeschränkung: Wenn es nach mir geht dann würde ich sagen, dass das Rating bei dieser Story bei P16 liegt, bei einigen Kapiteln wird es bestimmt hochgesetzt auf P18
Warnings: Nun gut, alle mal hergehört und hinter die Ohren geschrieben!!
+ Gewaltszenen werden in dieser FF explizit beschrieben, merkt euch das. Deshalb werde ich vor jedem Kapitel das solch eine Szene enthält eine Warnung hinzufügen.
+ Hier wird es auch ne Menge Psychospiele geben die für einige zartbesaitete Leser unter euch ein wenig zu heftig sind. Auch dafür gibt es eine Warnung von mir vorher.
+ Es kann natürlich sein, dass die Charaktere vielleicht einwenig OOC sind, ich hoffe euch stört das nicht zu sehr da gewisse Handlungen auch bestimmte Reaktionen hervorrufen und ich habe mich bemüht die Charaktere so Originalgetreu wie möglich zu halten
Zusammenfassung: Lina Inverse, ihres Zeichens Banditenkillerin und Doramata durchläuft die merkwürdigsten Veränderungen, welche nicht nur sie und ihre Freunde, sondern vielleicht das gesamte Universum gefährden könnten. Denn nun haben sie es mit einer Macht zu tun, welche durch absolut nichts zu überbieten ist und Lina und ihre Freunde verstricken sich in längst vergessene Legenden und Sagen um den Herrn aller Dämonen: Dem Herrn der Alpträume! Pairing: L/G; F/X; A/Z
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Fatum – Schicksal

1. Die Frage nach der Wirklichkeit

Zwei Jahre waren seit dem Darkstar-Abenteuer vergangen und nach dieser langen Zeit hatten sich die Freunde wieder zusammengetan um gemeinsam eine Heilung für Zelgadis zu finden – selbst Sylphiel hatte sich ihnen angeschlossen. Anfangs wollte Zel niemanden dabei haben, es sei immerhin seine Sache. Doch dank Linas feurigem Temperament und Amelias Einreden, sie seien doch alle die besten Freunde und als solche sollten sie auch für einander einstehen, gab er schließlich nach. Zu seinem Unglauben und seiner Frustration, gabelten sie sogar Filia und den kleinen, vor kurzem, geschlüpften Valteira auf. Was zur Folge hatte, dass sie Xellos nun ebenfalls an der Backe hatten. Konnte es noch schöner werden?

Vier Wochen waren nun vorüber und sie alle gingen mehr oder weniger zufrieden einen Trampelpfad entlang. Der sonnenlichtdurchflutete Wald warf ein unglaubliches Lichterspektakel auf den Waldboden, ließ die Lichtflecken auf den Körpern der Reisenden tanzen. Filia, Val und Amelia waren wohl eine der Wenigen, die sich über diesen Anblick zu freuen schienen, sich lebhaft unterhielten und Zel und Xellos hinter ihnen ignorierten.

Erst vor kurzem hatten sich die Ex-Priesterin und der Mazoku gekabelt und Filia hatte in der Prinzessin eine perfekte Ablenkung gefunden. Zelgadis seufzte und blitzte Xellos von der Seite her an. Dieser grinste ihn nur dämlich an und summte leise eine Melodie vor sich hin, genoss diese negativen Emotionen. Zel wusste, dass der Mazoku Filia wohl mehr zu nerven schien als ihn selbst. Und zu seiner Schande gestand er sich ein, dass es ihm auch so Recht war. Er würde es nie aushalten können, diesen Verrückten länger als nötig in seiner Nähe zu ertragen – nun, da Filia auch mit von der Partie war, schien Xellos ein Dauergast geworden zu sein; Zel hasste es jetzt schon.

Unauffällig blickte er nach vorne, genau im Richtigen Moment, als Amelia freudig auflachte und den kleinen quietschenden Val am Bauch kitzelte. Ihr Lachen war… bezaubernd, stellte er für sich fest und blickte beschämt auf den Boden. Seine Gedanken kreisten schon seit Ewigkeiten viel zu oft um die junge Prinzessin. Einerseits waren sie wirklich angenehm, Zel konnte sich darin fallen lassen und etwas tun, was ihm schon so lange nicht mehr möglich war: Träumen. Ja, beim Gedanken an Amelia konnte er tatsächlich träumen und manchmal, spürte er sogar die Hoffnung sein dunkles Herz durchfluten. So etwas war ihm noch nie passiert und nur durch seine lang antrainierte Selbstbeherrschung bewahrte er sich davor, die Kontrolle über sich und seine Gefühle zu verlieren. Auch wenn es ihm manchmal schwer fiel.

Dass er nicht der Einzige mit diesen Gedanken war, konnte er ja nicht ahnen. Dem summenden Mazoku ging es nicht anders; nur war sein Problem ein kleines Bisschen anders. Eine Welle von Freude und Amüsement schwappte plötzlich über ihn herein und er schauderte. Xellos war schon immer ein Mazoku gewesen, der es genoss anderen Lebewesen Leid und Schmerz zuzufügen. Seine Leibgerichte waren Panik, Angst und Zorn. Er empfand kein Mitleid. Er tötete, wenn es von ihm verlangt wurde. Ganz einfach.

Das beste Beispiel war der Wiederauferstehungskrieg vor über tausend Jahren, in denen er tausende von Drachen mit einem Streich ausgelöscht hatte.

Auch jetzt tat es ihm nicht Leid, was er getan hatte. Der Hass zwischen der Weißen und Schwarzen Seite reichte schon so lange zurück und noch nie hatte er sich gefragt, wieso es so war. Wieso sich Mazoku und Drachen hassten. Es war einfach so. Bis er Filia getroffen hatte.

Dieses Drachenmädchen hatte ihn fasziniert, seit er sie das erste Mal erblickt hatte. Ihr Temperament war einfach köstlich, noch nie hatte er etwas Vergleichbares kosten dürfen. Es war eine einmalige Mischung aus Wut und Ehrfurcht die ihn oft hatte erzittern lassen. Er war es gewohnt, dass man sich vor ihm fürchtete, dass man in seiner Gegenwart vorsichtig war und ihn verabscheute, doch noch nie hatte ihn jemand mit solch einer Leidenschaft gehasst und gleichzeitig bewundert. Und dass sie es selbst auch noch wusste, machte die ganze Sache nur noch prickelnder.

Langsam ließ Xellos seine Augen über ihre Gestalt wandern und erschauerte ein weiteres Mal, als ihn eine Welle von Fröhlichkeit von ihr traf. Es tat beinahe weh, dies zu spüren. Normalerweise verabscheute seine Rasse solche Gefühle. Das war auch der Grund, warum es Mazoku unmöglich war zu lieben, da sie unter solchen Emotionen zugrunde gehen konnten. Sie würden es nicht lange aushalten. Viel lieber ließen sie ihren körperlichen Stau an vollbusigen Geliebten aus, denn Lust und Leidenschaft waren für Mazoku etwas sehr positives, besonders wenn sie mit etwas Schmerz verbunden waren.

Doch bei Filia war es wieder einmal anders. Xellos hatte bis jetzt noch nicht mit seiner Herrin darüber geredet, doch die positiven Gefühle von Filia schienen ihm nichts auszumachen; ganz im Gegenteil, sie machten die Blonde nur noch interessanter. Sie war für Xellos ein Heiligtum geworden, das auf keinen Fall beschädigt werden durfte. Nichts durfte sie traurig machen, denn solche Gefühle taten ihm weh. Sie taten ihm tatsächlich weh! Emotionen wie Trauer und Furcht bei Filia verursachten bei ihm einen unerträglichen körperlichen Schmerz. Und das war der Moment, in dem er es zum ersten Mal bereut hatte, die vielen Drachen ausgelöscht zu haben. Xellos ließ sich das alles natürlich nicht anmerken und hatte sich immer so verhalten, wie es die anderen von ihm gewohnt waren. Doch innerlich zerriss es ihn, wenn ihn die Ozeanblauen Augen von Filia manchmal vorwurfsvoll angestarrt hatten, sie ihn ihren ganzen Verlustschmerz spüren ließ – natürlich ohne es zu wollen; und genau das machte es nur noch schlimmer. Der Gedanke, dass er dafür verantwortlich war, war beinahe unerträglich.

Doch im Moment hatte er von solchen Gefühlen seine Ruhe und er sonnte sich in dem Gelächter, das von vorne zu ihm herüber hallte. Er war irgendwie glücklich - so merkwürdig das für einen Mazoku auch klang - wenn sie es auch war.

Doch in all den schönen Emotionen spürte er auch etwas gänzlich anderes und er konnte gerade noch so ein Seufzen unterdrücken. Filia machte sich Sorgen. Und das schon seit Wochen. Tag für Tag musste er sich das mit ansehen. Doch es war verständlich.

