Der Pakt

GeschichteAllgemein / P12
Benjamin Barker
07.04.2010
07.04.2010
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Kleines Vorwort (und eine Warnung):
Da es eine gewisse Faszination für mich hat, das Thema Sweeney Todd mit Übernatürlichem in Verbindung zu bringen, kam irgendwann die Idee zu dieser FF. Und als ich sie letztens in meinem Blättergewühl wiedergefunden habe, musst ich sie einfach beenden - und ich muss sagen, mir gefällt sie irgendwie.
Wer jedoch mit der Vorstellung nicht viel anfangen kann und auch nicht viel für übrig hat, sollte jetzt lieber schnell wieder wegklicken.
Ansonsten kann ich nur viel Spaß beim Lesen wünschen
:)


Drückende Hitze hatte sich über die Hütte gelegt, in der es den erschöpften Sträflingen nach getaner Arbeit erlaubt war, sich über Nacht auszuruhen. Die staubige Luft, die sie einatmeten, schien zu glühen und jeder Atemzug war eine Qual. Keiner fand in der einbrechenden Nacht Schlaf. Unruhig wälzten sie sich auf ihren dünnen Strohsäcken hin und her und sehnten sich nach der erfrischenden Kühle ihrer Heimat.
So auch Benjamin. Immer wieder wurde er von Erinnerungen geplagt. Erinnerungen an sein früheres Leben, das er schmerzlich vermisste. Er wollte Lucy wiedersehen, er wollte Johanna wieder auf den Arm nehmen, ihr zartes Lachen hören, zusehen, wie sie zu einer jungen Frau heranwuchs.
Doch das alles blieb ihm verwehrt.
Auf ewig.
All sein Sehnen brachte nichts weiter als schreckliche Qual mit sich. Aber er wollte nicht aufhören, zu hoffen, zu erinnern – trotz der Tatsache, dass seine Erinnerung schon längst getrübt war vom Schleier der Zeit, der sich über sie gelegt hatte. Die scharfen Formen verschwammen, die leuchtenden Farben verblassten, wurden zu einem leblosen Grau.

Schweigend lag Benjamin da und starrte auf das Holz, welches das Dach bilden sollte. Beim Bau dieses Daches war jedoch keine gute Arbeit geleistet worden und so fiel das dunkelrote Licht der untergehenden Sonne durch die Spalten zwischen den Brettern.
Allmählich verblasste das Licht und ließ langsam tiefe Dunkelheit zurück. Leises Schnarchen drang an Benjamins Ohr und verkündet, dass es den anderen längst gelungen war, ins Reich der Träume zu gleiten. Nur ihm, ihm war es nicht möglich, oh nein!
Aber wie sollte es ihm auch möglich sein, wenn da doch die Erinnerung an Lucy war, die ihn wach hielt? Würde er die Augen schließen, so würden nur die Albträume auf ihn warten, die ihn all die Jahre bereits quälten. Ein Grinsen flackerte über Benjamins Gesicht. Sollten sie doch alle schlafen. Er brauchte keinen Schlaf. Nein, nein das tat er nicht. Wozu schlafen, wenn man sich erinnern konnte? An graue schemenhafte Bilder … Es war wahrlich ein bitterer Preis, den er da zahlen musste. Doch war es nicht eigentlich die Zeit, die ihn seiner klaren Erinnerung beraubte? Nein, er zahlte nichts, er wurde bestohlen! Bestohlen, mitleidlos ausgebeutet.
Und wem verdankte er es?
Turpin!
Allein der Name entflammte brennenden Hass in Benjamin. Es war Turpin, der sein Leben zerstört hatte. Es war Turpin, dem er die Schuld für sein nun mehr klägliches Dasein gab. Und es war Tupin, der durch seine Hand einen grauenvollen Tod erleiden würde. Ja, das würde er!
Benjamins Grinsen wurde bei dem Gedanken breiter, verzerrte sein Gesicht zu einer mordlüsternen Fratze. Er würde alles tun! Alles würde er verdammt noch einmal tun, um aus diesem verfluchten Loch herauszukommen, diesem verfluchten Niemandsland, das man den fünften Kontinent nannte. So groß seine Sehnsucht, zu Frau und Kind zurückzukehren, auch war, so sehr sehnte er sich danach, Vergeltung zu verüben. Vergeltung für das Unrecht, das ihm angetan worden war. Turpin sollte für all das bezahlen!
Immer tiefer verlor sich Benjamin in den wirren Gedankengängen seines aufkeimenden Wahnsinns. Regungslos lag er auf dem kratzigen Strohsack und stierte mit starrem Blick an die Decke.

