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Jovetas Traum

von Celebne
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Aesculapius Johanna von Ingelheim Markgraf Gerold
12.03.2010
10.05.2010
10
13.826
 
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12.03.2010 1.533
 
Kapitel 9: Verzweiflung


Joveta hielt ihr Versprechen und bemühte sich, eine fleißige Schülerin zu sein. Aesculapius zeigte sich sehr geduldig mit ihr. Als der Herbst nahte, fühlte sich das junge Mädchen plötzlich merkwürdig. Morgens war ihr oft übel und sie wurde um die Hüften herum runder. Außerdem fiel ihr auf, dass ihre Blutungen ausblieben. Schließlich bekam sie es mit der Angst zu tun. Das alles war doch nicht normal. Aber sie hatte niemanden, den sie sich anvertrauen konnte mit ihren Sorgen. Aesculapius jedoch besaß geschärfte Sinne und ihm fiel irgendwann auf, dass sich Joveta veränderte.
„Kind, mit dir stimmt etwas nicht. Was hast du für Beschwerden?“, fragte er eines Morgens sanft.
Joveta senkte den Kopf, weil sie mochte mit ihm eigentlich nicht darüber reden. Andererseits wusste sie, dass er ein weiser, belesener Mann war. Vielleicht kannte er ja das merkwürdige Leiden, an welchem sie schon die ganze Zeit erkrankt war.  Sie beschrieb ihm ihre Symptome und Aesculapius fuhr sich nachdenklich über den weißen Bart.
„Sag, Joveta, warst du einmal mit einem Mann zusammen?“
Das junge Mädchen wurde jetzt knallrot und hätte sich am liebsten hinter dem Schreibpult versteckt.
„Ja, mit Herrn Gerold“, lispelte sie schließlich. „Sogar mehrere Male.“
Aesculapius seufzte leise auf. Eigentlich hatte er sich so etwas fast denken können.
„Leide ich an einer schlimmen Krankheit?“, fragte sie schließlich neugierig.
„Nein, mein Kind“, murmelte der alte Gelehrte. „Du bist schwanger.“
Vor Schreck ließ Joveta den Holzgriffel fallen.

Er klappte sein Buch zu und schnürte sein Bündel zusammen.
„Der Unterricht ist für heute beendet. Ich muss dringend nach Fulda reiten. Morgen geht es wie gewohnt weiter. Übe die Worte, die wir heute durchgenommen haben.“
„Jawohl, Herr Schulmeister“, sagte Joveta artig und blieb hinter dem Schreibpult sitzen.
Als Aesculapius den Raum verlassen hatten, war sie jedoch nicht in der Lage, weiterzuarbeiten. Ihre Gedanken kreisten um die Aesculapius Worte: Du bist schwanger.
Nein, das wollte sie nicht sein. Was nützte ihre ganze Ausbildung, wenn sie bald ein Kind bekam? Dann würde niemand mehr sie als Schreiberin einstellen. Sie würde auf der Straße landen und betteln gehen müssen. Andererseits stammte dieses Kind von Graf Gerold und war somit ein adeliger Bastard. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung für sie. Diese Gedanken beschäftigten Joveta den ganzen restlichen Nachmittag.

Aesculapius hatte sich von Graf Arculf, mit welchem er sich mittlerweile angefreundet hatte, ein Pferd ausgeliehen und ritt damit nach Fulda. Der alte Mann spürte die Anstrengung des schnellen Galopps kaum, so aufgeregt war er. Als er in der Stadt angekommen war, begab er sich zum dortigen Stadtvorsteher.
Der Stadtvorsteher war ein Mann niederen Adels namens Werfried und äußerst hochnäsig. Er war seinerzeit von Kaiser Lothar eingesetzt worden, über die Stadt zu herrschen. Zuerst einmal wollte er Aesculapius gar nicht empfangen.
„Was will so ein dahergelaufener Schulmeister aus Byzanz von mir?“, erklärte er abfällig. „Ich habe wichtigeres zu tun.“
Doch der Abt des Klosters Fulda, welcher Aesculapius kannte, setzte sich für den Gelehrten ein.
„So hört Aesculapius doch bitte an! Ohne triftigen Grund würde er Euch nicht belästigen.“
Werfried nickte schließlich gelangweilt und ließ Aesculapius in seine Halle bitten.

