Kontrast

von Jago
KurzgeschichteDrama / P12 Slash
31.03.2010
31.03.2010
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3.013
 
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31.03.2010 3.013
 
Vorab zur Klärung:
Die Zitate stammen alle aus dem Stück "Hamlet" von Shakespeare, das zwar nicht mein Lieblingswerk ist, aber recht gut gepasst hat, zumal Akria ja tatsächlich einmal den Hamlet gespielt hat. In Klammern habe ich Aufzug und Szene angegeben; entnommen sind sie aus einer deutschen Übersetzung, die im Diogenes-Verlag erschienen ist.
Zum OS an sich: Er ist ein bisschen arg kitschig und emotional geworden, aber ich hoffe, dass er trotzdem dem ein oder anderen gefällt. Vielleicht werde ich irgendwann einmal etwas sinnvolleres zu monochrome factor schreiben, wer weiß.
Disclaimer: monochrome factor gehört nicht mir und ich verdiene mit dieser Story ebenso wenig Geld wie mit allen anderen auch.
Ich denke, damit ist alles wichtige gesagt - viel Spaß beim Lesen!

„Schreibtafel her! Ich muss mirs niederschreiben, dass einer lächeln kann und immer lächeln und doch ein Schurke sein!“ (I, 5.)

Schwarz und Weiß.
Schatten und Licht.
Absoluter Kontrast.

Auf den ersten Blick bedeuteten diese Worte den Unterschied zwischen Gut und Böse. Aus dem Schatten kam die Dunkelheit und in der Dunkelheit gab es kein Leben; zumindest nicht in der Form, in der Akira es kannte. Davon musste er ausgehen. Zu häufig hatte er bereits dem Wahnsinn ins Gesicht gesehen, den die Dunkelheit aus den Herzen der Menschen hervorquellen ließ und mit Waffengewalt versucht, Verzweiflung zu bekämpfen. Aber heilten die Wunden in den Herzen der Menschen wirklich, sobald der Kokuchi ihren Körper verließ? Es klang zu schön um wahr zu sein.

