Bowling

von Elster
GeschichteHumor / P6
Akiha Hara Hokuto Umeda Minami Nanba
20.03.2010
20.03.2010
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Bowling

Abgesehen davon, dass Sport prinzipiell schlecht war, war Sport mit etwaigen Geräten so ziemlich das schlimmste, was einem passieren konnte. Wie Umeda – zwar nicht aus persönlicher Erfahrung, aber aus einem äußerst anschaulichen Diavortrag während seiner Studienzeit – wusste, erhöhte sich die Häufigkeit, Variabilität und Schwere von Sportverletzungen exponentiell mit der Anzahl der verwendeten Geräte.

(Große Geräte wie Stufenbarren zählten doppelt, Bälle gingen mit ihrer Masse und Härte in die Gleichung ein; Speere, Pfeil und Bogen sowie jegliche Art von Schwertern waren ohnehin als Waffen konzipiert und somit per Definition völlig ungeeignet für jeden anderen Zweck als den, schwere und tendenziell tödliche Verletzungen zuzufügen.)

Bowling war dieser Rechnung zufolge eine sehr brisante Angelegenheit. Immerhin waren niemals weniger als elf Geräte im Spiel. Obwohl Akiha nicht ganz zu Unrecht darauf hingewiesen hatte, dass sich die Spieler den Pins in der Regel nicht weiter als bis auf zwanzig Meter näherten. (Tatsächlich hatte Akiha damit Unrecht. Ihm kam nur zugute, dass Umeda zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass die exakte Länge einer Bowlingbahn nur 60 Fuß bzw. 18,29 m beträgt.)

Trotzdem blieb eine nicht ganz ungefährliche Kombination aus den völlig glattgescheuerten Sohlen der Bowlingschuhe, der geölten Bahn und dem konsumierten Alkohol. Und der Neigung der Leute, beim Bowlen zu posieren, als ob dieses Spiel nicht so schon peinlich genug wäre.

Und dann waren da noch die Bowlingkugeln. Viel zu schwer und mit zu kleinen Löchern. Umeda konnte die hartnäckige Vorstellung nicht abschütteln, dass es mehr Leute geben müsste, die sich beim Bowlen die Finger brachen.

Das alles hielt seine sogenannte Familie nicht davon ab, das Spiel zu mögen. (Die einzige, die Bowling fast genauso sehr verabscheute wie er, war Io. Und nicht einmal das war wirklich gut, weil es Umeda nie gelungen war, den kindischen Wunsch abzulegen, niemals etwas mit ihr gemeinsam zu haben.)

Und seinen sogenannten Freund konnte ohnehin nichts von seinem liebsten Hobby abbringen: Umeda überall hin folgen und dabei unerträglich sein. Es half auch nicht wirklich, dass er seine Ex-Frau mitgebracht hatte. Umeda mochte Ebi. Ehrlich. Aber es widersprach einfach seiner Vorstellung davon, wie die Welt laufen sollte.

Gott sei Dank waren seine Eltern heute nicht dabei. Bowlen mit seinen Eltern war unglaublich peinlich. Wie alle anderen Aktivitäten mit seinen Eltern. Man konnte sie einfach nirgendwohin mitnehmen. Mit sechzehn hatte sich Umeda noch der Hoffnung hingegeben, es läge einfach nur daran, dass er ein Teenager war und alle Teenager ihre Eltern peinlich finden.

Inzwischen wusste er, dass seine Eltern peinlich waren. Alle Verliebten waren peinlich und sie wurden immer schlimmer, je länger sie verliebt waren. Seine Eltern waren schon länger ineinander verliebt, als jeder normale Mensch es allein schon nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit hätte sein dürfen. Es war einfach nicht richtig.

Trauma Nummer eins: Klein Hokutos zehnter Geburtstag, Vergnügungspark, Liebestunnel.

Trauma Nummer zwei: „Ich verstehe wirklich nicht, warum du immer auf deinen Eltern rumhackst. Sie sind vielleicht ein bisschen zu perfekt, aber sie sind immerhin brauchbare Vorbilder oder so was, nicht wie meine.“ – „Moment. Vorbilder? Ich will nicht werden wie meine Eltern.“ – „Wie? Glücklich?“ (Trinkabende mit Kijima hatten Umeda zu so ziemlich all seinen unangenehmen Selbsteinsichten getrieben, was mal wieder bewies wie schlecht sein Geschmack bei der Wahl seiner Freunde war.)

Aber zurück zum Bowling und dem wahren Grund für Umedas schlechte Laune.
Er war einfach nur lausig, erbärmlich, abgrundtief, unterirdisch schlecht. Ernsthaft. Er war immer schon total stolz auf sich, wenn die Kugel mal nicht in der Seitenrinne landete. Seine durchschnittliche Punktzahl lag bei etwa fünfzig.

Er hasste es wie die Pest, wenn die anderen ihm gute Ratschläge gaben. So was wie:
„Du musst etwas lockerer aus der Hüfte raus spielen.“ (Umeda hatte nie herausgefunden, was genau das bedeuten sollte.)
„Du musst dich konzentrieren, du denkst irgendwie immer an was ganz anderes.“
„Du konzentrierst dich zu sehr drauf, du musst es einfach passieren lassen.“ (Ja, wie denn nun?)
„Glaub an das Herz der Kegel!“ (Ha ha, sehr witzig.)
„Du musst mit etwas mehr Gefühl spielen.“
„Und mit etwas mehr Kraft.“ (Umeda, er war sich da ganz sicher, hatte weder Kraft noch Gefühl.)