Die Zeit war unbemerkt vergangen, war außerhalb der Reichweite seines Bewusstseins verstrichen und hatte den feurigen Glutball am Himmel versenkt. Licht war wieder tiefer Finsternis gewichen, die bloß vom schwachen Funkeln der unzähligen Sterne durchdrungen wurde. In dieser Nacht jedoch war etwas grundlegend anders. Zu Benjamins Gedanken hatte sich eine körperlose Stimme gesellt. An sich war es nichts Ungewöhnliches. In den letzten Wochen hatte er immer wieder Stimmen gehört – Stimmen, die seinem Bewusstsein entsprungen waren. Aber er wusste, wie er mit ihnen umzugehen hatte, wie er ihren verlockenden Einflüsterungen widerstehen konnte. Oh ja das tat er.
Diese eine Stimme aber, die sich nun einen Weg durch seine Gedanken bahnte, war ihm gänzlich unbekannt – ihre Verlockung dafür umso stärker. Plötzlich war der Drang in ihm erwacht, aufzustehen, die ärmliche Hütte zu verlassen und dem Ruf zu folgen nach draußen in die Dunkelheit. Je mehr Zeit verging, desto größer wurde das Verlangen der Stimme nachzugehen, bis Benjamin es nicht mehr länger aushielt. Behutsam erhob er sich und schlich vorsichtig um die Schlafplätze der anderen Sträflinge herum auf die Tür zu, hinter der die Freiheit und die Quelle des auffordernden Rufes lagen.

Ein Rasseln hallte mit einem Mal in der drückenden Stille wider. Erschrocken fuhr Benjamin zusammen und sah sich hastig um. Die Angst griff nach ihm, die anderen geweckt zu haben, sodass auch sie die Stimme hören würden. Das konnte er keinesfalls zulassen! Der Ruf, den er da hörte, war nur für ihn bestimmt, für ihn ganz allein. Für niemand anderes sonst und teilen wollte er ihn schon gar nicht. Doch das brauchte er auch nicht. Nach wie vor schliefen die anderen Sträflinge unruhig weiter.
Erleichtert atmete Benjamin auf und schenkte nun dem Gegenstand, der das Geräusch verursacht hatte, seine Aufmerksamkeit. Es war die schwere Kette seiner Fußeisen gewesen, die die Stille durchbrochen hatte und ihn an der Flucht hindern sollte. Verwundert stellte Benjamin fest, dass das Schloss der Kette aufgesprungen war und ihn somit freigab. Unzählige Male hatte er schon versucht, es zu öffnen und immer wieder war er gescheitert, nur damit es sich nun auf einmal wie von selbst öffnete.
Doch beachtete Benjamin dieser merkwürdigen Begebenheit nicht weiter. All seine Sinne waren auf das konzentriert, was ihn rief. Nur für ihn bestimmt war. Wenige Schritte trennten ihn bloß noch von seiner Freiheit und dann würde ihn seine Erlösung ereilen! Ja, dessen war er sich plötzlich gewiss. Beinahe ehrfürchtig und doch mit einer Spur von Hast zog er an der grob zusammen gezimmerten Holztür. Ein leises Knarren ertönte, als sie nach innen schwang und den Blick freigab, auf die australische Wildnis bei Nacht.