„Du solltest Shirogane nicht vertrauen.“

Kou glaubte an den Unterschied, das war nicht zu übersehen. Aber konnte es tatsächlich so einfach sein?
Schwarz und Weiß, Gut und Böse – es wäre idiotisch, dazwischen eine absolute Grenze zu ziehen. Ein Weltbild, das nicht lange Bestand haben konnte. Die Dunkelheit war in Ordnung, solange sie das Licht nicht verdrängte und sich wie das Spiegelbild verhielt, das sie im Grunde war.
Akira seufzte leise und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. Er sollte sich nicht zu viele Gedanken darüber machen, schließlich wusste er, dass es diese Grenze nicht gab. Wenn er sie ziehen würde, würde nicht nur Shirogane in den Bereich des Bösen fallen, sondern auch er selbst. Er war ein Shin, und selbst wenn dieser Zustand nicht von Dauer sein sollte, konnte er es gegenwärtig unmöglich leugnen. Und bisher hatte ihm diese Tatsache nicht sonderlich viel Unbehagen bereitet. Er sollte sich wirklich nicht so viele Gedanken über Kous Worte machen. Shirogane kämpfte an ihrer Seite, ohne ihn hätte er möglicherweise erst von der Bedrohung erfahren, die die Kokuchi und wer auch immer sie kontrollierte, darstellten, wenn es zu spät gewesen wäre. Wenn Shirogane ein Verräter war – welches Interesse hatte er dann daran, ihn zu warnen? Und wäre es in diesem Falle nicht besser für ihn, ihm und den anderen irgendetwas halbwegs glaubhaftes vorzulügen, anstatt kontinuierlich jegliche Erklärung zu verweigern und sich dadurch nur unnötig verdächtig zu machen?
Er dachte schon wieder darüber nach. Dabei hatte er sogar darauf verzichtet, nach alter Gewohnheit die Schule zu schwänzen und sich freiwillig eine Doppelstunde Mathematik angetan, um das Thema irgendwie aus seinem Kopf zu verbannen und nicht andauernd zu irgendeiner Form der Interaktion mit Shirogane gezwungen zu sein. Natürlich hatte das nichts genützt. Entweder hatte Shirogane nicht begriffen, dass er gerne ein paar Minuten alleine gewesen wäre oder aber er ignorierte seinen Wunsch in vollendeter Perfektion. Akira vermutete, dass letzteres zutraf. Schließlich hatte er ihm in klaren Worten mitgeteilt, dass er alleine sein wollte. Und Shirogane war vieles, aber nicht taub. Ebenso wenig war er ein hoffnungsloser Idiot. Diese Rolle war bereits mit Kengo besetzt. Obwohl, wenn er genauer darüber nachdachte...
Ein fester Schlag auf den Hinterkopf holte Akira etwas unsanft zurück in die harte Realität der Exponential- und Logarithmusfunktionen, die derzeit wohl auf dem Stundenplan standen. Nicht, dass er davon viel mitbekommen hätte, aber wenn man einmal wider jeder Gewohnheit eine dieser unsäglich langweiligen Stunden besuchte, dann kam man nicht umhin, ein paar Fachbegriffe aufzuschnappen.
„Autsch!“, beschwerte er sich etwas unmotiviert und rieb sich den schmerzenden Hinterkopf. „Was soll das?!“
Aya gab ein verächtliches Schnauben von sich und klatschte ihr Mathebuch zurück auf den Tisch. „Und ich hatte gedacht, du hättest endlich dazugelernt, wenn du freiwillig hier auftauchst. Aber nein! Schlaf' gefälligst nicht mitten im Unterricht ein!“
„Ich hab' nicht geschlafen“, korrigierte er verstimmt. „Ich hab' nachgedacht!“
„So, so...“ An sich sollte ein süßes Lächeln, wie Aya es in diesem Moment aufsetzte, ein Mädchen attraktiver machen, doch in Verbindung mit ihrem Gesicht brachte es einen allenfalls dazu, schnell noch ein letztes Gebet zu sprechen. Auch ohne vorhergehenden Beweis wäre klar gewesen, dass in ihren Händen selbst ein unschuldiges Mathebuch zu einer gefährlichen Waffe werden konnte.
Zu Akiras Glück schien auch Kengo – der ihm selbst in den Unterricht nachgedackelt war wie ein treues Hündchen – geistig nicht beim Unterricht zu sein, sodass sie abgelenkt war und ihr Mathebuch anstatt auf Akiras Kopf auf ihr neu erwähltes Zielobjekt niedersausen ließ.
„Aya!“ In dem kläglichen Versuch, nicht das Opfer weiterer Attacken zu werden, hob Kengo schützend die Hände vors Gesicht.
„Sag' nicht, dass du auch nachdenkst!“, befahl sie kühl und ihr Grinsen wurde noch ein gutes Stückchen dämonischer. „Das kauft dir keiner ab!“
Als sie noch einmal ausholte, um Kengo etwas nachdrücklicher den Wert guten Unterrichts zu erläutern, verlor Akira das Interesse. Fast zufällig streifte sein Blick Shirogane, der schräg hinter ihm mitten im Gang stand und das Geschehen gelinde amüsiert betrachtete. Ein seltsamer Anblick. Akira würde sich niemals daran gewöhnen. Nicht einmal als Kind hatte er einen unsichtbaren Freund besessen. Und jetzt?