Er ließ seine dunklen Katzenaugen zu einer gewissen Rothaarigen Magierin schweifen, die hinter dem großen und blonden Schwertkämpfer trabte, neben ihr Sylphiel, die unablässig auf sie einredete. Natürlich war Xellos aufgefallen, als er sie das erste Mal seit zwei Jahren wieder gesehen hatte, dass etwas mit der berühmtberüchtigen Lina Inverse nicht stimmte. Anfangs, konnte er auch nicht sagen was es war. Erst vor einigen Tagen war es ihm dann aufgefallen, als er unbemerkt ihre magische Signatur durchgecheckt hatte – eine Fähigkeit die nur höheren magischen Wesen, wie Mazoku und Drachen möglich war. Und das was er gesehen hatte, hatte ihm überhaupt nicht gefallen. Natürlich hatte er seiner Herrin Bericht erstattet und seitdem verfolgte er sie alle auf Schritt und Tritt und passte auf wie ein Schießhund.

Seine Augen wanderten wieder zu Filia und er bemerkte wie sie zu Lina rüber linste, die Sorge in ihrer Brust immer mehr anschwoll, ihm förmlich die Luft zum Atmen nahm. Wenn sie nur wüsste, was sie ihm antat! Xellos blickte wieder rüber zu Lina und summte weiter. Doch in Gedanken, fragte er sich wann all diese Gewalt in der kleinen Magierin ausbrechen würde.

Besagte Magierin trabte gelangweilt neben einer Priesterin daher, welche sie schon die ganze Zeit volltextete. Lina hätte gerne nach dem Off-Knopf gesucht, doch leider gab es den nicht und sie musste sich dieses - ihrer Meinung nach - total langweilige Gelaber anhören. Sie brummte immer zustimmend wenn es von ihr verlangt wurde und gab hin und wieder auch Antworten. Doch mehr sagte sie nicht. Sie war müde und ausgelaugt und im Moment hatte sie einfach keinen Nerv dazu irgendeine Diskussion zu starten. Auch wenn ihr die Option Sylphiel neben sich zu haben, nicht wirklich behagte; diese Frau machte sie immer nervös, da sie sich neben der wunderschönen Sylphiel so furchtbar schäbig vorkam.

Lina wusste, dass die Schwarzhaarige die Nähe zu Gourry suchte, welcher immer neben Lina ging. Doch dieser war vor einiger Zeit schon vorausgegangen und hatte den beiden ihre Privatsphäre gelassen. Er war nicht jemand, der junge Damen belauschte. Lieber lauschte er den Klängen der Natur und ließ sich die warme Brise durch seine langen goldenen Haare wehen.

Lina beobachtete seine hohe Gestalt und versuchte das Gelaber der Priesterin auszublenden. Sie wünschte sich, Gourry würde zwischen ihnen stehen, damit die Rothaarige mal eine kurze Verschnaufpause einlegen konnte. Sylphiel schien bei ihrem einseitigen Gespräch nicht mal Luft holen zu wollen. Erstickte sie nicht langsam?

Die Rothaarige seufzte lautlos und starrte angestrengt auf ihre Füße. Sie spürte wie die Müdigkeit langsam Überhand gewann und fast schon zwanghaft versuchte sie ihre Füße dazu zu bewegen stetig über den Trampelpfad zu laufen. Zum Glück war der Boden eben, sonst wäre sie mit Sicherheit gestolpert.

Schon seit Tagen hatte sie die merkwürdigsten Gemütsschwankungen. Etwas, was Gourry vielleicht als Ankündigung für ihre Zeit des Monats betiteln würde. Doch Lina wusste, dass es nicht das war. Es war etwas anderes, nur wusste sie einfach nicht was. Diese Stimmungsschwankungen zehrten bestimmt nicht nur an ihren Nerven. Sie bewunderte Gourry für seine Engelsgeduld und hatte sich schon oft gefragt, wie er es mit ihr nur so lange aushalten konnte. Jeder normale Mensch wäre vor ihr geflüchtet.

Ihre Augen hatten den Schwertkämpfer fixiert und ihre Gedanken drifteten immer mehr ab, Sylphiel neben ihr redete unablässig weiter.

Lina wusste von sich selbst, dass sie Gourry mochte. Immerhin waren sie schon viele Jahre zusammen herum gereist. Hatten Abenteuer bestanden und um ihr Leben gekämpft. Wie konnte man sich da auch nicht mögen? Ohne es zu merken, hatte sich der Blonde in ihr Herz geschlichen und plötzlich erinnerte sie sich fern an etwas. An etwas sehr entscheidendes, was sie bisher immer vergessen oder eher ignoriert hatte.

Damals, als sie noch mit Naga, der weißen Schlange herumgereist war, hatte sie Rowdy Gabriev getroffen. Natürlich hatte sie den Familiennamen sofort erkannt, als Gourry sich ihr das erste Mal vorgestellt hatte, doch sie hatte dem keine Bedeutung zugemessen. Nun machte aber alles Sinn.

Rowdy hatte ihr damals die Zukunft vorausgesagt und gemeint, dass es sie auch betreffen würde, sollte sie nicht in die Vergangenheit reisen und seine geliebte Meliron retten und den Dämonen Joyrock vernichten. Und Meliron war eine Elfe gewesen. Eine reinblütige Elfe. Das hieß, dass Gourry zu einem Halb oder zu einem Viertel ein Elf sein musste; Meliron und Rowdy damit seine Eltern oder Großeltern waren. Sie zweifelte nicht daran, dass die beiden geheiratet hatten, so sehr wie sie füreinander gefühlt hatten. Außerdem sah Gourry Meliron sehr ähnlich, hatte dieselben edlen Züge. Seine Augen- und Haarfarbe waren dieselben wie die der Elfe und Lina wusste, dass er seine kräftige Statur von Rowdy geerbt haben musste. Zweifel waren also ausgeschlossen. Er sah seinem Vorgänger zum verwechseln Ähnlich. Wieso hatte sie früher nie daran gedacht? Hatte sie es einfach vergessen, oder verdrängt? Es war merkwürdig, denn solche Dinge vergaß sie eigentlich niemals...

„… Stimmt doch, Lina?“

Lina schreckte aus ihren Gedanken und starrte Sylphiel an.

„Was?“, fragte sie dümmlich und bemerkte den besorgten Blick aus intensiven dunkelgrünen Augen.

„Ist alles in Ordnung?“

Lina zwang sich zu einem Lächeln und nickte.

„Tut mir Leid, Sylphiel. Ich war kurz in Gedanken versunken.“ Die Schwarzhaarige Priesterin sah sie eine Weile lang prüfend an, bevor sie Lina dann ebenfalls anlächelte, die Sorge aber immer noch blieb. Sie war wahrscheinlich diejenige die sich, neben Gourry, am meisten Sorgen um Lina machte. Die Rothaarige sah überhaupt nicht gut aus. Die blassen und eingefallenen Wangen, die, sonst rosigen, Lippen blass. Oft genug bemerkte sie, wie sich Lina kaum noch auf den Beinen halten konnte. Sie konnte sich das alles einfach nicht erklären und hatte sie neben Filia und Amelia auch oft genug durchgecheckt, doch nichts Außergewöhnliches als Müdigkeit festgestellt.

„Ist schon in Ordnung, Lina.“, winkte Sylphiel ab und seufzte kaum hörbar. Sie sollte sich ihre Sorgen wirklich nicht anmerken lassen, ansonsten würde Lina sich nie wieder von ihr kontrollieren lassen. Aber Sylphiel war doch bloß um ihre Gesundheit besorgt. War das denn so falsch?

Anscheinend war sie nicht die Einzige, dachte sie leicht lächelnd, als sich Gourry zurückfallen ließ und nun zwischen den beiden Frauen lief, Lina genauestens musterte.

„Alles in Ordnung, Lina? Du siehst nicht gut aus. Vielleicht sollten wir eine Pause einlegen?“, raunte er ihr zu und wunderte sich über die plötzlichen roten Wangen der Rothaarigen. Diese wünschte sich nichts sehnlicher, als sich kurz hinzusetzen. Doch würde sie das tun, würde sie nicht mehr aufstehen können. Sie blickte auf in besorgte Himmelblaue Augen und wurde noch roter. Wenn er nur wüsste, dass er das Einzige war, woran sie in letzter Zeit dachte. Hatte Rowdy tatsächlich deren gemeinsame Abenteuer gesehen? Hatte er das damit gemeint, dass es sie in der Zukunft betreffen würde? Oder hatte er sie nur foppen wollen? Aber der beste Beweis war doch Gourry neben ihr, der sie nun mit gerunzelter Stirn musterte und eine Hand auf ihre Stirn legte. Für Lina war dies plötzlich zu viel und sie wischte seine große Hand kraftlos weg, starrte ihn wütend und erschöpft an. Sie war fast schon verzweifelt, weil sie einfach nicht wusste was los war. Und das gefiel ihr überhaupt nicht. Dieses ungute Gefühl, dass etwas dabei war zu geschehen, wollte einfach nicht verschwinden.

Sie hasste es! Hasste es von ganzem Herzen, so schwach zu sein. Sich beschützen zu lassen. Sie hatte schon früh gelernt, auf sich selbst Acht zu geben. Es war für sie immer noch ungewohnt jemanden zu haben, der sie wohl mit dem Leben verteidigen würde. Und das jagte Lina fürchterliche Angst ein. Gourry durfte sich nicht für jemanden wie sie opfern. Niemals!