Ohne zu zögern, entschlüpfte Benjamin der Enge der Holzhütte und trat hinein in die nächtliche Dunkelheit. Plötzlich umgab ihn von allen Seiten seine Stimme. Sie strich über sein Gesicht, umspielte sanft seine Ohren, schmeichelte seinen Sinnen und flüsterte Verlockungen, denen Benjamin nicht widerstehen konnte.
Weg, weg, weg. Ja, er wollte weg. Er wollte zurück. Und er würde alles dafür tun!
Entrückt schloss er die Augen und sog die staubige Luft dieses gottverdammten Landes ein, in das man ihn verbannt hatte, während er zu fühlen versuchte - erahnen wollte, wohin ihn die Stimme letztlich führen würde. Doch war dies eigentlich nicht nötig. Jede einzelne Faser seines Körpers wies ihm die richtige Richtung, der Drang war längst zu stark, als dass er ihn noch hätte ignorieren können.
Aber er wollte das ja auch nicht.
Nein, nein!
Wie ihn Trance wandelte Benjamin einen nur für ihn sichtbaren Pfad entlang, geführt von einem Gefühl, das seinem Wahnsinn entsprungen sein mochte, bis er sein Ziel erreicht hatte. Ruckartig blieb er stehen und riss die Augen auf. Alles in ihm spannte sich an, während er kerzengerade dastand und sein Blick durch die Dunkelheit irrte.
„Du bist also gekommen.“
Die Worte erfüllten mit einem Mal die Stille der Nacht, störten sie jedoch nicht. Viel mehr schienen sie ein Teil der Nacht zu sein, kamen von überall her und doch von nirgendwo.
„Ja…jaja“, hauchte Benjamin und nickte vehement. Gekommen war er und nicht bereit zu gehen, ehe er das bekam, wonach es ihn sehnlich verlangte.

Ein Windhauch kam auf, fuhr durch Benjamins Haar und hatte sich wieder gelegt, als der Barbier sich umdrehte. Er wusste, das war ein Zeichen gewesen – und er behielt Recht.
Gegen den dunklen Nachthimmel, den das Licht von abertausenden Sternen erleuchtete, hob sich eine Silhouette ab, schwärzer als die tiefste Finsternis. Schatten schienen aus dem Boden empor zu wachsen, wanden sich, vereinten sich, um Teil dieses Abbildes zu sein, das dort auf der leichten Erhöhung des Bodens erschienen war.
Es war schwer, die Gestalt zu beschreiben, hatte es doch den Anschein, dass sich ihre Konturen in der Dunkelheit verloren und dennoch glaubte Benjamin, zumindest im Entferntesten den Schatten eines typischen Gentlemans erkennen zu können. Er sah den Umriss eines hohen Zylinders, meinte, das Aufbauschen eines Mantelschoßes zu sehen - obwohl sich kein Lufthauch regte - und glaubte, die Form eines Spazierstocks in der linken Hand dieser Erscheinung auszumachen. Doch eine Kleinigkeit gab es, die dieses menschlich anmutende Bild zerstörte. Schwingen wuchsen aus ihrem Rücken, große prächtige Schwingen, die sich bloß hauchzart von der herrschenden Dunkelheit abhoben. Sie schienen aus rauchigem Nebel zu sein, der sich verlor, sodass man kaum zu sagen vermochte, wo die Schwingen endeten und die Finsternis begann. Eines jedoch war totsicher. Das Geschöpf, welches in dieser folgenschweren Nacht erschienen war, kam nicht von dieser Welt.
Dessen war sich auch Benjamin bewusst, als er die Gestalt erblickte. Die Angst griff mit einem Male um sich und hielt sein flatterndes Herz in ihrer eiskalten Klaue fest. In seinen geweiteten Augen spiegelte sich Erschrecken wider, während er auf die Erscheinung, deren geheimnisvolle Stimme es gewesen war, die er gehört hatte und der er gefolgt war, mit einer Mischung aus Faszination und Ehrfurcht starrte.

„Benjamin Barker“, flüsterte die Stimme, die in ihrer Tiefe und Schönheit einer sternenlosen Nacht glich, und hielt kurz inne, um dann fortzufahren: „Dir wurde Unrecht angetan, deine Frau nahm man dir, riss dich grausam von deiner kleinen Familie, die dir lieb und teuer war, fort und verbannte dich hierher – an einen Ort, der dir grausam erscheint, in dem man all den Abschaum ablädt, der in den Gassen der unseligen Stadt London wimmelt. So und nicht anders trug es sich zu, nicht wahr?“
Ja.
Ja!
Genau so war es gewesen!
Es war eine Wohltat für Benjamin diese Worte zu hören. Gierig sog er sie in sich auf, labte sich an ihnen, denn endlich, nach so langer Zeit, war da jemand, der ihn verstand, der vom Unrecht wusste, das man ihm angetan hatte.
Benjamin glaubte fast schon, so etwas wie Zufriedenheit aus dieser wunderschönen Stimme herauszuhören, als das Wesen fort fuhr: „So ein furchtbares Unrecht ist dir widerfahren. Doch darf das nicht einfach so hingenommen werden…“
Verführerisch – so verführerisch waren diese Worte! Benjamin wollte mehr hören. Wie gebannt starrte er auf das Geschöpf, das sich ihm langsam näherte.
„Nein, das willst du nicht. Du willst Vergeltung. Oh, wie du dich danach sehnst! Wie es dich zerfrisst, danach verlangt endlich Rache zu verüben, an den Mann, der dich zu diesem elendigen Dasein verdammt hat…“
„Turpin!“, stieß Benjamin hasserfüllt hervor. Er hatte sich nicht mehr länger zurückhalten können.
„Genau“, flüsterte es dicht an seinem Ohr.
Erschrocken wirbelte Benjamin herum, die Gedanken noch immer von Hass vernebelt und starrte auf gähnende Schwärze.