Er schüttelte unwirsch den Kopf. Langsam aber sicher machte es ihn ernsthaft wütend, dass er diesen dämlichen Schatten nicht mehr aus dem Kopf bekam. Selbst wenn er daran dachte, dass er eigentlich nicht so viel über Shirogane nachdenken sollte, dachte er im Grunde nur an ihn. Und daran war einzig und alleine Kou schuld. Es war zum Verzweifeln.
Egal wie lange er das Thema hin und her wälzte – er kam zu keiner befriedigenden Erkenntnis. Shirogane hatte ihn gebeten, ihm zu vertrauen, aber konnte er das noch tun? Es sprach vieles für ihn, aber ebenso viel gegen ihn. Er war ein Shin. Trotzdem hatte Nanaya ihn entführt, in der festen Absicht ihn zu töten. Er schien Ruru recht gut zu kennen. Aber da sie aus ein und derselben Welt stammten, war auch das nicht unbedingt ein Beweis dafür, dass er sie verraten hatte. Im Gegenteil: Würde er mit Ruru und dem geheimnisvollen Drahtzieher unter einer Decke stecken, dann hätten beide besser daran getan, ihre Bekanntschaft vor dem Rest der Gruppe zu verbergen. Allerdings konnte dieses kleine Eingeständnis ebenso gut darauf abzielen, auf einem Umweg Vertrauen zu erschleichen. Wie er es auch drehte und wendete: Es war hoffnungslos. Einzig und allein Shirogane konnte Licht in diese Angelegenheit bringen und abgesehen davon, dass er niemals antwortete, wenn Akira ihn um vergleichbare Auskünfte bat, war auf ihn in diesem ganz speziellen Falle kein Verlass. Insgeheim bezweifelte Akira, dass er ihm glauben würde, wenn er seine Unschuld beteuerte und das machte ihn traurig. Was wollte er denn hören? Wollte er tatsächlich hören, dass er ein Spion war? Würde das nicht bedeuten, dass er Shirogane nicht vertraute? Nicht das allerkleinste bisschen? Es gab keine Beweise dafür, dass Shirogane 'böse' war, nicht einmal aussagekräftige Indizien. Nur Kous Worte. Und Zweifel, die Akira von Anfang an gehabt haben musste, wenn er sich so leicht beeinflussen ließ.
Trotzdem – obwohl er nicht anders konnte, fühlte es sich falsch an, Shirogane so sehr zu misstrauen. Warum? Akira wollte ihm vertrauen, so viel war ihm bewusst. Er wollte ihm glauben. Aber er konnte es nicht. War er wirklich so armselig und erbärmlich, dass er es nicht wagte, auf sein eigenes Urteil zu vertrauen? Die Erkenntnis schmerzte. So konnte das alles nicht weitergehen. Es musste einen Ausweg aus diesem Dilemma geben, einen Ausweg...
„-kira! AKIRA!“
Erschrocken sprang er von seinem Stuhl auf und fegte dabei unversehens all seine Arbeitsunterlagen vom Tisch. Es dauerte eine ganze Weile, bis er begriff, dass es wieder Aya gewesen war, die ihn aus seinen Gedanken gerissen hatte.
„Schläfst du nicht genug?“, erkundigte sie sich gespielt besorgt und wedelte gefährlich nahe vor seiner Nase mit ihrem Mathebuch herum. „Du bist total weggetreten, Akira. Es hat schon geklingelt, die Schule ist aus.“
Akira winkte müde ab. Im Prinzip hatte sie Recht. Er hatte in den letzten beiden Nächten kaum Schlaf gefunden. Wie hätte er schlafen können, wenn Shirogane direkt neben ihm lag? Wie konnte er überhaupt Ruhe finden, solange er sich mit ihm in ein und demselben Raum aufhielt? Wenn er nicht aufhören konnte an ihm zu zweifeln, würde sich das niemals ändern. Partiell war es auch Shiroganes Schuld. Sein undurchschaubares Lächeln machte es ihm nicht unbedingt einfacher herauszufinden, woran er war und diese ständigen Beteuerungen wie sehr er ihn doch mochte, ließen ihn sich nur noch schlechter fühlen.
„Aya hat Recht“, pflichtete Kengo mit einem gewichtigen Nicken bei und versuchte, Akira aufmunternd auf die Schulter zu klopfen, doch der schlug seine Hand weg, noch bevor sie ihn berührte. „Du bist ganz blass. Vielleicht...“ Er legte die Stirn in Falten wie ein Arzt, der in höchster Konzentration eine Diagnose stellte. „Vielleicht wirst du einfach alt.“
Keine zwei Sekunden später fand er sich mit dem Gesicht auf dem Boden wieder, Akiras Fuß zwischen seinen Schulterblättern.
„Wer wird alt?!“, knurrte Akira säuerlich, obgleich er eigentlich kaum Lust hatte, sich auf billige Provokationen einzulassen. Er hatte sich vorgenommen, sich so normal wie möglich zu verhalten, denn schließlich genügte es, wenn er sich Sorgen machte. Seine Freunde musste er damit nicht unbedingt belasten. Mit dem Fuß dirigierte er Kengos Kopf in Richtung seiner Schulsachen, die um ihn herum verstreut am Boden lagen. „Pack' mein Zeug zusammen, ich will nach Hause!“, befahl er knapp und wandte sich zum Gehen. Shirogane zögerte nicht, ihm zu folgen.
„Ich bin doch nicht dein Sklave!“, gab Kengo frustriert zu bedenken, doch als ihm weiters keine Beachtung geschenkt wurde, kam er der Aufforderung trotz allem nach.