„Lass mich in Ruhe, Gourry! Mir geht es gut. Ich bin nur etwas müde, sonst nichts. Kümmer dich um deinen eigenen Kram!“, fauchte sie und beschleunigte ihre Schritte, bildete nun den Kopf der Truppe. Die vielen starrenden Blicke auf ihrem Rücken ignorierte Lina gekonnt und erlaubte es sich kurz müde die Augen zu schließen, atmete leise und zitternd durch.

Im Moment schalt sie sich selbst so harsch gewesen zu sein. Doch sie durfte nicht weich werden. Ihre Gefühle musste sie in Schach halten. Sie wagte es nicht einmal weiter über ihre Emotionen gegenüber dem Blonden nachzudenken. Denn dann würde sie wahrscheinlich an einen Punkt gelangen, der sie all ihre Selbstbeherrschung verlieren ließ. In der Hinsicht, war sie genau wie Zelgadis. Nur, dass der Chimera mit seinen Gefühlen ehrlich zu sich selbst war.

Lina... nicht.

Sie ballte die Hände zu Fäusten, versteckt hinter ihrem schwarzen Umhang, als sie hörte wie Sylphiels verzückte Stimme mit Gourry sprach, dieser ihr anscheinend sogar zuhörte. Lina schloss gequält die Augen und ignorierte das Geschnatter hinter sich und den Stachel der Eifersucht in ihrem Herzen.

Es war gut so.

Sylphiel war eine liebende Frau und passte perfekt zu Gourry. Sie vergötterte ihn geradezu. Er würde bestimmt Sylphiel ihr vorziehen. Diese konnte kochen, sah gut aus und liebte mit ganzem Herzen. Sie war nicht so verklemmt wie Lina es war. Warum sollte sich der Blonde also mit einem Kind wie ihr abgeben, das dauernd in Schwierigkeiten steckte?

Die Rothaarige blickte mit einem verunglückten Lächeln auf den Boden und zwang ihre Beine weiterhin dazu sich zu bewegen, immer weiter und weiter. Es tat ihr in der Seele weh zu sehen, dass sie den Schwertkämpfer vielleicht nie in der Art haben konnte, wie sie es sich insgeheim wünschte. Doch es war besser für ihn. Viel zu oft hatte er für sie schon beinahe sein Leben gegeben. Als Phibrizzo ihn damals entführt hatte, hatte es ihr vollends den Rest gegeben. Doch sie hatte es nie geschafft ihn fortzuschicken. Sie hatte sich schon viel zu sehr an den Blonden gewöhnt, der ihr Herz im Sturm erobert hatte.

Weiter hinten in der Gruppe herrschte unangenehme Stille unter den Freunden. Ausnahmslos jeder starrte rüber zu Lina und machte sich so seine eigenen Gedanken. Sie wussten ja, dass sie sich seit Wochen merkwürdig verhielt doch, dass ihre Gemütsschwankungen solch ein Limit erreicht hatten, hatten sie nicht bemerkt. Sie hatten gesehen wie kraftlos sie eigentlich gewesen war. Es hatte sie alle wirklich erschreckt.

Filia und Amelia blickten mit gerunzelter Stirn zu ihrer besten Freundin und wünschten sich nichts sehnlicher, als ihr helfen zu können. Xellos war vermutlich der Einzige der tatsächlich wusste was los war, doch das würde er keinem von ihnen verraten. Zu viel hing davon ab.

Plötzlich spürte er Misstrauen in sich aufwallen und war kurz verwirrt, bis er dann erkannte, dass es gar nicht von ihm herrührte. Er blickte rüber zu Filia, welche sich zu ihm herumgedreht hatte und ihn aus ihren klaren Ozeanblauen Augen anstierte. Dieser Blick schnürte ihm beinahe die Kehle zu und er wusste, dass sie etwas ahnte. Sie musste bemerkt haben, dass er wusste, worum es bei Linas Zustand ging!

Das war nicht gut.

Überhaupt nicht gut…

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Spät am Abend, als das glutrote Licht der Untergehenden Sonne den Wald erstrahlen ließ, entschlossen sich die Freunde das Lager für die Nacht aufzuschlagen. Arbeiten wurden gerecht verteilt und während die Männer sich um die Beschaffung von Fleisch und Beeren kümmerten, übernahmen Amelia, Sylphiel und Filia die Zubereitung des Abendessens, während Lina sich alleine um die Aufstellung der Zelte kümmerte.

Die Ex-Drachenpriesterin und die Prinzessin hockten beide auf einer ausgebreiteten und verfranzten Decke und schnitten das Gemüse für den Eintopf klein, der gerade von einer summenden Sylphiel zubereitet wurde. Immer wieder schickte Amelia besorgte Blicke zur Rothaarigen Schwarzmagierin und fragte sich wie sie ihrer besten Freundin bloß helfen könnte. Jedes Mal wenn jemand von ihnen versuchte mit ihr zu reden, blockte Lina ab und wechselte das Thema. Doch wieso war es ihr unangenehm über ihren gesundheitlichen Zustand zu reden? Was war so schlimm daran?

War es denn so falsch sich, als ihre Freunde, Sorgen um sie zu machen?

Amelia seufzte leise und schnitt gedankenverloren eine Rübe klein, bemerkte nicht den Blick von Filia, die sie schon die ganze Zeit beobachtet hatte. Die Blonde wusste genau was in dem Kopf der Prinzessin vor sich ging. Ihr ging es doch nicht anders. Doch sie konnten nichts tun. Sie konnten Lina ja nicht zwingen ihre Hilfe zu akzeptieren.

„Au!“

Die Mädchen blickten alle zu Amelia, welche sich einen Finger in den Mund gesteckt hatte und grummelte. Sie war so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass sie sich in den Finger geschnitten hatte. Ganz schön dumm von ihr, dachte sie sich und besah sich ihren Finger, aus dem Blut raus perlte.

„Zeig mal her.“, murmelte Filia und nahm vorsichtig Amelias Hand. Sylphiel und Lina wandten sich wieder ihrer Arbeit zu, als sie bemerkt hatten, dass nichts Schlimmes passiert war.

Filia besah sich den kleinen Schnitt und lächelte Amelia an. Sie hob vorsichtig ihren eigenen Finger und strich über die Verletzung. Fasziniert beobachtete die Prinzessin wie das Blut verschwand und mit ihm dann auch der kleine Schnitt. Sie blickte hoch in Filias Augen und lächelte.

„Vielen Dank.“, murmelte sie und seufzte leise, während sie auf ihren Finger starrte.

„Ich war wohl zu sehr in Gedanken versunken.“, flüsterte sie leise und dachte nicht, dass die Blonde sie hören würde. Doch sie tat es und sah die Prinzessin aus ernsten Augen an.

„Ich nehme an, du hast an Lina gedacht?“, flüsterte ihr die Blonde zu und Amelia blickte überrascht auf und nickte dann zögerlich.

„Ja... Ich- Ich mache mir einfach nur Sorgen. Sie ist immerhin meine beste Freundin und es macht mich so fertig sie in diesem Zustand zu sehen.“, murmelte sie und beide blickten rüber zur Rothaarigen Magierin, welche gerade mit den Zelten beschäftigt war und ihnen den Rücken zugekehrt hatte. Filias Augen nahmen einen abwesenden Ausdruck an, bevor sie dann auf Amelias gesenkten Kopf blickte.

„Mach dir nicht so einen Kopf darum.“, meinte sie leise, und die Prinzessin starrte verwirrt in gütige Ozeanblaue Augen. Filia lächelte sie aufmunternd an.

„Sollte sie unsere Hilfe benötigen, werden wir da sein und ihr helfen. Dafür sind doch Freunde da. Ich bin mir sicher, dass Linas Zustand sich verbessert wenn wir erst mal in der nächsten Stadt angekommen sind. Vertrau mir.“, meinte sie und Amelia lächelte sie an.

„Ja, du hast wohl Recht.“, meinte sie und nickte um sich selbst davon zu überzeugen. Mit einem kleinen Lächeln machte sie sich wieder daran sich um das Gemüse zu kümmern. Filia hingegen runzelte ihre glatte Stirn und starrte kurz rüber zur Rothaarigen. Wenn sie doch bloß an ihre eigenen Worte glauben könnte. Sie hatte das doch nur gesagt, weil sie wusste, wie viele Vorwürfe sich Amelia machen würde. Die Prinzessin war einfach viel zu herzensgut und würde sich die Schuld für Linas Zustand geben. Sie wollte der Schwarzhaarigen immerhin einige Sorgen nehmen. Dennoch änderte das nichts an der gegenwärtigen Situation.

Filia begann wieder damit das Gemüse klein zu schneiden und das Stirnrunzeln vertiefte sich nur noch. Sie wusste, dass Linas Zustand von keinem natürlichen Ursprung herrührte. Irgendetwas lag in der Luft, das ihre Sinne als Drache vibrieren ließ. Jedes Mal wenn sie sich auf die Rothaarige konzentrierte, um herauszufinden von wo ihr Zustand zurückzuführen war, spürte sie eine ganz merkwürdige Veränderung im Gefüge. So als sei etwas Gewaltiges außer Kontrolle geraten. Etwas, das ihnen gewaltige Probleme bereiten könnte. Nur konnte sie nicht sagen was es nun genau war.