„Warte, ich zeig es dir“, sagte Akiha und stand plötzlich hinter ihm und nahm seine Hand, um den Stoß gemeinsam zu führen. Umeda erstarrte und fragte sich vage, ob es überhaupt menschenmöglich wäre, noch mehr Körperkontakt herzustellen, als Akiha es gerade tat. Ein nerviger Popsong schaffte es nicht ganz, sich über das Klappern der umfallenden Kegel und den Lärm einer schnatternden Menschenmenge zu erheben. Umeda rammte ihm seinen Ellbogen in den Bauch, Akiha keuchte und nahm ein paar Schritte Abstand.

„Ich mach das allein“, fauchte Umeda durch zusammengebissene Zähne und schmiss die Kugel auf die Bahn, wo sie mit einem wütenden Aufprall landete und in die Seitenrinne rollte.
Rio, die sie vom Tisch aus beobachtet hatte, kicherte. Rio trug ein sonnengelbes T-Shirt mit dem schwarzen Aufdruck „Team Umeda – Rio-chan“ auf dem Rücken (Umeda hatte auch eins – irgendwo in seinem Schrank, wo es niemals jemand finden würde). Rio konnte es sich gerade leisten, sich über ihn lustig zu machen.

Jetzt war die erste Runde beinahe vorüber und Umeda hatte dreiundvierzig Punkte. Minami hatte neunundachtzig, Ebi hundertvier, Akiha hundertdreiundsiebzig (und wenn man ihm glauben konnte, war das reines Glück), Rio hatte... einen Strike, musste aber irgendwo um die zweihundertsechzig liegen (ihr Rekord lag tatsächlich bei den magischen 300), aber ihr konnte Umeda verzeihen, weil sie ein Mädchen war, weil sie in diesem Spiel besser war als er, seit sie sechs war und nicht zuletzt, weil Blut dicker war als Wasser oder sonst irgendwelche Körperflüssigkeiten.

Auf Akiha traf keiner dieser mildernden Umstände zu. Akiha hatte keine Entschuldigung dafür, so gut zu sein. Zumal er die Kugel nur immer so irgendwie vage in die richtige Richtung warf und Unebenheiten in der Bahn, spontan auftauchende Gravitationsfelder oder andere paranormale Phänomene, denen Umeda nicht so ganz auf die Spur kommen konnte, den Rest zu erledigen schienen. Man konnte es sich nicht erklären.

Akiha redete mit den anderen, Akiha merkte, dass er dran war, Akiha stand auf, ging nach vorne, nahm sich eine Kugel, alles ohne mit dem Reden aufzuhören, dann schob er sie so irgendwie vage in die richtige Richtung, drehte sich um, lächelte, redete weiter und hinter ihm wurden alle Kegel umgehauen. Akiha würde heute Nacht auf der Couch schlafen.

Es war unfair. Gut, vielleicht traf er nicht immer alle Kegel. Aber es war trotzdem unfair.

Umeda war dran, stand auf und suchte zwischen den Kugeln nach der, von der er sich sicher war, schon ein oder zweimal überhaupt etwas getroffen zu haben. Nicht dass er abergläubisch war oder so, aber man konnte ja nie wissen. Während er Anlauf nahm, versuchte er sich an die richtige Technik zu erinnern. „Das wird schon wieder nichts“, dachte Umeda. Hinter sich hörte er Minami murmeln: „Oh, das wird schon wieder nichts.“ Er blieb stehen, drehte sich um und warf seinem Neffen einen mörderischen „Manchmal bist du wie deine Mutter“-Blick zu.

Dann nahm er wieder Anlauf und hatte ein gänzlich unpassendes Flashback von einem zwölfjährigen Ich, das im Sportunterricht Anlauf nimmt, nur um dann kurz vor dem Bock wie angewurzelt stehen zu bleiben. Und dann mit seinem Lehrer darüber diskutierte, ob es jetzt für seine körperliche und geistige Entwicklung essentiell sei, über diesen vermaledeiten Bock zu springen. Ja, natürlich, hatte der Lehrer gesagt. Und natürlich hatte Umeda es nicht geschafft jemals abzuspringen. Er war ja nicht lebensmüde. Das Ding war fast so hoch wie er.

Umeda hatte die Kugel nicht loslassen wollen, aber sie war irgendwie von seinen Fingern gerutscht und rollte jetzt in einer erstaunlich geraden, erstaunlich zielgerichteten Bahn sehr langsam, aber sehr direkt auf den vordersten Kegel zu. Es war surreal. Acht der Kegel fielen um, die beiden äußeren blieben stehen. Umeda wusste, dass er keine Chance hatte, die beim zweiten Stoß noch irgendwie zu treffen und natürlich wurde es eine Ratte, aber immerhin, acht Punkte.

Akiha kam auf ihn zu und umarmte ihn. Dann erzählte er ihm, was an dem Wurf schon alles richtig gut gewesen sei. So viel selbstlose Freude bei so wenig Grund konnte einem schon wieder die Laune verderben.
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