... dann halt ihn fest!

von K1900
GeschichteRomanze / P16
Borussia Mönchengladbach
06.04.2010
18.05.2014
37
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*
(Lenas Sicht)

Ich war mir selbst wirklich unsicher, was hier los war.
Immer wieder kamen Ärzte und stellten mir irgendwelche Fragen. Lügen brachte definitiv nichts mehr.
Soviel war mir klar geworden.

Tony sah scheiße aus.

Ich fühlte mich ihm gegenüber schuldig.
Eigentlich hatte ich das gar nicht so geplant.

In dem Moment war das alles zu viel für mich. Ich wollte einfach nicht mehr.
Hoffentlich würde der Fußball ihm helfen das alles zu vergessen.
Ich wusste nicht, wie er auf das Ganze reagierte. Dafür kannte ich ihn einfach noch nicht gut genug.

Ich hatte ihm meine ganze Geschichte erzählt, in der Hoffnung, dass so etwas nicht passieren würde. Aber es war nun mal passiert und nicht mehr rückgängig zu machen.


„Frau Jensen? Wir werden Sie erst einmal in eine Klink bringen. Weiteres zum Aufenthalt werden Sie dort erfahren. Aus medizinischen Gründen können Sie auch nichts dagegen einwenden.“

Na sehr schön, warum erzählte mir der Arzt das dann überhaupt?
Ich war gefühlt eh auf Drogen.
Keine Ahnung, was die mir alles sowohl in Tablettenform als auch intravenös gaben.
Mittlerweile musste ich eine Woche schon hier sein.
Das Zeitgefühl hatte mich völlig verlassen.

Ich starrte nur gegen die Decke, zu mehr war ich nicht in der Lage.
Meine Arme und vor allem meine Handgelenke waren immer noch in Verbände gewickelt. Ich wollte gar nicht wissen, wie das unter den Verbänden aussah. Was auch immer in meinem Kopf vorgegangen war, ich konnte es mir selbst nicht mal mehr erklären.

Bisher hatte ich noch nichts von irgendjemandem gehört.
Tony wollte sich eigentlich bei mir gemeldet haben, hatte er wahrscheinlich auch, aber ich durfte weder mein Handy haben, noch hatte ich hier irgendeine andere Möglichkeit Kontakt zur Außenwelt auf zu nehmen.



*
(Tonys Sicht)
Es lief gar nichts mehr in der Mannschaft.
Irgendwie war der Wurm drin.
Lena hatte ihre sechs Wochen in der Klinik endlich hinter sich. Morgen würde sie endlich wieder nach hause kommen.
Wir waren mächtig in der Bundesliga abgesagt.
Platz vier mit dem wir in die Winterpause gegangen waren, war jetzt einige Punkte entfernt. Momentan standen wir auf Platz sieben.  

In der ganzen Zeit hatte ich ein einziges Mal Kontakt zu Lena gehabt, als ich sie besucht hatte.
Sie hatte ihren eigenen Trainer gehabt und ihr Physio war zu ihr gekommen, damit sie schnellst möglich wieder ins Training einsteigen konnte.

Marc wollte immer wieder mit Lena sprechen, aber irgendwie hatte ich es dann doch geschafft, dass er sich damit zufrieden gab, dass sie morgen nach hause kommen würde.
Früher oder später würde sie es ihm erzählen, das hatte sie mir bei meinem Besuch versprochen.


„Endlich“, flüsterte ich Lena zu, als ich sie endlich wieder in die Arme schließen konnte.
Sie hatte mir wirklich gefehlt.

„Wie geht’s dir?“, wollte ich wissen, als ich mich von ihr gelöst hatte und sie anstrahlte.
Ohne zu zögern zog Lena ihre Ärmel hoch und hielt mir ihre Unterarme hin.

„Besser“, lächelte sie.
„Ich darf morgen direkt wieder mit euch trainieren“, fügte sie noch hinzu.

Ich musste automatisch mit lächeln.
Es war nicht nur gut für sie, sondern auch für uns und die Moral. Wenn wir diese Saison etwas erreichen wollten, brauchten wir Lena.
Das hatten wir alle in den letzten Spielen gemerkt.
Zwar hatten wir alle gekämpft, aber wenn eine tragende Säule wegbricht, dann hat man auch als Mannschaft nicht die Kraft direkt auf den Verlust zu reagieren.

*
(Lenas Sicht)
Es war komisch wieder hier zu sein.
In den letzten Wochen bzw. zwei Monaten hatte ich hart gearbeitet um keinen zu großen Trainingsrückstand zu den Anderen zu haben. Der Aufenthalt in der Klinik hatte mir wirklich gut getan.

Ich fühlte mich wesentlich besser und auch die Angstzustände sind wesentlich besser geworden.

Ich hatte schon von Jan, meinem Physio, gehört, dass es in der Mannschaft nicht ganz so gut lief, aber ich freute mich trotzdem darauf endlich wieder mit ihnen zu trainieren. Die Mannschaft war zum Teil meines Lebens geworden und ich hatte sie wirklich vermisst.