Filias Augen nahmen plötzlich einen misstrauischen Ausdruck an.

Xellos wusste es, dachte sie sich. Sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass dieser verdammte Priester genau wusste was los war. Doch natürlich würde er ihnen nichts verraten. Vermutlich hatte er es eher herausgefunden, da er viel älter und erfahrener war als sie selbst und wusste wo und wie er suchen musste. Sie würde vielleicht nur ein wenig länger brauchen um zu wissen, was Linas Zustand zu bedeuten hatte. Doch, dass es dieser verfluchte Dämon wusste, nagte fürchterlich an ihrem Ego. Seine Geheimnistuerei war ihr schon immer fürchterlich auf die Nerven gegangen.

Frustriert schnitt Filia eine Rübe klein und ignorierte den verwirrten Blick der Prinzessin. Oh L-sama, diese Wut konnte sie einfach nicht in Worte fassen als sie erfahren hatte, dass seine täglichen Besuche bei ihr die letzten zwei Jahre nicht üblich waren. Nicht einen der anderen hatte er so oft besucht wie sie und das hatte sie so dermaßen aufgeregt, dass sie tatsächlich Tagelang nicht mehr mit ihm geredet hatte.

Filia wollte ein friedliches und ruhiges Leben. Doch jedes Mal wenn dieser Dämon erschienen war, hatte er alles auf den Kopf gestellt und von der Ruhe und Besonnenheit war dann nichts mehr übrig gewesen. Die ersten drei Monate nach dem großen Kampf gegen Dark Star, waren ihr immer wie eine Ewigkeit vorgekommen. Sie hatte ihren Laden für Töpferei und Waffen aufgemacht und verdiente im Eigentlichen ganz gut daran. Sie hatte sich rührend um das Ei von Valteira gekümmert und war immerzu freundlich zu ihren Nachbarn und Mitmenschen gewesen. Ihr Leben hätte nicht perfekter ablaufen können. Und dennoch hatte sie in diesen drei Monaten eine solche Langeweile empfunden wie noch nie in ihrem Leben. Irgendetwas hatte ihr gefehlt. Sie hatte nie gewusst was es gewesen sein mochte. Dennoch war sie glücklich mit ihrem Leben gewesen.

Und dann kam er.

Der Dunkelhaarige Dämon mit seinem Dauergrinsen auf dem Gesicht.

Filia konnte nicht das Maß an Schock beschreiben als sie eines Tages in aller Ruhe ihr Geschirr abgewaschen, sie sich dann umgedreht und ihn dort leicht lächelnd auf ihrem Küchentisch sitzen gesehen hatte. Damals verstand sie nicht so Recht wieso sie seine dunkle Aura nicht erspüren konnte, doch sie hatte damals auch nicht wirklich darüber nachgedacht. Das erste was ihr nämlich an ihm aufgefallen war, dass seine immer grinsenden Augen offen gewesen waren und sie die ganze Zeit ruhig beobachtet hatten. Sie hatte seine Augen so selten offen gesehen und jedes Mal wenn sie es dann waren, war ihr Körper wie paralysiert gewesen.

So auch damals.

Eine ganze Minute hatten sie sich in die Augen gestarrt und Filia hatte es nicht geschafft auch nur irgendeinen Gedanken auf die Reihe zu bekommen. Das erste was ihr damals durch den Kopf geschossen war, war die Frage, ob sie schon wieder einen neuen Feind hatten. Doch der nachfolgende Gedanke hatte sie damals so schockiert und gleichermaßen fasziniert, dass sie immer noch nicht verstand wie sie auf so etwas gekommen war. Sie hatte damals seine Augen bewundert. Nein, nicht nur seine Augen. Seine gesamte stattliche Gestalt, die dort ruhig auf dem Tisch gehockt war und sie merkwürdig ernst beobachtet hatte. Das war das erste Mal, dass sie ihn von sich auch ausgiebig und akribisch genau betrachtet hatte. Damals hatte sich dieser Anblick in ihr Gedächtnis eingebrannt und Filia wurde auch diesmal Rot bei dem Gedanken daran.

Oh L-sama, wie peinlich ihr das damals gewesen war.

Natürlich hatte Xellos ihre Scham bemerkt und dann war wieder dieses dämliche Grinsen auf sein Gesicht getreten und hatte die Atmosphäre von einem Augenblick auf den anderen verändert. War zwischen ihnen noch eine merkwürdige Ernsthaftigkeit gelegen, war dies auf einen Schlag durch Wut, Scham und Amüsement ersetzt worden. Natürlich hatte Filia sich wie üblich aufgeregt, was auf einen Streit ausgeartet war – der, wie immer, Einseitig war -, bevor der Priester mit dem Versprechen verschwunden war, sie von nun an immer und immer wieder zu besuchen. Er hatte sie angeblich schrecklich vermisst.

Von da an war nichts mehr von dem ruhigen und besonnenen Leben übrig gewesen. Doch Filia hatte sich auch eingestehen müssen, dass sie froh darüber gewesen war, dass diese Langeweile weg gewesen war. Sie hatten sich zwar immer gestritten und er hatte sie auch öfter als ihr lieb war frustriert, dennoch hatte Filia damals zwischen ihnen eine merkwürdige Veränderung gespürt. Die Blonde wusste nicht was es genau gewesen war, doch ein kleiner Grad an Akzeptanz war zwischen ihr und Xellos geboren worden. Sie war nicht mehr sofort ausgerastet wenn sie ihn sah und auch er hatte sie nicht mehr andauernd gestichelt. Selten hatte es sogar Abende gegeben, in denen sie sich nur unterhalten hatten. Es war eine merkwürdige Erfahrung gewesen und Filia war immer noch darüber verwirrt wie das zustande gekommen war. Doch sie hatte verwundert festgestellt, dass Xellos ein durchaus ernster Gesprächspartner sein konnte. Und irgendwie hatte sie angefangen ihn zu bewundern. Sie wusste nicht wann das angefangen hatte. Wann sie begonnen hatte diesen Dämon zu akzeptieren. Doch sie hatte es getan, unbewusst.

Und das tat sie immer noch.

Filia hatte in ihm eine Veränderung gespürt. Sie wusste, dass etwas anders war. Doch sie hatte es nie wirklich verstanden. Sie verstand nicht Xellos‘ Verhalten ihr Gegenüber. Wieso lag ihm auf einmal so viel an ihrer Gesellschaft? Er hatte ihr sogar einmal halb im Spaß und halb im Ernst gestanden, dass er froh darüber war etwas Zeit mit ihr verbringen zu dürfen. An diesem Tag hatte Filias Verwirrung nur noch mehr zugenommen und gleichzeitig auch ihre Bewunderung. Dass Xellos diese neue Bewunderung ihrerseits bemerkt hatte, bezweifelte sie nicht. Doch nie verließ ein Wort darüber seine Lippen und Filia war insgeheim froh darüber. Denn wenn er sie gefragt hätte, warum sie auf einmal positive Gefühle ihm gegenüber verspürte, würde sie ihm wohl eine Antwort schuldig bleiben.

Seufzend tauchte die Ex-Drachenpriesterin aus ihren Erinnerungen auf und klaubte mit Amelia das geschnittene Gemüse zusammen, bevor sie es zu Sylphiel rüber brachten. Lächelnd bedankte sich die Schwarzhaarige bei ihnen bevor sie weiter an ihrem Eintopf arbeitete. Eine kurze Weile sah ihr Filia dabei zu, bevor sie sich langsam abwandte und sich ihre Augen plötzlich mit Linas unendlich erschöpften und tieftraurigen kreuzte, welche die Mädchen wohl die ganze Zeit lang ruhig und mit unergründlichem Blick beobachtet hatte.

Was war nur diese Merkwürdige Aura, welche die Rothaarige Magierin umgab?

Es war wie ein dunkler Nebelschleier, der Filias Blick trübte. Ihr die Möglichkeit nahm die Wahrheit zu sehen. Und genau diese Tatsache, bereitete ihr nur noch mehr Sorgen. Die Tatsache, nicht zu wissen, was ihrer Freundin solche Qualen bereitete. Denn, dass die Rothaarige litt, war für die Ex-Drachenpriesterin viel zu offensichtlich.

Geheimnisse, ganz besonders welche, die Lina Inverse hütete, arteten meistens in einer Katastrophe aus. Und Filia war sich nicht sicher, ob es diesmal nicht noch weit aus gefährlichere Folgen haben würde, als alles bisher erlebte.

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"Was denkt ihr? Reicht das?"

Neugierig hielt Gourry sieben erlegte Kaninchen an den Ohren hoch und präsentierte sie seinen beiden männlichen Begleitern. Zelgadis musterte mit Kennerblick das erlegte Wild und nickte dann zufrieden.