„Denn an sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu.“  (II, 2.)

Ein schöner, sternklarer Himmel erwartete Akira, als er das Fenster öffnete und sich herausbeugte, um seinen Kopf im wahrsten Sinne des Wortes zu lüften. Der Tag war weitestgehend ereignislos geblieben. Keine Kokuchi, keine Aufgabe. Langweilig wie damals, bevor Shirogane in sein Leben getreten war, und dabei hätte er sich so gerne ein bisschen von dem ganzen widerlichen Gedankensalat abgelenkt. Er konnte es schlichtweg nicht mehr ertragen. Das viele Denken war ermüdend, es zehrte an seinen Kräften.
Selbstverständlich war Shirogane bei ihm. Er war immer da. Die Stunden, in denen er nicht an seiner Seite gewesen war, konnte er an einer Hand abzählen. Dennoch hatte Akira das Gefühl, dass an diesem Tage etwas anders war. Shirogane hatte nicht mit ihm gesprochen. Nicht ein einziges Wort. Er war ihm gefolgt wie ein Schatten – immer stumm ein paar Schritte hinter ihm.
Der Vergleich klang in Akiras Ohren beinahe wie ein schlechter Scherz. Shirogane WAR ein Schattenwesen. Genau da lag ja der Hund begraben. Mit einem etwas verunglückten Lächeln auf den Lippen drehte er sich um, um sich von der Präsenz des Shin zu überzeugen und erschrak nicht wenig, als er geradewegs in Shiroganes Augen blickte. Er konnte den Ausdruck darin nicht lesen, aber er war sicher, dass sie eine Nuance dunkler waren als gewöhnlich.

