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Johann

von saki612
GeschichteLiebesgeschichte / P12 Slash
21.03.2010
21.03.2010
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AN: "Schreiben gegen die Zeit" ist ein wöchentliches ... ich nenne es mal "Schreibtraining" des Autorenforums Doppelpunkt, bei dem es darum geht, sonntags um 18 Uhr ein Thema vorgesetzt zu bekommen (diesmal: "Schillerlocken") und dazu in 60 Minuten eine Geschichte zu schreiben. Genre etc. sind völlig egal, es muss nur zum Thema passen.
Ist eine wunderbare Übung, auf den Punkt zu kommen und seine Spontanität zu trainieren ;)

~*~

Johann

14. September 1794
In der neunten Stunde, lange nach Einbruch der Dunkelheit, kam ich mit der Droschke bei Johanns Haus an. Christiane empfing mich, nahm mir mit einem Bediensteten Taschen und Mantel ab. Ich habe nie wirklich verstanden, welche Rolle sie in Johanns Leben spielt, aber ich weiß sie schon lange in seinem Haus, an seiner Seite.
Johann ist wirklich kein Nachtmensch. Er ging vor ein paar Minuten zu Bett, ließ mich aber im Salon bleiben, sodass ich arbeiten kann. Er kennt meine Gewohnheiten.
Mein Wallenstein geht gut voran. Dennoch muss ich ihn beiseite legen – die Horen ist es schließlich, weshalb ich Johann um Unterstützung bat. Sie ist der Grund meiner Anwesenheit – mitunter.
Ich habe vor, den ersten Morgen in Johanns Haus aus dem Tau steigen zu sehen. Bis dahin sind es noch vier, vielleicht fünf Stunden. Bis dahin genieße ich meinen Tabak und skizziere meinen Wallenstein weiter.


15. September 1794
Johann weiß um meine Gewohnheiten, Christiane vergaß sie wohl. Pünktlich zum Frühstück weckte sie mich – wohl ohne Johanns Wissen, denn als ich sie übel gelaunt aus dem Zimmer warf, hörte ich die beiden in der Diele lamentieren. Bis zum Mittag ließen sie mich in Ruhe.
Nach dem Essen, das wahrhaft vorzüglich war, streiften Johann und ich durch Weimar. Das Wetter trieb uns schließlich zur vierten Stunde zurück ins Haus, wo Christiane uns mit Tee und Gebäck erwartete.
Danach zogen Johann und ich uns in sein Arbeitszimmer zurück. Man brachte uns Wein und ich genoss meinen Tabak, was Johann wie stets mit einem boshaften Kommentar bedachte.
Spät in der Nacht, trunken vom Wein, sah mich Johann mit glänzenden Augen an. Ich liebte diesen Anblick. Wie selbstverständlich fand meine Hand die seine, mit der freien Hand strich er mir durchs Haar. Sein gemurmeltes »Ich liebe deine wunderschönen Locken, Friedrich« ließ mich schmunzeln.
Er ging zu Bett und ließ mich wie abends zuvor im Salon zurück. Die nächsten Tage werden anstrengend, also habe ich beschlossen – und in Befürchtung eines erneuten zeitigen Weckens – an diesem Abend früher auf mein Zimmer zu gehen.


24. September 1794
Die letzten Tage waren voll von konstruktiven Ideen und ertragreicher Arbeit. Der Horen steht für das nächste Jahr nichts mehr im Wege.
Gestern machten Johann und ich einen Ausflug in die Umgebung Weimars. Ich liebe das Mittelgebirge, das vielfach gefärbte Laub, die frische Luft. Das Wetter hielt, sodass wir erst spät am Abend zurückkehrten.
Johann ist so ein unverbesserlicher Romantiker! Obgleich sein Sturm und Drang verebbt sind in seinem künstlerischen Schaffen, so ist er doch in seinem Inneren noch immer der hoffnungslose Romantiker, den ich schon früh in ihm gesehen habe. Er ist so anders als ich – und doch gleichen wir uns.
Am Abend brachte man uns wieder Wein und ich konnte den Augenblick nicht erwarten, an dem er erschöpft wie so viele Abende zuvor auf seine Arme sank. Mich mit diesem einmaligen Blick bedachte. Mich zu sich rief – stumm, nur mit seiner ausgestreckten Hand.
Ich ersehne das Gefühl seiner Finger in meinen Haaren, verzehre mich nach seiner rauen Stimme, die mir ein »Ich liebe deine wunderschönen Locken, Friedrich« zuraunt.
In nüchternem Zustand oder gar in Gesellschaft hätte er niemals auch nur die Hand gehoben, um mich zu sich zu bitten. Oh wie gern folgte ich dieser Bitte …
Ein Kuss auf meine Stirn ließ mich vergessen, dass ich kurz vor meinem fünfunddreißigsten Geburtstag stehe. Da war ich wieder der junge Friedrich, der, mit jugendlichem Übermut gefüllt, sich nahm, was ihm so willig dargeboten wurde.
Ich liebe es, ihn von seinen schweren Kleidern zu befreien, die makellose Haut freizulegen, sie mit meinen Lippen und Fingerspitzen zu erforschen. Und er, er ließ es geschehen, vergrub die Hände in meinem Haar und keuchte leise meinen Namen.
Ich hörte deutlich Schritte im Korridor, die vor der Tür zu Johanns Zimmer innehielten. Christiane, wer sonst – die Bediensteten waren längst zu Bett gegangen. Das spornte mich an. Ich wollte ihr zeigen, wem Johann gehört. Wo ich mit meinen Lippen war, biss ich mich fest, leckte vorsichtig über die kleine Wunde. Johann schrie auf, dann entfuhr ihm ein Stöhnen.
Die Schritte auf dem Gang entfernten sich und mit einem Lächeln konzentrierte ich mich wieder auf den sich windenden Körper unter mir.
Diese Nacht verbrachte ich in Johanns Bett.


28. September 1794
Der Tag meiner Abreise. Johann verabschiedete mich herzlich, Christiane schien mich nicht mehr zu kennen. Ich konnte es ihr nicht verübeln, schließlich musste sie fünf Nächte lang Johanns Stöhnen gehört haben.
Als ich in die bereitete Droschke steigen wollte, hielt mich Johann zurück:
»Friedrich, du scheinst zwar nur beim Geruch fauler Äpfel dichten zu können, aber dein Besuch hier hat mir Frieden gebracht. Ich habe jahrelang nicht so gut geschlafen, noch habe ich in den letzten Wochen so trefflich sinniert und gedichtet. Bitte – beehre mich bald wieder.«
Seine Worte ließen mich schmerzlich lächeln, doch ich ließ mir ansonsten nichts anmerken. Er war wohl zu betrunken, um sich an unsere Nächte zu erinnern. Ich versprach es ihm.
»Und noch etwas«, sagte er, als ich fast die Tür geschlossen hatte, »ich mag das Gefühl deiner Locken in meinen Fingern, wenn mich der Sturm fortreißt. Schneid sie nicht ab, bis du wiederkehrst.«
Er ist so ein hoffnungsloser Romantiker.


21-03-2010
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