"Ja. Ich denke, dass das für heute Abend reichen wird. Machen wir uns auf den Weg zurück.", meinte er und sah dabei zu wie Gourry die Kaninchen mit einem groben Strick zusammenband, sich das Bündel über die Schulter warf und sich noch einen Beutel schnappte, der randvoll war mit Nüssen und Beeren. Zelgadis selbst hatte denselben Beutel, welcher jedoch voller Kräuter und Blätter war. Die einen waren für Sylphiel, welche einige Pflanzen benötigte um heilende Tränke und Medizin herzustellen. Die restlichen Blätter waren für die Ex-Drachenpriesterin, welche Zelgadis darum gebeten hatte ihr ganz besondere Blütenblätter zu besorgen, die nur zu einer bestimmten Jahreszeit gediehen, welche sie für einen ihrer Lieblingstees brauchte.

Natürlich wussten sie alle wie sehr Filia ihren Tee liebte und deshalb hatte sich Zelgadis dieser Aufgabe angenommen, nachdem sich Xellos ganze zehn Minuten kaputt gelacht hatte.

Der Priester selbst beobachtete die beiden Männer nur lächelnd und rührte natürlich keinen Finger um ihnen zu helfen. Er wäre eigentlich viel lieber bei Filia und den Mädchen geblieben. Da sie sich aber nicht allzu weit entfernt hatten, war das kein Problem. Hauptsache er hatte sie noch im Blickfeld. Er konnte immer noch die Auren seiner Reisegefährtinnen spüren und auch das rötliche Licht des Lagerfeuers schimmerte tief drinnen im Wald und diente ihnen als Orientierungspunkt.

Doch selbst ohne das Licht und in völliger Dunkelheit, hätte Xellos keine Probleme gehabt wieder zurück zu finden. Die Sinne eines Dämons waren weitaus komplizierter gestrickt als die eines einfachen Menschen. Jene konnten Dinge aufspüren die gar Kilometerweit entfernt waren und sich selbst in einer anderen Dimension befanden. Hätte Xellos diese außergewöhnlichen Fähigkeiten nicht, wäre er schon lange vorher gestorben. Vielleicht sogar schon beim Wiederauferstehungskrieg.

Es war schon merkwürdig, dachte er sich leicht vor sich hin lächelnd als er seine beiden Gefährten dabei beobachtete, wie sie in den Büschen weiter nach Beeren und Nüssen suchten, dass ausgerechnet er, Xellos, der grausamste und mächtigste aller Diener der Dark Lords, sich mit einfachen Menschen und Drachen abgab.

Noch vor einigen Jahren hätte er sich niemals freiwillig in die Gesellschaft von Menschen begeben, wenn es sich nicht um einen Auftrag gehandelt hatte oder wenn es darum ging seinen Hunger zu stillen. Anfangs war diese komische Truppe um die berühmt berüchtigte Lina Inverse ja auch bloß ein Auftrag seiner geliebten Herrin gewesen. Ihm war von ihr befohlen worden dem Höllenmeister Phibrizzo zu gehorchen und ihm bei seinem Plan zu helfen. Anfangs wusste Xellos nicht was das für ein Plan sein sollte. Nur eines war ihm vollkommen bewusst gewesen: Lina Inverse war der Joker gewesen.

Zuerst war es der Auftrag der ihn in ihre Nähe trieb, dann Neugierde und schließlich war es für ihn ein Genuss geworden mit dieser Truppe zusammen zu sein. Doch keiner von ihnen war wirklich ein Freund für ihn gewesen. Xellos war sich nicht einmal sicher ob er überhaupt jemals jemanden als seinen Freund bezeichnen könnte oder würde. Dämonen waren nicht dazu erschaffen worden Freunde zu haben oder zu fühlen. Sie sollten die Welt mit all ihrem Leben auslöschen. Das war deren Bestimmung. Das war es, was über Jahrtausende überliefert wurde und von ihnen allen aufrechterhalten wurde. Das war der einzige Lebensinhalt aller existierenden Dämonen. Dennoch verblasste in Xellos langsam der Drang genau dieses Schicksal zu erfüllen. Und das nur seitdem er diese verrückte Truppe kennengelernt hatte. Ganz besonders seitdem es Filia unbemerkt geschafft hatte sich in sein lebloses Herz zu schleichen – und das ohne ihres oder seines Wissen.

Schon seit einiger Zeit begann er sich zu fragen ob diese Überlieferungen auch wirklich der Wahrheit entsprachen. War es tatsächlich das von L-sama auferlegte Schicksal, dass die Dämonen dazu trieb die ganze Welt zu zerstören, mit all ihren Bewohnern und dem ganzen blühendem Leben? Mussten sie tatsächlich ihre eigene Existenz aufgeben und alles lebende vernichten?

Musste er vielleicht eines Tages sogar Filia vernichten...?

Ein schaler Geschmack legte sich auf seine Zunge und Xellos wusste mit unerschütterlicher Gewissheit, dass dies der einzige Befehl sein würde, den er nicht ausführen würde können. Egal ob er deswegen ausgelöscht werden würde. Der Gedanke Filia zu töten, war für ihn zu einem unvorstellbaren Horrorszenario geworden. Doch würde das irgendetwas ändern? Die Dämonen würden dennoch alles daran setzen um diese Welt zu vernichten und nichts und niemand würde sie aufhalten können.

Langsam starrte Xellos rüber zu dem dumpfen Licht in der Ferne, welches ihr Lagerfeuer ausmachte und seine Gedanken drifteten immer weiter ab.

Sollte er es wagen seine Gedanken mit seiner Herrin zu teilen? Oder wäre das zu gefährlich? Xellos hatte im Gegensatz zu all den anderen Dämonen eine relativ enge Beziehung zu seiner Meisterin. Man könnte fast meinen, sie wären gute Freunde. Doch zum ersten Mal wusste er nicht wie sie auf seine Gedankengänge reagieren würde. Würde sie ihn verstehen? Oder doch verurteilen? Oder vielleicht würde sie ihn einfach mit einem Fingerzeig auslöschen. Das erste Mal konnte er ihre Reaktion nicht einschätzen und das gefiel ihm überhaupt nicht.

Noch weniger gefiel ihm die Tatsache, dass Filia um seine Geheimnistuerei um Lina bescheid zu wissen schien. Xellos grinste in sich hinein. Er war wirklich gespannt wann sie ihn darauf ansprechen würde. Und wie lange sie wohl brauchen würde um selber hinter das Geheimnis zu kommen, das die kleine Rothaarige Magierin umgab.

Xellos‘ Gedanken hörten sofort auf sich zu drehen als sich das Gesprächsthema seiner beiden Begleiter um Lina drehte. Und er lauschte neugierig Zelgadis‘ Frage was wohl mit ihr los sein könnte.

Gourry senkte dabei nachdenklich den Kopf und fragte sich insgeheim ebenfalls was mit der Rothaarigen los war. Ihre Stimmungsschwankungen hatten seit Tagen schon ein besorgniserregendes Limit erreicht. Und dieses blasse Gesicht war nicht einfach zu ignorieren. Gourry runzelte die Stirn und bemerkte nicht wie ihn die anderen beiden beobachteten. Was Gourry am meisten Sorgen machte war diese merkwürdige Müdigkeit, welche die Magierin seit Tagen in Schach hielt. Er beobachtete sie. Er hatte sie schon immer beobachtet und oft genug kam es ihm vor, dass sie am liebsten beinahe einfach so umgekippt wäre – so wie heute als sie ihn zusammengestaucht hatte; ihre Augen waren so unendlich müde gewesen und als sie seine Hand weggeschlagen hatte, hatte er mit Entsetzen gespürt wie kraftlos sie wirklich war. Für ihn sah Lina im Moment eher aus wie eine wandelnde Leiche. Und er fragte sich ernsthaft ob sie sich nicht vielleicht eine Krankheit eingefangen hätte. Oder vielleicht war es doch bloß diese Zeit des Monats?

„Vielleicht hat sie ja einen Virus eingefangen?“, dachte er laut nach und zuckte zusammen als ihm Zelgadis‘ ruhige Stimme unerwartet antwortete.

„Das kann nicht sein Gourry. Sylphiel und Filia haben sie oft genug untersucht. Sie ist körperlich sogar in Höchstform. Es muss etwas anderes sein.“, murmelte der Chimera und schulterte seine Lederbeutel. Eine Weile herrschte Stille unter ihnen und sie lauschten bloß dem Rascheln der Blätter als Zelgadis dann etwas aussprach, das Xellos‘ Alarmglocken schrillen ließ.

„Es ist bestimmt etwas anderes.“, meinte er und Gourry sah ihn merkwürdig ernst an.

„Was meinst du damit?“

Zelgadis sah seinen langjährigen Freund eine Weile in die Himmelblauen Augen und er bemerkte die Sorge um die Rothaarige Magierin darin. Außerdem hatte Gourry einen Ausdruck, den Zelgadis nicht deuten konnte und er fragte sich was der Schwertkämpfer wirklich wusste.

„Ich weiß es nicht genau.“, begann der Chimera und hatte Gourry fixiert. Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass sie stehengeblieben waren.