Dicht war das Wesen an ihn herangetreten. Nun konnte er erkennen, dass sich die Schatten unmerklich voneinander unterschieden, sodass in all der Schwärze klare Konturen Kleidung ausmachen ließen, ebenso wie sich die Andeutung von Gesichtszügen unter der breiten Krempe des Zylinder verbargen.
Es war einer der Momente, in denen Benjamin wieder vollständig zu sich selbst zurück fand, als er entsetzt mit brüchiger Stimme krächzte: „Was bist du?“
„Was ich bin?“, wiederholte das Wesen belustigt. „Ich bin ein Geschöpf der Nacht, eine Kreatur der Finsternis, ein Dämon oder aber auch ein Todesengel, wenn du so willst“, und es sah auf.
Maßlose Angst brach auf einmal über Benjamin herein. Er sah in zwei unergründliche Abgründe, die sich anstelle der Augen in dem Gesicht dieser Kreatur befanden. Oder waren es gar dessen Augen? Der Barbier vermochte es nicht zu sagen, doch spürte er, wie ihn von mal zu mal das bloße Grauen schüttelte, je länger er sich in diesen Abgründen verlor. Immer tiefer schien er in sie zu fallen, alles Glück verschlangen sie und hinterließen bloß eine zerstörerische Leere, die seinen Hass und seine Verzweiflung nährte.
Dann war der Bann gebrochen.
Keuchend stand Benjamin da. Seine vor Schreck geweiteten Augen noch immer auf das Wesen gerichtet.

„Warum denn auf einmal so verstört?“, fragte der Todesengel mit einem Anflug von Spott und ging langsam auf den Barbier zu. „Das ist nun wirklich kein angemessenes Verhalten gegenüber der Person, die einem einen Ausweg zu zeigen bereit ist – helfen möchte.“
Hoffnung glomm in Benjamin auf, als er dies hörte. Dennoch vermochte er es nicht, die erdrückende Furcht in der dumpfen Leer niederzuringen. Nach wie vor klebte sie an ihm, vernebelte seine ohnehin schon vom Wahnsinn getrübten Gedankengänge und raubte ihm die Stimme, jedes Wort aus seinem ausgedörrten Mund tilgend.
„Oder hältst du das für angebracht?“, fuhr das Wesen fort, wobei der spöttische Tonfall frostig wurde.
Die Andeutung eines Kopfschüttelns war alles, was Benjamin in seiner Angst zustande brachte, doch war es seinem Gegenüber allem Anschein nach Antwort genug.
„Na also“, meinte dieser zufrieden. Eine Offenherzigkeit lag plötzlich in den Worten, als hätte es die kleine Verärgerung gar nicht gegeben. „Dann können wir ja endlich zu dem interessanten Teil dieser Nacht kommen.“
Etwas in Benjamin horchte auf.
Flucht! Rache! Lucy!
„Ganz richtig“, bestätigte die samtene düstere Stimme an seinem Ohr. „Ich will dir zur Flucht verhelfen. Du sollst deine Rache bekommen, sollst Turpin vernichten können, so wie du es für angemessen hältst. Nichts soll dir dabei im Wege stehen.“
Genießerisch sog Benjamin diese Worte in sich auf. Seine Furcht ließ allmählich von ihm ab und wurde von den aufkommenden, lodernden Rachegedanken letztendlich gänzlich vernichtet.
„Er wird sterben“, flüsterte er plötzlich voller Gewissheit, während er aufsah. Der starre Blick seiner leeren Augen verlor sich in den finsteren Abgründen, wurde immer tiefer hinab gezogen.
„Turpin wird elendig verrecken!“
Wahnsinn packte ihn wieder und verzerrte seine Lippen zu einem irren Grinsen. In seinem Kopf sah er bereits den Richter vor sich, wie dieser sein Leben vor ihm aushauchte. Er sollte bekommen, was er verdiente.
Er sollte bekommen, was er verdiente!
„Jaaaah.“ Der Hauch dieses Wortes umhüllte ihn und zog den Barbier sanft wieder ins Hier und Jetzt zurück.