Akira konnte nicht sagen, wie lange sie sich einfach nur ausdruckslos angestarrt hatten. Der kalte Abendwind streifte seine Schultern und ließ ihn frösteln. Es war ungewöhnlich für Shirogane, nicht zu lächeln und es behagte ihm ebenso wenig, wie wenn er es tat. Vermutlich war es Shirogane unmöglich, ihm überhaupt irgendetwas recht zu machen. Das Misstrauen saß zu tief. Vielleicht sogar tiefer als der Wunsch, ihm zu vertrauen. Wieso nur brauchte er einen Beweis für Shiroganes Loyalität? Allen anderen vertraute er bedingungslos. Aya und Kengo kannte er seit Jahren, Kou ebenso. Aber auch an Haruka und Master hatte er nicht eine Sekunde lang gezweifelt. Warum Shirogane? War es, weil er ihm nicht von der Seite wich? Weil er ihm... näher stand als alle anderen? Weil sein Verrat ihn mehr verletzen würde, als alles andere? Der Gedanke war neu, doch er schien ihm nicht einmal so sehr an den Haaren herbeigezogen.
Schließlich war es Shirogane, der den Blick abwandte und sich darauf verlegte, düster den Boden zu seinen Füßen anzustarren. Akira konnte seinen Atem hören. Vielleicht hatte er etwas sagen wollen. Vielleicht auch nicht. Es ging bergab. Eindeutig. Und mit einem Mal fühlte Akira sich unwohl und überfordert.
Er ahnte, dass es seine Schuld war, dass sie nicht einmal mehr miteinander reden konnten. Natürlich hatte Shirogane längst bemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war. Akira hatte ihn zum Schweigen gebracht. War das ein Geständnis?
Akira hasste sich allein für den Gedanken. Wie sollte sich überhaupt irgendetwas zum Besseren wenden, wenn er ausnahmslos alles verdächtig fand, was Shirogane tat oder unterließ? Was sollte Shirogane noch sagen, wenn er jedes seiner Worte auf die Goldwaage legte? Es war so sinnlos.
Eine Weile haftete sein Blick an Shiroganes langem, weißen Haar, dann erhob er sich, einem plötzlichen Impuls folgend. Er konnte die drückende Stille nicht ertragen, obwohl er sie selbst provoziert hatte. Wenn er noch länger untätig herumsaß, würde er verrückt werden, ganz bestimmt.
Egal ob es eine Lüge war oder nicht – er wollte sein Lächeln sehen und sich wenigstens ein paar Minuten lang der Illusion hingeben, dass alles in Ordnung war.
„Shirogane?“
Der Shin rührte sich nicht, sah ihn nicht an.
„Shirogane?“, versuchte er es noch einmal und setzte sich zu ihm auf den Boden. „Ist alles in Ordnung?“
Eine ziemlich überflüssige Frage, denn selbstverständlich war nichts in Ordnung. Shirogane schien das bewusst zu sein, denn auch diesmal machte er keinerlei Anstalten, irgendwie auf Akiras Worte zu reagieren. Auf eine seltsame Art und Weise machte ihn das wütend.
Bevor Akira so recht begreifen konnte was er tat, hatte er ihn an den Schultern gepackt und gewaltsam zu sich umgedreht. Shirogane ließ es völlig willenlos geschehen, vermied aber noch immer tunlichst, ihn anzusehen. Was sollte das? Es war nicht Shiroganes Art, ihn zu ignorieren und er konnte nicht behaupten, dass es ihm gefiel. Ganz im Gegenteil: es machte ihn geradezu wahnsinnig! Im Bruchteil einer Sekunde hatte er all seine Zweifel und Verdächtigungen vergessen und konzentrierte sich auf das seltsame Gefühl, das seinen Körper von Kopf bis Fuß in Flammen setzte. Eine Mischung aus Wut und Enttäuschung, wie er feststellte. Und ehe er es sich versah, hatte er Shirogane eine Ohrfeige verpasst, die sich gewaschen hatte. Sein Kopf flog zur Seite wie ein Punchingball und ein glühend roter Handabdruck zeichnete sich auf seiner Wange ab. Er gab ein leises, überraschtes Keuchen von sich, aber ansonsten blieb er stumm. Und Akira fühlte sich kein bisschen besser.
„Shirogane, verdammt!“, brüllte er völlig von Sinnen. „Was soll das?! Bist du taub?! Zum Teufel, ich rede mit dir! Antworte gefälligst! Oder hast du vor, mich nur noch anzuschweigen?! DAS KOTZT MICH AN!“
Akira schnappte keuchend nach Atem und schloss einen Moment lang die Augen, um sich etwas zu beruhigen. Er konnte sich nicht erklären, was über ihn gekommen war, aber er konnte auch nicht leugnen, dass es gut getan hatte, seinem Ärger und seiner Unsicherheit auf diese Weise Luft zu machen, auch wenn Shirogane seinen Zorn im Grunde nicht verdient hatte.
Als er die Augen wieder öffnete, musste er feststellen, dass der Shin erschrocken vor ihm zurückgewichen war und ihn so entsetzt anstarrte wie das Kaninchen die Schlange. Das war nicht der Shirogane, den er kannte. Der Shirogane, den er kannte, hätte seinen Wutausbruch gelassen zur Kenntnis genommen und ihn allenfalls belächelt. Und jetzt wirkte er so grotesk unschuldig und verletzt, dass Akira nicht anders konnte, als sich schuldig zu fühlen.
„Akira...“
Shiroganes Stimme klang brüchig. Und mit einem Mal konnte Akira verstehen. Wenn er selbst unsicher und enttäuscht war, dann traf dasselbe auch auf ihn zu. Wenn er es nicht ertragen konnte ignoriert zu werden, wie schwer musste es dann für Shirogane sein, die geballte Wucht seines Misstrauens und seiner Ablehnung zu ertragen?
„Shirogane...“ Akira beeilte sich, ihn loszulassen. „Es tut mir leid.“ Er ließ offen, was genau er damit meinte, doch er glaubte zu wissen, dass sich die leise Entschuldigung nicht nur auf seinen völlig irrationalen Wutausbruch bezog.
Shirogane lachte bitter. „Wahrscheinlich geschieht es mir recht“, erklärte er abwesend, zupfte seinen Mantel zurecht und tastete mit einer Hand nach seiner noch immer geröteten Wange. „Ich habe dir nicht vertraut, jetzt vertraust du mir nicht. Ich kann dich nicht dazu zwingen. Aber...“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und es schien, als kostete es ihn ein enormes Maß an Überwindung, fortzufahren. „...Es tut mir weh.“
Akira zuckte unangenehm berührt zusammen. Gerne hätte er sich noch einmal entschuldigt, aber er ahnte instinktiv, dass 'es tut mir leid' nicht einmal annähernd das war, was Shirogane jetzt hören wollte. Und im Endeffekt war es auch vollkommen egal, ob es ihm leid tat oder nicht – so wie die Dinge standen, würde sich so oder so nichts an seinen Gefühlen ändern. Er konnte Shirogane nicht vertrauen, nur, weil er sich das wünschte. Und solange er ihm nicht vertraute, würde Shirogane nicht glücklich sein. Vermutlich war es vorerst besser, den Mund zu halten und sich anzuhören, was der Shin ihm zu sagen hatte. Falls er denn überhaupt noch etwas sagen wollte.
„Ich...“ Shirogane schien unschlüssig. Und Akira konnte dieses eine Mal nichts tun, um ihm das Reden zu erleichtern. „Es ist in Ordnung, wenn du mir nur ein kleines bisschen vertraust.“ Er hob den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. „Nein, falsch. Du musst mir überhaupt nicht vertrauen. Aber ich will, dass du begreifst...“ Er stockte. In seinen Augen spiegelte sich etwas, das Akira nur als Verzweiflung deuten konnte und ihm prompt einen Stich ins Herz versetzte, und doch zögerte Shirogane nur kurz, bevor er sich zu ihm hinüber beugte und ihn so sanft und zärtlich, so voller Vertrauen küsste, dass er unwillkürlich errötete.
„Ich will, dass du begreifst, wie sehr ich dich liebe.“

„Der Rest ist Schweigen.“ (V, 2.)
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