„Es kommt mir vor, als ob ein Teil von mir drinnen fürchterliche Angst vor Lina hätte. Ich kann es mir nur so erklären, dass entweder der Golem-Anteil oder der Dämonen-Anteil vor ihr Angst hat. Und da Xellos keine Angst zu haben scheint, wird es wohl der Golem sein.“

Gourry sah ihn merkwürdig an und auch Xellos starrte Zelgadis aus seinen dunklen Augen an und er spürte sowas wie Misstrauen in sich aufsteigen. Er ahnte, dass der Chimera mächtigen Respekt vor Lina zu haben schien, auch wenn er es nicht laut aussprach. Xellos wusste, dass der Dämon in Zel die Macht spüren musste die von Lina ausgesendet wurde. Dass es Filia noch nicht richtig benennen konnte war schon von vornherein klar gewesen. Sie war für einen Drachen noch viel zu jung und wusste nicht mit diesen Empfindungen umzugehen oder wie sie diese benennen sollte. Doch würde er Lina einem ausgewachsenen und mächtigen Drachen vorsetzen, würde dieser eher die Flucht ergreifen als, dass er mit ihr kämpfen würde. Diese rohe Kraft, welche um die Magierin waberte, zwang selbst den mächtigsten Gegner in die Knie und Xellos wusste, dass Zelgadis genau dies zu spüren schien.

Doch er würde sich hüten ihm zu sagen, dass es eigentlich dessen Dämon war, welcher diese panische Angst vor Lina verspürte und nicht der stumpfsinnige Golem.

„Du meinst es muss etwas größeres sein?“, fragte der Blonde und Zelgadis nickte dazu nur und nahm seinen Weg zum Lager wieder auf. Die anderen beiden folgten ihm.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass etwas ganz anderes dahinter steckt. Leider konnte keiner von uns bis jetzt feststellen was es ist, das Lina so sehr zusetzt. Vielleicht sollten wir einfach nur abwarten. Bestimmt wird sie wieder die alte wenn wir erst einmal in der nächsten Stadt sind. Da kann sie sich ordentlich erholen.“, sprach der Chimera und Gourry schwieg dazu. Ja, vermutlich hatte Zelgadis Recht, dachte er sich und seufzte lautlos. Dennoch wurde er das Gefühl nicht los, dass alles nur noch schlimmer werden würde. Und eine Besserung war einfach nicht in Sicht.

Er blickte auf als ihm helles Licht in die Augen stach und bemerkte, dass sie angekommen waren und Zelgadis hinter den Büschen in die Lichtung trat, wo die Frauen auf sie warteten. Gourry ging einfach seufzend hinterher und ließ Xellos ganz allein im Schatten der vielen Bäume stehen, welcher aus dunklen Augen über die Lichtung hinweg Lina anstarrte, die gerade aus einem der Zelte kam und sich unauffällig an einem der nahegelegenen Bäume anhielt und kurz schwankte.

Und dann spürte Xellos, dass seine inneren Alarmglocken laut schrillten und ihn warnten sofort von hier zu verschwinden. Denn gerade war etwas passiert, was nicht hätte passieren dürfen, dachte er sich und spürte wie sich die wabernde Macht der Rothaarigen langsam und stetig immer mehr hochschaukelte. Nicht mehr lange und die stumpfsinnigen Menschen würden ebenfalls spüren, dass etwas nicht in Ordnung war.

Er musste auf der Stelle Bericht erstatten!

Kurz bevor er sich in Luft auflöste, spürte er den brennenden Blick aus Ozeanblauen Augen und dann hallte kurze Zeit fremdes Entsetzen in ihm wider, welches ihn bis zu seinem Ziel verfolgte und nicht mehr losließ.

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„Hier bitte.“

Mit diesen Worten reichte Zelgadis Sylphiel den Lederbeutel mit den Kräutern, welche ihn dankend an sich nahm. Gourry legte ihr die Kaninchen und den Beutel mit den Nüssen zu Füßen und ihn lächelte sie breit und mit funkelnden Augen an.

„Vielen Dank ihr beiden. Geht und setzt euch ruhig hin. Der Eintopf braucht noch eine Weile.“, meinte die Schwarzhaarige lächelnd und die Angesprochenen wandten sich einfach um. Zelgadis setzte sich einfach zum Lagerfeuer neben Amelia, welche gerade Valteira auf dem Schoß hatte und ihm mit ihren Händen einige kleine Zauberkunststücke vorführte. Fröhlich quietschte der kleine schwarze Drache und Amelia hatte ihren Spaß daran.

Überrascht blickte sie auf als Zelgadis sich zu ihnen setzte und lächelte ihn an, während Val nach einem kleinen Faustgroßen Funken grapschte, der in allen möglichen Regenbogenfarben strahlte und zischte und paffte.

„Hält er dich auf Trab?“, fragte er die Prinzessin.

„Ach was. Überhaupt nicht. Er ist ein so süßer kleiner Fratz.“, meinte sie und lächelte auf Valteira hinab, welcher lachte als der Funke sich in einem Sternenregen auflöste. Dann sah er erwartungsvoll hoch zu Amelia, welche gleich weitermachen wollte, als ihr Zelgadis zuvor kam.

Bevor sie etwas tun konnte, hatte er schon eine Hand gehoben und richtete seine Handfläche in die Luft. Amelia blinzelte ihn verwirrt an und spürte die Hitze ihren Hals hochkriechen, als er ihr zuzwinkerte und auf seine Hand deutete welche Val schon gespannt anstarrte. Amelia schluckte die Nervosität hinab und versuchte ihr pochendes Herz zu beruhigen. Sie blickte auf Zelgadis‘ Hand und wartete ab.

Plötzlich begann es in seiner Handfläche Funken zu sprühen und Amelia machte große Augen als die kleinen hellen Funke immer größer wurden und langsam Form annahmen. Plötzlich blitzte es leicht und vor ihnen hatte sich ein hell schillernder Schmetterling gebildet, der fröhlich um ihre Köpfe herum flatterte. Val quietschte auf und klatschte in die Hände. Lächelnd beobachteten ihn die beiden und lachten auf bei Vals verdutztem Gesicht, als der Flattermann auf seiner Nase die perfekte Landestelle fand.

„Was ist das für ein Zauber? Den kenne ich ja gar nicht.“, fragte Amelia und blickte gespannt in Zelgadis‘ Seegrasgrüne Augen. Eine Weile sah er ihr stumm in die Augen und überlegte ob er ihr das tatsächlich verraten sollte. Der Zauber war an sich nichts Besonderes. Doch die Geschichte dahinter umso persönlicher, dachte er sich. Doch als er in ihre ehrlichen Dunkelblauen Augen blickte, schluckte er seine Zweifel hinunter und entschloss sich ihr wenigstens ein wenig zu vertrauen.

„Ich kenne diesen Zauber schon seit ich klein war. Wenn ich als kleiner Junge mal traurig gewesen bin oder ich mich verletzt hatte, dann hatte mich meine Mutter immer damit aufgemuntert. Der Zauber ist schon ziemlich altmodisch.“, endete er und bemerkte, dass Amelias Blick weicher geworden war. Zelgadis schluckte kaum merkbar und versuchte sich damit abzulenken, indem er Valteira dabei beobachtete wie er jedes Mal kicherte, wenn der Schmetterling seine Runden drehte und wieder auf seiner Nase landete.

Amelia selbst sagte nichts dazu und dafür war er ihr mehr als dankbar. Er wollte bestimmt keine Mitleidsbekundungen hören, dass seine Mutter vor so langer Zeit gestorben war. Amelia schien zu wissen wie es ihm ging, immerhin war ihre Mutter genauso tot wie seine eigene.

Er linste zu ihr rüber und bemerkte ihren nachdenklichen Gesichtsausdruck, doch er sagte nichts dazu. Plötzlich schreckten beide auf als sie Val laut Murren hörten und Zelgadis grinste den Kleinen an als er bemerkte, dass der Schmetterling sich wieder aufgelöst hatte. Er und Amelia lachten bei Vals erwartungsvollem Blick und Zelgadis erbarmte sich und zauberte ihm diesmal mehrere Schmetterlinge herbei.

In ihre eigene kleine Welt vertieft, bemerkten sie nicht Lina, welche sie die ganze Zeit beobachtet hatte, während sie im Eingang eines der beiden Zelte hockte und sich unter ihrem Umhang unauffällig an die Brust gegriffen hatte um ihr rasendes Herz zu beruhigen. Denn kurz zuvor, als sie aus dem Zelt getreten war, kam es ihr so vor als hätte sich die Welt um sie gedreht und hätte sie sich da nicht angehalten, wäre sie mit Sicherheit umgekippt. Lina schnaubte frustriert und legte kurz ihren Kopf in den Nacken, starrte den nächtlichen Himmel an und seufzte leise. Nur langsam beruhigte sich ihr Herz und schon zum tausendsten Male fragte sie sich was es mit diesen Schwächeanfällen auf sich hatte. Oft genug hatte sie mit Magie versucht eine Antwort zu finden, doch selbst mit der schwarzen Magie konnte sie nicht rauskriegen wieso ihr Körper ihr im Moment so derart zu schaffen machte. Sie hoffte bloß, dass es bald besser werden würde.

