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Jovetas Traum

von Celebne
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Aesculapius Johanna von Ingelheim Markgraf Gerold
12.03.2010
10.05.2010
10
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12.03.2010 1.095
 
Kapitel 8: Gerolds Aufbruch


An diesem Tag kamen einige berittene Boten des Kaisers zum Gutshof von Graf Arculf. Gerold sog die Luft scharf durch die Nase ein, als man ihm die Ankunft der Männer meldete. Das war kein gutes Zeichen. Wahrscheinlich musste er das Gut eher als gedacht verlassen.
Es sollte tatsächlich so kommen. Die Männer des Kaisers überbrachten ihm eine schriftliche Nachricht von Lothar. Ahnungsvoll brach Gerold das Siegel auf und überflog rach das Pergament. Wie er bereits geahnt hatte, wollte ihn der Kaiser bereits in zwei Wochen in Aachen sehen. Danach sollte es sofort weiter nach Rom gehen.
„Unsere Reise duldet keinen weiteren Aufschub mehr“, stand am Schluss des Briefes.
Gerold seufzte tief. Das hieß, er konnte hier auf dem Gut keine zwei Tage mehr verbringen.

„Was sollen wir dem Kaiser für eine Antwort überbringen?“, fragte einer der Reiter fast dreist.
„Ich werde natürlich rechtzeitig in Aachen eintreffen“, erwiderte Gerold ruhig.

Als die Reiter wieder weg waren, suchte der junge Graf seinen betagten Gastgeber auf.

Graf Arculf war sichtlich schockiert, als ihm Gerold seinen baldigen Aufbruch mitteilte. Arculf hatte den jungen Mann inzwischen wie einen eigenen Sohn liebgewonnen.
„Wann werdet Ihr zurückkehren, Gerold?“, fragte der weißhaarige Mann heiser.
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht“, erwiderte dieser zögernd. „Kaiser Lothar ist ein sehr unternehmungsfreudiger Mann. Als Heermeister bin ich verpflichtet, ihm überall dorthin zu folgen, wo er hingeht.“
Der alte Graf seufzte leise und starrte bedrückt zu Boden.
„Es hätte mir sehr gefallen, wenn Ihr einst dieses Gut hier übernommen hättet. Meine Jahre sind gezählt, Gerold.

Der jüngere Mann hatte großes Mitleid mit Arculf, aber er war nun mal verpflichtet, dem Ruf des Kaisers zu folgen. Im Stillen jedoch schwor Gerold sich, dass dies nicht ewig so weitergehen sollte. Für kurze Zeit hatte er sich hier in der Nähe von Fulda wohl gefühlt. Das Gut des Grafen war für ihn fast zu einer Art neuen Heimat geworden. Nun musste er wieder fort. Vielleicht würde er niemals mehr hierher zurückkehren. Ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus. Er hatte bereits eine Vorahnung, dass dies ein Abschied für immer sein würde.

Nun musste er noch Joveta schonend beibringen, dass er bereits in wenigen Tagen aufbrechen würde. Das junge Mädchen würde sicherlich sehr bestürzt sein.

