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Metamorphosen

GeschichteDrama / P16 / Gen
26.03.2010
11.04.2010
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26.03.2010 2.230
 
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Es brannte wie Feuer, sein Blut war am kochen. Gefährliche Rage stieg in ihm hoch, angefacht von der Hitze seiner Verwandlung. Sein Geist wurde nur von einem einzigen drängenden Trieb eingenommen.

Krampfhaft schleppte er sich durch die Dunkelheit, angeleitet von seinem Instinkt. Sein Geruchssinn wies ihm den Weg und schließlich fand er das, was für ihn einzig und allein zählte. Als die Witterung stärker wurde, quälte er sich durch ein enges Rohr und ließ seine Rüstung hinter sich.

Tierblut, nicht frisch, aber es musste genügen um seinen Hunger zu stillen. Gierig ließ er sich ins lebenspendende Rot sinken und saugte es in tiefen Zügen auf.

Als sich sein Körper veränderte, fühlte er, wie sein Herz von Knochen eingeschlossen und sein Unterkiefer durch giftige Fänge ersetzt wurde. Das Verlangen nach Blut war das einzige, was ihn beherrschte.

Er trank in der Finsternis, während die Sonne weit über ihm ihre Bahnen zog.


Ein Zittern durchfuhr ihn, etwas war falsch. Ihm war anders, aber was genau es war, konnte er nicht ausmachen. Doch er brauchte sich nicht bewegen, nur daliegen und trinken.

Sein Körper wurde allmählich kälter, aber diese Erkenntnis vergaß er in seinem Hunger sofort wieder.

Nach einer Weile kamen die Schmerzen, unerträglich. Er wünschte, er wäre tot, konnte nichts tun, nicht schreien. Er konnte dem Blut, das ihn nährte und am Leben hielt, nicht entkommen, er war eingeschlossen davon. Das erbarmungslose Rot hielt ihn, schenkte ihm Ausdauer, die grausame Folter weiter zu ertragen.

Irgendwann hörte es auf, und ein dunkler Schleier legte sich über sein Bewusstsein.



Etwas weckte ihn, ein Geruch. Der süße Duft lockte ihn aus seinem Loch. Er grub sich seinen Weg frei durch den Tunnel, den er gekommen war vor so langer Zeit. Er atmete tief ein, legte sich auf die Lauer und wartete. Seine Beute bewegte sich direkt in seine Richtung.

Ahhh, welch ein Festmahl!



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Sie rannte, doch ihre Verfolger holten auf. Wie lange sie schon lief, wusste sie nicht, nur dass ihre Lungen fast platzten und ihre Beine nicht mehr konnten. Immer wieder stolperte sie, fiel hin, rappelte sich wieder hoch.

Doch sie kamen immer näher. Wie konnten die hier eigentlich sehen?

Die Typen hatten sie angemacht, waren ihr gefolgt. Sie war immer schneller gegangen, zurück zum Hotel, doch in der Aufregung hatte sie sich in der fremden Stadt verirrt. Sie hatten sie zum Fluss getrieben, mit ihr gespielt. In ihrer Panik war sie los gelaufen, ohne darauf zu achten wohin.

Schließlich blieb ihr nur noch ein einziger Weg: Vor ihr am Ufer öffnete sich ein großes Rohr der Kanalisation. Es hatte ein Gitter, aber das war schon vor langem verbogen worden. Es stank, doch sie wusste sich nicht zu helfen. Vor Ratten hatte sie weniger Angst als vor diesen Typen.

Sie hatte gehofft, dass sie nicht mitbekommen, wohin sie verschwand. Hatte sich durch die Maschen gezwängt und war blindlings weitergelaufen. War langsamer geworden, als sie nichts mehr sah. Doch dann hörte sie die Stimmen. Die Typen waren hinter ihr!

Also lief sie weiter. Immer mit den Händen an der Wand tastend. Ihr Kleid war inzwischen zerfetzt, ihre Schuhe hatte sie schon im Park verloren, mit Pumps lief es sich nicht gut.