Sie ließ ihre Augen über die Lichtung wandern und dann blieb ihr Blick an dem Blonden Schwertkämpfer hängen, welcher ihr genau gegenüber an einem Baum lehnte und sie die ganze Zeit mit seinen Himmelblauen Augen fixiert hatte. Sie senkte beschämt den Kopf als sie Sorge darin lesen konnte und schaffte es nicht noch einmal Gourry in die Augen zu blicken. Sie wollte nicht, dass er sich wegen ihr Sorgen machte. Lina brauchte keinen der ihr sagte wie mitleiderregend sie im Moment wirkte. Sie wollte nicht sehen, wie sie alle nur zu warten schienen wann sie endlich aus den Latschen kippte. Nein, diesen Gefallen würde sie keinem machen. Lina biss die Zähne zusammen und versuchte krampfhaft Gourrys brennenden Blick zu ignorieren.

Sie blickte rüber zu Sylphiel und Filia und beobachtete die beiden dabei, wie sie zwei Kaninchen häuteten und fleißig am Eintopf werkelten. Der angenehme Duft wehte zu ihr rüber und Lina spürte ihren Magen knurren. Es war ungewöhnlich geworden, dass sie Hunger hatte. Seitdem ihr Körper begonnen hatte sich zu verändern, begann die Appetitlosigkeit bei ihr immer mehr die Oberhand zu übernehmen und dadurch nahm sie mit jedem Tag immer mehr ab. Jedes Mal wenn sie etwas zum Essen gesehen hatte, hatte sich ihr Magen umgedreht und schon mehrmals fand dessen Inhalt den Weg ins Freie – freilich ohne, dass es die anderen bemerkt hatten. Dennoch freute sie sich darauf endlich mal Hunger zu haben, denn der Eintopf roch wirklich unheimlich gut. Lina bewunderte Sylphiel für ihre Kochkünste. Diese Frau schien irgendwie alles zu können. Sie konnte kochen, war eine hervorragende Heilerin, wusste mit wenigen Worten Spannungen abzubauen und hielt trotz der vielen Chaoten in ihrer Gruppe alles immer in Ordnung und sauber.

Sie ließ ihren Blick über Sylphiel gleiten und ihre Augen nahmen einen merkwürdigen Ausdruck an. Außerdem war Sylphiel wirklich eine Augenweide, dachte sich Lina. Sie hatte ein ausgesprochen schönes Gesicht und ihr Körper ließ so einige neidisch werden – so auch Lina.

Vorsichtig linste sie rüber zu Gourry und bemerkte, dass er Sylphiel beobachtete. Schnell senkte Lina ihre Augen und schluckte trocken. Der plötzliche Hunger war vergessen und stattdessen bildete sich ein schwerer eisiger Klumpen in ihrem Magen. Sie durfte sich keine Hoffnungen machen. Es war gut so. Gourry sollte ruhig mit Sylphiel glücklich werden. Denn Lina wusste, dass sich Sylphiel gut um ihn kümmern würde. Es würde ihm bei ihr gut gehen und ihm würde es an nichts fehlen. Vielleicht sollte sie ihn wirklich langsam von sich stoßen, dachte sie sich und biss die Zähne zusammen, als sich bei diesem Gedanken ein feiner Schmerz durch ihr Herz zog.

Nein, sie konnte das einfach nicht. Verdammt, egal wie oft sie es sich vornahm, sie schaffte es einfach nicht Gourry zu vergraulen. Sie war so verdammt egoistisch. Obwohl ihr sein Glück viel wichtiger war als ihr eigenes, konnte sie den Blonden Schwertkämpfer nicht einfach wegschicken, denn dann wusste sie, dass sie es nicht ertragen würde können in seine großen Himmelblauen Augen zu sehen und dort die Frage nach dem Warum zu erblicken. Sie würde ihm nämlich sowieso eine Antwort schuldig bleiben. Vielleicht war es auch tatsächlich gut so, dass er hier war und sie sich jeden Tag mit ihren Vorstellungen quälte, sollten Gourry und Sylphiel tatsächlich eines Tages zusammenkommen.

Denn, dass der Schwertkämpfer für Lina Gefühle würde haben können, war für sie ein völlig irrationaler Gedanke. Die Menschen hassten sie oder fürchteten sie. Sie zog die Gefahr an wie ein Magnet und niemand wäre in ihrer Nähe sicher. Sie fragte sich sowieso schon seit langem wie die anderen bloß mit ihr auskamen, wo sie doch einen so miesen Charakter hatte. Dennoch war sie ihnen überaus dankbar, dass sie für sie da waren. Sie alle sahen über ihre Fehler hinweg und verurteilten sie nicht und deswegen wünschte ihnen Lina auch alles Glück der Welt.

Und wie es aussah, dachte sie sich mit leichter Wehmut im Herzen, begannen Amelia und Zelgadis langsam zueinander zu finden. Lina lächelte bei dem süßen Anblick den die beiden abgaben, umgeben von bunt schillernden Schmetterlingen und krabbelte dann zurück zum Zelt um drinnen zu warten bis das Abendessen hergerichtet war.

Sie bemerkte nicht den sehnsüchtigen Blick den Gourry ihr zuwarf, noch bemerkte sie die Seitenblicke von Filia. Diese sah Sylphiel dabei zu wie sie im Eintopf herumrührte und ihn dann zudeckte, damit er vor sich hin köcheln konnte. Sie richtete sich auf und lächelte die Schwarzhaarige an.

„Ich geh mir kurz die Beine vertreten, in Ordnung?“, fragte sie und Sylphiel nickte bloß lächelnd.

Damit ließ Filia die Lichtung hinter sich und schritt langsam durch das Gestrüpp. Das Licht des Lagerfeuers warf lange Schatten und von überall hörte sie die Blätter rauschen, doch sie ging unbeirrt weiter. Sie suchte nach Antworten, dessen Fragen sie sich nicht zu stellen traute. Erst brauchte sie mehr Informationen, denn vorhin hatte sie endlich verstanden um was es sich bei Linas Zustand handelte. Kurzzeitig hatte sie eine ungeheure fremde Macht durchzuckt und dann konnte sie endlich die Kraft spüren, welche Lina umwaberte. Filia schluckte schwer und verstand nicht wie sowas zustande kommen konnte. Doch wieso hatte sie diese ungeheure Macht nicht schon vorher gespürt? Mit einer ähnlichen, aber viel schwächeren Macht war sie nur ein einziges Mal in Berührung gekommen. Nämlich damals als sie die Weihe zur Priesterin erhalten hatte. Diese Kraft vergaß keiner, egal ob er erst nach einer Ewigkeit wieder mit ihr in Berührung kam. Nun verstand Filia Linas körperlichen Zustand und das gefiel ihr überhaupt nicht. Auch nicht die Umstände die dazu geführt hatten. Wenn sie nichts dagegen unternehmen würden, dann würde es zu spät werden und Filia wollte nicht wissen was danach passieren würde. Die Vorstellung jagte ihr, fürchterliche Angst ein und sie fragte sich was sie nur unternehmen konnte um einer Katastrophe entgegen wirken zu können.

Langsam stieg sie über Gestrüpp und eine dunkle Lichtung trat in ihr Blickfeld. Sie wusste, dass es nur eine Einzige Person gab, welche ihr Antworten auf all ihre Fragen geben konnte, dachte sie sich und trat aus dem Wald und ließ dann den atemberaubenden Anblick kurzzeitig auf sie einwirken.

Die dunklen Bäume umrahmten die dunkle Lichtung in dessen Mitte sich ein großer See befand. Da es schon längst Nacht war, spiegelte sich der Mond hell in der glatten Oberfläche und tauchte die Umgebung in ein Meer von Silber. Irgendwo konnte sie Grillen zirpen hören und vereinzelte Glühwürmchen vollendeten diese ruhige Atmosphäre. Doch Filia fühlte sich in ihrem Inneren mehr als beunruhigt und sie riss sich zusammen als sie eine Gestalt vor sich entdeckte, die am Ufer stand, hinausblickte und welche mit der Umgebung zu verschmelzen schien. Sie hatte ihn schon vom Lager aus gespürt und hatte sich vorgenommen die Antworten aus ihm herauszuprügeln wenn es sein musste. Und wie es schien hatte er auch auf sie gewartet, dachte sie sich skeptisch und schritt entschlossen näher. Sie beobachtete fasziniert, wie das silberne Mondlicht seine Gestalt in ein unheimliches Licht tauchte, ihn irgendwie noch gefährlicher scheinen ließ als er es sowieso schon war.

Einige Meter hinter ihm blieb sie stehen und starrte seine breiten Schultern an, welche vom Umhang verdeckt waren. Seine sowieso schon dunklen Haare warfen dank des Mondlichts die unmöglichsten Schattierungen und die rote Kugel seines Stabes glitzerte vor sich hin. Filia wartete einfach ab und wurde nicht enttäuscht als er sie ansprach.

„Ich dachte mir, dass du irgendwann zu mir kommen würdest. Auch wenn ich überrascht bin, dass du so früh da bist.“, sprach Xellos – denn um keinen anderen handelte es sich hier – und hatte ihr immer noch den Rücken zugekehrt.