Benjamins Sicht klärte sich und er stellte fest, dass er dem Todesengel mitten ins Gesicht starrte, den Blick der furchteinflößenden Augen fest erwidernd. Ein seltsames Gefühl hatte von ihm Besitz ergriffen. Das Wissen, nun die Gelegenheit zu haben, mit der sein sehnlichster Wunsch endlich erhört und ihm geholfen werden würde, versetzte ihn in Verzückung. Zugleich mischte sich in diese eine entsetzliche Mordlust und die Entschlossenheit, alles zu tun. Er würde über Leichen gehen, wenn dies der Weg zurück nach London zum Richter war.
Oh ja das würde er gewiss.
„Nun bedauernswerterweise ist es mir unmöglich, meine Hilfe für umsonst anzubieten. Vielmehr möchte ich dir deswegen einen Handel vorschlagen, ein Angebot, das dir nur zum Vorteil gereichen kann“, ergriff der Todesengel wieder das Wort.
„Ein Angebot?“, wiederholte Benjamin monoton, während er mit den Augen den Schatten folgte, die ihn in einer beruhigenden Bewegung umkreisten, flüchtig in einer sanften Berührung streiften.
„Aber ja… Ein ganz ausgezeichnetes Angebot! Alles was du dafür tun musst, ist mir einen kleinen Gefallen zu erweisen und nun ja … dich von deinem jämmerlichen Dasein als Sträfling für immer zu verabschieden.“
Ein aufgeregter Zug umspielte Benjamins Lippen. Begeisterung flammte in ihm auf, als er das Angebot hörte. Der Ausdruck in seinem Gesicht wurde fanatisch. Er würde seine Rache bekommen! Dieser Handel war mehr als er sich erhofft hatte – je in seinen kühnsten Träumen vorzustellen gewagt hätte.
„Was genau ist es, das ich tun muss?“, fragte er mit zittriger Stimme.
Der Todesengel beugte sich dicht zu dem Barbier vor. Das dünne nebelhafte Schattengewebe seiner Schwingen schloss sich langsam und umhüllte sie. „Bringe den Tod nach London. Gebe den verdorbenen Bürgern dieser Stadt genau das, was sie allesamt verdienen. Wirst du das tun?“
„Ja.“ Ausdruckslos nickte Benjamin. Seine Gesichtszüge waren leer und vor seinen Augen war unverrückbar das Bild seiner Rachegelüste.
Die Schatten verdichteten sich.
„Wirst du Benjamin Barker für immer aufgeben? Wirst du den mickrigen naiven Barbier, der du einst warst, aus deinem Herzen vertreiben, vernichten, damit an dessen Stelle jemand Neues treten kann?“
Ein Funke von Verwirrung blitzte für einen kurzen Moment in Benjamins Augen auf. Was meinte sein Gegenüber damit? Aber wenn das der Preis war, damit er zurückkehren konnte. Damit er sich rächen konnte, an diesem elenden Richter, diesem abscheulichen Mistkerl, der es noch nicht einmal wert war…!
Ein Nicken.
„Benjamin Barker wird sterben“, verkündete das Geschöpf der Nacht, „seine lächerlichen Empfindungen sollen dich nicht davon abhalten, das dir aufgetragene Werk zu vollenden. Statt Reue wird Genugtuung dich auf deinem todbringenden Weg begleiten. Nie sollst du vom schlechten Gewissen geplagt werden, sondern das Wissen, dass der ganze verlogene Abschaum sein verdientes Schicksal ereilt, soll dich erfüllen. Du wirst zu dem Vollstrecker deiner Rachegelüste werden!“