Marc hatte ich erstmal aus meinem Kopf verbannt.
Dieses Thema hatten wir ausführlichst in den letzten zwei Wochen besprochen. Ich musste erstmal wieder mein Leben auf die Reihe bekommen, bevor ich mich wieder auf Marc konzentrieren konnte.  

Tony hatte ich das bereits erklärt, dass er Marc noch ein bisschen hinhalten musste, bevor ich mich bei ihm melden würde.

Die Mannschaft hatte heute noch eine Trainingseinheit und ich somit einen Termin bei unserem Mannschaftsarzt wegen eines Fitness-Tests und wegen meinen Tabletten, die ich vorerst nehmen musste, damit es nicht wieder irgendwelche Aussetzer geben würde.

„Und fertig?“, kam es von Tony, der aus seinem Schlafzimmer heraus kam und sich gerade die Hose zu machte.
Ich nickte. Meine Sachen waren alle im Stadion, von daher musste ich nichts mitnehmen.


„Denk dran, du hast dir ein Band gerissen und warst deswegen solange nicht da, falls dich irgendjemand fragt. Die Ärzte wissen Bescheid, was los war“, erinnerte Tony mich, als wir auf den Parkplatz am Stadion fuhren.

Es waren erstaunlich viele Menschen hier, obwohl es Montag war. Tony lächelte mich schief an, als er in die Kabine ging und ich mich auf den Weg in meine machte um mich dort umzuziehen.

Ich freute mich wirklich auf die kommenden Trainingseinheiten.

Von der Schule war ich erstmal noch zwei Wochen befreit, damit ich mich wieder an das normale Leben gewöhnen konnte.
Als ich mich auf den Weg zum Arzt machte, hörte ich nur meinen Namen hinter mir und wusste genau, dass es Roman sein musste.

„Endlich sieht man sich mal wieder, wie geht’s dir?“, wollte dieser wissen, als er mich umarmte.
„Besser auf jeden Fall.“

Er hielt mich eine ganze Zeit fest, keine Ahnung wieso, aber es tat gut.

„Marc, ähm ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber kannst du dich mal bei ihm melden?“, stammelte Roman vor sich hin, als wir zusammen ein Stück von den Kabinen aus in Richtung Ausgang bzw. Treppe machten.
Ich nickte.
Würde mich eh bei ihm melden müssen.

Außerdem würden wir am Wochenende gegen Mainz spielen, spätestens dann würde ich ihn ja irgendwann sehen, auch wenn ich nicht spielen würde.
Romans und mein Weg trennten sich.
Ich begab mich zu unserem Arzt und Roman musste mit den Anderen raus auf den Platz.

„Wie geht es dir?“, fragte mich auch unser Mannschaftsarzt.
„Besser als letztes Jahr.“
Ich hatte mich auf die Behandlungsliege gesetzt und antwortete brav den Fragen vom Arzt.

„Ich denke dem Test steht nichts im Wege, außerdem hofft Mick darauf, dass er Mittwoch schon wieder auf dich zählen kann“, lächelte er mir zu und führte mich auf unsere Trainingsfläche um den Leistungstest zu machen.

„Mittwoch?“, fragte ich verwirrt.

Hatte ich irgendetwas verpasst?
Oder hatten wir einfach nur eine englische Woche in der Bundesliga, die ich vergessen hatte?

„Na DFB-Pokal hier zu hause gegen Werder, wusstest du das nicht?“

Ich war von der Welt abgeschottet gewesen, woher sollte ich wissen, dass wir Weder im Pokal gezogen hatten, bzw. dass das diese Woche war.
Ich schüttelte den Kopf.

Zu allererst musste ich Fahrrad fahren.
Nicht sonderlich schwer, hatte ich in der Reha auch gemacht.
Alle Werte waren wie vorher.
Beim Laufen ebenfalls.

Wir machten uns auf den Weg auf den Platz.
Es zählte ja nicht nur das, was ich an Ausdauer hatte sondern auch meine Kraft und meine Technik.
Dadurch, dass Jan mit in der Reha gewesen war, hatte ich eigentlich in allen Bereichen viel gemacht.

Dass die Fans applaudierten, als ich auf den Platz kam, verwirrte mich.
Auch die Jungs schauten verwirrt zu den Fanplätzen, aber als sie mich dann sahen, wurde ihnen anscheinend einiges klar.

Andi war ebenfalls bei uns, sodass ich meine Aufgaben im Handumdrehen erledigt hatte und noch zwei Runde um den Platz laufen sollte.
Ich schloss mich der Mannschaft an, die gerade den gleichen Auftrag bekommen hatten.

„Was machst du nur?“, nahm ich eine Stimme hinter mir wahr und verlangsamte mein Tempo.
Chris.
Irgendwie fühlte ich mich schlecht, dass mir das passiert war, nachdem er in den Urlaub gefahren war.
Ich zuckte mit den Schultern.