Am Nachmittag betrat Gerold schließlich schweren Herzens die Kammer, in welcher Aesculapius Joveta unterrichtete. Der alte Gelehrte runzelte unwillig die Stirn. Er hatte es nicht gerne, wenn er in seiner Lehrtätigkeit unterbrochen wurde.
„Joveta, ich möchte, dass du dich in deine Schlafkammer kurz zurückziehst“, sagte Gerold freundlich zu ihr.
Das junge Mädchen gehorchte erleichtert. Sie schien froh zu sein, dass der Unterricht im Moment beendet war. Aesculapius jedoch gefiel die Sache nicht. Beleidigt klappte er sein Buch zu und schnürte sein Bündel zusammen.
„Normalerweise bin ich derjenige, welcher den Unterricht beendet“, tadelte er Gerold mit finsterer Miene.
Aesculapius war es gleich, ob er es mit einem einfachen Schüler oder mit einem Markgrafen zu tun hatte. Für ihn gab es da keine Unterschiede, obwohl er auch wusste, dass Gerold sein Geldgeber war.
Gerold sah über den Tadel des Lehrmeisters gelassen hinweg.
„Ich hatte einen wichtigen Anlass zu kommen“, erklärte er Aesculapius ruhig. „Schon in wenigen Tagen werde ich diese Gegend verlassen, denn der Kaiser ruft mich.“
Aesculapius verschränkte die Arme und ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihn diese Nachricht erschreckte. Er hatte gehofft, dass ihn dieses Lehramt über den Winter bringen würde.
„Das bedeutet also, dass meine Tätigkeit hier bereits wieder beendet ist“, meinte er bestürzt.
„Nein, im Gegenteil“, erwiderte Gerold nachsichtig lächelnd. „Ihr sollt Joveta weiterhin unterrichten, bis sie lesen und schreiben kann. Jetzt, nach fast einem Unterrichtstag, könnt Ihr vielleicht schon sagen, ob es Sinn macht oder nicht.“
Aesculapius öffnete sein Bündel wieder und ordnete verlegen seine Schreibutensilien darin.
„Nun, sehr begabt ist sie nicht“, meinte er zögernd. „Aber für ein bisschen Lesen und Schreiben wird es schon genügen. Sie erinnert mich an den Bruder von unserer Johanna. Auch er hatte keinen Sinn für die Schule.“
„Ich werde Euch genügend Geld hier lassen, damit Ihr Joveta über den ganzen Winter hinweg unterrichten könnt“, fuhr Gerold eifrig fort. „Der Graf wird Euch als Gast in seinem Haus dulden. Er ist mit allem einverstanden.“
„Schade, dass Ihr gehen müsst“, seufzte Aesculapius bedrückt. „Ihr seid einer der wenigen Menschen hier in diesen Landen, die mein Anliegen an Schüler verstehen. Wahrscheinlich wart Ihr der Einzige, der auch Johanna richtig verstand. Ich wünsche Euch alles Glück dieser Welt, auf dass Ihr gesund eines Tages wiederkommen möget.“
Gerold lächelte traurig und schüttelte ihm die Hand zum Abschied.

Sein nächstes Ziel war Jovetas Schlafkammer. Das Mädchen hatte sich ein wenig hingelegt und döste vor sich hin. Es tat Gerold fast leid, sie zu wecken. Ein leichtes Streicheln ihrer Wange genügte, und sie setzte sich auf.
„Gerold!“, machte sie glücklich und schlang ihre Arme um seinen Hals.
Doch dieser löste die Umarmung mit einem sanften Griff.
„Ich habe leider schlechte Nachrichten für dich“, meinte er betrübt. „Ich muss wahrscheinlich schon morgen nach Aachen aufbrechen. Es waren heute Vormittag zwei Boten des Kaisers hier.“
„Nein, das kann nicht sein!“, stieß Joveta erschrocken hervor. „Du darfst nicht gehen. Nicht jetzt schon!“
Gerold ergriff ihre Hände und drückte sie ganz fest.
„Ich möchte, dass du nicht verzweifelst. Ich bin schließlich nicht ewig weg. Du musst mir versprechen, dass du bei Herrn Aesculapius fleißig lernst. Ich habe ihm bereits viel Geld dagelassen.“
Dicke Tränen rannen jetzt über Jovetas Wangen.
„Ich verspreche es“, presste sie schließlich weinend hervor.
Gerold schloss sie nun in die Arme und hielt sie so eine Weile.

Am nächsten Morgen zeigte sich der Himmel über dem Gutshof grau verschleiert. Fast passend zu Gerolds Abschied. Das ganze Gesinde und Graf Arculf hatten sich im Hof versammelt. Auch Joveta und Aesculapius hatten den Unterricht kurz unterbrochen und winkten Gerold zum Abschied zu. Der junge Graf hatte kein Gefolge dabei. In Fulda wollte er sich einige bewaffnete Begleiter zum Schutz holen, bevor er endgültig nach Aachen aufbrach.
Joveta unterdrückte nur mühsam die Tränen. Gerold lächelte ihr tapfer zu. Auch er fühlte ein seltsam schweren Kloß im Hals beim Davonreiten.
Vielleicht habe ich Joveta trotz allem doch ein wenig geliebt, dachte er wehmütig.


tbc...



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@Veleren: Gerold ist halt eine treue Seele. Zu dieser Zeit vertraut er dem Kaiser jedenfalls noch und fühlt sich an ihm gebunden. Und leider ist Joveta nicht Johanna. Danke fürs Review!

@JulesMumm: Joveta ist tatsächlich ganz anders als Johanna. Sie ist längst nicht so mutig und selbstlos wie diese, und leider auch nicht so intellegent. Gerold scheint sie aber trotzdem zu mögen. Danke fürs Review!
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