Schatten, Schwärze, Finsternis, Hass, Leere, Mordlust, Verachtung. Sie alle bildeten ein zähes Durcheinander in Benjamin, das seinen Blick vernebelte, seine Gedanken trübte und zäh und klebrig wie Pech werden ließ. Aber was nützte ihm auch der schwache, erbärmliche Mann, der naiv gewesen war, nicht hinter die schön heile Fassade der Gesellschaft hatte sehen können und letztlich deren Grausamkeit zum Opfer gefallen war? Er war nicht nur ans andere Ende der Welt verbannt, er war auch durch seinen Wahnsinn vernichtet.
Der Gedanke durch die Vernichtung eben jenen schwachen Mannes zu einer neuen Existenz zu gelangen und die Möglichkeit zur Ausübung seiner Rache zu erhalten, war mehr als nur verlockend.
„Mein Freund, werde meine zweite Hand in London, bringe Tod über die verdorbene Menschheit – werde zu Sweeney Todd und übe Vergeltung!“
Der Barbier starrte blind in einen Wirbel aus Schatten. Der endlose Abgrund aus Finsternis hatte sich vor ihm aufgetan, doch statt entsetzlicher Furcht packte ihn Ergriffenheit.
„Nimmst du das Angebot an?“, fragte die unergründliche Stimme des Todesengels.
Ein farbenfrohes strahlendes Bild tauchte plötzlich vor den Augen des Barbiers auf. Er sah wieder Lucy und Johanna in all ihrer Pracht vor sich. Er spürte das überwältigende Glücksgefühl bei ihrem Anblick durch seinen Körper strömen. Doch mit einem Mal explodierte ein unsagbarer Schmerz in ihm, er durchlebte den Moment der Trennung von neuem, musste mit ansehen, wie er von Lucy fortgezerrt wurde, sah wie jegliche Farbe aus dem Bild wich, abstumpfte, bis die grausame Erkenntnis seiner eigenen Schwäche es zerschmetterte, in tausend Bruchstücke zerspringen ließ. Zerstreut blinzelte Benjamin, bäumte sich ein letztes Mal auf und versank auf ewig in den Schatten, ein schwaches Flüstern hervorbringend.
„Ich nehme das Angebot an!“

~*~*~

Rauschen drang an seine Ohren. Benommen blinzelte Sweeney. Er spürte das Rollen der Wellen unter sich, welches das Holz, auf dem er lag, hin und herwarf, zu einem Spielball der unberechenbaren Gezeiten werden ließ.
Die Ereignisse der letzten Stunden waren bloß noch verschwommene Schemen, die sich allmählich in Vergessenheit verloren. Sweeney konnte sich bruchstückhaft daran erinnern, wie er immer tiefer in undurchdringliche Schwärze gefallen war. Als er wieder zu sich zurückgefunden hatte, war gerade die Morgendämmerung eingebrochen und von Unruhe gepackt, hatte er die Anweisung erfüllt, die ihm das Geschöpf aufgetragen hatte. Irgendwie war er mit diesem Stück Holz aufs Meer getrieben. Er müsse einfach nur warten, dann würde er nach London kommen, dafür werde er sorgen – das waren die letzten Worte des Todesengels gewesen.
Ächzend hob Sweeney den Kopf und spähte gen Horizont auf die weite leere See. Nichts als blaues Gewässer und weißen Schaumkronen erfüllte sein Blickfeld. Er vermochte nicht zu sagen, wie lange er sich schon auf dem Meer befand. Sein trockener Mund fühlte sich jedoch wie Sandpapier an. Jede Faser seines Körpers lechzte nach Wasser. Wenn nicht bald etwas geschah, dann würde er elendig verdursten.
Erschöpft ließ Sweeney seinen Kopf wieder auf die Planken sinken und schloss die Augen. Eine warme Brise strich über sein Gesicht und zerrte an seinem wirren Haar. Er spürte die sengende Sonne auf sich scheinen und lauschte regungslos der See.
Verrecken würde er … elendig verrecken … nie nach London…..
Aber das durfte nicht geschehen! Hastig riss Sweeney die Augen auf und erhob sich, soweit es ihm die schwankenden Holzplanken seines behelfsmäßigen Floßes unter ihm erlaubten. Ihm schwindelte. Vergeblich suchte er den Horizont ab, bis er es schließlich sah. Aus dem blauen Farbengemisch heraus löste sich langsam der Schatten eines Schiffes, das majestätisch auf den Wellen ritt, genau auf ihn zu.
Ein Lächeln verzerrte die blutleeren Lippen.
Oh er würde seine Vergeltung bekommen. Es war nur noch eine Frage von Wochen, dann würde er den Tod nach London bringen. Richter Turpin sollte seine gerechte Strafe erhalten! Dafür würde er schon sorgen – er, Sweeney Todd.