„Jetzt bin ich wieder hier, mir geht’s gut und alles andere wird auch werden“, lächelte ich meinen besten Freund an.
„Überanstreng dich nicht“, streckte er mir die Zunge raus.
Die zwei Runden waren kein Problem für mich.
Danach musste ich mich nur schnell duschen gehen um dann zur Besprechung mit Mick und dem Arzt wieder im Besprechungszimmer zu sein.


„Ich denke, dass Lena Mittwoch schon wieder einsatzfähig ist und auch trainingsmäßig alles mitmachen kann“, lächelte unser Mannschaftsarzt mich an, als wir drei zuammen meine Werte ansahen.
Die sahen wirklich gar nicht so übel aus, im Gegenteil.
Also war die ganze Schufftertei in der Reha immerhin nicht für den Arsch.

Ich schnappte mir meine Tasche und machte mich auf den Weg zur Kabine der Jungs, als Mick mich bis morgen verabschiedete.
Chris kam als Erster aus der Kabine und zog mich direkt in eine Umarmung.

„Ich hab dich vermisst“, flüsterte er mir ins Ohr.

Gänsehaut bereitet sich aus.
Ich war froh wieder hier zu sein. Alles andere fühlte sich einfach nur falsch an.

„Ich weiß nicht, ob du mit zu mir kommen willst, oder ob du nachher nachkommen willst, aber Marc wartet bei mir zu hause. Er hat zwei Tage frei und wollte nochmal herkommen“, erklärte Tony, als er aus der Kabine kam und wir zum Auto gingen.

Ich musste früher oder später eh mit Marc reden, also warum sollte ich das nicht jetzt schon tun?!

„Doch, ich komm mit. Muss ja eh irgendwann mit ihm reden“, lächelte ich Tony an und sah entgeistert zu den Reportern hoch, die oben am Parkplatz auf mich warteten.

Eigentlich war mir klar gewesen, dass ich Fragen beantworten musste und war Tony ganz dankbar, dass er bei mir blieb und mich nicht hilflos den Reportern auslieferte.

„Wie geht es Ihrem Knie? Ab wann kann der Trainer wieder mit Ihnen rechnen?“, fragte einer der Reporter.
„Ich fühle mich gut, hab keine Schmerzen mehr und trainiere morgen wieder mit der Mannschaft mit. Wann ich wieder spiele entscheidet der Trainer, ich bin fit um zu spielen“, log ich so halb.

Das ging noch eine ganze Weile soweit, bis das ich endlich zum Auto durfte. Es war immer noch Winter und ich hatte nur Marcs Adidas Pulli an.


„Hey“, brachte ich leise hervor.
Eigentlich wollte ich nicht wirklich mit Marc sprechen, aber was blieb mir anderes über.

Ohne zu zögern zog Marc mich an sich und küsste mein Haar.

„Wieso hast du dich nicht gemeldet?“, kam es ebenso leise von ihm.
„Durfte in der Reha nicht telefonieren oder generell mein Handy haben. Ich sollte mich komplett auf mich konzentrieren und darauf, wie ich mein Knie wieder in Ordnung bekomme.“

Es tat weh zu lügen.

Gerade bei Marc.
Ich schloss die Augen einen kurzen Moment ehe ich Marc von mir wegdrückte und zu Tony in die Küche ging.
Mehr Zeit alleine mit Marc würde ich nicht aushalten, da war ich mir sicher.
Ich wollte weder über mich noch über mein Leben oder sonst was reden.

„Und wie läufts so bei dir?“, fragte ich an Marc gewandt, weil sich eine seltsame Stille zwischen uns auftat.
„Kann mich nicht beschweren. Ich spiel halt und die Mannschaft ist ganz nett“, lächelte Marc.

Wir reden noch ein Wenig, ehe Tony sich dazu entschied, dass wir alle zusammen mit Roman, Marco und Patrick und Co Essen gingen.

„Das ist wirklich okay für dich?“, fragte Marc mich, als wir vor Tonys Auto warteten und er meine Hand nahm und unsere Finger verschränkte.
Das war zu viel für mich.
Soweit war ich noch nicht wieder.

„Marc bitte“, flehte ich schon fast und zog meine Hand von ihm weg.
Ich hielt seinem Blick nicht stand und schaute zur Tür und hoffte, dass Tony gleich heraus kommen würde und wir endlich fuhren.


Irgendwie war es schön endlich wieder mit allen zusammen etwas zu machen, aber ich war auch echt froh, als wir auf dem Weg nach hause waren.

„Ich muss gleich noch ein Kissen und eine Decke aus dem Schrank bei dir im Zimmer holen, Lena“, erklärte Tony mir. Ich war um ehrlich zu sein verwirrt.
„Ne brauchst du nicht, ich fahr zu meiner Mutter, denke das ist das Beste für uns alle. Ich komm morgen früh dann nochmal vorbei bevor ich fahre.“

Marc schaute mich kurz durch den Rückspiegel an.

Ich sah, dass ihm diese Entscheidung wehtat. Während des Essens haben wir beide versucht zu vermeiden uns gegenseitig anzusehen.
Ich hoffte, dass wir gleich endlich bei Tony waren.

Die Spannung, die hier herrschte war einfach nur bedrückend.
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