Verlegen betrat der Schulmeister, welcher nur ein einfaches helles Gewand trug, die große Halle des Stadtvorstehers. Dort wurde gerade für ein Festmahl gedeckt. Er war erleichtert, als er den Klosterabt an der Seite von Herrn Werfried sah.
„Verzeiht meine Störung, Herr Werfried, aber ich habe eine dringende Nachricht für Graf Gerold, dem berühmten Heermeisters des Kaisers.“
Nach einigem Hin und Her durfte Aesculapius den verschlossenen Umschlag mit der Nachricht an Gerold bei Werfried abgeben.
„Ich kann aber nicht garantieren, dass diese Nachricht tatsächlich zu Gerold gelangt“, warnte Werfried den alten Gelehrten. „Niemand weiß genau, wo er sich zur Zeit aufhält.“
„Soweit ich weiß, zog er mit des Kaisers Truppen nach Rom“, meinte Aesculapius zögernd.
„Ich werde tun, was ich kann“, sagte Werfried schließlich.
Aesculapius verneigte sich vor ihm und verließ dann die Halle mit einem unguten Gefühl. Er traute dieses Stadtvorsteher nicht, aber es war seine einzige Möglichkeit, Graf Gerold eine Nachricht zukommen zu lassen.

Als er zu seinem Pferd ging, merkte er, dass ihm jemand folgte. Es war der kahlköpfige Abt des Klosters Fulda.
„Wartet, Aesculapius“, schnaufte er und hielt seinen dicken Bauch.
Der weißhaarige Gelehrte blieb stehen und blickte den Abt traurig lächelnd an.
„Ich fürchte, hier war meine Mühe vergebens. Was meint Ihr?“
„Eben nicht“, stieß der Abt hervor. „Werfried respektiert den Kaiser und auch Graf Gerold. Sollte eines Tages herauskommen, dass er den Brief unterschlagen hat, etwa bei einer möglichen Rückkehr Gerolds nach Fulda, würde Werfried großen Ärger bekommen. Daher wird er alles tun, damit dieser Brief nach Rom gelangt, auch wenn er sich Euch gegenüber verhalten gezeigt hat.“
Aesculapius war erleichtert, als er dies hörte und er kehrte frohgemut zurück zum Gutshof von Graf Arculf.

Joveta hatte währenddessen einen verzweifelten Entschluss gefasst. Sie wollte dieses Kind nicht bekommen. Wer konnte ihr schon sagen, dass Gerold noch am Leben war. Vielleicht war er längst auf einem Schlachtfeld gefallen. Schweren Herzens verließ sie in der Nacht den Gutshof heimlich und ging in den nahen Wald. Dort lebte eine wunderliche, alte Kräuterfrau, die von vielen Bewohnern des Gutshofes als Hexe bezeichnet wurde.
Wieder einmal hatte sich Joveta unbedacht vom Hof entfernt. Doch manchmal gingen Dummheit und Glück Hand in Hand und sie kam unbehelligt bei der Hexe an. Die Alte wohnte in einer halb zerfallenen Hütte und bot einen ziemlich ärmlichen Eindruck. Fast keinen Zahn hatte sie mehr im Mund und ihr Kleid war von vielen Flicken übersäht.
„Was möchtest du denn, mein Kind?“, krächzte sie und stellte einen Topf mit einer brodelnden Flüssigkeit von ihrer Feuerstelle weg.
„Ich habe gehört, dass Ihr Kinder, die im Mutterleib heranwachsen, wegmachen könnt“, sagte Joveta zögernd.