Sie ekelte sich vor dem Schleim, dem Gestank, den Dingen, auf denen sie ausrutschte. Die Brühe, durch die sie watete, war dicker als Wasser und manchmal berührte etwas ihre Beine. Es ging um ihr Leben, sonst hätte sie sich übergeben müssen. Längst hatte sie die Orientierung verloren.

Hysterisch dachte sie daran, dass irgendwann von ihr nicht mehr als Knochen gefunden werden würden. Ratten würden ihren gepeinigten Körper beseitigen, keine DNS-Spuren würden die Täter überführen. Sie kicherte leise bei diesem Gedanken, als ob ihr das dann sowieso noch irgendwas bringen würde.

Jäh wurde sie aus ihren wirren Überlegungen gerissen, als sie die Stimmen ihrer Verfolger direkt hinter sich hörte. Sie hatten sie gefunden.

Die Frau hielt den Atem an und bewegte sich nicht. Vielleicht würden die Kerle einfach an ihr vorbeimarschieren, wenn sie sich still verhielt.

Ihre Hoffnung wurde vernichtet, als der Erste sie direkt ansprach. Sie verstand zwar kein Tschechisch, doch sie wusste, dass sie gemeint war, sie erkannte das an seinem Ton.

Er kam näher, die drei lachten. Etwas berührte sie im Gesicht, strich über ihre Wange. Sie schrie und drückte sich an die Wand. Er folgte ihr, presste seinen Körper gegen ihren. Seine beiden Freunde stellten sich zu ihren Seiten auf.

Sein Körper war kühl. Er packte ihre Handgelenke, sein Griff war wie Eisen. Sie konnte sein Gesicht an ihrem fühlen, seinen Atem auf ihrer Haut. Seine Lippen liebkosten ihre Stirn und wanderten ihre Schläfe hinunter zu ihrem Hals. Er gluckste vor Vergnügen, als seine Zunge über ihre Kehle leckte.

Dann brach die Hölle los.

Plötzlich wurde er mit einem gewaltigen Ruck von ihr weggerissen. Er schrie schmerzerfüllt auf, wild mit den Händen fuchtelnd versuchte er Halt zu finden und riss ein Stück ihres Ärmels mit sich. Seine Begleiter stürzten ihm hinterher, vergessen war die entsetzte Frau.

Sie konnte Knacken und Knirschen hören, das Wasser wurde aufgewühlt und brodelte als würde es kochen. Das Gebrüll der Männer ging schließlich in ein Gurgeln über. Sie kämpften, sie kämpften um ihr Leben.

Wimmernd rutschte sie an der Wand runter, bis sie ein jämmerliches Bündel Trostlosigkeit war. An ihre Nase drang ein metallischer Geruch. Blut? Sie vergrub ihren Kopf in den Armen und wagte nicht sich zu bewegen bis der Tumult beendet war und Stille einkehrte.

Stille, die das Rauschen in ihren Ohren unerträglich machte. Sie schluckte und würgte, rang um Luft. Die Kälte kroch in ihren Körper und machte ihre Glieder taub.

Vor ihr bewegte sich das Wasser. Als sie ein Wispern vernahm, schreckte sie auf und hielt sich die Hände abwehrend vor das Gesicht.

„Schschsch!“ Eine sanfte Berührung, leicht wie eine Feder, nahm ihre Handgelenke und zog sie auf die Füße, hielt sie, als sie ihr Gleichgewicht nicht sofort fand.

Er raunte ihr mit beruhigender Stimme ein paar Worte auf Tschechisch zu.

„Ich verstehe Dich nicht“, gab sie flüsternd zurück.

Er zögerte kurz. „Keine Angst.“ Er sprach langsam und betont, sie konnte seinen Dialekt nicht zuordnen.

„Wo sind die anderen Männer?“ Ihre Stimme brach fast, als sie diese Frage stellte, deren Antwort sie gar nicht wissen wollte.

Er erwiderte mit einem gnädigen „Fort.“ Als er sich abwenden wollte, hielt sie ihn fest.

„Wohin gehst Du? Kannst Du mir den Weg hinaus zeigen?“

Wieder zögerte er, sie war sich nicht sicher, ob sie sich ihm anvertrauen wollte, doch ihr blieb keine Wahl. Alleine kam sie hier nicht raus. „Bitte lass mich nicht zurück.“ Ihre Stimme war flehend.