„Hast du es gewusst?“, fragte sie ruhig aber mit schneidender Schärfe in der Stimme und starrte noch immer Xellos‘ Rücken an.

„Du bist wirklich unsäglich neugierig Filia, weißt du das?“, fragte Xellos ruhig und trieb die Blonde damit an die Grenzen ihrer Selbstbeherrschung. Doch sie riss sich zusammen und ignorierte den warmen Schauer in ihrem Nacken den seine dunkle Stimme hervorrief. Immerhin wollte sie endlich Antworten auf ihre Fragen haben und diese würde sie sich auch holen, dachte sie sich und trat einige Schritte näher an Xellos heran.

„Antworte mir Xellos. Hast du es gewusst?“, fragte sie wieder und eine Weile herrschte Stille zwischen den beiden, bis ihr Xellos dann doch antwortete.

„Es bringt nichts zu verneinen, du würdest mir nicht glauben, nicht wahr? Ja, du hast Recht, ich wusste es schon seit längerem.“

Filia schnappte tief nach Luft und kam noch näher an ihn heran.

„Und wieso, in L-samas Namen, hast du nie etwas gesagt? Weißt du wie gefährlich das ist? Du bist verdammt nochmal ein Dämon! Du müsstest doch genau wissen um was für Mächte es sich hier handelt.“, zischte sie ihn leise an und kniff ihre Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Ihr war es egal wie respektlos sie sich einem der mächtigsten Dämonen gegenüber verhielt, denn sie wusste, dass im Lager etwas weitaus gefährlicheres auf sie alle lauerte und nur darauf wartete auszubrechen. Und Xellos verheimlichte ihnen all diese wichtigen Informationen einfach!

Wäre er früher damit rausgerückt, dann hätten sie vielleicht Vorkehrungen treffen können. Sie hätten dann vielleicht irgendetwas getan um eine Katastrophe zu verhindern. Nur wusste sie nicht ob es schon zu spät war oder nicht.

Filias wirbelnde Gedanken stoppten in dem Augenblick in dem sich Xellos zu ihr umdrehte. Und wieder einmal ihr blieb für kurze Zeit die Luft weg als er sie aus dunklen Katzenaugen ansah, welche sie merkwürdig musterten. Ihr fehlte die Sprache und sie schien es nicht einmal zu bemerken, dass sie ihn anstarrte. Doch Xellos achtete nicht darauf und kam langsam und schleichend näher, blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen und beugte sich leicht hinab um mit Filia auf Augenhöhe zu sein. Fasziniert starrte er ihr in die Ozeanblauen Augen welche im Mondlicht silbern schimmerten und ihrem Ausdruck plötzlich etwas Überirdisches verliehen.

„Was hätten wir tun können Filia? Es gibt nun nichts was sie aufhalten könnte. Wenn sie ausbrechen will, dann wird sie es tun. Wir sind machtlos gegen diese Kraft. Keiner würde nun etwas dagegen tun können, nicht mal dein geliebter Cepheid oder gar Shabranigdo. Keiner.“, flüsterte er ihr rau zu und zufrieden bemerkte er wie Filia unter seinen gehauchten Worten erschauderte.

Filia selbst versuchte wieder zu Sinnen zu kommen um sich von seinen hypnotisierenden Augen lösen zu können. Sie wusste ja, dass er Recht hatte. Keiner würde sie nun aufhalten können und damit erhielt sie die Antwort auf eine ganz andere Frage. Nämlich, dass niemand mehr Lina retten würde können, außer vielleicht L-sama selbst.

Xellos sah in ihren Augen, dass sie die Antworten auf all ihre Fragen zu haben schien. Als sie ihn anblinzelte zog er sich langsam zurück und sah dann ruhig auf sie hinab. Filia leckte sich über die Lippen und Xellos bemerkte ihre Nervosität ihm gegenüber und das wunderte ihn doch sehr.

„U-Und was können wir nun tun um ihr zu helfen? Ich nehme an, dass deine Meisterin bescheid weiß?“, fragte sie und sah von unten zu ihm herauf. Xellos nickte bloß und sah sie eine Weile ruhig an, bevor er an ihr vorbeiging um zurück zum Lager zu gehen.

„Im Moment können wir nichts tun außer abzuwarten und zu hoffen, dass L-sama Erbarmen mit Lina Inverse haben würde.“, antwortete er ihr über seine Schulter und löste sich dann vor ihren Augen in Luft auf und verschwand vollends. Filia seufzte frustriert auf und ignorierte das Entsetzen das sie gepackt hatte, seitdem sie diese Macht gespürt hatte.

Sie schritt nun ebenfalls zurück zum Lager, wo Sylphiel dabei war jedem seine Portion des Eintopfes zu überreichen. Filia starrte sofort rüber zu Lina, welche am Eingang des Zeltes saß und ruhig in ihrer Schale rumrührte, hin und wieder den Löffel in den Mund steckte. Filia seufzte lautlos. Na wenigstens aß sie heute etwas, dachte sie sich und nahm sich selber eine Portion und setzte sich neben Amelia, welche mit Freuden Val fütterte, der sie aus großen goldenen Augen anstarrte und süß blinzelte.

Filia aß langsam ihren Eintopf und versuchte nicht daran zu denken, dass für Lina nun jede Hilfe zu spät kam. Sie wollte einfach nicht akzeptieren, dass sie nichts für die Rothaarige tun konnte. Sie konnte doch nicht einfach so zusehen wie sie langsam dahinschied. Das konnte sie einfach nicht. Und genauso wenig einfach konnte sie den anderen Anwesenden sagen, was sie herausgefunden hatte.

Filia schluckte ihren Bissen und griff nach dem Brot als sie Xellos‘ Anwesenheit spürte. Wie zufällig blickte sie hoch zu einem der Bäume und entdeckte ihn dort auf einem Ast sitzend und sie ruhig beobachtend. Kurze Zeit sah sie ihm in die Augen und spürte wie ihre Verbundenheit zu Xellos immer stärker wurde. Sie verstand nun warum er es keinem von ihnen gesagt hatte. Ihr ging es genauso. Hier waren Mächte am Werk, denen man sich nicht einfach so in den Weg stellen konnte wenn man nicht deren Zorn auf sich und andere ziehen wollte.

Sie sah wieder hinab auf ihren dickflüssigen Eintopf und ignorierte den leckeren Duft als sie dann zu Lina rüber blickte, welche ihre leere Schale abgab und ihnen allen eine gute Nacht wünschte, bevor sie in einen der beiden Zelte verschwand und hinter sich die Vorhänge zuzog. Sie würde sowieso wieder die ganze Nacht aufbleiben, dachte sich Filia resignierend.

Die Blonde bemerkte die besorgten Blicke aller Anwesenden auf das Zelt und fühlte sich miserabel. Nein, sie konnte keinem davon erzählen. Xellos war in dieser Hinsicht ihr einziger Ansprechpartner und das gefiel Filia überhaupt nicht. Sie wollte nicht auf diesen Dämon angewiesen sein. Und doch blieb ihr keine andere Wahl. Auch wenn sie ihn ungern um Hilfe bat, starrte sie wieder hinauf in Xellos Augen, welche sie kein einziges Mal verlassen hatten.

Und als ob er ihren stummen Hilfeschrei gehört hätte, nickte er ihr kaum merklich zu und Filia spürte, wie sich das zarte Band zwischen ihnen ein weiteres Mal stärkte. Obwohl sie sich gegenseitig immer noch nicht leiden konnten, verstand Filia nach all ihren Gesprächen die sie in der Vergangenheit geführt hatten, warum Xellos so handelte wie er es eben tat. Denn manchmal musste man ein Geheimnis für sich behalten, wollte man damit keinem Schaden. Und wie es schien war sie nun selbst an der Reihe, dachte sie sich resignierend und ignorierte Xellos für den Rest des Abends.

Kurz bevor sie dann ins Zelt verschwand um schlafen zu gehen, drehte sie sich wieder zum Baum und starrte Xellos tief und lange in die Augen. Sie wusste, dass er all ihre herumwirbelnden Emotionen spüren konnte und sie hoffte, dass er ihren stummen Dank irgendwie hören konnte. Und wie es schien tat er es, denn ein weiteres Mal an diesem Abend nickte er ihr knapp zu bevor er sich aufrichtete und vom Baum verschwand.

Filia konnte ihn immer noch spüren und mit schwerem Herzen legte sie sich schlussendlich dann schlafen, mit dem Willen alles Mögliche für Lina zu tun um ihr durch die bevorstehende Zeit zu helfen.
Denn, dass es qualvoll werden würde, war Filia schon von Anfang an klar.

Sie hoffte bloß, dass auch alles gut gehen würde und dass sie irgendwie ihre Freunde mit diesem neuerlangten Wissen würde beschützen können.

Mit diesem Gedanken glitt sie langsam ins Land der Träume und spürte nur unbewusst den dunklen und unsichtbaren Beschützer, welcher wie jede Nacht auf sie aufpasste und sie behütete.

tbc
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