Die Kräuterfrau ging mit einem seltsamen Grinsen zu Joveta hin und fuhr ihr sacht über den Bauch.
„Du bist bereits im vierten Monat, mein Kind“, sagte sie erstaunt. „Es ist viel zu spät, um das Kind noch mit einem Kräutersud wegmachen zu können. Außerdem würde ich an deiner Stelle dieses Kind lieber bekommen.“
„Ihr habt ja keine Ahnung!“, stieß Joveta unglücklich hervor. „Graf Arculf wird mich auf die Straße setzen.“
„Ich habe mehr Ahnung, als du dir vorstellen kannst, Joveta“, sagte die Alte plötzlich gebieterisch. „Setz dich hin!“
Joveta hatte plötzlich Respekt vor der Kräuterfrau und setzte sich tatsächlich auf den Boden der Hütte.
„Die Menschen sagen, dass ich eine Hexe bin“, fuhr die Alte kichernd fort. „Damit haben sie sogar Recht, denn ich habe das zweite Gesicht. Ich kann in deine Zukunft sehen, Kind.“
„Dann möchte ich wissen, ob Gerold zu mir zurückkehren wird“, sagte Joveta bebend.
Die Hexe ergriff Jovetas rechte Hand und fuhr mit ihren knochigen Fingern über die Handfläche.
„Dein geliebter Gerold weilt gerade in Rom. Da ist noch eine andere Frau. Eine Frau, die gekleidet ist wie ein Mann.“
Plötzlich stieß die Hexe einen Schrei aus.
„Der Heilige Vater!“
Joveta erschauderte und ihr wurde ganz unheimlich zumute.
„Gerold wird nicht zu dir zurückkehren“, fuhr die Hexe schließlich mit gesenkter Stimme fort und das Flackern des Feuers malte seltsame Muster auf ihr zerfurchtes Gesicht. „Er wird bei dieser anderen Frau bleiben. Sie wird ihm den Tod bringen.“
„Nein!“, stieß Joveta unter Tränen hervor. „Gerold liebt nur mich! Ihr lügt!“
„Närrin!“, bemerkte die Hexe verächtlich. „Du bist noch ein Kind und weißt nichts von der Welt. Aber ich rate dir eines: bekomme dieses Kind und es wird dir gut gehen. Graf Arculf wird in dem Knaben Gerold wieder erkennen. Er hat Gerold geliebt wie einen eigenen Sohn und hätte ihn wohl als Erben eingesetzt, wenn dieser Narr bei ihm geblieben wäre.“

Gefasst kehrte Joveta nun zum Gutshof zurück und ergab sich in ihr Schicksal. Am nächsten Morgen besuchte sie brav den Unterricht und so vergingen die Tage.
Um Weihnachten herum konnte Joveta ihren Zustand nicht mehr verbergen und so verbreitete sich die Nachricht über ihren Zustand rasch im ganzen Gutshof. Die anderen Mägde verspotteten sie und zeigten auf sie mit den Fingern.
Eines Tages erfuhr auch Graf Arculf von der Schwangerschaft Jovetas und sie wurde zu ihm gerufen. Joveta musste nun das Schlimmste befürchten und sie bat Aesculapius, sie zum Grafen zu begleiten.

Graf Arculf saß mit finsterer Miene in seiner Halle, gekleidet in eine mit Pelzen besetzte Samttunika.
„Ich bin enttäuscht von dir, Joveta“, sagte er grimmig. „So trittst du also das Geschenk von Graf Gerold mit Füßen.“
„Ich bitte Euch um Gnade, Herr“, flehte Joveta mit erhobenen Hände. „Der Vater des Kindes ist Graf Gerold.“
„Das ist die Wahrheit“, fügte Aesculapius hinzu. „Ich habe bereits veranlasst, dass der Graf in Rom davon benachrichtigt wird und warte auf seine Antwort.“
Graf Arculf starrte erst Joveta, dann Aesculapius verblüfft an. Er erinnerte sich nun an die Sommermonate, als Gerold zu Gast bei ihm gewesen war und oft mit Joveta alleine unterwegs gewesen war. Die Vertrautheit, die zwischen den beiden geherrscht hatte, war nicht zu übersehen gewesen.
„Vielleicht hatte das passieren müssen“, murmelte er schließlich.

tbc...


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@JulesMumm: Naja, so ganz vor Dummheiten ist Joveta irgendwie nicht gefeit. Danke fürs Review!

@Veleren: Gerold ist wirklich zu gut für diese Zeit. Aber das war ja in Buch/Film auch so. Hoffentlich erkennt Joveta irgendwann, wie gut sie es getroffen hat. Danke fürs Review
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