Etwas griff nach ihrer Hand. Seine Haut fühlte sich rau und verkrustet an, oder trug er einen Handschuh? Dann führte er sie hinter sich her. Sie bemerkte, wie sicher seine Bewegungen waren, fast so als ob er in der Dunkelheit sehen konnte. Er begleitete sie zum Ausgang, ohne weiteres Stolpern erreichten sie das Gitter.

Er blieb ein paar Meter davor stehen und ließ sie los. Das Licht der Stadt war hier noch zu schwach, als dass sie irgendetwas von ihm erkennen konnte.

„Kommst Du nicht mit raus?“ Sie fürchtete sich vor ihm, auch wenn er ihr geholfen hatte. Er hatte eine seltsame Ausstrahlung. Doch noch mehr fürchtete sie sich, alleine durch den Park zu gehen. Vielleicht lauerten da draußen noch mehr von diesen Gestalten.

Er schüttelte den Kopf. Sie konnte das mehr fühlen als sehen. Er wollte die Tunnel nicht verlassen.

„Bitte, ich habe Angst alleine zurück zu gehen.“ Sie griff wieder seine Hand, er ließ es zu.

„Du wirst mehr Angst vor mir haben“, sagte er ruhig.

„Habe ich denn Grund dazu?“ Wieder eine Frage, bei der sie sich nicht sicher war, ob sie die Antwort hören wollte.

„Ich werde Dich nicht verletzen.“

„Dann begleite mich bitte“, drängte sie. „Ich verspreche auch keine Angst zu haben!“

Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde war sein Gesicht neben ihrem Ohr, sie hatte nicht einmal Zeit sich zu erschrecken.

„Versprich nicht, worüber Du keine Kontrolle hast!“ Es kostete sie fast Mühe, sein Flüstern zu verstehen. Er klang nicht bedrohlich, aber ernst. „Du hast die Wahl. Entweder Du gehst alleine und lebst Dein Leben friedlich weiter, oder DU begleitest MICH und wirst diese Entscheidung verfluchen.“

Sie schluckte, was für ein gemeiner Scherz war das? Entgeistert wich sie ein paar Schritte zurück.

„Danke“, war alles, was sie sagte, als sie sich umdrehte und daran machte, wieder durch das Gitter zu klettern. Sie lauschte, aber sie erhielt keine Antwort. Auf der anderen Seite spähte sie in den dunklen Tunnel, doch erkennen konnte sie nichts von ihrem geheimnisvollen Retter.

Sie stand am versandeten Ufer des Flusses, der Mond war noch fast voll und sehr hell. Hell genug um ihr zu zeigen, wie schmutzig sie war. Sie roch bestialisch und war über und über bedeckt mit der schleimigen Brühe. Angeekelt wankte sie ins seichte Wasser und wusch sich notdürftig. Der Fluss war zwar auch nicht gerade sauber, aber immerhin besser als die Kloake, aus der sie gekommen war.

Während sie sich vom Gestank befreite, überlegte sie, was sie jetzt tun sollte. Wahrscheinlich war es das Beste zur Polizei zu gehen und den Vorfall zu melden. Ob man etwas von ihren Verfolgern finden würde, und wenn ja, was? Unwillkürlich musste sie sich schütteln, als ihr Bilder von Ratten, die sich auf totes Fleisch stürzten, in den Sinn kamen.

Ihr Blick wanderte wieder zum Tunnel. Sie konnte nichts sehen, aber sie glaubte, seinen Blick zu spüren. Stand er noch da und beobachtete sie? Irgendwie fühlte sie sich sicherer bei diesem Gedanken.

Nach einer Weile watete sie aus dem Fluss heraus und kämpfte sich das steile Ufer hoch, um den Spazierweg des Parks zu erreichen. Aus einer Laune heraus setzte sie sich dann jedoch auf der Böschung an einen Baum, wo sie einen guten Blick auf den Tunnelausgang hatte. Früher oder später würde er herauskommen.

