Kleinstücke

von shinai
GeschichteAllgemein / P12
15.03.2010
14.11.2018
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15.03.2010 936
 
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„Liebe ist schrecklich“, sagt sie zur Begrüssung und lässt sich auf das Bistrostühlchen fallen. Sie ist schlank und klein – petite würde ein Amerikaner sagen ohne genau zu wissen, was er damit meint. Aber Recht hätte er. Nicht gerade im Moment. Wie sie auf das Stühlchen plumpst mit der Vehemenz eines Brontosauriers finde ich sie gar nicht petite. Eher tonnig.

„Er erdrückt mich“, klagt sie schwer und knallt ihre Guccihandtasche auf den Stuhl neben sich. „Und er ist immer da! Selbst wenn er nicht da ist. Hier drin.“ Die feinen Finger tippen an die lockige Stirn. Mein Blick schweift unverbindlich zum Fenster und hinaus auf den Fluss. Da wäre ich jetzt gern. Auf dem schlammigen Grund des Rheins.

„Du wolltest doch immer geliebt werden“, murmle ich. „Was passt die jetzt nicht?“
Schnauben.
„Es ist zu viel. Zu viel! Er bringt mir Blumen. Und Süssigkeiten. Er zündet Kerzen an und hat eine Schale mit Potpourri auf den Couchtisch gestellt. Als habe er eine Liebesschnulze geschaut. Mit Notizblock und Bleistift in Anschlag!“
Ich zucke mit den Schultern und lasse den Rhein Rhein sein. Stattdessen wende ich mich einem der aufgehängten Bilder zu – eine kitschige Toskanalandschaft.

„Er versucht romantisch zu sein.“ Irgendwie rührend. „Das hat nur marginal mit Liebe zu tun. Rede mit ihm.“ Aber das tut sie nicht. Nie. Sie redet mit mir. Über ihn. Immerzu.

„Das ist ja nicht das Schlimmste“, grollt es von der anderen Tischseite her. „Er interessiert sich! Für mich! Für meine Gedanken, meine Gefühle! Was ich tue, wohin ich gehe! Was ich mir wünsche und wovor ich Angst habe. So etwas fragt man doch nicht!“
Die Ausrufezeichen hängen wie verbales Stakkato in der Luft. Ein schlechtes Zeichen. Der Kellner watet durch die Dissonanz und erntet ein stossgeseufztes „Latte Macchiato“ und „Ein Glas Wasser“. Ich bestelle ein Glas Rotwein. Das brauche ich. Als Schützenhilfe sozusagen. Auf ins Gefecht!

„Am letzten Freund hat dir nicht gefallen, dass er sich nur für deinen Körper interessiert hat. Jetzt zeigt jemand Interesse an dir und das ist auch falsch. Dir kann man es nicht Recht machen.“
„Aber doch nicht so viel Interesse!“ stakkatiert sie weiter. „Ich brauche meinen Freiraum! Himmel, wenn ich ihn frage, was er denkt, antwortet er mir! Das ist doch nicht normal!“

Ich schweige. Weil ich es kenne. Weil es immer so ist. Weil sie nicht hören will, was ich ihr sagen könnte. Dass Liebe nämlich immer schrecklich ist, solange man sich nicht selbst liebt. Dass er niemals sein kann, was sie sich wünscht, weil sie ihn nicht liebt. Und weil sie gar nicht weiss, was sie sich wünscht. Aber darum geht es ihr nicht. Das wäre ja ein Dialog. Sie führt ein Selbstgespräch mit Zuhörer – auch wie immer. Und zieht über ihn her, weil er nicht weiss, was sie auch nicht weiss.

Der Kellner kommt und flüchtet vor dem wütenden Sermon, indem es um die Mutter ihres Freundes geht, glaube ich. Vielleicht auch um die Tante – wer kann das sagen? Die Familiengeschichte rattert vorbei, unterbrochen von kleinen Szenen, die nicht einmal in der Übertreibung furchtbar klingen. Nur banal, alltäglich. Lebensnah halt.

Wie viel Langmut einem doch der Stil eines Weinglases verleihen kann. Vom Inhalt ganz zu schweigen.

Ich trinke und lausche den Gesprächen an den anderen Tischen. Jemand raucht. Das macht mich neidisch. Ich studiere die dunkle Maserung des alten Balkens, der wie ein Bote vergangener Tage die Decke des kleinen Schankraums trägt. Ich versinke in den kitschigen Toskanamomenten an den Wänden und erwarte das finale Crescendo. Und dann merke ich, dass sie schweigt. Hat sie eine Frage gestellt? Hat sie gemerkt, dass ich ihr nicht zugehört habe? Ich trinke einen Schluck und schaue sie an. Sie mustert mich mit ungewohnt nachdenklichem Blick.

„Weisst du“, meint sie, während sie Milchschaum in sich hineinlöffelt. „Ich beneide dich.“
„Hä?“
Sie seufzt.
„Na, du bist gut dran. Bist alleine und glücklich damit. Für dich ist Liebe doch nur ein Wort.“
„Das stimmt doch gar nicht“, protestiere ich. „Liebe ist mir wichtig. Sie ist für mich nur etwas anderes als für dich.“
„Platonisch?“ meint sie spöttisch grinsend.
Jetzt seufze ich.
„Das meine ich nicht. Aber ich beschränke Liebe nicht auf Beziehungen.“
„Das tue ich auch nicht!“
Ich widerspreche ihr nicht. Es hätte keinen Sinn.

„Für mich ist Liebe ein inneres Gefühl“, fahre ich fort. „Etwas Persönliches, unabhängig davon, ob sie erwidert wird oder nicht. Und weil das so ist, kann sie sich auf alles beziehen: Auf einen Menschen, ein Haustier, einen Moment. Diese Stunde des Tages zum Beispiel.“ Ich deute aus dem Fenster und sie folgt meinem Blick.
„Das Lichterspiel auf dem Rhein, dieses warme, fast goldene Licht, das alles zu verlangsamen scheint und selbst dem Münster ein warmes Aussehen verleiht. Der stille Moment zwischen Arbeitsende und Feierabend, das Glas Wein, die gehetzten und gelösten Gesichter der Menschen. Diesen Moment am Ende des Tages liebe ich.“

Und merke es erst jetzt.

Sie lacht. Lacht mich geradeheraus aus.
„Wie kitschig“, prustet sie.
Ich lächle.
„Das ist Liebe immer.“

Einen Moment schweigen wir, einen perfekten Augenblick lang, gefüllt mit fremden Gesprächen und Geschirrklimpern. Und dann fährt der „Liebe ist schrecklich“-Zug weiter, nimmt mich mit seinem monotonen, immergleichen Rhythmus mit und treibt mich zurück in die Toskana.

Später werden wir bezahlen. Sie wird in ihrem Portemonnaie nach der kleinsten Münze suchen und sie dem Kellner huldvoll als Trinkgeld offerieren. Er wird zerknittert lächeln, wie immer. Ich werde grosszügiger sein und dasselbe Lächeln ernten. Wie immer. Dann wird sie mir sagen, dass es schön gewesen sei, und dass wir es wiederholen sollten. Ich solle sie anrufen, wird sie sagen. Was ich tun werde. Ich kann nicht anders. Ich liebe sie.
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