Sie fragte sich, warum sie das tat. War es reine Neugier oder Wahnsinn?

Geduldig harrte sie eine ganze Weile aus, in der sie nur die Geräusche des nächtlichen Waldes vernahm. Dann sah sie etwas unter ihr, das ihre Aufmerksamkeit in den Bann zog.

Leichtfüßig war er erschienen und schaute zum Himmel, zum Mond. Seine Bewegungen waren geschmeidig und elegant wie die einer Raubkatze. Verdutzt runzelte sie die Stirn, als sie seine Haut betrachtete, die war schwarz und schien von groben Schuppen bedeckt zu sein. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen, da er ihr den Rücken zukehrte.

Flink ließ er sich an der Wasserlinie nieder und fing an sich mit dem Nass abzureiben. Er trug nur eine Hose und Stiefel, wie sie jetzt erkennen konnte. Sein Haar klebte ihm am Kopf und war so schwarz wie seine Haut, die anscheinend bei seiner Aktivität abplatzte.

Sie hielt den Atem an, das Schwarze war nicht seine Haut, es war eine zentimeterdicke Kruste von was auch immer. Darunter kam glatte Haut zum Vorschein. Seinen Teint konnte sie nicht erkennen, aber blass wirkte er nicht, doch das konnte auch am Dreck liegen.

Er schien schnell zu erkennen, dass er mit ein paar handvoll Wasser nicht sauber werden würde und ging ganz in den Fluss hinein. Dort tauchte er unter. In Gedanken zählte sie die Sekunden. Bei 15 war sie beeindruckt, bei 30 verwundert, bei 50 wurde sie unruhig und bei 80 panisch.

Der Frau stockte der Atem, war er ertrunken? Sie beugte sich vor, um besser sehen zu können und blickte den Fluss abwärts. Sein Körper trieb nicht an der Wasseroberfläche und sie wollte sich gerade aufmachen wieder hinunter zu klettern, als er prustend und sich schüttelnd auftauchte. An derselben Stelle, an der er verschwunden war.

Er ging zum Ufer und streifte sich mit den Händen das Wasser ab. Nun konnte sie auch erkennen, dass er anscheinend Asiat war, vielleicht Chinese oder Japaner. Und gut aussehend noch dazu. Seine schlanke Erscheinung war muskulös und durchtrainiert. Das dunkle Haar, jetzt befreit von dem Schmutz, war mehr als schulterlang und glänzte seidig.

Die Hose und Stiefel waren aus schwarzem Leder, aber zerschlissen und stellenweise gerissen. Vielleicht war es der Rest einer Motorradkluft.

Wind kam auf und ließ die Frau zittern. Erst jetzt, wo nicht mehr so viel Adrenalin in ihrem Blutkreislauf war, merkte sie, dass sie fror. Sie kniff kurz die Augen zusammen und biss sich auf die Lippen, damit ihre Zähne nicht klapperten.

Als sie ihre Augen wieder öffnete, hockte er direkt vor ihr. Sie schrie auf, fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf gegen den Baum. Er blickte sie ruhig an, sein Gesicht ließ keine Regung erkennen. Sie starrte ungläubig zurück, hatte er gerade in zwei Sekunden zwanzig Meter Uferböschung überwunden?

Wo er so nah bei ihr war, konnte sie sehen, dass seine Augen gelb waren. Gelb!

Was war er?

Sie erstarrte, als ihr klar wurde, dass sie sich womöglich in größter Gefahr befand.

Er hob langsam die Hand und legte sie in ihren Nacken, um sie zu sich heran zu ziehen. Seine Haut war weich und kühl, sie erinnerte sie etwas an den Typen im Tunnel. Ihr fuhr ein Schauer den Rücken hinab.

„Du wirst diese Entscheidung verfluchen“, wiederholte er leise. Und jetzt begann sie auch langsam zu begreifen warum.

„Wirst Du mich töten?“ Ihr Herz schlug wild, doch er schüttelte den Kopf.

„Aber Du wirst tot sein für den Rest der Welt.“ Sie wusste zwar nicht, was genau er anstellen wollte, doch der Klang in seiner Stimme ließ keine Alternativen zu.
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